27 März 2007

Baumeier

Mann versteht mein Faible für bunte Baumeier nicht. Mann hat keine Ahnung! Baumeier sind Frühling, Vorboten für Ostern, sie sind bunt, freundlich, gutgelaunt. In jedem Vorgarten sollten mindestens 100 Baumeier hängen! Und es scheinen tatsächlich immer mehr zu werden.

Vor langer, langer Zeit, Südniedersachsen wusste nicht einmal, dass es Baumeier gibt, entdeckte ich die ersten bei einem Urlaub in Cuxhaven, dezent, nur ein paar hingen an einem Strauch pro Vorgarten. Aber ich fand sie unglaublich hübsch, sie passten zur Frühlingsstimmung und machten Lust auf Ostern, bunte, hartgekochte Eier, Schokoladeneier, Schokohasen, Apfelkuchen, Fisch am Karfreitag und Schnitzel mit Möhrchen und Erbsen am Ostersonntag. Manchmal gab es sogar Hühnerinnereien zum Frühstück, ganz frisch aus dem toten Huhn gepuhlt und mit Butter gebraten. Wirklich, es ist lange her; ich hatte noch keine Ahnung vom Fettgehalt in Lebensmitteln und Giftstoffen in Leber. Schön wars.

Inzwischen haben die Baumeier die Republik erobert. Ähnlich wie die Weihnachtsbeleuchtung, die teilweise ein ganz klitzekleines Bisschen zu amerikanisch ist, gibt es jetzt nicht mehr 20 Baumeier pro Vorgarten, sondern mindestens 100 pro Strauch. Aber da sie nicht blinken, sondern einfach nur hängen, mag ich den Anblick. Unter einem blauen Himmel wirken sie besonders hübsch. Jeder sollte Baumeier irgendwo hängen haben!

Meine befinden sich in einem Oleander, demselben, den ich aus dem Studio mitgenommen habe, um den Koala zu retten, der darin wohnt. (Ich hatte in einem früheren Post erwähnt, dass Koalas sterben, wenn man ihren Baum fällt, und ich bin sicher, das gilt auch für Stoffkoalas. Es geht mir gut. Ich bin fieberfrei.) Einige schmücken ein paar Forsytienzweige, alle anderen hängen am Treppengeländer und sind damit von Baumeiern zu Treppeneiern geworden. Zusammen mit den Baumeiern meiner Vermieter und den Dekorationen der Vermieterstöchter ist "unser" Haus mit Abstand das fröhlichste im ganzen Ort. Passt ja auch.

Und da im Frühling Aufbrauch, Neuanfang und die Überwindung des Winters stecken, habe ich mir in der Sonne liegend eine kleine Rückschau erlaubt. Habe heute nachmittag, beim Gedankenkino, ein paar alte Filmsequenzen angesehen, Wiederholungen, nichtsdestotrotz hochinteressant. Ich kann noch immer nicht so recht glauben, dass mein "neues" Leben tatsächlich schon länger als ein Jahr dauert, die Veränderungen, die ich begonnen habe, sogar fast zwei. Ich staune noch immer über mich, meinen Wagemut (oder Wahnsinn?), nach einem vermeintlichen Angekommensein den Bahnhof wieder mit unbekanntem Ziel zu verlassen. Inzwischen glaube ich nicht, dass ich jemals ankommen werde. Ich habe ja auch keine Fahrkarte in eine bestimmte Richtung gekauft, sondern ein Rundreiseticket. Und das erlaubt mir glücklicherweise, auch die alten Bahnhöfe noch einmal anzuschauen, den einen oder anderen neuen links liegen zu lassen und tagelang nicht auszusteigen. Natürlich habe ich Ziele, aber ich weiss auch, dass sie, sobald sie erreicht sind, zu Geschichte werden und es mich zu neuen drängt. Gerade jetzt ist so eine Zeit. Zwar bin ich noch nicht ganz da, aber ich sehe auf der Strecke, ein wenig verschwommen, dabei jedoch erkennbar, einen neuen Bahnhof. Er liegt in der Sonne, das Land drumherum ist braun und vertrocknet, es gibt hohe Berge und Meer.

Reisen ist schön. Träumen ist fast noch ein wenig schöner.

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