26 Januar 2007

Post vom Vorstand

Sind Sie Mitglied in einem Verein? Nicht? Treten Sie ein, möglichst schnell, und wählen Sie nach Möglichkeit den örtlichen Sportverein. Dort wird man Sie mit offenen Armen empfangen, und wenn Sie ganz viel Glück haben, lernen Sie möglicherweise bei dieser Gelegenheit den Vorstand kennen.
Dieser Vorstand besteht in der Regel aus drei bis zehn Herren mittleren Alters, die sich häufig trotz der Tatsache, dass sie neben ihrem Vorstandsdasein noch einer Erwerbstätigkeit (Erstaunlich oft findet diese übrigens im Öffentlichen Dienst statt.) nachgehen, geistig und körperlich näher an der Verrentung als dem atmenden und blühenden Leben befinden.
Sie glauben mir nicht? Sind möglicherweise der Ansicht, der Vorstand eines Sportvereins sei vorbildlich in Sachen Fitness und gesunder Lebensführung? Das ist ein Gedanke von herzerfrischender Naivität, löblich, weil er auf ein positives Menschenbild schließen läßt, aber leider trotzdem falsch. Offensichtlich waren Sie noch nie im Vorstandszimmer, denn sonst hätten Sie sich von dem Hustenanfall, den Sie beim Betreten der verqualmten Räumlichkeiten erlitten haben, noch längst nicht erholt. Und Sie wüßten, dass die Stühle nicht so weit vom Tisch entfernt stehen, weil die Putzfrau schlampt, sondern weil die Herren diesen Platz für das Unterbringen ihrer Hackfleisch-, Bratwurst- und Bierfriedhöfe, gemeinhin auch "Wampe" genannt, benötigen. Die Putzfrau hat schon vor langer Zeit resigniert und läßt die Stühle jetzt einfach dort, wo sie am nächsten Tag ohnehin wieder stehen werden.
Nein, ein Vereinsvorstand hat keine Zeit für Sport. Er ist damit beschäftigt, mit bedeutungsschwangerem Gesichtsausdruck die Schicksale der Fußballabteilung zu lenken, die Erste-Hilfe-Koffer in der Tiefkühltruhe (gleich neben dem Bauchfleisch fürs nächste Sommerfest) zu verstecken und die Sportstätten mit Zetteln zu bepflastern, auf denen sich so wichtige Hinweise befinden wie:

"Wir (der Vorstand) weisen ausdrücklich darauf hin, dass das Rauchen in den Duschen verboten ist. Der Vorstand."
Oder:
"Das Betreten des Fußballfeldes ist während des Spiels nur den aktiven Spielern gestattet. Der Vorstand."
Oder:
"Bitte beachten Sie, dass nur die Umkleiden genutzt werden dürfen, die Ihnen zugewiesen werden. Der Vorstand."
Und:
"Es ist nicht erlaubt, während der Spiele zwecks besserer Sicht auf die umstehenden Bäume zu klettern, wenn vorher keine Eintrittskarte erworben wurde. Der Vorstand."

DAS macht der Vorstand. Außerdem müssen Übungsleiterstundenachweise gestempelt und abgezeichnet, die Sportstätten gerecht an die Fußballjugend, die Alten Herren und die in die unterste Kreisklasse aufgestiegene Herrenmannschaft verteilt, kleinere Reparaturen am Vereinsheim (Nicht, was Sie denken - hier ist vom ordnungsgemäßen Einschlagen herausstehender Nägel die Rede, nicht von der Überprüfung der selbstverlegten und sich aus diesem Grunde permanent selbst zerstörenden elektrischen Leitungen) durchgeführt und Bezugsquellen für möglichst minderwertige Zusatzgeräte, die sich nach mehrmaligem Gebrauch in Wohlgefallen auflösen und in den Gymnastikgruppen benötigt werden könnten, gesucht werden.
Am wichtigsten ist es allerdings, wichtig zu sein, immerhin gehört man doch zu den Honoratioren des Örtchens, und beim Gang vom Auto zum drei Meter vom Parkplatz entfernten Italiener legt man großen Wert auf ehrlich gemeinte Respektsbezeugungen, die dem gemächlich dahinschreitenden Lenker des Sportvereinsschicksals entgegengebracht werden sollten, wenn man ihn denn während einer kurzen Gehpause anzusprechen gedenkt.
Wichtige Menschen schreiben auch wichtige Briefe, und so ist die Korrespondenz mit dem Fußvolk, das nur die untergeordnete Aufgabe hat, die Mitglieder bei Laune zu halten und ihnen den unermesslichen Ratschluss des Vorstands zu unterbreiten, ein wesentlicher Bereich der Vorstandstätigkeit. Hier ist ein kurzer Auszug:

"Wir vom Vorstand haben soeben von Herrn X gehört, dass Sie mitgeteilt haben, dass..." - Das nenne ich doch mal echtes Hörensagen!
Weiter gehts: "Wie Sie wissen, haben wir ein Kurssystem mit Ihnen vereinbart dass über..." - Ja, haben wir denn in der Grundschule nicht gelernt, dass man ein scharfes "dass" nur dann benutzt, wenn man stattdessen nicht "dieses" oder "welches" einsetzen kann?
Jetzt aber: "Wir bestehen auf die Einhaltung durch Sie!" - Nämlich! Oder sonst!

Sportvereinsvorstandsmitglieder sind wichtige Menschen, und es steht mir nicht zu, über sie zu spotten.
Wollen wir einfach so tun, als hätte ich all diese garstigen Dinge nicht aufgeschrieben, und Sie tun so, als wären Sie des Lesens nicht mächtig?
Sie sind Vorstand Ihres örtlichen Sportvereins? Uups.

25 Januar 2007

Nachmittagsspaziergangsmusenküsse bei eiskaltem Wind.

Der schönste Ort auf dieser Welt,
das ist mein Bett, wo mir's gefällt.
Ich räkle mich, ich strecke mich,
Doch aufstehen, nein, das will ich nicht!
Zieh mir die Decke bis zum Kinn,
zur Arbeit gehen macht keinen Sinn.

Viel lieber bleibe ich im Warmen,
Ihr Arbeitgeber, habt Erbarmen!
Bin viel zu müde, um zu denken
und mag mich heute nicht verrenken.
Bin faul, ich gebe es ja zu!
Drum lasst mich heute mal in Ruh'!

Weil nicht sein darf, was ich nicht kann!

Männer können alles. Immer. In jeder Situation. Und wenn sie etwas nicht können, ist es kaputt. Oder doof. Oder eine Frau hat es erfunden.
Kein Mann würde jemals auf die Idee kommen, dass etwas nicht funktioniert, weil er einen Lernprozess nicht oder nur ungenügend abgeschlossen hat. Und was Mann überhaupt nicht leiden kann, sind weibliche Improvisationskünste. Erst kürzlich habe ich wegen eben dieses Talents einen Ausbruch miterleben dürfen, der seinesgleichen sucht.
Ich muss ein wenig ausholen: In meiner Küche habe ich es gern gemütlich, und ich finde, dass ein mitten im Raum herumstehender Wertstoffsammelbehälter (umgangssprachlich auch „gelber Sack“ genannt) das Bild stört. Also habe ich den meinen in eine Abstellkammer verbannt und trage meine leeren Verpackungen, Dosen und sonstigen Wertstoffe zwei Meter weit durch meine Wohnung. Das versteht er nicht. „Kein Mensch hat seinen Mülleimer kilometerweit von der Küche entfernt stehen!“ beschwerte er sich bei seinem letzten Besuch. Er neigt erstens zu Übertreibungen, und hat zweitens deswegen erst letzte Woche herausgefunden, wo sich mein gelber Sack befindet, weil er vorher noch niemals auf die Idee gekommen ist, Müll wegzutragen.
Aber es kommt noch schlimmer. Die besagte Abstellkammer hat einen sehr kleinen Durchgang (selbst ich muss mich bücken), den ich mit einem Bambusrollo versehen habe. Und weil ich ein Improvisationstalent bin, habe ich mir nicht die Mühe gemacht, für so ein kleines Ding riesige Löcher in einen hilflosen hölzernen Türrahmen zu bohren, sondern es schlicht festgenagelt. Und es hält; seit mittlerweile fast einem halben Jahr hängt das Rollo unfallfrei vor der Kammer, es öffnet und schließt sich, wenn ich an den entsprechenden Strippen ziehe. Vor allem aber erfüllt es seinen Zweck: Es sieht hübsch aus.
Nachdem wir also eine Weile darüber diskutiert hatten, dass nur eine Frau auf die Idee kommen kann, ihren Mülleimer nicht in der Küche aufzustellen, sondern einem eventuellen Besuch einen Fußmarsch von mehreren Kilometern zumutet, damit er Schnipsel oder Kronkorken entsorgen kann, dass Männer überhaupt viel praktischer veranlagt seien, die besseren Handwerker, niemals, nein, wirklich niemals würden sie einen Vorhang festnageln, statt ihn ordnungsgemäß anzubohren, und überhaupt sind sie intelligenter, können besser… Wir begaben uns in eine verbaltheoretische Endlosschleife, die ich nur unterbrechen konnte, weil ich ihm ein halbes Schwein auf Toast servierte, das noch blutete. (Aber das Essverhalten von Männern ist ein anderes Thema.)
Am nächsten Morgen, ich hatte gerade Wasser für Kaffee aufgesetzt, hörte ich aus dem Flur ein Poltern, gefolgt von lautem und wenig artikuliertem Schimpfen. Als ich voller Sorge, er könnte sich schwer verletzt haben und mein frischgewischtes Parkett vollbluten, zum Ort des Getöses stürzte, bot sich mir das folgende Bild: Ein noch sehr verschlafenes männliches Wesen in gebeugter Haltung mit erhobender rechter Hand und ausgestrecktem Zeigefinger befindet sich in angeregter Unterhaltung mit dem Durchgang zur Abstellkammer. Das Rollo hatte er in seiner morgendlichen Grobmotorik einfach heruntergerissen, sich dabei fürchterlich erschreckt, und selbstverständlich war ich schuld!
Sein noch starrer Blick blieb auf den Durchgang gerichtet, dem er in entsprechender Lautstärke (so ein Durchgang kann ja nicht besonders gut hören, wie jeder weiß, der sich damit auskennt) erklärte: „Weiber! So eine alberne Mistkonstruktion kann sich nur eine Frau ausdenken! Kein Mann wäre so blöd! Hält ja auch nicht, der Sch…! Und überhaupt – kein Mann käme auf die Idee, seinen Mülleimer im Nachbardorf aufzustellen!“ Der Rest war eine Wiederholung unserer Diskussion vom Vorabend, und ich lasse ihn aus Gründen der Platz- und Wortersparnis weg.
Ich beruhigte ihn, führte ihn in die Küche, half ihm beim Hinsetzen und gab ihm Kaffee. Der ihm, nebenbei gesagt, nicht schmeckte, weil ich nämlich keinen Kaffee kochen kann, weil der nämlich immer viel zu dünn ist, und er trinkt Kaffee ja nicht, weil er schmecken soll, sondern weil er wach werden will, aber was ist schon von jemandem zu erwarten, der Vorhänge festnagelt und seinen Mülleimer… Dabei lächelte ich friedlich und verständnisvoll, gab beruhigende Laute von mir und streichelte zart seine Hand. Als ich das Gefühl hatte, ihn unbesorgt für einen Moment alleinlassen zu können, hängte ich das Rollo wieder auf (nach der Reparatur der Schließvorrichtung, die er bei seinem Versuch, ins Versteck des gelben Sackes zu gelangen, ein ganz klein wenig beschädigt hatte), stellte – ich bin ein weiblicher und darum boshafter Mensch – den Wertstoffbehälter, den er ebenfalls umgeworfen hatte, an seinen alten Platz zurück und begab mich wieder in die Küche, wo ich mir einen längeren Vortrag über männliche Logik, weibliches Unvermögen, Schöpfungskronen, handwerkliches Geschick und die Beherrschung der Welt anhörte.
Ihnen kann ich es ja sagen: Ich bin nicht erstaunt darüber, dass sich ebendiese Welt fünf Minuten vor der finalen Katastrophe befindet, wenn die Jungs, die sich für fast alles zuständig fühlen und nicht fähig sind zu delegieren, nicht einmal den Mülleimer finden, ohne gleich das darum herum gebaute Haus in Schutt und Asche zu legen.

24 Januar 2007

Die Zehnerkarte

5. Januar
Liebes Tagebuch!
Zu Weihnachten hat mir meine beste Freundin Susanne eine Zehnerkarte für den Fitnessclub, in dem sie auch trainiert, geschenkt. Das finde ich großartig! Ich wollte in diesem Jahr sowieso Sport treiben und abnehmen und werde gleich damit loslegen. Morgen habe ich einen Termin bei Sven, dem Trainer. Und Susanne sagt, nach dem Termin kann ich gleich noch mit ihr zum Bauch-Beine-Po-Kurs gehen, das würde das Gerätetraining optimal ergänzen. Ich freue mich so!


6. Januar
Sven sieht großartig aus, hat eine tolle Figur und war sehr nett zu mir. Mein Trainingsplan wird etwa 90 Minuten dauern, hat er gesagt, und dass ich ruhig nach dem Gerätetraining noch eine Stunde oder so aufs Laufband gehen kann, um überschüssiges Fett abzubauen. Der Bauch-Beine-Po-Kurs hat auch sehr viel Spaß gemacht. Ich kam zwar mit den Schritten noch nicht richtig klar und habe erst gegen Ende der Stunde begriffen, dass ich nicht alle Bewegungen der Trainerin nachmachen muss (Wenn sie zum Beispiel mit den Fingern über ihrem Kopf herumfuchtelt, heisst das, sie zählt, wie lange man einen bestimmten Schritt noch machen soll.), aber ich habe ganz hinten gestanden und bin hoffentlich nicht so aufgefallen. Die Trainerin war sehr hübsch und schlank und schien sich überhaupt nicht anzustrengen. Selbst nach 100 Kniebeugen hat sie noch gelächelt und geschrien.
Ich kann heute meine Arme nicht richtig strecken, und es fällt mir schwer, aufzustehen, wenn ich eine Weile gesessen habe, aber es geht mir so gut!


8. Januar
Susanne hat angerufen, dass sie mich in einer Stunde zum Training abholt. Ich habe sie gefragt, ob ich nicht besser warten soll, bis mir nichts mehr wehtut. Sie hat gelacht und gesagt: "Sei doch froh, dann weißt Du wenigstens, was Du getan hast!"
Eigentlich hätte ich heute recht viel zu tun, aber ich habe mir vorgenommen, sportlich zu werden, und Susanne meint es ja nur gut mit mir. Sie hat auch gleich gesagt, dass wir nach dem Gerätetraining heute zwei Kurse mitmachen wollen, irgendwas mit Hanteln und StepAerobic. Das wird bestimmt großartig, und ich freue mich auf einen sportlichen Nachmittag!
Hoffentlich kann ich meinen Trainingsplan noch.


9. Januar

Ich bin mir gar nicht mehr so sicher, ob Susanne es wirklich gut mit mir meint. Bei meinem Trainingsplan hat sie mir zwar geholfen, aber immer, wenn Sven nachschauen kam, hat sie ihn angeflirtet. Dabei habe ich ihr gesagt, dass ich ihn toll finde! Und bei ein paar Geräten hat sie heimlich das Gewicht erhöht, glaube ich.

Die Kurse waren interessant. Der erste, der mit den Hanteln, war wahnsinnig anstrengend. Ich sollte gleichzeitig meine Arme und meine Beine bewegen, dabei lächeln, atmen und die Hanteln nicht fallenlassen. Das ist ganz schön viel auf einmal! Die Kurstrainerin, Maria hieß sie, war nicht so nett wie die vom Bauch-Beine-Po-Kurs, sie hatte so einen Kasernenhofton und grinste ununterbrochen. Dabei gibt es doch wirklich nichts zu lachen, wenn man Menschen so quält!

Der zweite Kurs war dann etwas zu anspruchsvoll für mich. Ich hatte gerade herausgefunden, wie man unfallfrei auf dieses Brett steigt und ohne Stolpern wieder herunterkommt, da rannten die anderen schon wild herum, drehten und hüpften und hatten anscheinend keine Probleme, all die fremden Wörter zu verstehen, die die Trainerin in den Raum brüllte. Ich kam mir schon ein bißchen blöd vor, aber Susanne zuliebe bin ich geblieben. Ich muss sie unbedingt fragen, warum sich die Trainerinnen so oft auf den Kopf hauen.

