12 April 2007

Rezeptvorschlag, ungenießbar

Whausen versinkt im Nebel, der Zierhahn kräht nur sehr gedämpft. In meinem Kopf befindet sich eine unendliche To-Do-Liste, und weil ich nicht weiß, wo ich anfangen soll, fange ich gar nicht erst an. Ist eine gute Idee, wie ich finde, denn wenn ich das, was ich mir vornehme, einfach nicht tue, darf ich auch meine Freizeit nicht genießen, weil ich sie mir ja nicht verdient habe.

Es gibt da ein sehr gutes Buch von Paul Watzlawick: "Anleitung zum Unglücklichsein". Ich kann mich nicht erinnern, ob er auch erfolgreichen Selbstboykott in seinem Buch erwähnt hat, falls nicht, kann ich ein Rezept für "Unzufriedenheit, serviert mit Aufschieberitis" gern beisteuern.

Zutaten: Ein bis drei Ziele, möglichst diffus und unausgegoren, eine Prise Selbstzerstörungstrieb, zwei Messerspitzen Faulheit, 500 g Angst vor Zurückweisung bzw. Niederlage, je nach Geschmack ein bis zwei Esslöffel verzerrtes Selbstbild.

Zubereitung: Die Ziele müssen recht lange lagern, idealerweise einige Monate. Außerdem ist es wichtig, dass sie so weit in der Zukunft liegen und so groß sind, dass sie absolut unerreichbar erscheinen. Auch der Selbstzerstörungstrieb braucht einige Zeit zum Reifen, vergleichbar mit einem guten Bordeaux, der weit mehr genossen werden kann, wenn er eine Zeitlang im Keller aufbewahrt wurde. Faulheit in größeren Mengen sollte normalerweise in jedem Haushalt vorhanden sein, ebenso diverse Ängste. Falls jemand nicht an Angst vor Zurückweisung und Niederlage leidet, ist es kein Problem, stattdessen eine andere Angst zu verwenden. Großartig eignen sich Versagensängste, aber auch mit 750 g übersteigertem Perfektionismus gelingt das Rezept sehr gut. Bezüglich des verzerrten Selbstbildes ist es wichtig, dass es sich nicht um eine positive Verzerrung ("Ich bin die Größte.") handelt, sondern um einen oder mehrere Glaubenssätze, die in die entgegengesetzte Richtung zielen, z.B. "Ich kann überhaupt nichts.", "Ich bin ein Nichtsnutz.", "Ich habe sowieso nie Glück." Die Auswahl ist groß, benutzen Sie die Verzerrung, die Ihnen am besten schmeckt.
Nach der genannten Lagerungs- und Reifezeit alle Zutaten in einen großen Topf geben, dreimal umrühren, mit einem Baumwolltuch abdecken und an einen dunklen Ort stellen. Das Gericht darf auf gar keinen Fall der Sonne ausgesetzt sein, bewahren Sie es also am besten im Keller auf. Dann muss es für eine weitere Zeit reifen, ideal sind 3 Monate bis 22 Jahre. Das ist zwar eine große Zeitspanne, aber falls Sie befürchten, den Topf im Keller zu vergessen, kann ich Sie beruhigen: Er wird auftauchen, wenn Sie am wenigsten daran denken!

Im Laufe der Jahre werden Sie möglicherweise von weiteren Zutaten gefunden. Diese können Sie entweder zu Ihrem Gericht hinzufügen oder, falls Sie noch ausreichend Ziele, Ängste und Verzerrungen haben, ein neues kreieren. Der Geschmack ändert sich schließlich mit der Zeit.

Guten Appetit!

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