Vor längerem hatte ich mich über eine südniedersächsische Kleinstadt, nein, noch ein wenig unspezifischer, eine westdeutsche Kleinstadt, deren Eingeborene sich dadurch auszeichnen, dass sie ihre Twingos tieferlegen, ausgelassen und mir damit die eine oder andere Kritik eingehandelt. Keine Sorge, ich will nicht wieder davon anfangen, ich habe gelernt! Die Erinnerung an die tiefergelegten Twingos und ihre Beweger ist nur der Aufmacher für eine längere Klage über Fahrzeuge, deren Fahrer ganz offensichtlich einige zehntausend Euro für ihren Luxusschlitten, aber keinen Cent mehr für ein paar weitere Fahrstunden gespart haben (Obwohl die Fahrstunden nötig gewesen wären. Ich kann es bezeugen, ich bin hinter ihnen her gefahren. Unfreiwillig.), Ex-Kollegen und Spritsparer.
Aber ich will von vorn anfangen. Da sind also die tiefergelegten Twingos in dieser netten, kleinen, deutschen Stadt. Diese Stadt und das Äquivalent zu mit erheblichem Aufwand getunten Kleinwagen gibt es auch in groß. Stadt, Eingeborene und dazugehörige Fahrzeuge befinden sich in Nordhessen. Besagte Stadt ist gerade berühmt und international, weil viele KünstlerInnen und solche, die sich dafür halten, Reis- und Mohnfelder (wetterbedingt in Auflösung befindlich), Plastikgewächshäuser, Entschuldigung, "lichtdurchflutete Ausstellungsräume" und vielerlei politisch ambitionierte Exponate ausstellen und damit ein großes und kunstverständiges Publikum anziehen. Mehr sage ich nicht, sicherheitshalber. Man könnte mich erkennen, obwohl ich ja mit dem Kennzeichen dieser südniedersächsischen Kleinstadt herumfahre und somit zwar suspekt bin (da eilt mir ein gewisser Ruf des fahrerischen Unvermögens voraus), mich aber nicht als Nestbeschmutzerin verdächtig mache.
Heute hat es geregnet. Den ganzen Tag. Auch in Nordhessen. Ich habe absichtlich die Landstraße gewählt, da sich auf der Autobahn ganze Rudel überforderter Familienoberhäupter mit Tempo 80 auf der linken Spur tummelten und beim kleinsten Bremsmanöver des Vordermannes sofort die Warnblinkanlage betätigten. Auf der Landstraße waren ganz andere Menschen unterwegs. Direkt vor mir fuhr mein Traumwagen, ein Mercedes 500 SLK Baujahr ca. 1995, schwarz. Nordhessisches Kennzeichen. Dabei ist heute nicht Fronleichnam. (Dann haben die Hessen nämlich frei und fallen in das nächstgelegene südniedersächsische Mittelzentrum ein, verstopfen parkplatzsuchenderweise die Straßen und bringen das dort arbeitende Volk zur Verzweiflung.) SLK fähr 70 km/h. Gut, es regnet. Trotzdem hielte ich ein schnelleres Tempo noch immer für witterungsangepasst. Da! Eine Kurve! Mindestens 30°! SLK bremst auf Schrittgeschwindigkeit herunter, ich gezwungenermaßen mit, darauf wartend, dass der Fahrer sein Fahrzeug verläßt und es um die Kurve schiebt. Da es regnet, bleibt er sitzen, behält aber die Schiebegeschwindigkeit bei. Ich versuche mein Glück mit dichtem Auffahren, wildem Gestikulieren und giftigem Blick. Sieht er nicht, sein Blick ist starr auf die nächste Schikane, eine 90°-Kurve gerichtet. Ich hätte nicht gedacht, dass ein Mercedes SLK technisch in der Lage ist, langsamer als Schrittgeschwindigkeit zu fahren. Dieser kann.
Gerade Strecke. Ich setze zum Überholen an. SLK gibt Vollgas. Peugeot 206 kann nicht mithalten. SLK ist ein A... Kurz darauf: KEHREN! Das sind Kurven, die ein wenig Fahrkönnen erfordern, wenn man dem während der Fahrt einsetzenden Alterungsprozess ein Schnippchen schlagen möchte. SLK entscheidet sich erneut für Schrittempo. (Das dritte "t" habe ich bewusst weggelassen; ich weiss, dass die Rechtschreibreform derartigen Schwachsinn verlangt, gedenke aber, mich auch weiterhin zu verweigern.) Ich zitiere Tori Amos: "And it went on and on and on and on... And she died." Ich habe überlebt. SLK auch. Irgendwann konnte ich ihn überholen, warf einen Blick zur Seite und stellte zu meinem Entsetzen fest, dass der Fahrer noch Jahre von der Rente entfernt war. Seinem Fahrstil nach hatte ich einen älteren Herrn erwartet, der sich von seinem Ersparten endlich den ersehnten Sportwagen gekauft hatte, mit dem er schon in geistiger Hochform nicht hätte umgehen können. Nein, hier hatte ich es offensichtlich mit einem Angestellten des Öffentlichen Dienstes, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ver.di-Mitglied, zu tun! Schlafen im Amt mag ja üblich und tolerabel sein, Schlafen im SLK sollte mit Hollandradfahren nicht unter 20 Jahren bestraft werden!
Das Überholmanöver hätte ich mir schenken können. Der nächste Mercedes vor mir (Frage: Fährt irgendjemand in Deutschland ausser mir keinen Mercedes???) war ein Taxi. "Dann ist ja alles gut!" dachte ich. Als Ex-Taxifahrerin war ich mir sicher, dass der Kollege es eilig hätte. Ein anständiger Taxifahrer hat es immer eilig. Je schneller man den Fahrgast abgesetzt hat, desto eher hat man einen neuen. Ausserdem erhöht ein wenig Todesangst die Dankbarkeit, angekommen zu sein und damit auch das Trinkgeld.
Dieser spezielle Taxifahrer hatte Zeit. Und Angst. Auf einer Landstraße normaler Breite fuhr er mittig mit maximal 70 km/h, vollbremste bei entgegenkommenden Fahrzeugen und Kurven und Tempo-70-Schildern und gab Vollgas in geschlossenen Ortschaften. Wenigstens das identifizierte ihn als jemandem, dem zumindest ein erfahrener Kollege erklärt haben musste, worauf es beim Taxifahren ankommt. Bei der nächsten Möglichkeit setzte ich zum Überholen an. Er gab Gas. Ich drängte ihn hupend ab, zeigte ihm jeden Finger, der irgendwie anstössig war und überholte weiter. Freiheit!
Nach ca. einem Kilometer sichtete ich direkt vor mir einen VW Lupo. So ein Drei-Liter-Auto. So ein Auto, das von politisch und ökologisch korrekten Menschen in baumfreundlich gebleichtem Wollpullover und Birkenstocks gefahren wird. Die haben Zeit. Und Sendungsbewusstsein.
Da die Grenze meiner Belastbarkeit inzwischen überschritten war und ich keine Möglichkeit zum Überholen hatte, lenkte ich scharf links, direkt über den Hessischen Fernradweg R1 in die Fulda. Die hatte Hochwasser, und ich ging schnell unter. Jetzt bin ich tot. Ertrunken. Das, was Sie gerade lesen, ist nur ein Auswuchs Ihrer gestörten Phantasie. Knipsen Sie also besser Ihren PC aus und gehen Sie ins Bett, wenn Sie nicht so enden wollen wie ich.
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