31 Mai 2007

Alles nicht so schlimm, wirklich!

Nach dem Durchlesen meiner letzten Posts bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass ich ein vollkommen falsches Bild meines Geisteszustands vermittele. Es geht mir gut! Wirklich! Die Sache ist die, dass ich dann am besten schreiben kann, wenn ich mich in einem leicht depressivem Zustand befinde, über etwas erbost oder sogar wütend bin oder mich berühren lasse.

Und dann geht es los: Ich schreibe und schreibe und schreibe, unzensiert, lasse meinen Gedanken freien Lauf, indem ich meine zehn Finger ihren Job tun lasse, ohne mein Gehirn dazwischen zu schalten. Viele Dinge, die mich berühren, sind schön. Manches macht mich wütend. Anderes macht mich traurig. Gestern zum Beispiel hat mich die Erkenntnis betrübt (nicht zum ersten Mal, trotzdem noch immer ins Herz gehend), dass ich den Sockel, auf dem ein mehr als glorifiziertes Abbild meiner Mutter steht, demontieren und durch eine realistische Figur ersetzen muss. Ich kann mich nicht leise und vorsichtig verabschieden, nicht einmal von Traumbildern. Nein, laut muss ich werden, schluchzen und schreien will ich, dramatisch will ich sein. Und das war ich gestern abend. Es hat mir gut getan, wie ein starkes Gewitter der Luft neuen Sauerstoffgehalt zu geben scheint.

Für den/die LeserIn mag es erschreckend sein. Aber das, was ich schreibe, ist ein Tropfen von einem Gedanken aus einem ganzen Wasserfall von Ideen und Gefühlen. Die meisten davon sind schön. Wasserfälle sind schön, sie bilden Regenbögen, wenn die Sonne scheint, das Wasser fließt, fällt während einer unendlichen Zeitspanne, die zwar im Vergleich zum Universum sehr kurz ist, für mein kleines Leben aber mehr als nur bedeutsam. Manchmal hüllt sich der Wasserfall in Nebel, manchmal ist es unglaublich kalt, im Winter kann das Wasser zu Eis werden, unbeweglich und scheinbar tot, doch in seinem Inneren tobt weiterhin das Leben. Solange alles fließt, ist es gut. Ich bin im Fluss. Und ich kann sehr gut damit leben, dass dazu Zeiten der Traurigkeit gehören ebenso wie Liebe, Nähe, Glück, die Hoffnung auf eine wunderschöne Zukunft und das Wissen um eine lebenswerte Gegenwart.

Also bitte: Keine Angst! Es ist alles in Ordnung, wirklich!

30 Mai 2007

Mehr Elfchen

Mutter
das ist

Schmerz und Trauer.
Ich finde keinen Frieden.
Einsamkeit.


Einsamkeit
fühle ich,
auf der Suche
nach einer fremden Liebe.
Vergeblichkeit.

Vergeblichkeit
findet sich
in jedem Glas,
das ich mir nehme.
Scherben.

Scherben
eines Lebens,
aufopferungsvoll und treu.
Du beteuerst es mir.
Ungläubigkeit.

Ungläubigkeit
beim Gedanken
an eine Liebe,
bedingungslosen Glauben an mich.
Lüge.

Lüge
falsche Wahrheit
nicht ausgesprochene Gedanken
so tun als ob.
Schutzmechanismen.

Undsoweiter. Stundenlang könnte ich weitermachen, und das gibt mir ein gutes Gefühl. Denn wenn ich das kann, kann ich auch Anna zu einem Ende verhelfen, kann meine Geschichte über die Mutter und die Tochter, die aneinander gekettet sind und sich irgendwann gegenseitig töten werden, zuende schreiben. Ein Schmetterling, der in der heissen Wüstensonne zu einem Adler wird und sich irgendwann mit gebrochenen Schwingen auf einem dieser wunderschönen Felsen zu Tode stürzt, um von anderen Raubvögeln gefressen zu werden und vielleicht weiter zu leben. Ängstlich, aber voller Zuversicht.

Mama

Da findest Du heraus oder glaubst, herausgefunden zu haben, dass ein Mensch, der nach althergebrachter Meinung ausschließlich dafür zuständig ist, es Dir gutgehen zu lassen, auch ein eigenes Leben hat. Egoistisch ist. Nicht aufopfernd, auch wenn sie so tut, als ob. Was tust Du dann? Nimmst Du diesen Menschen als einen Deiner Anteile in Dein Leben auf und beginnst, Dir gewisse Phänomene mit den Gedankengängen eben dieser Person zu erklären? Haderst Du mit einem Schicksal, dass Dich zurückgelassen hat an einem Ort, den Du heute nicht mehr erreichen wirst, vor allem nicht mehr erreichen willst? Was hat es auf sich mit der bösen (Stief-)Mutter und dem unschuldigen Schneewittchen? Immerhin hat es Schneewittchen mit den sieben Zwergen getrieben, eine Art Gang Bang, wenn man es genau nimmt. Und nur Mama war schuld? Ich weiß ja nicht...

So gesehen wäre Mama immer schuld. Erinnern wir uns an "Psycho". Wenn Mama nicht immer so viel gezickt hätte, wäre Arthur nicht gezwungen gewesen, all diese Frauen abzustechen unter der malerisch tröpfelnden Dusche und im Klang der eigens für die Morde komponierten Musik. Wäre Mama nicht so unglaublich fruchtbar gewesen, hätte sie die sieben Kinder niemals gebären können, die sie unmittelbar nach der Geburt in Blumenkästen verbuddelt hat. (Ob Mama geglaubt hat, da wird Petersilie draus?) Wäre Mama nicht, gäbe es keine Coaches, TherapeutInnen, AnalytikerInnen, PsychiotikerInnen, HypochonderInnen, Innen, außen.

Mama ist aber. Denn wenn sie nicht gewesen wäre, wären wir nicht. Wir können sie beschimpfen, können ihr die Schuld geben für unsere Fehler, können ihr vorwerfen, uns niemals gelobt zu haben, können all ihre Liebe ausschließen aus unserer selektiven Wahrnehmung. Vielleicht hat sie uns ja auch niemals geliebt? Vielleicht fand sie es ja schlicht beschissen, mit unseren Körpern ihre Figur zu ruinieren, uns unter Schmerzen in diese Welt zu werfen und all ihr sauer verdientes Geld in unsere Bildung zu stecken? Vielleicht findet sie uns ja ebenfalls echt voll Scheiße, wenn sie sieht, dass wir nicht tun, was sie sich gewünscht hätte? Vielleicht wäre sie netter zu uns, wenn wir uns mehr Mühe gegeben hätten, ihre Träume zu erfüllen? Vielleicht wäre sie verständnisvoller, wenn wir unser Leben zu ihren Gunsten aufgäben? Vielleicht nähme sie uns sogar einmal als Erste in ihre Arme, statt sich mit mehr oder weniger Anstand und Empathie von uns umarmen und lieben zu lassen?

Aber. Und. Wir sind jetzt groß. Wir könnten selbst Mutter sein und unseren Kindern ihr Selbstbewußtsein nehmen, ihre Träume, könnten unsere eigenen Kinder unwiderrruflich an unser Schicksal fesseln, indem wir ihnen ein schlechtes Gewissen machen. Könnten erwachsene Menschen mit wenigen Worten dressieren, mit mehr oder weniger Erfolg. Wir könnten unsere eigenen Kinder zu fettleibigen Monstern machen, um sie an uns zu binden, wir könnten ihnen einreden, dass sie nichts taugen, wir könnten in "Du-Botschaften" zu ihnen reden und ihnen damit klar machen, dass wir nicht nur ihr Verhalten, sondern ihre Person nicht schätzen können.

Möglicherweise könnten wir auch vergeben. Toleranz zeigen für die Fehler unserer Mütter. Verständnis aufbringen für ihre Mühen, auch wenn sie manchmal vergeblich waren. Die Einsicht finden, dass auch Eltern Menschen sind, die mit den besten Absichten eine Versuchs- und Irrtumsreihe nach der anderen starten. Liebe fühlen für sie, wenn sie älter werden. Unseren Frieden machen mit ihnen.
Immerhin sind es unsere Gefühle, liegt es in unserer Verantwortung, wie wir mit diesen Menschen umgehen, die uns am nächsten sein sollten.

Es ist leicht, in der ersten Person Plural von mir selbst zu reden. Verzeihen kann ich nicht. Will ich nicht. Meine erste Person Plural ist intellektuell in der Lage, zu verstehen. Die erste Person Singular wird so bald keinen Frieden machen mit Mama.

29 Mai 2007

Regengedanken

Was wäre, wenn es niemals mehr aufhörte zu regnen? Immerhin ist es doch so, dass die gefühlte Zeit des Regens wesentlich länger ist als die faktische. Noch am Sonntag bin ich unter bedecktem Himmel Fahrrad gefahren, bis dann am späteren Nachmittag die Gewitter und Wolkenbrüche beschlossen, mich in ihre Arme zu nehmen. Und doch kommt es mir so vor, als regnete es seit Monaten. Die Leine (Das ist ein Fluss, der bei Hannover in die Aller mündet, später als Aller dann in die Weser und noch später, als Weser, ins Meer. Von dort führt der Weg dann direkt zu dieser Insel.) läuft fast über, "unser" Haus ist pitschnass, auf meinem Auto sind alle Insektenspuren ertrunken, und ich kann nur im Studio auf dem Laufband laufen. Seit Monaten, wie mir scheint. Und dabei sind es erst ein paar Tage.

Diese paar Tage haben mir allerdings gereicht, um alle meine Aktivitäten - vom Training abgesehen - einzufrieren, Schweinkram zu kaufen und zu essen, am liebsten stundenlang zu schlafen.

Und ich habe Sehnsucht. Ich will Wärme, Sonne, will die Wärme zweier Arme und der dazugehörigen Beine. Will auf einem Balkon sitzen entweder mit Blick auf den Hubschrauberlande- und -startplatz des BGS oder auf einen Himmel mit Flugzeugkreuzungen. Wo auch immer ich bin, ich will Deinen Bauch an meinem Rücken. Ich will Deine Arme um mich herum. Will Deine Stimme an meinem Ohr. Will Deinen Atem mit meinem im Gleichschritt spüren.

Denn wenn es nie mehr zu regnen aufhörte, würden alle Straßen im Nichts verschwinden. Nichts würde mehr wachsen, und meine ayurvedische Ernährungsweise könnte ich ebensogut ertränken. Die Pfingstrosen auf meinem Schreibtisch wären längst tot, nicht vertrocknet in der Sonne, sondern kläglich ersoffen, vielleicht gäbe es nicht einmal mehr Dorsche. Meine Frisur wäre ruiniert, weil im Nassen meine mir fremden Locken sich kräuselten. Meine Kurse machten keine Freude mehr, weil kaum jemand die gute Laune bewahren könnte angesichts eines andauernden grauen Himmels.


Aber: Ich könnte schreiben! Könnte mich all meinen Depressionen, Mordgelüsten, Sehnsüchten, dem Sterben-und-im-Unbekannten-Wiedergeboren-werden-wollen hingeben. Ich könnte Märchen erfinden, denn die Menschen hätten jetzt Zeit, sie zu hören. Ich würde meine Märchen vorlesen, wäre eine Reisende in Sachen Glück im Unglück, und ich würde die Kinder jedes Dorfes, das mir nicht zuhören will, mit mir nehmen. Menschen, die nicht zuhören wollen, verdienen auch keine Kinder. Möglicherweise träfe ich unterwegs den Rattenfänger von Hameln, dann könnten wir tauschen. Ein paar Ratten gegen ein paar Kinder.


Sehnsucht trägt seltsame Früchte. Elfchen. Macht mich zur Kinderfängerin. Zur Regenmacherin.


Es hat aufgehört zu regnen. Sollte ich auf den Balkon gehen und den Mond suchen? Oder lieber ins Bett auf der Suche nach Schlaf? Der Regen hat seltsame Blüten getrieben, und die meisten haben sich auf meiner Haut angesiedelt. Ich weiß, was ich will. Aber weiß das, was ich will, dass ich es will? Und wenn es weiß, dass ich es will, wird es sich ergeben? Wird es mich finden? Wird es sich finden lassen? Oder wird es sich verbergen im Dauerregen?

Verzögerte Rettungsmaßnahmen

Die maltesische Regierung wurde heute von der EU gerügt (oder von der EU-Flüchtlingsbeauftragten, irgendwie so, ist auch egal, von wem), weil sie die Rettung schiffbrüchiger Flüchtlinge aus Afrika verzögert hat.