Heute musste ich mich jedesmal festhalten, wenn ich auf Toilette gegangen bin, denn meine Beine hatten überhaupt keine Kraft mehr, und jeder einzelne Muskel da drinnen tat höllisch weh. Wenn das nicht besser wird, leihe ich mir für ein paar Tage das Gehwägelchen von meiner Großmutter aus. Haare kämmen ging auch nicht; ich kann meine Arme nicht anheben. Aber ich will heute auch nirgendwohin, und im Büro habe ich mich krank gemeldet.


12. Januar
Wochenende! Gestern war ich ganz allein im Fitnessclub. Eigentlich wollte ich ja nur in die Sauna, weil ich immer noch solche Schmerzen habe, aber Sven hat mir aufgelauert und mich zur Trainingsfläche geschleppt. "Heute schaffst Du doch das doppelte Pensum, ist ja Wochenende!" sagte er und grinste. Ich glaube, der Typ hält sich für unwiderstehlich. Naja, wer auf diese Muskelfuzzis steht...
Ich konnte leider nicht weg, weil Sven die ganze Zeit am Eingang herumlungerte, und so habe ich fast zwei Stunden trainiert. Irgendjemand muss übrigens heimlich an meinem Plan etwas geändert haben, die Gewichte sind schon wieder schwerer geworden.
Als ich mich aus dem Gerätebereich Richtung Umkleideraum schleppte, kam mir Maria entgegen, die blöde Ziege vom Hantelkurs. "Du hast uns noch gefehlt! Wir brauchen drei Teilnehmerinnen, damit der Kurs heute stattfinden kann, und Du bist die Dritte!" Ich konnte nicht mehr fliehen und wurde von Maria und zwei dieser arroganten Hupfdohlen in den Kursraum geschleppt. "Wir machen PowerAerobic." sagte sie, und schon ging es los. Vor und zurück, mit und ohne Drehung, hinten, vorne, meine Beine verknoteten sich, Hirn- und Atemtätigkeit setzten zeitweise komplett aus. Dauernd kam mir jemand entgegen, dabei waren wir ja gar nicht soviele.
Nach 45 Minuten sagte Maria dann, dass wir jetzt noch Bauch machen würden. Das ist vielleicht eine Sklaventreiberin! Kaum lag ich auf dem Rücken und konnte wieder atmen, da stand sie vor mir, blickte von ganz oben auf mich herab und kommandierte "Rücken runter, atmen, Kinn zur Brust, ja willst Du denn ein Sixpack oder nicht, und noch 8, 7, 6...!" Ich hasse Maria und bin sicher, sie ist nur deshalb Trainerin geworden, weil sie für ein Studium der Zahnmedizin zu blöd war und es den Beruf des Folterknechts nicht mehr gibt.
Nach drei Stunden wankte ich mit letzter Kraft zu meinem Auto und war sehr froh über die ferngesteuerte Zentralverriegelung, denn ich hätte niemals den Schlüssel ins Schloss bekommen, so wie ich zitterte.
Zuhause habe ich mich erst in die Badewanne gelegt und bin dann gleich ins Bett gegangen. Den Stecker meines Telefons habe ich sicherheitshalber herausgezogen für den Fall, dass Susanne, diese miese Schlampe, anruft und mit mir zum Training will.
Nein, es geht mir überhaupt nicht gut!

13. Januar
Heute nacht habe ich von Sven und Maria geträumt, sie waren riesengroß, standen vor meinem Bett und schrien mich an, ich sollte gefälligst zum Sport kommen. Sie hatten grünen Sabber im Mundwinkel, und ich konnte ihre Fangzähne sehen. Dann bin ich schweißgebadet aufgewacht.
Aus dem Bett kam ich dann nach mehreren Fehlversuchen, indem ich
erst meine Bettdecke auf den Fußboden schob, mich dann auf die Seite legte und vorsichtig nach unten gleiten ließ. Irgendwie konnte ich meine Beine nicht strecken, aber nachdem ich eine Weile auf allen Vieren durch die Wohnung gerobbt war, ging es etwas besser, und ich zog mich vorsichtig am Spülbecken in der Küche hoch.
Überhaupt sind die alltäglichen Verrichtungen unglaublich schwer, wenn man solche Schmerzen am ganzen Körper hat: Meine
Zähne kann ich nur putzen, wenn ich sie auf die Zahnbürste lege und meinen Kopf hin- und herbewege. Im Büro benutze ich die Behindertentoilette, wegen der Haltegriffe rechts und links, und die Treppe komme ich nur hoch und runter, wenn ich jeweils ein Bein festhalte und auf die nächste Stufe stelle. Alle machen sich über mich lustig.
Irgendjemand hat vorhin einen Witz erzählt, und ich wäre beim Lachen fast gestorben, so sehr tut mein Bauch weh.
Ich werde nie wieder mit Susanne reden, und den Rest meiner Zehnerkarte verschenke ich an jemanden, den ich nicht leiden kann.

17 Januar 2007

Sturmtief und Frühlingsgefühle

Heute nachmittag habe ich mich von einem leichten Wind streicheln lassen. Die Sonne schien, es kam mir viel wärmer vor als die 10°, die mein Autothermometer anzeigte, und an den dazugehörigen Sträuchern hingen Kätzchen. Das letzte Mal, dass ich auf sie geachtet habe, ist so lange her, dass ich mich nicht mehr erinnern kann. Egal, wir haben uns nett unterhalten, das heißt, ich habe geredet, und die Kätzchen haben zugehört. Ich habe ihnen gesagt, dass sie besser nicht so schnell wachsen sollen, weil ja immer noch ein Wintereinbruch bevorstehen könnte und sie dann erfrieren würden. Und ich habe ihnen Komplimente gemacht. Kätzchen sehen großartig aus im warmen Sonnenlicht eines 17. Januar. Es hätte allerdings auch ein 18. sein können.

Inzwischen ist es dunkel, der Himmel läßt keinen einzigen Stern sehen, der Sturm rast ums Haus, und der Regen prasselt auf die Dachfenster. Meteorologen geben den Tipp, Hochspannungsleitungen und Gerüsten in den nächsten Stunden fernzubleiben. Wir bekommen anscheinend Witterungsverhältnisse wie die Rentner in Florida. Orkanartige Böen gibt es schon auf dem Brocken, der Rest des Sturmes macht sich gerade von der Nordsee aus auf den Weg nach Südniedersachsen und den Rest der Republik. Hätte ich einen Fernseher oder ein Radio, müßte ich mir wahrscheinlich im 5-Minuten-Rhythmus Unwetterwarnungen anhören von irgendwelchen sensationshungrigen Unterschichtenfernsehreportern. Und mittlerweile sind doch eigentlich alle Unterschicht, oder möchte da jemand widersprechen?

Seltsam ist es trotzdem: Warum stürmt es mitten im Januar bei 14°? In Oklahoma frieren sie gerade fest. Nein, nein, nicht dass mich jemand falsch versteht - ich ziehe das Weggewehtwerden dem Festfrieren ganz klar und deutlich vor, insbesondere dann, wenn dem Sturmtief soviel Sonne vorausgegangen ist. Ja, wirklich, da war Sonne, ich habe sie genau gesehen, und ich habe sie angelächelt!

