03 Januar 2007

Totale Mondfinsternis in sprachlicher Dunkelheit

In der heutigen Ausgabe des Göttinger Tageblatts, gleich auf der ersten Seite, stand folgendes zu lesen:
"Totale Mondfinsternis
Der Mond ist der Hauptdarsteller am Sternenhimmel im ersten Quratal des Jahres 2007. Der Höhepunkt seines Auftrittes: die totale Sonnefinsternis Anfang März."
Für orthographisch und sprachlich weniger Begabte habe ich mich als Oberlehrerin betätigt und die Fehler rot angestrichen.
Im zweiten Wort, "Sonnefinsternis" finden wir gleich zwei kapitale Schnitzer, vorausgesetzt, die Rechtschreibreform hat nicht eine Regel für Buchstabenersparnisse in allgemein bekannten Wortschöpfungen vorgesehen: Ich habe gelernt, dass es SonneNfinsternis heisst, und ein anderer Lehrer hat mir vermittelt, dass es nennenswerte Unterschiede zwischen Mond- und Sonnenfinsternis gibt. Im Fall einer Mondfinsternis taucht der Mond in den Kernschatten der Erde ein und ist im Falle einer sogenannten totalen Mondfinsternis für maximal 115 Minuten Dauer unsichtbar. Bei einer Sonnenfinsternis hingegen wird die Sonne durch den Mond ganz oder teilweise verdeckt.
Bei einer Sonnenfinsternis wird es demnach für einige Zeit auf der Erde so duster wie in dem kleinen Zimmer, in dem beim Göttinger Tageblatt das arme Menschlein, das mit der Korrektur eventueller Rechtschreib-, Grammatik-, Zeichensetzungs- und sonstiger Fehler beauftragt ist, sein armseliges Dasein fristet. Allerdings bin ich mir inzwischen nicht mehr sicher, wieviele der deutschen Tageszeitungen ein solches Menschlein überhaupt noch beschäftigen. Möglicherweise haben sie die Aufgabe des Korrekturlesens gänzlich an den Kollegen Computer delegiert. Da dieser aber von genau der Person bedient wird, die trotz einer möglicherweise vorhandenen journalistischen Ausbildung diesen sprachlichen Sperrmüll absondert, ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Fehlersuche erfolgreich verläuft etwa so groß wie die Möglichkeit einer Sonnenfinsternis auf dem Planeten Alpha Centauri T7, der vor kurzem einer Umgehungsstraße für die Weltraumschrottabfuhr weichen musste.
Ja, ich oute (für Deutschsprachige: bekenne mich zu, gestehe, gebe zu) mich hier und jetzt als Sprachfetischistin! Ich liebe es, einen zusammenhängenden Text stolperfrei lesen zu können. Mein Tag ist perfekt, wenn ich mich bei der Lektüre der Morgenzeitung auf die Nachrichten konzentrieren darf, statt mit einem geistigen Rotstift Rechtschreibfehler anstreichen zu müssen, und ich beginne ihn mit einer gewissen Griesgrämigkeit, wenn mich das Gefühl überkommt, ein Großteil der Autoren könnte erst kürzlich einen Volkshochschulkurs im Kreativen Schreiben absolviert haben, bei dem ihnen eine hochmotivierte Grundschullehrkraft den Glaubenssatz vermittelt hat, es komme doch auf den Inhalt und nicht auf die Form an. NEIN!!! Inhalt ohne Form tut meinen Augen weh, beleidigt meine Intelligenz und widerspricht allem, was unser Volk, als es noch dichtete und dachte, ausgemacht hat.
Ja, ich gebe zu, heute wird nicht mehr in erster Linie für Denker, sondern für Gerichtsshowgucker, WerwirdMillionärverlierer, Dokusoapinterpreten und TineWittlerfans geschrieben, und da braucht es eine einfache Sprache. Du lesen, ich schreiben. 5 Tote im Dschungel, Merkel Kanzlerin, Stoiber doof, Mehrwertsteuer böse, Benzin teuer, Rauchen gut. Verstehen?
Ich hätte da einen Tipp, der Papier sparen und damit Millionen von Bäumen das Leben retten (vorausgesetzt, wir hören endlich damit auf, uns den Allerwertesten mit Papier abzuwischen und tragen damit außerdem zum Überleben der Berggorillas bei) und jungen Menschen eine sinnvolle Tätigkeit verschaffen würde: Sofortige Einstellung der Zeitungsproduktion und Einführung von Nachrichtenrappern. Das könnte dann in etwa so klingen:
"Merkel besucht Georgyboy- yo man!
Quatscht dann noch mit Wladimir - no man!
Wladimir is nich korrekt,
hats Pollonium schlecht versteckt - krass men!"
Und damit verabschiede ich mich und wünsche allen Leserinnen und Lesern eine geruhsame Nacht - mit oder ohne Mondfinsternis.

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