29 Mai 2007

Regengedanken

Was wäre, wenn es niemals mehr aufhörte zu regnen? Immerhin ist es doch so, dass die gefühlte Zeit des Regens wesentlich länger ist als die faktische. Noch am Sonntag bin ich unter bedecktem Himmel Fahrrad gefahren, bis dann am späteren Nachmittag die Gewitter und Wolkenbrüche beschlossen, mich in ihre Arme zu nehmen. Und doch kommt es mir so vor, als regnete es seit Monaten. Die Leine (Das ist ein Fluss, der bei Hannover in die Aller mündet, später als Aller dann in die Weser und noch später, als Weser, ins Meer. Von dort führt der Weg dann direkt zu dieser Insel.) läuft fast über, "unser" Haus ist pitschnass, auf meinem Auto sind alle Insektenspuren ertrunken, und ich kann nur im Studio auf dem Laufband laufen. Seit Monaten, wie mir scheint. Und dabei sind es erst ein paar Tage.

Diese paar Tage haben mir allerdings gereicht, um alle meine Aktivitäten - vom Training abgesehen - einzufrieren, Schweinkram zu kaufen und zu essen, am liebsten stundenlang zu schlafen.

Und ich habe Sehnsucht. Ich will Wärme, Sonne, will die Wärme zweier Arme und der dazugehörigen Beine. Will auf einem Balkon sitzen entweder mit Blick auf den Hubschrauberlande- und -startplatz des BGS oder auf einen Himmel mit Flugzeugkreuzungen. Wo auch immer ich bin, ich will Deinen Bauch an meinem Rücken. Ich will Deine Arme um mich herum. Will Deine Stimme an meinem Ohr. Will Deinen Atem mit meinem im Gleichschritt spüren.

Denn wenn es nie mehr zu regnen aufhörte, würden alle Straßen im Nichts verschwinden. Nichts würde mehr wachsen, und meine ayurvedische Ernährungsweise könnte ich ebensogut ertränken. Die Pfingstrosen auf meinem Schreibtisch wären längst tot, nicht vertrocknet in der Sonne, sondern kläglich ersoffen, vielleicht gäbe es nicht einmal mehr Dorsche. Meine Frisur wäre ruiniert, weil im Nassen meine mir fremden Locken sich kräuselten. Meine Kurse machten keine Freude mehr, weil kaum jemand die gute Laune bewahren könnte angesichts eines andauernden grauen Himmels.


Aber: Ich könnte schreiben! Könnte mich all meinen Depressionen, Mordgelüsten, Sehnsüchten, dem Sterben-und-im-Unbekannten-Wiedergeboren-werden-wollen hingeben. Ich könnte Märchen erfinden, denn die Menschen hätten jetzt Zeit, sie zu hören. Ich würde meine Märchen vorlesen, wäre eine Reisende in Sachen Glück im Unglück, und ich würde die Kinder jedes Dorfes, das mir nicht zuhören will, mit mir nehmen. Menschen, die nicht zuhören wollen, verdienen auch keine Kinder. Möglicherweise träfe ich unterwegs den Rattenfänger von Hameln, dann könnten wir tauschen. Ein paar Ratten gegen ein paar Kinder.


Sehnsucht trägt seltsame Früchte. Elfchen. Macht mich zur Kinderfängerin. Zur Regenmacherin.


Es hat aufgehört zu regnen. Sollte ich auf den Balkon gehen und den Mond suchen? Oder lieber ins Bett auf der Suche nach Schlaf? Der Regen hat seltsame Blüten getrieben, und die meisten haben sich auf meiner Haut angesiedelt. Ich weiß, was ich will. Aber weiß das, was ich will, dass ich es will? Und wenn es weiß, dass ich es will, wird es sich ergeben? Wird es mich finden? Wird es sich finden lassen? Oder wird es sich verbergen im Dauerregen?

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