Gleichzeitig mit der Sturmwarnung ist heute die Londoner Uhr, die anzeigen soll, wie weit wir von einer atomaren Katastrophe entfernt sind, auf fünf vor zwölf gestellt worden. Möglicherweise sind wir schon morgen Geschichte, weggeweht, -gesprengt oder schlicht geplatzt. Sollte sich diese pessimistische Sicht der Dinge, mit der ich, ehrlich gesagt, überhaupt nichts anfangen kann, bewahrheiten, tun Sie jetzt (SOFORT!!!) Folgendes:
  • Nehmen Sie den nächstsitzenden oder -stehenden Menschen, umarmen Sie ihn oder sie und sagen Sie alles, was Sie an Nettigkeiten zu sagen haben. Sollte sich gerade ein extrem unsympathischer Mensch neben Ihnen befinden, knutschen Sie ihn einfach tot.
  • Haben Sie Haustiere? Dann kraulen Sie bitte intensiv Ohren, Kinn und Hals, die meisten mögen das.
  • Haben Sie heute schon getanzt? Wenn nicht, legen Sie Ihre bevorzugte CD ein (ja, Sie können auch Ihren iPod einstöpseln!), tanzen Sie drauflos, und sch... auf sich eventuell beschwerende Nachbarn. Die sind morgen ohnehin Geschichte.
  • Gibt es noch ein Buch, das sie schon immer lesen wollten? Machen Sie durch - Sie wollen doch Ihren letzten Tag nicht verschlafen?
  • Haben Sie einen Zettel und einen Stift in Ihrer Nähe? Dann schreiben Sie (JETZT! SOFORT!) genau das auf, was Ihnen gerade durch den Kopf geht, ganz egal, was es ist.
  • Ihnen ist nach Albernheit? Nichts wie los, lassen Sie das vorpubertäre Kleinkind raus, es kann Ihnen vollkommen egal sein, denn morgen wird es niemanden mehr geben, der es Ihnen vorhalten könnte.
Sie haben all das gemacht, es ist Donnerstag, und Sie leben immer noch? Ärgern Sie sich nicht, machen Sie genau das Gleiche oder etwas völlig anderes, machen Sie einfach all das, was Ihnen einfällt und was Sie schon immer tun wollten. Denn wenn Sie nicht heute nacht mit einem Riesenkrach diese Welt verlassen haben werden, könnte es in der nächsten passieren. Oder der übernächsten. Oder noch später. Irgendwann wird es passieren.

Genießen Sie das Orkantief. Schauen Sie sich Hochspannungsleitungen und Gerüste genau an, bevor Sie sich nähern, stellen Sie sich in den Wind und lassen Sie sich nassregnen. Möglicherweise sterben Sie dann an der Erkältung, die Sie sich eingefangen haben. Möglicherweise überleben Sie. Dann können Sie noch mehr Unsympathen totknutschen. Oder tanzen. Oder singen (Wenn ich das täte, wäre ich am Tod meiner Zuhörer schuldig, und deswegen werde ich diesem Befürfnis vorerst nicht nachgeben.). Was auch immer Sie tun, tun Sie es mit aller Leidenschaft, zu der Sie bei dem Gedanken, dass Sie morgen mausetot unter einem zusammengefallenen Haus liegen könnten, fähig sind. Und wenn Sie dann noch immer keine Leidenschaft in sich entdecken können, messen Sie doch sicherheitshalber Ihren Puls - vielleicht sind Sie ja schon lange tot und haben es nur noch nicht bemerkt?

14 Januar 2007

Das bin ja alles ich!

Ich bin enttäuscht. Da erhielt ich gestern die Gelegenheit, endlich einmal all meinen Ärger über einen anderen Menschen zu artikulieren, schriftlich, unzensiert, richtig böse durfte ich laut Anleitung werden. So etwas lasse ich mir ja nicht zweimal sagen!

Hatte ich schon einmal erwähnt, dass ich bei aller Freundlichkeit, Sanftmut und Friedfertigkeit ein klein wenig rachsüchtig bin? Und da bekam ich also die Erlaubnis, mich all meinen Ressentiments gegen eine Person (zunächst nur gegen eine, allerdings war ich entschlossen, es auch allen anderen ordentlich zu geben und hatte mir natürlich gleich einen zweiten Zettel mit Steilvorlagen zum Kopieren mitgenommen) auf das Ausgiebigste zu widmen. Ich durfte mich darüber auslassen, über wen und warum ich mich geärgert hatte, was ich von der Person halte, was ich von ihr will, was ich auf gar keinen Fall will.

Ich schrieb. Und schrieb. Genoss. Und schrieb. Möglicherweise hatte ich ein stilles Lächeln auf meinen Lippen, als ich mich über ihre Fehler, ihre unmöglichen Umgangsformen und den Umfang ihres Hinterns ausließ.

Heute dann die Auflösung: Sie war gar nicht gemeint! Alles, was ich da geschrieben habe, war ausschließlich für mich bestimmt! Ich habe dieses Problem nicht mit einer anderen Person, sondern mit mir selbst. Jetzt überlege ich ernsthaft, wie ich mir die Sache mit dem fetten Ar... erklären soll, ohne mir zu nahe zu treten. "Ich habe es nicht so gemeint!" würde ich mir nicht glauben, schließlich kenne ich mich schon eine Weile. "Das war nur so dahergesagt, ich habe gar nicht nachgedacht!" würde mich in meinen Augen schon sehr herabqualifizieren.

Wirklich, man hätte mir vorher sagen MÜSSEN, worauf das hinauslaufen sollte! Wie kann man zulassen, dass ich mich auf das Übelste beschimpfe und mich hinterher mit mir alleinlassen? Wer kommt mir zur Hilfe, wenn ich mir in einer dunklen Ecke auflauere? Würde es helfen, wenn ich mit mir in die Kneipe ginge, um alles noch einmal zu besprechen? Ich würde mich auch einladen. Oder ist es zu spät? Habe ich mich endgültig mit mir überworfen und werde nie wieder ein Wort mit mir sprechen? Ehrlich gesagt, kann ich ja mit einigen Vorwürfen leben, die ich mir gemacht habe, aber den Ar.. und die billigen Klamotten verzeihe ich mir nicht! So etwas sagt man einfach nicht zu sich! Ich werde schon sehen, was ich davon habe! Für heute gibt es jedenfalls kein freundliches Wort mehr, und im Bett werde ich mir den Rücken zudrehen. Ohne Gutenachtkuss, versteht sich. Und den Kaffee, den kann ich mir morgen nämlich auch selbst machen! So!

13 Januar 2007

Flirtanleitungen

In einem der einschlägigen "Lifestyle"-Magazine (Verdammt, ich habe es getan, habe entgegen all meiner Überzeugungen ein englisches Wort benutzt! Gut, ich versuche es auf Deutsch: "Lebensstilberatungsmagazin". Puh, es geht!), die sich gern als Sportzeitschriften tarnen, kann die interessierte Leserin sich in der Dezemberausgabe über erfolgreiches Flirtverhalten informieren. Die Überschrift lautet: "Besser flirten. Körbe waren gestern..." Begierig stürzte ich mich auf diesen Artikel. Bin zwar glücklich verliebt und verbandelt, aber ebenso wiss- und lernbegierig, und man kann ja nie wissen, wozu so etwas gut ist.

Zunächst erfahre ich, dass frau zum erfolgreichen Flirten nicht einfach loszieht und eine Versuchs- und Irrtumsreihe in einer beliebigen Lokalität startet, nein, eine Flirt-Trainerin muss her! Und die informiert als erstes über das "Verpackungsdesign", also das, was die Flirtwillige anziehen sollte. Genau wie die Verpackung von x-beliebigen Waren hängt auch die der selbsternannten Ware Frau von der Zielgruppe ab. Männer sind bekanntlich leicht zu durchschauen, also wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch genau der, den ich ansprechen will, auf meine zu diesem Behufe ausgewählte Kleidung reagieren. (Als ob Männer auf Bekleidung achteten, wenn nur genug Bein und Busen sichtbar ist...)

Auf den nächsten Seiten hagelt es Tipps. Die Flirt-Trainerin scheint aus der Werbebranche zu kommen, denn sie legt nahe, das AIDA-Prinzip (Attention-Interest-Desire-Action) anzuwenden. Ich übersetze: Aufmerksamkeit-Interesse-Begehren-Tätigwerden. Darauf wäre ich jetzt nicht allein gekommen, das muss ich schon zugeben! Ich soll also tatsächlich zunächst die Aufmerksamkeit des zu Beflirtenden gewinnen, bevor ich in Aktion trete, und vorher muss er auch noch den Wunsch signalisiert haben, mich kennenzulernen! Der Stundensatz der Flirtexpertin würde mich brennend interessieren.

Doch ich lerne weiter. Unter der fettgedruckten Überschrift DEN KANNST DU HABEN! lese ich, dass die betreffenden Männer die Dame eine Sekunde zu lang angesehen haben. Eine Sekunde länger als was? Eine Sekunde länger, als ein Mann normalerweise braucht, um Brust-, Hüftumfang und Beinlänge eines weiblichen Wesens abzuschätzen und das Urteil "Höhlengeeignet oder nicht" zu fällen? Eine Sekunde länger, als er brauchte, um seine Brille zu putzen? Ich werde meine eigenen Studien betreiben müssen, um das herauszufinden, fürchte ich. Das Beantworten seines Blickes wird dann allerdings zum Zahlenspiel. Frau darf nämlich genau solange zurückschauen, wie sie braucht, um "21" zu sagen. (Ich wäre in Sorge, dass er meine Lippenbewegungen beim 21-sagen als Zeichen beginnender Senilität interpretieren und mich damit als ungeeignet für die Aufzucht seiner Brut befinden könnte...) Diese genaue Zeitangabe ist jedoch wichtig, damit er erstens bemerkt, dass sie ihn überhaupt meint und zweitens keine Angst bekommt, weil sie möglicherweise zu lange guckt. Das könnte dann nämlich als Starren interpretiert werden, und Starren ist nicht gut.

