08 Januar 2007

Katzentreppen

Ich habe heute Katzen gehört, die die Katzentreppe hinaufgelaufen sind. Wir hatten früher (es ist tatsächlich schon mehr als 18 Monate her!) eine selbstgebaute Katzentreppe, die vom Wäscheplatz zum Küchenfenster führte, und jedesmal, wenn eine unser pelzigen Mitbewohnerinnen dort hinaufstieg, einen Höllenlärm machte. Manche hatten Probleme. Naja, nicht manche, eigentlich nur einer - der Kater. Nein, ich stelle keinerlei Parallelen zu Männern her! Männer sind technisch und handwerklich begabt, hochintelligent, experimentierfreudig, solange es nicht um Kommunikationsexperimente geht oder das Organisieren des wöchentlichen Einkaufs, Männer eben. Für Katzenmänner gilt Ähnliches. Auch für Katzen-Ex-Männer. Ich höre sie aufschreien da draussen, die empathischen Herren, die genau wissen, dass Frauen ihre Kater nur deswegen kastrieren lassen, weil sie das mit ihren Lebensabschnittsgefährten nicht tun dürfen! Blödsinn. "Mein" Mann darf alles behalten, was er hat, mein Kater hingegen sollte seinen Geschlechtstrieb nur folgenlos ausleben dürfen.

Higgins war sein Name. Inzwischen ist er auf der Wiese, leider, ich hätte ihn lieber hier. Der Katzentreppe fehlte eine Stufe. Higgins war faul. Und so stand er eines Tages mittig auf der Treppe, eine Pfote auf der obersten Stufe, zwei Pfoten auf der darunter, dazwischen fehlte die eine, und deswegen ruderte er mit der freien, dritten Pfote in der Luft und machte dabei ein derart blödes Gesicht, wie es nur Männer tun können, wenn frau ihnen in ihre Gewohnheiten pfuscht. Higgins allerdings war konsequent - und beleidigt. Weil er mit seinem sensiblen Katergemüt mitbekommen hatte, dass wir uns über ihn lustig machten, benutzte er die Katzentreppe fortan nicht mehr, sondern krähte an ihrem Fuß solange, bis entweder ich oder mein damaliger Liebster ihn abholten. Nein, er ging selbstverständlich nicht nach vorn zur Tür, das würde eine ordentliche Katze, egal ob männlichen oder weiblichen Geschlechts, niemals tun, bedeutete es doch, dem daumenbewehrten Zweibeiner entgegen zu kommen!


Dieses Spiel wäre ewig so weitergegangen, wenn sich nicht unsere Nachbarin erbarmt hätte. Irgendwann fand sich ein Ersatz für die verlorengegangene Treppensprosse, auf der mit schwarzem Edding geschrieben stand: "Lieber Higgins, jetzt müsste es klappen." Und es klappte! Higgins benutzte wieder die Leiter, ich konnte an seinem Getöse beim Heraufsteigen erkennen, dass mein Lieblingskater unterwegs war und sein Fressen vorbereiten.


Und genau dieses Geräusch habe ich vorhin gehört, als ich in der Badewanne lag und aus meinem Dachfenster in den schwarzen Himmel schaute. Hi, mein Süßer, und Danke für die Erinnerung, die ich zwar nicht gebraucht hätte, die mir aber trotzdem willkommen ist!

Natürlich gab es noch mehr von ihnen, und jede hatte ihre ganz eigene Variante der Treppenbesteigung. Teufel rannte im gestreckten Galopp nach oben, warf sich gegen die Fensterscheibe und war extrem entrüstet, wenn man ihr nicht sofort öffnete, Ajau begann bereits am Fuß der Treppe so laut zu schreien, dass man das Fenster schon geöffnet hatte, bevor er auch nur die erste Stufe betrat, Keks und Muffin zogen es vor, die Treppe hinaufzulaufen und in dem Moment, in dem das Fenster geöffnet wurde, so zu tun, als hätten sie die in der Wohnung befindlichen Personen in ihrem ganzen Leben noch nie gesehen und sofort die Flucht zu ergreifen. Dann war da noch Ratti, ein Fremdkater, dürr, schmusebedürftig und immer hungrig, vor allem aber so aggressiv, dass er unsere Katzen jedesmal vergraulte, wenn er auf der Fensterbank angekommen war. Irgendwann wurde er dann von Higgins verjagt.

Möglicherweise kann ein Mensch, der niemals im Katzenbesitz war, nicht nachvollziehen, was allein dieses fiktive Geräusch für Gefühle erzeugen kann. Egal, welche Katze vor der Tür gestanden hätte, ich hätte sie sofort hereingelassen. Und ich habe nur deshalb keine pelzigen MitbewohnerInnen mehr, weil ich den Schmerz nicht aushalten kann, wenn sie gehen, sterben oder verschwinden.

Mit dem Gedanken an all die geliebten Fellträger kann ich leben, wenn ich sie glücklich auf der Wiese jenseits des Regenbogens weiß und wenn ich darauf hoffen darf, dass sie mich in ihrer Mitte willkommen heissen, wenn es soweit ist. Sentimental? Blödsinnig? Irgendwie albern? Egal! Solange es auf dieser Welt Katzen gibt, denen ich auf Händen und Knien hinterherkriechen darf, damit sie sich mit mir unterhalten, mache ich mich gern zum ... Ja, zu was eigentlich? Sie sind anbetungswürdig, oder nicht? Und sie haben uns im Griff, denke ich. Ich bin gern ihr Affe.

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