27 April 2007

Susi ist doof

Über Whausen muss eine Flugzeugkreuzung sein. Ich habe zwar noch keine Ampeln entdecken können, aber der Himmel ist tagsüber durchkreuzt von Kondensstreifen, und nach Einbruch der Dämmerung fällt es dann schwer, sich auf Sterne zu konzentrieren, weil häufig ein vermeintlicher Stern anfängt zu blinken.

Woher wissen die, wo sie hin müssen? Es ist doch absolut dunkelschwarz dort oben! Ja, natürlich, es ist mir klar, dass Flugzeuge Navigationskram an Bord haben, Luftsusis sozusagen. (Für Unwissende: Susi ist die Stimme des GPS-Gerätes.) Aber wenn ich mir überlege, wie oft Susi mich schon verschickt hat, bin ich mir eben nicht sicher, dass sie am Himmel eine sehr große Hilfe sein wird.

Ich hätte jedenfalls das eine oder andere Anekdötchen über Susis und deren hilflose Besitzer zu erzählen. Mein Lieblingsexfreund war der Erste, der mich mit einem Navigationsgerät, kurz "Navi", prägnant: "Susi" in Berührung gebracht hat. Susi war ein Geschenk seiner Eltern, damit Lieblings- und einziger Sohn nicht orientierungslos in der Weltgeschichte herumirrt, sondern weiß, wohin er fahren muss. Ich konnte mich zwar nicht erinnern, dass er vor Susi orientierungslos gewesen wäre, aber wenn die Eltern dem Kinde etwas Gutes tun wollen...

Seine Susi
jedenfalls hat häufig gelogen. Ganz davon abgesehen, dass allein die Eingabe des Zielortes ein mehrsemestriges Studium der Informatik und Nautik erfordert hätte, hat sie mir einfach nicht geglaubt, dass ich bin, wo ich bin. Im Gegenteil, ich habe als Abfahrtsort die X-Straße eingegeben und Susi hat selbsttätig die C-Allee daraus gemacht. Was dann dazu geführt hat, dass auch die Wegbeschreibung nichts weniger als hilfreich war.

Noch schlimmer sind allerdings stumme Susis, also solche, die aufgrund eines Bedienungsfehlers ihrer überforderten Besitzer oder einer werksbedingten Fehlkonstruktion keinen Ton sagen, sondern nur auf einem daumennagelgroßen Display die Richtungen anzeigen. Eine meiner Freundinnen hat so ein Ding. Wir wollten nach Hamburg zu einer Fortbildung, und als sie mich morgens um 5.30 Uhr abholte, begrüßte sie mich mit den Worten "Susi spricht nicht!" Hätte sie mir mitgeteilt, dass ihr Liebster sie keines Wortes mehr würdigt,
sie hätte kaum unglücklicher aussehen können. Tanken musste ich, während sie verzweifelt versuchte, Susi zum Sprechen zu bringen. Sie hielt sie aus dem Fenster, in den unterschiedlichsten Winkeln, kroch in den Fußraum, aber Susi blieb still. Wir fuhren sprachlos. In Hamburg fixierte sie das Display, um auf keinen Fall eine Richtungsänderung zu verpassen. Auf diese Weise überfuhr sie eine rote Ampel, die sie schlicht nicht interessierte (wer braucht eine Ampel, wenn Susi nicht spricht?), kurz darauf riskierte sie mein Leben, als sie mit einem Schrei "Susi zeigt Rechts!" auf die rechte Spur abbog, selbstverständlich ohne zu blinken oder nach anderen Verkehrsteilnehmern Ausschau zu halten. Der Golffahrer, der zu einer Vollbremsung gezwungen war, konnte sprechen, das habe ich deutlich durch sein Fenster gesehen. Die einzige Erklärung, die ich ihm anbieten konnte, war ein Hinweis auf unser Nummernschild: NOM. Als Susi dann anzeigte "Sie haben ihr Fahrtziel erreicht.", befanden wir uns in einer kleinen, beschaulichen Reihenhaussiedlung. Ein großes Fitnesscenter war nirgendwo zu sehen.

Glücklicherweise hatte ich mir eine Wegbeschreibung ausgedruckt, versuchte nun, meine Erkenntnisse der durch Susi dominierten Fahrt an die Realität anzupassen, und nach etwa einer halben Stunde hatten wir unser Ziel erreicht. Für die Rückfahrt bestand ich dann darauf, dass Susi ausgeschaltet bleiben würde.

Wirklich, Susis machen doof und sind doof. Auf einmal sind intelligente Menschen von einer Maschine abhängig, die nichts weiter tut als den Weg zu zeigen, und zwar meistens den falschen. Susi macht Staus aus, wo keine sind, sie fährt Umwege, und ihre Stimme wird extrem ungeduldig, wenn man nicht tut, was sie sagt.

Mir kommt keine Susi ins Auto. Ich werde auch weiterhin selbst suchen. Ganz davon abgesehen, dass es mir höchst suspekt ist, wenn all meine Wege verfolgt werden können, egal ob von Herrn Schäuble oder aus dem Weltraum. (Habe ich mich schon verdächtig gemacht? Das Internet wird ja bereits seit Herrn Schily ausspioniert; es steht nur noch das Gesetz aus, das eine jahrelange Praxis nachträglich legitimiert, wenn ich das richtig verstanden habe.) Nein, ich will nicht ausspioniert werden, ich will dort fahren, wo ich glaube, dass es richtig ist, und ich will in meinem Auto nicht angequatscht werden, schon gar nicht von computeranimierten Frauenstimmen, die wahrscheinlich irgendein unansehnlicher Dickwanst für erotisch hält.

Susis sind doof!

Grußwort an (einen) Hundehalter

Zunächst herzlichen Dank an den debil dreinschauenden Herrn mit sehr großem Hund und mitten in der Feldmark parkendem Geländewagen. Ohne Sie hätte ich heute Morgen möglicherweise kein Thema gehabt!

Ein Sommermorgen im April lädt zum Laufen ein, und da ich heute noch vor dem tibetanischen Kampf- und Brüllhahn der Nachbarn aufgewacht bin (Habe kurz überlegt, hinunter in den Garten zu gehen und als Erste zu krähen, den Gedanken dann aber aus Sorge, das arme Tier könnte sich erschrecken, wieder aufgegeben.), begab ich mich um 6.30 Uhr voller Enthusiasmus auf meine Laufstrecke. Der Puls war absolut im grünen Bereich, es lief sich fast von allein, meine Gedanken trieben leise vor sich hin, ich genoss den Anblick des noch leicht vernebelten Leinetals, den Geruch von Blüten und Gras und die Musik im MP3-Player.

Etwa auf der Hälfte der Strecke (mein Puls bewegte sich bei 132 Schlägen pro Minute, optimal also für Fettstoffwechsel und geistige Entspannung) enteckte ich am Ende des Feldweges einen Geländewagen und einen Menschen mit Hund. Da es üblich ist, dass Herrchen oder Frauchen das Tierchen an die Leine oder das Halsband nehmen, wenn sie eines Joggers oder einer Joggerin ansichtig werden, blieb ich entspannt. Den Hund konnte ich auch nur schemenhaft ausmachen, weil ich in die Sonne lief und nicht besonders viel sehen konnte. Etwa vierzig Meter vor dem Auto rennt das Vieh auf einmal im gestreckten Galopp auf mich zu. Ich erschrecke mich, gebe einen unartikulierten Schrei von mir und laufe weiter, natürlich davon ausgehend, dass Herrchen seinen Hund im Griff hat. Hund läuft zurück zu Herrchen, kehrt um, rennt wieder auf mich zu. Ich bin inzwischen sehr ungehalten, schreie den Hund an "Verpiss Dich, blödes Vieh!" (und ich kann laut schreien, wenn es darauf ankommt). Hund verpisst sich.

Als ich an Herrchen vorbeikomme, schenkt der mir das oben bereits erwähnte debile Grinsen. Hätte ich meiner inneren Stimme nachgegeben, dann wäre ich zu Herrchen gegangen, hätte ihn bei den Schultern genommen und ihm mit einem ordentlichen Kniestoß die Familienplanung der nächsten Wochen zerstört, ihm außerdem mit einem gezielten Ellbogenschlag Nasenbein oder Kiefer gebrochen und weitere Gegenwehr mit einem letzten Tritt in die Rippen verhindert.

Das war die freundliche Version. Eigentlich hatte ich Äxte und Kettensägen vor meinem inneren Auge.

Ich habe weder innerer Stimme noch innerem Auge nachgegeben, sondern bin an Herrchen vorbeigelaufen, habe ihm noch ein "Herzlichen Dank!" zugerufen und ein hörbar gebrummeltes "Schwachkopf!" hinterhergeschickt. Als ich kurz darauf einen Blick auf meinen Pulsmesser warf, zeigte er mir eine Frequenz von 152 - und ich hatte mich schon wieder beruhigt. Blöder Mistkerl.

Und darum zum Schluß noch ein Wort an mitlesende HundebesitzerInnen: Wenn Sie bei Ihrem täglichen Gassigang auf laufende Menschen treffen, wären die Ihnen sehr verbunden, wenn Sie Ihren kleinen oder großen Liebling für die zwei Sekunden, die ein durchschnittlicher Jogger braucht, um einen Spaziergänger zu passieren, am Halsband nehmen würden. Denn dann bleibt der Puls des laufenden Menschen in einem herz- und kreislaufschonenden Bereich und erreicht keine ungesunden Spitzen wie etwa beim Achterbahnfahren.

Falls Ihnen jedoch fremde Menschen und deren Wohlbefinden vollkommen gleichgültig sind, kann ich Sie vielleicht mit dem folgenden Hinweis mehr beeindrucken: Ich übernehme keinerlei Garantie dafür, dass ich beim nächsten Treffen mit auf mich zuspringendem Hund meine innere Stimme wieder ignoriere. Eigentlich bin ich nicht besonders pazifistisch veranlagt, und wenn ich wütend bin, melden sich kriegerische Anteile, die zu kontrollieren mir überaus schwer fällt.

Und möglicherweise gehen Sie ja an einer meiner bevorzugten Laufstrecken Gassi?

26 April 2007

Passwörter und Manbags

Blogger fragt mich dauernd nach Nutzername und Passwort. Und wenn ich es dann eingebe, will er es eigentlich nicht haben. ER. Warum eigentlich benutzen wir (Frauen?) immer ER, wenn ES nicht funktioniert? Oder mit Technik zu tun hat? Ist Ihnen das schon einmal aufgefallen? Alle Dinge, die unter "schwer handhabbar", "kaputt", "irgendwie nicht funktionsfähig", "extrem kompliziert" zu sortieren sind, werden sehr häufig und sehr automatisch "ER".

Mir ist das vollkommen einleuchtend. Ich erinnere da an meine Vorhangkonstruktion, die das Behältnis für die Gelbe Tonne vom Rest der Welt trennt. Hat ER auch nicht verstanden. ICH kann hingegen überhaupt nicht nachvollziehen, wie ER es schafft, nach den Skizzen, die IKEA seinen selbst zusammenzubauenden Möbeln beilegt, ein solches Möbelstück auch wirklich in die ihm zugedachte Form zu bringen. Ich bin erst kürzlich an so einem kleinen Küchenwagen gescheitert. Wissen Sie, diese kleinen Wägelchen mit zwei oder drei Schubfächern, auf Rollen, manchmal recht nett aussehend. ICH habe mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit alle Möglichkeiten herausgefunden, wie frau es nicht zusammenbauen kann. Da ich nicht Mr. Edison bin und meine Bemühungen keine Glühbirne geboren haben, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich auf den Dank, der meinen misslungenen Experimenten folgen könnte, sehr lange und sehr erfolglos warten werde, recht groß.

Ich habe nicht den Schatten einer Ahnung, ob das ein Männer- oder Frauending ist oder eben einfach so, wie es ist. Tatsache ist, dass ich keinen Mann kenne, der sich von der Passwortnachfrage irgendeines hergelaufenen Computers bedroht fühlt. Ich hingegen fühle mich bedroht, nicht ernstgenommen, verar... Was will die blöde Kiste von mir? Passwörter soll ich mir merken? Habe ich nicht, kein einziges weiß ich mehr, wenn ES/ER so insistiert, und aufgeschrieben habe ich es auch nicht, weil sonst irgendeine fieser Krimineller kommt und mir meine Daten klaut. Wolfgang Schäuble zum Beispiel. Otto Schily hat es ihm garantiert beigebracht. Nein, nicht mit mir! Ich merke mir meine Passwörter nicht, ich schreibe sie auch nicht auf, und wenn der blöde Computer eines wissen will, sage ich ihm, er soll es mir per E-Mail schicken. Die Antwort darauf, wann meine verstorbene und heissgeliebte Großmutter Geburtstag gehabt hätte, kann ich nämlich jederzeit geben.

Eigentlich bin ich sicher, dass es ein Männerding
ist. Männer merken sich so einen Blödsinn. Oder sie haben nur ein Passwort für alles, was genauso blödsinnig ist. Aber Männer tragen neuerdings auch Handtaschen, sogenannte "Manbags", die sich dadurch auszeichnen, dass man sich notfalls damit verteidigen kann und nicht für schwul gehalten wird. Ist nicht auf meinem Mist gewachsen, sondern im Radio und somit für alle (Nicht-) GebührenzahlerInnen hörbar verbreitet worden. Können sich Männer, die Handtaschen oder ähnlich albern aussehendes Zeugs mit sich herumschleppen, weil sie panische Angst um ihre Identität, die sich in eben diesen Manbags zu befinden scheint, haben, Passwörter merken? Schwer vorstellbar.

