26 März 2007

Gedanken auf der Überholspur

Gedanken sind manchmal schneller als die Sprache. Neue Gedanken hingegen wollen zunächst mehrfach durchdacht sein, bevor sie unter Volk geworfen werden. Ich denke und denke und denke und bin mein eigenes Volk. Es ist schwierig, zu sagen, ohne mitzuteilen. Bin zerrissen. Einerseits will ich alles hinausschreien, was in meinem Gehirn spukt, unzensiert, in der Hoffnung auf Verständnis und Absolution, andererseits weiss ich, dass es Momente der Zensur geben sollte, nein, nicht die des vorwärtsgaloppierenden Gehorsams irgendwelcher eingebürgerter Muezzins oder bereits hier geborener Katholiken, sondern die, die versucht, der Verständnislosigkeit vorzubeugen.
Es sprudelt in mir, schreien könnte ich, mein Herz, mein Bauch haben schon vor langer Zeit meinen Kopf überholt, aber mein Mut hat mich verlassen. Wenn ich könnte, wie ich wollte, wenn ich den Mut hätte, das zu tun, was ich gerade tun will, ohne Rücksicht auf irgendwelche Konsequenzen, würde ich möglicherweise etwas anderes tun als das, was ich gerade tue. Mein Denken und mein Tun entfernen sich manchmal voneinander. Nein, falsch. Mein Denken, mein Wünschen, überholen mein Tun, und das ist gut so. Denn wenn ich nicht wünschte, was ich (noch) nicht tue, wüßte ich ja nicht, was ich haben wollen würde, wenn ich es bekommen könnte.


Annett Louisan: "Es fühlt sich dermaßen gut an, dass ich es nicht fassen kann." Sie hat es nicht selbst geschrieben. Egal. Die Bilder in meinem Kopf prügeln sich mit der Realität. Träumen will ich, fallen will ich, und den Absturz nehme ich in Kauf. Die Bilder haben Namen. Und ich habe Angst, mich selbst zu überholen.


Ich habe mich gut gehalten heute, im wahrsten Sinne des Wortes. Gleichzeitig Altes gelesen und Neues gefühlt. Frühling habe ich gefühlt, bunt, die eine oder andere gelbe Narzisse genossen, gleichzeitig mit mir gehandelt.
Wohin soll es gehen? Wann werde ich tun statt nur denken? Wann werde ich den Mut aufbringen, das Risiko einzugehen? Und es geht mir nicht nur um das Absenden eines beliebigen Manuskriptes, es geht mir um den Mut, vielleicht zu leiden, vielleicht sehr lange sehr traurig zu sein, aber versucht zu haben. Es geht mir darum, die Rituale zu durchbrechen, Ehrlichkeit in einer Form, die ich bisher niemals leisten konnte. Könnte ich sagen: "Ich will dieses!", wenn meine gesamte Umwelt behauptet "Jenes ist gut für Dich!"?


Eigentlich weiss ich, was ich will neben all der Schreiberei und dem Theoretischen. Ich kenne das Gefühl des "Es ist möglicherweise überhaupt nicht gut, aber ich MUSS es tun!" Das Gefühl, den Preis bezahlen zu wollen, auch wenn der Preis Zusammenbruch und Absturz bedeutet. Aber ist nicht alles besser, als in einem Status Quo zu verharren? Ist ein Hochgefühl, ein Prickeln der Seele nicht jeden Preis wert? Ist Leben Gewohnheit, oder ist Leben Abenteuer, Aufregung, Risiko?


Ich habe Höhenangst. Ich habe keine Angst vor meinem Inneren. Und ich träume davon, es nach aussen kehren zu dürfen.

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