27 Juni 2007

UND ICH WERDE GENAU DA ANKOMMEN, WO ICH HIN WILL!!!

Dankbarkeit

Noch heute nachmittag habe ich gesagt, dass ich vor nicht ganz so langer Zeit für sehr vieles dankbar gewesen sei und jetzt Schwierigkeiten hätte, diese Dankbarkeit zu spüren.

Ich spüre sie. Ich spüre mich. Und das verdanke ich Menschen, die mich sein lassen. Die mir zeigen, dass ich gut bin. Im besten und wahrsten Sinn dieses Wortes. Menschen, die mir vertrauen. Die mich mit all meinen Schwächen, Problemen und Defiziten annehmen und mir sagen, dass es okay ist.


Anja, danke für Zuhören, Wertschätzung, Spazierengehen, Verständnis und Mutmachen! Jens, danke für Zurechtrücken von Perspektiven, eine innige Umarmung, für Verständnis und wunderschöne Fotos. Jasmine, danke für Deine Willkommensworte, die mich zum Weinen gebracht und mich in dem bestärkt haben, was ich tun werde! Ich habe sie in meinem Herzen! Thomas, danke dafür, dass Du weißt, "wie ich ticke" und mich trotzdem magst! Danke für die Antworten! Eva, danke für extrem schmerzhaftes Herumdrücken an meinen Schmerzpunkten, mehr aber noch für den Hinweis, dass nicht der Adressat meiner Liebe wichtig ist, sondern die Tatsache, dass ich diese Liebe empfinden kann! Und danke für die Umarmung! Sharon, danke fürs Zuhören, für Deine Zeit, Deine Freundschaft und für Dein Verständnis! Ich freue mich darauf, Dich am Sonntag zu sehen! Sven, danke, dass Du einen Termin verschoben hast, um mich zu trösten, danke, dass Du findest, ich sei gut so, wie ich bin, und danke dafür, dass Du mich um meine Mutter/Deine Immernochschwiegermutter kümmerst! Ich freue mich auf Dich!


Heute kann ich wieder spüren, dass ich reich bin. Ich kann lieben, auch wenn es schmerzhaft ist, wenn ich das Gefühl habe, dass meine Liebe zurückgewiesen wird, aber es ändert nichts daran, dass ich es kann. Es gibt eine Menge Menschen, die mich schätzen, unabhängig von dem, was ich leiste. Ich darf sein, wer ich bin und werde trotzdem angenommen.


Christel, danke für Deine Fürsorge und die Einladung! Heike, danke für Hühnersuppe, Verständnis und Dasein! Sarah, danke für Einsatz und Spaß an dem, was Du tust! Silke, danke für Deinen Einsatz! Sylvia, danke für mehr als nur Lesen, Verstehen und Zuhören! Silke, Du wirst immer meine beste Freundin sein!


Ich bin unglaublich stolz darauf, Euch alle in meinem Leben zu wissen! Und dann gibt es da noch einen Steinbock Baujahr 1922, dem ich besonders viel zu verdanken habe und der nie im Internet unterwegs ist. Ich liebe diesen Steinbock. Bin ja selbst nichts anderes als ein Steinbock mit Dauerwelle...

Alle, die ich gerade nicht erwähnt habe, mögen mir verzeihen. Sie sind entweder nicht wichtig genug oder müssen selbst herausfinden, wie wichtig ich ihnen bin...

25 Juni 2007

Wolken und Schäume

Da sind Wolkenschlösser über meinem Kopf. Der Himmel leuchtet in Farben, die man nicht käuflich im Baumarkt erwerben kann. Schön ist es. Free your mind, and we'll have a beautiful night! Würde ich gern. Wirklich. Aber my mind ist gerade nicht free, es ist gefangen. Ich kann nicht einmal sagen, ob ich der Prinz bin oder die Prinzenanwärterin. Geht es leichter? Ruhiger? Könnte es schöner anzusehen sein?

Die Wolken sehen aus, als hätte sie jemand gegen den Strich gebürstet. Wer war das? Ich wäre gern dort oben. Wolke zu sein ist möglicherweise sogar schöner als Leiche, Amöbe, Gabelweihe. Die kleine Meerjungfrau wurde Schaum auf den Wellen.

Was wünschte ich mir?

Prinzen sind gelogen. Prinzessinnen auch.

Gerade habe ich erfahren, dass es nicht nur keine Prinzen gibt, sondern auch keine Prinzessinnen. Alles gelogen. Die tun nur so, als ob. Egal, ob Männlein oder Weiblein. Üble HerzensbrecherInnen sind sie, die vermeintlich Geadelten! Und in echt sind sie nichts weiter als glubschäugige Frösche!

Vor langer, langer Zeit, als ich noch das Gefühl hatte, Frau meiner Sinne zu sein, habe ich viel über Dankbarkeit und Glück und Lachen geschrieben. Möglicherweise hatte ich damals eine Idee von Glück. Von Vertrauen. Von Sichselbstheilenkönnen. Blödsinniger Schwachsinn war das.


Was gibt es? Wolken, die von der Sonne beschienen werden und so tun, als könnte es morgen schönes Wetter geben, das ich aber überhaupt nicht haben will, weil es nicht paßt. Regen will ich, Wolkenbrüche, Donner und Blitz, einen schwarzen Himmel, Zerstörung!

Und es gibt Vögelgezwitscher, das ich genießen könnte, wenn ich könnte. Es gibt Regentropfen auf meinem Dachfenster, die Ähnlichkeit mit meinen Tränen haben.

Es ist erstaunlich, wie die Perspektive wechseln kann. Gleichgültig, ob es um Angst geht, um Trauer, um Sehnsucht, blauen Himmel, Freundschaft, Liebe, Gehaltenwerdenwollen. Heute noch in Sicherheit, morgen im Nirwana der eigenen Gedanken.

Wenn ich aus meinem Dachfenster nach oben schaue, sehe ich noch immer den Himmel. Aber ich sehe ihn anders.
Ich sehe die Fliegenscheiße auf dem Glas. Sehe die einsame Nachbarin. Bin mir der Tatsache bewußt, dass der längste Tag vorbei ist. Fühle nicht mehr das, was ich gefühlt habe in Phasen der Dankbarkeit.

Was hat sich geändert? Nichts. Alles. Ich werde mir bewußt. Ist nicht wenig. Ist, ehrlich gesagt, sogar zuviel. Ich töte Tränen. Lasse sie gnadenlos ersaufen in einem Meer von Gleichgesinnten. Lebe und spüre all meine Angst. Ist groß. Angst essen Seele auf, heißt ein Film des ebenfalls von Angst geplagten R.W. Fassbinder. Keine Ahnung, worum es in diesem Film ging, aber den Titel verstehe ich. Meine Seele wird gerade gebraten.


Eigentlich ist nichts anders in meinem Leben. Außer mir. Eigentlich ist mein Leben so wie immer. Fast. Eigentlich könnte ich das Blau zwischen den Wolken sehen. Eigentlich.

Das Märchen vom Prinzen, der nicht lachen und nicht weinen konnte

Es war einmal ein kleiner Prinz, der lebte zusammen mit seinen Eltern und Geschwistern in einem sehr großen und mächtigen Königreich. Leider war der Prinz sehr oft allein, weil seine Eltern viel regieren mussten. Seine Geschwister waren schon groß und hatten nicht immer Lust, mit ihm zu spielen. So stromerte der kleine Prinz im Schloss umher, unterhielt sich mit der Dienerschaft und den anderen Königen und Adligen, die manchmal zu Besuch kamen. Alle mochten ihn gern, denn er war ein sehr freundlicher und hilfsbereiter kleiner Prinz, vor allem aber war er für sein Alter schon sehr vernünftig. Der König und die Königin liessen ihm viele Freiheiten, weil sie wussten, dass er ihr Vertrauen nicht missbrauchen würde. So hätte er ruhig und in Frieden mit sich und der Welt aufwachsen und irgendwann einmal mit der Prinzessin seines Herzen ein glückliches Leben führen können. Immerhin war er in der Thronfolge erst der Dritte und brauchte keine Sorge haben, einmal regieren zu müssen.


Eines Nachts aber sollte sich alles ändern. Der kleine Prinz lag seit Stunden in seinem Bettchen und schlief tief und fest, bis er auf einmal einen fürchterlichen Albtraum hatte. Als er erwachte, konnte er sich zwar nicht mehr an den Traum erinnern, hatte aber immer noch sehr große Angst. Also tapste er im Dunkeln (die Kerzen waren schon vor langer Zeit heruntergebrannt) los, um seine Eltern zu suchen und vielleicht im königlichen Ehebett Unterschlupf und Trost zu finden. Doch der König und die Königin waren noch gar nicht im Bett. Ausgerechnet an diesem Abend gaben sie ein großes Fest, zu dem alle wichtigen Adligen angereist waren, manche aus großer Entfernung. Das hatte der kleine Prinz in seiner Angst jedoch ganz vergessen, und so setzte er sich weinend auf die große Freitreppe des Schlosses und wartete darauf, dass seine Mutter käme, um ihn in die Arme zu schließen.


Nach langer, langer Zeit, der kleine Prinz war inzwischen völlig durchgefroren, ging die Königin tatsachlich zufällig vorbei, sah ihren weinenden Sohn, streichelte ihm kurz über den Kopf und sagte: "Mein armer Schatz, ich weiß zwar nicht, was Dich traurig macht, und Du tust mir auch leid, aber Du musst Dich um Dich selbst kümmern. Ich habe heute abend überhaupt keine Zeit. Du siehst ja, was los ist im Schloss."


Der kleine Prinz, der sehnsüchtig die Arme nach seiner Mutter ausgestreckt hatte, zog sie wieder zurück, legte sie um sich selbst und weinte. So saß er die ganze Nacht auf der Treppe, die Tränen flossen und wollten überhaupt nicht weniger werden. Und während dieser langen Stunden verhärtete er sein Herz. Niemals wieder sollte sein Wunsch nach einer tröstenden Umarmung so enttäuscht werden! Niemals wieder wollte er sich so zurückstoßen lassen! Niemals wieder wollte er eine solche Nacht verbringen müssen! Nein, von heute an würde er alle seine Gefühle für sich behalten, und niemand sollte jemals wieder eine Träne oder ein Lächeln von ihm bekommen.



So wuchs der kleine Prinz zu einem großen Prinzen
heran. Der König und die Königin merkten zunächst nichts von der Veränderung, denn sie waren noch immer sehr beschäftigt mit dem Regieren. Einzig die Dienerschaft spürte, dass etwas anders war. Der Prinz half zwar noch immer aus, wenn seine Hilfe gebraucht wurde, er war noch immer freundlich zu allen, aber er schien nicht mehr mit dem Herzen dabei zu sein.

Eines Tages nahm eines der Stubenmädchen all seinen Mut zusammen und bat um eine Audienz beim König, die ihm auch gewährt wurde. "Herr König, etwas ist mit Eurem jüngsten Sohn nicht in Ordnung." sagte sie schüchtern. "Er scheint recht traurig zu sein, und an nichts mehr recht Freude zu haben. Schon lange hat ihn niemand von uns mehr lächeln sehen. Vielleicht könnt Ihr einmal mit ihm reden?"


Der König besprach sich mit seiner Gemahlin, die zwar gespürt hatte, dass etwas anders war mit dem kleinen Prinzen, sich aber wegen der schwierigen Regierungsgeschäfte nicht darum hatte kümmern können. Sie beschlossen, eine kleine Regierungspause einzulegen und nach ihrem Sohn zu sehen. Gemeinsam betraten sie die Gemächer des Prinzen, um mit ihm zu reden.


"Mein lieber Sohn," begann die Königin das Gespräch, "uns ist zu Ohren gekommen, dass Du Dich verändert haben sollst, und auch ich habe das Gefühl, dass etwas nicht in Ordnung ist. Willst Du uns nicht Dein Herz ausschütten?" "Liebe Frau Mutter, lieber Herr Vater, mir geht es gut!" antwortete der Prinz. "Es gibt überhaupt keinen Grund zur Sorge. Geht beruhigt wieder an Eure Regierungsgeschäfte." "Aber lieber Junge, wir sehen doch, dass Du nicht mehr der Gleiche bist wie früher!" sagte der König. "Du bist nicht mehr so ausgelassen, und Dein Lachen haben wir schon lange nicht mehr gehört." "Mein Lachen hättet Ihr auch nicht gehört, wenn ich einen Grund zur Freude gefunden hätte! Ihr wart doch viel zu beschäftigt in all den Jahren! Ich lache und weine jetzt seit fast fünfzehn Jahren nicht mehr, und erst heute kommt Ihr, um mit mir darüber zu reden? Jetzt brauche ich Euch auch nicht mehr, geht zurück in Euren Thronsaal!" rief der Prinz wütend. "Ich werde nicht mehr lachen und nicht mehr weinen, also könnt Ihr tun, was Ihr während der letzten Jahre auch getan habt. Lasst mich in Ruhe!"


Obwohl seine Rede sehr respektlos war, dachten seine Eltern überhaupt nicht daran, den Prinzen zu bestrafen. Sie waren sehr traurig und auch schuldbewußt, dass sie sich sowenig um ihren Jüngsten gekümmert hatten. Aber sie wollten versuchen, ihm zu helfen.

Also liessen sie im Land die Nachricht verbreiten, dass sie eine Frau für ihren jüngsten Sohn suchten. Sie brauchte nicht von Stand oder ein Mitglied des Hochadels zu sein; die einzige Bedingung war, dass es ihr gelang, den Prinzen zum Lachen und zum Weinen zu bringen.


Da der Prinz ein sehr liebenswerter und gutaussehender Mann war, reisten die Kandidatinnen von weither an, um ihr Glück zu versuchen. Doch keine hatte Erfolg. Er scherzte zwar mit den Mädchen, manch eine konnte ihm auch einen Kuss stehlen, doch zum Lachen, geschweige denn zum Weinen brachte ihn keine.

So ging es einige Jahre, bis auch das letzte Mädchen aus der hintersten Ecke des großen Königreiches erfolglos wieder nach Hause zurückgekehrt war. Der Prinz blieb allein, er lachte nicht, und er weinte nicht. Allerdings wurde er immer unglücklicher, denn eigentlich wünschte er sich nichts sehnlicher, als wieder fühlen, von Herzen lachen oder laut schluchzen zu können. Aber er hatte zuviel Angst, dass er ein weiteres Mal zurückgewiesen werden würde.

Und so setzte er sich wieder auf die Treppe, schlang die Arme um sich und blieb sitzen. "Wenn ich nicht fühlen kann, hat das Leben doch gar keinen Sinn." dachte er bei sich.



Auch ich hatte vom Unglück des Prinzen gehört und war eines Tages von weither in das Königreich gereist, um nach ihm zu schauen. In dem Moment, in dem ich ihn zum ersten Mal sah, verliebte ich mich in den Prinzen. Aber ich hatte große Angst davor, ihm nicht helfen zu können und wieder davongejagt zu werden. Also setzte ich mich nur neben ihn auf die Treppe, ohne etwas zu sagen oder zu tun. Vielleicht würde er mich irgendwann bemerken und das Wort an mich richten. Ganz egal, was geschehen würde, ich war in seiner Nähe, konnte ihm meine Gedanken schenken und all meine Liebe, auch wenn er mich nicht denken hören und meine Liebe nicht spüren konnte. Nachts war es kalt, manchmal regnete es, doch ich blieb neben dem Prinzen sitzen und wärmte mich mit dem Gedanken, wie ich seine Hand halten würde, wenn er mich liesse.



Gern würde ich erzählen, dass der Prinz eines Tages den Kopf hob, mich ansah, lächelte und weinte und wir glücklich bis ans Ende unserer Tage lebten, einander liebten und fühlten!

Aber das wäre gelogen. Ich sitze noch immer neben ihm auf der Treppe. Er sieht mich nicht.

24 Juni 2007

Aufzeichnungen einer Möchtegernamöbe

Kann mich nicht so recht von Sternen und Prinzen lösen. Sind sie wirklich alle getürkt? Gibt es möglicherweise gar keine Prinzen, und schon gar keine Prinzen auf Sternen? Und sind auch all die Sterne nur eine Ausgeburt meiner gestörten Phantasie? Vielleicht gibt es wahre Liebe ja nur zwischen Hunden und Katzen? (Sylvia, danke für das schöne Foto!) Vielleicht nur zwischen nicht-denkenden Wesen? Amöben? Lieben sich Amöben? Und wenn, wie machen sie das? Lachen sie miteinander? Haben sie einfach nur Spaß, ohne an später zu denken oder den Wochenrhythmus zu planen? Praktizieren sie Safer Sex, oder ist ihnen Aids scheißegal? Darf man im Netz "scheißegal" sagen, oder wird man dann gleich von Schäubles Schergen (auch ein schönes Wort) als verdächtig eingestuft? Egal. Soll er. Ich bin eine absolut unverdächtige, schlecht bezahlte, diesen Staat zwangsweise mit meinen Steuergeldern unterstützende Freiberuflerin, habe keine Waffen und keinerlei Affinität zum Islam. Bin eine Gute. Wirklich. Wenn es solche Volltrottel wie mich nicht in großer Zahl gäbe, hätte Frau Merkel möglicherweise keine S-Klasse, sondern nur einen Dacia. Ohne alles.

Aber ich war bei Liebe. Liebe zwischen Amöben. Lieben sich Amöben? Wirklich? Oder waren Amöben diese höchst vernünftigen Tierchen, die sich ohne Sex und damit vollkommen stressfrei fortpflanzen? Die weder Swingerclubs, noch Unlust, noch mangelhaftes Selbstvertrauen kennen, weil sie nur sich selbst kennen und vögeln?

Darf ich bitte im nächsten Leben eine Amöbe sein?

Oder Sand am Red Beach?

Eine Gabelweihe? (Heissen die heute noch so? Ich meine die relativ kleinen Raubvögel, die einen zweigeteilten Schwanz haben. Heisst das bei Vögeln überhaupt "Schwanz"? Egal. Hintenrum haben sie sowas wie eine Gabel am Imbissstand. Ordnungsgemäß mit 3 s geschrieben. Die Erfinder der neuen deutschen "Recht"schreibung wären sicher stolz auf mich. Philosophieren werde ich aber auch weiterhin mit ph.

Vielleicht möchte ich im nächsten Leben aber auch einfach tot sein. Leichen haben ihre Ruhe, vorausgesetzt, sie haben ihre sterblichen Überreste nicht der Wissenschaft gewidmet. Würde ich ohnehin nicht tun. Und sie würden mich nicht wollen. Nicht mit der Leber. Die gibt echt nix mehr her.

Schon wieder ein Stichwort. Vor ungefähr 20 Jahren (vielleicht waren es auch nur fünfzehn) schickte mir der Bertelsmann-Buch-Club als Vorschlagband (die bekommt man immer dann, wenn man während eines Quartals nicht den Weg in den Laden gefunden hat) "Monolog einer Trinkerin". Heute habe ich angefangen, dieses Buch zu lesen. Diese Dame hat interessante Mechanismen, und sie beschreibt sie so, wie ich sie am "Morgen danach" ebenfalls beschreiben würde. Es würde mich brennend interessieren, ob sie Fiktion, der Roman eine Selbstbeschreibung
und sie inzwischen ein bekennendes Mitglied der Anonymen Alkoholiker ("Guten Tag, mein Name ist X, und ich bin Alkoholikerin.") ist oder ob sie immer noch weiter säuft. Wie geht es Ihrer Leber, verehrte Schriftstellerin?

Bin schon wieder zynisch. Sollte ich nicht sein. Empathisch wäre besser.

Aber möglicherweise gilt der Zynismus meiner Person. Möglicherweise bin ich ein ganz klitzekleines Bisschen angepisst ob der Tatsache, dass ich in einem Alter, in dem mich männliche Menschen unter dreissig siezen, noch immer nicht in der Lage bin, mich in einem Leben, das ich selbst kreiert habe, zurecht zu finden. Vielleicht mag ich mich gerade nicht und bin deswegen zynisch. Wen genau mag ich gerade nicht? Die kleine Fünfjährige mit Verlustängsten? Oder die Große, die zu dämlich ist, sich so zu organisieren, dass sie unabhängig sein kann? Die dusselige Kuh, der eine Erfahrung nicht reicht, sondern die sich bis zum Gehtnichtmehr die Kante geben muss?

Fühlte ich mich unzensiert, fielen mir noch mehr Persönlichkeitsanteile ein, die ich nicht mag. Sage ich aber nicht. War bei Amöben stehen geblieben und bei dem, was ich im nächsten Leben sein will. Tot. In Ruhe. Gerne auch von Würmern angefressen. Bin ja tot, ist mir also scheißegal. (Herr Schäuble, ich bitte vielmals um Entschuldigung für die zweite Scheiße in diesem Blog. Bin aber immer noch eine Gute Doofe. Echt.) Auf gar keinen Fall möchte ich Katze, Gehirnzelle oder Igel sein. Echt nicht.

Die werden von Autos totgefahren oder totgesoffen.

Irrwege einer Träne

Sie hatte sich versteckt, irgendwo im Winkel des rechten Auges, wollte nicht hervorkommen, nicht gesehen werden. Vor lauter Anstrengung, sich zu verbergen, hatte sie schon beide Augen gerötet. Trotzdem war sie entschlossen, sich nicht zu zeigen, denn Hunderte würden ihr folgen, und das konnte sie nicht verantworten.

Außerdem wußte sie, dass sie sterben würde in dem Moment, in dem sie das Auge verliesse. Sie würde an der Wange hinunterlaufen, vielleicht noch am Hals, aber dann würde sie irgendwo in einem Stück Stoff versickern. Und damit verschwunden sein.

Tränen haben es nicht leicht in diesem Leben. Zeigen sie sich, stellen sie ihre Besitzer bloß. Verstecken sie sich, sterben diejenigen, die sie nicht weinen dürfen, irgendwann an gebrochenem Herzen. Werden sie jedoch geweint, gehen sie gleich zu Tausenden verloren. Und werden nie wieder gefunden. Sie haben ein kurzes Leben. Ich weine sie trotzdem.

Diese spezielle Träne wird in einem Strom von anderen untergehen, und wenn sie viel Glück hat, endet sie als durchweichtes Tempo. Eines von vielen. Immerhin, sie wird nicht einsam sterben. Das kann nicht jeder von sich behaupten, der schon tot ist.

22 Juni 2007

Der Balkon

Vor langer, langer Zeit ging ich eine Straße entlang. Es war ein später Abend im Sommer, die Sonne hatte noch viel Wärme, es war unglaublich schwül, aber trotzdem sehr schön. Mittsommerlich. Ich war auf dem Weg nach Hause, um dort ein paar ruhige Stunden zu verbringen, vielleicht das eine oder andere Bier zu trinken und noch ein wenig auf meinem Balkon in der Spätabendsonne zu sitzen, bevor die Arbeit des nächsten Tages begonnen werden wollte.

Auf der Höhe eines alten Hauses, Sandstein und furchterregende Skulpturen an den Giebeln, hörte ich ein Schluchzen. Ich schaute nach oben, dort war ein Balkon, ebenfalls Sandstein mit schmiedeeisernen Gittern. Zu sehen war nichts, aber das Schluchzen kam eindeutig von dort oben.
Ich blieb noch eine Weile stehen, weil diese Geräusche derart herzzerreissend waren, dass ich es nicht über meines gebracht hätte, einfach weiter zu gehen. Aber ich konnte die Person, die da hörbar litt, nicht sehen. Also setzte ich nach einiger Zeit meinen Heimweg fort.

Trotzdem konnte ich meine Gedanken nicht von diesem Schluchzen lösen. Ich machte mir ein Bild von ihr (für mich war es eine Sie, Männer weinen selten, und wenn, lassen sie es möglichst niemanden hören oder sehen), und ich sah eine Frau, wie ich es bin. Durchschnittlich begabt, durchschnittlich aussehend, normal intelligent, nicht wohlhabend, allein lebend. Vielleicht hatte sie ein paar Locken, vielleicht ganz kurzes Haar, gleichgültig.

Vielleicht hatte sie jemanden erwartet, hatte sich sogar darauf gefreut, diesen Jemand zu sehen. Aber JEMAND hatte abgesagt. Und so saß sie allein auf diesem Balkon, eine Flasche Bier in der Hand und genügend Vorrat neben sich, schluchzte und litt. Möglicherweise hätte sie einen schönen Abend haben können, wenn sie sich nicht so sehr auf diese besondere Person gefreut hätte. Vielleicht hätte sie Kamillentee getrunken nach einer langen und anstrengenden Woche statt literweise Bier. Vielleicht hätte sie gelächelt im Schlaf, statt betrunken ins Bett zu fallen. Vielleicht hätte sie eine Möglichkeit gesehen, glücklich zu werden, statt ferne Sterne zu suchen. Vielleicht wäre sie tanzen gegangen, statt auf ihrem Balkon zu weinen.

Ich kann nicht sagen, was aus dieser Person, die ich vor fast zwei Jahren weinen hörte, geworden ist. Ich wünsche ihr Glück. Niemand sollte weinen müssen. Niemand sollte traurig sein müssen. Niemand sollte sich zwingen müssen, "gut drauf" zu sein. Das Leben ist viel zu wertvoll, um es nicht zu leben. Es ist zu wertvoll, um es stehlen zu lassen. Es ist zu wertvoll, um es freiwillig hinzugeben.

Leben ist wert, darum zu kämpfen.

Wenn ich die Frau auf diesem Balkon wäre, würde ich kämpfen. Um Glück. Um Leichtigkeit. Um Liebe.
Und wenn ich dafür gegen jemanden kämpfen müsste, der mir all das verwehrt, könnte ich auch töten. Trotz meiner frischgewachsenen Locken.

19 Juni 2007

Der Stern - Rückschau

Da war dieses Mädchen, das sich in den Stern verliebt hatte und für diese Liebe zu sterben bereit war. Sie starb. Ihr Geist starb im Beisein des Sterns, und ihr Körper verließ das Leben in einem tibetanischen Kloster, hoch oben im Himalaya.

Wozu ihr Sterben gut war?


Zu nichts.


Und trotzdem hatte sie keine Wahl.


Blöd, oder? Sie hätte im Himalaya klettern können, wo sie schon einmal so weit gekommen war. Sie hätte Menschen aus Tibet kennenlernen und ihr Wissen in die westliche Welt tragen können. Sie hätte herausfinden können, dass das, was war, besser sein könnte als das, was hätte sein können. Sie hätte ihrem Geist einen anderen Weg zeigen und leben können, dankbar für das, was war.


Sie hat sich getötet.


Der Stern hat sie vergessen, kaum dass sie ihren letzten Atemzug getan hatte.

Vampirfutter

Ich sitze auf der Mole, habe mich bis an die beängstigend ans Meer heranreichenden Steine getastet, die Sonne geht unter, fast Mittsommernacht. Das Wasser ist ruhig, wie ein Spiegel, ich kann den Mond und die Sterne erkennen, die sich auf der klaren Oberfläche spiegeln. Bin ruhig, bin bei mir, nehme wahr, sehe, höre, fühle, rieche, schmecke. Sehe tausend Sterne am Himmel, höre das leise Flüstern der Wellen an den Steinen, fühle die kühle Luft auf meiner Haut, den Stein unter mir, fühle, was kommen wird, rieche Meer, schmecke Salz. Wenn ich zum Himmel hinaufblicke, sehe ich tausende von Sternen, wenn ich Richtung Land schaue, sehe ich "Das Fenster", den beliebtesten Platz in der Kneipe nach Mitternacht, und wenn ich in mich hineinhorche, weiss ich, dass all das nicht von Dauer sein wird.

Es gibt Vampire hier. Einer hat es auf mich abgesehen. Er kommt jede Nacht, schlägt seine Zähne in meinen Hals und trinkt ein kleines Bisschen von meinem Blut. Er tötet mich nicht, denn ich scheine so eine Art Speisekammer für ihn zu sein. Er will mich nicht tot sehen, will mir auch nicht die Unsterblichkeit seines Bisses verleihen, nein, so wichtig bin ich nicht. Nichts weiter als ein abgehangenes Stück Fleisch bin ich, das er am Abend vorfindet und von dem er kostet. Immer wieder.

Ich flehe ihn an, mich zu töten. Bitte ihn auf Knien, all mein Blut zu nehmen und mich würdig sterben zu lassen. Versuche eine Verhandlung - wenn er mich schon nicht von meinen nächtlichen Qualen erlöst, könnte er mich doch wenigstens zu einer der seinen machen.

Aber ich bin ihm genauso gleichgültig wie mir mein Leben war, bevor er es mir zu nehmen begann. Dass ich es jetzt anders schätzen könnte, glaubt er mir nicht. Inkongruent sei ich, sagt er. Also werde ich als Vampirvorratskammer enden, schwach, trauernd um das, was hätte sein können, aber lebend. Werde keine Sonne mehr sehen, den Wind nicht auf meiner Haut spüren, mich nicht mehr fühlen, Licht und Dunkelheit werden ihre Bedeutung verlieren. Ich werde sein, ohne zu sein. Werde atmen ohne zu leben. Werde traumlos schlafen ohne eine Hoffnung auf Erlösung. Werde nichts weiter tun als auf meinem Bett zu liegen und auf seinen Biss zu warten.

Alles, was mir bleibt, ist die Hoffnung auf seinen Durst.

13 Juni 2007

Gedanken an Robbie Williams

Hatte eigentlich heute angekündigt, für mindestens zehn Tage nicht bloggen zu wollen, weil ich an meinem NLP-Testing schreibe. Aber Robbie ist inspirierend, und MAN kann ja nicht immerzu nur arbeiten...

Kann MAN nicht. Sollte MAN nicht. MAN muss doch auch mal Spaß haben! Muss MAN. Echt. Ich definiere mich jetzt kurzerhand als MAN. Wer sollte das auch sonst sein, wenn nicht ich? Immerhin geht es gerade um mich und nicht um Gesinnungs- und Höflichkeitsphantome.


Also. Robbie. Was habe ich den Fernseher angeschmachtet, als ich noch einen hatte, wenn es Interviews, Konzerte, Specials, sonstige Berichte über ihn gab! (M)Ein besonderer Höhepunkt war das Interview mit Charlotte Roche. Die Dame hat es tatsächlich geschafft, ihn völlig aus dem Konzept zu bringen. Nachdem er dauernd von irgendwelchen Frauen, Figuren und Busen geschwafelt hatte, bot sie ihm an, ihren Milchbusen anzufassen. (Sie war damals frisch Mutter geworden und hat noch gestillt, und Robbie war ob dieses Angebots mehr als nur irritiert.)
Nein, ich war niemals suizidgefährdet, als er sich von Take That getrennt hat; dafür war ich denn doch ein paar Tage zu alt.

Aber heute? Bin weit davon entfernt, ein Groupie zu sein, und trotzdem habe ich mich das eine oder andere Mal bei der Idee ertappt, seine Seele retten zu wollen. Zur Sekunde läuft "Feel" in meinem CD-Player. Er ist authentisch. Er ist unglücklich. Er ist Alkoholiker. Er ist Entertainer. Er ist unglaublich kreativ, exzessiv, depressiv, attraktiv, massiv gestört, denke ich.

Und trotzdem. Ich habe mir den Zorn meines Liebsten zugezogen, weil ich nicht mehr ansprechbar war, sobald Robbie im Radio, Fernsehen oder auf CD auftauchte. Habe ihn angetrieben, es doch etwas angestrengter anzugehen mit dem Berühmtwerden (Lieber Frosch, bitte vergiss das - so, wie Du es machst, ist es großartig!), bin in debiles Grinsen verfallen, wenn mir Freundinnen von ihren Konzertbesuchen erzählten. Fan halt. Irgendwie aber auch nicht. Ich habe kein Poster, keine Fotos in meiner Brieftasche, ein Autogramm wollte ich niemals haben, und 100 € für ein Konzert wären mir auch zu teuer. Aber trotzdem.

Robbie hat wichtige Phasen in meinem Leben begleitet. Bei "Angels" habe ich meiner kleinen Katze gedacht, Lätzchen hieß sie, war sehr lebenslustig, verspielt und vertrauensselig und ist vom Hund des Nachbarn totgebissen worden, der sich damit noch in der Umgebung gebrüstet hat. Er lebt noch. Der Nachbar. Leider. Friede sei mit ihm, und möge er in der Hölle schmoren, wenn es soweit ist. "Feel" hatte ich auf Kreta in meinem Ohr, andauernd, egal, ob ich gelaufen bin, am Strand gelegen oder auf meinem Balkon gesessen habe. Es hat dem letzten gemeinsamen Urlaub den Arsch gerettet, weil ich mich daran festhalten konnte. "It was a very good year" habe ich oft in der Badewanne gehört, über das Altern, die Vergangenheit und die Zukunft philosophiert und dabei Robbie und Frank Sinatra gleichzeitig genießen dürfen. "I come undone" war und ist eine Art Kampflied für mich, ähnlich wie "I wanna love somebody" auf der gleichen CD. Ich singe es laut mit, wenn ich es beim Laufen im MP3-Player habe, im Radio, wo auch immer. Ganz besonders die Stelle "Let's selling razorblades and mirrors in the street" hat es mir angetan. Ich mag aber auch "I'm not afraid of dying, I just don't want to." (EnglischkennerInnen mögen mir eventuelle Fehler verzeihen.) "I will talk and Hollywood will listen" ist mein Silvestermotivations- und Ich-weiss-dass-ich-es-kann-Lied. Und dann gibt es noch "Tripping" und "Advertising Space", die mich sehr berührt haben. "Rudebox" fand ich experimentell, wäre aber niemals auf die Idee gekommen, Robbie deswegen anzugreifen. Er hat etwas anderes probiert, und das ist gut so! Unwahrscheinlich, dass er den Blog einer deutschen Durchschnittshoppse liest, falls aber doch: "Robbie, diese CD ist großartig, weil sie mutig ist! Lass Dir nichts anderes einreden! Du hast genug Geld, um experimentieren zu können, und von mir aus kannst Du gern weitermachen. Ich würde mir wünschen, dass Du nicht mehr ganz soviel trinkst; aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es zwar kreativitätsfördernd, aber auch bauchweherzeugend ist, und dass MAN sich am nächsten Tag am liebsten mit Anlauf in den Hintern treten möchte. Also lass es. Und geh nicht in diese albernen Kliniken. Ruf mich an, ich könnte Dich coachen! I can not promise that I can heal you, but if you want to, I will try. Echt."

Eine Freundin von mir hat sogar schon einmal in Hamburg auf der Straße geschlafen, um noch an Karten zu kommen. Das würde ich nicht machen. Ich liebe ihn von hier aus und kaufe mir die jeweils neuesten CDs. Ich würde sie nichtmal brennen lassen, nein, ich will das Original!

Zusammengefasst: Lieber Robbie, ich danke Dir für die Untermalung größerer Teile meines Lebens, wünsche Dir nur das Beste und hoffe, dass Du Dich weder vom Alkohol noch von Take That unterkriegen lässt. Und ruf mich jederzeit gern an!

06 Juni 2007

Blicke



Dein tiefer Blick

erreicht meine Augen,


wandert von dort


direkt ins Herz.


Ob ich Dich dort halten kann?


Wunschträume.






Niemals


hast Du


mich berühren können.


Und doch erweckst Du


Unbehagen.






Warten


auf Dich.


Die Augen schließen


in der Hoffnung auf


Zweisamkeit.

Echt wahre und ehrliche Wahrheiten

Ich bin, wie ich bin, und darum geht es nur so und nicht anders. Sternzeichen sind so. Ganz bestimmte Sternzeichen haben ganz bestimmte Eigenschaften. Ich auch. Nicht so ganz typisch, wie behauptet wird, aber möglicherweise sind Ähnlichkeiten vorhanden. Verhaltensweisen scheinen sich zu wiederholen. Tun sie manchmal auch, aber manchmal hat das überhaupt keinen nachvollziehbaren Grund.

Merken Sie etwas? Nicht? Oder doch? Für die Nichtmerker: Ich versuche gerade, sehr viel auszusagen ohne dabei irgendjemandem auf die Füße zu treten. Scheine reflektiert, während ich doch nur mit Wörtern um mich werfe. Aber das kann ich gut. Mit Wörtern werfen. Reflektiert sein auch, aber diese Fähigkeit setzt manchmal verspätet ein. Was nicht wesentlich ist. Bin so, wie ich mich jetzt ausdrücke, auf der sicheren Seite, denn ich sage überhaupt nichts.


Ist das spannend zu lesen? Haben Sie das Gefühl, es könnte Ihnen etwas entgehen, wenn Sie Ihren PC wieder ausschalten? Sind Sie berührt? Nicht? Seltsam.


