12 November 2007

Laufenlassen

Gerade ging mir ein Wort durch den Kopf, nämlich "Pissnelke", keine Ahnung, warum.
Heute habe ich den neuesten Roman von Elizabeth George zuende gelesen, in dem es darum geht, das Schicksal eines 12-jährigen Jungen nachzuzeichnen, der im vorhergehenden Band die schwangere Ehefrau eines Scotland-Yard-Beamten getötet hatte. Das wäre die richtige Sprache für ihn gewesen.

"Pissnelke" wörtlich bedeutet doch nichts anderes als eine inkontinente Pflanze. Aber das stimmt nicht, weil es ausschließlich meine Deutung ist. Dass die Nelke pissen muss, heisst ja noch lange nicht, dass sie auch inkontinent ist. Sie muss nur mal.


Das wiederum bringt mich zu den Problemen, die frau hat, wenn sie mitten in der Innenstadt unverhofft, aber dringend auf Toilette muss. Mann pisst an die Wand. Oder den nächsten Baum. Frau sucht verzweifelt nach einer öffentlichen Toilette oder einer Gaststätte. Allerdings muss diese schon gewisse Voraussetzungen erfüllen. Ich würde zum Beispiel niemals in einer Gaststätte die Toilette aufsuchen, wenn ich mich dafür durch den halben Laden drängeln muss. Dann sieht ja jeder, dass ich nicht konsumiere, sondern nur pisse. Und das wäre mir peinlich.


Großartig sind solche Lokalitäten, bei denen die Waschräume unmittelbar nach dem Eingang gelegen sind, im Idealfall noch eine Treppe tiefer. Aber das weiss frau ja vorher nicht. Also hilft in diesem Fall (wir sind immer noch in der Innenstadt unterwegs und MÜSSEN!) nur das beherzte Zusammenkneifen bzw. Anspannen sämtlicher vorhandener und willkürlich ansteuerbarer Beckenbodenmuskulatur.


Spätestens hier erwacht übrigens der Penisneid, jedenfalls bei mir. Nein, eigentlich bin ich nicht auf den Penis neidisch, sondern auf die Unbekümmertheit seines Trägers, der eben einfach mal an die nächstgelegene Wand pinkelt und sich dafür nicht geniert. Ich könnte das nicht. Als Mädchen habe ich mich in der hohen Kunst des Stehpinkelns geübt, war aber nicht sonderlich erfolgreich.


Vielleicht sind Frauen ja genau deshalb gelenkiger als Männer? Immerhin müssen wir ja schon von Kindesbeinen an kauern, ducken, sonstige akrobatische Einlagen vollführen, wenn wir denn irgendwo müssen, wo kein Clo ist. Männer müssen sich hinstellen, und das erfordert erfahrungsgemäß keine besondere Beweglichkeit.


Dann wären da noch die vielgeschmähten Sitzpisser. Die haben zwar keine Eier, sind Warmduscher, üble Softies und Korksandalenträger (sagen die Stehpisser), aber sie sind in der Lage, spontan und schmerzfrei die Beine in einem Winkel zu beugen, der dem gemeinen Stehpisser ein dumpfes Stöhnen entlocken würde.

Überhaupt ist es ungeheuer faszinierend, was für eine Philosophie aus der Art und Weise, wie ein Mensch pinkelt, gemacht wird.

Pinkeln kann zu vermehrter Endorphinausschüttung führen, nämlich dann, wenn man ganz lange aufgehalten hat (z.B. auf einer Busfahrt an die Costa Brava für nur 99,95 € im vollklimatisierten, ausrangierten Reisebus ohne Reiseleitung, mit nur einem Fahrer und festgelegten Pausenzeiten oder wenn der Liebste eben nicht merkt, dass frau wie wild auf dem Autositz herumrutscht, aber nicht sagt, dass sie muss, weil der Liebste das ja schließlich merken muss) und sich dann endlich die Gelegenheit zur Erleichterung findet. Dann ist es auch vollkommen gleichgültig, ob es sich um ein französisches Stehclo handelt, in dem die Beduftungsanlage (und einiges mehr) ausgefallen ist, einen von Tempotüchern, McDonalds-Bechern und Unsäglichem übersäten Parkplatz oder eine öffentliche Toilette in der Innenstadt, in die man 1 € hineinwerfen muss, nach dem Einwurf exakt 90 Sekunden zur Verrichtung des Geschäftes hat, bevor sich diese hochmoderne Anlage dann wegen der Hygiene selbst unter Desinfektionsmittel setzt und die NutzerInnen mit, wenn man eben nicht schnell genug war. Es ist schön. Einfach und uneingeschränkt schön. Manchmal ist ein leiser Laut des Wohlbehagens zu vernehmen, wenn man genau hinhört, so ein "Aaahhhh...". Ich für meinen Teil habe diesen Laut schon in den unterschiedlichsten Tonlagen und Betonungen von mir gegeben.

Sie fragen sich, warum ich ausgerechnet am Montagabend kurz vor Mitternacht auf den Begriff "Pissnelke" komme? Ich habe nicht den Schatten einer Ahnung. Ist aber irgendwie ein schönes Wort, oder nicht? Lassen Sie es auf sich wirken, lutschen Sie es vorsichtig aus, bevor Sie es zerbeissen. Wenn danach ein "AAhhhh..." herauskommt, haben Sie es richtig gemacht.

Ich weiß ja auch nicht, was Sie heute abend noch vorhaben. Ich gehe jetzt aufs Clo. Und genieße die Tatsache, dass es weder öffentlich ist noch sich auf einer Autobahnraststätte, sondern in einer gutbürgerlichen Wohngegend im ländlichen Bereich befindet, außerdem über einen Zeitschriftenständer und Fachliteratur verfügt. Telefonieren oder Textnachrichten verschicken kann man von dort auch.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen