17 Januar 2007

Sturmtief und Frühlingsgefühle

Heute nachmittag habe ich mich von einem leichten Wind streicheln lassen. Die Sonne schien, es kam mir viel wärmer vor als die 10°, die mein Autothermometer anzeigte, und an den dazugehörigen Sträuchern hingen Kätzchen. Das letzte Mal, dass ich auf sie geachtet habe, ist so lange her, dass ich mich nicht mehr erinnern kann. Egal, wir haben uns nett unterhalten, das heißt, ich habe geredet, und die Kätzchen haben zugehört. Ich habe ihnen gesagt, dass sie besser nicht so schnell wachsen sollen, weil ja immer noch ein Wintereinbruch bevorstehen könnte und sie dann erfrieren würden. Und ich habe ihnen Komplimente gemacht. Kätzchen sehen großartig aus im warmen Sonnenlicht eines 17. Januar. Es hätte allerdings auch ein 18. sein können.

Inzwischen ist es dunkel, der Himmel läßt keinen einzigen Stern sehen, der Sturm rast ums Haus, und der Regen prasselt auf die Dachfenster. Meteorologen geben den Tipp, Hochspannungsleitungen und Gerüsten in den nächsten Stunden fernzubleiben. Wir bekommen anscheinend Witterungsverhältnisse wie die Rentner in Florida. Orkanartige Böen gibt es schon auf dem Brocken, der Rest des Sturmes macht sich gerade von der Nordsee aus auf den Weg nach Südniedersachsen und den Rest der Republik. Hätte ich einen Fernseher oder ein Radio, müßte ich mir wahrscheinlich im 5-Minuten-Rhythmus Unwetterwarnungen anhören von irgendwelchen sensationshungrigen Unterschichtenfernsehreportern. Und mittlerweile sind doch eigentlich alle Unterschicht, oder möchte da jemand widersprechen?

Seltsam ist es trotzdem: Warum stürmt es mitten im Januar bei 14°? In Oklahoma frieren sie gerade fest. Nein, nein, nicht dass mich jemand falsch versteht - ich ziehe das Weggewehtwerden dem Festfrieren ganz klar und deutlich vor, insbesondere dann, wenn dem Sturmtief soviel Sonne vorausgegangen ist. Ja, wirklich, da war Sonne, ich habe sie genau gesehen, und ich habe sie angelächelt!

Gleichzeitig mit der Sturmwarnung ist heute die Londoner Uhr, die anzeigen soll, wie weit wir von einer atomaren Katastrophe entfernt sind, auf fünf vor zwölf gestellt worden. Möglicherweise sind wir schon morgen Geschichte, weggeweht, -gesprengt oder schlicht geplatzt. Sollte sich diese pessimistische Sicht der Dinge, mit der ich, ehrlich gesagt, überhaupt nichts anfangen kann, bewahrheiten, tun Sie jetzt (SOFORT!!!) Folgendes:
  • Nehmen Sie den nächstsitzenden oder -stehenden Menschen, umarmen Sie ihn oder sie und sagen Sie alles, was Sie an Nettigkeiten zu sagen haben. Sollte sich gerade ein extrem unsympathischer Mensch neben Ihnen befinden, knutschen Sie ihn einfach tot.
  • Haben Sie Haustiere? Dann kraulen Sie bitte intensiv Ohren, Kinn und Hals, die meisten mögen das.
  • Haben Sie heute schon getanzt? Wenn nicht, legen Sie Ihre bevorzugte CD ein (ja, Sie können auch Ihren iPod einstöpseln!), tanzen Sie drauflos, und sch... auf sich eventuell beschwerende Nachbarn. Die sind morgen ohnehin Geschichte.
  • Gibt es noch ein Buch, das sie schon immer lesen wollten? Machen Sie durch - Sie wollen doch Ihren letzten Tag nicht verschlafen?
  • Haben Sie einen Zettel und einen Stift in Ihrer Nähe? Dann schreiben Sie (JETZT! SOFORT!) genau das auf, was Ihnen gerade durch den Kopf geht, ganz egal, was es ist.
  • Ihnen ist nach Albernheit? Nichts wie los, lassen Sie das vorpubertäre Kleinkind raus, es kann Ihnen vollkommen egal sein, denn morgen wird es niemanden mehr geben, der es Ihnen vorhalten könnte.
Sie haben all das gemacht, es ist Donnerstag, und Sie leben immer noch? Ärgern Sie sich nicht, machen Sie genau das Gleiche oder etwas völlig anderes, machen Sie einfach all das, was Ihnen einfällt und was Sie schon immer tun wollten. Denn wenn Sie nicht heute nacht mit einem Riesenkrach diese Welt verlassen haben werden, könnte es in der nächsten passieren. Oder der übernächsten. Oder noch später. Irgendwann wird es passieren.

Genießen Sie das Orkantief. Schauen Sie sich Hochspannungsleitungen und Gerüste genau an, bevor Sie sich nähern, stellen Sie sich in den Wind und lassen Sie sich nassregnen. Möglicherweise sterben Sie dann an der Erkältung, die Sie sich eingefangen haben. Möglicherweise überleben Sie. Dann können Sie noch mehr Unsympathen totknutschen. Oder tanzen. Oder singen (Wenn ich das täte, wäre ich am Tod meiner Zuhörer schuldig, und deswegen werde ich diesem Befürfnis vorerst nicht nachgeben.). Was auch immer Sie tun, tun Sie es mit aller Leidenschaft, zu der Sie bei dem Gedanken, dass Sie morgen mausetot unter einem zusammengefallenen Haus liegen könnten, fähig sind. Und wenn Sie dann noch immer keine Leidenschaft in sich entdecken können, messen Sie doch sicherheitshalber Ihren Puls - vielleicht sind Sie ja schon lange tot und haben es nur noch nicht bemerkt?

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