Ich trage keine Handtasche mit mir herum und vergesse regelmäßig fast alle meine Passwörter. Hat vielleicht auch gar nichts mit einer Handtasche zu tun, sondern mit männlicher Inkompetenz. Uuups! Habe ich das gerade gesagt? Wie auch immer - nichtfunktionierende technische Geräte sind IMMER männlich, und Männer, die Handtaschen haben, können sich nichts merken. Außerdem sind alle Passwörter überflüssig, weil frau sie sich nicht merken kann. Und wenn keine Männer im PC der Sozialpartnerin herumpfuschen, wird möglicherweise alles gut. Auch ohne Passwörter.

25 April 2007

Die Sterne wachsen

Abends, nach Einbruch der Dämmerung, kann man den Sternen beim Erscheinen zusehen. "Wachsen" ist möglicherweise falsch ausgedrückt, denn sie wachsen ja nicht, sie werden sichtbar. Schon wieder eine Metapher. Das Leben scheint aus Metaphern zu bestehen. Vielleicht ändern sich ja auch Menschen nicht, sondern gestatten einen Blick aus einem anderen Winkel? Haben wir alles in uns, alle Veränderungen, alle Quellen, alle Sterne, jede Farbe, die der Himmel annehmen kann?

Ich bin zum Beispiel ein "Katastrophenmensch". Niemals würde ich auf die Idee kommen, dass ein einfacher Satz wie "Ich möchte mit Dir reden." kein Drama beinhaltet. Ich bin eine begabte Architektin, wenn es darum geht, eigentlich Gemeintes auf meine Sicht der Dinge zurechtzustutzen. "Ich möchte mit Dir reden." mache ich zu: "Ich bin extrem unzufrieden mit der Situation, weiß nicht genau wie ich Dir sagen soll, dass ich Dich eigentlich Sch... finde, aber ich muss es loswerden. Also, wann kann ich es Dir endlich sagen?" Wenn es nicht so anstrengend für mich und meine Umgebung wäre, würde ich sagen, dass ich in diesem Bereich meine Kreativität austobe.

Oder: Er schweigt nach dem Sex. Später sagt er mir (schreibt sogar!), dass er dieser unglaublich angenehmen Mattigkeit nachgegeben hat und überhaupt gar nicht denken möchte. Ich interpretiere das Schweigen selbstverständlich als einen Kommentar. Und der kann nur heissen, dass es ...nett... war. Punkt. Gab Schlimmeres, gab viel mehr Besseres.

Oder. Oder. Oder.

Ich bin ein kreativer Mensch, und man möge mir die Umdeutungen der Bedeutungen verzeihen. Ich interpretiere schließlich meist so, dass ich für meine Umwelt zwar extrem anstrengend bin, weil man jedes Wort auf die berühmte Goldwage legen muss, aber den K.O. verpasse ich ausschließlich mir selbst. Oder bin ich viel schlimmer, als ich glaube?

Eigentlich wollte ich über Sternewachsen schreiben. Darüber, wie unglaublich schön ein Sommerbeginn mitten im April ist. Den Himmel über Whausen besingen. Die warme, streichelnde, umarmende Luft dort draußen beschreiben. Ist auch viel schöner als das Klagelied einer unter übersteigerter Selbstkritik leidenden Hopse. Also: Der Himmel ist sehr hoch, und irgendwo dort oben gibt es einen Planeten, auf dem Leben möglich sein könnte. 20 Lichtjahre entfernt. Egal. Ich nehme es als Beweis für meine These, dass es unendlich viele Lebensformen im Universum gibt und die paar Milliarden, die auf der Erde ihr Unwesen treiben, zu vernachlässigen sind. Eine andere "Erde"... Auch eine Definitionssache, irgendwie. Aber die Vorstellung, in den Himmel zu schauen und etwas nicht zu sehen, was da ist und möglicherweise Lebewesen beherbergt, die einen ähnlichen Stil pflegen wie wir (Media Markt, Geiz ist Geil, Ausspionieren von Online-Daten), glücklich sind, einen Himmel über sich sehen und nette kleine Leckereien zu sich nehmen, ist faszinierend. Oder es gibt auf diesem Planeten weder Fernsehen noch DVD noch Internet noch Radio, sondern einfach nur Leben? Möglicherweise reden die miteinander?

Ich werde auf jeden Fall ein Visum beantragen, bevor ich ins Bett gehe.

24 April 2007

PIEP!

Vor einigen Monaten erfuhr ich eher beiläufig, wie man ein sich verselbständigendes Gedankenkino stoppen kann - Danke, Anhard!!! Möglicherweise hätte ein zufälliger Mithörer ein wenig Skepsis entwickelt; ich war glücklicherweise allein.

Das Zauberwort heißt "PIEP!". Meist ist es ja irgendein Umstand, der irgendwelche alten Glaubenssätze aufweckt, die doch eigentlich erfolgreich verbuddelt gewesen sind, und irgendwie fangen die Gedanken an, sich zu verselbständigen. Ich jedenfalls konnte ihnen zuhören, und wenn ich eine unbeteiligte Gebührenzahlerin gewesen wäre, hätte ich das Hörspiel möglicherweise interessant gefunden. Ich habe weder gezahlt noch bestellt. Das Hörspiel lief trotzdem, und obwohl ich mir vollkommen bewußt darüber bin, dass ich eine ...jährige Frau mit gewisser Lebenserfahrung bin und über wesentlich mehr Möglichkeiten (100.000??) verfüge als das kleine Mädchen, das diesen Glaubenssatz entwickelt hat. Blöder Sender, den werde ich nie wieder einschalten und mich bei der Redakteurin beschweren. Später.

Erst einmal war es nötig, das Programm abzustellen, denn an ein neues war noch nicht zu denken. Und "PIEP!" ist eine großartige Möglichkeit. Wenn frau dann noch bei ca. 160 bei erlaubten 120 km/h in regelmäßigen Abständen "PIEP!" sagt, naja, nicht sagt, eher schreit, brüllt, singt, intoniert, wird recht schnell zwar nicht alles gut, aber besser. Ruhe kehrt ein. Außer dem PIEP! ist nichts mehr zu hören.

Ich habe das dann sicherheitshalber noch ein wenig erweitert: "Ich bin eine erwachsene Frau und habe alle Möglichkeiten, die ich mir wünsche. PIEP! Ich verfüge über eine Menge Handlungsalternativen. PIEP! Es geht mir gut. PIEP! Ich bin ein wertvoller Mensch. PIEP! Ich bin allein verantwortlich für meine Reaktionen auf die Umwelt (nochmal: Danke, Anhard!). PIEP! Gerade wurde ich auf das Allerwildeste von einem sehr jungen und sehr attraktiven Teilnehmer angeflirtet. PIEP! Undsoweiter. PIEP!"

Hat gut funktioniert, ich bin jetzt wieder konstruktiv. Immerhin schreibe ich. Gut, ich trotze auch ein wenig vor mich hin. Aber ein inneres, maulendes Kind ist ja wohl erlaubt, oder? Außerdem kann ich mich viel besser in meine StrongKids hineinversetzen, wenn ich auch ab und zu mal trotze. Und: TROTZEN MACHT SPAß! So. Jetzt habe ich es mir aber gegeben.

Ernsthaft: Ich bin wirklich wieder konstruktiv. Habe erst überlegt, meine Gefühlsräume zu klären und vielleicht einen Felsbrocken oder Ähnliches zum Platzen zu bringen (das macht auch ein großartiges, freies, weites, fast schon euphorisches Gefühl), aber das war dank des PIEP! überhaupt nicht mehr nötig. Ich sehe die Weite über mir, wenn ich aus meinem Dachfenster in den fast dunklen Himmel schaue, ich spüre sie in mir, wenn ich es zulasse und mir meiner selbst bewußt bin. Weite ist schön. Nähe auch. Und PIEP! ist überhaupt das Allerbeste.

Sie haben beim Lesen der Überschrift an Verona Feldbusch, Entschuldigung, Pooth gedacht? Kann ja mal passieren, wir haben alle unsere schwachen Momente...

23 April 2007

Überschrift: s.u.

Es ist ein guter Vormittag, um meinen Fingern dabei zuzusehen, wie sie einen Text verfassen. Die Überschrift gibt es nachträglich, auch wenn die geschätzten LeserInnen sie dann trotzdem als Erstes zu sehen bekommen. Vielleicht sollte ich ausnahmsweise die Überschrift ans Ende meines Textes stellen und am Anfang nur "Überschrift" schreiben? Gestern wurde ich gefragt, wie es denn möglich sei, dass die Verbindung zwischen Fingern, Bauch und Kopf quasi "gekappt" sei, wenn ich schreibe. Keine Ahnung. Ich habe mich das noch nie gefragt, glaube auch nicht, dass die Verbindung nicht mehr da ist, während ich schreibe, sondern dass sich mein Verstand für die Zeit, die meine Finger und mein Bauch brauchen, etwas zurückhält, um die Gedanken, die da ins Unreine produziert werden, nicht schon im Vorfeld zu zensieren.

Das ist das Schöne am Zehnfingersystem: Ich kann so schnell schreiben, dass ich keine Zeit zum Denken habe. Sehe immer nur das Ergebnis auf dem Bildschirm. Sortiert wird später.

Was mich zu der Überlegung bringt, dass es durchaus sinnvoll sein kann, das zum "Lebensprinzip" zu erklären: Erst leben, dann sortieren. Wir machen es ja meist umgekehrt, und so geschieht es, dass wir viel zu häufig unser Leben mit Zeit füllen statt die Zeit mit Leben. Stammt nicht von mir, sondern von Raimund Harmstorf, der das in einem Interview, das er kurz vor seinem Selbstmord gab, gesagt hat. Ich stimme ihm zu. Wer möchte schon alt werden, nur um längere Zeit auf diesem zerfallenden Planeten zu lustwandeln? Ich hätte schon gern einen Sinn, vor allem würde ich gern Spuren hinterlassen, in welcher Form auch immer. Ob es möglich ist, auch in anderen Leben Spuren zu hinterlassen, zumindest so ein paar kleine, die den oder die SpurenträgerIn nicht stören?

Gerade muss ich an meinen Onkel Walter denken. In der Trauerrede, die ich für ihn gehalten habe, habe ich geschrieben: "Wer im Herzen seiner Lieben lebt, ist niemals tot. Er ist nur fern. Tot sind die, die vergessen werden." Auch das ist nicht von mir, sondern von Immanuel Kant. Ich habe ihn (meinen Onkel) niemals vergessen, denke bei jeder Schraube, die ich in die Hand nehme, an ihn, bei jedem Fußballspiel, von dem ich höre, und immer, wenn ich die Götter bitte, auf ihn und die anderen, die fern sind, zu achten.

Es gibt Menschen, die das Herz und die Seele berühren und die Spuren hinterlassen, die niemals ganz verblassen werden. Ich erweitere meinen Satz: Es gibt Lebewesen, die mein Herz und meine Seele berührt haben und für immer einen festen Platz behalten werden. Ihre Fuß- und Pfotenspuren habe ich gern in mir. Und ich wünsche mir irgendwann einmal eine Unsterblichkeit in dieser Form. Muss auch nicht lange sein, ein paar Jahre würden mir reichen... Die Vorstellung, dass nach meinem Tod der eine oder die andere sagt: "Weißt Du noch, das hat sie immer so und so gemacht." oder "Gerade muss ich an sie denken und habe ein deutliches Bild vor Augen." ist schön. Und wenn wir ehrlich sind, wollen wir doch alle ein kleines bisschen unsterblich sein. Oder?

Gerade habe ich gedacht, dass ich erstaunt bin, soviel über Tod und Sterben nachzudenken, wo ich doch so gern und so genießerisch lebe. Hat vielleicht mit Veränderung zu tun. Im Tarot gibt es eine Karte "Der Tod", und wenn man die zieht, heißt das nicht, dass man sich möglichst rasch aufs Sterben vorbereiten sollte, sondern auf Veränderungen, die anstehen. Ich verändere mich. Viele Dinge werden mir bewußter, so, dass ich das Bedürfnis habe, sie zu ändern, andere wieder möchte ich unverändert lassen, allerdings nicht, ohne ein großes Stück Dankbarkeit dafür zu spüren. Ich habe noch immer vor sehr vielem Angst, und ich bin mir klar, dass es noch sehr viel zu verändern, zu verbessern und neu zu beginnen gibt. All das kann ich aber sehr gut annehmen und mir die Zeit lassen, die ich brauchen werde.

Heute ist der Tag, an dem ich mir meiner Selbst-Verantwortung über alle meine Gedanken, Gefühle und Handlungen bewusst bin. Das ist ein sehr schöner, vor allem aber sehr tröstlicher Gedanke, denn er bedeutet Freiheit. ICH habe die Wahl, wie ich auf die Impulse meines Umfeldes reagiere! Alle Verantwortung liegt in mir, und damit habe ich alle Möglichkeiten, alles zu ändern, was ändernswert ist. Schön. Und hier schließt sich der Kreis zu Rocky Balboa, Henry Maske und Johannes Heesters. Es gibt nur die Grenzen, die ich mir selber setze. Und es gibt die Freiheit, alle Möglichkeiten auszuprobieren, die ich mir für mich und mein Leben vorstellen kann. Ohne Angst. Denn alles, was um mich herum geschieht, unterliegt meiner Verantwortung. Ich darf meinen Gefühlen nachgeben. Ich darf mich ändern. Ich darf mich mitten im Leben mit dem Tod auseinandersetzen. Ich darf lieben, wen ich will. Ich darf meine Träume leben. Ich darf tun, und ich darf lassen. Meine Hand darf schreiben, was sie will, und mein Kopf darf es hinterher sortieren.

Überschrift: Rocky Balboa, Selbst-Verantwortlichkeit und das Zehnfingersystem.

22 April 2007

Nächte, Träume, Gedanken

Der erste Teil des NLP-Wochenendes ist vorbei, ich habe nahezu Unglaubliches gelernt. Vor allem aber hat es funktioniert! Ich bin ganz woanders, und der Ort, an dem ich mich aufhalte, ist wunderschön. Es gibt ein strahlendes Sonnengelb und ebenso strahlende Gesichter, es gibt Gelächter, Humor, stundenlange Telefonate, Müdigkeit ist nebensächlich. Leben, irgendwie.

