Heinrich Heine hat in seiner Harzreise ein gar bissiges Kapitel über Göttingen geschrieben, in dem er unter anderem feststellt, dass Göttingen besonders schön ist, wenn man es mit dem Rücken ansieht. So eine Stadt kenne ich auch. Zu meinem eigenen Schutz und um den Eingeborenen nicht zu nahe zu treten, habe ich ihren Namen geändert. Ich bin zwar nicht sicher, ob die Süderhausener Eingeborenen (Und damit meine ich nicht die Zugezogenen, sondern die von dort abstammende Bevölkerung!) lesen, aber da der Teufel bekanntlich ein Eichhörnchen ist und ich an meinem Leben hänge, bleibe ich bei der Änderung.
Das Autokennzeichen von Süderhausen ist weit über die Stadtgrenzen hinaus berüchtigt (man kennt es und erschauert bei seiner Erwähnung sogar in Friedrichshafen, Hamburg und Berlin), was an der eher unorthodoxen Fahrweise der Ureinwohner liegt. Autos werden hier ohne Blinker ausgeliefert, dafür aber vom Werk an tiefergelegt. Süderhausen ist die einzige Stadt, in der ich mehrere Twingos mit Breitreifen, Rennlenkrad und Sportfahrwerk beobachten durfte. Ich bin sicher, wenn es möglich wäre, einen Daewoo Matiz mit Spoilern, Heckflosse und Hosenträgergurten auszustatten und tieferzulegen, dann gäbe es ihn in Süderhausen.
Radfahren kommt in Stadt und Kreis einem Suizidversuch gleich. Seit ich meine Heimatstadt und damit Fahrvermögen, Kennen und Einhalten von Verkehrsregeln und Rücksichtnahme auf schwächere VerkehrsteilnehmerInnen verlassen habe, fahre ich nur noch mit Helm Fahrrad.
Erst kürzlich hat mir ein Trecker auf einem Feldweg die Vorfahrt genommen. Der Treckerfahrer begründete das damit, dass er noch nie einen Radfahrer gesehen hätte, der schneller fährt als Schrittgeschwindigkeit. Ich klärte ihn auf, dass ich erstens Sportlerin sei und zweitens nicht aus Süderhausen, sondern der etwas weiter südlich gelegenen Großstadt käme. "Aber warum fahren Sie dann nicht Auto?" fragte er mich verständnislos und mit leicht debilem Lächeln. Ich versprach ihm, schnellstmöglich mein Mountainbike tieferlegen zu lassen und mir breitere Reifen zu besorgen. Aber ernsthaft: Menschen, die nicht in der Lage sind, einen Blinker zu betätigen, wenn sie abbiegen oder anhalten wollen, die entweder so fahren, als stünden sie unter starken Beruhigungsmitteln oder als hätten sie eine Hormonkur mit Bullentestosteron hinter sich, sind mir suspekt. Deswegen der Helm. Eigentlich hätte ich ihn auch gern beim Autofahren auf.
Wenn die Süderhausener nicht Auto fahren, kaufen sie ein. Oder essen Eis, Kuchen und Bockwürste. Es gibt einmal pro Jahr eine Veranstaltung, die sich ausschließlich um Essen dreht und eine andere, bei der das Auto im Mittelpunkt steht. Ganz Süderhausen ist dann auf Achse, bestaunt Motoren, Würste und den ortsansässigen KfZ-Großdealer und labt sich am Bierstand. Die zweimal jährlich stattfindenden Laufveranstaltungen sind eher spärlich besucht - der Süderhausener mag sich nicht gern unmotorisiert fortbewegen.
Was man hier überhaupt nicht schätzt, ist Kultur. Vor zwei Jahren gab es eine Aufführung von "Schwanensee" mit dem Moskauer Staatsballett. In der bereits erwähnten Großstadt weiter südlich war die Halle ausverkauft; in Süderhausen fanden sich ca. 100 wahrscheinlich Zugezogene und darum an Kultur Gewöhnte zusammen. Peter Steiners Theaterstadl, die alljährlich stattfindende Oldienacht mit einer entsprechenden Anzahl von Bier- und Bratwurstständen und Konzerte des einen oder anderen abgehalfterten Schlagersängers werden hingegen goutiert.
Manchmal habe ich den Verdacht, dass die Eingeborenen nicht sehr viel herumgekommen sind. Und da sie es auch den NeubürgerInnen sehr schwer machen, mussten sie möglicherweise bei der Clanbildung hauptsächlich auf Familienmitglieder zurückgreifen. (Sollte ich mich schon ducken?)
Inzwischen allerdings hat auch hier das multikulturelle Leben Einzug gehalten: Der Marktplatz ist fest in der Hand einer weitverzweigten libanesischen Großfamilie, die aufgrund der Tatsache, dass sie eine Bedarfsgemeinschaft mit Vervielfachungspotential bildet, genügend Geld bekommt, um dem arbeitenden Volk in aller Ruhe vom Cafésessel aus bei seinen Verrichtungen zuzusehen. Um eine Fitnessbude mit geringstmöglichem Monatsbeitrag gruppiert sich die russiche Gemeinschaft, und auch Dönerbuden und türkische Gemüseläden gibt es in mehrfacher Ausfertigung. Wie kommen die Süderhausener mit diesem Einmarsch fremder Kulturen zurecht? Meine These ist, dass sie ihre möglicherweise entstandenen Aggressionen beim Autofahren austoben, vorzugsweise an harmlosen RadfahrerInnen.
Gern wird allerdings auch der Parkverkehr geregelt. Erst kürzlich musste ich mir von einem übergewichtigen und angsteinflössend rotgesichtigen Familienvater im Großraumwagen eine lange Rede (er war zwar nicht sehr wortgewandt, sondern benutzte mehr die ortsüblichen Grunzlaute) darüber anhören, dass ich unverschämterweise auf einem Mutter-Kind-Parkplatz stand. Ich bin keine Mutter, das gebe ich zu. Er aber auch nicht. Glücklicherweise bin ich nicht von hier, verfüge also über gesundes Denkvermögen und ein gewisses Maß an Souveränität und bin deswegen in der Lage zu erkennen, wann ich meine Zeit mit Sinnlosem vertue. Ich schenkte ihm ein süßes Lächeln, wünschte ihm einen schönen Tag (was seine Gesichtsfarbe ein wenig ins Violette abgleiten liess) und fuhr meines Weges.
Seit einiger Zeit kaufe ich wieder in der bereits mehrfach erwähnten und von mir sehr geliebten südlich gelegenen Großstadt ein. Süderhausen betrete ich nur im absoluten Notfall, und dann bin ich mir der Gefährlichkeit meines Tuns bewusst.
Selbstverständlich bin ich bereit, Ausnahmen zu akzeptieren! Ich kenne eine. Die ist intelligent, freundlich und kann Auto fahren. Und trotzdem will und muss ich der Dame zustimmen, die ein schweres Beamtinnenschicksal nach Süderhausen verschlagen hat und die kürzlich feststellte, dass die Vorteile, die dieses Städtchen aufzuweisen hat, ganz klar in der Nähe zu zwei Autobahnauffahrten, einer Bundesstraße, einem ICE-Bahnhof und einer Großstadt liegen. Ihre genauen Worte waren: "Das Schöne an Süderhausen ist, dass man sehr gut und schnell von hier wegkommt."
Jetzt ducke ich mich aber wirklich. Und renne, so schnell ich kann, nach Whausen, einem netten, beschaulichen Dörfchen, das zwar im Landkreis Süderhausen liegt, sich aber tapfer gegen jeden stumpfsinnigen Fremdeinfluss sträubt.
Das Autokennzeichen von Süderhausen ist weit über die Stadtgrenzen hinaus berüchtigt (man kennt es und erschauert bei seiner Erwähnung sogar in Friedrichshafen, Hamburg und Berlin), was an der eher unorthodoxen Fahrweise der Ureinwohner liegt. Autos werden hier ohne Blinker ausgeliefert, dafür aber vom Werk an tiefergelegt. Süderhausen ist die einzige Stadt, in der ich mehrere Twingos mit Breitreifen, Rennlenkrad und Sportfahrwerk beobachten durfte. Ich bin sicher, wenn es möglich wäre, einen Daewoo Matiz mit Spoilern, Heckflosse und Hosenträgergurten auszustatten und tieferzulegen, dann gäbe es ihn in Süderhausen.
Radfahren kommt in Stadt und Kreis einem Suizidversuch gleich. Seit ich meine Heimatstadt und damit Fahrvermögen, Kennen und Einhalten von Verkehrsregeln und Rücksichtnahme auf schwächere VerkehrsteilnehmerInnen verlassen habe, fahre ich nur noch mit Helm Fahrrad.
Erst kürzlich hat mir ein Trecker auf einem Feldweg die Vorfahrt genommen. Der Treckerfahrer begründete das damit, dass er noch nie einen Radfahrer gesehen hätte, der schneller fährt als Schrittgeschwindigkeit. Ich klärte ihn auf, dass ich erstens Sportlerin sei und zweitens nicht aus Süderhausen, sondern der etwas weiter südlich gelegenen Großstadt käme. "Aber warum fahren Sie dann nicht Auto?" fragte er mich verständnislos und mit leicht debilem Lächeln. Ich versprach ihm, schnellstmöglich mein Mountainbike tieferlegen zu lassen und mir breitere Reifen zu besorgen. Aber ernsthaft: Menschen, die nicht in der Lage sind, einen Blinker zu betätigen, wenn sie abbiegen oder anhalten wollen, die entweder so fahren, als stünden sie unter starken Beruhigungsmitteln oder als hätten sie eine Hormonkur mit Bullentestosteron hinter sich, sind mir suspekt. Deswegen der Helm. Eigentlich hätte ich ihn auch gern beim Autofahren auf.
Wenn die Süderhausener nicht Auto fahren, kaufen sie ein. Oder essen Eis, Kuchen und Bockwürste. Es gibt einmal pro Jahr eine Veranstaltung, die sich ausschließlich um Essen dreht und eine andere, bei der das Auto im Mittelpunkt steht. Ganz Süderhausen ist dann auf Achse, bestaunt Motoren, Würste und den ortsansässigen KfZ-Großdealer und labt sich am Bierstand. Die zweimal jährlich stattfindenden Laufveranstaltungen sind eher spärlich besucht - der Süderhausener mag sich nicht gern unmotorisiert fortbewegen.
Was man hier überhaupt nicht schätzt, ist Kultur. Vor zwei Jahren gab es eine Aufführung von "Schwanensee" mit dem Moskauer Staatsballett. In der bereits erwähnten Großstadt weiter südlich war die Halle ausverkauft; in Süderhausen fanden sich ca. 100 wahrscheinlich Zugezogene und darum an Kultur Gewöhnte zusammen. Peter Steiners Theaterstadl, die alljährlich stattfindende Oldienacht mit einer entsprechenden Anzahl von Bier- und Bratwurstständen und Konzerte des einen oder anderen abgehalfterten Schlagersängers werden hingegen goutiert.
Manchmal habe ich den Verdacht, dass die Eingeborenen nicht sehr viel herumgekommen sind. Und da sie es auch den NeubürgerInnen sehr schwer machen, mussten sie möglicherweise bei der Clanbildung hauptsächlich auf Familienmitglieder zurückgreifen. (Sollte ich mich schon ducken?)
Inzwischen allerdings hat auch hier das multikulturelle Leben Einzug gehalten: Der Marktplatz ist fest in der Hand einer weitverzweigten libanesischen Großfamilie, die aufgrund der Tatsache, dass sie eine Bedarfsgemeinschaft mit Vervielfachungspotential bildet, genügend Geld bekommt, um dem arbeitenden Volk in aller Ruhe vom Cafésessel aus bei seinen Verrichtungen zuzusehen. Um eine Fitnessbude mit geringstmöglichem Monatsbeitrag gruppiert sich die russiche Gemeinschaft, und auch Dönerbuden und türkische Gemüseläden gibt es in mehrfacher Ausfertigung. Wie kommen die Süderhausener mit diesem Einmarsch fremder Kulturen zurecht? Meine These ist, dass sie ihre möglicherweise entstandenen Aggressionen beim Autofahren austoben, vorzugsweise an harmlosen RadfahrerInnen.
Gern wird allerdings auch der Parkverkehr geregelt. Erst kürzlich musste ich mir von einem übergewichtigen und angsteinflössend rotgesichtigen Familienvater im Großraumwagen eine lange Rede (er war zwar nicht sehr wortgewandt, sondern benutzte mehr die ortsüblichen Grunzlaute) darüber anhören, dass ich unverschämterweise auf einem Mutter-Kind-Parkplatz stand. Ich bin keine Mutter, das gebe ich zu. Er aber auch nicht. Glücklicherweise bin ich nicht von hier, verfüge also über gesundes Denkvermögen und ein gewisses Maß an Souveränität und bin deswegen in der Lage zu erkennen, wann ich meine Zeit mit Sinnlosem vertue. Ich schenkte ihm ein süßes Lächeln, wünschte ihm einen schönen Tag (was seine Gesichtsfarbe ein wenig ins Violette abgleiten liess) und fuhr meines Weges.
Seit einiger Zeit kaufe ich wieder in der bereits mehrfach erwähnten und von mir sehr geliebten südlich gelegenen Großstadt ein. Süderhausen betrete ich nur im absoluten Notfall, und dann bin ich mir der Gefährlichkeit meines Tuns bewusst.
Selbstverständlich bin ich bereit, Ausnahmen zu akzeptieren! Ich kenne eine. Die ist intelligent, freundlich und kann Auto fahren. Und trotzdem will und muss ich der Dame zustimmen, die ein schweres Beamtinnenschicksal nach Süderhausen verschlagen hat und die kürzlich feststellte, dass die Vorteile, die dieses Städtchen aufzuweisen hat, ganz klar in der Nähe zu zwei Autobahnauffahrten, einer Bundesstraße, einem ICE-Bahnhof und einer Großstadt liegen. Ihre genauen Worte waren: "Das Schöne an Süderhausen ist, dass man sehr gut und schnell von hier wegkommt."
Jetzt ducke ich mich aber wirklich. Und renne, so schnell ich kann, nach Whausen, einem netten, beschaulichen Dörfchen, das zwar im Landkreis Süderhausen liegt, sich aber tapfer gegen jeden stumpfsinnigen Fremdeinfluss sträubt.
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