AID ist also schon abgearbeitet, jetzt geht es nur noch um ACTION. Ziel scheint übrigens zu sein, möglichst viele Telefonnummern zu sammeln. Was sie dann damit machen möchte, verrät die Verfasserin nicht. Eine Telefonnummer mit dazugehörigem männlichen Wesen wird übrigens charakterisiert als "Nicht ganz mein Fall, aber einer zum Um-die-Häuser-ziehen. Und die zweite (Telefon-)Nummer..." Na, der wird sich freuen!

Den wichtigsten Tipp des ohnehin schon lehrreichen Artikels möchte ich den geschätzten LeserInnen auf keinen Fall vorenthalten. Da schreibt die Chefredakteurin der Zeitschrift "Petra": "Kompetenz abfordern! (Klingt erstmal gut, ich will ja keinen Blödmann..) Finden Sie schnell heraus, was er beruflich macht, und bitten Sie um seinen Rat. (Aha. Was frage ich wohl den Gynäkologen? Den Schuhverkäufer? Den Rohrreiniger?) Männer freuen sich, wenn Frauen etwas von ihnen lernen wollen." (Großartig! Hatten wir das nicht schon vor 50 Jahren? Wenn das so wichtig ist, brauche ich ihn doch nicht nach seinem Beruf zu fragen - ich schenke ihm meinen unintelligentesten Augenaufschlag und sage mit zur Seite geneigtem Köpfchen in möglichst hoher Tonlage: "Ach bitte, erklär mir die Welt!")


Meine Damen, flirten Sie wild drauflos. Und damit Sie nichts falsch machen, fasse ich die Ratschläge noch einmal kurz zusammen:

  1. Überlegen Sie vorher ganz genau, welche Sorte Mann Sie beflirten wollen und wählen Sie danach die Garderobe. Soll es der Hells Angel sein, lassen Sie das Kleine Schwarze im Schrank, der Banker wird Sie im Neon-Dress nicht wahrnehmen, und für den Arzt könnten Sie sich ja in eine Krankenschwesternuniform werfen?
  2. Warten Sie, bis er Sie gesehen hat, bevor Sie loslegen!
  3. Schauen Sie ihm in die Augen, aber nicht zu tief! Lächeln Sie, aber nicht zu breit! Können Sie Gier in den seinen erkennen? Dann nichts wie ran - ACTION!
  4. Sammeln Sie Telefonnummern, auch wenn er eigentlich nicht ihr Typ ist - vielleicht hat er ja Geld?
  5. Und wenn Sie dann mindestens drei Nummern in der Tasche haben, ab nach Hause! Ins Bett! In Ihr eigenes! Allein!


Die hilfreichen Tipps habe ich der Fit for Fun 12/06, S. 138 ff. entnommen. Herzlichen Dank dafür!

11 Januar 2007

Die Erdanziehung ist böse!

Seit einer Woche habe ich einen Videorekorder mit dazugehörigem Bildschirm in Pflege. Bis Dienstag stand das Ding auf meinem Schreibtisch (es sollte ja auch ein Arbeitsgerät sein, um Trainingsvideos abzuspielen) und war weitgehend arbeitslos. Dann kam mir die Idee, ich könnte doch das Vorhandensein eines Unterhaltungsmediums nutzen und mir ein paar alte Filme anschauen. Neue gibt es nämlich nicht in VHS. Gesagt, getan, und das Geflimmere hat mir nach mittlerweile 18-monatiger Fernsehabstinenz auch keine Angst gemacht.

Gestern fand ich dann einige ältere Auftrittsvideos von 2002, 2003 und 2004, die ich mir zu später Stunde und nach dem Genuss einer halben Flasche Rotwein angesehen habe. Mir sind mehrere Gedanken gekommen:
  1. Was waren wir doch für eine großartige Truppe, lauter völlig unterschiedliche Frauen, unzickig, und von ein paar leicht verunsicherten Augenaufschlägen abgesehen konnte man sehr gut sehen, wieviel Spaß wir hatten.
  2. Mit den raspelkurzen blondierten Haaren sah ich doch recht martialisch aus. Ist mir damals gar nicht aufgefallen. Inzwischen weiß ich, warum die Frau an der Tankstelle gegenüber vom Studio bei meinem ersten Einkauf gedacht hat: "Hoffentlich macht der Kerl keinen Ärger!" Das hat sie mir irgendwann später anlässlich meiner schon etwas gewachsenen Haare erzählt.
  3. Als ich dann fertig geschaut hatte und meinen Blick an meiner, wie ein Ex-Liebhaber einmal so nett bemerkte, "Winterfigur" entlangwandern ließ, konnte ich den Gedanken "Sabine, Du wirst alt, fett und schrumplig!" nicht schnell genug im Keim ersticken.

Doch eigentlich ist es kein Alterungsprozess, dem wir unterliegen, es ist die Erdanziehung! Und mit fortschreitendem Alter fehlt unseren Körpern immer mehr die Kraft, sich dagegen zu wehren. Wir sind nämlich gar nicht übergewichtig, haben keine Cellulite, und der Trizeps befindet sich eigentlich auch in Bestform! Nein, die Erdanziehung ist daran schuld, wenn es manchmal so aussieht, als hätten wir zugenommen und wären nicht mehr im besten Trainingszustand. Und das ist böse!

Ich frage mich, ob das möglicherweise auch mit dem Klimawandel zu tun haben könnte. Noch 2003, die Videoaufzeichnung beweist es, konnte man meine Bauchmuskeln sehen, und ich hatte kein Problem damit, ein bauchfreies Top anzuziehen. Heute bin ich froh und dankbar, dass bauchfrei endlich out ist und ich meine von irgendetwas Fremdartigem übernommene und deshalb mittlerweile unsichtbar tätige Bauchmuskulatur unter einem Shirt verstecken kann, das im Notfall auch den sich Richtung Fußboden orientierenden Glutaeus Maximus bedeckt. Das kann doch nicht innerhalb von nur dreieinhalb Jahren passieren! Ich bin sicher, El Nino läßt uns schneller altern! Und wer behauptet, dass eine Meeresströmung keinen Einfluss auf die menschliche Fresslust haben kann, soll mir bitte erklären, wieso es zwar möglich ist, das Weltklima verrückt spielen zu lassen, nicht aber, einen so kleinen Muskel wie den Trizeps zum Wabbeln zu bringen.

Angesichts dieser erschreckenden Erkenntnisse und weil ich zwar nichts gegen den Klimawandel, wohl aber etwas gegen meine Faulheit unternehmen kann, hatte ich eigentlich vor, heute morgen spätestens um 7.00 Uhr meine Laufschuhe anzuziehen und meinem Körper den Alterungsprozess rennenderweise auszutreiben. El Nino hat es dunkel gemacht. Und stürmisch war es auch. Und ich war müde. Aber gleich morgen fange ich an, ganz bestimmt!

09 Januar 2007

Hilfe, sie nimmt mir die Welt weg!

Während die meisten Frauen es als völlig selbstverständlich ansehen, gleichzeitig meterhohe Pumps und zwei Wasserkisten zu tragen, ein Vier-Gänge-Menü zu zaubern und während der Pausen die Buchhaltung des eigenen Unternehmens zu erledigen, sich von einem neuen Verehrer in den Mantel helfen zu lassen oder einen zu hartnäckigen Verfolger mit einem gezielten Schlag auf die Bretter zu schicken, stehen die vom Schicksal geprügelten Herren noch immer da wie die begossenen Pudel, schütteln und wundern sich über die Entwicklung der letzten Jahrzehnte, die ihnen irgendwie entgangen zu sein scheint.