Das muss man sich einmal vorstellen: Da verlassen Menschen ihr Land, weil sie dort keine Zukunft mehr sehen und ihren Familien zu einem besseren Leben verhelfen wollen, gehen große Strecken zu Fuß, geraten an korrupte Polizisten, die ihnen das bisschen Geld abnehmen, das sie möglicherweise für den Schlepper gespart hatten, oder sie, wenn kein Geld da ist, unter Folter und Prügel in ein Gefängnis stecken, in dem sie mit Glück für Wochen, mit Pech für Monate oder Jahre verschwinden, weiter geprügelt und gefoltert werden. Irgendwann kommen sie dann frei. Aber sie gehen nicht zurück "nach Hause", sie suchen den Weg weiter, der sie an die Küste führt, die Europa, dem gelobten Land, dem Paradies, der Rettung am nächsten sein mag. Vielleicht werden sie wieder verhaftet und eingesperrt, vielleicht werden sie überfallen und ausgeraubt, vielleicht erreichen sie diese Küste. Dort werden sie dann zumeist in Lagern weggeschlossen, die zum Teil von den Regierungen der Europäischen Union eingerichtet wurden, um zu verhindern, dass sie in unsere Welt gelangen, um dort möglicherweise Sozialleistungen oder gar Asyl zu beantragen. Vielleicht entkommen sie diesen Lagern, vielleicht werden sie erneut verhaftet und ausgeraubt, vielleicht erreichen sie rechtzeitig die mit dem Schlepper verabredete Stelle, indem sie auf halsbrecherische Weise über Stacheldrahtzäune klettern und in gleißendem Scheinwerferlicht im Kriechgang auf den Strand zu schleichen.


All das kann Monate, sogar Jahre dauern, in denen sich Familien entfremden, in denen die Zurückgelassenen nicht mehr wissen, was mit ihrem Ernährer geschehen sein mag, in denen die Frau, vielleicht sogar die größeren Kinder beschließen, dass es an der Zeit ist, die Trauer zu beenden und selbst tätig zu werden, einen Verdienst zu suchen, dort, wo sie leben.


Doch jetzt sind da ein paar Menschen, vielleicht 30 wie beim letzten Schiffbruch, vielleicht mehr, die in etwas steigen, was mit einem Schiff oder einem Boot nur noch entfernte Ähnlichkeit hat, nicht wissend, was auf sie zukommen mag, die ihr Leben Fremden anvertrauen in der Hoffnung, diese würden dafür sorgen, dass sie ankommen in diesem fremden Land, diesem Europa.


Und dann, irgendwo zwischen der afrikanischen und der europäischen Küste, kentert dieses Boot. Menschen gehen über Bord, manche können schwimmen, manche gehen sofort unter und ertrinken. Die anderen treiben hilflos im Wasser, kalt oder warm, und hoffen auf Hilfe. Sie sind nicht weit von einer rettenden Küste entfernt, diesmal ist es zufällig die maltesische; es könnte aber auch jede andere sein, fürchte ich. Die dortigen Behörden erörtern zunächst die Zuständigkeit. Die Überlebenden klammern sich an dem fest, was vom Boot übrig geblieben ist, manche haben nach all den Strapazen keine Kraft mehr, gehen unter und sterben, ohne dass ihre Familien jemals wüssten, wo sie geblieben sind. Die Behörden erörtern weiter, stellen fest, dass sie eigentlich nicht zuständig sind und rufen die möglicherweise zuständigen Beamten des Nachbarstaates an. Und während all dieser Erörterungen sterben Menschen, die all ihre Hoffnung, all ihre Kraft und all ihr hart erarbeitetes Geld auf Europa gesetzt haben. Irgendwann erbarmt sich eine Küstenwache, ein Fischkutter, irgendein Schiff, und bringt die letzten Überlebenden an Land. Hier werden sie einige Zeit in Auffanglagern verbringen, später dann abgeschoben in ihre Heimatländer (Vorausgesetzt, diese sind sicher, sonst geht es in ein sogenanntes "sicheres Drittland", das sie irgendwann auf ihrer Flucht passiert haben. Es könnte das Land sein, in dem sie Wochen oder Monate im Gefängnis verbracht haben.). Europa, das Paradies, das sie sich erträumt haben und dessen Vorstellung ihnen durch all diese Widrigkeiten wie ein Licht im Dunkel erschien, werden sie niemals sehen. Dieses Europa existiert nämlich nicht.

Diejenigen, die es nicht geschafft haben, sind der Inneren Sicherheit Europas zum Opfer gefallen, oder, weniger abstrakt, irgendwelchen Beamten, die nicht in der Lage zu sein scheinen, die Menschen zu sehen. Beamte, die nicht vor ihrem inneren Auge ein Bild davon gehabt haben, wie ein zutiefst verzweifelter Mensch um sein Leben kämpft, um seinen Traum. Beamte, die nicht in die Vergangenheit blicken, um zu erkennen, dass wir es waren, die für diese Zustände überhaupt verantwortlich sind. Nein, vielleicht nicht wir deutschen SteuerzahlerInnen, schließlich haben wir ja keine Kolonien gegründet! Wir spenden doch für Brot für die Welt, für Misereor, machen mit großem Vergnügen bei irgendwelchen Spendensammelsendungen mit, die von der Produktionsfirma Endemol mit großem Aufwand promotet wurden, geben zehn Euro für eine Zeile in der Regionalzeitung! Nein, wir haben nichts mit diesem Elend zu tun.

Aber wenn wir ganz ehrlich sind - ist da nicht ein gewisses Gefühl der Erleichterung, dass all diese "Wirtschaftsflüchtlinge" nicht bei uns ankommen und unserem Sozialsystem deshalb auch nicht zur Last fallen? Kein ganz kurzer, den Kopf nahezu unbemerkt durchzuckender Gedanke "Selbst schuld. Bleibt doch, wo Ihr seid!"? Können wir uns überhaupt dieses unglaubliche Elend und Leid hinter der kurzen Schlagzeile "Flüchtlingsboot gekentert!" vorstellen?

Manche schaffen es ins Gelobte Land, finden sogar Arbeit. Irgendwann gehen sie dann zurück in ihre Heimat und müssen feststellen, dass ihre Söhne jetzt die Ernährer der Familie sind, ihre Töchter geheiratet haben, dass sie nicht mehr gebraucht und nicht mehr gewollt werden. Wochen, Monate der Angst, der Verzweiflung und der Lebensgefahr, Jahre der Entbehrungen - für nichts. Hätten sie das vorher wissen können? Ich glaube nicht.

Wir können die Welt nicht heilen oder verbessern, jedenfalls nicht mehr, als es in unseren kleinen, beschränkten Teilwelten möglich ist. Aber vielleicht sind wir in der Lage, die Menschen hinter den Schlagzeilen zu sehen und ihnen die Achtung und Wertschätzung zu geben, die sie verdient haben, vielleicht können wir sogar die eine oder andere Träne um ihr Schicksal weinen. Sie haben mehr verdient als das. Ich für meinen Teil weiß allerdings nicht, was ich mehr tun könnte als für sie zu beten zu einem Schicksal, dessen Plan ich nicht kenne.

Traumtage und Elfchen

Ein "Elfchen" ist ein Gedicht mit elf Worten, welches vor allem aus als Kreativitätsmethode eingesetzt wird, um den Horizont zu erweitern.

Die elf Worte dieser Gedichtsform sind in einer festgelegten Folge auf 5 Zeilen verteilt. Für jede Zeile wird eine Anforderung formuliert.

Beispiel:
1. Zeile: In einem Wort (ein Gedanke, ein Gegenstand, eine Farbe, ein Geruch o.ä.)
CRYING

2. Zeile: In zwei Wörtern (was macht das Wort aus Zeile 1)

FOR ARGENTINIA

3. Zeile: In drei Wörtern (wo oder wie ist das Wort aus Zeile 1)
SANG BY MADONNA


4. Zeile: In vier Wörtern (was meinst du?)
POOR OLD ARGENTINIA OR

5. Zeile: Ein Wort (Fazit: was kommt dabei heraus)
AMERICA

Xing! Open BC; Das Wortwerk, Beitrag von Claudia Feichter (Herzlichen Dank für den Input, mein kreativer Teil arbeitet auf Hochtouren!)


Kreta

träumende Insel

ich fühle Wärme

strahlend auf meinen Augen.

Sehnsucht.



Schreiben,

ein Versuch,

mit meinen Fingern

das Leben zu begreifen.

Geschichten.



Regen

prasselt laut

auf den Asphalt.

Die Welt wird nass.

Gewaschen.


Jetzt stehen noch Traumtage aus. Gestern war einer: Trainiert, gekocht, gelesen. "Gespräch mit einem Vampir", den ganzen Nachmittag hat es mich gefesselt (von ein paar Stunden Schlafen und Träumen abgesehen), gegen 23.00 Uhr habe ich es zurück ins Regal gestellt, bin langsam aus New Orleans wieder nach Whausen zurückgekehrt und habe festgestellt, dass ich mich im Spiegel sehen kann. Regen ist etwas sehr Schönes, denn er macht es möglich, mitten an einem Feiertag Ende Mai auf der Couch herumzuliegen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, weil "man" bei dem schönen Wetter doch nach draussen muss.

Weil mir dann schon mystisch war, habe ich gleich zu "Der Engel der Verdammten" gegriffen, auch ein übernatürliches Wesen, das die Welt über Jahrhunderte druchstreift. Muss anstrengend sein. Heute nacht dann wilde Träume; habe zwar diesmal das Bett da stehengelassen, wo es immer steht, aber wilde Kämpfe mit meinem Kopfkissen ausgefochten. Oder habe ich gar nicht gekämpft, sondern umarmt?

Einen anderen Traumtag habe ich am Sonntag in meinem Tagebuch beschrieben. Er hat zu tun mit einem geliebten Menschen, den Tätigkeiten, mit denen ich die nächsten vierzig Jahre auszufüllen gedenke, einer ganz bestimmten Insel im lybischen Meer, kleinen und großen Menschen, die ich auf ihren Wegen gern ein Stück begleiten und unterstützen möchte, Romanen und Geschichten, die geschrieben werden wollen, einem Armani-Anzug und einem Cabriolet.
Mit diesem Film im Kopf, der jeden Tag ein wenig bunter und lebendiger wird, kann ich meine Tage im Hier und Jetzt besser gestalten.

Es gibt eine Menge Geschichten zu erzählen, Elfchen zu schreiben, Straßen zu laufen, Orte zu sehen, Küsse zu verteilen, Liebe zu fühlen und zu verschenken, Regentropfen zu zählen, Gewichte zu stemmen, Blitze zu bewundern, Katzen zu kraulen, Gespräche zu führen, Träume zu träumen, Bücher zu lesen...

27 Mai 2007

Prinzen an Flüssen oder Wo kommt der Stuhl her?

Es gibt da weisungsgemäß noch ein Märchen zu schreiben. Nachdem ich mich statt mit dem geliebten Prinzen mit Dicken auseinandergesetzt habe, soll jetzt der Prinz seinen Raum bekommen.

Es war einmal ein Prinz, der ganz allein auf einem sehr großen Stern lebte. Vor langer, langer Zeit hatte einmal ein böser Zauberer, der zufällig auf den Prinzen getroffen war und sehr schlechte Laune hatte, einen Fluch ausgesprochen: Der Prinz sollte immer allein bleiben, niemand sollte bei ihm sein, dem er sich anvertrauen könnte, und niemand, der ihm zuhören würde. Es gab keine Untertanen, und es gab nichts, was regiert werden musste.

Der Prinz saß auf seinem Thron, blickte in die unendliche Weite des Universums und fragte sich, ob es auf einem der anderen Sterne Leben gäbe. Er war einsam und traurig und hätte gern einen Spielkameraden oder Gefährten gehabt. Doch der Zauber machte den Stern – und mit ihm den Prinzen – für andere unsichtbar. Und obwohl viele andere Wesen auf die Reise gingen, um nach neuem, fremden Leben zu suchen, den Prinzen fand niemand.

Eines Tages, ihm war schrecklich langweilig, und er trauerte um etwas, was er nicht kannte, aber gern kennengelernt hätte, schaukelte der Prinz mit seinem Thron hin und her, und mit jedem Gedanken an das, was vielleicht sein könnte, schaukelte er schneller und stärker. Er wollte nicht mehr tatenlos auf seinem Thron herumsitzen, er wollte leben, die Welt entdecken, von seinem traurigen Dasein und dem einsamen Planeten Abschied nehmen!

Mit einem Mal fiel sein Thron hintenüber. Der Prinz klammerte sich an die Lehnen, doch er konnte nicht verhindern, dass er über den Rand seines Sterns fiel. Es gab ja keinen Forscher, der herausgefunden hätte, dass sein Stern eigentlich eine Kugel war. Und da die Welt immer so ist, wie wir glauben, dass sie sein könnte, war der Stern des Prinzen eine Scheibe. Er stürzte, überschlug sich in der Schwerelosigkeit, schwebte, hielt sich aber weiter an seinem Thron fest, denn das war alles, was er noch hatte.

