01 November 2007

Die Marke "Maddie"

Da ist vor fast genau sechs Monaten ein kleines Mädchen entführt worden, zum Zeitpunkt ihres Verschwindens ca. drei oder vier Jahre alt. Die Eltern sind schockiert, dann gehen sie an die Presse, gründen, den Hilfsfond "Find Maddie", von dem zunächst diverse Anwälte, Medien- und PR-Berater, später dann zwei Monatsraten für das gemeinsame und noch im Besitz der Bank befindliche Anwesen gezahlt werden. Der Papst wird besucht, die Bundeskanzlerin, Zeitungen und Fernsehen werden bemüht. Ziel: Das Verschwinden des Kindes darf nicht in Vergessenheit geraten.
"Die Eltern des verschwundenen Mädchens haben die „Marke Madeleine“ im Mai und Juni begründet, das war der Nebeneffekt ihrer Öffentlichkeitskampagne auf der Suche nach ihrer Tochter, und die Zeitungen, die Polizeibehörden, reiche Geldgeber, allerlei Berühmtheiten wie preisgekrönte Autoren oder Scheidungsopfer alternder Popsänger halten die Marke jetzt lebendig, benutzen oder missbrauchen sie auch. Vom Schicksal Madeleines gibt es unterdessen nichts zu berichten." FAZnet vom 01.11.07

Tja. Wäre ich jetzt zynisch, würde ich die Tatsache, dass die sogenannte "Herdprämie", die Frauen dafür belohnt, dass sie nach der Geburt ihren natürlichen Pflichten nachkommen (Eva Herrmann und Kardinal Mixa lassen herzlichst grüßen) mit der Aussage eines mir nicht näher bekannten Politikers, das sei nichts weiter als eine "Investitionsbeihilfe für Flachbildschirme" und dem recht subjektiven Gefühl, dass Kinder ihren Eltern häufig irgendwie passieren, ohne dass sich diese auch nur den Schatten eines Gedankens darüber machen, dass sie da ein Leben und damit Verantwortung in die Welt gesetzt haben, in Verbindung bringen und mich nicht weiter wundern.


Ja, da verschwindet ein Kind. Na und, in Zeiten der Kinderpornographie im Internet verschwinden sie doch dauernd, soll man sich da wirklich noch aufregen? Sie werden von ihren Eltern gequält, vernachlässigt,
wachsen im besten Fall mit Kinderschnitte, Fruchtzwergen und Toffifee vor dem Fernseher auf (dann muss es allerdings schon echt gut gelaufen sein!) oder gehören zu diesen armen Waisen, die von irgendwelchen Promis adoptiert werden (dann werden sie zwar nicht geliebt, haben aber eine Mörderkohle, was ja auch nicht schlecht ist).


Aber ich bin nicht zynisch. Ich glaube an die Menschheit und die Menschlichkeit.


"Weitere Maddie-Meldungen des Tages lassen allerdings die Sorge gering erscheinen, der Geschichte über die Folgen des Verschwindens einer Vierjährigen könnte bald der Stoff ausgehen: Für Samstag haben die Eltern öffentliche Abendgebete für ihre Tochter angekündigt." FAZnet vom 01.11.07



Ich habe keine Kinder, und ich kenne die Eltern dieses verschwundenen Mädchens nicht. Aber ich frage mich, in was für einer Welt wir leben, wenn das Verschwinden eines Kindes nichts weiter bedeutet als eine Schlagzeile. Wer sind wir, dass wir nicht mit dem Kind fühlen, das möglicherweise Opfer entweder häuslicher Gewalt, Pädophilie oder Langeweile geworden ist, sondern wie die Geier über eine Geschichte herfallen, die wir auch nicht ansatzweise nachvollziehen können?

Heute nachmittag hatte ich einen sehr charmanten jungen Mann im Arm, Fietje, sechs Tage alt. Ich wünsche ihm das Allerbeste, vor allem aber, dass er nicht so bald mit Flachbildschirmen, Eigennutz und Gleichgültigkeit konfrontiert wird, sondern die Liebe seiner Eltern noch recht lange geniessen darf.


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