26 November 2007

Betrunkene Schriftsteller oder schriftstellernde Betrunkene

Da heisst es, dass ein ordentlicher Schriftsteller entweder Whisky oder Rotwein zu trinken und mindestens eine Katze auf der Tastatur zu sitzen hat. Ich trinke Bier und bin katzenlos. Das kann ja nichts werden!

Hemingway hat sich totgesoffen und -geraucht, Bukowsky ist am Alkohol und erhöhtem Drogenkonsum zugrunde gegangen, selbst Elke Heidenreich gibt zu, dass sie immer ein Glas Rotwein neben dem PC stehen hat.

Tja. Ich sitze auf der Couch und trinke Bier. Ökobier immerhin. Ist allerdings nicht so lecker wie das gute Nörten-Hardenberger, dafür aber viel teurer.

Können BiertrinkerInnen SchriftstellerInnen sein? Dürfen sich Menschen, die ihre Zimmerpflanzen wg. Wassermangels kläglich verrecken lassen, kreativen Ergüssen hingeben? Sind abenteuerunlustige und fernsehzeitverschwendende Couchpotatoes mit Wöbber mittschiffs überhaupt in der Lage, an Lyrik auch nur zu denken? Können sie irgendetwas fertig Geschriebenes an den Mann, die Frau oder einen beliebigen Literaturagenten verscherbeln? Oder sollten sie besser schlafen, saufen, Blumen gießen und einen ordentlichen Job verrichten?

Was ist ein ordentlicher Job? Einer, der die Kreativität weckt, oder besser einer, der so richtig wütend macht?

Heute hätte mir eine nette Geschichte einfallen können. Da ist diese nichtgenanntwerdenwollende Kleinstadt irgendwo in Südniedersachsen, die mit den putzigen Eingeborenen. In dieser Stadt gibt es ein Gesundheitsamt. In diesem Gesundheitsamt arbeitet Frau L. Allerdings arbeitet Frau L. verständlicherweise nur, wenn sie nicht krank ist. Frau L. ist seit knapp zwei Wochen krank. Das wäre mir eigentlich absolut und vollkommen gleichgültig, wenn Frau L. nicht die einzige Person im Gesundheitsamt besagter südniedersächsischer Kleinstadt wäre, die einen Stapel Papiere herauszugeben in der Lage sein könnte, für die niemand sonst zuständig ist. Ich brauche diesen Stapel Papiere. Man erklärte mir, ich sollte Mitte Dezember noch einmal nachfragen.

Kennen Sie den Film "Falling Down" mit Michael Douglas? Da wird aus einem ganz normalen berufstätigen Durchschnittsmenschen ein wildgewordener Amokläufer. Kann ich nachvollziehen. Wirklich. Frau L. kann ja nichts dazu, sie hat die Grippe, und im Öffentlichen Dienst sollte man sich die Grippe nehmen, solange es noch Lohnfortzahlung im Krankheitsfall gibt. Die meisten Beschäftigten in der Privatwirtschaft kommen ja inzwischen lieber mit 45° Fieber zur Arbeit, um bloß ihren Job nicht zu verlieren. Außerdem kann Frau L. ja nicht wissen, dass sie mit nichtsnutzigen Kolleginnen in einem Zimmer arbeitet. Möglicherweise bin ich sogar die Einzige, die diese bestimmten Papiere benötigt, und Frau L. ist nur eine Alibifrau, weswegen es völlig gleichgültig ist, ob sie vor Gesundheit nur so strotzt oder schon fast tot ist? Kann man alles nicht wissen.

Noch während ich schreibe, wird mir die Sinnlosigkeit meines Unterfangens bewusst. Frau L. weiß nicht, dass es mich gibt und wird sich demzufolge auch nicht für mein Anliegen interessieren. Ihre Kolleginnen haben mich zunächst als die Zicke identifiziert, die ich nun einmal bin und sofort darauf vergessen. Wäre ich Charles Bukowski, dürfte ich jetzt erst boxen und dann saufen. Später würde sich dann jemand finden, der mir erst Kopfschmerztabletten gibt und dann meine genialen Ergüsse verlegt.

Ich bin weder Charles Bukowski noch Elke Heidenreich noch Henry Miller. Ich sollte es lassen und mich mit der Wiederbelebung von Frau L. beschäftigen. Dann bekomme ich wenigstens ein paar Zettel.

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