Nach vielen Stunden des Herumtaumelns, Schwebens und Fliegens setzte der Thron auf. Der Prinz fand sich am Ufer eines Flusses wieder. (Natürlich wusste er nicht, dass er an einem Fluss war, weil er kein Wasser kannte.) Und in dem Moment, in dem sein Thron auf dem Boden aufsetzte, verwandelte er sich in einen billigen Baumarktstuhl aus Plastik, der Prinz verlor sein Zepter und seine Krone und saß wie ein x-beliebiger Angler am Fluss. Er war entsetzt. Natürlich hatte er seinen Stern nicht mehr gemocht, hatte sich einsam gefühlt und die Welt entdecken wollen, aber er konnte doch nicht damit rechnen, dass er alles verlieren würde, was ihn ausmachte! Prinz wäre er gern geblieben; ohne sein Zepter und den Thron würde ihn aber niemand erkennen können.

Während er noch mit seinem Schicksal haderte, hörte er tiefe, keuchende Atemzüge. Er drehte sich um und konnte gerade noch ein Wesen sehen, das hinter ihm vorbeilief. Er rief und stellte erstaunt fest, dass er das in einer ihm völlig fremden Sprache tat. Das Wesen blieb stehen, runzelte die Stirn und fragte: „Ist alles in Ordnung bei Ihnen?“ „Nein!“, sagte der Prinz und wunderte sich noch immer. „Ich bin von meinem Stern hinuntergefallen, und jetzt weiß ich nicht, wo ich mich befinde.“ „Aha, von Ihrem Stern gefallen… Das passiert mir jeden Morgen, wenn ich am Abend vorher zuviel getrunken habe. Was gab es denn bei Ihnen?“ „Trinken? Was ist das?“ fragte der Prinz. Das Wesen trat näher. Und obwohl er immer allein gewesen war, sagte ihm eine innere Stimme, dass er gerade sein Gegenstück getroffen hatte – eine Prinzessin. Auf ihrer Haut konnte er kleine Schweissperlen erkennen, ihr Gesicht war leicht gerötet von der Anstrengung.

„Was tun Sie hier?“ fragte er.

„Laufen.“

„Was sind Sie?“

„Wollen Sie mich verscheissern?“

„Was ist das?“

„Wo kommen Sie denn her?“

„Das habe ich doch gerade gesagt, ich bin von meinem Stern hinuntergefallen!“

„Wer sind Sie?“ fragte die Prinzessin.

„Ich bin ein einsamer Prinz und freue mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen.“ sagte er.

Die Prinzessin trat auf ihn zu, und als sie ganz nahe bei ihm war, konnte er erkennen, dass ihre Augen feucht waren. Er fragte, warum, und sie antwortete ihm: „Sie sind nicht der Einzige, der von einem Stern gefallen und einsam ist. Ich war schon immer hier, ich glaube nicht, dass ich jemals woanders sein werde, und ich bin sehr, sehr einsam und traurig.“

Der Prinz breitete seine Arme aus: „Dann nimm mich mit Dir! Wir können zusammen sein statt einsam zu bleiben. Und es ist mir ganz egal, wer oder was Du bist, wenn Du mich nur lieben willst!“

Sie antwortete „In meiner Welt bin ich nichts, auf gar keinen Fall eine Prinzessin, und ich bin genauso einsam wie Du es auf Deinem Stern warst. Aber wenn wir unsere Welten vereinen, können wir vielleicht glücklich werden.“

Sie reichte ihm ihre Hand, die er mit einem freudigen Lächeln ergriff, und nahm ihn mit in ihr Zuhause. Dort lebten sie glücklich und zufrieden, denn sie waren bereit, umeinander zu kämpfen. Sie hatten sich im Anderen erkannt. Vielleicht leben sie noch immer miteinander, vielleicht sind sie gestorben, Arm in Arm.

Zurück blieb ein weißer Plastikstuhl an einem Fluss, und wer ihn sieht, hat vielleicht eine leise Ahnung, was er einst gewesen sein könnte oder träumt von einer Liebe, die die Entfernung zwischen zwei fremden Sternen überwunden hat.

Süderhausen - von aussen betrachtet

Heinrich Heine hat in seiner Harzreise ein gar bissiges Kapitel über Göttingen geschrieben, in dem er unter anderem feststellt, dass Göttingen besonders schön ist, wenn man es mit dem Rücken ansieht. So eine Stadt kenne ich auch. Zu meinem eigenen Schutz und um den Eingeborenen nicht zu nahe zu treten, habe ich ihren Namen geändert. Ich bin zwar nicht sicher, ob die Süderhausener Eingeborenen (Und damit meine ich nicht die Zugezogenen, sondern die von dort abstammende Bevölkerung!) lesen, aber da der Teufel bekanntlich ein Eichhörnchen ist und ich an meinem Leben hänge, bleibe ich bei der Änderung.
Das Autokennzeichen von Süderhausen ist weit über die Stadtgrenzen hinaus berüchtigt (man kennt es und erschauert bei seiner Erwähnung sogar in Friedrichshafen, Hamburg und Berlin), was an der eher unorthodoxen Fahrweise der Ureinwohner liegt. Autos werden hier ohne Blinker ausgeliefert, dafür aber vom Werk an tiefergelegt. Süderhausen ist die einzige Stadt, in der ich mehrere Twingos mit Breitreifen, Rennlenkrad und Sportfahrwerk beobachten durfte. Ich bin sicher, wenn es möglich wäre, einen Daewoo Matiz mit Spoilern, Heckflosse und Hosenträgergurten auszustatten und tieferzulegen, dann gäbe es ihn in Süderhausen.
Radfahren kommt in Stadt und Kreis einem Suizidversuch gleich. Seit ich meine Heimatstadt und damit Fahrvermögen, Kennen und Einhalten von Verkehrsregeln und Rücksichtnahme auf schwächere VerkehrsteilnehmerInnen verlassen habe, fahre ich nur noch mit Helm Fahrrad.

Erst kürzlich hat mir ein Trecker auf einem Feldweg die Vorfahrt genommen. Der Treckerfahrer begründete das damit, dass er noch nie einen Radfahrer gesehen hätte, der schneller fährt als Schrittgeschwindigkeit. Ich klärte ihn auf, dass ich erstens Sportlerin sei und zweitens nicht aus Süderhausen, sondern der etwas weiter südlich gelegenen Großstadt käme. "Aber warum fahren Sie dann nicht Auto?" fragte er mich verständnislos und mit leicht debilem Lächeln. Ich versprach ihm, schnellstmöglich mein Mountainbike tieferlegen zu lassen und mir breitere Reifen zu besorgen.
Aber ernsthaft: Menschen, die nicht in der Lage sind, einen Blinker zu betätigen, wenn sie abbiegen oder anhalten wollen, die entweder so fahren, als stünden sie unter starken Beruhigungsmitteln oder als hätten sie eine Hormonkur mit Bullentestosteron hinter sich, sind mir suspekt. Deswegen der Helm. Eigentlich hätte ich ihn auch gern beim Autofahren auf.
Wenn die Süderhausener nicht Auto fahren, kaufen sie ein. Oder essen Eis, Kuchen und Bockwürste. Es gibt einmal pro Jahr eine Veranstaltung, die sich ausschließlich um Essen dreht und eine andere, bei der das Auto im Mittelpunkt steht. Ganz Süderhausen ist dann auf Achse, bestaunt Motoren, Würste und den ortsansässigen KfZ-Großdealer und labt sich am Bierstand. Die zweimal jährlich stattfindenden Laufveranstaltungen sind eher spärlich besucht - der Süderhausener mag sich nicht gern unmotorisiert fortbewegen.


Was man hier überhaupt nicht schätzt, ist Kultur. Vor zwei Jahren gab es eine Aufführung von "Schwanensee" mit dem Moskauer Staatsballett. In der bereits erwähnten Großstadt weiter südlich war die Halle ausverkauft; in Süderhausen fanden sich ca. 100 wahrscheinlich Zugezogene und darum an Kultur Gewöhnte zusammen. Peter Steiners Theaterstadl, die alljährlich stattfindende Oldienacht mit einer entsprechenden Anzahl von Bier- und Bratwurstständen und Konzerte des einen oder anderen abgehalfterten Schlagersängers werden hingegen goutiert.


Manchmal habe ich den Verdacht, dass die Eingeborenen nicht sehr viel herumgekommen sind. Und da sie es auch den NeubürgerInnen sehr schwer machen, mussten sie möglicherweise bei der Clanbildung hauptsächlich auf Familienmitglieder zurückgreifen. (Sollte ich mich schon ducken?)
Inzwischen allerdings hat auch hier das multikulturelle Leben Einzug gehalten: Der Marktplatz ist fest in der Hand einer weitverzweigten libanesischen Großfamilie, die aufgrund der Tatsache, dass sie eine Bedarfsgemeinschaft mit Vervielfachungspotential bildet, genügend Geld bekommt, um dem arbeitenden Volk in aller Ruhe vom Cafésessel aus bei seinen Verrichtungen zuzusehen. Um eine Fitnessbude mit geringstmöglichem Monatsbeitrag gruppiert sich die russiche Gemeinschaft, und auch Dönerbuden und türkische Gemüseläden gibt es in mehrfacher Ausfertigung. Wie kommen die Süderhausener mit diesem Einmarsch fremder Kulturen zurecht? Meine These ist, dass sie ihre möglicherweise entstandenen Aggressionen beim Autofahren austoben, vorzugsweise an harmlosen RadfahrerInnen.


Gern wird allerdings auch der Parkverkehr geregelt. Erst kürzlich musste ich mir von einem übergewichtigen und angsteinflössend rotgesichtigen Familienvater im Großraumwagen eine lange Rede (er war zwar nicht sehr wortgewandt, sondern benutzte mehr die ortsüblichen Grunzlaute) darüber anhören, dass ich unverschämterweise auf einem Mutter-Kind-Parkplatz stand. Ich bin keine Mutter, das gebe ich zu. Er aber auch nicht. Glücklicherweise bin ich nicht von hier, verfüge also über gesundes Denkvermögen und ein gewisses Maß an Souveränität und bin deswegen in der Lage zu erkennen, wann ich meine Zeit mit Sinnlosem vertue. Ich schenkte ihm ein süßes Lächeln, wünschte ihm einen schönen Tag (was seine Gesichtsfarbe ein wenig ins Violette abgleiten liess) und fuhr meines Weges.


Seit einiger Zeit kaufe ich wieder in der bereits mehrfach erwähnten und von mir sehr geliebten südlich gelegenen Großstadt ein. Süderhausen betrete ich nur im absoluten Notfall, und dann bin ich mir der Gefährlichkeit meines Tuns bewusst.


Selbstverständlich bin ich bereit, Ausnahmen zu akzeptieren! Ich kenne eine. Die ist intelligent, freundlich und kann Auto fahren.
Und trotzdem will und muss ich der Dame zustimmen, die ein schweres Beamtinnenschicksal nach Süderhausen verschlagen hat und die kürzlich feststellte, dass die Vorteile, die dieses Städtchen aufzuweisen hat, ganz klar in der Nähe zu zwei Autobahnauffahrten, einer Bundesstraße, einem ICE-Bahnhof und einer Großstadt liegen. Ihre genauen Worte waren: "Das Schöne an Süderhausen ist, dass man sehr gut und schnell von hier wegkommt."

Jetzt ducke ich mich aber wirklich. Und renne, so schnell ich kann, nach Whausen, einem netten, beschaulichen Dörfchen, das zwar im Landkreis Süderhausen liegt, sich aber tapfer gegen jeden stumpfsinnigen Fremdeinfluss sträubt.

26 Mai 2007

Mäuse, Käse, Ängste und wildgewordene innere Katzen

Vor langer, langer Zeit habe ich einmal in meinem Tagebuch geschrieben: "Die Maus sitzt zwischen zwei fetten Käsestücken, kann sich nicht für eines entscheiden, frisst gar nicht und stirbt." Mausetot eben. Da braucht es gar keine Katze, die fünf Mäuse pro Nacht erlegt!

Ich sitze nicht zwischen Käsestückchen, sondern habe welche vor meinem inneren Auge. Möglichkeiten. Und weil ich mich anscheindend in irgendeiner unkomfortablen Komfortzone eingerichtet oder Angst vor dem Erfolg habe, tue ich gar nichts. Fresse den Käse nicht (was gelogen ist - ich hatte gerade zwei große Scheiben Gouda), und verfalle in blinden Aktionismus, der mit dem, was ich eigentlich tun will, eben nichts zu tun hat. Sollte das der Mäuseanteil sein? Und wenn ja, wie kann ich ihn wertschätzen und dazu bringen, seinen bepelzten Arsch zu bewegen? Oder ist es gar meine innere Katze, die Appetit auf ein wenig Maus hat und gleich alles wegfrisst, aus dem etwas hätte werden können? Der Räuber? Den gibt es auch, lesen Sie einmal "Die Wolfsfrau"; ist ein sehr interessantes Werk.

Das Wort VerZETTELN gewinnt neue Bedeutung. Ich könnte jetzt zu meiner Ehrenrettung anmerken, dass ich Kurs gegeben habe und ausserdem wochenendreif war. Wäre aber gelogen. Ich bin müde, das ist richtig, aber ich bin nicht müde, weil ich zuviel gearbeitet habe, sondern weil mich diese Müdigkeit davor schützt, ernsthaft zu arbeiten. Wenn die Festplatte sich selbst fragmentiert und nur noch mit einem dieser Fragmente kommuniziert, schneidet sie sich von ihren eigenen Informationen ab. Das ist jetzt nicht "ordentlich computerisch", mir aber egal, weil es meinen Zustand trifft. Was also habe ich heute getan? Gelaufen bin ich, eingekauft habe ich, trainiert habe ich, zweieinhalb Stunden Kurs gegeben habe ich, in der Sauna war ich, Brian Tracy habe ich gelesen, und jetzt sitze ich seit einer guten Stunde vor dem Laptop, und das, was Sie hier sehen, ist meine erste kreative Tat für heute. Ist ein bisschen wenig angesichts eines geplanten Bestsellers. Da wird die Wiese nicht grün! Sie wechselt nicht einmal von vertrocknet in einen Zustand, der Hoffnung machen könnte.

Was tun? Den bremsenden Teil finden, wertschätzen und in den Allerwertesten treten? Den bremsenden Teil bremsen lassen und den Antriebsteil suchen und stärken? Überhaupt irgendeinen arbeitswilligen Teil finden? Oder schlafen? Ich hätte gern ein wenig Input, aber ein inputgebender Teil befindet sich gerade ganz woanders. Angelt. Dorsche möglicherweise, jedenfalls keine Filets. Der Angler in mir sitzt bewegungslos am Ufer, zwei oder drei Ruten ausgeworfen, und starrt mit debilem Lächeln ins Wasser, voller Hoffnung auf Erlösung. Bin mir allerdings nicht sicher, ob ein Fisch meine Probleme lösen könnte. Da muss schon ein Armani-Anzug her. Und den bekomme ich nur, wenn... Und dazu muss ich endlich... Sch...!!! Einmal im Kreis gelaufen. Wenn ich nochmal losrenne, werde ich müde und kann ins Bett gehen. Morgen stehe ich dann früh auf und laufe. Schreibe vielleicht.

Wenigstens weiss ich, was ich brauche. Das und noch mehr. Einen Sträflingsgaleerenantreiber, der die riesige Pauke schlägt und mir mit seiner Peitsche eins überbrät, wenn ich nicht spure. Der müsste doch auch irgendwo in mir sein - vielleicht bekomme ich ihn aktiviert?

Knappe zweihundert Seiten warten auf Leben - und ich gehe jetzt schlafen. Morgen. Morgen ganz bestimmt. Ohne Mäuse, Käse und Katzen.

24 Mai 2007

Wollen. Können. Sollen. Müssen. Wünschen.

Ich sollte. Dringend sollte ich. Aber will ich auch? Falsche Frage: Kann ich auch? Habe ich den Mut zu wollen oder zu sollen oder zu können? Kann die Frau können, die angesichts eines Nachtfalters nicht mehr konzentrationsfähig ist? Darf die Frau wollen, die sich nicht aufopfern will für einen anderen Menschen, egal, wie verwandt er/sie ist? Soll die Frau müssen, die bis heute gewartet hat mit der Erfüllung ihres Lebenstraums?

Auf einem Klassentreffen träfe ich auf ÄrztInnen, LehrerInnen, ProfessorInnen, DoktorInnen, Erfolgreiche, Reiche, Erfolgte. Deswegen bin ich auch nicht hingegangen. Habe kein Haus, kein Auto, kein Boot, keine Pferde. Wollte sie auch nie. Wollte etwas anderes, das möglicherweise in greifbare Nähe gerückt ist. Kann ich jetzt auch? Bremse ich mich an mir selbst? Werde ich verstanden werden können, und wenn, werde ich das dann auch glauben wollen? Können? Werde ich haben und merken, dass es da ist? (Ich "habe" nicht, will auch nicht haben, will sein. Bin ich? Und wenn ich bin, bin ich es mit Dir? Oder mit mir? Oder mit gar niemandem?) Was bin ich? Fünf Mark ins Schwein für alle, die es herausfinden wollen! Es geht nämlich nicht um die Erkenntnis, sondern um das Interesse daran. Es geht um mich. Aber nicht nur. Es geht um Veränderungen, den Wunsch nach Erkenntnis, den Wunsch nach Erfüllung der Träume. Der dann, wenn die Träume zum Greifen nahe kommen, ein Alptraum werden kann. Denn was ist ein erfüllter Wunsch? Das Erreichen eines Zieles, das dazu zwingt, neue Ziele zu formulieren.

Mein Leben und ich - werden wir miteinander alt? Wie wird es sich, von nachlassender Hautspannung und gelegentlichem Überdruss abgesehen, anfühlen? Werden dann noch mehr jüngere Menschen "Sie" zu mir sagen? Mir mein Gehwägelchen nachtragen? Oder werde ich im GEO zitiert als Hoppseoma? Auch wenn ich wirklich unglaublich gern hoppse und feststelle, dass ich noch immer sehr, sehr viel Energie dafür habe - ich wäre lieber die ... (Sag ich nicht, bin abergläubisch!). Ich weiß, was ich mir wünsche. Werde ich es bekommen? Wird derselbe Gott, der Tausende von Menschen sterben lässt (und ich gestehe ihm/ihr vernünftige Gründe zu), überhaupt die Zeit haben, auf mich zu achten? Möglicherweise ja, denn ich bin interessant, weil ich an einen rächenden, dogmatischen, strafenden Gott nicht glauben mag; ich suche die Sinnesfreude.

Aber trotzdem: Werde ich alt? Mit Dir? Will ich überhaupt alt werden? Will ich nicht viel lieber vor den Trecker fahren mit 30 km/h und dem Gefühl, dass es mir großartig geht? Dass ich nicht einmal weiß, wo die Gehwägelchen wohnen? Holzhackenderweise vielleicht?

Ich möchte sterben, während ich etwas Schönes tue oder geschehen lasse. Nicht beim Sex, denn ich möchte nicht, dass mein Liebster sich erschreckt. Aber wie wäre es beim Laufen? Bergauf, 12% Steigung, Hitze, viel Lust, der Wald riecht wunderbar, und dann... Pengpüfftot. Das fände ich schön.

Eigentlich will ich aber im Moment überhaupt nicht sterben. Ich will meine Wege verfolgen, wo immer sie hinführen mögen. Ich will brotlose Künstlerin sein, will ohne Netz und doppelten Boden arbeiten, auch mit der Gefahr, abstürzen zu können. Aber ich weiß, dass ich kann. Ich werde können wollen. Ich will können. Ich muss nicht mehr sollen, und ich will nicht mehr müssen. Ich will nur noch wollen.

23 Mai 2007

Der Strand

Erwachend
lasse ich meine Augen geschlossen,
spüre Deine Wärme neben mir,
um mich herum.

Ich lächle in die Sonne,
begrüße einen neuen Tag.
In meinen Nacken,
zwischen die Haare,
atmest Du,
legst Deine Lippen auf meine Haut.

Ich fühle Dein Leben an mir.
Es geht mir nicht schlecht.

Strände, Pfingstrosen und Glücksfälle

Eigentlich sollte ich längst im Bett sein - die letzte Nacht war recht kurz. Eigentlich... Ich habe heute, zwar indirekt, aber deswegen nicht weniger willkommen, ein Kompliment bekommen von einem alten Herrn: "Wer sie (also mich) einmal zur Frau bekommt, kann sich glücklich schätzen." Ich muss noch immer lächeln, denn ich sehe ihn vor mir: Strahlende blaue, sehr lebendige Augen, jetzt, wo er bei sich zu sein scheint, wortkarg, wenn man ihn fragt, wie es ihm geht, sagt er anscheinend fast immer: "Gut." Mir hat er gesagt, dass er seine Tür für mich auflassen würde. Ich kann nicht anders als lächeln beim Gedanken an ihn, und ich gebe ehrlich zu, dass ich sehr, sehr stolz bin. Wenn jemand mit soviel Lebenserfahrung so etwas sagt, darf ich es auch sein, denke ich. Mein überkritisches Ich fragt zwar recht hartnäckig, was ich bitteschön denn getan habe, um so eine positive Meinung zu erzeugen. Ältere Menschen sind vielleicht nicht mehr so gut im Beurteilen anderer?

Liebes Kritik-Ich, ich habe Deine Meinung gehört, und es ist mir sch...egal, was Du schon wieder zu meckern hast! Geh am besten gleich zu meiner Mutter, tu Dich mit ihr zusammen, schimpft gemeinsam über meine Unzulänglichkeiten! Ich jedenfalls werde glauben, was er gesagt hat. Versteh mich nicht falsch, ich habe Dich wirklich gern, Du gehörst zu mir (Für Neu-LeserInnen: Ich rede gerade mit einem meiner Anteile, und es geht mir großartig. Sie sind auch ganz viele, möglicherweise kennen Sie nur noch nicht alle. Wirklich. Vertrauen Sie mir!), und ich weiß es zu schätzen, dass Du für möglichst viel Perfektion sorgen willst. Heute aber möchte ich mir diese schönen Worte nicht verwässern lassen, und darum bitte ich Dich recht herzlich: Halt's Maul! Jetzt!

Mein Blick fällt auf die Pfingstrosen, die ich mir mitgenommen habe und deren Duft meine Wohnung erfüllt. Da war nicht nur der alte Herr; ich habe sehr viel Liebe genossen in den letzten Tagen, Sonne, habe mich und meinen Körper gespürt, habe Holz gehackt und mit einem wildgewordenen Rasenmäher gekämpft. Ich habe mir fette Menschen an Flüssen angeschaut und trotzdem nicht den Blick für den Prinzen verloren. Ich war nicht auf Kreta, aber ich war an (m)einem Strand. Musste beim Abschied schon genauso weinen wie vor viel zu langer Zeit, als ich mich das letzte Mal von Kreta verabschiedet habe. Die Tränen haben mich bis nach Hause begleitet, aber sie haben sich richtig angefühlt. Ein Zeichen für Leben, für die Fähigkeit, Nähe zuzulassen trotz Angst, genießen zu können und es mir selbst auch zu erlauben.

An einem Strand ist es möglich, die Gedanken schweifen zu lassen, in sich hineinzufühlen, zu genießen, zu sein. Und ich war. Bin noch immer, aber irgendwie ein ganz kleines bisschen anders. Denn jetzt trage ich die positive Meinung zweier alter und erfahrener Menschen in meinem Herzen. Und noch viel mehr, aber das ist eine andere Geschichte und wird hier nicht erzählt werden.

22 Mai 2007

Stühle, Flüsse, verhinderte Liebesgeschichten und Übergewicht

Möglicherweise mache ich mir mit meinem heutigen Beitrag nicht nur FreundInnen. Aber in Zeiten von "Fit statt fett", den Alarmsignalen, die allgemein ausgesendet werden in bezug auf Übergewicht, ungesunde Ernährung und zuwenig Bewegung möchte ich mich einfach nicht zurückhalten. Um aber Frustrationen der geschätzten LeserInnen im Vorfeld möglichst auszuschließen, ein paar Warnungen vorweg:
  1. Lesen Sie nicht weiter, wenn Sie übergewichtig und der Ansicht sind, Sie könnten nichts dafür.
  2. Lesen Sie nicht weiter, wenn Ihr Kind übergewichtig ist und Sie sich das überhaupt nicht erklären können.
  3. Lesen Sie nicht weiter, wenn Sie glauben, McDonalds, BurgerKing und Co. böten vollwertige Schonkost.
  4. Lesen Sie nicht weiter, wenn Sie SportlerInnen für geistesgestört halten.
  5. Lesen Sie nicht weiter, wenn Sie aus Krankheitsgründen übergewichtig sind bzw. seien Sie sich beim Lesen bewußt, dass Sie wirklich nichts dafür können.
  6. Lesen Sie nicht weiter, wenn Sie Sport treiben, sich einigermaßen gesund ernähren, aber trotzdem ein paar Kilos zuviel mit sich herumtragen bzw. seien Sie sich bewußt, dass Sie und Ihr Lebensstil vollkommen in Ordnung sind.
  7. Lesen Sie nicht weiter, wenn Sie mit persönlich werdender Polemik ein Problem haben.
  8. Lesen Sie auf gar keinen Fall weiter, wenn Sie Oliver Pocher nicht mögen!
So. Das muss reichen. Ist da noch jemand???