Eigentlich sollten sie uns leid tun, die armen Männer! Eben noch auf Mammutjagd, dafür zuständig, die in der Höhle bibbernde Großfamilie zu versorgen, soll er jetzt im Sitzen pinkeln und das Waschbecken saubermachen. Irgendein gemeines Weibsstück hat ihm nämlich während der letzten paar tausend Jahre heimlich die Keule weggenommen und durch ein Mobiltelefon ersetzt. Das sieht zwar schick aus und ist wichtig, aber hauen kann man damit nicht mehr. Und das, was ihn früher, als die Welt noch in Ordnung war und niemand eine Paartherapie nötig hatte, ausgezeichnet hat, nämlich die Fähigkeit, sich auf die Jagd und die Beute zu konzentrieren und nichts anderes mehr wahrzunehmen, macht ihn heute zum Gespött seiner multitaskingfähigen Gefährtin. Er behauptet zwar verzweifelt, ebenfalls mehrere Dinge gleichzeitig tun zu können, aber nur die wirklich bedingungslos Liebende ist bereit, ihn dafür zu loben, dass er gleichzeitig sein Morgengeschäft erledigt, Zeitung liest und dabei raucht.

Sie haben es schwer, wirklich! Früher wurde ein echter Kerl daran gemessen, wieviele uneheliche Kinder von ihm in der Weltgeschichte herumsprangen, er durfte sich auf Teufelkommraus durch fremde Betten schlafen, ohne andere Konsequenzen fürchten zu müssen als eine Ehefrau mit Migräne. Heute fragt sie ihn, ob man sich erst unterhalten soll oder lieber gleich ins Bett geht, und er darf nicht einmal einen heimlichen Vaterschaftstest durchführen lassen, um sicher zu sein, dass der in der gemeinsamen Wohnung lebende Nachwuchs auch tatsächlich von ihm ist. Woher nehmen diese verdammten Weiber die Unverschämtheit, wie selbstverständlich die gleichen Privilegien zu beanspruchen wie die Schöpfungskronen? Und warum kennen sie sich auf einmal auch in Wirtschaft, Politik und Naturwissenschaften aus? Manche von ihnen sind Chef, man stelle sich das nur vor! Eine ganz besonders Durchtriebene hat es sogar ins Kanzleramt geschafft, obwohl ihr sich seines Status als Retter der Männlichkeit bewußter Vorgänger wie ein Berserker um sein Großraumbüro und die Limousine mit Chauffeur gekämpft hat.

Aber, und jetzt kann der Mann sich endlich beruhigt zurücklehnen: Sie, die doofe Kanzlerin nämlich, ist nicht attraktiv. Sagen alle seine Stammtischbrüder und der PLAYBOY auch. So. Nein, ein Adonis war ihr Vorgänger auch nicht, der hat sich ja sogar die Haare färben müssen, um sein Ego aufzupolieren, aber das war ja wohl auch etwas ganz anderes! Und die Oberemanze, diese Alice Schwarzer, die sieht vielleicht aus! Lesbisch ist sie bestimmt und überhaupt nur deswegen emanzipiert, weil sie keinen abbekommen hat. Und jetzt sitzt sie seit mehr als 30 Jahren in ihrer EMMA-Redaktion und bewirft die Männerwelt mit Schlamm. Soll sie sich doch Beine und Achseln rasieren, dann hat sie was zu tun!

Spätestens jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, ihn in seinem Redefluss zu unterbrechen, sanft über sein verwirrtes Köpfchen zu streicheln und „Aber ja, mein Liebster!“ zu sagen, denn es besteht ernsthafte Gefahr, dass er hyperventiliert oder sich in einen Infarkt hineinsteigert. Die Männer von heute sind nicht mehr so leistungsfähig wie die Steinzeitjungs; sie leiden unter Schlafstörungen, Phobien, Depressionen und Kopfweh. Sie brauchen Hilfe. Und wenn er sich besser fühlt mit der Theorie, alle erfolgreichen Frauen wären häßlich und einsam, dann sollte seine Gefährtin über die Souveränität verfügen, ihn in seinem Glauben zu lassen. Wir verstehen ja, dass es schwierig ist, und wir helfen gern!

Wenn die gutgemeinte Seelenmassage allerdings dazu führt, dass er wieder übermütig wird und so tun will, als sei er Chef, ist es an der Zeit, ihn mit einem nicht mehr ganz so sanften Stupfer auf den Solarplexus zur Ruhe zu legen.

08 Januar 2007

Katzentreppen

Ich habe heute Katzen gehört, die die Katzentreppe hinaufgelaufen sind. Wir hatten früher (es ist tatsächlich schon mehr als 18 Monate her!) eine selbstgebaute Katzentreppe, die vom Wäscheplatz zum Küchenfenster führte, und jedesmal, wenn eine unser pelzigen Mitbewohnerinnen dort hinaufstieg, einen Höllenlärm machte. Manche hatten Probleme. Naja, nicht manche, eigentlich nur einer - der Kater. Nein, ich stelle keinerlei Parallelen zu Männern her! Männer sind technisch und handwerklich begabt, hochintelligent, experimentierfreudig, solange es nicht um Kommunikationsexperimente geht oder das Organisieren des wöchentlichen Einkaufs, Männer eben. Für Katzenmänner gilt Ähnliches. Auch für Katzen-Ex-Männer. Ich höre sie aufschreien da draussen, die empathischen Herren, die genau wissen, dass Frauen ihre Kater nur deswegen kastrieren lassen, weil sie das mit ihren Lebensabschnittsgefährten nicht tun dürfen! Blödsinn. "Mein" Mann darf alles behalten, was er hat, mein Kater hingegen sollte seinen Geschlechtstrieb nur folgenlos ausleben dürfen.

Higgins war sein Name. Inzwischen ist er auf der Wiese, leider, ich hätte ihn lieber hier. Der Katzentreppe fehlte eine Stufe. Higgins war faul. Und so stand er eines Tages mittig auf der Treppe, eine Pfote auf der obersten Stufe, zwei Pfoten auf der darunter, dazwischen fehlte die eine, und deswegen ruderte er mit der freien, dritten Pfote in der Luft und machte dabei ein derart blödes Gesicht, wie es nur Männer tun können, wenn frau ihnen in ihre Gewohnheiten pfuscht. Higgins allerdings war konsequent - und beleidigt. Weil er mit seinem sensiblen Katergemüt mitbekommen hatte, dass wir uns über ihn lustig machten, benutzte er die Katzentreppe fortan nicht mehr, sondern krähte an ihrem Fuß solange, bis entweder ich oder mein damaliger Liebster ihn abholten. Nein, er ging selbstverständlich nicht nach vorn zur Tür, das würde eine ordentliche Katze, egal ob männlichen oder weiblichen Geschlechts, niemals tun, bedeutete es doch, dem daumenbewehrten Zweibeiner entgegen zu kommen!


Dieses Spiel wäre ewig so weitergegangen, wenn sich nicht unsere Nachbarin erbarmt hätte. Irgendwann fand sich ein Ersatz für die verlorengegangene Treppensprosse, auf der mit schwarzem Edding geschrieben stand: "Lieber Higgins, jetzt müsste es klappen." Und es klappte! Higgins benutzte wieder die Leiter, ich konnte an seinem Getöse beim Heraufsteigen erkennen, dass mein Lieblingskater unterwegs war und sein Fressen vorbereiten.


Und genau dieses Geräusch habe ich vorhin gehört, als ich in der Badewanne lag und aus meinem Dachfenster in den schwarzen Himmel schaute. Hi, mein Süßer, und Danke für die Erinnerung, die ich zwar nicht gebraucht hätte, die mir aber trotzdem willkommen ist!

Natürlich gab es noch mehr von ihnen, und jede hatte ihre ganz eigene Variante der Treppenbesteigung. Teufel rannte im gestreckten Galopp nach oben, warf sich gegen die Fensterscheibe und war extrem entrüstet, wenn man ihr nicht sofort öffnete, Ajau begann bereits am Fuß der Treppe so laut zu schreien, dass man das Fenster schon geöffnet hatte, bevor er auch nur die erste Stufe betrat, Keks und Muffin zogen es vor, die Treppe hinaufzulaufen und in dem Moment, in dem das Fenster geöffnet wurde, so zu tun, als hätten sie die in der Wohnung befindlichen Personen in ihrem ganzen Leben noch nie gesehen und sofort die Flucht zu ergreifen. Dann war da noch Ratti, ein Fremdkater, dürr, schmusebedürftig und immer hungrig, vor allem aber so aggressiv, dass er unsere Katzen jedesmal vergraulte, wenn er auf der Fensterbank angekommen war. Irgendwann wurde er dann von Higgins verjagt.

Möglicherweise kann ein Mensch, der niemals im Katzenbesitz war, nicht nachvollziehen, was allein dieses fiktive Geräusch für Gefühle erzeugen kann. Egal, welche Katze vor der Tür gestanden hätte, ich hätte sie sofort hereingelassen. Und ich habe nur deshalb keine pelzigen MitbewohnerInnen mehr, weil ich den Schmerz nicht aushalten kann, wenn sie gehen, sterben oder verschwinden.

Mit dem Gedanken an all die geliebten Fellträger kann ich leben, wenn ich sie glücklich auf der Wiese jenseits des Regenbogens weiß und wenn ich darauf hoffen darf, dass sie mich in ihrer Mitte willkommen heissen, wenn es soweit ist. Sentimental? Blödsinnig? Irgendwie albern? Egal! Solange es auf dieser Welt Katzen gibt, denen ich auf Händen und Knien hinterherkriechen darf, damit sie sich mit mir unterhalten, mache ich mich gern zum ... Ja, zu was eigentlich? Sie sind anbetungswürdig, oder nicht? Und sie haben uns im Griff, denke ich. Ich bin gern ihr Affe.

07 Januar 2007

Babel

Den heutigen Tag habe ich wesentlich ruhiger angehen lassen als eigentlich geplant: Lange geschlafen (ich habe einen unglaublich weichens, schönen, warmen und nichtloslassenwollendens neuen Bettbezug, der es mir sehr schwer macht, mein Bett morgens zu verlassen. Und heute morgen hatte ich Zeit, habe mich quergelegt, längs, meinen Kopf ins Kissen gebohrt, mein Bettzeug umarmt und genossen.

Dann Kaffee, Geschreibsel. Ich musste dringend auf das Pamphlet meines Coautoren über nestbauende Singlefrauen und Alice Schwarzer mit Bartwuchs antworten. Es liegt immer noch neben meinem Notebook, und ich bin noch lange nicht fertig! (Es ist schon überaus erstaunlich, wie ich mich über etwas erregen kann, das ich selbst ähnlich geschrieben hätte. Eloquent ist er jedenfalls. Und trotzdem...)

Viel gegessen habe ich, und ganz sicher nicht das, was Fit for Fun und Konsorten für die Jungen, Fitten, Schlanken und Schönen vorsehen. Lecker wars, und sch... auf Fettgehalt und Kalorien! Eigentlich hätte ich ja laufen wollen, spazierengehen zumindest, wegen der frischen Luft und dem Vitamin D, das der Körper braucht, wenn er sich nicht mit permanenten Schlafattacken herumplagen will. Habe mich dann entschlossen, dass mein Dachfenster über dem Schreibtisch für heute ausreichen muss und mein schlechtes Gewissen mit einer kalten Dusche beruhigt, der Abhärtung wegen. Es gibt halt so Tage...

Später dann Kino, das erste Mal seit langer Zeit, allein, und weil ich noch so pappsatt war, ausnahmsweise ohne Popcorn. "Babel" habe ich mir angesehen.
Ein genialer, berührender, wunderschöner und gleichzeitig unglaublich trauriger Film! Drei Schauplätze, drei miteinander verwobene Handlungen, die alle irgendwie voneinander abhängig sind bzw. sich gegenseitig verändern. Leben eben. Ich sah mich mit meinen eigenen Vorurteilen konfrontiert, nicht nur in einer Szene, sondern in erschreckend vielen. Und obwohl ich keine(s) dieser Vor-ver-Urteil-ungen loslassen konnte, ist es dem Film mehr als nur gelungen, Schicksale unter verschiedenen Perspektiven zu zeigen.
Und es war mehr als das, teilweise waren die Gefühle, die dieser Film in mir hervorrief, kaum auszuhalten, das Dilemma der Handelnden schien unerträglich nahe zu sein. Bis heute war ich der festen und arroganten Überzeugung, dass die Menschen des 2. Jahrtausends keine herzergreifenden Filme mehr machen können, weil sie nur noch auf Blockbuster, schnelles Geld und computeranimierte Scheußlichkeiten aus sind. Ich widerrufe.

Wieder zuhause, war ich nicht in der Lage, irgendetwas anderes zu tun als alberne Quizfragen auf stern.de zu beantworten; der Film wollte sich nicht setzen, und ich hatte das Gefühl, alles, was mehr Aufmerksamkeit von mir erfordert als die Beantwortung so wichtiger Fragen wie "Wer war die Lehrmeisterin von Biene Maja?", "In welchem Alter wurde Konrad Adenauer Kanzler?", würde mich überfordern. Im Lindenstraßen-Quiz war ich besonders gut.

Und jetzt gehe ich noch ein wenig in Matala spazieren (für Interessierte: www.matala-kreta.de, www.matala-kreta.com oder ganz allgemein www.kreta-impressionen.de. Auch diese Bilder berühren; im Gegensatz zu "Babel" lassen sie mich allerdings nicht nachdenklich, wehmütig und sprachlos zurück, sondern inspirieren und bringen mich zum Lächeln. Nur noch 132 Tage! Nicht, dass ich falsch verstanden werde: Das, was ich hier tue, ist genau, was ich will und was ich brauche, ich freue mich über jeden Tag, und es gibt kaum etwas, was ich nicht genieße. Kreta ist meine Inspirations-, Eindrückesammel-, Staun-, Glücksgefühlekonservierungsinsel, mittlerweile ein Zuhause, ganz anders eben. Und ich habe Heimweh. So.

Und sie sprechen doch!

Bevor ich loslege, möchte ich ein herzliches Dankeschön an die beiden motorsportinteressierten Herren in der 95°-Sauna loswerden, die mich zu großen Teilen des heutigen Posts inspiriert haben: Danke, Danke, Danke!
Die Sauna ist ein Ort der Ruhe und Entspannung. Man liegt oder sitzt im Warmen, gern auch mit geschlossenen Augen und träumt von Wasauchimmer. Ich liege fast immer an meinem bevorzugten Strand bei Matala, höre die Wellen rauschen und sehe das unglaubliche Blau des Libyschen Meeres und das unvergleichliche kretische Licht vor meinem inneren Auge. Das ist Urlaub. Ich mag Urlaub. Und ich mag Ruhe in meinem Urlaub, auch wenn er während der vier gebuchten und bezahlten Stunden in einer öffentlichen Sauna stattfindet.
Normalerweise werden meine Wünsche auch erfüllt, denn wir Deutschen sind außerhalb unserer Autos noch immer ein recht diszipliniertes Völkchen, und das ungeschriebene Gesetz "Halt in der Sauna die Klappe, draußen kannst Du wieder reden!" wird meist befolgt. Diejenigen, denen die ununterbrochene Kommunikation wichtiger ist als die Ruhe ihrer Sitznachbarn, lassen sich interessanterweise recht schnell dem (sozial-)pädagogischen Bereich zuordnen, gern auch mit Nachwuchs. Dieser sitzt dann still auf der untersten Bank und wartet auf die ersten Schweißperlen, während die Erzeuger für alle anderen hörbar laut flüsternd (es gibt da so ein ganz spezielles Flüstern, das Zischlaute erzeugt) darüber diskutieren, wielange die Brut unbeschadet in der Hitze sitzenbleiben darf. Manchmal bin ich versucht, das Kind zu bitten, Mami und Papi besser zu erziehen und sie auf die elementaren Höflichkeitsregeln hinzuweisen. (Das Kind scheint sie ja zu kennen.)
Ich schweife ab. Ruhesuchend begab ich mich also gestern Abend in besagte Maa-Sauna, 80 - 95°, holzbefeuert. Es stand nur ein paar Pantoffeln vor der Tür, und ich freute mich, viel Platz und ebensoviel Ruhe vorfinden zu dürfen. Einer der beiden Herren muss ohne Badelatschen gekommen sein, denn sie waren zu zweit, und sie unterhielten sich in normaler Kneipenlautstärke. Mir war vollkommen klar, dass sie jetzt damit aufhören würden, da sie ja nicht mehr allein waren. Aber das Thema war ihnen zu wichtig; es wurden Flugkosten nach Barcelona, Malle und das Geschäftsgebaren von Reisebüros im Allgemeinen diskutiert. Ich wollte keine Spielverderberin sein, atmete tief und hörbar ein und aus, legte mich auf eine der freien Bänke und schloss die Augen. Männer reagieren nicht auf Gesten, das ist in ihrem Programm so nicht angelegt, heißt es. Die beiden Herren waren in dieser Beziehung offensichtlich Durchschnittsmodelle, nicht aber, was ihren Redefluss betraf. Das kann ich einordnen, weil ich zu Weihnachten von meinem LAP (für Nichteingeweihte: Lebensabschnittspartner - Danke für das schöne Wort, Coautor!) ein Buch geschenkt bekommen habe : "Wie Männer ticken", und in diesem Buch ist neben vielen anderen hochinteressanten Einblicken in die Männerpsyche ein beispielhafter Dialog abgedruckt, der einen Eindruck von der Kommunikationsfähigkeit der Schöpfungskronen vermitteln soll.
Ich zitiere:
"(...) Zwei Männer an der Tanke. A sieht einen Porsche und schleicht drum herum. B gehört der Porsche.
  • A: 'Geile Karre.'
  • B: 'Ja.'
  • A: 'Abgeriegelt?'
  • B: 'Nein.'
  • A: 'Geil.'
  • B: 'Ja.' " (Hauke Brost: Wie Männer ticken, Berlin 2006, S. 11)