Ich habe heute gelernt, nachmittags und abends. Heute nachmittag habe ich erfahren dürfen, wie ich unerwünschte Verhaltensweisen ändern kann (Und es hat funktioniert - ich liebe dieses Bild!), abends dann ein Spiegel, der mir mein Gesicht gezeigt hat. Jetzt sollte ich müde sein, bin es aber nicht. Habe Geschichten im Kopf, schöne und schreckliche. Obwohl ich persönlich die Geschichten, die als schrecklich empfunden werden, wunderschön finde. Sterben ist nicht schlimm. Sterben ist Neuanfang. Der Tod ist Neuanfang. Und Neuanfang kann nicht schlecht sein.

Gibt es einen "Altanfang"? Gibt es die Möglichkeit, über die Angst zu siegen? Kann man/frau Angst annehmen als Teil des Lebens?

Es ist eine Sache, über selbstmörderische Seiltänzerinnen und Sternensucherinnen zu schreiben, aber herauszufinden, dass die Selbstmörderin in mir ist, ist eine Erkenntnis, die ich niemals gesucht habe, sondern die mich gefunden hat.

Für WörtlichnehmerInnen: Nein, ich habe keinerlei Suizidgedanken, ganz im Gegenteil! Mein Leben ist auf einmal wieder bei mir. Nicht immer, aber meine Gedanken können endlich wieder herumschweifen, unzensiert, jedenfalls solange niemand Rechenschaft verlangt. Leben kann spannend sein, aufregend, wie ein großer Fisch, der einfach nicht geangelt werden will. Der Gräten hat. Der sich wehrt gegen das Sterben und der selbst im Tod noch versucht, ungenießbar zu sein.

Werde ich mich auf den morgigen Tag konzentrieren können mit all diesen Bildern im Kopf? Ja, denn ich spiele mein Leben! Und ich wäre dankbar für gute B-Noten.

21 April 2007

Die Seiltänzerin

Es war einmal ein junges Mädchen, nennen wir sie Kadya. Sie entstammte einer sehr alten Artistenfamilie, die schon seit Generationen um die Welt zog und im Zirkus oder auch einmal mitten in der Stadt ihre Kunststücke zeigte. Während ihre Brüder sich recht früh entschieden hatten, dass sie jonglieren, Einrad fahren oder zaubern wollten, zog es Kadya zu den gefährlicheren Disziplinen. Zunächst versuchte sie sich als Assistentin des Messerwerfer. Das wurde ihr jedoch nach kurzer Zeit langweilig, denn sie hatte nichts weiter zu tun als hübsch auszusehen, sich von ihm bewerfen zu lassen und ab und zu einen Apfel auf dem Kopf oder eine Zigarette im Mund zu tragen.

Dann fragten die Trapezkünstler, ob Kadya Lust hätte, in ihrer Gruppe mitzumachen. Sie hatte, und so zog sie nach Monaten harten Trainings mit den "Flying Dragons" um die Welt. Außer ihr gab es nur noch eine andere Frau, aber statt sich über die Gesellschaft zu freuen, war diese fürchterlich eifersüchtig und machte Kadya das Leben schwer, wo sie nur konnte. Immer wollte sie die Erste sein, die einen gefährlichen Salto von einem Trapez zum nächsten vorführte, die Erste, die die Manege betrat, und die Letzte, die sie verließ. Damit hätte Kadya leben können, wenn sie von den anderen anerkannt worden wäre. Aber sie fand schnell heraus, dass nur die Männer bestimmten, welche Nummern eingeübt und was für Trikots getragen wurden, sie machten die Verträge und verteilten die Honorare. Kadyas Ideen wurden ignoriert oder mit einer kurzen Handbewegung abgetan, und die Kunststücke, die sie mühsam trainiert hatte, durfte sie nicht vorführen, weil die Männer Angst hatten, sie könnte ihnen die Show stehlen. Nach einem Jahr verließ sie die Truppe und beschloss, von jetzt an allein weiter zu machen.

Nach einiger Zeit, die sie am Meer verbrachte, weil sie dort am besten nachdenken konnte, wußte sie, was sie tun wollte: Kadya würde Seiltänzerin sein.

Sie besorgte sich alles, was sie benötigte und begann mit dem Training. Da sie sehr talentiert und mutig war, hatte sie bald mehrere Shows im Programm. Sie trat im Zirkus auf, bei Festen oder Paraden und wurde bald weltberühmt. Selbstverständlich arbeitete Kadya immer mit einem Netz; sie war sicher, dass ihr Publikum trotzdem begeistert sein würde. Und so war es auch. Wo sie auftrat, erwarteten sie jubelnde Menschen, jedes ihrer Kunststücke wurde frenetisch gefeiert, und die Honoratioren der Städte, in denen sie gastierte, rissen sich um ein Foto mit ihr.

Von anderen Seiltänzerinnen unterschied sich Kadya durch ihren Wagemut. Sie vollführte Salti, Rollen, Sprünge, lief durch brennende Reifen, fuhr auf dem Seil mit dem Einrad, einmal hatte sie sogar ein Motorrad. Die Männer ihrer Zunft schlug sie durch ihre Eleganz und Anmut. Gleichgültig, wie gefährlich das war, was sie gerade tat, sie sah niemals so aus, als sei es anstrengend, sie flirtete mit ihrem Publikum, sie lächelte, und wenn sie einen besonders guten Tag hatte, tanzte sie auf dem Seil nach einer nur für sie komponierten Musik Ballett.

Kadya war glücklich. Sie hatte alles, was sie brauchte, verdiente gutes Geld und war berühmt. Sesshaftigkeit oder die Sehnsucht danach kannte sie nicht, und mit Männern wollte sie nach ihren Erfahrungen mit dem Messerwerfer und den Trapezkünstlern auch nichts zu tun haben. Einmal im Jahr machte sie einen langen Urlaub auf einer Insel im libyschen Meer, genoss die Sonne und den Wind und tat nichts außer schwimmen, lesen und Inselkatzen kraulen.
Es hätte für immer so weitergehen können, und eines Tages wäre sie dann, wie alle anderen in ihrer Familie, in eine leichtere Disziplin gewechselt. Kaninchendressur vielleicht, Jonglage oder Clownerie. Aber
eines Tages spürte Kadya auf einmal eine gewisse Unlust. Sie hatte einen Auftritt in einer großen Stadt in Amerika vor sich, eine riesige Halle war allein für sie reserviert worden. Sie ertappte sich dabei, wie sie auf die Uhr sah und ausrechnete, wann sie wieder in ihrem Hotel sein würde. "Nun, jeder kann einmal einen schlechten Tag haben." sagte sie sich und kümmerte sich nicht weiter darum.
Aber es blieb kein Einzelfall. Sie freute sich überhaupt nicht mehr auf ihre Auftritte, hatte keine Lust, neue Nummern einzustudieren und zählte die Tage bis zu ihrem Urlaub. "Was ist nur los mit mir? Werde ich alt?", fragte sie sich.

In einer ruhigen Stunde dachte sie über ihr Leben, ihre Kunst und ihre Zukunft nach. Was wollte sie? Was sollte aus ihr werden, später, wenn sie zum Herumreisen und Seiltanzen zu alt sein würde? Wollte sie eine Familie? Einen Mann? Haustiere? Geld hatte sie bereits genug verdient, sie besaß ein schönes Haus auf ihrer Insel und konnte sich die besten Hotelzimmer leisten. Das Reisen machte ihr auch noch immer Freude, einen Mann wollte sie nach wie vor nicht, weil sie sicher war, dass dieser nur versuchen würde, ihr schönes, freies Leben zu beenden und über sie zu bestimmen, Kinder mochte sie zwar, für eigene fehlten ihr jedoch der Mut und die Zeit. Kadya grübelte und grübelte, sie machte lange Spaziergänge; fast war es ihr, als liefe sie vor etwas davon.

Und auf einmal, so, als hätte eine innere Stimme, die bisher immer ganz ruhig gewesen war, plötzlich allen Mut zusammengenommen, hörte sie sich sagen: "Ich will dieses verfluchte Netz nicht mehr!" Sie sagte diesen Satz mehrmals vor sich hin, und er fühlte sich gut an. "Ich werde ohne Netz arbeiten." klang noch besser.
Und da Kadya eine Frau der Tat war, rief sie den Bürgermeister einer großen Stadt in Europa an und erzählte ihm von ihrem Plan. Er war begeistert. "Hunderttausende werden Sie dabei sehen wollen, meine Liebe! Die Hotels werden ausgebucht sein! Alle Welt wird von uns sprechen! Ich kümmere mich sofort um Sponsoren." rief er.

Kadya blieb noch ein paar Tage auf der Insel, übte die eine oder andere Nummer ein und meditierte, um die innere Ruhe für ihren ersten Auftritt ohne Netz zu finden. Sie würde auf ihrem Seil quer über einen Prachtboulevard spazieren, und das Seil würde in sechzig Metern Höhe zwischen zwei Kirchtürmen aufgespannt sein. Ja, das war Leben! Ohne Sicherheit, ohne Bedauern, ohne Schutz!
Natürlich war ihr ein wenig mulmig, denn sie wußte, dass sie keinen einzigen Fehler würde machen dürfen, wenn sie ihre Show lebend beenden wollte. Aber was wollte sie mit einem Leben, das keine Risiken barg?

Als der große Tag gekommen war, meldeten sich andere Stimmen, die sie vorher noch nie gehört hatte: "Willst Du das wirklich tun? Deine Familie wird sehr traurig sein, wenn Du abstürzt.", "Überlege Dir alles noch einmal gut, denn Du wirst keine Möglichkeit der Rückkehr haben, wenn Du erst einmal dort oben bist!", "Wem willst Du denn etwas beweisen? Sie lieben Dich doch auch mit Netz!".
Kadya ignorierte die Stimmen. Sie wollte einmal in ihrem Leben etwas tun, wovor sie Angst hatte, und sie wollte diese Angst besiegen. Ja, sie hatte Angst! Sie würde sehr einsam sein dort oben, und sie wußte, dass die meisten Zuschauer gekommen waren, um sie abstürzen zu sehen. Menschen waren so, auch wenn sie sich das nicht eingestanden.
Sie schloss die Augen, verliess den Wohnwagen, in dem sie sich vorbereitet hatte und begab sich unter dem Jubel der Menge in Richtung des Hubschraubers, der sie auf dem Kirchturm absetzen sollte. Sie verbeugte sich, legte ihren Umhang ab und nahm mit einer eleganten Bewegung Platz auf der Schaukel, die an den Kufen des Hubschraubers festgemacht war. Schnell war sie in der Luft, winkend und lächelnd. Dann kamen die Kirchturmspitze und ihr Seil in Sicht. Sie stieg ab, hielt sich fest und ging langsam, immer noch winkend, auf das kleine Plateau am Ende des Daches zu.

Ein letzter tiefer Atemzug, eine Bitte an ihre Götter, sie zu beschützen, dann breitete Kadya die Arme aus und betrat das Seil. Die ersten Schritte war sie sehr vorsichtig, bis sie sich sagte, dass sich an der Beschaffenheit des Seils und ihrem Können nichts geändert hatte, nur weil sie ohne Netz und in größerer Höhe arbeitete. Nach ein paar Metern fühlte sie sich erleichtert. Ja, das war Leben! Dem Himmel näher als jemals zuvor, frei, von der Sonne beschienen und von der Menge bejubelt! Der erste Salto. Klatschen, Rufen von ganz weit unten. Sie stand wieder sicher auf dem Seil. Jetzt begann sie zu tanzen, hörte tief in sich eine Melodie aus "Schwanensee", vollführte Pirouetten, lächelte, lachte und rief ein lautes "Ich lebe!" in den blauen Sommerhimmel. Sie würde niemals mehr glücklicher sein als in diesem Moment.

Dann - eine Windböe. Kadya verlor das Gleichgewicht, ihre Hände griffen am Seil vorbei, und sie stürzte in die Tiefe. "Wenn das der Preis für diesen Moment ist, will ich ihn gern zahlen." war ihr letzter Gedanke, und sie schloss ihre Augen, während sie dem heißen Asphalt entgegenfiel.

20 April 2007

Denkende und schreibende Finger

Es ist schön, dem Tag beim Aufwachen zuzusehen. Noch bevor es hell wird, fangen die ersten Vögel an, sich bemerkbar zu machen, der Hahn aus dem Nachbargarten ölt seine Stimme. Dann dämmert es, die ersten Vögel bekommen Gesellschaft von den Langschläfern unter ihnen, und der Hahn hat zu voller Stimmgewalt gefunden. Das stachelt Hahn Nummer Zwei, der ein paar Gärten die Straße hinunter wohnt, zu noch lauterem Antworten an.
Heute morgen war der Himmel noch quietschblau, und es sah so aus, als wollte der Tag die gestrige Wettervorhersage Lügen strafen. Inzwischen bewölkt es sich ein wenig.