20.05.07 (eigentlich schon der 21.05.07)



Am Fluss stehen Stühle. Haufenweise. Naja, ist vielleicht ein ganz klitzekleines bisschen übertrieben. Aber viele Stühle gibt es wirklich. Ich meine diese in jedem Baumarkt käuflich zu erwerbenden Plastikstühle, die einigermaßen bequem sind, wenn man noch ein Kissen auf die Sitzfläche legt, das in der Regel den doppelten Wert des Stuhles hat. Diese Stühle allerdings waren ohne Sitzkissen. Man könnte meinen, dass sie von eifrigen, aber nach des Tages langer Sitzerei ermüdeten Anglern zurückgelassen worden sind. Ich kenne einige Angler und kann mir das nicht vorstellen. Eher tippe ich darauf, dass eine übergewichtige deutsche Familie während des gemeinsamen Picknicks deutlich zugenommen und deswegen den Stuhl nicht mehr im Auto unterbekommen hat. Das Sitzkissen haben sie wahrscheinlich mitgenommen und auf dem Schoß des am wenigsten Vollgefressenen zwischengelagert. Der Stuhl war ersetzbar.

Ausgehend von dieser Hypothese bedeutet das ein erhöhtes Fressaufkommen an deutschen oder sogar europäischen Gewässern, denn ich gehe nicht davon aus, dass dieser spezielle Fluss ein Einzelfall ist.

Manche der Übergewichtigen mit dem Wunsch nach mehr finden sich allerdings auch in den Ausflugslokalen längs des Flusses. Das sind die Personen, die sich gerade mit einer bereits fettigen Serviette zierlich die Mundwinkel tupfen, während Nichtfettwerdenwollende auf Fahrrädern, Inlinern oder laufenderweise an ihnen vorbeidefilieren. Die Tupfenden schauen in der Regel etwas mitleidig, so, als wollten sie sagen: „Lauft Ihr nur, uns geht es besser. Wir haben nämlich zu essen, und wir genießen es!“ Noch, meine lieben Fresssäcke, noch! Wenn das sogenannte „schlechte“ Cholesterin erst einmal seinen Weg in die Blutbahn gefunden hat, die Arterien verstopft sind und die lebenswichtigen Organe im Bauchraum mit einer adäquaten Fettschicht umhüllt wurden, gibt es die Rechnung.

Sie dachten, Sie hätten Ihre Rechnung gezahlt, als sie dem Kellner ein von einem leisen Rülpser begleitetes „Stimmt so!“ zugeraunt haben? Ich sage Ihnen, der Preis liegt deutlich über den zwanzig Euro, die sie im Lokal, bei den diversen amerikanischen Systemgastronomen oder Aldi, Lidl, Penny, Plus gelassen und für die sie als Gegenwert eine quasi nicht vorhandene Nährstoffdichte, stattdessen einen Fettanteil, der deutlich über dem Wochenbedarf eines Normalgewichtigen liegt (über Ihrem auch, aber das glauben Sie ja niemandem…), einkettige Kohlenhydrate und sonstige Schweinereien erhalten haben. Sie werden ein Vielfaches zahlen mit Atemnot, Arthrose und Bluthochdruck, einem frühen Schlaganfall oder Herzinfarkt, eingeschränktem Bewegungsradius (die Puste reicht einfach nicht mehr!) und mit Glück für die Solidargemeinschaft der Kassenversicherten einem frühen Tod.

Warum ich so garstig bin, fragen Sie mich? Sollte ich freundlich umgehen mit Personen, die einem ganzen Land langfristig mit ihrer Disziplinlosigkeit massive Schäden verursachen, weil unter anderem das Gesundheitssystem unter den Kosten für Zivilisationskrankheiten zusammenbricht? Sollte ich nachsichtig sein mit Eltern, die an ihren eigenen Kindern Körperverletzung begehen, indem sie sie mit minderwertigem Mist vollstopfen? Soll ich Verständnis haben für dringend erforderliche Sonderausgaben der Krankenhäuser, weil die fettleibige Klientel nicht mehr auf eine normale Krankenwagenpritsche oder ins normal große Bett passt? Sie tragen große Teile der Verantwortung für Gammelfleisch- und sonstige Skandale, weil Sie ausschließlich nach Quantität, nicht aber nach Qualität suchen. Ist ja auch nicht nötig, wird ohnehin nur eingeatmet und mit Glück irgendwann wieder ausgeschieden, der Dreck!

Intolerant? Ich? JA!!! Bin nämlich direkt betroffen, weil ich statt einer wunderschönen Geschichte über einen Prinzen, der von einem einsamen Stern auf die Erde gefallen ist, nichts weiter bei sich hat als seinen Thron, und der dann, als sich der Thron in einen billigen Baumarktsessel verwandelt, die Liebe einer jungen Joggerin gewinnt, mit ihr zusammenzieht und in Freude und Liebe bis an beider seliges Ende lebt und als Zeichen für dieses unbeschreibliche Glück seinen Thron am Fluss stehengelassen hat, damit alle wissen, dass Träume und Liebe möglich sind, eine über dicke Menschen beim Picknick schreibe. Es gab keine Prinzen auf dem Weg, aber es hätten welche dort sein können. Das macht mich zugegebenerweise unleidlich.

Trotzdem wünsche ich Ihnen allen einen gesegneten Appetit!

16 Mai 2007

Ausgestiegen

Unterschiedliche Wahrnehmungsweisen, eine Geschichte, erzählt von Person A, kommt bei Person B so an, dass A nach erfolgter Rückmeldung nicht mehr sicher ist, ob von der gleichen (derselben??? konnte ich nie unterscheiden...) Geschichte die Rede ist. Interpretation. Bestätigt meine These von der nichtvorhandenen Welt und erleichtert mir das Leben ungemein. Bedeutet allerdings auch, dass bei 7% Inhalt, die innerhalb einer Kommunikation beim Gegenüber ankommen, entweder unglaublich viel gesprochen werden muss, um die Quantität des Inhalts zu erhöhen (7% von 1.000 Wörtern ist deutlich mehr Inhalt als 7% von 50 Wörtern - und wenn man dann bedenkt, dass das Durchschnittspaar pro Tag nur noch 4 Sätze wechselt, müssen das sehr, sehr lange Sätze sein) oder dass sehr viel Gestik, Mimik und Tonalität eingesetzt werden sollten.

Dann allerdings stellt sich ein weiteres Problem: Sollte ich meine nonverbalen Signale bewußt wählen, damit mein Gegenüber mich versteht? Kann ich das überhaupt? Und was ist, wenn Signale ankommen, die ich gar nicht aussenden wollte? Ich erinnere da an die etwas eigenwillige Interpretation eines sehr lieben Freundes hinsichtlich erweiterter Pupillen bei Frauen: Hat sie große Pupillen, will sie Sex. Hat sie kleine Pupillen, will sie auch Sex, lügt aber. Bei einem derartigen Wahrnehmungsfilter hat Mimik keine Chance!

Wie komme ich darauf? Ein Traum, dessen Inhalt so bei mir angekommen ist: Er sitzt in meinem Auto, und ich fahre wie die berühmte gesengte Sau. Ist soweit noch nicht realitätsfern, obwohl ich feststelle, dass ich inzwischen auch den defensiven Fahrstil beherrsche. Wichtig ist mir Bewußtheit über das, was ich tue. Manchmal entscheide ich mich eben bewußt für eine eher offensive Fahrweise, lege Rammstein oder Scooter ein und gebe die wildgewordene Northeimerin; unterstützt durch das deutschlandweit berüchtigte Kennzeichen NOM beanspruche ich eine gewisse Narrenfreiheit für mich. Bin ja nicht von hier. Aber ich schweife schon wieder ab. Also: Er sitzt in meinem Auto, und ich fahre sehr offensiv. Er bittet mich um eine angepasste Fahrweise, was ich ignoriere. Er steigt aus.

Jetzt komme ich zum Interpretationsteil. "Großartig!", denke ich, denn ich sehe einen Fortschritt. Statt sich meine Fahrweise weiter anzutun und dabei möglicherweise höchst unangenehme Gefühle zu entwickeln, steigt er aus und läßt mich weiterfahren. Ich halte das auch im übertragenen Sinne für eine wunderbare Lösung, denn ich werde mich irgendwann beruhigen und möglicherweise wieder zurückkehren, um ihn einzusammeln. Er kann derweil entspannt seinen Geschäften nachgehen oder im Straßencafé sitzen, das es dort, wo er ausgestiegen ist, bestimmt geben wird. Alle Teile sind zufrieden: Er muss sich nicht meinen Anfällen von Raserei aussetzen, sich möglicherweise sogar für mich verantwortlich und damit logischerweise schlecht fühlen, ich muss mich nicht bremsen.

Soweit zu meiner Interpretation. Eine weitere Möglichkeit ist, den Traum als schrecklich zu empfinden, weil es eine Trennung gibt. Er ist ja ausgestiegen und damit erstmal weg.

Gerade verspüre ich Lust, diesen Traum noch in andere mögliche Welten zu übersetzen. Der von mir häufig bespöttelte Northeimer würde möglicherweise denken "Boah, geil, endlich kann ich wieder die Musik aufdrehen!", eine überbesorgte Mutter könnte "Oh Gott, ich wußte doch, dass sich das Kind irgendwann totfährt!" sagen. Frauen mit Behütezwang (meine Sicht auf die Welt!) würden überhaupt nicht auf die Idee kommen, IHN aussteigen zu lassen. Das wäre ja, als ob sie sich weigerten, die Tomaten für ihn zu schneiden! Die "Hardcore-Emanze" würde sich möglicherweise darüber aufregen, dass er es überhaupt wagt, ihren Fahrstil in Frage zu stellen. Ein umweltbewußter Mensch wäre angesichts der drohenden Klimakatastrophe entsetzt über die Verschwendung von Ressourcen und riete mir, mit der Bahn zu rasen. Die Töchter meiner Vermieter würden juchzen und quietschen und sich in die Kurven legen.

Ein Traum. Trotzdem entscheide ich mich heute bewußt für einen friedliebenden und klimaschonenden Fahrstil, werde Rammstein zuhause lassen, stattdessen Zucchero hören und mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht auch den Schnarchtatzen vor mir "Friede sei mit Dir" hinterherrufen.

15 Mai 2007

Geschreibsel, entwichen aus Luftblasen im Gehirn

Heute früh, kurz vor fünf wars, hatte ich noch sehr viele Ideen im Kopf, die dringend weiterverfolgt werden wollten. Dann habe ich gesnoozt. Mich in und mit meiner Bettdecke verknäuelt im Gedanken an Wärme, obwohl mir überhaupt nicht kalt war. Den Vögeln zugehört und meinen Tag geplant. Ich gebe heute vier Stunden Kurs am Stück und bin gespannt, wie mich der Abend finden wird. Mein Energiepegel sagt eigentlich: "Liebes Kind, Du brauchst Urlaub!", meine Beine sagen "Lauf, Du bist doch fit!", und in meinem Kopf ist eine semiangenehme Leere. Nein, keine richtige Leere, mehr so eine Luftblase, die sich so aufgepustet hat, dass ich das Gefühl habe, es sei etwas drin in meinem Kopf, obwohl da eigentlich gar nichts ist. Wer spricht?

Ich bin immer sehr interessiert an dem, was ich schreibe, weil ich ja vorher meist noch nicht weiß, was ich schreiben werde. Wenn ich dann lese, was ich gedacht habe, erschließt sich mir manchmal sogar, welcher meiner Anteile sich da gerade zu Wort gemeldet hat. Heute scheint meine innere Verwirrte zu Wort kommen zu wollen. Ich schweife, bin unflüssig, schaue zwischendurch auf meine Finger oder einfach so rum. Habe immer noch kein richtiges Thema im Kopf. Was mich gerade jetzt umtreibt ist die Frage, was ein Leser/eine Leserin empfindet, wenn sie etwas lesen, von dem nicht einmal die Autorin sagen kann, was es werden soll, wenn es einmal fertig ist. Vielleicht wird es ja nicht einmal fertig?

Kurze AndenFingernspielUnterbrechung.

Nachdem ich vorgestern noch mein Näschen gerümpft habe über Exzesse bei irgendwelchen Burgerbrätern, habe ich gestern höchst unayurvedisch 900 ml Langnese Cremissimo (Vanille-Eierlikörgeschmack mit Schokostreuseln) vertilgt, 800 ml am Stück, den Rest dann irgendwann später. Die Damen, die sich in meine Box-Condition getraut haben, mussten unter den Folgen meines schlechten Gewissens leiden und hatten am Ende der Stunde eine mehr als nur gesunde Hautfarbe. Und ich habe jetzt Muskelkater und Gegrummel im Bauch, eisbedingtes, aber auch weil ICH MICH über MICH sehr ärgere. Ein Tripleärger sozusagen. Die Fressorgie stand nämlich unter dem Motto: "Ich hatte eine anstrengende Woche, ein lehrreiches, aber ebenso anstrengendes Wochenende, und jetzt tue ich mir Gutes." Ein Spaziergang, Salat und etwas Bitterschokolade wären die bessere Wahl gewesen. Merken. Fürs nächste Mal.

