Die Mannschaften stellen sich gegenüber auf, rechts die dunkel gekleideten, links die in den bunten Shirts. Erste Blickduelle, Stirnen werden gerunzelt, Brauen zusammengezogen, Fäuste geballt, freundschaftliche Gefühle im Keim erstickt. Der Kämpfer hat keine Freunde. Er kennt nur noch sich und sein Ziel. Kollegialität? Gemeinsames Lernen? Aus und vorbei, hier geht es nur noch darum, möglichst viele Punkte zu sammeln!
Der Schiedsrichter, gleichzeitig Leiter der Gruppe, bittet die Mannschaften näher zueinander. „Jungs und Mädels, ich will ein faires Spiel. Es wird nicht gelaufen, kein Körperkontakt, niemand, der einen Ball hat, wird angegriffen. Jede Mannschaft, die sich den Ball zehnmal zugeworfen hat, erhält einen Punkt. Wenn ich pfeife, wird das Spiel sofort unterbrochen. Alles klar?“ Allgemeines Nicken.
Der Schiedsrichter wirft den Ball in die Menge, und die Breitergebauten der beiden Mannschaften stürzen sich ins Getümmel. Ellbogen und Knie werden großzügig eingesetzt, die ersten Mitspieler kommen zu Fall.
Pfiff. Keine Reaktion. Noch ein Pfiff, diesmal lauter und schriller. Man blickt auf, der Schiri macht die klassische Unterbrechungsgeste. „Ich habe doch gesagt, es wird nicht gerannt, und niemand wird angegriffen! Beim nächsten Mal gibt es gelbe Karten!“
Erneuter Ballwurf. Diesmal kommt der Größte der beiden Gruppen zum Zuge, pflückt sich den Ball aus der Luft, indem er sich auf der etwas kleiner gewachsenen Physiotherapeutin aufstützt. Diese knickt weg, wird aber vom Bodybuilder der eigenen Mannschaft aufgefangen und wieder auf die Füße gestellt. „Hierher, hier bin ich! Her mit dem Ball!“ brüllt es aus der hinteren Hallenecke. Dort hat sich eine Spielerin freigekämpft; ihr Gegner, der einen Ellbogencheck in die Rippen abbekommen hat, ringt nach Luft und hält sich an der Wand fest, was ihn aber nicht daran hindert, mit dem freien Arm nach einem weiteren Mitspieler zu schlagen, der sich auf den Weg gemacht hat, den Ball aufzufangen.
Der Schiri versucht verzweifelt und erfolglos, sich Gehör zu verschaffen. In einer Ecke sind zwei weitere Bodybuilder ineinander verkeilt und lassen sich von der Tatsache, dass der Ball längst bei einer anderen Spielerin angekommen ist, nicht daran hindern, einen engagierten Ringkampf auszutragen.
Endlich tritt Ruhe ein. Der mit dem Ellbogencheck steht wieder, auch die beiden anderen Kontrahenten haben sich, wenn auch unwillig, voneinander gelöst. „Gut, mit einfachen Regeln scheint es nicht zu funktionieren. Ihr Sechs: GELBE KARTE! Und ab jetzt wird auch nicht mehr gerufen. Also: Kein Rennen, kein Hauen oder Treten, keine Geräusche. Ich will nichts hören ausser Eurem Atem!“
Allgemeines Gemaule, das jedoch angesichts des Schiris strengem Blick recht schnell verstummt.
Es steht übrigens noch immer 0:0. Der Ball wird geworfen, und ein weiterer Spieler, der auch sehr lang geraten ist, springt hoch und fängt ihn. Ohne ein Wort, aber mit wildem Blick wirft er ihn zu einer Mannschaftskameradin. Die hat gerade woanders hingeschaut und sinkt ohnmächtig zu Boden. Das wiederum bringt ihren direkten Bewacher zu Fall, der versucht hat, den Wurf abzufangen. Der Älteste der Gruppe zieht beide zur Seite, in Sicherheit, und leistet Erste Hilfe. Leider wurde die kleine Gruppe im Eifer des Gefechts von einem weiteren engagierten Spieler übersehen, der strauchelt, es aber im letzten Moment schafft, mit einem gazellenartigen Sprung über die drei hinwegzusetzen.
Der Schiedsrichter hat inzwischen entnervt die Halle verlassen. Eine Spielerin springt ein. „Ihr sollts Euch doch nicht feschthäbbe!“ ruft sie im schönsten Schwäbisch, aber niemand hört auf sie.
In diesem Moment wirft sich eine junge Dame, die sich bisher im Hintergrund gehalten hatte, todesmutig in die aufgewühlte Menge, ergattert den Ball mit einem elfengleichen Hechtsprung, wirft ihn im Fallen einer Kollegin zu, diese versucht, ihn zu fangen, scheitert aber an ihren Füßen und dem Menschenknäuel darunter.
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