Ich könnte stundenlang im Bett sitzen und schauen, horchen, riechen. Nachdem die Vögel das Hauptkonzert beendet hatten, habe ich sie mit Café del Mar, 25th. Anniversary Collection, gefolgt von Blank & Jones, unterstützt. Und mir ein Märchen ausgedacht - das Märchen von der Seiltänzerin, die sich nach langen Jahren sicherer Arbeit auf einmal geweigert hat, auch nur einen Tag länger mit Netz zu arbeiten und sich nach kurzer Euphorie über ihre neugewonnene Freiheit in den Tod stürzte. Fast unabsichtlich. Später mehr.
Wenn ich allerdings nicht bald Fenster putze, werde ich in absehbarer Zukunft nicht mehr allzuviel vom erwachenden Tag sehen. Ich HASSE Fensterputzen, vor allem aber erkennt man in meiner Wohnung die frischgeputzten Scheiben nicht etwa am Glanz, sondern an den Putzstreifen. Das letzte Mal habe ich sie beim Einzug geputzt, irgendwann Ende Juli also. Es wird höchste Zeit. Andererseits - Fensterputzen und Autowaschen ziehen in 95% aller Fälle wolkenbruchartige Regenfälle nach sich, und ich will nicht schuld sein an schlechtem Wochenendwetter.
Ich schwafle. Was daran liegen könnte, dass sich mein Kopf mit ganz anderen Dingen beschäftigt, während meine Finger posten. Multitaskingfähig nennt man das, und es ist nicht immer ein Segen. Manchmal sehe ich erst, wenn ich mir mein Geschreibsel noch einmal durchlese, was ich gedacht habe. Und das bedeutet im Umkehrschluß, dass im Moment nicht mein Kopf denkt, sondern meine Finger. Gut, sie sind in der Überzahl, aber Sorgen macht es mir trotzdem.
Meine Anteile befinden sich gerade wieder in einem regen Dialog. An der Podiumsdiskussion beteiligt sind: Meine Finger, die sich einfach weigern, sich an das vorgegebene Thema zu halten, mein innerer Zensor, der verzweifelt versucht, dieses unqualifizierte Geplapper unter Kontrolle zu bringen und in rationale Bahnen zu lenken, die Seiltänzerin in mir, die nach Fallenlassen, Versinken, Arbeiten ohne Netz schreit, die Ängstliche, die mahnt, dass doch alles so in Ordnung ist, wie es ist und sich weigert, Neues zuzulassen, mein inneres Kind, das spielen will, seine kleine Schwester, die noch immer Angst vor Zurückweisung hat, außerdem geben noch eine begabte Schauspielerin, zwei Knie, ein Bauch und ein Kopf ihren Senf dazu. Beim internationalen Frühschoppen würden wir auffallen, denke ich.
Ich könnte beschließen, dass sie alle Affen sind und sie zurück in ihren Käfig sperren (Thomas, danke für die Idee!), aber ich fürchte, meine Affen haben einen Schlüssel und sind überhaupt sehr begabte Ausbrecher. Egal, solange ich hopsfähig bleibe und heute nachmittag Kopf, Knie und der Rest meines Körpers ordnungsgemäß zusammenarbeiten und ich niemandem sage, wer gerade das Kommando hat, wird alles gutgehen. Hoffe ich.
Für den Moment werde ich die Diskussion unter der Dusche weiterführen. Auch Anteile wollen gewaschen werden.

19 April 2007

Kinder an die Macht

Im Ersten (einem der vom sich nicht auf Unterschichtenfernsehen beschränkenden wollenden Volk finanzierten öffentlich-rechtlichen Bezahlsender, der seine Telenovelas möglicherweise in den gleichen Studios herstellen läßt wie besagtes Unterschichtenfernsehen) gibt es gerade eine Kinderwoche. Kinder zu mögen ist gerade angesagt und gewünscht, Ursula von der Leyen sei dank. Und so spricht der Bundespräsident ein paar Worte darüber, wie wichtig es sei, dass Deutschland wieder ein kinderfreundliches Land wird, in den Tagesthemen darf eine Zwölfjährige den Kommentar sprechen und auf NDR Info unterhalten sich in einer Podiumsdiskussion Renate Schmidt, Jörg Pilawa, Rolf Zuckowski, irgendein Bischof, die Hamburger Familienministerin mit politisch korrektem und vermeintlich emanzipierten Doppelnamen und die Vorsitzende einer Handels- oder Handwerkskammer über die Zukunft unseres geliebten VATERlandes. Man war sich absolut einig darüber, dass Kinder etwas ganz Wunderbares sind, hat aber leider unterschlagen, dass die manchmal nicht so wunderbaren Eltern aus eben diesen kleinen Engeln nur allzuhäufig etwas ganz Fürchterliches machen. Ich habe wöchentlich mehrmals mit einigen durch Ignoranz der Erzeuger schlichtweg grauenhaften Exemplare zu tun. Und statt sich gegenseitig auf die Schulter zu klopfen, wie großartig doch die Kinderbetreuung in der katholischen, evangelischen oder sonst einer Kirche ist, hätte ich mir gewünscht, dass einer oder eine der Teilnehmenden das eigentliche Problem anspricht.

Ich persönlich glaube nicht daran, dass das Leben für Kinder durch mehr Kindertagesstätten lebenswerter wird, es sei denn, man entzieht sie dauerhaft ihren überforderten Eltern und überläßt die Erziehung Menschen, die eben nicht ein Kind in die Welt gesetzt haben, weil "man" eben nun einmal welche hat oder weil es eben irgendwie passiert ist. Ich bin für einen Wesenstest für werdende Eltern! Und ich würde als Grundstock die folgenden Fragen stellen:

  • Wie häufig schauen Sie Talk-, Psycho- oder Gerichtsshows im Fernsehen an?
  • Kennen Sie Tine Wittler?
  • Wieviel Zeit können Sie realistischerweise mit Ihrem Nachwuchs verbringen?
  • Wieviele Worte sind Sie bereit, täglich mit Ihrem Kind zu wechseln?
  • Sind Sie in der Lage, Ihrem Kind Fragen zu beantworten?
  • Glauben Sie, dass Höflichkeit, Toleranz, Disziplin und Respekt vor anderen wichtige Charaktereigenschaften sind?
  • Wissen Sie, was Höflichkeit, Toleranz, Disziplin und Respekt bedeuten?
  • Wissen Sie, was ein Charakter ist?
  • Wieviel Nährstoffe und wieviel Fett enthält ein Fruchtzwerg? Eine Milchschnitte? Eine Fruchtbombe?
  • Was ist ein Apfel, und wie sieht er aus?
  • Können Sie kochen? Wollen Sie kochen?
  • Haben Sie das Gefühl, mit Ihrem Leben zufrieden zu sein?
  • Wenn nicht, brauchen Sie ein Kind als Lebenssinnersatz?
  • Oder eher zur Finanzierung der nächsten DVD-Anlage durch das Sozialamt?

Nicht politisch korrekt? Siebenjährige, die einen Hinweis ihrer LehrerInnen mit "Fick Dich!" beantworten und ihren Mitschülerinnen fünf Euro für Schwanzlutschen bieten, aus dem Fenster geworfene Neugeborene, zu Tode geprügelte, unter Mangelerscheinungen leidende und vergewaltigte Kleinkinder sind möglicherweise ein wenig politische Unkorrektheit und verstärkten Einsatz wert.


18 April 2007

Sich selbst wiederholende Menschen

Es gibt ja Menschen, die ein unglaubliches Redebedürfnis haben. Meine Nachbarin ist so ein Modell, und darum habe ich eine gewisse Technik entwickelt, um aus meinem Auto unbeschwatzt ins Haus zu kommen: Ich schalte den Motor schon fünfzig Meter vor meinem Parkplatz aus und lasse den Wagen rollen, damit sie nicht durch das Motorengeräusch auf mich aufmerksam wird. Dann klaube ich meine Siebensachen zusammen, ducke mich und renne, weiterhin in geduckter Haltung, auf die Haustür zu. Dort verschließe ich dann per Fernbedienung mein Auto, verschanze mich in meiner Wohnung und atme wieder.

Gestern hat der Duck-und-renn-Modus versagt. Gerade wollte ich durchstarten, da höre ich eine Stimme: "Wollen Sie noch Äpfel?" Ich bin ein höflicher Mensch, also wünschte ich ihr einen guten Tag und sagte "Nein, danke, ich habe noch ganz viele." Mir war bewußt, dass es völlig gleichgültig sein würde, was ich sage. Ich saß fest, für mindestens zehn Minuten. Ich wohne jetzt seit August im schönen Whausen, und seit August erfahre ich jedes Mal aufs Neue, welche Berufe meine Nachbarin ausgeübt, wo sie ihre Ausbildungen gemacht hat, was sie alles weiß, dass ich bitteschön mein Auto nicht zu dicht an ihrer Ausfahrt parken soll (was ich, nebenbei, noch nie getan habe) und woher sie ursprünglich stammt. Die Reihenfolge variiert. Manchmal.

Es gab einen Vortrag über gespritztes Obst und Gemüse und Bio. Ich machte den kapitalen Fehler, ihr zu sagen, dass ich fast ausschließlich Bio kaufe und wurde belehrt, dass alles gelogen sei und die spanischen Gewächshäuser, aus denen das angebliche Bio-Obst stammt, genauso pestizidverseucht wären wie die, in denen konventionell angebaut wird. Mein Einwand, dass ich auf dem Markt und nach Möglichkeit saisonal einkaufe, wurde geflissentlich überhört, so wie alle anderen Versuche, meinen Teil zu ihrem Monolog beizutragen.

Nein, solche "Gespräche" machen keinen Spaß! Ich kann ja verstehen, dass ein einsamer Mensch jede Gelegenheit für Kontakte nutzt, es entzieht sich aber meinem Verständnis, warum das in Form von Belehrungen, Angeberei und Überdenmundfahren passieren muss. Manchmal habe ich das Bedürfnis, die Dame ganz liebevoll bei den Schultern zu nehmen und ihr zu sagen "Gute Frau, wenn Sie so kommunizieren, wie sie es tun, nämlich wie die Dauerwiederholung einer Sendung aus dem Schulfernsehen der siebziger Jahre, werden Sie möglicherweise häufiger das Phänomen geduckt rennender Menschen in der Nähe Ihrer Wohnstatt besichtigen dürfen. Hören Sie zu, sagen Sie etwas Nettes, vor allem aber etwas Neues!" Mache ich nicht. Ältere Menschen sind möglicherweise für derartige Ansprachen nicht mehr zugänglich.

Stattdessen werde ich meinen Duck-und-Renn-Modus verfeinern, und wenn ich sehe, dass meine Nachbarin in ihrem Vorgarten auf mich lauert, fahre ich einfach noch ein paar Runden um den Block...

17 April 2007

Verwirrte Müdigkeit, Heiratsanträge und Glockenminiröcke

Der sonntagabendliche Schlafentzug hat sich seltsamerweise erst heute bemerkbar gemacht - gestern abend musste ich 4 (in Worten: VIER!!!) Bier trinken, um den Weg ins Bett zu finden. Heute habe ich dann zugeschaut, wie eine Dame, die ich beiläufig kenne, Kurse gegeben, telefoniert, noch mehr Kurse gegeben und irgendwas darüberhinaus gearbeitet hat. Beim Schlafen auf dem Balkon habe ich ihr nicht zugesehen, sondern offensichtlich selber die Augen zugehabt.

Außerdem habe ich heute einen Heiratsantrag gemacht. Da der Mann, der auf der Mülleimersuche meine Wohnung zerlegt hat, einer von der erfolgreichen Sorte ist, habe ich meiner Gratulation zum letzten Verkauf ein Angebot beigefügt: Ich und mein Körper für sein Geld. Hat nicht geklappt. Er will außerdem, dass ich putze, koche, bügle, wasche, nicht zicke und einen Glockenminirock trage. Putzen, kochen und waschen geht ja noch (und bei einem adäquaten Stundenlohn von 80 € oder der Überschreibung seiner goldenen American Express wäre ich auch bereit, mich hier ein Stück weit zu prostituieren), nicht zicken geht gar nicht, und Glockenminis finde ich grauenhaft. Hätte er den Stretchmini vorgeschlagen, mir erklärt, dass er meine Zickerei großartig findet und außerdem jemanden kennt, der bügeln kann, wären wir möglicherweise ins Geschäft gekommen. Jetzt muss ich weiter allein zusehen, wie ich reich und berühmt werde.

Nein, wirklich, Glockenrock geht überhaupt nicht! Möglicherweise will er dann noch, dass ich in diesen Schuhen herumstöckele, die erstens den Hintern nach hinten schieben und den Busen nach vorne, zweitens verhindern, dass frau sich in einer angemessenen Geschwindigkeit von mindestens 8 km/h vorwärtsbewegen kann, drittens für Knie- und Rückenprobleme sorgen und viertens überhaupt nur deswegen von irgendeinem Sadisten erfunden worden sind, weil diese verdammten Kerle uns unter Kontrolle haben wollen. NICHT MIT MIR!

Nicht zicken geht noch viel weniger. Wie, bitteschön, soll ich mein Missfallen an seinen Verhaltensweisen kundtun, wenn ich nicht zicken darf? Wie soll ich ihn ohne Zickerei unter meine Fuchtel kriegen? Männer haben Angst vor zickenden Frauen, und sie tun fast alles, um wieder ihre Ruhe zu haben. Zicken ist also das probate Mittel, um fast alles von ihm zu bekommen, was frau haben will. Anwesenheit vielleicht ausgenommen. Aber die ist auch nicht wichtig, wenn stattdessen die bereits erwähnte goldene American Express ihren Weg ins Portemonnaie der Zicke gefunden hat.

Wenn er nicht so unglaublich verbohrt, unflexibel, rechthaberisch und machohaft wäre, hätte alles so schön sein können...

Aber wenn er mich bloß wegen der paar Defizite nicht heiratet, wird er schon sehen, was er davon hat! Wenn ich nämlich irgendwann in den nächsten zwanzig Jahren reich und berühmt bin, bekommt er kein Autogramm, und statt Stretchmini ziehe ich ab sofort nur noch Cargohosen an. Mit überlangen T-Shirts in XXL darüber. Mit dem Hintern wird überhaupt nicht mehr gewackelt, und statt zu zicken werde ich ihm Vorträge über den Mythos vom vaginalen Orgasmus, die patriarchalische Geschichtsschreibung und die neuesten Artikel in der EMMA halten. Das hätte er einfacher und gemütlicher haben können. Selbst Schuld. ICH wollte ja heiraten, kochen und putzen!

