02 Juni 2007

Sternenstaub

Vor langer, langer Zeit flog ein kleines Grüppchen fremdartiger Wesen durch die unendlichen Weiten des Universums. Sie waren auf der Suche nach einer neuen Heimat. Der Planet, auf dem sie ursprünglich gelebt hatten, war zerstört worden durch den zu leichtsinnigen Umgang mit Technik und Wissenschaft. Es hatte zwar immer einige Mahner gegeben, aber die Forscher dieses Planeten waren zu sehr mit Forschen beschäftigt, als dass sie die Zeit gefunden hätten, sich mit den Warnungen auseinander zu setzen. Die Gruppe der Überlebenden war sehr klein, denn niemand auf dem Planeten hatte glauben wollen, dass es wirklich so ernst war. Im Laufe weniger Jahre war es wärmer und wärmer geworden, Stürme tobten immer heftiger, und das, was in früheren, besseren Zeiten ein willkommener Regenguss gewesen war, hatte sich zum Wolkenbruch entwickelt. Trotzdem hatten die anderen Bewohner fest Augen und Ohren verschlossen und ihr Leben weitergeführt.

Die kleine Gruppe bestand aus fünf Wesen, die mutig genug waren, ihre Heimat zu verlassen, um ihr Leben zu retten und irgendwo im Universum einen neuen Planeten zu finden, auf dem sie leben könnten. Eines Tages schafften sie alles, was sie in ihr neues Leben mitnehmen wollten, in ein gemietetes Raumschiff, verabschiedeten sich von Freunden und Familien und starteten. Ein kleiner Zweifel blieb: Stand es wirklich so schlimm um ihren Planeten? Möglicherweise war ihre Flucht ganz und gar sinnlos, weil die Mahner doch unrecht gehabt hatten? Andererseits - wenn sie blieben, würden sie möglicherweise mit allen anderen untergehen und niemand im großen, weiten Universum würde jemals erfahren, dass es den Planeten gegeben hatte. Denn auch das war ein Grund für die Reise ins Ungewisse: Die Wesen wollten die Bewohner anderer Planeten mit ihrem Schicksal davor warnen, so nachlässig mit ihrem Lebensraum umzugehen wie sie es getan hatten.

Und so flogen sie kreuz und quer durch den Weltraum, entdeckten fremde Galaxien, neue Planeten, ohne jedoch anderes Leben zu finden. Lichtjahre irrten sie umher, und irgendwann kamen sie zu der Überzeugung, dass ausser ihnen niemand lebte. Müde, traurig und hoffnungslos liessen sie sich treiben, ihre Vorräte gingen zur Neige, und sie beteten zu ihren Göttern um freundliche Aufnahme.

Doch die Götter schienen anderes mit ihnen vorzuhaben. Eines Tages entdeckte eines der Wesen einen neuen Planeten, der von oben ganz blau aussah. Sie flogen näher heran, und durch ein Fernrohr konnten sie erkennen, dass der Planet zu großen Teilen aus Wasser bestand. Und es gab Leben dort! Glücklich und erleichtert machten sie sich an die Vorbereitungen für eine Landung. Wie würden die Bewohner dieses Planeten aussehen? Würden sie sich mit ihnen verständigen können? Vielleicht sogar Freunde finden? In der Hoffnung, dass man sie verstehen würde, sendeten sie Funksprüche in ihrer Sprache, in denen sie ihre Freude ausdrückten und versicherten, dass sie in friedlicher Absicht kämen.

Leider war der einzige Ort, an dem ihr Funk empfangen werden konnte, eine Stadt namens Houston. Dort saßen ein paar Menschen, deren Aufgabe es war, die Bewohner der Erde (denn dies war der Planet, den die Wesen entdeckt hatten) vor fremden Eindringlingen zu schützen. Und leider verfügte ihr Dechiffriersystem nicht über die Möglichkeit, die Sprache der Wesen zu entschlüsseln. Da aber die Menschen ihre Aufgabe sehr ernst nahmen, beschlossen sie, das fremde Raumschiff sicherheitshalber abzuschießen, bevor es sich noch als Bedrohung erweisen könnte. Und so geschah es, dass die Wesen, während sie noch voller Vorfreude ihren Göttern für die Rettung dankten, in Sekundenschnelle zu Sternenstaub verglühten.

Gerade die Bewohner der Erde hätten aber die Warnungen der fremden Wesen nötig gehabt, denn auch sie waren gerade dabei, ihren Planeten zu zerstören. Darum dauerte es nicht mehr lange, bis die Erde sich in einem letzten, vergeblichen Aufbäumen gegen die zerstörerische Menschheit schneller und schneller drehte, wärmer und wärmer wurde, bis sie ebenso verglühte wie die Wesen in ihrem Raumschiff. Doch während diese als Sternenstaub durch die Weiten des Universums flirrten, im Schein des Mondes silbrig und in der Nähe der Sonne golden glänzten, blieb von der Erde und ihren Bewohnern nichts als Asche, die sich auf dem Weltraumschrott, den die Menschen hinterlassen hatten, absetzte, ohne von irgendjemandem bemerkt zu werden.

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