Danach hätten "meine" beiden Herren ihren Dialog längst beendet haben müssen. Aber jetzt ging es um Testfahrten in Barcelona und wann es sinnvoll sein würde, sich diese live anzuschauen, immer noch in normaler Kneipenlautstärke. (Und ich spreche hier nicht von einer gehobenen Lokalität mit leisem Jazz im Hintergrund, sondern von einer echten Männerkneipe mit Formel 1 oder Bundesliga auf mindestens 3 Fernsehern und der entsprechenden Geräuschkulisse, die es zu übertönen gilt!) Ich seufzte vernehmlich, öffnete die Augen, sah sie missbilligend an und schloss meine Augen dann wieder.

Männer nehmen Gesten nicht wahr, wenn diese nicht mit Schwung in ihrem Solarplexus landen.

Inzwischen hatten weitere Besucher den Weg in die Sauna gefunden, und den beiden Motorsportfans war es endlich warm genug. Ihre Stimmen verhallten erst nach langer, langer Zeit. Die junge Frau, die vor mir saß, stieß einen Seufzer aus und sagte: "Dafür, dass Männer sich angeblich vorwiegend mit Grunzlauten verständigen, waren die aber recht eloquent." Frauen verstehen sich.

Trotzdem blieb ich mit einem Gefühl der Unzulänglichkeit zurück. Ich weiß doch, dass die meisten Männer nicht interpretationsfähig sind und klare Ansagen brauchen! Ich mache mich doch oft genug lustig über Geschlechtsgenossinnen, die lieber mit zusammengepressten Lippen und Oberschenkeln auf dem Beifahrersitz verharren als den Fahrer anzuweisen, an der nächsten Raststätte anzuhalten, weil sie noch immer glauben, er würde ihr Herumgerutsche als "Ich muss mal, und wenn Du mich liebst, siehst Du das und hältst an!" interpretieren! Ich hätte also sehr viel eher Ruhe gehabt, wenn ich freundlich, aber bestimmt darum gebeten hätte.

Glücklicherweise machen wir aber keine Fehler, sondern Erfahrungen, und es ist vollkommen in Ordnung, dass es auch für die Vorgesetzten der Schöpfungskronen noch immer etwas zu lernen gibt.

03 Januar 2007

Totale Mondfinsternis in sprachlicher Dunkelheit

In der heutigen Ausgabe des Göttinger Tageblatts, gleich auf der ersten Seite, stand folgendes zu lesen:
"Totale Mondfinsternis
Der Mond ist der Hauptdarsteller am Sternenhimmel im ersten Quratal des Jahres 2007. Der Höhepunkt seines Auftrittes: die totale Sonnefinsternis Anfang März."
Für orthographisch und sprachlich weniger Begabte habe ich mich als Oberlehrerin betätigt und die Fehler rot angestrichen.
Im zweiten Wort, "Sonnefinsternis" finden wir gleich zwei kapitale Schnitzer, vorausgesetzt, die Rechtschreibreform hat nicht eine Regel für Buchstabenersparnisse in allgemein bekannten Wortschöpfungen vorgesehen: Ich habe gelernt, dass es SonneNfinsternis heisst, und ein anderer Lehrer hat mir vermittelt, dass es nennenswerte Unterschiede zwischen Mond- und Sonnenfinsternis gibt. Im Fall einer Mondfinsternis taucht der Mond in den Kernschatten der Erde ein und ist im Falle einer sogenannten totalen Mondfinsternis für maximal 115 Minuten Dauer unsichtbar. Bei einer Sonnenfinsternis hingegen wird die Sonne durch den Mond ganz oder teilweise verdeckt.
Bei einer Sonnenfinsternis wird es demnach für einige Zeit auf der Erde so duster wie in dem kleinen Zimmer, in dem beim Göttinger Tageblatt das arme Menschlein, das mit der Korrektur eventueller Rechtschreib-, Grammatik-, Zeichensetzungs- und sonstiger Fehler beauftragt ist, sein armseliges Dasein fristet. Allerdings bin ich mir inzwischen nicht mehr sicher, wieviele der deutschen Tageszeitungen ein solches Menschlein überhaupt noch beschäftigen. Möglicherweise haben sie die Aufgabe des Korrekturlesens gänzlich an den Kollegen Computer delegiert. Da dieser aber von genau der Person bedient wird, die trotz einer möglicherweise vorhandenen journalistischen Ausbildung diesen sprachlichen Sperrmüll absondert, ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Fehlersuche erfolgreich verläuft etwa so groß wie die Möglichkeit einer Sonnenfinsternis auf dem Planeten Alpha Centauri T7, der vor kurzem einer Umgehungsstraße für die Weltraumschrottabfuhr weichen musste.
Ja, ich oute (für Deutschsprachige: bekenne mich zu, gestehe, gebe zu) mich hier und jetzt als Sprachfetischistin! Ich liebe es, einen zusammenhängenden Text stolperfrei lesen zu können. Mein Tag ist perfekt, wenn ich mich bei der Lektüre der Morgenzeitung auf die Nachrichten konzentrieren darf, statt mit einem geistigen Rotstift Rechtschreibfehler anstreichen zu müssen, und ich beginne ihn mit einer gewissen Griesgrämigkeit, wenn mich das Gefühl überkommt, ein Großteil der Autoren könnte erst kürzlich einen Volkshochschulkurs im Kreativen Schreiben absolviert haben, bei dem ihnen eine hochmotivierte Grundschullehrkraft den Glaubenssatz vermittelt hat, es komme doch auf den Inhalt und nicht auf die Form an. NEIN!!! Inhalt ohne Form tut meinen Augen weh, beleidigt meine Intelligenz und widerspricht allem, was unser Volk, als es noch dichtete und dachte, ausgemacht hat.
Ja, ich gebe zu, heute wird nicht mehr in erster Linie für Denker, sondern für Gerichtsshowgucker, WerwirdMillionärverlierer, Dokusoapinterpreten und TineWittlerfans geschrieben, und da braucht es eine einfache Sprache. Du lesen, ich schreiben. 5 Tote im Dschungel, Merkel Kanzlerin, Stoiber doof, Mehrwertsteuer böse, Benzin teuer, Rauchen gut. Verstehen?
Ich hätte da einen Tipp, der Papier sparen und damit Millionen von Bäumen das Leben retten (vorausgesetzt, wir hören endlich damit auf, uns den Allerwertesten mit Papier abzuwischen und tragen damit außerdem zum Überleben der Berggorillas bei) und jungen Menschen eine sinnvolle Tätigkeit verschaffen würde: Sofortige Einstellung der Zeitungsproduktion und Einführung von Nachrichtenrappern. Das könnte dann in etwa so klingen:
"Merkel besucht Georgyboy- yo man!
Quatscht dann noch mit Wladimir - no man!
Wladimir is nich korrekt,
hats Pollonium schlecht versteckt - krass men!"
Und damit verabschiede ich mich und wünsche allen Leserinnen und Lesern eine geruhsame Nacht - mit oder ohne Mondfinsternis.