09 Dezember 2007

Spaziergangszukunftsgedanken

Heute ist mir zum zweiten Mal eine ältere (?) Dame mit einem schwarzen Schnauzermischling beim Spaziergang entgegengekommen. Beim ersten Aneinandervorbeilaufen schien sie etwas unsicher, ob sie grüßen wollte oder nicht. Ich entschied mich dafür und erhielt ein freundliches Lächeln und ein "Guten Tag!" zur Antwort.
Aus Gründen, die mir zunächst nicht erklärlich waren, haben mich diese Begegnungen sehr berührt.
Ein Sonntagnachmittag, der Himmel noch hell, trotzdem hatte ich schon eine Ahnung der Dämmerung, die um diese Zeit schon am späten Nachmittag einsetzt. Sie ging allein, ich ging allein, beide relativ strammen Schrittes. Sie mit Hund, ich ohne. Sie bergab, ich bergauf. Sie am Ende ihres Weges, ich am Anfang. Bei der ersten Begegnung war es umgekehrt.
Ich wüßte gern, wohin sie zurückgekehrt ist nach ihrem Spaziergang. Hat sie ihrem Hund die Pfoten abgeputzt, bevor er in die Wohnung durfte? Hat sie ihm liebevoll den Kopf gestreichelt als Dank für die Begleitung? Ist sie zu jemandem zurückgekehrt, oder lebt sie allein?
Sie schien etwa 60 Jahre alt zu sein, vielleicht schon pensioniert, vielleicht aber auch Hausfrau. Ihre Augen waren freundlich und sehr wach.
Ich setzte meinen Spaziergang fort, nur in Begleitung meiner Gedanken. Auch sie waren wach und haben mich bis nach Hause begleitet.

Wo werde ich sein, wenn ich in ihrem Alter bin? Werde ich in eine vorweihnachtlich geschmückte Wohnung zurückkehren wie heute, mir Kerzen anzünden, Musik hören oder einen Film anschauen? Werde ich hier leben, in Deutschland, oder hat es mich dann an einen anderen Ort verschlagen, meinen Traumort möglicherweise? Werde ich glücklich sein oder "nur" zufrieden mit dem, was ich habe, mit meiner Gesundheit, werde ich mein "Auskommen" haben? Vielleicht begleitet mich ja auch ein Hund auf meinen Spaziergängen, irgendwann später? Werde ich in mir ruhen oder noch immer suchen? Werde ich auch später noch die Luft geniessen, die spärlichen Sonnenstrahlen, den Wind auf meiner Haut, werde ich auch später noch so schnell unterwegs sein, oder werde ich eher schlendern?

Ich wüßte gern, wie es anderen Menschen geht: Ist für sie die Zukunft ein offenes Buch, eine Sicherheit, an die sie glauben? Denken sie an die Zukunft, und wenn, denken sie daran mit Angst, Freude oder Gleichgültigkeit? Sehen sie Bilder von sich in ihren späteren Leben? Träumen sie? Haben sie den Mut zu träumen? Denn Träume erfordern sehr viel Mut - gleichgültig, ob sie Realität werden oder nicht. Möglicherweise tötet die Realität den Traum. Oder er bleibt für immer unerreichbar. Vielleicht reicht die Kraft nicht aus, um sich einen Traum zu erfüllen? Vielleicht ist die Angst zu groß, dafür das aufzugeben, was schon da ist?

Während mir all diese Gedanken durch den Kopf schossen, ging ich und zählte gleichzeitig meinen Atem. Einatmen, 1, 2, 3, ausatmen, 4, 5, 6. Dass ich das tat, merkte ich allerdings erst, als ich meine Runde schon zu mehr als zwei Dritteln hinter mir hatte. Ich fand es interessant: Ein Teil meines Gehirns zählte und hatte alle anderen Aktivitäten vollständig eingestellt, ein anderer spazierte in Zukunft und Träumen umher. Wenn ich ehrlich bin, ist mir der zählende Teil lieber.
Ich würde sehr gern irgendwann einmal eine sehr lange Wanderung machen, gleichgültig, ob ich einen alten Pilgerweg laufe oder einfach nur geradeaus. Die Vorstellung, ein paar Sachen zu packen und zu gehen, ist verlockend. Es muss nicht St. Pied de Port sein, zumal dort die Gefahr besteht, auf das Kamerateam vom "Großen Promipilgern" zu treffen. Ich könnte in Whausen starten und sehen, wo ich ankomme. Ob ich irgendwo ankomme.

Ankommen wäre schön. Ich will ja nicht stehenbleiben, wenn ich da bin, nur ein klein wenig verschnaufen, für einen kurzen Moment ein Gefühl von Sicherheit spüren. Für ein paar Sekunden nur mich spüren.

Spüren. Fühlen. Damit bin ich wieder bei der Dame mit dem Hund. Was fühlt sie während ihres Spaziergangs, und wie geht es ihr, wenn sie dann nach Hause kommt? Ich wünschte sehr, dass sie glücklich ist, dass ihr Hund antwortet, wenn sie mit ihm redet, und dass er ihr noch sehr lange erhalten bleibt.

Ich bleibe einstweilen hier und zähle von eins bis sechs. Wenn ich langsamer gehe, könnte es sogar bis acht reichen.

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