27 Mai 2007

Prinzen an Flüssen oder Wo kommt der Stuhl her?

Es gibt da weisungsgemäß noch ein Märchen zu schreiben. Nachdem ich mich statt mit dem geliebten Prinzen mit Dicken auseinandergesetzt habe, soll jetzt der Prinz seinen Raum bekommen.

Es war einmal ein Prinz, der ganz allein auf einem sehr großen Stern lebte. Vor langer, langer Zeit hatte einmal ein böser Zauberer, der zufällig auf den Prinzen getroffen war und sehr schlechte Laune hatte, einen Fluch ausgesprochen: Der Prinz sollte immer allein bleiben, niemand sollte bei ihm sein, dem er sich anvertrauen könnte, und niemand, der ihm zuhören würde. Es gab keine Untertanen, und es gab nichts, was regiert werden musste.

Der Prinz saß auf seinem Thron, blickte in die unendliche Weite des Universums und fragte sich, ob es auf einem der anderen Sterne Leben gäbe. Er war einsam und traurig und hätte gern einen Spielkameraden oder Gefährten gehabt. Doch der Zauber machte den Stern – und mit ihm den Prinzen – für andere unsichtbar. Und obwohl viele andere Wesen auf die Reise gingen, um nach neuem, fremden Leben zu suchen, den Prinzen fand niemand.

Eines Tages, ihm war schrecklich langweilig, und er trauerte um etwas, was er nicht kannte, aber gern kennengelernt hätte, schaukelte der Prinz mit seinem Thron hin und her, und mit jedem Gedanken an das, was vielleicht sein könnte, schaukelte er schneller und stärker. Er wollte nicht mehr tatenlos auf seinem Thron herumsitzen, er wollte leben, die Welt entdecken, von seinem traurigen Dasein und dem einsamen Planeten Abschied nehmen!

Mit einem Mal fiel sein Thron hintenüber. Der Prinz klammerte sich an die Lehnen, doch er konnte nicht verhindern, dass er über den Rand seines Sterns fiel. Es gab ja keinen Forscher, der herausgefunden hätte, dass sein Stern eigentlich eine Kugel war. Und da die Welt immer so ist, wie wir glauben, dass sie sein könnte, war der Stern des Prinzen eine Scheibe. Er stürzte, überschlug sich in der Schwerelosigkeit, schwebte, hielt sich aber weiter an seinem Thron fest, denn das war alles, was er noch hatte.

Nach vielen Stunden des Herumtaumelns, Schwebens und Fliegens setzte der Thron auf. Der Prinz fand sich am Ufer eines Flusses wieder. (Natürlich wusste er nicht, dass er an einem Fluss war, weil er kein Wasser kannte.) Und in dem Moment, in dem sein Thron auf dem Boden aufsetzte, verwandelte er sich in einen billigen Baumarktstuhl aus Plastik, der Prinz verlor sein Zepter und seine Krone und saß wie ein x-beliebiger Angler am Fluss. Er war entsetzt. Natürlich hatte er seinen Stern nicht mehr gemocht, hatte sich einsam gefühlt und die Welt entdecken wollen, aber er konnte doch nicht damit rechnen, dass er alles verlieren würde, was ihn ausmachte! Prinz wäre er gern geblieben; ohne sein Zepter und den Thron würde ihn aber niemand erkennen können.

Während er noch mit seinem Schicksal haderte, hörte er tiefe, keuchende Atemzüge. Er drehte sich um und konnte gerade noch ein Wesen sehen, das hinter ihm vorbeilief. Er rief und stellte erstaunt fest, dass er das in einer ihm völlig fremden Sprache tat. Das Wesen blieb stehen, runzelte die Stirn und fragte: „Ist alles in Ordnung bei Ihnen?“ „Nein!“, sagte der Prinz und wunderte sich noch immer. „Ich bin von meinem Stern hinuntergefallen, und jetzt weiß ich nicht, wo ich mich befinde.“ „Aha, von Ihrem Stern gefallen… Das passiert mir jeden Morgen, wenn ich am Abend vorher zuviel getrunken habe. Was gab es denn bei Ihnen?“ „Trinken? Was ist das?“ fragte der Prinz. Das Wesen trat näher. Und obwohl er immer allein gewesen war, sagte ihm eine innere Stimme, dass er gerade sein Gegenstück getroffen hatte – eine Prinzessin. Auf ihrer Haut konnte er kleine Schweissperlen erkennen, ihr Gesicht war leicht gerötet von der Anstrengung.

„Was tun Sie hier?“ fragte er.

„Laufen.“

„Was sind Sie?“

„Wollen Sie mich verscheissern?“

„Was ist das?“

„Wo kommen Sie denn her?“

„Das habe ich doch gerade gesagt, ich bin von meinem Stern hinuntergefallen!“

„Wer sind Sie?“ fragte die Prinzessin.

„Ich bin ein einsamer Prinz und freue mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen.“ sagte er.

Die Prinzessin trat auf ihn zu, und als sie ganz nahe bei ihm war, konnte er erkennen, dass ihre Augen feucht waren. Er fragte, warum, und sie antwortete ihm: „Sie sind nicht der Einzige, der von einem Stern gefallen und einsam ist. Ich war schon immer hier, ich glaube nicht, dass ich jemals woanders sein werde, und ich bin sehr, sehr einsam und traurig.“

Der Prinz breitete seine Arme aus: „Dann nimm mich mit Dir! Wir können zusammen sein statt einsam zu bleiben. Und es ist mir ganz egal, wer oder was Du bist, wenn Du mich nur lieben willst!“

Sie antwortete „In meiner Welt bin ich nichts, auf gar keinen Fall eine Prinzessin, und ich bin genauso einsam wie Du es auf Deinem Stern warst. Aber wenn wir unsere Welten vereinen, können wir vielleicht glücklich werden.“

Sie reichte ihm ihre Hand, die er mit einem freudigen Lächeln ergriff, und nahm ihn mit in ihr Zuhause. Dort lebten sie glücklich und zufrieden, denn sie waren bereit, umeinander zu kämpfen. Sie hatten sich im Anderen erkannt. Vielleicht leben sie noch immer miteinander, vielleicht sind sie gestorben, Arm in Arm.

Zurück blieb ein weißer Plastikstuhl an einem Fluss, und wer ihn sieht, hat vielleicht eine leise Ahnung, was er einst gewesen sein könnte oder träumt von einer Liebe, die die Entfernung zwischen zwei fremden Sternen überwunden hat.

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