Bevor ich jetzt meinen wirren Anteil weiter strapaziere und mit peinlich berührter Miene zusehe, wie er irgendwelchen Blödsinn zusammenschreibt, schicke ich ihn unter die Dusche. Wenn ich es schaffe, mich von meinem Schreibtischhocker zu erheben, gehe ich gleich mit. Frühstück wäre auch nicht schlecht.

Allen Verwirrten, Verstörten, irgendwie nicht Beisichseienden, unter dem Regen leidenden, Überanstrengten, Urlaubsreifen oder sonstwie leicht Gehandicapten wünsche ich viel Energie für den Tag!

14 Mai 2007

Gedanken einer schlaflosen Nacht oder Wieder etwas gelernt

Nicolas Sarkozy kehrt von seinem Yachturlaub auf Malta zurück, lässt Exekutive, Legislative und sonstige störende Elemente entfernen, ruft sich zu Napoleon III aus, beendet die Mitgliedschaft Frankreichs in der EU und regiert das Land fortan allein. Auch die Handküsserei auf Frau Merkels Rechte stellt er ein.
Dieter Bohlen zieht laut singend in den Bundestag, was dazu führt, dass nahezu sämtliche Mitglieder der deutschen Regierung einen Hörsturz erleiden und aufgrund des ständigen Piepens nicht mehr arbeitsfähig sind. Die anderen klatschen mit; ihnen ist also nicht mehr zu helfen. DB begibt sich ans Rednerpult, sagt "Das ist ja zum Abspritzen geil hier.", ruft sich zum Kanzler aus, adoptiert Mark Medlock und richtet eine Diktatur nach dem Vorbild von Modern Talking ein.
Der FC Bayern München stellt die erfolgreiche Vergabe von depressionsfördernden Mitteln an die Spieler von Werder Bremen, dem FC Schalke 04 und dem VFB Stuttgart ein und nimmt gegen Ende der Saison die Meisterschale aus den Händen von Theo Zwanziger entgegen, der unmittelbar nach der Übergabe von Franz Beckenbauer totgeschwafelt wird.
Der dicke NDR-Moderator platzt bei der sonntäglichen Ausgabe von "Bingo", bedeckt Sponsoren und Publikum mit seinen blutenden Überresten und haucht mit seinem letzten Atemzug "Bingo! Es ist möglich!". Das Publikum wird niemals erfahren, was er damit gemeint hat.
Horst Seehofer heiratet Ulla Schmidt, sie adoptieren fünfzig übergewichtige Kinder und führen mit ihnen ein selbstentwickeltes Abnehmprogramm durch. Allerdings interessiert das niemanden, weil ja Dieter Bohlen und Mark Medlock die Regierungsgeschäfte übernommen haben und von Burger King, Haribo und Coca Cola gesponsert werden.
Ich sitze an meinem Schreibtisch, sehe im Westen einen hellroten Streifen, höre dem Gezwitscher der frühen Vögel zu und frage mich, warum ich nicht einfach noch ein Stündchen schlafe.
4.57. Whausen. Die Frisur ist zerstört. Trotz DreiWetterTaft.
Guten Morgen!

13 Mai 2007

Berührungen

Ich spüre Deine Hand
auf meinem Rücken,
sie streichelt sanft.

Ich erschauere unter Deiner Hand
auf meinem Bauch,
sie macht mir Lust.

Ich genieße das Gefühl
Deiner Haut
an meiner.

Meine Hände sehen Dich.

12 Mai 2007

Im Regen versunken sind Felder und Bäche...

Und schon wieder Regen... Warum muss es das Wetter neuerdings (oder war das schon immer so, und ich habe es nur nicht gemerkt?) so übertreiben? Im April, kalendarisch gesehen ein klassischer Frühlingsmonat, wird es so heiss, dass der normale Mensch nach Bagger- oder Nordsee lechzt, sich dort aber nicht abkühlen kann, weil ja erst April ist und der normale Kaltwasserhasser nicht in einen maximal 15° kalten Pfuhl steigen will. Also ab auf den Balkon, Blumenspritze in die Hand und selbst für Abkühlung gesorgt. Ich kann mich nicht genau erinnern, glaube aber, dass es seit Ostern relativ konstant und deutlich wärmer als 20° war. Ostern war am ersten Aprilwochenende.

Natürlich schrie alles nach Regen, einmal, weil Regen wirklich nötig war, aber auch, weil der Mensch an sich immer nach dem schreit, was er gerade nicht hat. Ich habe fein die Klappe gehalten und die Wärme genossen; Brot esse ich ohnehin nicht sehr viel, wenn also der Getreidepreis wg. Trockenheit gestiegen wäre, hätte mich das nicht sonderlich in meinem Lebensraum beeinträchtigt. Die Regenwünscher haben gewonnen, und seit Anfang der Woche regnet es. Nicht einfach nur mal so, ein paar Tropfen hier und da, damit der deutsche Bauer wieder ruhig schlafen und der Kleingärtner nicht immer mit der Gießkanne herumrennen muss, nein, sintflutartige Regenfälle sollten es doch mindestens sein! Auch, wenn das ausschließlich die von mir persönlich gefühlte Regendauer ist, mir scheint es, als würde mir seit fünf Tagen immer dann, wenn ich mich vor die Tür begebe, Wasser in nicht geringen Mengen auf den Kopf fallen. Muss das denn sein? Ich will laufen! Und ich will nicht schon beim Aufwärmen die nasse Katze geben. Das macht keinen Spaß und ist garantiert nicht gesund. Außerdem habe ich vor ein paar Tagen hingebungsvoll dargelegt, dass Dauerregen mich depressiv macht. Und auch ein wenig aggressiv. Natürlich weiss ich, dass ich an diesem Zustand nichts ändern kann, für meine Reaktionen auf das, was ich für die Welt halte, selbst verantwortlich bin und es demzufolge für mein Seelenleben besser wäre, ihn als gegeben hinzunehmen. Tue ich ja auch. Ich maule nur ein wenig.

Dann gab es noch Wind. Einen Wind, der meine frischgerettete Yuccapalme direkt wieder auf die Bretter bzw. Fliesen geworfen hat. (Sie erinnern sich? Das ist die Yuccapalme, der ich wg. Sonnenbrand diverse Blätter abschneiden musste und die jetzt mehr wie ein gerupftes Huhn denn wie eine stolze Palme aussieht.) Ich musste sie mühevoll wieder aufrichten, sie beruhigen, lange mit ihr sprechen und habe sie dann sicherheitshalber mit einem Stück Wäscheleine festgezurrt, damit sie nicht noch einmal umfallen kann. Herbststürme im Wonnemonat Mai - in Whausen und Umgebung sah es aus wie nach Kyrill light.

All das meine ich mit Übertreibung. Möglicherweise lesen die fürs Wetter zuständigen Götter und Göttinnen ja mit: Es ist gut jetzt! Der europäische Bauer hat wieder Wasser auf seinem Feld, die durch Dünge- und Insektenvertilgungsmittel auf den Acker gebrachten Gifte haben sich ordnungsgemäß verteilt und sind ins Grundwasser gesickert, die Flüsse sind voller Wasser, die Regentonnen auch, die Insekten, die an meinem Auto klebten, sind weg, und niemand stöhnt mehr darüber, dass es zu warm sei. Also macht bitte wieder schönes Wetter! Ich hätte gern 25°, blauen Himmel, Nachttemperaturen von 15°, damit ich meine wachen Nächte auf dem Balkon verbringen und frühmorgens in kurzer Hose laufen kann; und wenn es regnen will, darf es das nachts gern tun. Wegen der Bauern und der Kleingärtner. Ich mag das Geräusch des Regens auf meinen Dachfenstern - im Herbst und im Winter, wenn ich warm eingekuschelt mit einem guten Buch auf meiner Couch sitze oder in der Badewanne liegend Klavierkonzerte höre. Jetzt will ich splitterfasernackt auf meinem Balkon liegen, keine Strümpfe anziehen und meiner Petersilie beim Wachsen zusehen. Kann ich aber nicht, wenn Ihr sie ersäuft.

Also: Schluss mit Regen! Sofort!

11 Mai 2007

Tilgungen

Im NLP gilt die Annahme, dass ein Mensch verschiedene Persönlichkeitsanteile hat, die alle eine positive Absicht verfolgen. Einige von meinen kenne ich und finde sie größtenteils auch recht sympathisch. Allerdings mag ich mich nicht auf in meinem Kopf mäandernde Anteile beschränken, ich brauche Handfestes. Und so stehe ich in regem Dialog mit meinem Körper. Manchmal vertragen sich alle meine Körperteile, dann geht es mir gut, und ich tue mir Gutes. Manchmal tragen sie Konflikte untereinander aus: Eine meiner Hände greift zur Bierflasche, und während mein Kopf noch die Ansicht vertritt, dass ein alkoholfreier Abend uns allen besser täte, greift Hand Nummer Zwei zum Flaschenöffner, und der Mund öffnet sich wie von Geisterhand, um möglichst große Mengen des köstlichen Getränks auf direktem Weg in Richtung Leber zu befördern. Leber sagt "Örk!" und beschwert sich beim Kopf, dass er nichts dagegen unternommen hat. Kopf beschimpft die Hände, doch die geben die Beschwerde an die Füße weiter, die in den Schnapsladen gelaufen sind. Eigentlich fühlt sich niemand so richtig verantwortlich, fürchte ich.

Und wenn ich diesen Zustand erreicht habe, in dem sich eigentlich niemand mehr für mich verantwortlich fühlt, kann es geschehen, dass ich Dinge tue, die ich erst am nächsten Tag sehe. Essen zum Beispiel. Da wache ich morgens auf mit dem unglaublich guten Gefühl, das berühmte, nicht deutschsprachige und trotzdem vielzitierte "Dinner-Cancelling" betrieben zu haben, dessen Erfolg zwar nicht wissenschaftlich nachgewiesen ist; nichtsdestotrotz wird es von führenden Klappergestellen als DAS Mittel zum Abnehmen gepriesen. Habe aber gar nichts gecancelt, wie ich am Morgen danach in meiner Küche feststellen muss. Irgendeiner meiner wohlwollenden (oder soll ich sagen: verfressenen?) Anteile hat mich nach dem Genuss des einen oder anderen Bieres in die Küche geführt, meine Hand genommen, auf dass sie nach dem Knäckebrot fische und es mit Frischkäse belege, er hat mir einen Löffel gegeben, damit ich den Honig direkt aus dem Glas und ohne Umweg über ein Brot in mich hineinbefördern kann, vor allem aber hat mir dieser Mistkerl von einem Persönlichkeitsanteil, den ich nicht kenne und niemals in meiner Bande haben wollte, einen derart üblen Gedächtnisschwund beschert, dass ich wirklich erst anhand der noch in der Küche herumliegenden Utensilien herausfinde, was für ein Vielfraß ich bin. Kann er nicht wenigstens dafür sorgen, dass mein Aufräumteil den ganzen Kram wieder wegstellt und ich morgens nicht dieses unglaublich schlechte Gewissen mit mir herumschleppen muss?

Das Problem ist ja nicht das Essen an sich. Nein, die Tatsache, dass ich meiner armen, hilflosen Leber erst Alkohol in größeren Mengen einflöße und dann auch noch Magen und Darm plattmache, bereitet mir Sorgen. Meine Leber sollte sich inzwischen an das eine oder andere Getränk gewöhnt haben; aber was sollen diese Lücken in meinem Gehirn? Habe ich da schon den einen oder anderen vernunftbegabten Anteil im Schnaps ertränkt, oder haben die sich da von allein hineingestürzt?

Einen Trost habe ich: Erstens denke ich, und das bedeutet, das noch ein kleines bisschen Elektrizität in meinem Gehirn vorhanden ist, und zweitens hat meine rechte Hand gerade zur RiverCola gegriffen. Gut so! Andererseits - Bier unterliegt dem Deutschen Reinheitsgebot, Cola gehört der chemischen Industrie. Also ist Bier gesünder. Oder?

Ein Hinweis für empathische MitleserInnen: Es geht mir gut. Bier ist (m)ein Grundnahrungsmittel. Der recht geringe Alkoholanteil ist zu vernachlässigen. Die Welt, in der es Bier gibt, gibt es nicht. Das habe ich am letzten Wochenende hinreichend dargelegt.

Nachtgedanken, regenfrei

Das Bett will mich heute nacht nicht. In meinem Kopf schwirren die Gedanken umher; die CD läuft zum wiederholten Mal. "Lord of the Dance", die Musik zur Show von Michael Flatley und Gruppe. Seine Tänze haben mich berührt, manchmal habe ich mit Tränen in den Augen vor dem Fernseher gesessen und mir nichts mehr gewünscht als noch einmal Kind sein zu dürfen mit der Möglichkeit, ein anderes Leben zu wählen. Leider war ich für eine Primaballerina erstens nicht diszipliniert genug und zweitens nicht rudelkompatibel, will heißen, in der Lage, mich einem höheren Ziel als meinem eigenen unterzuordnen. War also nichts mit Primaballerina.

Heute darf ich vorn stehen, manchmal herumstümpern, wenn ich mich von unglücklichen oder genervten Gesichtern irritieren lasse. Das macht die Nähe. Dort, wo es keine Nähe gibt, bin ich auch nicht irritiert. Manchmal bin ich richtig gut. Das ist immer dann der Fall, wenn ich bei mir bin, mich selbst loben kann und wenn das, was ich tue, vor meinem eigenen kritischen Auge besteht.
Es ist schön, dass ich morgen nahezu ausschlafen kann. So, wie ich während der letzten zwei Wochen oft vor dem Hahn wachgeworden bin, finde ich zur Zeit einfach nicht den Weg ins Bett. Ausnahme ist ein erhöhter Alkoholkonsum. Heute gibt es aber nur Rotwein in homöopathischen Dosen. Bin wach. Sehr wach. Ideen wirbeln durch meinen Kopf wie Atome durch die Brennstäbe (tun die das?). Ich sehe auf einmal unendlich viele Möglichkeiten, die geordnet werden wollen. Auf einmal ist da eine Zukunft, mit der ich nicht gerechnet hätte. Was wird aus meinem Haus auf Kreta? Brauche ich es noch, wenn ich den Strand habe? Oder kann ich mein eigenes Haus sein? Ein Wintergarten im Sommer neuer Gefühle? Muss ich noch? Oder darf ich jetzt? Soll ich? Oder will ich?
Manche Träume werden sich möglicherweise nicht mehr erfüllen lassen.(Liebe Grüße von hier an Susanne: Ich bin neidisch auf Dich! Und ich gönne Dir jeden 32er-Bogen, den die Menschen vor der Bühne mitschreiben.) Andere werde ich leben können, denn es liegt an und in mir. Ich sollte wirklich ins Bett gehen - morgen wird eine schöne Choreographie mit logischem Aufbau von mir erwartet. Von mir. Und den anderen. Will mir keine Blößen mehr geben, sondern eine adäquate Leistung abliefern.
Ob ich nachher wohl laufen werde? Oder doch eher ausschlafen? Was auch immer ich nach dem Aufwachen tun werde, vorher werde ich träumen. Schöne, warme, erfüllte, glückliche Träume.

10 Mai 2007

"Auf Regen folgt Sonnenschein..."

Manche Tage, die regnerisch beginnen, enden mit einem wunderschönen Sonnenuntergang. Gibt es zwar heute nicht, der Himmel ist dennoch sehr schön gefärbt. Mein privater Sonnenuntergang findet auf der Leinwand statt, die ich in meinem Kopf habe und die das Bild der Welt so verändert, dass ich es mir ansehen kann. Aber die Welt gibt es ja nicht... Heute morgen schien mir einiges grau, die Grundstimmung war eher melancholisch. Jetzt, mehr als zwölf Stunden später, nach einigen sehr schönen Kursen, guten und mutigen Gedanken und einer Lebensrettungsaktion, bin ich zwar müde, aber zufrieden mit mir.

Ich habe heute (hoffentlich) ein Leben gerettet und acht neue erschaffen. Weitere zwanzig bis dreißig sind gesät. Das gerettete Leben gehört der Yuccapalme, die bei mir wohnt. Irgendetwas ist ihr auf dem Balkon nicht bekommen, und so hat sie einige Blätter eingebüßt und sah zeitweise recht traurig aus. Ich habe ihr einen neuen Platz gegeben, der meinen Balkon rein optisch zum Szene-Lokal machen könnte, die verbrannten Blätter entfernt (einer ihrer Stämme sieht jetzt leider etwas gerupft aus), sie getröstet und ihr versprochen, besser auf sie zu achten. Ich hoffe, sie verzeiht mir. Die acht neuen Leben sind aus acht Zitronenkernen entstanden, die aufgegangen sind, und ich bin wild entschlossen, in Whausen die erste fruchtbare Zitronenplantage Südniedersachsens zu begründen. Es lebe der Klimawandel, her mit den tropischen Temperaturen! Dann habe ich noch Minze, Petersilie, Dill und Schnittlauch gesät und in meinem Wohnzimmer in die Sonne gestellt. Bald kann ich mich komplett selbst versorgen, es fehlt nur ein kleiner Weinberg.

Mein Exposé wächst. Ich werde zwar den mir selbstverordneten Abgabetermin nicht einhalten können, weil es doch einiges mehr an Arbeit erfordert, als ich zunächst dachte. Aber ich habe mir gute Tipps geholt und freue mich auf die und an der weiteren Arbeit an Anna. Es wird uns guttun, wenn wir uns noch ein wenig miteinander beschäftigen. Und nein, das ist keine Verschieberitis! Ich will mir keine Chancen im Vorfeld verbauen, und deswegen kann ich mit der Verschiebung leben.

Die Kurse, die ich mit soviel Zittern ob der Beliebtheit meiner Vorgängerin begonnen habe, werden immer voller. Ich werde immer mehr ich selbst. Oder umgekehrt?

Donnerstagabend ist schön. Der größte Teil der Woche liegt hinter mir, morgen kann ich mir den Luxus des Ausschlafens, im Bettherumliegens, Möglicherweiselaufenwollens oder Kaffeeimbetttrinkens gönnen. Darauf freue ich mich. Besonders gespannt bin ich auf das NLP-Wochenende, die ersten Menschen, die nichts mit NLP zu tun haben, werden uns ihr Vertrauen und ihre Ideen oder Lösungen schenken. Und irgendwann ist dann Sonntagabend. Allein der Gedanke daran entlockt mir ein breites Lächeln, lässt mich schon jetzt träumen. Sonntagabende sind schön. Während sich die meisten arbeitenden Menschen schon mit der kommenden Woche auseinandersetzen, werde ich ein paar Stunden Wochenende, Glück und Wohlgerüche genießen.

Regengedanken sind notwendig und gut. Sonntagabendvorfreude ist...

Regengedanken

Es hat nicht die ganze Zeit geregnet. Ich bin trotzdem für jeden Tropfen dankbar, auch wenn ich keinen landwirtschaftlichen Betrieb führe und demzufolge auch nicht um meine Erträge fürchten muss.

Der prasselnde Regen mit dazugehörigen eher niedrigen Temperaturen enthebt mich der Entscheidung, ob ich lieber meine freie Zeit draussen oder am Schreibtisch verbringe. Und er verlangt von mir keine gute Laune. Regen zieht die Mundwinkel nach unten, und das ist gut so! Manchmal müssen und dürfen sie dort sein; ich kann ja jederzeit die freie Entscheidung treffen, meine ca. 360 Gesichtsmuskeln anzuspannen und damit ein neues Lächeln in mein Gesicht zu holen. Aber hier, allein an meinem Schreibtisch, den Blick aus dem Dachfenster auf Grau, Regen und verschwommene Konturen gerichtet, darf ich meine Gesichtszüge da lassen, wo sie sind. So eine kleine Donnerstagsdepression fördert die Kreativität, gibt Gedanken über das Leben, das Selbst und den ganzen Rest den nötigen Raum und nimmt ihnen diese zwanghaft positive "Alles-wird-gut-"Richtung. Vieles wird gut. Vieles ist es schon. Vieles ist sogar wunderschön und warm. Einiges ist traurig, anstrengend und schwer.

Immer wieder an Grenzen zu stossen, die überwunden zu sein schienen, ist schwer. Türen zu öffnen zu neuen Räumen, die ganz offensichtlich mit einem alten Bauernschrank verrammelt sind, ist ungeheuer anstrengend, ganz besonders dann, wenn einige aufmüpfige Persönlichkeitsanteile sich aus dem Körper gelöst und auf die andere Seite der Tür begeben haben, um zusammen mit dem Bauernschrank dagegenzuhalten. Mitzuerleben wie ein geliebter Mensch nach und nach seinen Lebensmut, die Gesundheit und die Lebensqualität einbüßt, ist sehr, sehr traurig. Sich gefangen zu fühlen in einem Hamsterrad aus Verpflichtungen, Terminen und Aufgaben ist anstrengend. Die Insel nicht sehen zu dürfen für eine möglicherweise lange Zeit, ist fast unaushaltbar traurig. Nicht die Hand ausstrecken zu können, um ein Gesicht zu streicheln oder eine andere Hand zu halten, weil beide, Gesicht und Hand einfach zu weit weg sind, ist schwer. Festzustellen, dass das eigene Wohlgefühl manchmal von einem Blick abhängig ist, ist sch... Zuviel Nähe zu Menschen, denen eigentlich ein eher professionelles Interesse gelten sollte, ist kontraproduktiv. Aber: Einem Gedankenfluss seinen Lauf zu lassen, ihm dabei zuzusehen, wie er zum Strom wird, immer neue Gedanken an seine Ufer spült und die Landschaft, die ihn umgibt, neu gestaltet, ist befreiend.

Regen ist schön. Regen macht die Welt dunkel und klein und pitschnass. Regen macht schöne Geräusche. Regen riecht gut. Regen läßt mich an einen im Bett verbrachten Tag denken - und den heutigen dann doch mit einem Lächeln und einem sehr warmen Gefühl im Bauch beginnen. Der Kopf darf derweil weiter Depressionen pflegen; schließlich wollen noch viele traurige Geschichten ohne Happy-End von mir geschrieben werden.

08 Mai 2007

Selbstbefriedigung in Zeiten bayrischer Herrschaftsansprüche

Politisch bin ich nicht sonderlich interessiert, das verhält sich ähnlich wie mein Interesse für die Fussballbundesliga: Je mehr Werbung gemacht und desto mehr Geld in der Gegend herumgeschoben wird, desto mehr langweilt es mich. Um mich in Aufregung zu versetzen, braucht es Herz und Kampfgeist, und den kann ich beim besten Willen nicht finden.

Aber es gibt immer wieder einmal recht bemerkenswerte Possen, sei es im politischen oder im sportlichen Bereich. Nehmen wir Markus Söder, der höchstwahrscheinlich von irgendeinem CSU-Oberhaupt beauftragt worden ist, gegen die Begnadigung des Altterroristen, der sich weigert zu bereuen, mobil zu machen. Markus Söder hat alles gegeben: Er hat dem Deutschen Bundespräsidenten damit gedroht, dass dieser nicht wiedergewählt wird, wenn er nicht macht, was die Bayern wünschen. Horst Köhler hat gemacht, was die Bayern wünschen, was möglicherweise eher Zufall war, denn ich glaube nicht, dass sich der Bundespräsident von dem Gekläffe eines fränkischen Terriers beeindrucken lässt, aber trotzdem fehlt der Triumph. Auf einmal schreit niemand mehr "Recht so!", sondern alle schimpfen auf den armen Markus.
Das Amt des Präsidenten habe er mit seiner Drohung beschädigt, vielleicht gar die Demokratie in Frage gestellt. Dabei ist doch jetzt alles gut; Christian Klar, der Mittfünfziger mit den "stechenden, tiefliegenden Augen" (BILD) und dem eklatanten Mangel an Reue, bleibt zunächst im Knast. Wo er ja auch hingehört. Sagen alle. Immerhin hat er noch im Januar gegen den Kapitalismus gewettert, ist uneinsichtig und hat eben diese fiesen stechenden Augen.

Das deutsche Volk ist wieder sicher. Und dennoch - das bayrische wird sich möglicherweise die Lederhosen ausziehen müssen. Denn hier geht es nicht nur um Markus Söder, einen vorlauten Generalsekretär, sondern auch um den Niedergang all dessen, was Bayern ausgemacht hat. Da wird ein Landesfürst von einer FRAU zum Rückzug gezwungen, und diese Dame disqualifiziert sich kurz darauf, indem sie sich als Domina in Leder und Strapsen fotografieren lässt. Zugezogen aus Bremen ist sie wahrscheinlich, aber sie wird schon sehen, was sie davon hat! Hier geht es jedoch auch um Bayern München, denn zeitgleich mit den Strapsfotos, dem Rückzug des Landesvaters und der gemeinen Drohung gegen den Bundespräsidenten aus bayrischer Ecke erlebt auch der FC Bayern München eine Form des Niedergangs. Sie haben zwar Kohle ohne Ende, aber sie gewinnen nicht einmal gegen einen Abstiegskanditaten wie Borussia Mönchengladbach. Was mich freut.

Oliver Kahn, ehemals Titan und verlässliches Urgestein, fummelt an irgendeiner frischen Diskomaus herum, der Rest wird vom Volk als "Scheißmillionäre" beschimpft.

Das hat Methode. Bayern rüstet sich für die Zukunft, und um uns Norddeutsche in Sicherheit zu wiegen, tun sie jetzt so, als ginge alles schief. ICH bin aber sicher, dass Markus Söder das berühmte Bauernopfer ist (Welcher halbwegs aufgeklärte Mensch braucht auch einen Enddreißiger, der gegen Abtreibung, katholisch und verheiratet ist, zur Präsentation einer Minderheitenmeinung?) und der große Coup demnächst stattfinden wird: Die Übernahme des deutschen Kulturgutes durch ein aufrechtes Häuflein unerschrockener bayrischer Katholiken. Und dann wird uns auch Horst Köhler nicht mehr retten können, genausowenig wie Angela Merkel mit ihren Strafpredigten in verklausuliertem Diplomatinnendeutsch.