16 April 2007

Sterne

Gerade habe ich eine Weile auf dem Balkon gesessen, der Wolbrechtshäuser Fanfarenchor hat Café del Mar, Volumen Cinco, übertönt, was schade, aber aushaltbar war. An diesem niedersächsischen Himmel leuchten eine Menge Sterne. Ich frage mich, welches der ist, in den sich das Mädchen verliebt hat, welches der ist, auf dem der Kleine Prinz lebt, welches der ist, von dem aus man die Erde sehen kann, ohne Sehnsucht nach ihr zu verspüren. Und gibt es den Planeten, auf dem sich die Graue Frau in einen Schmetterling verwandelt hat?

Sommer im Frühling. Irgendwie ist sehr viel gleichgültig. Ich schaue mir zu bei dem, was ich tue, frage mich, was ich da tue und mache einfach weiter. Die Sonne scheint. Die Sterne leuchten.

Meine Nachbarin hat mir heute einen Vortrag über ihr Leben und den Sinn oder Unsinn von Bio-Produkten gehalten. Ich habe versucht, geduldig zu bleiben. Möglicherweise braucht sie ein Ohr. Oder zwei. Und ich hatte gerade Zeit. Bin trotz Schlafentzug noch immer nicht müde, höre George Winston und frage mich, zu welchem Stern ich reisen würde, wenn ich könnte. Kein Geheimnis für die, die mich kennen: Ich reiste zu keinem Stern, ich flöge nach Kreta, um niemals mehr einen Fuß auf einen anderen Platz zu setzen. Dort ist dieses ganz spezielle Licht, dort ist die Inspiration, dort ist das, was ich hoffe, irgendwann einmal haben und leben zu können.

Vom Hundertsten ins Tausendste - Kritiker würden mir gerade mit Recht wildeste Herumschweifereien unterstellen. Meine Verteidigung: Nach durchwachten Nächten darf geschweift werden, angesichts dieses Sternenhimmels und der Wärme darf der Geist an einen anderen Ort wandern. Dieser Ort muss nicht weit entfernt sein von zuhause; wichtig ist, dass er leer ist und gleichzeitig offen für Gestaltung.

Die Rapsfelder blühen. Es ist unglaublich warm, und sehr viele Menschen sind schon so braun wie im tiefsten Sommer. Schön, das. Und mitten zwischen ihnen ich mit all meinem vollkommen ver - rückten Leben, das ich aber selbst verrückt habe. Was wäre, wenn meine Träume sich erfüllten? Wo wäre ich? Wer wäre ich? Was hätte ich? Wer wäre bei mir? Wäre jemand bei mir?

Die Rapsfelder blühen. Ich sollte mich darauf konzentrieren, nicht allzu viele Fliegen zu schlucken beim Weglaufen oder Fahrradfahren.

Köpfe, Bäuche und Gelegenheiten

Stellen wir uns einmal vor, wir wären unsterblich. Dann könnten wir jede Herausforderung, jedes Abenteuer, jedes "Nein" und jedes "Ja" auf später verschieben. Wir könnten unsere Tage verbringen mit Nichtstun, denn alles, was an Arbeit, Glück, Erfahrungen und Konflikten ansteht, kann ein andermal erledigt werden.

Manchmal leben wir bereits so. Tun nicht, was uns die Intuition eingibt, aus "Termingründen". Verpassen Chancen, weil sie nicht in den Zeitplan passen oder sind selbst gerade unpässlich. Die Sonne anlachen? Auf dem Rücken im Gras liegen und Wolken zählen? Die Kondensstreifen anfeuern, die gerade versuchen, die Flugzeuge zu überholen? Den Anblick einer größeren Mückenpopulation, die in den letzten Tagessonnenstrahlen wilde Tänze aufführen? Vogelgezwitscher, untermalt von leiser Klaviermusik? Ramazotti auf Eis am hellichten Tag? Einem Impuls nachgeben ohne Rücksicht auf die Konsequenzen? Liegen, konsequent und unbeweglich, die Augen geschlossen? Oder Träumen mit offenen Augen?

Muss leider ausfallen. Wir sind beschäftigt. Noch bevor unser Körper und unsere Sinnesorgane einem möglicherweise unproduktiven Impuls nachgeben, schaltet sich der Kopf ein: "Krimi lesen statt lernen? Bist Du verrückt? Nutz gefälligst Deine Zeit sinnvoll!", "Eine ganze Nacht vertelefonieren? Schlaf! Du hast morgen einen Termin!" "Hör auf, so zu tun, als könntest Du Dich frei entscheiden. ICH bin Chef in Deinem Körper! Und ich lasse keinerlei Ausflüge in ein Leben jenseits meiner Zeitvorgaben zu. Nur, dass das mal klar ist!"

Ich habe natürlich keine Ahnung, was Ihr Kopf zu Ihnen sagt. Vielleicht hält er ja auch die Klappe und lässt Sie tun, was gut für Sie ist. Meiner
hat immer geschimpft. Die wildesten Streitgespräche führt er mit meinem Bauch. Früher, als ich noch klein war, konnte mein Bauch sich die Ohren zuhalten und hat den Kopf einfach nicht gehört. Und das war gut so, denn so konnte er auf sich selbst hören und mir Gutes tun.

Aber ich lerne. Mein Bauch auch. Manchmal sprechen auch Herz und Unterleib noch ein gewichtiges Wörtchen mit und schaffen es, den Kopf zu überstimmen. Genau dann geht es mir manchmal anders. Meinem Kopf auch, er wird irgendwie leichter. Denken Sie jetzt nicht, dass wir (also ich, mein Bauch, mein Unterleib und mein Herz und alle anderen, die sich nur manchmal zu Wort melden) unseren Kopf nicht mögen. Er ist großartig. Er hilft uns über die Straße und passt beim Autofahren auf uns auf. Er kümmert sich um die Kontoauszüge und sagt dem Bauch, wenn er abnehmen muss. Und wenn er sich ab und zu ein wenig zurückzieht und uns kleine Blödsinnig- oder Leichtsinnigkeiten gestattet, uns ein wenig Freiheit läßt, haben wir ihn gern bei uns. Er muss ja auch all meine Haare und meine Nase tragen; ich käme ohne ihn gar nicht aus.

Wie ich darauf komme? Es ist Frühling. Ich lebe. Und ich habe mit meinem Kopf die Vereinbarung getroffen, dass er auch leben darf und unvernünftig sein - ich behalte derweil die Kontoauszüge und Ampelschaltungen im Auge.

Eine Bitte: Kein Wort zur psychiatrischen Abteilung des Universitätsklinikums! Die können mit Menschen, die sich mit ihren Köpfen unterhalten, überhaupt nicht umgehen, und möglicherweise sperren sie mich weg. Aber ich bin ungefährlich. Meistens.

13 April 2007

Der Abend danach

Ein zufriedenstellender Vortrag, ich hätte noch stundenlang weiter reden können. Aber meine ZuhörerInnen waren erschöpft. Jetzt sollte ich ins Bett gehen, wenn ich morgen einigermaßen fit und wach sein will für Guillermo Gonzales Vega und KollegInnen. Allerdings muss ich zu meiner Schande gestehen, dass ich die Kolleginnen nicht gebucht habe. Hat das Methode? Glaube ich Männern mehr? Blödsinn!
Nein, aber für eine heterosexuell veranlagte und auf visuelle Reize reagierende Hoppse sind Männer einfach netter anzusehen, schwul oder nicht. Und die meisten guten Presenter sind schwul. Schade eigentlich...
Eine arbeitsreiche Woche liegt hinter, ein ereignis- und arbeitsreiches Wochenende vor mir. Der Normalarbeitende würde meinen Tagesablauf wahrscheinlich als Kindergeburtstag abtun, denn ich arbeite nur kreativ, trotzdem spüre ich meine Erschöpfung nach "nur" 5 Stunden Kurs am Tag. Ich mache nichts anderes, als Erwachsene, Kinder und Jugendliche zu einer Form von Bewegung und vielleicht sogar etwas Diffusem darüber hinaus zu bringen, aber genau das verlangt mir bei aller Freude, die mir der Job macht, eben auch eine Menge Energie ab.
Vielleicht bin ich gar nicht so faul, wie ich glaube? Mein herzallerliebster Ex-Lebensgefährte hat heute nach meinem kurzen Bericht über die letzten Wochen gesagt, meine Lebensthemen könnten "Geld" und "Vertrauen" oder der Mangel daran sein. Er hat recht. Er kennt mich seit zehn Jahren. Aber es ist trotzdem schön, dass er mich versteht. Natürlich gab es ein paar Tipps und Ratschläge (er ist ein Mann, er kann nicht anders), aber einige davon werde ich sogar umsetzen können. Und er mag meinen Hintern. Sagt er. Auch das ist schön. Ab einem gewissen Alter freut sich frau über jeden, der ihren Hintern trotz Schrumpel und Fettleibigkeit mag. JEDEN! Wirklich!
Und bevor ich mich als essgestört, narzisstisch und abhängig von fremden Meinungen (so sie denn in mein Welt- und Frauenbild passen) oute, gehe ich besser schlafen. Ich habe morgen viel vor. Einiges davon wird hoffentlich mein Leben verändern.

12 April 2007

Da ist sie, die Jugend!

Ich habe heute ein Jugendtrauma getroffen - den "Ersten". Vor sehr, sehr langer Zeit war er wunderschön, hatte strahlende blaue Augen, und ich habe vom Boden zu ihm aufgeschaut. (Herzlichen Dank an den Texter von Annett Louisan für diese großartige Metapher!) Inzwischen ist er mittschiffs eher schwabbelig, die Haare zeugen von verzweifelter Jugendlichkeit, der Öffentliche Dienst beschäftigt ihn noch immer, seine Augen sind noch immer blau. Strotzdoof ist er außerdem und wäre ein willkommener Klient, wenn ich ihn davon überzeugen könnte, Fett ab- und Muskeln aufzubauen. Was mir wahrscheinlich nicht gelingen wird. Er ist drei Jahre älter als ich, und allein sein Anblick und der kurze Abriss seines Lebens versöhnt mich mit dem Ackergaul, für den er mich einst (vor fast dreißig Jahren) gehalten hat.

Was lernen wir? Es gibt nicht nur ungenießbare Rezepte, es gibt auch Kuchen! Süß, lecker, mit einem klitzekleinen Tupfer Schlagsahne obendrauf.

Allerdings bleibt die Frage, warum bestimmte Menschen in unregelmäßigen Abständen immer wieder auftauchen. Schicksal? Karma? Noch nicht durch? Offene Rechnungen? Vergangenheitskekse, etwas mürbe inzwischen?

Einerseits bin ich heute meilenweit entfernt von dem kleinen Mädchen, das den Ackergaul verinnerlicht hat, andererseits ist mir einiges erhalten geblieben. "Man nehme eine Prise Selbstzerstörungstrieb..." Aber so, wie ich manchen Menschen das Recht darauf verweigere, sich mit Kindheitstraumata herauszureden, werde ich mir nicht erlauben, all meine Defizite auf blaue Augen zu reduzieren. Ich habe sie gepflegt, und er ist fett geworden. Dankeschön!

Themawechsel. Wenn die Temperaturen des heutigen Tages und das dazugehörige Wetter vom Klimawandel zeugen, kann ich gut damit leben. Es darf gern noch wärmer werden. "Meine" Teenies waren zwar heute der festen Überzeugung, dass es mindestens 35° heiss und damit absolut kontraproduktiv für sportliche Betätigung jedweder Art war, aber ich weiss inzwischen, dass "meine" Teenies Weicheier sind, bedanke mich täglich für meine Privatversicherung, die mir erlaubt, für mich selbst zu sorgen und die sogenannte Solidargemeinschaft aussen vor zu lassen. Denn wenn diese Teenies erwachsen werden, werden sie eben dieser Solidargemeinschaft eine Menge Leistungen abverlangen. Da es für Prophylaxe zu spät sein wird, gibt es Physiotherapie, Orthopäden, Herzspezialisten, Abnehm- und Nichtraucherkurse, vielleicht sogar "Nordic Walking", will heissen, rumdölmern mit Stöcken.

Egal. Es ist warm, es ist schön, ich habe eine halbe Stunde in der Sonne geschlafen, bevor ich auf A. traf, und hatte damit hinreichend Kraft für Small Talk und Verachtung. Es darf wärmer werden, vor allem morgens.

Kuchenrezept, sehr lecker: Man nehme eine Vergangenheit, schlage sie auf und betrachte die Protagonisten. Zwei Eier, einen Teelöffel Akazienhonig, einen gestrichenen Esslöffel Lächerlichkeit, alles verrühren, und den Auslöser für die vergangenen Bilder in 3 Esslöffel Olivenöl anbraten. Wenn die Erinnerungen gestockt sind, alles in eine Auflaufform füllen und bei 250° für zwei Stunden überbacken.

GENIESSEN! Die Gespenster sind schon lange tot.

Rezeptvorschlag, ungenießbar

Whausen versinkt im Nebel, der Zierhahn kräht nur sehr gedämpft. In meinem Kopf befindet sich eine unendliche To-Do-Liste, und weil ich nicht weiß, wo ich anfangen soll, fange ich gar nicht erst an. Ist eine gute Idee, wie ich finde, denn wenn ich das, was ich mir vornehme, einfach nicht tue, darf ich auch meine Freizeit nicht genießen, weil ich sie mir ja nicht verdient habe.

Es gibt da ein sehr gutes Buch von Paul Watzlawick: "Anleitung zum Unglücklichsein". Ich kann mich nicht erinnern, ob er auch erfolgreichen Selbstboykott in seinem Buch erwähnt hat, falls nicht, kann ich ein Rezept für "Unzufriedenheit, serviert mit Aufschieberitis" gern beisteuern.

Zutaten: Ein bis drei Ziele, möglichst diffus und unausgegoren, eine Prise Selbstzerstörungstrieb, zwei Messerspitzen Faulheit, 500 g Angst vor Zurückweisung bzw. Niederlage, je nach Geschmack ein bis zwei Esslöffel verzerrtes Selbstbild.

