04 Juni 2007

Einsichten in das Leben und Sterben einer gomerischen Kakerlake

Diese Geschichte stammt nicht von mir, jedenfalls nicht ursächlich. Ich könnte keine Kakerlake beobachten, weil ich bei ihrem Anblick sofort auf den nächsten Tisch steigen und dort solange schreien würde, bis jemand das possierliche Tierchen aus meinem Sichtfeld entfernt hat - und zwar sehr, sehr weit. Aber es geht hier nicht um meine Abneigung gegen Lebewesen mit sechs Beinen, sondern um unterschiedliche Wahrnehmung.

Dies ist die Geschichte, wie sie mir erzählt wurde bzw. wie ich sie verstanden habe: Gomera, abends, eine Kneipe mit Außenbestuhlung. Von irgendwo her kam eine Kakerlake und bahnte sich ihren Weg durch die Gaststätte. Sie schaffte es, einigen Füßen auszuweichen und sich immer weiter ins Innere zu bewegen, bis sie dann an einem FlipFlop anhielt, der am Fuß einer Frau steckte, die ihrerseits auf einem Barhocker saß. Die Kakerlake setzte sich auf das Ende des Schuhs, die Frau entdeckte sie, tat, was ich auch tun würde (kreischen und zappeln), und ihr Begleiter erlegte die Kakerlake, indem er ihr mit einem gezielten Aufstampfen seines Fußes den Garaus machte.

(Georg, bitte entschuldige, wenn ich jetzt schon etwas verzerrt haben sollte - das ist keine böse Absicht, sondern eine Mischung aus künstlerischer Freiheit, frühzeitiger Vergesslichkeit und den Auswirkungen des für mich extrem traumatischen Sujets "Großes Insekt auf freiem Fuss".)



Die Geschichte aus Sicht der Kakerlake


Scheißtag, irgendwie. Habe heute überhaupt keine Ruhe gefunden, weil irgendwelche Touristenkinder andauernd die Kellertür auf- und wieder zugemacht haben und mich das Licht jedesmal geweckt und erschreckt hat. Was für ein Tag: Schlafen, Tür auf, Licht rein, Kind kreischt, ich weggerannt, Tür wieder zu, Licht aus, ich wieder raus, weitergeschlafen. So ging es die ganze Zeit. Warum ich immer wieder aus meinem Versteck herausgekommen bin, obwohl die Tür so häufig geöffnet wurde? Kakerlaken machen das so. Wie sollte ich schließlich bei Lichteinfall unter den nächsten Schrank huschen, wenn ich mich nicht vorher irgendwo aufgehalten hätte, wo man mich sehen kann? Warum man mich sehen soll? Weil das eben so ist.
Jedenfalls bin ich nach Einbruch der Dämmerung langsam aus meinem Keller herausmarschiert und habe mich auf die Suche nach Essbarem gemacht. Ich schlenderte durch die Straßen, beroch dieses und wühlte in jenem, genoß die Dunkelheit und wich übergroßen Touristenfüßen aus. Manche trampelten sogar mit Absicht nach mir, wenn ich nicht schnell genug war. Blödes Pack! An meiner Stammkneipe machte ich Halt. Ich wußte, dass es in der Küche immer genügend Abfälle gab, außerdem traf ich mich dort gern mit meinen Kumpels. Es macht Spaß, wenn man mit mehreren unterwegs ist und bei Betätigung des Lichtschalters nicht nur eine von uns, sondern gleich mehrere Dutzend davonhuschen. Das gibt dann ein Gekreische, dass es nur so eine Freude ist.
Aber ich schweife ab. Ich bewegte mich langsam die Treppen hoch, an den Stühlen vorbei, wich dabei weiteren Füßen aus. An einem Tisch machte ich eine kurze Rast. Da saß ein unglaublich gutaussehender, von der Sonne gebräunter Mensch mit dem Körper eines dieser griechischen Götter, schaute mich
aus strahlend blauen Augen an und fragte "Ja, was machst Du denn hier? Weißt Du, was Du da tust und dass es gefährlich für eine Kakerlake ist, sich in der Nähe so vieler Füße aufzuhalten?" Eine schöne Stimme hatte er auch. Ich putzte mir kurz die Fühler, bis mir einfiel, dass ich erstens eine Kakerlake und zweitens keine schwule Kakerlake bin (was ich in diesem Moment überaus bedauerte), warf ihm noch einen letzten Blick zu und ging meines Weges.
Heute kann ich nicht mehr sagen, ob mich der Schlafentzug des vergangenen Tages oder dieser Blauäugige so unaufmerksam werden liessen. Ehe ich noch wußte, wie mir geschah, saß ich in einem Schuh. Das wäre nicht so schlimm gewesen, wenn in diesem Schuh nicht ein Fuß gesteckt und an dem Fuß so eine hysterische Blondine
gehangen hätte, die, sobald sie meiner ansichtig wurde, in ein wildes und ohrenbetäubendes Geheul ausbrach. Das war das Ende meines irdischen Lebens. Der zur Blondine gehörende Mistkerl erhob sich, ich nahm noch wahr, wie er ihr den Schuh vom Fuß riss, mit mir drin auf den Boden warf und auf mich und den Schuh eintrampelte. Dann wurde es dunkel und sehr, sehr still.
Jetzt sitze ich in einem Keller im Kakerlakenhimmel, der Pförtner hat mir die Geschichte, wie ich hierhergekommen bin, zuende erzählt und mir versprochen, dass ich in meinem nächsten Leben bei guter Führung hier oben Kakerlake auf Jamaica werden darf. Die sind dort nämlich viel größer als die gomerischen, und deswegen laufen die Leute eher vor ihnen weg, statt sie totzutreten. Mal sehen, ob mir das gefällt; vorerst bleibe ich hier im Himmel und träume noch ein wenig von "meinem" schönen Touristen.
Ob ich vielleicht mit ein wenig Verhandlungsgeschick erreichen könnte, nicht als Kakerlake, sondern als Fitnesstrainerin wiedergeboren zu werden? Dann könnte ich herausfinden, wo er wohnt und...



