16 Dezember 2007

Wintersonne

Ein ganz normaler Sonntagmorgen Mitte Dezember, die Sonne scheint, es hat gefroren, Reif liegt auf den Dächern. Möglicherweise frühstücken einige Paare oder Familien gerade zusammen, vielleicht sind die Kinder schon wach, obwohl die Eltern noch schlafen wollen. Vielleicht hat ein frisch- oder immer noch verliebtes Paar gerade Sex, vielleicht sitzen sie aber auch mit einer Tasse Kaffee im Bett und reden.
Vielleicht gibt es irgendwo einen Menschen, dessen Welt gerade in sich zusammengefallen ist, und der versucht, zwischen den rauchenden Trümmern ein paar Reste zu finden, um sich ein neues Leben zusammenzuklauben.
Vielleicht ist da eine Frau, die um ihren verstorbenen Mann trauert,
eine andere, die im Stich gelassen wurde, ein Sohn, dessen Vater gestorben ist, ein Kind, das verhungert oder eines, das gerade gestillt wird.
Möglicherweise werden gerade Katzen liebevoll gestreichelt, oder jemand geht mit seinem Hund spazieren.
Vielleicht sitzt in irgendeiner Wohnung ein Mensch, dessen Glauben an Liebe, Rücksichtnahme und Gehaltenwerden gerade getötet wurde und der sich nicht vorstellen kann, jemals wieder Glück erleben zu können. Und möglicherweise ist da ein Anderer, der sich der Verantwortung, die man übernimmt, wenn man jemandem sagt, dass man ihn liebt, nicht bewusst ist, und der sich nicht vorstellen kann, dass Wortlosigkeit ein Messer ist, dass man dem wehrlosen Gegenüber mitten ins Herz sticht.
All das und noch mehr kann an einem ganz normalen Sonntagmorgen geschehen. Kein Schicksal ist einzigartig, und das könnte tröstend für diejenigen sein, die diesen sonnigen Tag nicht wahrnehmen, weil ihre Augen voller Tränen sind, die Schönheit nicht genießen können, weil sie zu sehr damit beschäftigt sind, ihr Leben zu behalten und nicht zurück in die schwarzen Abgründe, sondern nach vorn ins Ungewisse zu schauen.
All denjenigen, die gerade glücklich sind, gilt meine Sehnsucht. Denjenigen, die trauern oder zutiefst unglücklich sind, gilt mein Mitgefühl. Meine Hoffnung ist weit fort, bei irgendeinem sonnigen Sonntagmorgen in ferner Zukunft, wenn ich mit einem Menschen, der mich liebt, erwache, wenn ich Worten Glauben schenken und mein Herz vertrauensvoll öffnen kann. Für heute bleibt mir, meine Tränen von klarer, kalter Winterluft trocknen zu lassen.

1 Kommentar:

  1. Arme Sabine,

    keine Liebe
    soll Dich gerade töten!

    Und Deine Hoffnung
    und Sehnsucht
    nicht in weiter
    Zukunft leben!

    Ich wünsche,
    dass auch Dich
    Sonnenlicht
    erreicht
    und in der Traurigkeit
    Dich mit
    Wärme umgibt und streichelt!

    Alles Gute Dir,

    Theo

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