18 April 2007

Sich selbst wiederholende Menschen

Es gibt ja Menschen, die ein unglaubliches Redebedürfnis haben. Meine Nachbarin ist so ein Modell, und darum habe ich eine gewisse Technik entwickelt, um aus meinem Auto unbeschwatzt ins Haus zu kommen: Ich schalte den Motor schon fünfzig Meter vor meinem Parkplatz aus und lasse den Wagen rollen, damit sie nicht durch das Motorengeräusch auf mich aufmerksam wird. Dann klaube ich meine Siebensachen zusammen, ducke mich und renne, weiterhin in geduckter Haltung, auf die Haustür zu. Dort verschließe ich dann per Fernbedienung mein Auto, verschanze mich in meiner Wohnung und atme wieder.

Gestern hat der Duck-und-renn-Modus versagt. Gerade wollte ich durchstarten, da höre ich eine Stimme: "Wollen Sie noch Äpfel?" Ich bin ein höflicher Mensch, also wünschte ich ihr einen guten Tag und sagte "Nein, danke, ich habe noch ganz viele." Mir war bewußt, dass es völlig gleichgültig sein würde, was ich sage. Ich saß fest, für mindestens zehn Minuten. Ich wohne jetzt seit August im schönen Whausen, und seit August erfahre ich jedes Mal aufs Neue, welche Berufe meine Nachbarin ausgeübt, wo sie ihre Ausbildungen gemacht hat, was sie alles weiß, dass ich bitteschön mein Auto nicht zu dicht an ihrer Ausfahrt parken soll (was ich, nebenbei, noch nie getan habe) und woher sie ursprünglich stammt. Die Reihenfolge variiert. Manchmal.

Es gab einen Vortrag über gespritztes Obst und Gemüse und Bio. Ich machte den kapitalen Fehler, ihr zu sagen, dass ich fast ausschließlich Bio kaufe und wurde belehrt, dass alles gelogen sei und die spanischen Gewächshäuser, aus denen das angebliche Bio-Obst stammt, genauso pestizidverseucht wären wie die, in denen konventionell angebaut wird. Mein Einwand, dass ich auf dem Markt und nach Möglichkeit saisonal einkaufe, wurde geflissentlich überhört, so wie alle anderen Versuche, meinen Teil zu ihrem Monolog beizutragen.

Nein, solche "Gespräche" machen keinen Spaß! Ich kann ja verstehen, dass ein einsamer Mensch jede Gelegenheit für Kontakte nutzt, es entzieht sich aber meinem Verständnis, warum das in Form von Belehrungen, Angeberei und Überdenmundfahren passieren muss. Manchmal habe ich das Bedürfnis, die Dame ganz liebevoll bei den Schultern zu nehmen und ihr zu sagen "Gute Frau, wenn Sie so kommunizieren, wie sie es tun, nämlich wie die Dauerwiederholung einer Sendung aus dem Schulfernsehen der siebziger Jahre, werden Sie möglicherweise häufiger das Phänomen geduckt rennender Menschen in der Nähe Ihrer Wohnstatt besichtigen dürfen. Hören Sie zu, sagen Sie etwas Nettes, vor allem aber etwas Neues!" Mache ich nicht. Ältere Menschen sind möglicherweise für derartige Ansprachen nicht mehr zugänglich.

Stattdessen werde ich meinen Duck-und-Renn-Modus verfeinern, und wenn ich sehe, dass meine Nachbarin in ihrem Vorgarten auf mich lauert, fahre ich einfach noch ein paar Runden um den Block...

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