Zubereitung: Die Ziele müssen recht lange lagern, idealerweise einige Monate. Außerdem ist es wichtig, dass sie so weit in der Zukunft liegen und so groß sind, dass sie absolut unerreichbar erscheinen. Auch der Selbstzerstörungstrieb braucht einige Zeit zum Reifen, vergleichbar mit einem guten Bordeaux, der weit mehr genossen werden kann, wenn er eine Zeitlang im Keller aufbewahrt wurde. Faulheit in größeren Mengen sollte normalerweise in jedem Haushalt vorhanden sein, ebenso diverse Ängste. Falls jemand nicht an Angst vor Zurückweisung und Niederlage leidet, ist es kein Problem, stattdessen eine andere Angst zu verwenden. Großartig eignen sich Versagensängste, aber auch mit 750 g übersteigertem Perfektionismus gelingt das Rezept sehr gut. Bezüglich des verzerrten Selbstbildes ist es wichtig, dass es sich nicht um eine positive Verzerrung ("Ich bin die Größte.") handelt, sondern um einen oder mehrere Glaubenssätze, die in die entgegengesetzte Richtung zielen, z.B. "Ich kann überhaupt nichts.", "Ich bin ein Nichtsnutz.", "Ich habe sowieso nie Glück." Die Auswahl ist groß, benutzen Sie die Verzerrung, die Ihnen am besten schmeckt.
Nach der genannten Lagerungs- und Reifezeit alle Zutaten in einen großen Topf geben, dreimal umrühren, mit einem Baumwolltuch abdecken und an einen dunklen Ort stellen. Das Gericht darf auf gar keinen Fall der Sonne ausgesetzt sein, bewahren Sie es also am besten im Keller auf. Dann muss es für eine weitere Zeit reifen, ideal sind 3 Monate bis 22 Jahre. Das ist zwar eine große Zeitspanne, aber falls Sie befürchten, den Topf im Keller zu vergessen, kann ich Sie beruhigen: Er wird auftauchen, wenn Sie am wenigsten daran denken!

Im Laufe der Jahre werden Sie möglicherweise von weiteren Zutaten gefunden. Diese können Sie entweder zu Ihrem Gericht hinzufügen oder, falls Sie noch ausreichend Ziele, Ängste und Verzerrungen haben, ein neues kreieren. Der Geschmack ändert sich schließlich mit der Zeit.

Guten Appetit!

10 April 2007

Eigen-, Fremdwahrnehmung und Tilgungen

Dieser Post ist ein Beweis. Ich scheine mehr zu können, als ich glaube. Und weil ich dazu tendiere, das immer wieder zu vergessen, bitte ich den/die geschätzte Leserin, mich daran zu erinnern, wenn ich wieder über Unzulänglichkeiten meinerseits maule. Die gibt es, zweifellos, und nicht wenige, aber in diesem speziellen Fall schien alles ganz anders gewesen zu sein, als ich es empfunden habe.


Da war dieser Kinderkurs. 2. Klasse, Beginn 13.30 Uhr, nach normalem Schultag und einem ausgiebigen Mittagessen. Fünfzehn oder sechzehn Kinder waren es, und sie waren eine sehr interessante Mischung aus aufgekratzt, müde, lern- und wissbegierig, mindestens fünf "Klassenkasper", der Rest übersprudelnd. Diesen Kindern habe ich über sechs Wochen versucht, ein paar Befreiungstechniken für Notfälle, außerdem ein Gefühl für kritische Situationen und das dazugehörige Verhalten zu vermitteln. So weit, so gut. Es war nicht mein erster Kurs, ich habe bereits eine Menge Erfahrung mit Kindern im Grundschulalter sammeln dürfen, aber sie überraschen mich immer wieder. Kinder sind unglaublich vielseitig, spannend und flexibel, außerdem in der Lage, eine Erwachsene an den Rand eines Nervenzusammenbruchs zu treiben. (Ihr habt das aber nicht gelesen!)

Kurz, ich musste feststellen, dass ich mehr Zeit damit verbracht habe, ihnen die selbstaufgestellten Regeln ins Gedächtnis zu rufen, kleinere und größere Prügeleien zu verhindern, Streit zu schlichten und mein Unbehagen angesichts des doch recht umfangreichen Wortschatzes (und zwar in jeder Beziehung umfangreich) zu überwinden. Fand mich mehr als nur unzulänglich und war der festen Überzeugung, dass jeder andere den Job besser gemacht hätte als ich und man mich sofort vom Schulhof jagen würde, wenn man das herausgefunden hatte. Dass die Kinder mich an jedem meiner Unterrichtstage begeistert begrüßten, vergaß ich sicherheitshalber bzw. erklärte es mir damit, dass sie sich ja austoben konnten in meinem Kurs. Jemine, was war mir mulmig! Ich hätte mir mein Kind nicht anvertraut!

Und heute nachmittag rief mich eine der Initiatorinnen des Kurses an und erklärte mir, dass ich angesichts der unglaublich schwierigen Gruppe sehr effektiv gewesen sei und mit den Kindern sehr gut gearbeitet hätte. Sie musste sich verwählt haben, wahrscheinlich meinte sie Frau Dr. Dr. XY, die Psychotherapeutin, die schon mehrere Bücher über kindliches Verhalten veröffentlicht hatte. Andererseits, Frau Dr. Dr. XY war ja gar nicht da - es war meine Stimme, die ich während der Kurse mehr als nur ein wenig strapaziert hatte! Sie haben also etwas gelernt. Von mir. Und die Eltern scheinen es gemerkt zu haben. Unglaublich. Wo ich doch alles irgendwie aus dem Bauch heraus gemacht habe - ja, genau aus diesem wöbberigen Etwas...

Okay, das ist also gut gelaufen. Glücklicherweise fallen mir, ohne dass ich mein Gehirn besonders bemühen muss, genügend Dinge ein, die ich nicht kann. Hapüh. Schließlich will ich mir mein Selbstbild nicht zerstören. Scheußliche Vorstellung. Glücklicherweise habe ich heute im Parkhaus beim Rückwärtseinparken eine Schramme in mein Auto gefahren, weil ich damit überfordert war, gleichzeitig zu telefonieren, zu gucken und am Lenkrad zu drehen. Hat sich was mit Multitasking.

09 April 2007

Maulwürfe, Tiger, Stille und Ostern

Ist ein großer Bogen, aber nicht unlogisch. Ein Maulwurf sitzt in seinem Loch, hat über sich ordentlich gebuddelt, und alle können sehen, dass er da ist, auch wenn sie ihn nicht sehen. Ein Tiger jagt, frisst, streift durch den Dschungel, ist allein, unabhängig, frei von guten Manieren und wird von vielen Menschen verfolgt. Deshalb sterben Tiger aus. Der Maulwurf ist auch frei von guten Manieren (sonst würde er ja nicht des Hobbygärtners Garten aufbuddeln) und wird verfolgt. Wegen seiner Buddelei. Und dann gibt es Ostern. Ostern finden fast alle toll, denn man muss nicht arbeiten, darf Schokoladenostereier verspeisen, manchmal ist das Wetter schön, und die Familie kommt endlich einmal zusammen. Ostern ist also alles, was Maulwürfe und Tiger nicht sind. (Danke der Nachfrage, es geht mir gut. Bin vielleicht ein bisschen philosophisch heute und befinde mich nicht in Vergils Tonne, sondern auf meinem mit viel Energie und Ausdauer ersessenen ehemaligen Klavierhocker. Und ich finde meine Gedankengänge vollkommen logisch. Sie nicht? Mir doch egal!)

Also. Maulwürfe leben in der Erde, ich weiß zwar nicht, warum sie immer diese Haufen machen, aber sie werden ganz bestimmt ihre Gründe haben. Die Erde riecht feucht, vielleicht ist sie auch warm, je nachdem, wie tief man buddelt. Maulwürfe finden sich zwar im Dunkeln, also unterirdisch, gut zurecht, aber angeblich können sie sonst nicht besonders gut gucken. Daher auch der Ausspruch: "Blind wie ein Maulwurf". Ob Maulwürfe glücklich sind mit ihrem Leben, weiß ich nicht. Es würde mich aber brennend interessieren. Leider kann ich kein maulwürfisch.
Tiger leben oberirdisch, meist dort, wo es warm und grün und einigermaßen undurchdringlich ist. Auch das macht Sinn, denn die meisten Menschen haben entweder Angst und jagen sie deswegen oder sie wollen ihr Fell, was auf das Gleiche hinausläuft: Tiger werden sehr häufig erschossen. Was schade ist, denn Tiger sind wahrhaft majestätische Tiere, dabei wunderschön anzusehen. Ich würde ungern von einem totgespielt werden, aber das wäre mir immer noch lieber, als ihnen beim Aussterben zusehen zu müssen.
Maulwürfe und Tiger sind eher ruhige Zeitgenossen. Sie plappern nicht, sie nerven nicht, sie halten die Klappe, statt irgendeinen unqualifizierten Blödsinn von sich zu geben. Stattdessen tun sie, was zu tun ist: Buddeln, jagen, fressen. Und dabei sind sie ruhig, Knochenknacken und Erdeaufwerfen einmal ausgenommen.

Es scheint allerdings nur noch sehr wenige Menschen zu geben, die Stille aushalten können. Liegt vielleicht an Fernsehen, Radio und Rundumberieselung, wo auch immer in den Niederungen der Zivilisation man sich gerade aufhält. Im Solling gibt es ein Hochmoor, nichts Spektakuläres, aber ruhig, schöne Farben, Vogelgezwitscher und ein Holzsteg, der hindurch führt. Und während der ruhesuchende Mensch einfach nur sitzen, schauen und hören möchte, will der gemeine Osterausflügler sehr laut diese unerträgliche Stille beseitigen. Schön ist, dass die Stille wiederkommt, wenn er weg ist und andere Flecken beschallt.

Sauna. Zehn Minuten hält man sich durchschnittlich dort drinnen auf. Warum scheint es nicht möglich zu sein, während dieser zehn Minuten die Klappe zu halten? Was macht Stille so beängstigend? Was treibt soviele Zeitgenossen dazu, ihre Umwelt auf Teufelkommraus zu beschallen, ganz egal, ob die Umwelt Ruhe sucht oder nicht? Und warum wird es strafrechtlich verfolgt, wenn man diese Nervbolzen erschießt, vierteilt, massakriert, langsam umbringt eben? Warum darf ich nicht in diesen Momenten erst zwecks ordnungsgemäßem und sinnstiftendem Gemetzel zum Tiger werden und mich nach Wiederherstellung der für mich angenehmen Ruhe in einen Maulwurf verwandeln, der in der Lage ist, sich unter der Rasterfahndung hindurchzubuddeln? Lieber Gott, es ist Ostern! Zeit für Wunder! Mach mich bitte zum Tiger!

07 April 2007

Anfälle unkontrollierter Putzwut, wildem Spieltrieb und sportlicher Betätigung als Folge von stressvermeidendem Verhalten

Geht nicht kürzer. Wenn ich schon nicht das tue, was zu tun ich mir vorgenommen habe, sollte ich wenigstens in der Lage sein, eine höchst eloquente, eventuelle Kritiker (innerhalb und außerhalb meines Kopfes) verwirrende, vor allem aber plausible Erklärung abzugeben.

Meine selbstgestellte Aufgabe für die nächsten Tage besteht darin, "Frauen denken. Männer nicht." zu sortieren, das eine oder andere weitere Kapitel, vor allem aber ein Exposé, das ich dann an einen Verlag meines Vertrauens schicken kann, zu schreiben. Gestern abend wollte ich anfangen. Der erste Anruf, der mich hinderte, kam von einem Ex, mit dem ich aufgrund der Tatsache, dass wir länger nichts mehr voneinander gehört hatten, eine knappe Stunde lang telefoniert habe. Dann, mein Notebook wartete bereits aufgeklappt, die notwendigen Dateien waren geladen, fiel mir ein, dass ich ja noch Sportwäsche hatte, die dringend in die Waschmaschine wollte. Gesagt getan, niemand soll von mir behaupten können, ich wäre eine Aufschieberin! Wäsche zusammengesammelt, bei der Gelegenheit gleich im Schlafzimmer gewischt, meine Nachttischlampe kaputtgeworfen und die Scherben weggefegt, meine Zitronenbäume, die zwar noch nicht zu sehen sind, aber trotzdem der Pflege bedürfen, gegossen, auf die Heizung gestellt und besprochen, hm, Pflanzen, überhaupt mussten sie alle dringend gegossen werden, außerdem habe ich von meiner Mutter einen wunderschönen Tulpenstrauß bekommen, der frisches Wasser haben wollte, beim Gießen habe ich dann die große Yuccapalme, die sich bei mir zur Pflege aufhält, umgeworfen und musste auch im Wohnzimmer staubsaugen. Wo ich ja schonmal dabei war. Dann habe ich noch rasch den Biomüll hinausgetragen und meine gelben Säcke sortiert.

Ich kann einfach nicht kreativ arbeiten, wenn es um mich herum nicht ordentlich aufgeräumt und sauber ist!

Inzwischen war die Waschmaschine fertig, und ich habe noch rasch die Wäsche aufgehängt, mir Teewasser aufgesetzt und die Geschirrspülmaschine beladen, während ich auf das Wasser wartete. Und da ich ohnehin gerade in der Küche war, konnte ich auch rasch all die Rezepte in den Ordner heften, die sich in letzter Zeit angesammelt haben. Und was war mit den neuen Übungsfolgen, die auch noch sortiert werden wollten? Inzwischen hatte sich das Notebook in Standby versetzt, und ich musste es wieder wecken. Während ich darauf wartete, habe ich rasch meinen Schreibtisch abgewischt und die Belege für den Buchhalter sortiert. Dann klingelte das Telefon, und ich musste wieder fast eine halbe Stunde telefonieren. Als ich auflegte, war es dunkel geworden, und ich irgendwie müde. Da aber der PC schon einmal an war, habe ich rasch meine E-Mails abgeholt, im Internet nach interessanten Laufveranstaltungen gesucht und mich durch die diversen Trainerforen gelesen. Man will ja auf Stand sein. Außerdem ist es eine alte Angewohnheit, immer, bevor ich anfange zu arbeiten, noch ein wenig zu spielen. Jedes Spiel nur einmal, versteht sich, ich will ja meine Zeit nicht verschwenden! Also habe ich insgesamt vielleicht ein Stündchen mit Tetris, Solitaire, FreeCell und einem netten kleinen Quiz verbracht.

Um kurz nach zehn am Abend habe ich dann die Idee aufgegeben, mich noch an meine Ursprungsaufgabe zu setzen. Irgendwie war mir auch überhaupt nicht nach Kreativität. Und dann hatte ich auch gestern vormittag so ein schönes Buch zu lesen angefangen, das mich sicher wieder aufbauen und inspirieren würde. Kurz vor Mitternacht lag ich dann im Bett, der Wecker war auf 5.30 Uhr gestellt, und ich wild entschlossen, gleich nach meinen morgendlichen Yoga-Asanas mit dem Schreiben zu beginnen.

Inzwischen ist es 11.15 Uhr, und ich bin bereits 10 km gelaufen, habe fast 30 Minuten Yoga gemacht, eine weitere Maschine mit Wäsche angeworfen, mein Badezimmer geputzt, lange und ausgiebig geduscht, mir die Karten gelegt, im Bett sitzend in alten Tagebüchern gelesen, meine Stunde für heute nachmittag vorbereitet und ein paar wichtige Telefonate geführt.

Eigentlich lohnt es sich kaum, noch anzufangen. In zwei Stunden muss ich im Studio sein, vorher wollte ich eigentlich noch ein wenig an unserer neuen Choreographie arbeiten, und trainiert habe ich auch schon lange nicht mehr. Doch, ein paar Einheiten Hanteltraining würden mir jetzt wirklich unglaublich gut tun.

Aber wenn ich wieder zuhause bin, nach Training, Probe und vielleicht noch einem kleinen Spaziergang (Verdammt, einkaufen muss ich auch noch - ich brauche schließlich eine neue Nachttischlampe!), setze ich mich sofort an den PC. Wirklich.

04 April 2007

Mittwochsabendsgedanken, unzensiert.

Ein unglaublich blauer Himmel. Schauen macht Frühlingsgefühle, Hinausgehen macht kalt. Trotzdem, es ist schön. Der Himmel färbt sich langsam dunkel, mein letzter Kurs ist ausgefallen, das erste Mal seit ein paar Tagen genehmige ich mir ein Feierabendbier statt Feierabendingwerwasser (Danke für den Anker, Bernd! Er funktioniert!). Vorhin, auf der Fahrt nach Hause, stiegen auf einmal unglaublich viele Flugzeuge auf. Ich denke, dass es eine optische Täuschung war, aber die Himmelsbilder, die den Aufstieg begleiteten, liessen mich an einen unverhofften Raketenangriff denken. Drei sich kreuzende Bahnen, die nicht waagerecht, sondern senkrecht nach oben zu verlaufen schienen. Und trotzdem saß ein Bussard auf einem Baum, flogen Vögel in Formation und ließ sich ein Rabe das frische Saatgut schmecken (ich hoffe für den Raben, dass es nicht zu sehr mit Pestiziden und Dünger verseucht war, sondern er sich das Feld eines Öko-Bauern einverleibt hat).

In meinem Kopf ist Gedankenwirrness. Ja, genau das! Wenn es Wellness, Fitness und Fairness gibt, warum nicht auch Wirrness? Ich kultiviere das schon seit langem, und es bedeutet nichts weiter, als allen Gedanken freien Flug zu erlauben, bis zu dem einen Stern, zu dem man in hoffnungsloser Liebe entbrannt ist, zu einem Ziel, von dem alle anderen glauben, dass es unerreichbar sei, vielleicht sogar zu Ruhe, Entspannung und Nichtstun. Wirrness heisst für mich, unzensiert zu denken, den einen Gedanken zu verfolgen, den anderen ziehen zu lassen. Eine Idee taucht vielleicht oben rechts auf, gerät kurz in mein Blickfeld und verschwindet dann nach unten links, eine andere kommt von hinten oben, springt über meinen Kopf und fällt mir in die Hände, andere Gedanken sind wie Geister, die im All verglühen.

Die Felder werden grün, und in kurzer Zeit wird alles gelb leuchten vom blühenden Raps. Leben wird sich durchkämpfen, und scheiß auf Klimawandel, denn noch gibt es Vögel, die morgens und abends wunderschön singen, noch gibt es einen kleinen Knut, der irgendwann ein Eisbär sein wird (auch wenn er meilenweit von seinem eigentlichen Zuhause entfernt und seine aktuelle Beute eine Klobürste ist), es gibt Sonnenuntergänge und Ringeltauben, die auf Nestsuche um das Haus herumfliegen. Es gibt mich, und wie es mich gerade gibt!

Ein guter Zeitpunkt zum Philosophieren, Winter into Spring, ich weiß nicht mehr, ob die Erhebung, die ich von meinem Dachfenster aus sehen kann, der Kirchturm des Nachbarortes oder ein hoher Baum ist. Ich höre seit zwei Tagen die gleiche Musik, immer und immer wieder, und ich überhöre sie mir nicht, weil sie genau zu dem passt, was ich fühle. Ich wünschte mir, dass alle meine Kurse bis nach Ostern bei vollem "Lohnausgleich" ausfielen und ich mich mit meinen Gedankensprüngen beschäftigen könnte, meiner ganz persönlichen Bilanz des vergangenen Jahres. Letztes Jahr um diese Zeit war ich sprachlos, im wahrsten Sinne des Wortes, durfte nicht laufen und konnte noch immer nicht glauben, dass ich mich in einem neuen Leben befinde.

Bin ich inzwischen angekommen? Ein wenig. Aber ich habe mir schon einen Routenplan für die weitere Strecke gemacht. Wenn ich nicht soviel Angst vor Ablehnung hätte, wären meine "Frauen denken. Männer nicht."-Aufzeichnungen schon auf dem Weg zu einem Verlag. Aber ich habe soviel Angst vor Ablehnung, egal, was meine derzeitigen MitleserInnen sagen. Glaube immer noch, dass ich nur so tue, als ob ich etwas könnte, aber eigentlich nichts richtig kann, weil das, was ich gut kann, mich nicht anstrengt, und wie kann etwas gut sein, wenn es nicht anstrengend ist? Wie kann etwas so Persönliches interessant sein? Wen interessiert Vögelgezwitscher in Wolbrechtshausen? Wen die Gedanken einer durchschnittlich begabten Hopse mit durchschnittlichem Studienabschluss und akrobatischem Lebenslauf?

Vom Himmel zum Durchschnitt ist es ein kurzer Weg, wie es scheint. Gerade heute habe ich gedacht, dass ich betrüge. Da bastele ich eine Stunde zusammen, ohne mich vorbereitet zu haben, und trotzdem scheinen alle Spaß zu haben. Warum? Sehen sie nicht, dass ich eigentlich eine faule Sau bin? Dass ich gelesen, geschrieben, gedaddelt habe? Dass es vierzigtausend und noch siebenhunderttausend mal mehr Menschen gibt, die es besser können? Dass ich kein x hoch 3, sondern ein a minus sieben bin?

Der Himmel ist jetzt dunkel, und es sind keine Raketenaufstiege mehr zu beobachten.

Ich könnte noch stundenlang weiterschreiben (eben, weil ich ein Schreibteufel bin), aber das würde in Abwärtsspiralen führen. Das will ich aber nicht, weil morgen Gründonnerstag ist. Läutet das nicht irgendwie Ostern ein? Ostern ist ja eigentlich ein trauriges Fest. Ich weiß jetzt nicht mehr, was am Gründonnerstag passiert ist, am Karfreitag (also übermorgen) ist Jesus getötet worden. Deswegen durfte früher auch keine Musik gespielt werden, was mich immer sehr geärgert hat. Und dann? Ist er schon nach zwei Tagen auferstanden? Macht Sinn, später hätte er unangenehm gerochen.

Für mich ist Ostern der endgültige Beginn des Frühlings, und ich hänge eher den heidnischen Ritualen wie dem Osterfeuer an, mit dem die bösen Geister des Winters vertrieben werden (oder?). Und viel wichtiger finde ich den 30. April, die Walpurgisnacht. Die hat etwas Mythisches, Geheimnisvolles, Verzaubertes.

Und dann gibt es noch ein paar Rituale. Aber die verrate ich nicht. Nur soviel: Ich kann zaubern. (Bitte nicht der Medizinischen Hochschule Hannover verraten, die diagnostizieren sofort eine paranoide Schizophrenie und sperren mich weg. Und das wäre schade!)

Das Märchen vom Mädchen, das den Stern suchte

Es war einmal, vor langer, langer Zeit, da lebte ein Mädchen in einer kleinen Stadt. Sie war zufrieden mit ihrem Leben und wünschte sich nur, dass es immer so weitergehen möge. Sie wollte nicht erwachsen werden, strebte nicht nach Erkenntnis. Doch das Universum verstand ihre Wünsche falsch, und eines Tages geschah es, dass das Mädchen in einer schlaflosen Nacht einen Blick in den Himmel warf und einen Stern sah, wie es ihn schöner noch nie gesehen hatte. Sie entbrannte in tiefer Liebe zu diesem Stern, und fortan bestimmte die Sehnsucht nach ihm ihr Leben. Sie wollte nicht mehr ihr kleines, unaufgeregtes Leben, sie wollte fliegen, in die unendlichen Weiten des Weltraums, wollte den Stern suchen und eins werden mit ihm. Nichts in ihrem Leben erschien ihr mehr erstrebenswert oder auch nur gut genug, alle, die ihren Weg kreuzten, verglich sie mit "ihrem" Stern und wies sie ab. Irdisches Glück erschien ihr nicht mehr möglich, ihr Glück befand sich Lichtjahre entfernt.

Doch der Stern wusste nichts von den Wünschen einer kleinen, unbedeutenden Erdenbewohnerin, und das Universum hatte nur gespielt. So blieb dem Mädchen nichts anderes übrig, als sein altes Leben weiterzuleben. Sie litt unsäglich darunter, denn eine unerfüllte Sehnsucht frisst früher oder später das Herz auf. Sie wusste das und suchte verzweifelt nach Wegen, zu ihrem Stern zu gelangen. Alle Kraft, alle Kreativität, alle Energie widmete sie fortan nur noch diesem einen Ziel. Sie beschäftigte sich mit Physik, mit Astrologie und Astronomie, um dem Stern, wenn schon nicht in Wirklichkeit, so doch gedanklich näher zu kommen, und während ihrer Studien musste sie erfahren, dass sie einen bisher unentdeckten Stern gesehen hatte. Sie fand seine Koordinaten in keinem Lehrbuch, studierte Astrophysiker verneinten seine Existenz. Und tatsächlich: Wenn sie einmal einem anderen Menschen den Stern zeigen wollte, den sie überdeutlich am Himmel erkannte, stellte sie fest, dass ihn ausser ihr niemand sehen konnte.

Das bestätigte sie jedoch nur in ihrem Glauben, dass dies ihr Stern war. Sie forschte, zergrübelte sich das Gehirn, fragte und suchte. Eines Tages lernte sie einen Meister der Zen-Meditation kennen, und der versprach ihr, ihrer Seele auf den Weg zu helfen. Die Voraussetzung war, sich für einige Jahre in sein Kloster mitten im tiefsten Himalaya zu begeben und zu meditieren. Dem Mädchen war jede Anstrengung recht, wenn sie nur Erfolg versprach und sie näher an ihr Ziel brachte. Sie reiste nach Tibet, entsagte allem, was ihr zuvor wichtig gewesen war, meditierte, arbeitete im Klostergarten, aß kaum noch, um ihren Geist freizumachen von allem Irdischen.

Sie sammelte viele neue Erkenntnisse, lernte, die Welt und ihr Leben aus ganz anderen Augen zu sehen, es sogar wieder zu lieben. Doch die Sehnsucht nach dem Stern blieb. Eines Tages war es soweit: Sie hatte sich tief in sich selbst versenkt, solange medititert, bis ihr Geist sich aus ihrem Körper entfernte und emporschwang in den Himmel. Er ließ die Erde hinter sich und schwebte durch die Weiten des Universums. Dort fand er wunderschöne Planeten, Sterne, sah Lichter, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen hatte. Und dann erreichte er den Stern. Es war ein sehr kleiner Stern, auf dem höchstens zwei Menschen Platz gehabt hätten, es gab nichts Grünes, keine Blumen, keine Tiere, kein Meer, nur eine unglaubliche Hitze, weil er der Sonne so nah war. Ein Mensch wäre auf diesem Stern innerhalb kurzer Zeit unter Qualen
gestorben.

Der Stern, dem noch nie zuvor ein Lebewesen, selbst wenn es in Gestalt seines Geistes reiste, begegnet war, fragte verwundert: "Wer bist Du?".
Der Geist des Mädchens antwortete: "Ich bin der Geist eines Menschen, der in tiefer Liebe zu Dir entbrannt ist. Nun bin ich glücklich, Dich gefunden zu haben. Wirst Du mich bei Dir bleiben lassen?"
"Nun, ich freue mich über Gesellschaft" sagte der Stern, "aber Du wirst bemerkt haben, dass ich nicht viel Platz und Möglichkeit biete, mit mir zu leben."
"Das ist mir egal," lächelte der Geist "ich habe Dich gefunden, jetzt will ich nichts anderes mehr, als für immer in Deinen Armen zu ruhen."
"Aber wie sollen ein Stern und ein Geist zusammen leben? Willst Du nicht zu Deinem Körper zurückkehren? Wirst Du keine Sehnsucht nach Deinem alten Leben haben? Möglicherweise wirst Du sterben, wenn Du bleibst."
"Seit vielen Jahren ist mein Leben von der Suche nach Dir bestimmt." sagte der Geist. "Und jetzt, wo ich Dich endlich gefunden habe, soll ich Dich wieder verlassen? Vielleicht werde ich Dich niemals wiedersehen, wenn ich in meinen Körper zurückkehre."
"Nun, es wird andere Sterne geben, denen Du folgen kannst, Sterne, die Dich nicht töten."
"Ich will keine anderen Sterne, ich will kein Mensch mehr sein, ich will nur Dich, und ich wollte Dich schon immer. Und wenn das bedeutet, dass ich in Deinen Armen sterben werde, dann soll es so sein."

