25 August 2007

Konfrontationstherapie in brütender Hitze

Manchmal ist die Angst vor Nachtfaltern unglaublich lästig. Ich sitze in meinem Bett, den Laptop auf dem Schoß, schwitze mich halbtot, lasse aber das Schlafzimmerfenster geschlossen, weil ja sonst irgendwelche Tiere mit einem Augendurchmesser nicht unter einem Meter zwanzig mein Refugium entern könnten. Blöd. Extrem blöd. Mir ist höllisch heiss. Natürlich könnte ich jetzt das Rollo herunterlassen und das Fenster öffnen, aber dann ist es nachher, wenn es hell wird, dunkel, und ich werde nicht wach. Wäre auch blöd. Ausserdem besteht die Gefahr, dass sich eines dieser perfiden Biester zwischen Fenster und Rollo versteckt hat. Ich kann aber nicht mitten in der Nacht herumbrüllen, staubsaugen und hysterisch werden. Meine Vermieter schlafen unter mir.

Ich wünschte mir, dass ich das, was ich in meinen diversen Ausbildungen gelernt habe, auf mich selbst anwenden könnte. Phobietechnik wäre die Maßnahme der Stunde. Dann müsste ich nicht schwitzen, könnte die laue Sommernacht geniessen und horchen, was die Natur Südniedersachsens nach Einbruch der Dunkelheit zu erzählen hat.

Manchmal frage ich mich, warum es überhaupt Ängste gibt, vor allem aber, warum sie nicht gerechter verteilt wurden. Warum zum Beispiel haben nur so wenige Männer Angst vor Nachtfaltern (ehrlich gesagt, kenne ich keinen einzigen)? Dabei hätten gerade sie einen kleinen Dämpfer ab und zu nötig, ganz davon abgesehen, dass mir das Bild eines kreischenden und mit dem Zeigefinger auf einen in der Zimmerecke sitzenden Nachtfalter weisenden Fondsmanagers auch eine gewisse Freude macht. Aber wer Gerechtigkeit will, sollte um einen schnellen Tod und um die Erfüllung der biblischen Versprechen bitten. Ob dann auch eine Heilung von Nachtfalterphobien im Programm ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Bin nicht bibelfest.

Sogar mein PC schwitzt. Er brummt und kühlt. Schwitzen wir eben zusammen, wir haben ja Zeit und können beide morgen früh (nachher früh) ausschlafen.

Ich frage mich, was, rein rational gesehen, an einem Nachtfalter so fürchterlich ist. Es sind 6-füßige, flatternde Tiere mit Facettenaugen, die stauben und Flecke an der Wand hinterlassen, wenn man sie erschlägt. Unverbesserliche behaupten gar, dass sie Ähnlichkeit mit Schmetterlingen hätten. Blödsinn!
Selbstverständlich war dies eine rein rhetorische Frage, und ich weiss ganz genau, was das Grauen ausmacht: Wenn man im Sommer recht unbedarft die Straße hinuntergeht, möglicherweise nach einer netten Grillparty oder einem Sommerfest, an nichts Böses denkend jedenfalls, legen sie unbemerkt ihre Eier ins Rückenmark. Und eines Tages, wenn der Wirt (ICH) die Eier dann ausgebrütet hat, platzt der Rücken längs der Wirbelsäule wie der Reissverschluss einer Hose, die eine übergewichtige Hausfrau zu schließen versucht, auf, das Opfer stürzt bäuchlings zu Boden und Hunderte von kleinen Nachtfaltern verlassen den Wirt (immer noch ich) wild flatternderweise, um sich kurz darauf wieder auf ihm niederzulassen und für ein paar Tage von den kläglich dahingeschiedenen Überresten zu ernähren.
NICHT MIT MIR!! Ich bin gewarnt, habe schon im frühen Kindesalter John Sinclair gelesen und werde mein Fenster geschlossen halten, auch auf die Gefahr hin, dass ich in meinem eigenen Schlafzimmer ersticke. Immer noch besser, als zur Brutstätte von Monsternachtfaltern zu werden.

Gestern abend hat mir jemand von Konfrontationstherapie erzählt. Das stelle ich mir in meinem Fall ungefähr so vor wie eine verschärfte Version des Dschungelcamps. (Für diejenigen, die sich entweder dem TV-Schwachsinn entziehen oder aber ihm so sehr erlegen sind, dass sie sich an Formate, die älter als zwei Monate sind, nicht mehr erinnern können: Costa Cordalis, Daniel Kübelböck, Desirée Nick und einige mehr wurden hier dazu gezwungen, Insekten zu essen, auf bzw. bei ihnen zu schlafen und sich gegenseitig Schimpfwörter an den Kopf zu werfen. Am Ende wurde dann Costa Cordalis Dschungelkönig und sang "Fiesta Mexicana". Oder war das jemand anderes, der auch schon tot ist???)
Konfrontationstherapie. Ich ganz allein in einem Raum mit vielen, vielen unterschiedlichen Faltern. Kein Staubsauger. Kein Therapeut. Keine Waffen. Nur ich und der galoppierende (in diesem Fall flatternde) Wahnsinn. Da kann man mir gleich ein Zimmer im Landeskrankenhaus Göttingen, geschlossene Abteilung für hoffnungslose Fälle, reservieren, meine Wohnung ausräumen und die darin befindlichen Einrichtungsgegenstände einem guten Zweck zuführen. Ich werde da nämlich nicht mehr herauskommen. Ganz im Gegenteil, ich werde auf einem Stuhl sitzen, vor- und zurückschaukeln, ein debiles Lächeln im Gesicht und "Flapflap" sagen. Mehr nicht.

Habe gerade kontrolliert, ob mein Fenster noch geschlossen ist. Ich möchte meine Wohnung behalten.

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