Letztlich ist all das nicht anderes als politische Selbstbefriedigung, die ganz allein innerhalb der sogenannten politischen Klasse stattfindet. Das Volk wichst mittlerweile anderswo, entschuldigen Sie meine deftigen Worte. Von mir aus kann Markus Söder bleiben wo er ist, ebenso wie seine Kumpel, die ihn zum Ausdemfensterlehnen angestiftet haben - es ändert nichts. Oliver Kahn ist nicht mehr der Jüngste, weswegen er verständlicherweise Diskomäuse unter fünfundzwanzig abschleppen muss, die Lichtgestalt ist ergraut und war auch früher schon nicht mehr als eine männliche Werbeikone mit Bayernslang, von Markus Söder wird in zehn Jahren niemand mehr sprechen, Gabriele Pauli hat eine zweite Karriere als Domina verpasst, und die Deutschen sind damit beschäftigt, DSDS mit intellektuell minderwertigen Kommentaren zu versehen.

Wollen wir nicht alle zusammen intellektuelles Rudel... betreiben? Möglicherweise fühlen wir uns dann besser?

Regennacht

Eigentlich hatte ich mich heute nachmittag inspirieren lassen von einem Bericht über eine irgendwie christlich-baptistisch-orthodoxe Hochzeit, bei der es darum ging, dass die Frau dem Manne untertan ist und nach getaner Hausarbeit zu Gott betet, dass der Angetraute nicht mit Sägespänen unter den Schuhen nach Hause kommt und sie neu putzen muss. Ich denke nicht, dass ich mich mit einem derart reaktionären Schwachsinn auseinandersetzen will - da schreibe ich doch lieber über das Sexualleben von sehr alten Schildkröten. Langsam eben.

Oder über eine Form der Liebe, die nicht verlangt, sondern lässt. Die nicht drängt, sondern da ist. Die nicht hofft, sondern glaubt. Es ist so unglaublich gleichgültig, wer wann wo putzt! Es ist egal, wer wann und in welcher Beziehung recht hat! Die Verbindung zweier Herzen ist wichtig, nichts sonst. Oder, um die Sprache anderer Welten zu berücksichtigen: Gleichklang zwischen zwei Tönen, nicht immer, aber immer dann, wenn beide eine Melodie wünschen, ist wichtig. Sich in die Augen sehen und erkennen. Die Stimme des anderen hören ohne das Bedürfnis zu antworten, stattdessen Stille und Liebe. Liebe gibt. Und sie bekommt, weil sie gegeben hat, ohne darauf zu warten, dass sie für ihr Geben bezahlt wird. Liebe kann sich auf den Rücken legen und auf eine Umarmung warten. Liebe kann Sex haben. Liebe kann telefonieren, ohne zu sprechen, dabei für das geliebte Gegenüber da sein, den Hörer in die Arme schließen und sich seinem Atemrhythmus anpassen. Liebe kann Traurigkeit akzeptieren und aushalten. Liebe bedeutet niemals Verlust, sie gibt.

Der Himmel hat heute abend ausgiebig auf meine Dachfenster geweint. Ich bin dankbar, nicht nur für das Weinen des Himmels, sondern vor allem für das Weinen eines Menschen, der niemals weint. Ich bin dankbar für den grauen Himmel, der mich schlafen lässt, für die Regentropfen an meinen Dachfenstern und für das, was ich seit einiger Zeit in meinem Leben entdecke. Es ist gut so.

Und wenn ich jetzt schlafen gehe, nehme ich einen Traum mit, ein Gefühl, die Wärme eines Körpers, die mir auch dann, wenn ich traurig bin, Liebe geben. Ich spüre. Ich fühle. Ich lebe!

06 Mai 2007

Welt? Gibts nicht!

Vorgestern hatte ich die Aufgabe (selbstgestellt, weil selbstausgesucht), mir darüber bewußt zu sein, dass alles, was ich sehe, nicht das ist, was es ist, sondern das, was ich daraus mache und jemand anderes, der das vermeintlich Gleiche sieht, sich ein vollkommen anderes Bild daraus machen könnte. Ganz davon abgesehen, dass es der/dem geschätzten LeserIn schon relativ schwer fallen könnte, aus diesem Schachtelsatz schlau zu werden, ist auch die Aufgabe nicht ohne Herausforderung. Natürlich wäre das Leben ohne Herausforderungen extrem langweilig, und eine Entwicklung kann es nicht im Stillstand geben. Aber das ist wieder etwas vollkommen anderes und kann an anderer Stelle eingehender untersucht werden.
Also: Die Welt, die ich sehe, ist nicht die Welt, sondern eine Projektion meiner Sicht der Welt. Diese Betrachtungsweise zieht zwangsläufig weiteres Infragestellen nach sich. Wenn die Welt, die ich sehe, nicht die Welt ist, verhält es sich ja möglicherweise bei allen anderen, die sich die Welt ansehen, ebenso. Bedeutet das, es gibt Milliarden von Welten, soviele eben, wie es Menschen und Tiere auf diesem Planeten gibt, vielleicht sogar noch mehr, wie Bewohner im Universum? Oder bedeutet es, dass es gar keine Welt gibt, sondern nur einen Haufen Gestörter, die sich irgendwo im luftleeren Raum tummeln und glauben, das wäre eine Welt? Wenn letzteres zutrifft, brauchen wir uns jedenfalls keine Sorgen um irgendwelche psychiatrischen Einrichtungen zu machen, die uns wegsperren wollen. Erstens gibt es die nicht, und zweitens könnten wir, falls die PsychiaterInnen weiterhin auf ihrer Existenz beharren, damit argumentieren, dass auch wir nur ein Auswuchs einer gestörten Phantasie sind. Zaphord Beeblebrox (ich hoffe, ich habe das richtig geschrieben) hat das bereits in "Per Anhalter durch die Galaxis" behauptet. Er hat es zwar anders begründet, indem er dargelegt hat, dass es unendlich viele Lebewesen im Universum gäbe und damit jeder Einzelne, dem wir unterwegs begegnen, angesichts dieser großen Zahl zu vernachlässigen und damit quasi nicht vorhanden sei. Eine andere Sicht auf die nicht oder in milliardenfacher Ausgabe vorhandene Welt eben.
Eigentlich ist das eine erleichternde Vorstellung: Wenn die Welt, wie ich sie sehe, nicht die Welt an sich ist, kann ich sie verändern, weil es nichts Feststehendes gibt. Es ist alles eine Interpretationssache. Selbst ich bin nicht, wie ich bin; wenn ich mich mit anderen Augen ansehe, bin ich jemand völlig anderes, obwohl ich immer noch das gleiche Gesicht im Spiegel sehe. Ich könnte mich mit Augen der Selbstliebe ansehen und würde vielleicht auf einmal anfangen, mich zu loben. Oder ich könnte mich mit noch kritischeren Augen ansehen, um mich zu größerer Leistung (egal, in welchem Bereich) herauszufordern. Ich könnte mich durch die Augen eines anderen Menschen sehen und bekäme vielleicht noch ein neues Bild von mir, schöner oder weniger schön, das hängt von der Weltsicht meines Gegenübers ab und davon, wie ich in seine Welt hineinpasse. Ein Ägypter würde mich als Hungerhaken bezeichnen, das Management von Heidi Klum hätte eher einen Termin zum Fettabsaugen vereinbart.
Ich kann sein, wer ich will und muss nicht werden, was ich nicht sein kann, denn ausser meiner Sicht auf "meine" Welt gibt es noch Millionen andere Sichtweisen auf mich und die Welt (womit ich nicht sagen will, dass ich für Millionen Menschen wichtig bin, sondern dass es eine nahezu unendliche Menge an Möglichkeiten gibt, sich Stress zu machen und von sich selbst zu entfernen), und ich kann nicht jeden möglichen Anspruch oder Wunsch erfüllen, zumal ich viel zu oft im vorauseilenden Gehorsam Ansprüchen zu genügen versuche, die noch gar nicht an mich gestellt wurden, sondern die aus meinem Inneren kommen. Woher auch sonst, die anderen gibt es ja nicht!
Was für eine Erleichterung! Wenn ausser mir niemand da ist, kann niemand etwas von mir wollen, und ich brauche auch niemanden zu fragen, wer ich sein soll. Es wäre ja auch irritierend für die nichtvorhandene Umwelt, wenn ich durch die Gegend liefe und ebensowenig vorhandene Mitmenschen fragte, wer ich denn heute sein soll. Da lebe ich doch lieber gleich meine zur Genüge vorhandenen Macken aus und frage gar nicht erst! Diejenigen, von denen ich glaube, dass sie bei mir sind, werden sich damit arrangieren können. Und wenn nicht, kann ich mich damit trösten, dass es sie gar nicht gibt und meinen Blick in eine andere Richtung lenken.
Sätze können sehr viel (auf-)lösen.
Ich kann zum Beispiel auch entscheiden, was in meiner Welt ich mir anschauen möchte. Vor ein paar Tagen hatte ich zum Beispiel entschieden, mich nur auf positive Gedanken, Nachrichten und Bilder zu konzentrieren. Und kam gleichzeitig auf die Idee, den "Spiegel" lesen zu wollen. Ging nicht. Stand nichts Positives drin ausser dem Hohlspiegel. Schrecklich eigentlich - eine ganze Zeitung von ca. 150 Seiten und keine einzige positive Nachricht! Dabei gäbe es doch genug: Knut, der schwitzt, Sonne, leuchtendgelbe Rapsfelder, irgendein Künstler hat garantiert irgendwo auf der Welt ein wunderschönes, neues Werk geschaffen, die Gruppe der VegetarierInnen hat sich vergrößert und die Menschen kaufen mehr Bio. Irgendwo hat irgendjemand während eines Streits nicht zur Waffe gegriffen, sondern seinen Kontrahenten umarmt, ein Mercedesfahrer hat seine S-Klasse zerschossen, weil er, statt eine Katze zu überfahren, lieber einen Baum gerammt hat. Ich bin sicher, es gäbe genug. Und ich bin glücklich darüber, dass ich die Wahl habe zu entscheiden, welcher Form der Nachrichten, Bilder und Gedanken ich Platz einräume in meinem Kopf.
Heute nacht bin ich wachgeworden und habe für eine Weile einen wunderschönen hellen Mond am Himmel angeschaut. Habe stundenlang bei Kaffee im Bett gesessen, eine Streuobstwiese besichtigt und einen mutierten Riesengoldfisch, der irgendwie in einen Teich in freier Natur gelangt ist und jetzt glaubt, er sei ein Karpfen. Käsekuchen gegessen und mörderisch leckeres selbstgemachtes Himbeereis, habe in der Sonne geschlafen und jetzt die Zeit und die Muße, das zu tun, was ich gern tue. All das darf und soll in mein Herz, und da soll es sich festsetzen und immer dann, wenn ich einen mutlosen oder ärgerlichen Moment habe, die dunklen Bilder überdecken.
Damit will ich nicht sagen, dass ich zu einem dieser permanent positiv denkenden, energiegeladenen und herausforderungsuchenden Menschen werden möchte, nein, ebenso, wie ich Glück genießen kann, will ich auch melancholisch und traurig sein dürfen. Weinen ist schön, wenn es kein ausweglos verzweifeltes und einsames Weinen ist, sondern vielleicht an einer geliebten Schulter oder etwas unverhofft im Kino bei "Rocky Balboa" stattfindet. Melancholie ist ein gutes Gefühl, wenn es im Gedenken an ein nahestehendes Wesen, das nicht mehr bei mir ist, entsteht. Es erhält sie alle in meinem Herzen lebendig.
Und wenn die Welt nicht das ist, was ich glaube, was sie ist, sondern immer nur das, was ich in ihr sehe, habe ich die Möglichkeit, eine Welt zu sehen, wie ich sie mir wünsche und der ich glücklich, zufrieden und mit einem gesunden Maß an Traurigkeit und Melancholie leben kann. Ich kann laut mit allen meinen Anteilen kommunizieren ohne Angst vor dem Arzt, ich darf wütend sein und auch einmal zicken - bei Beschwerden von aussen sage ich einfach: "Es gibt mich nicht, und Du bist völlig bekloppt, wenn Du das Gegenteil behauptest!" GROßARTIG! Ich lege mich jetzt auf einen Balkon, der nur in meiner Phantasie vorhanden ist und lasse mich von einer gedachten Sonne wärmen. Und weil ich meine Welt so bauen kann, wie ich will, mache ich den Balkon zum Strand und das Wasser zu Bier.
Bin dann mal weg...