Der Stern, der zwar nicht wußte, was Liebe war, sich jedoch über den Besuch freute, sagte dem Geist des Mädchens, dass er gern geliebt werden würde. Und so geschah es, dass dieser sich niederließ und zu Weltraumstaub verglühte, während unten auf der Erde das Mädchen mit einem glücklichen Lächeln im Gesicht seinen letzten Atemzug tat.

03 April 2007

Antischrumpelcremes und selbstgemachtes Übergewicht

Heute, beim Warten auf meinen Kurs, durfte ich einen Werbespot über eine neue Antischrumpel- und Speckrollenwegmachcreme anschauen. Glücklicherweise war der Ton ausgestellt. Gezeigt wurde eine junge Dame, deren kaum nennenswerte Röllchen über der etwas zu engen Jeans sichtbar waren. Der Freund der Dame (den ich, nebenbei gesagt, direkt auf den Mond geschossen hätte) kniff ihr in ebendiese, sie kiekste (das war deutlich zu sehen) und fing dann an, die vermeintlich überschüssigen Körperteile auf das Allerheftigste mit dieser Creme und dem sich auf der Tube befindlichen Roller zu bearbeiten. Einblendung: "Nach acht Tagen..." Der Freund kniff, die Dame kiekste. Nächste Einblendung (Ich glaube, jetzt waren es 3 Wochen): Freund kneift, Dame kiekst. Ist zwar nichts mehr da zum Kneifen, aber eine Frau, die von ihrem Freund in die Seite gekniffen wird, kiekst eben, wenn sie zu blöde ist, ihn auf den Mond zu schießen.

Die Moral von der Geschicht'? Erstens: Frauen, die kein Fett am Körper haben, können mit einer Antischrumpelcreme und aufgesetztem Roller auch das gedachte Fett in den Griff bekommen. Zweitens: Die Frau, die von einem wahrscheinlich männlichen Regisseur für diesen albernen Spot ausgesucht wurde und sich kieksenderweise kneifen lässt, ist ein Schwesternschwein. Hätte ich den Spot gedreht, dann hätte er gekniffen, sie hätte ihm eins über den Schädel gezogen und ihm eine Creme gegen Prostatabeschwerden an den dann ohnehin schon lädierten alternativen Denkapparat geworfen. Drittens: Wo, zum Donner, gibt es diese Creme???

Und dann gibt es noch Menschen (die nicht zwingend übergewichtig sein müssen, es aber häufig sind), die ihre mangelhafte sportliche Aktivität mit IHREN diversen Wehwehchen erklären. Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass solche Menschen oft von all diesen körperlichen Einschränkungen reden, als hätten sie sie teuer erworben und jetzt in ihrem Schrank? Da höre ich von MEINEN Schulterproblemen, von MEINEM arthritischen Knie, von MEINEN Kreislaufproblemen und MEINEN körperlichen Einschränkungen im Allgemeinen. Ja, es sind die eigenen, weil viel zu häufig selbstgemachten Probleme! Wenn ich Übergewicht habe, bekomme ich möglicherweise Arthrose, weil meine Gelenke eben nicht dafür gebaut sind, 40 überschüssige Kilos mit sich herumzuschleppen! Und ich bekomme Kreislaufprobleme, weil mein Körper kaum eine Chance gegen meine Unbeweglichkeit hat. Was ich mir jetzt wünschte, wäre die Einsicht, dass all diese Probleme nicht von einem bösen Schicksal auf diesen armen, übergewichtigen Menschen geladen wurden, sondern dass er oder sie sich all dieses Fett höchstpersönlich und ohne darüber nachzudenken ANGEFRESSEN hat. Ja, es ist EIGENES Fett! Also warum, bitteschön, schreien sie jetzt nach einer Kostenbeteiligung ihrer Krankenkasse? Warum nehmen sie nicht das viele Geld, dass sie normalerweise zur nächsten Frittenbude tragen würden, für die Mitgliedschaft in einem Fitnessclub oder Sportverein? Ohne ihre Sachbearbeiterin bei der Kasse zu belästigen? Warum bewegen sie nur vorsichtig den großen Zeh hin und her und jammern dann, weil es Muskelkater im bisher unbewegten Fuß gibt? Warum, in Dreiteufelsnamen, BEWEGEN sie sich nicht???

Ich meine hier übrigens nicht die höchst vernünftigen Menschen, die sich regelmäßig sportlich betätigen und vielleicht ein paar Kilo zuviel auf den Hüften haben. Und um eventuellen KritikerInnen gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen: Nein, ich propagiere nicht das Schönheitsbild der Antischrumpelcremehersteller! Ein Körper sollte gesund sein, und der Mensch, der darin wohnt, sollte sich wohlfühlen und genießen dürfen. Keine Schönheitsdiktate, keine Einheitsfiguren, und auf gar keinen Fall Größe XXS. Aber eben auch nicht Kleidungseinkauf im Moppelladen bei gleichzeitigem Gemöhre über die Figur oder irgendwelche selbstangefressenen und nicht durch Bewegung ausgeglichenen Zivilisationskrankheiten.

Das musste mal raus. Und eigentlich kann man es auf das Leben übertragen:

Change it, love it or leave it. Und nerv nicht!

01 April 2007

Sonntagabendsgedanken, unsortiert.

Eigentlich wollte ich ja schon heute früh bloggen. Aber vorher wollte ich kochen, Frühstück und 5 Tibeter machen, meine Unterlagen von gestern durchlesen, Tagebuch schreiben, Wäsche waschen. Tja. Jetzt gerade will ich eigentlich ein Format üben, Tee trinken, lesen. Irgendwie mache ich IMMER ALLES dann, wenn ich es eigentlich nicht machen will, und alles andere mache ich dann, wenn ich es mir nicht vorgenommen habe. Zum Ausgleich tue ich das, was ich mir vorgenommen habe, überhaupt nicht, sondern etwas, das ich vorher (bevor ich mit dem angefangen habe, was ich nicht tun soll und das gelassen habe, was ich hätte tun wollen) überhaupt nicht im Programm hatte. Egal. Eines ist absolut und unumstürzlich sicher: Ich kann viel von mir behaupten, aber eines auf gar keinen Fall: Mir ist egal, ob ich vor dem Duschen oder nach dem Kaffee zur Toilette gehe!

Nein, das ist nicht witzig! Es gibt Menschen, deren kompletter Tagesablauf in sich zusammenbricht, wenn sie nicht vor dem Kaffee duschen können. Wieder andere können auf gar keinen Fall ohne Zeitung sch... (Da nehme ich mich nicht aus.) Alles Krücken. Denn wenn ich die Augen schließe und mir eine Zeitung vorstelle, meine geschwärzten Hände, die ich mir beim Umblättern eingefangen habe, gibt es keinerlei Probleme mit dem Stuhlgang. (Warum heisst das eigentlich "Stuhlgang"? Haben die Menschen früher, bevor es erst die Holzhäuschen mit dem Herz an der Tür und später dann Wasserklosetts mit Spülung gab, ihr Geschäft auf Stühlen erledigt? Igitt. Wer hat das dann weggemacht?) Ist möglicherweise ein anderes Thema. Kein NLP.

Die Frage ist, was ich mit einem Menschen tue, der erst duscht, dann liest, dann sch... Ist da schon eine Intervention notwendig? Muss ich grüne Fragen stellen, oder hat er möglicherweise überhaupt keinen Leidensdruck? Liegt vielleicht der Leidensdruck ganz allein bei mir, und ich muss nur ein wenig pacen? Möglicherweise tut er (oder sie) das, weil er (oder sie) ohnehin gerade im Bad ist? Aber wäre es dann nicht sinnvoller, erst zu sch... und dann zu duschen? Dann lohnt es sich wenigstens. Das Duschen.

Was hat dieses Wochenende mit mir gemacht? Meine Gedanken sollten beim Klientenerstgespräch sein, nicht beim Stuhlgang und dessen Terminierung. Ist es die Sonne? Der Frühling? Die vielen schönen Menschen, die Sonntagnachmittags um den Maschsee in Hannover toben? Ernsthaft - da sind depressionenerzeugende Mengen von schönen Menschen ohne Figurprobleme, mit echt voll schicken Sonnenbrillen und Lauf-, Skate-, Radoutfits. Mützen, Tüchern, Shirts. Ich kam mir recht schäbig vor in meinen ausrangierten Hüppeklamotten. Und dann noch diese nach Krampfadern aussehende Ansammlung von Wasweißich in meiner linken Wade... Muss ich dringend übertätowieren lassen. Bin immer noch nicht beim Erstgespräch. Aber glücklicherweise auch nicht mehr beim Stuhlgang.

Wollte ich stattdessen über Wöbber reden? Nein!!! Und trotzdem... Natürlich gab es auch zwei oder drei Menschen über dreißig, aber ALLE anderen waren jung und schön!

Übrigens habe ICH keine Rituale. Naja, kaum. Wenige. Natürlich mache ich nach dem Aufstehen Yoga, aber das ist kein Ritual, sondern ein Bedürfnis. Und dann koche ich mir Kaffee. Würde jeder machen nach Aufstehen und Yoga, oder etwa nicht? Natürlich gibt es auch ein paar Dinge, die ich jeden Morgen tue. Aber nicht jeden Morgen zur gleichen Zeit. Ich liebe es, mit meinem Kaffee am PC zu sitzen und Fahrtenbuch zu schreiben. Aber das spart die Zeit, wenn es dann endgültig an die Steuererklärung geht. Und dann schaue ich natürlich die diversen Trainerforen nach Neuigkeiten durch - ist aber kein Ritual, sondern Informationssammlung. So. Nein, ich habe keine Rituale, ich bin flexibel. Was ich allerdings wirklich hasse, ist der Versuch, meinen Tagesablauf durcheinanderzubringen mit irgendwelchen Spontanaktionen. Nicht mit mir! Ein wenig Planungssicherheit braucht jede.

Ich gebe eine Stunde Sensual Fighting pro Woche, die sehr viel mit Koordination zu tun hat. Meinen Teilnehmerinnen sage ich immer, sie sollen das Gefühl genießen, daß ihr Körper gerade überhaupt nicht das tut, was sie ihm gesagt haben, und es als Herausforderung sehen. Mein Körper macht in der Regel recht brav alles mit, Zerrungen, Grippe und sonstige Wehwehchen ausgenommen. Aber mein Kopf führt schon ein gewisses Eigenleben. Denkt Dinge, die ich ihm nicht aufgetragen habe. Stellt Überlegungen an über Menschen, mit denen ich eigentlich gar nichts zu tun haben möchte. Im Gegenteil zu den Körpern meiner Teilnehmerinnen kann ich den Blödsinn, den mein Kopf verzapft, nicht im Spiegel sehen und also auch nur schwer ändern. Ist gerade überhaupt nicht nlpisch, das ist mir klar.

Was wäre, wenn ich nur noch Kopf wäre? Unbeeinflusst von anderen Reaktionen? m = x hoch 2? Oder vielleicht sogar die dritte Potenz einer Idee der siebten Kategorie? Wir gehen auf den Vollmond zu, das könnte eine mögliche Erklärung sein. Oder Frühlingsgefühle? mxhoch3 in irgendeiner Potenz macht mir Probleme, und möglicherweise werde ich dann auch nicht mehr verstanden.

Egal. Ist der fast volle Mond nicht wunderschön? Die Vögel, die den Abend ansingen? Der rotgefärbte Himmel? Die Idee von Frühlingserwachen eben... Gestern habe ich ein Kaninchen am Straßenrand gesehen und mich gefragt, ob es weiß, dass dort die Straße ist und es Leib und Leben riskiert, wenn es versucht, sie zu überqueren. Wievielen Kaninchen haben wir den Weg abgeschnitten, weil wir schneller fahren wollen? Dieses ganz spezielle Kaninchen bedeutete Leben für mich, war ein großes Bisschen mystisch, ein schöner und berührender Anblick. Aber die Angst, dass eben dieses Kaninchen sein Leben in allernächster Zukunft beschließen könnte, bloß weil irgendein blöder Autofahrer seine Blechkiste wichtiger findet als ein Leben...

Dann gab es noch den leuchtenden Mond im Geäst, die bereits erwähnten Vögel, die Ruhe und das Gefühl, dass Verlieben oder Verliebtsein jetzt sehr gut passen könnten. Aufregung. Spannung. Spielen. (Nein, nicht das Spiel mit den jetzt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit assoziierten Überraschungseiern!) Annehmen, was gerade kommt. Den Sonnenuntergang auf dem Balkon genießen, die Erzählungen der Vermieterszwillinge und das Gespräch mit den Ex-Schwiegereltern.

Hatte ich bereits erwähnt, dass Leben großartig ist? Lebenswert? Traumhaft schön? Blau und sonnig? Ruhig? Verträumt? Breitgrinsend? Augenleuchtend? Blumenblühend und regenbogenbunt?

Gerade war ich versucht, irgendeine alberne LEBENSweisheit von mir zu geben. Ich lasse es. Leben ist Leben ist Leben ist Leben. Und Glück ist Glück ist Glück ist Glück. Und Zeit ist Zeit ist Zeit. (Einen herzlichen Dank an Sergey für diese und andere Erkenntnisse!)