Die maltesische Regierung wurde heute von der EU gerügt (oder von der EU-Flüchtlingsbeauftragten, irgendwie so, ist auch egal, von wem), weil sie die Rettung schiffbrüchiger Flüchtlinge aus Afrika verzögert hat.
Das muss man sich einmal vorstellen: Da verlassen Menschen ihr Land, weil sie dort keine Zukunft mehr sehen und ihren Familien zu einem besseren Leben verhelfen wollen, gehen große Strecken zu Fuß, geraten an korrupte Polizisten, die ihnen das bisschen Geld abnehmen, das sie möglicherweise für den Schlepper gespart hatten, oder sie, wenn kein Geld da ist, unter Folter und Prügel in ein Gefängnis stecken, in dem sie mit Glück für Wochen, mit Pech für Monate oder Jahre verschwinden, weiter geprügelt und gefoltert werden. Irgendwann kommen sie dann frei. Aber sie gehen nicht zurück "nach Hause", sie suchen den Weg weiter, der sie an die Küste führt, die Europa, dem gelobten Land, dem Paradies, der Rettung am nächsten sein mag. Vielleicht werden sie wieder verhaftet und eingesperrt, vielleicht werden sie überfallen und ausgeraubt, vielleicht erreichen sie diese Küste. Dort werden sie dann zumeist in Lagern weggeschlossen, die zum Teil von den Regierungen der Europäischen Union eingerichtet wurden, um zu verhindern, dass sie in unsere Welt gelangen, um dort möglicherweise Sozialleistungen oder gar Asyl zu beantragen. Vielleicht entkommen sie diesen Lagern, vielleicht werden sie erneut verhaftet und ausgeraubt, vielleicht erreichen sie rechtzeitig die mit dem Schlepper verabredete Stelle, indem sie auf halsbrecherische Weise über Stacheldrahtzäune klettern und in gleißendem Scheinwerferlicht im Kriechgang auf den Strand zu schleichen.
All das kann Monate, sogar Jahre dauern, in denen sich Familien entfremden, in denen die Zurückgelassenen nicht mehr wissen, was mit ihrem Ernährer geschehen sein mag, in denen die Frau, vielleicht sogar die größeren Kinder beschließen, dass es an der Zeit ist, die Trauer zu beenden und selbst tätig zu werden, einen Verdienst zu suchen, dort, wo sie leben.
Doch jetzt sind da ein paar Menschen, vielleicht 30 wie beim letzten Schiffbruch, vielleicht mehr, die in etwas steigen, was mit einem Schiff oder einem Boot nur noch entfernte Ähnlichkeit hat, nicht wissend, was auf sie zukommen mag, die ihr Leben Fremden anvertrauen in der Hoffnung, diese würden dafür sorgen, dass sie ankommen in diesem fremden Land, diesem Europa.
Und dann, irgendwo zwischen der afrikanischen und der europäischen Küste, kentert dieses Boot. Menschen gehen über Bord, manche können schwimmen, manche gehen sofort unter und ertrinken. Die anderen treiben hilflos im Wasser, kalt oder warm, und hoffen auf Hilfe. Sie sind nicht weit von einer rettenden Küste entfernt, diesmal ist es zufällig die maltesische; es könnte aber auch jede andere sein, fürchte ich. Die dortigen Behörden erörtern zunächst die Zuständigkeit. Die Überlebenden klammern sich an dem fest, was vom Boot übrig geblieben ist, manche haben nach all den Strapazen keine Kraft mehr, gehen unter und sterben, ohne dass ihre Familien jemals wüssten, wo sie geblieben sind. Die Behörden erörtern weiter, stellen fest, dass sie eigentlich nicht zuständig sind und rufen die möglicherweise zuständigen Beamten des Nachbarstaates an. Und während all dieser Erörterungen sterben Menschen, die all ihre Hoffnung, all ihre Kraft und all ihr hart erarbeitetes Geld auf Europa gesetzt haben. Irgendwann erbarmt sich eine Küstenwache, ein Fischkutter, irgendein Schiff, und bringt die letzten Überlebenden an Land. Hier werden sie einige Zeit in Auffanglagern verbringen, später dann abgeschoben in ihre Heimatländer (Vorausgesetzt, diese sind sicher, sonst geht es in ein sogenanntes "sicheres Drittland", das sie irgendwann auf ihrer Flucht passiert haben. Es könnte das Land sein, in dem sie Wochen oder Monate im Gefängnis verbracht haben.). Europa, das Paradies, das sie sich erträumt haben und dessen Vorstellung ihnen durch all diese Widrigkeiten wie ein Licht im Dunkel erschien, werden sie niemals sehen. Dieses Europa existiert nämlich nicht.
Diejenigen, die es nicht geschafft haben, sind der Inneren Sicherheit Europas zum Opfer gefallen, oder, weniger abstrakt, irgendwelchen Beamten, die nicht in der Lage zu sein scheinen, die Menschen zu sehen. Beamte, die nicht vor ihrem inneren Auge ein Bild davon gehabt haben, wie ein zutiefst verzweifelter Mensch um sein Leben kämpft, um seinen Traum. Beamte, die nicht in die Vergangenheit blicken, um zu erkennen, dass wir es waren, die für diese Zustände überhaupt verantwortlich sind. Nein, vielleicht nicht wir deutschen SteuerzahlerInnen, schließlich haben wir ja keine Kolonien gegründet! Wir spenden doch für Brot für die Welt, für Misereor, machen mit großem Vergnügen bei irgendwelchen Spendensammelsendungen mit, die von der Produktionsfirma Endemol mit großem Aufwand promotet wurden, geben zehn Euro für eine Zeile in der Regionalzeitung! Nein, wir haben nichts mit diesem Elend zu tun.
Aber wenn wir ganz ehrlich sind - ist da nicht ein gewisses Gefühl der Erleichterung, dass all diese "Wirtschaftsflüchtlinge" nicht bei uns ankommen und unserem Sozialsystem deshalb auch nicht zur Last fallen? Kein ganz kurzer, den Kopf nahezu unbemerkt durchzuckender Gedanke "Selbst schuld. Bleibt doch, wo Ihr seid!"? Können wir uns überhaupt dieses unglaubliche Elend und Leid hinter der kurzen Schlagzeile "Flüchtlingsboot gekentert!" vorstellen?
Manche schaffen es ins Gelobte Land, finden sogar Arbeit. Irgendwann gehen sie dann zurück in ihre Heimat und müssen feststellen, dass ihre Söhne jetzt die Ernährer der Familie sind, ihre Töchter geheiratet haben, dass sie nicht mehr gebraucht und nicht mehr gewollt werden. Wochen, Monate der Angst, der Verzweiflung und der Lebensgefahr, Jahre der Entbehrungen - für nichts. Hätten sie das vorher wissen können? Ich glaube nicht.
Wir können die Welt nicht heilen oder verbessern, jedenfalls nicht mehr, als es in unseren kleinen, beschränkten Teilwelten möglich ist. Aber vielleicht sind wir in der Lage, die Menschen hinter den Schlagzeilen zu sehen und ihnen die Achtung und Wertschätzung zu geben, die sie verdient haben, vielleicht können wir sogar die eine oder andere Träne um ihr Schicksal weinen. Sie haben mehr verdient als das. Ich für meinen Teil weiß allerdings nicht, was ich mehr tun könnte als für sie zu beten zu einem Schicksal, dessen Plan ich nicht kenne.
Das muss man sich einmal vorstellen: Da verlassen Menschen ihr Land, weil sie dort keine Zukunft mehr sehen und ihren Familien zu einem besseren Leben verhelfen wollen, gehen große Strecken zu Fuß, geraten an korrupte Polizisten, die ihnen das bisschen Geld abnehmen, das sie möglicherweise für den Schlepper gespart hatten, oder sie, wenn kein Geld da ist, unter Folter und Prügel in ein Gefängnis stecken, in dem sie mit Glück für Wochen, mit Pech für Monate oder Jahre verschwinden, weiter geprügelt und gefoltert werden. Irgendwann kommen sie dann frei. Aber sie gehen nicht zurück "nach Hause", sie suchen den Weg weiter, der sie an die Küste führt, die Europa, dem gelobten Land, dem Paradies, der Rettung am nächsten sein mag. Vielleicht werden sie wieder verhaftet und eingesperrt, vielleicht werden sie überfallen und ausgeraubt, vielleicht erreichen sie diese Küste. Dort werden sie dann zumeist in Lagern weggeschlossen, die zum Teil von den Regierungen der Europäischen Union eingerichtet wurden, um zu verhindern, dass sie in unsere Welt gelangen, um dort möglicherweise Sozialleistungen oder gar Asyl zu beantragen. Vielleicht entkommen sie diesen Lagern, vielleicht werden sie erneut verhaftet und ausgeraubt, vielleicht erreichen sie rechtzeitig die mit dem Schlepper verabredete Stelle, indem sie auf halsbrecherische Weise über Stacheldrahtzäune klettern und in gleißendem Scheinwerferlicht im Kriechgang auf den Strand zu schleichen.
All das kann Monate, sogar Jahre dauern, in denen sich Familien entfremden, in denen die Zurückgelassenen nicht mehr wissen, was mit ihrem Ernährer geschehen sein mag, in denen die Frau, vielleicht sogar die größeren Kinder beschließen, dass es an der Zeit ist, die Trauer zu beenden und selbst tätig zu werden, einen Verdienst zu suchen, dort, wo sie leben.
Doch jetzt sind da ein paar Menschen, vielleicht 30 wie beim letzten Schiffbruch, vielleicht mehr, die in etwas steigen, was mit einem Schiff oder einem Boot nur noch entfernte Ähnlichkeit hat, nicht wissend, was auf sie zukommen mag, die ihr Leben Fremden anvertrauen in der Hoffnung, diese würden dafür sorgen, dass sie ankommen in diesem fremden Land, diesem Europa.
Und dann, irgendwo zwischen der afrikanischen und der europäischen Küste, kentert dieses Boot. Menschen gehen über Bord, manche können schwimmen, manche gehen sofort unter und ertrinken. Die anderen treiben hilflos im Wasser, kalt oder warm, und hoffen auf Hilfe. Sie sind nicht weit von einer rettenden Küste entfernt, diesmal ist es zufällig die maltesische; es könnte aber auch jede andere sein, fürchte ich. Die dortigen Behörden erörtern zunächst die Zuständigkeit. Die Überlebenden klammern sich an dem fest, was vom Boot übrig geblieben ist, manche haben nach all den Strapazen keine Kraft mehr, gehen unter und sterben, ohne dass ihre Familien jemals wüssten, wo sie geblieben sind. Die Behörden erörtern weiter, stellen fest, dass sie eigentlich nicht zuständig sind und rufen die möglicherweise zuständigen Beamten des Nachbarstaates an. Und während all dieser Erörterungen sterben Menschen, die all ihre Hoffnung, all ihre Kraft und all ihr hart erarbeitetes Geld auf Europa gesetzt haben. Irgendwann erbarmt sich eine Küstenwache, ein Fischkutter, irgendein Schiff, und bringt die letzten Überlebenden an Land. Hier werden sie einige Zeit in Auffanglagern verbringen, später dann abgeschoben in ihre Heimatländer (Vorausgesetzt, diese sind sicher, sonst geht es in ein sogenanntes "sicheres Drittland", das sie irgendwann auf ihrer Flucht passiert haben. Es könnte das Land sein, in dem sie Wochen oder Monate im Gefängnis verbracht haben.). Europa, das Paradies, das sie sich erträumt haben und dessen Vorstellung ihnen durch all diese Widrigkeiten wie ein Licht im Dunkel erschien, werden sie niemals sehen. Dieses Europa existiert nämlich nicht.
Diejenigen, die es nicht geschafft haben, sind der Inneren Sicherheit Europas zum Opfer gefallen, oder, weniger abstrakt, irgendwelchen Beamten, die nicht in der Lage zu sein scheinen, die Menschen zu sehen. Beamte, die nicht vor ihrem inneren Auge ein Bild davon gehabt haben, wie ein zutiefst verzweifelter Mensch um sein Leben kämpft, um seinen Traum. Beamte, die nicht in die Vergangenheit blicken, um zu erkennen, dass wir es waren, die für diese Zustände überhaupt verantwortlich sind. Nein, vielleicht nicht wir deutschen SteuerzahlerInnen, schließlich haben wir ja keine Kolonien gegründet! Wir spenden doch für Brot für die Welt, für Misereor, machen mit großem Vergnügen bei irgendwelchen Spendensammelsendungen mit, die von der Produktionsfirma Endemol mit großem Aufwand promotet wurden, geben zehn Euro für eine Zeile in der Regionalzeitung! Nein, wir haben nichts mit diesem Elend zu tun.
Aber wenn wir ganz ehrlich sind - ist da nicht ein gewisses Gefühl der Erleichterung, dass all diese "Wirtschaftsflüchtlinge" nicht bei uns ankommen und unserem Sozialsystem deshalb auch nicht zur Last fallen? Kein ganz kurzer, den Kopf nahezu unbemerkt durchzuckender Gedanke "Selbst schuld. Bleibt doch, wo Ihr seid!"? Können wir uns überhaupt dieses unglaubliche Elend und Leid hinter der kurzen Schlagzeile "Flüchtlingsboot gekentert!" vorstellen?
Manche schaffen es ins Gelobte Land, finden sogar Arbeit. Irgendwann gehen sie dann zurück in ihre Heimat und müssen feststellen, dass ihre Söhne jetzt die Ernährer der Familie sind, ihre Töchter geheiratet haben, dass sie nicht mehr gebraucht und nicht mehr gewollt werden. Wochen, Monate der Angst, der Verzweiflung und der Lebensgefahr, Jahre der Entbehrungen - für nichts. Hätten sie das vorher wissen können? Ich glaube nicht.
Wir können die Welt nicht heilen oder verbessern, jedenfalls nicht mehr, als es in unseren kleinen, beschränkten Teilwelten möglich ist. Aber vielleicht sind wir in der Lage, die Menschen hinter den Schlagzeilen zu sehen und ihnen die Achtung und Wertschätzung zu geben, die sie verdient haben, vielleicht können wir sogar die eine oder andere Träne um ihr Schicksal weinen. Sie haben mehr verdient als das. Ich für meinen Teil weiß allerdings nicht, was ich mehr tun könnte als für sie zu beten zu einem Schicksal, dessen Plan ich nicht kenne.
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