10 Dezember 2007

Kraftorte, Energieräuber und Liebe

Es gibt Orte, die Kraft schenken. Manchmal scheint es mir, als sei der Weg dorthin bereits eine Pilgerreise, selbst, wenn diese nur ein paar Kilometer lang ist. Ich gehe bergauf, rieche das Laub um mich herum, spüre die feuchte Erde unter meinen Füßen. Im Winter ist der Weg recht breit, denn die Bäume sind kahl und zum Teil vom Sturm umgeworfen worden. Im Sommer hingegen wird er mit jedem warmen Tag ein wenig schmaler, die Büsche und Bäume ein wenig breiter.
Rechts ein altes Munitionsdepot, links ein Weg, der indirekt in die gleiche Richtung führt wie die Hauptstrecke.
Hier treffe ich die alte Dame mit ihrem Schnauzermischling. Hier gehe ich entlang, wenn ich tote, pelzige Freunde besuchen will. Auf diesem Weg trage ich die Steine, die ich auf ihr Grab lege.
Ich schaue zwischen den Baumwipfeln, kahl oder voller Blätter, nach oben und sehe den Himmel. Manchmal ist er bedeckt, manchmal strahlend blau. Manchmal gehe ich am Morgen, manchmal in der Dämmerung.
Da ich jetzt nicht mehr in der Nähe meines Kraftortes lebe, muss ich ein paar Kilometer fahren, jedenfalls im Winter, wenn es zu dunkel oder zu nass ist, um das Fahrrad zu nehmen.
Meine Mutter wohnt nahe, und so kann ich sie besuchen und mir Energie aus mütterlicher Zuwendung und natürlicher Kraftquelle holen.

Eine Zeitlang war dieser Ort fast in Vergessenheit geraten; ich hatte andere Quellen gefunden, zum Teil aber auch geleugnet, dass ich Kraft brauche von ausserhalb. Jetzt habe ich ihn mir zurückerobert, wobei ich "erobern" nicht im militärischen Sinn meine. Nein, ich habe friedlich erobert, indem ich die alten Wege gegangen bin, indem ich mich mit dem Raben auf dem Wipfel des kahlen Baumes und den weissen Kühen auf der Weide unterhalten, indem ich unterschiedlichen Boden unter meinen Füßen gespürt, geatmet, gedacht, manchmal gelächelt und sehr oft geweint habe.
Jedesmal bin ich mit neuer Energie zurückgekommen. Der Weg nach unten ist der gleiche wie der nach oben, aber ich bin eine Andere geworden unterwegs.


Energieräuber gibt es auch. Das sind Menschen, die vereinnahmen, die alle positiven Energien, alle Kraft und alle Liebe für sich beanspruchen, ohne sich dessen bewusst zu sein. Das sind Menschen, die Nähe nicht ertragen und nicht spüren können, dass ich gerade all meine Liebe gegeben habe. Das sind Menschen, die das Schöne nicht sehen können oder wollen, Menschen, die ihre Krankheit brauchen, weil sie nichts anderes haben. Menschen, die die Einsamkeit suchen, weil ihnen Liebe Angst macht. Manche Menschen weisen Geschenke zurück aus Angst, auch etwas schenken zu müssen, oder weil sie es nicht aushalten, dass ihnen gegeben wird. Manche Menschen drehen sich um, wenn ihnen Liebe geschenkt wird. All das raubt mir Energie. All das verletzt mich. All das schneidet mich ab von der großen, der ganzen Liebe. Muss es nicht, denn...

...heute morgen habe ich das As der Kelche gezogen. (Für NichtkartenlegerInnen: Tarot, sehr hilfreich in allen Lebenslagen, schön, um über einer Karte zu meditieren, und immer passen sie. Ich bevorzuge das Deck von Aleister Crowley, der die Idee entwickelt und Lady Frieda Harris, die es auf wunderschöne Weise gemalt hat. Jede Karte ist ein Kunstwerk.)
Diese Karte sagt sehr viel über Liebe. Allumfassende Liebe. Sie sagt, dass eine Blume duftet, egal, ob jemand an ihrer Blüte riecht und den Duft genießt. Sie sagt, dass Liebe etwas Schönes ist, egal, ob sie einen verschlossenen oder einen offenen Menschen trifft.
Liebe fühle ich, wenn die Töchter meiner Vermieter mir am Nikolaustag selbstgebackene Kekse im Schuh verstecken, so leise, dass ich nichts höre, obwohl ich fast daneben sitze.
Liebe sehe ich, wenn eine sehr liebe Freundin ihren Arbeitsplatz mit Kerzen, Girlanden, weihnachtlich eben, dekoriert.
Liebe ist für mich, wenn meine Mutter, obwohl sie ihre Ruhe will und gern ausschlafen würde, in die Stadt fährt, um mir einen Entsafter zu kaufen und mich diverse Male fragt, ob Entsafter und Zitruspresse identisch sind, weil sie mir auf ihre pragmatische, aber liebevolle Weise Gutes tun will.
Liebe ist der Blick eines Tieres, das mir vertraut, obwohl es mich nicht kennt, sondern nur meine Wertschätzung aller Tiere riechen kann.
Liebe ist Vertrauen.
Liebe ist eine Form von Einssein, egal ob mit einem geliebten Menschen, dem Kosmos oder sich selbst.
Paulo Cuelho ist Liebe für mich, denn ich spüre, dass er sie sucht.
Einerseits wünsche ich mir manchmal diese allumfassende Liebe, aber ich weiss nicht, was ich brauche, um sie zu erleben.
Andererseits - setz Dich an den Red Beach, und Du weisst, was Liebe ist!
Ich habe auch Liebe gesehen in der Hedwigs-Kathedrale in Berlin, als ich für die Katzen und meinen Onkel Walter Kerzen angezündet habe.
Ich habe Liebe gesehen beim Bummel mit Tantchen.
Ich fühle Liebe, wenn mir "meine" Frauen sagen, dass sie mich vermissen.

Das ist sehr, sehr viel.

Trotzdem bin ich unendlich traurig, denn ich spüre nichts, ich wünsche nur.

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