24 Juni 2007

Irrwege einer Träne

Sie hatte sich versteckt, irgendwo im Winkel des rechten Auges, wollte nicht hervorkommen, nicht gesehen werden. Vor lauter Anstrengung, sich zu verbergen, hatte sie schon beide Augen gerötet. Trotzdem war sie entschlossen, sich nicht zu zeigen, denn Hunderte würden ihr folgen, und das konnte sie nicht verantworten.

Außerdem wußte sie, dass sie sterben würde in dem Moment, in dem sie das Auge verliesse. Sie würde an der Wange hinunterlaufen, vielleicht noch am Hals, aber dann würde sie irgendwo in einem Stück Stoff versickern. Und damit verschwunden sein.

Tränen haben es nicht leicht in diesem Leben. Zeigen sie sich, stellen sie ihre Besitzer bloß. Verstecken sie sich, sterben diejenigen, die sie nicht weinen dürfen, irgendwann an gebrochenem Herzen. Werden sie jedoch geweint, gehen sie gleich zu Tausenden verloren. Und werden nie wieder gefunden. Sie haben ein kurzes Leben. Ich weine sie trotzdem.

Diese spezielle Träne wird in einem Strom von anderen untergehen, und wenn sie viel Glück hat, endet sie als durchweichtes Tempo. Eines von vielen. Immerhin, sie wird nicht einsam sterben. Das kann nicht jeder von sich behaupten, der schon tot ist.

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