09 Dezember 2007

Die goldene Festung

Vor langer, langer Zeit hatte ein Ritter jede Nacht den gleichen seltsamen Traum. Er sah eine goldene Burg, glänzend im Sonnenlicht, die Tore geschlossen. Doch in seinem Traum wusste er, dass sich hinter den Festungsmauern etwas verbarg, nach dem er schon seit Ewigkeiten gesucht hatte.
Tief in seinem Innersten mochte der Ritter nicht glauben, dass dies einer der Träume sein könnte, die in Erfüllung gehen. Trotzdem fühlte er sich magisch angezogen von dieser goldenen Burg, und so machte er sich eines Tages, nur begleitet von einer kleinen Schar seiner besten Kämpfer, auf den Weg, um sie zu suchen und zu erobern.
Sie ritten Tag um Tag, ohne auch nur einer Menschenseele zu begegnen. Wenn sie rasteten, veranstalteten sie Schwertkämpfe, um sich die Zeit zu vertreiben und zu üben. So wuchsen sie im Lauf der Zeit immer mehr zusammen, bis sie sich nahezu wortlos verstanden und einer des anderen Bruder wurde.
Obwohl niemand von der goldenen Burg wusste, blieben sie voller Mut und Zuversicht und entfernten sich auf ihrer Reise ins Ungewisse immer mehr von ihren heimatlichen Gefilden.

Und eines Tages, inzwischen waren sie mehrere Jahre auf der Suche gewesen, entdeckte einer der Kämpfer am Horizont einen goldenen Schein. Der Ritter feuerte seine Waffenbrüder an, noch eine letzte Anstrengung zu wagen, um die Belohnung in Form von Gold, Macht und unendlichem Reichtum entgegenzunehmen.
An der Festung angekommen, fanden die Kämpfer die Zugbrücke hochgezogen, und auf den Zinnen entdeckten sie Bogenschützen.
Der Ritter rief ihnen zu: "Wir kommen in Frieden, und wir wollen nicht mit Euch streiten. Aber ich habe von dieser Burg geträumt, und deswegen werde ich sie erobern, ganz gleichgültig, wie lange und wie heftig Ihr Gegenwehr leistet! Ergebt Euch, lasst uns herein, und niemandem soll ein Leid zugefügt werden!"
Doch die Bewohner der Burg liessen sich durch diese Rede nicht beeindrucken. Ein Hagel von Pfeilen prasselte auf die Getreuen ein, und innerhalb kürzester Zeit verlor der Ritter fast die Hälfte seiner Kämpfer.
Die Überlebenden zogen sich in die Wälder zurück, entschlossen, nicht aufzugeben.

Eine endlos scheinende Belagerung nahm ihren Anfang. Niemand kam aus der Burg heraus oder hinein, ohne von den Kämpfern unter Beschuss genommen zu werden, aber ebensowenig gewannen diese auch nur eine Handbreit Boden.
Sobald sich einer der Kämpfer aus dem Wald herauswagte, wurde er von Pfeilen empfangen.
Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als zu warten und sich von dem zu ernähren, was der Wald ihnen bot.

So gingen viele Jahre ins Land, einige der Kämpfer starben beim Versuch, die Burg zu erstürmen, andere gaben auf und kehrten nach Hause zu Frau und Kindern zurück, und niemandem, weder den Angreifern noch den Verteidigern, war ein Erfolg beschieden.

Als nur noch ein kleines Häuflein an Getreuen übrig war, wagte der Ritter in seiner Verzweiflung einen letzten Vorstoß. Als sie am Burggraben angekommen waren, rechneten sie mit einem erneuten Bombardement, doch nichts geschah.
Sie warfen ihre mit Haken beschwerten Seile zu den Zinnen hinauf und hangelten sich langsam an den Aussenmauern nach oben. Niemand versuchte, sie aufzuhalten.
Oben angekommen, schlichen sie die Treppen eines der Wehrtürme hinab, noch immer darauf vorbereitet, angegriffen zu werden.

Im Hof der Burg angekommen, liessen sie die Zugbrücke hinunter, doch da alle Getreuen zusammen mit dem Ritter über die Aussenmauern in die Burg geklettert und die anderen entweder tot oder geflohen waren, kam niemand zur Verstärkung.
Aber es wäre auch keine Verstärkung nötig gewesen, denn niemand griff an. Die Burg war erobert.

Der Ritter streifte durch die Mauern, suchte den verborgenen Schatz, die Insignien der Macht, doch er fand nichts.

Und als am Abend die Sonne unterging und die Burg in goldenes Licht tauchte, begriff er, dass es nichts zu finden gab. Er war einem Traum gefolgt. Die Realität war .... nichts als ein leeres Gemäuer.




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