Die Geschichte aus der Sicht des Blauäugigen


Was für ein großartiger Tag! Ich bin jetzt seit einer Woche auf der Insel, habe viel in der Sonne gesessen, mich entspannt und es mir gutgehen lassen. Zwischenzeitlich habe ich mich sogar so wohl gefühlt, dass ich kurz die Idee hatte, mit dem Rauchen aufzuhören. Morgen oder so. Das Wetter ist nicht schlecht, ich habe endlich Zeit für mich, kann ausschlafen, keine Termine, keiner will etwas von mir.

Der Sonnenuntergang heute abend war wunderschön; ich hatte auf dem Balkon meines Appartments einen Logenplatz und habe ein Glas Vino Tinto genossen, während ich geschaut habe. Jetzt sitze ich in meiner Lieblingskneipe, einen Osborne Veterano und einen Café con Leche vor mir und beobachte das Geschehen um mich herum. Direkt vor mir läuft eine Kakerlake die Treppen hinauf. Ich frage mich, ob sie wohl weiß, dass sie sich hier auf gefährlichem Terrain befindet; Dutzende von Füßen bewegen sich, und sie wird sehr viel Glück brauchen, um heil anzukommen, wo sie hin will.

Vor meinem Tisch bleibt sie kurz stehen. Ich bin gut drauf heute und frage sie, was sie denn in der Kneipe will und ob sie weiß, dass es gefährlich werden kann. Das Pärchen am Nachbartisch schaut etwas skeptisch. Ich lächle beide kurz an und hoffe, dass sie lieber mich für ein wenig putzig halten, statt die Kakerlake zu entdecken. Habe keine Lust auf Geschrei.

Die Kakerlake setzt ihren Weg fort. Es ist wirklich halsbrecherisch, wie sie da zwischen den Füßen hin- und herläuft, am einen Tischbein hoch, am nächsten wieder hinunter. Fast glaube ich, sie wird ihre Aktion überleben, bis sie, aus welchen Gründen auch immer, zielstrebig den Barhocker ansteuert, auf dem diese Blondine mit Begleiter sitzt. "Mädel, sieh zu, dass Du wegkommst!" denke ich (und meine die Kakerlake). Aber die hat mich nicht denken gehört, krabbelt am Fuß des Barhockers hoch und setzt sich auf das hintere Ende der Sandale, die an den Zehen der Blonden baumelt. Diese schaut nach unten, wird bleich, holt tief Luft und fängt an zu kreischen. Ihr Begleiter, geistesgegenwärtig, wie wir Männer nun einmal sind, wenn eine (unsere!) Frau in Not ist, springt auf, schnappt die Sandale, wirft sie auf den Boden und trampelt mit beiden Füßen darauf herum. Was das Ende des Kakerlakenlebens bedeutet, da bin ich sicher.

Ich würde das für meine Liebste auch tun. Vor langer Zeit, ich war mit meiner damaligen Freundin auf Jamaica, gab es Kakerlaken von beeindruckender Größe, und man musste wirklich mit beiden Füßen auf ihnen herumspringen, um sie zu töten. Meine Liebste verbrachte die meiste Zeit unseres gemeinsamen Urlaubs kreischend auf dem Tisch.

Eigentlich schade. Um die Kakerlake, meine ich. Da ist sie so mutig, kämpft sich durch Menschen- und Fußmengen, legt sich mit einer Riesenblondine und deren Schuh an und muss dann so elend sterben. Die Welt gehört eben nicht immer den Mutigen...




Die Geschichte aus der Sicht der Blondine


Der Tag heute war nicht so toll. Bisschen spazierengehen, Eis essen, am Strand liegen, Horst hat gelesen und sich nicht richtig um mich gekümmert. Naja, die paar Tage halte ich auch noch aus, und ich muss den ganzen Scheiss wenigstens nicht bezahlen.

So richtig begeistert bin ich ja von dieser Insel nicht - kein vernünftiger Club, nur diese Pinten, die irgendwie alle etwas improvisiert wirken, die Leute sind auch nicht ganz mein Fall. Ich frage mich, warum ich mir jeden Abend soviel Mühe mit meinem Styling gebe - außer Horst sieht es wahrscheinlich niemand. Die sitzen ja alle nur mit blödem Grinsen in ihren Stühlen und gucken jeden Abend zu, wie die Sonne untergeht. Nächstes Mal will ich wieder nach Ibiza!

Langweilig ist mir, und meine Füße tun weh. Die neuen Sandalen drücken doch ganz schön, und wozu ich sie anhabe, weiß ich auch nicht. Horst hat jedenfalls noch nicht bemerkt, dass ich neue Schuhe trage.

Ich lasse meinen Blick ein wenig schweifen; vielleicht gibt es ja doch noch den einen oder anderen Kanditaten für einen One-Night-Stand? Der Typ an dem Tisch draussen sieht ganz nett aus, ist bestimmt in irgendeinem Fitnessclub aktiv. Wie alt mag der wohl sein? Schöne Augen hat er. Ich glaube, wenn Horst auf der Toilette ist, versuche ich mal einen Blickkontakt. Er scheint allein da zu sein, zumindest heute abend.

Dann schaue ich noch einmal an mir herunter, will meine Schuhe zurechtrücken und sehe "EINE KAKERLAAAAAAAKÄÄÄÄÄÄÄÄ!!!!!"

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