12 Februar 2007

Was wäre, wenn Abenteuer nicht soviel kosteten?

Der Regen prasselt an meine Dachfensterscheibe, dabei waren vor einer Stunde noch eine Menge Sterne zu sehen. Weg sind sie. In meinem Kopf prasselt es auch irgendwie. Gedankenüberschläge im Viervierteltakt, auch ein paar schnellere Flicflacs sind dabei. Was wäre, wenn ich manchem Bedürfnis nachgäbe und das täte, von dem ich glaube, dass es ausprobierenswert ist? Es gibt noch so viele unentdeckte Landkarten. Wie würde es sich anfühlen, wenn ich alle, wirklich alle meine Ideen und Fiktionen umsetzte? Wäre es wichtig, wie es sich für andere darstellt? Würde ich dann noch Wert auf Meinungen legen?

Als Kinder haben wir all unseren Bedürfnissen nachgegeben, und wir haben uns keinen Deut darum geschert, wem wir dabei auf die Füsse treten könnten. Schließlich waren unsere Füße meist die kleineren. Irgendwann lässt dann der kindliche Egoismus nach, und nur noch besonders mutige Menschen wagen den Schritt ins Abenteuer. Ich denke an Reinhold Messner, Arved Fuchs, an Gertrude Bell, Lene Gammelgaard. Sie alle haben ein Ziel gehabt, haben dafür gelebt, dafür gearbeitet, vielleicht sogar nahestehende Menschen verlassen oder verletzen müssen. Und sie haben es erreicht, unter Opfern, gelitten haben sie, aber sie sind angekommen.

Es regnet nicht mehr.

Manchmal sind es auch gar keine Ziele, manchmal sind es einfach Wünsche, vorpubertär einige von ihnen, unreif (was für ein unglaublich blödes Wort!), egoistisch, undurchführbar. Aber wer beschließt, dass irgendetwas nicht machbar ist? Letztlich beschränken wir uns doch selbst, bauen uns unsere eigenen Zwangskäfige zusammen und beschweren uns dann, wenn wir auf der Stange sitzen und nicht gefüttert werden.

Ich weiß, was ich täte, wenn ich keinerlei Rücksichten zu nehmen hätte, wenn es diesen klitzekleinen Zwangskäfig nicht gäbe, wenn ich wie jede x-beliebige Märchengestalt einfach nur dreimal aufstampfen und sagen müsste: "Ich will, dass...!" Werde ich es irgendwann einmal tun? Werde ich irgendwann einmal den Mut haben, dem größten Traum zu folgen? Es ist leicht (glaube ich zumindest), einen Traum zu leben, wenn das, was man dafür verlässt, nichts Lohnens- oder Lebenswertes ist, immer vorausgesetzt, man sitzt eben nicht in diesem Käfig und wartet auf Futter, Wasser und Wunder. Schwierig wird es, wenn es eine bestmögliche Alternative gibt. Ist dann noch Raum für Mut?

Gedankenpirouetten eben. Das war gerade ein doppelter Lutz. Ich kann auch dreifach, wenn es darauf ankommt.

Vor langer Zeit bin ich einmal mitten in der Nacht spontan nach Südfrankreich aufgebrochen, weil ich das Bedürfnis hatte, Auto zu fahren und auf die Suche nach einer guten Champagnerkellerei zu gehen. In Bad Sooden-Allendorf bin ich umgekehrt und habe mir an der letzten noch offenen Tankstelle zwei Sechserträger Bier gekauft. War auch schön. Jedenfalls hatte ich damals nicht das Gefühl, etwas verpasst zu haben.
Auch meine Ägyptenreise war relativ spontan, trotzdem glaubte ich niemals, eine Abenteurerin zu sein. Ich brauche einen Fön und Bücher, und bei Abenteuern kann man die meistens nicht mitnehmen, weil man Platz braucht im Gepäck für Zelt, Messer und Überlebenskram.

Will ich eine Abenteurerin sein? Manchmal schon, im Kleinen, Sicheren. Viele der Wünsche, die ich habe, haben sehr viel mit bedruckten Papierscheinchen und der Sicherheit, die sie bieten, zu tun. Kein Abenteuer eigentlich, nicht, wenn man mit Netz und doppeltem Boden arbeitet und einen Fön will. (Und Gesichtscreme, Bücher, Deo, Kamm, Sonnenbrille und Wäsche zum Wechseln.) Für den Mt. Everest wäre ich jedenfalls nicht geeignet. Aber da will ich auch gar nicht hin, jedenfalls nicht nach ganz oben, wo es keine Luft mehr gibt. Nein, ehrlich gesagt, reicht mir der Mt. Everest aus zweiter Hand, und ich leide mit jedem und jeder mit, die ein paar Finger, Zehen oder Lungenbläschen dort lässt.

Aber was dann? Ich sehe das Bild vor meinem inneren Auge, es ist bunt, groß, klar und bewegt. Seltsamerweise bin ich nicht gealtert, höchstens ein paar graue Haare. Es zieht an meinem Herzen und nimmt mir meine Ausgeglichenheit, denn ich kann nicht so tun, als wollte ich nicht, was ich doch so dringend wünsche. Und ich kann auch nicht so tun, als hätte ich den Mut, es einfach zu tun, weil ich den Mut eben nicht habe. Bin wie ein Bergsteiger, dem schon im Basislager die Knie zittern und der trotz jahrelanger Vorbereitung den Gipfel niemals erreichen wird.

Bouldern in der Kletterhalle ist auch nett.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen