Vorgestern hatte ich die Aufgabe (selbstgestellt, weil selbstausgesucht), mir darüber bewußt zu sein, dass alles, was ich sehe, nicht das ist, was es ist, sondern das, was ich daraus mache und jemand anderes, der das vermeintlich Gleiche sieht, sich ein vollkommen anderes Bild daraus machen könnte. Ganz davon abgesehen, dass es der/dem geschätzten LeserIn schon relativ schwer fallen könnte, aus diesem Schachtelsatz schlau zu werden, ist auch die Aufgabe nicht ohne Herausforderung. Natürlich wäre das Leben ohne Herausforderungen extrem langweilig, und eine Entwicklung kann es nicht im Stillstand geben. Aber das ist wieder etwas vollkommen anderes und kann an anderer Stelle eingehender untersucht werden.
Also: Die Welt, die ich sehe, ist nicht die Welt, sondern eine Projektion meiner Sicht der Welt. Diese Betrachtungsweise zieht zwangsläufig weiteres Infragestellen nach sich. Wenn die Welt, die ich sehe, nicht die Welt ist, verhält es sich ja möglicherweise bei allen anderen, die sich die Welt ansehen, ebenso. Bedeutet das, es gibt Milliarden von Welten, soviele eben, wie es Menschen und Tiere auf diesem Planeten gibt, vielleicht sogar noch mehr, wie Bewohner im Universum? Oder bedeutet es, dass es gar keine Welt gibt, sondern nur einen Haufen Gestörter, die sich irgendwo im luftleeren Raum tummeln und glauben, das wäre eine Welt? Wenn letzteres zutrifft, brauchen wir uns jedenfalls keine Sorgen um irgendwelche psychiatrischen Einrichtungen zu machen, die uns wegsperren wollen. Erstens gibt es die nicht, und zweitens könnten wir, falls die PsychiaterInnen weiterhin auf ihrer Existenz beharren, damit argumentieren, dass auch wir nur ein Auswuchs einer gestörten Phantasie sind. Zaphord Beeblebrox (ich hoffe, ich habe das richtig geschrieben) hat das bereits in "Per Anhalter durch die Galaxis" behauptet. Er hat es zwar anders begründet, indem er dargelegt hat, dass es unendlich viele Lebewesen im Universum gäbe und damit jeder Einzelne, dem wir unterwegs begegnen, angesichts dieser großen Zahl zu vernachlässigen und damit quasi nicht vorhanden sei. Eine andere Sicht auf die nicht oder in milliardenfacher Ausgabe vorhandene Welt eben.
Eigentlich ist das eine erleichternde Vorstellung: Wenn die Welt, wie ich sie sehe, nicht die Welt an sich ist, kann ich sie verändern, weil es nichts Feststehendes gibt. Es ist alles eine Interpretationssache. Selbst ich bin nicht, wie ich bin; wenn ich mich mit anderen Augen ansehe, bin ich jemand völlig anderes, obwohl ich immer noch das gleiche Gesicht im Spiegel sehe. Ich könnte mich mit Augen der Selbstliebe ansehen und würde vielleicht auf einmal anfangen, mich zu loben. Oder ich könnte mich mit noch kritischeren Augen ansehen, um mich zu größerer Leistung (egal, in welchem Bereich) herauszufordern. Ich könnte mich durch die Augen eines anderen Menschen sehen und bekäme vielleicht noch ein neues Bild von mir, schöner oder weniger schön, das hängt von der Weltsicht meines Gegenübers ab und davon, wie ich in seine Welt hineinpasse. Ein Ägypter würde mich als Hungerhaken bezeichnen, das Management von Heidi Klum hätte eher einen Termin zum Fettabsaugen vereinbart.
Ich kann sein, wer ich will und muss nicht werden, was ich nicht sein kann, denn ausser meiner Sicht auf "meine" Welt gibt es noch Millionen andere Sichtweisen auf mich und die Welt (womit ich nicht sagen will, dass ich für Millionen Menschen wichtig bin, sondern dass es eine nahezu unendliche Menge an Möglichkeiten gibt, sich Stress zu machen und von sich selbst zu entfernen), und ich kann nicht jeden möglichen Anspruch oder Wunsch erfüllen, zumal ich viel zu oft im vorauseilenden Gehorsam Ansprüchen zu genügen versuche, die noch gar nicht an mich gestellt wurden, sondern die aus meinem Inneren kommen. Woher auch sonst, die anderen gibt es ja nicht!
Was für eine Erleichterung! Wenn ausser mir niemand da ist, kann niemand etwas von mir wollen, und ich brauche auch niemanden zu fragen, wer ich sein soll. Es wäre ja auch irritierend für die nichtvorhandene Umwelt, wenn ich durch die Gegend liefe und ebensowenig vorhandene Mitmenschen fragte, wer ich denn heute sein soll. Da lebe ich doch lieber gleich meine zur Genüge vorhandenen Macken aus und frage gar nicht erst! Diejenigen, von denen ich glaube, dass sie bei mir sind, werden sich damit arrangieren können. Und wenn nicht, kann ich mich damit trösten, dass es sie gar nicht gibt und meinen Blick in eine andere Richtung lenken.
Sätze können sehr viel (auf-)lösen.
Ich kann zum Beispiel auch entscheiden, was in meiner Welt ich mir anschauen möchte. Vor ein paar Tagen hatte ich zum Beispiel entschieden, mich nur auf positive Gedanken, Nachrichten und Bilder zu konzentrieren. Und kam gleichzeitig auf die Idee, den "Spiegel" lesen zu wollen. Ging nicht. Stand nichts Positives drin ausser dem Hohlspiegel. Schrecklich eigentlich - eine ganze Zeitung von ca. 150 Seiten und keine einzige positive Nachricht! Dabei gäbe es doch genug: Knut, der schwitzt, Sonne, leuchtendgelbe Rapsfelder, irgendein Künstler hat garantiert irgendwo auf der Welt ein wunderschönes, neues Werk geschaffen, die Gruppe der VegetarierInnen hat sich vergrößert und die Menschen kaufen mehr Bio. Irgendwo hat irgendjemand während eines Streits nicht zur Waffe gegriffen, sondern seinen Kontrahenten umarmt, ein Mercedesfahrer hat seine S-Klasse zerschossen, weil er, statt eine Katze zu überfahren, lieber einen Baum gerammt hat. Ich bin sicher, es gäbe genug. Und ich bin glücklich darüber, dass ich die Wahl habe zu entscheiden, welcher Form der Nachrichten, Bilder und Gedanken ich Platz einräume in meinem Kopf.
Heute nacht bin ich wachgeworden und habe für eine Weile einen wunderschönen hellen Mond am Himmel angeschaut. Habe stundenlang bei Kaffee im Bett gesessen, eine Streuobstwiese besichtigt und einen mutierten Riesengoldfisch, der irgendwie in einen Teich in freier Natur gelangt ist und jetzt glaubt, er sei ein Karpfen. Käsekuchen gegessen und mörderisch leckeres selbstgemachtes Himbeereis, habe in der Sonne geschlafen und jetzt die Zeit und die Muße, das zu tun, was ich gern tue. All das darf und soll in mein Herz, und da soll es sich festsetzen und immer dann, wenn ich einen mutlosen oder ärgerlichen Moment habe, die dunklen Bilder überdecken.
Damit will ich nicht sagen, dass ich zu einem dieser permanent positiv denkenden, energiegeladenen und herausforderungsuchenden Menschen werden möchte, nein, ebenso, wie ich Glück genießen kann, will ich auch melancholisch und traurig sein dürfen. Weinen ist schön, wenn es kein ausweglos verzweifeltes und einsames Weinen ist, sondern vielleicht an einer geliebten Schulter oder etwas unverhofft im Kino bei "Rocky Balboa" stattfindet. Melancholie ist ein gutes Gefühl, wenn es im Gedenken an ein nahestehendes Wesen, das nicht mehr bei mir ist, entsteht. Es erhält sie alle in meinem Herzen lebendig.
Und wenn die Welt nicht das ist, was ich glaube, was sie ist, sondern immer nur das, was ich in ihr sehe, habe ich die Möglichkeit, eine Welt zu sehen, wie ich sie mir wünsche und der ich glücklich, zufrieden und mit einem gesunden Maß an Traurigkeit und Melancholie leben kann. Ich kann laut mit allen meinen Anteilen kommunizieren ohne Angst vor dem Arzt, ich darf wütend sein und auch einmal zicken - bei Beschwerden von aussen sage ich einfach: "Es gibt mich nicht, und Du bist völlig bekloppt, wenn Du das Gegenteil behauptest!" GROßARTIG! Ich lege mich jetzt auf einen Balkon, der nur in meiner Phantasie vorhanden ist und lasse mich von einer gedachten Sonne wärmen. Und weil ich meine Welt so bauen kann, wie ich will, mache ich den Balkon zum Strand und das Wasser zu Bier.
Bin dann mal weg...