Letztes Jahr habe ich es schon einmal getan; zwar ging es um den November und die von mir positiv bewertete Tatsache, dass er kalt und nass ist und damit zum gemütlichen Gammeln auf der Couch und im Bett einlädt.
Heute ist es aus aktuellem Anlass der Oktober, der mir nahezu ungebremste Begeisterungsstürmen entlockt. Gerade komme ich von einem Spaziergang an der Fulda und im dazugehörigen Wald zurück. Die Farben sind unbeschreiblich, die Atmosphäre eine Mischung aus Tod und Auferstehung. Die Natur scheint zu sterben, aber in all dem Verfall leuchten rote Hagebutten und ein paar wenige überlebende Himbeeren. Der Wald verdoppelt sich rotbraungelbgrün im ruhigen und spiegelglatten Wasser des Flusses, der Himmel prunkt mit einer Mischung von zartem, fast verschämten Blau, Wolken, Hellrosa und Leuchtendorange und wirft sich todesmutig dem Wald hinterher.
Morgens ist es neblig, und die Welt scheint für einen Moment nur aus den eigenen Gedanken zu bestehen, bis sich dann mit etwas Glück im Laufe des Tages die Sonne durch den Nebel gekämpft hat und einen dieser goldenen Tage zaubert, die es nur im Herbst zu geben scheint. Tut sie es nicht, bleibt es noch immer ein Oktobertag, neblig, etwas verwirrt, feucht und kühl. Schön trotzdem.
Herbst macht mir Lust, nach draussen zu gehen, mehr noch als der Sommer. Bin jetzt viel dankbarer für jeden Sonnenstrahl, für jedes Stückchen blauen Himmels und weiss es daher mehr zu schätzen als in einem Sommer, in dem Wärme und Sonne der Normalfall sind. (Manchmal sind sie es auch nicht, und dann gilt meine Dankbarkeit einem Herbst, der die vielen Regentage vergessen macht.) Jetzt darf es regnen, kalt und ungemütlich sein, ganz offiziell. Vor drei Wochen wurde auch kalendarisch Herbst eingeläutet. Weihnachten lauert seit September in dunklen Kaufhausecken mit Keksen und Lebkuchen, aber wer es schafft, das drohende Fest zu ignorieren und sich zu entspannen, genießt Ruhe und Frieden.
Frieden. Friedhof. Irgendwie ist der Herbst auch eine Zeit, in der diejenigen, die gegangen sind, mehr Präsenz haben als in anderen Jahreszeiten. Das mag an den klassischen Totentagen liegen, an den Gestecken, die gleich neben der Weihnachtsdekoration im Baumarkt zu finden sind. Möglicherweise liegt es aber auch an dem allgemeinen Gefühl des Abschieds. Alles verabschiedet sich für ein paar Monate: Die Blätter an den Bäumen, das Wachstum in der Natur, eine Menge Vögel fliegen Richtung Wärme und Süden (ich hoffe, sie entkommen den Maschendrahtfallen der Vogelhändler und -mörder), auch das Tageslicht schwindet. Irgendwie scheint alles umzufallen und von Spinnweben und morgendlichem Rauhreif überdeckt zu werden. Und so nehme ich auch fast jedes Jahr um diese Zeit Abschied. Manchmal lasse ich Lebensentwürfe gehen, Philosophien, mit denen ich mir mein Dasein erklärt habe, manchmal trenne ich mich von Menschen, von einer Tätigkeit, manchmal muss ich ein Stück Jugend verabschieden. Jedesmal tut es weh, und jedesmal weiss ich, dass Abschied auch eine Begrüßung beinhaltet, jede Trennung einen Neuanfang und dass nach dem Einbruch der Dunkelheit Kerzen ein sehr gemütliches Licht verbreiten. Und irgendwann wird es dann wieder hell. Im Herbst kommt das Licht etwas später, nicht so gleissend, sondern eher zaghaft, aber es kommt. Immer. Das ist sicher. Sollte ich mehr brauchen?
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen