16 April 2007

Köpfe, Bäuche und Gelegenheiten

Stellen wir uns einmal vor, wir wären unsterblich. Dann könnten wir jede Herausforderung, jedes Abenteuer, jedes "Nein" und jedes "Ja" auf später verschieben. Wir könnten unsere Tage verbringen mit Nichtstun, denn alles, was an Arbeit, Glück, Erfahrungen und Konflikten ansteht, kann ein andermal erledigt werden.

Manchmal leben wir bereits so. Tun nicht, was uns die Intuition eingibt, aus "Termingründen". Verpassen Chancen, weil sie nicht in den Zeitplan passen oder sind selbst gerade unpässlich. Die Sonne anlachen? Auf dem Rücken im Gras liegen und Wolken zählen? Die Kondensstreifen anfeuern, die gerade versuchen, die Flugzeuge zu überholen? Den Anblick einer größeren Mückenpopulation, die in den letzten Tagessonnenstrahlen wilde Tänze aufführen? Vogelgezwitscher, untermalt von leiser Klaviermusik? Ramazotti auf Eis am hellichten Tag? Einem Impuls nachgeben ohne Rücksicht auf die Konsequenzen? Liegen, konsequent und unbeweglich, die Augen geschlossen? Oder Träumen mit offenen Augen?

Muss leider ausfallen. Wir sind beschäftigt. Noch bevor unser Körper und unsere Sinnesorgane einem möglicherweise unproduktiven Impuls nachgeben, schaltet sich der Kopf ein: "Krimi lesen statt lernen? Bist Du verrückt? Nutz gefälligst Deine Zeit sinnvoll!", "Eine ganze Nacht vertelefonieren? Schlaf! Du hast morgen einen Termin!" "Hör auf, so zu tun, als könntest Du Dich frei entscheiden. ICH bin Chef in Deinem Körper! Und ich lasse keinerlei Ausflüge in ein Leben jenseits meiner Zeitvorgaben zu. Nur, dass das mal klar ist!"

Ich habe natürlich keine Ahnung, was Ihr Kopf zu Ihnen sagt. Vielleicht hält er ja auch die Klappe und lässt Sie tun, was gut für Sie ist. Meiner
hat immer geschimpft. Die wildesten Streitgespräche führt er mit meinem Bauch. Früher, als ich noch klein war, konnte mein Bauch sich die Ohren zuhalten und hat den Kopf einfach nicht gehört. Und das war gut so, denn so konnte er auf sich selbst hören und mir Gutes tun.

Aber ich lerne. Mein Bauch auch. Manchmal sprechen auch Herz und Unterleib noch ein gewichtiges Wörtchen mit und schaffen es, den Kopf zu überstimmen. Genau dann geht es mir manchmal anders. Meinem Kopf auch, er wird irgendwie leichter. Denken Sie jetzt nicht, dass wir (also ich, mein Bauch, mein Unterleib und mein Herz und alle anderen, die sich nur manchmal zu Wort melden) unseren Kopf nicht mögen. Er ist großartig. Er hilft uns über die Straße und passt beim Autofahren auf uns auf. Er kümmert sich um die Kontoauszüge und sagt dem Bauch, wenn er abnehmen muss. Und wenn er sich ab und zu ein wenig zurückzieht und uns kleine Blödsinnig- oder Leichtsinnigkeiten gestattet, uns ein wenig Freiheit läßt, haben wir ihn gern bei uns. Er muss ja auch all meine Haare und meine Nase tragen; ich käme ohne ihn gar nicht aus.

Wie ich darauf komme? Es ist Frühling. Ich lebe. Und ich habe mit meinem Kopf die Vereinbarung getroffen, dass er auch leben darf und unvernünftig sein - ich behalte derweil die Kontoauszüge und Ampelschaltungen im Auge.

Eine Bitte: Kein Wort zur psychiatrischen Abteilung des Universitätsklinikums! Die können mit Menschen, die sich mit ihren Köpfen unterhalten, überhaupt nicht umgehen, und möglicherweise sperren sie mich weg. Aber ich bin ungefährlich. Meistens.

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