01 November 2007

Heldenmut und Hidalgo

Ich bin ja bekanntermaßen eine Filmheulerin. Wer noch nie hilflos im Kino neben mir gesessen und mir seinen Jackenärmel angeboten hat, während ich mehr oder weniger still in mich hineingeschluchzt habe, möge sich jetzt melden oder für immer schweigen. Ich habe sogar bei der Beerdigung von Franz Josef Strauß geheult und bei Prinzessin Dianas Hochzeit mit dem Segelohreninhaber. Ist mir heute peinlich, konnte ich aber damals nicht ändern. Egal.

Heute, lahmgelegt mit schmerzendem Knöchel, habe ich mir "Hidalgo" angesehen. Viggo Mortensen kommt ohnehin gleich nach Götz George, George Clooney, Clark Gable und Dennis Quaid, aber sein Pferd hat alles geschlagen. Kampfeswillen, Todesmut, Durchhaltevermögen, Trotz, Stolz, "Hidalgo" (so hieß es) hatte alles in sich.


Natürlich wird so ein Tier vermenschlicht, sonst würden Menschen wie ich nicht haufenweise Taschentücher und Jackenärmel vollheulen, aber trotzdem: Heldenmut ist eine sehr seltene Ware in unseren Zeiten, und wenn dieser Heldenmut dann von Mensch und Tier auf so wunderbare, eben heldenhafte Art in Szene gesetzt wird, frage ich mich, wie wir mit all diesem täglichen Kleinkram eigentlich leben können.
Nein, ich werde ehrlicherweise ein wenig spezieller: Ich frage mich, wie und warum ICH mit diesem alltäglichen Kleinkram lebe, statt zu tun.

Warum suche ich nicht nach dem Abenteuer, der großen, einzigartigen, lebensbedrohlichen Herausforderung?

Warum komme ich nicht auf die Idee, ohne Sauerstoff und im Alleingang den Mt. Everest zu besteigen?

Warum laufe ich keinen Wüstenmarathon mit, nicht den Transeuropalauf, nicht einmal den auf den Brocken und wieder runter?

Weil ich mir, sobald ich mich einigermaßen wohlfühle mit mir, irgendetwas verstauche, umknicke, verdrehe oder aufschlage?
Weil ich ganz offensichtlich in einem Alter bin, in dem man eher nicht gelebten Träumen hinterhertrauert als sie zu suchen?
Weil ich nicht weiss, ob meine Krankenversicherung das Risiko übernimmt?
Weil ich feige bin?
Bequem?
Faul?
Weil die Fahrt zur Arbeit schon extrem abenteuerlich ist?

Wenn ich einen Wunsch frei hätte, der nicht schon für einen arbeitsplatznahen Parkplatz verballert worden ist, hätte ich gern Mut. Den Mut, doch noch zu tun, wovon ich irgendwann einmal geträumt habe. Den Mut, einzuschreiten, wenn ich etwas als ungerecht empfinde, statt mich hinter Zynismus zu verstecken. Den Mut, die Richtung zu wechseln, statt dem Richtungspfeil zu folgen.

Sollte sich mein Heldentum tatsächlich darauf beschränken, eine Spinne vor dem Ertrinken zu retten und ohne GPS Auto zu fahren?

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