Dies wäre doch endlich einmal eine Möglichkeit, nicht nur zu schreiben, ohne irgendjemandes Befindlichkeiten zu ignorieren, da es keinerlei Befindlichkeiten treffen wird, sondern auch Angela Merkel nahe zu sein. Reden, ohne etwas auszusagen. Andere PolitikerInnen tun das auch, trotzdem ziehe ich meinen Hut vor allem vor unserer Kanzlerin, die diese Fähigkeit perfektioniert hat und so unangreifbar zu sein scheint. Ist sie ohnehin, hinter 12 Millionen teurem Stacheldraht, in Heiligendamm, aber wenn sie und ihr Tross eines Tages das 27-Sterne-Kempinski verlassen, werden sie noch immer unangreifbar sein. Sie werden ein Protokoll verfasst haben, das auf den ersten Blick ein Kompromiss zu sein scheint, auf den zweiten aber den sicheren Tod sämtlicher Eisbären, Buckelwale und vieler anderer Arten bedeuten wird. Egal. Wenn die Eisbären kläglich verrecken, weil es keine Nahrung mehr gibt und sie keine Möglichkeit zu jagen mehr haben, leben Merkel und Co. möglicherweise nicht mehr. Und das mit den diversen Arten, die es heute schon nicht mehr gibt, hat doch auch keiner gemerkt, oder?

Da bin ich gerade auf das Heftigste abgeschweift. Ich bin zwar keine Globalisierungsgegnerin, aber global sollte es eigentlich nicht werden. Mir geht es um meine persönliche Kommunikation, und ich frage mich, warum ich mit bestimmten Formen der Kritik so schwer umgehen kann, dass ich beschließe, fortan so wenig wie möglich zu zeigen. Lieber Aal als angreifbar. (Hieße es politisch korrekt "Aalin"??). Ist wahrscheinlich auch das Prinzip von Angela Merkel. Ich würde allerdings auf gar keinen Fall Kanzlerin sein wollen. Da muss man dann auf einmal pinke Kostüme tragen und dauernd zum Friseur rennen, damit man auch mit Helm und blöde grinsend aus dem Cockpit eines Kampfjets noch fotogen bleibt.

Schon wieder abgeschweift. Ich sollte bei den Kakerlaken bleiben, da war ich hochkonzentriert. Empathisch. Kreativ.

Empathisch. Mitfühlend. Aber eben nicht vorwegfühlend. Fürsorge kann erdrückend sein, wenn sie eher dem Selbstzweck zu dienen scheint. Kein Zusammenhang? Ich sehe ihn, aber ich verrate es nicht! Will niemandem auf die Füße steigen.

Themawechsel. Es ist warm, die Sonne scheint, genau die richtige Temperatur. Bin trotzdem gedämpft. Gedämpft ist aber auch irgendwie warm, oder? Wann mag der Zeitpunkt gekommen sein, ab dem ich den Sommer genießen kann? Nein, das habe ich gerade nicht geschrieben, ist viel zu persönlich. Nochmal. Es ist warm, die Sonne scheint, genau die richtige Temperatur. Es geht mir gut. Mir ist warm, ich genieße den Frühsommer. Besser. Die euphorische Version? Es ist göttlich warm, die Sonne scheint von einem strahlend blauen Himmel, die Temperatur ist perfekt. Es geht mir großartig. Mir ist angenehm warm, ich liebe jedes Wetter; der heutige Tag jedoch war wunderschön. Ich genieße jede Minute meines Lebens, wach oder schlafend. Genau richtig. Nichts preisgegeben, aber toll motiviert.

War das jetzt Satire? Nö. Was war es dann. Blödes Rumgelaber.

05 Juni 2007

Verbale Kollateralschäden

Sprache ist etwas Großartiges, denn ohne sie würden wir uns möglicherweise angrunzen. Andererseits - wenn ich Ihnen etwas sage, kommen in der Regel 7% Inhalt an; den Rest entnehmen Sie meiner Gestik, Mimik und Tonalität. Grunzlaute würden also nicht viel am Verständnis ändern, vielleicht wären sie sogar effektiver.
Das Problem ist, dass diese Tatsache den wenigsten Menschen bekannt ist, und darum sind sie der Überzeugung, dass alles, was sie verstanden zu haben glauben, auch das ist, was gesagt wurde.

Ein Beispiel: X erzählt mir, dass ihre Freundin Y möglicherweise schwanger ist von einem Mann, mit dem sie eigentlich nicht liiert ist. X drückt mit ihrem Körper, ihrem Gesicht und ihrer Wortwahl absoluten Widerwillen aus. Ich bin voreingenommen gegen Y, denn X ist mir näher, und darum verwerte ich nicht den Inhalt des Gesagten (Da ist jemand schwanger von jemand, der nicht in der gemeinsamen Wohnung wohnt.), sondern BEwerte ihn, ganz im Sinne von X.
(Nein, niemand in meinem Bekannten- oder Freundeskreis ist schwanger, ich auch nicht, das ist nur ein Beispiel!)

Ein anderes Beispiel: H beschreibt, ganz subjektiv, ein paar Menschen, die er beobachtet hat und deren Verhalten er interpretiert. Das sagt er auch. Trotzdem wird möglicherweise der/die eine oder andere ZuhörerIn ihm vorwerfen, er hätte da eine ganz Volksgruppe diskriminiert. Dabei wollte H nichts anderes, als seine Eindrücke auf möglichst humorvolle Weise unter das Volk werfen.

Noch ein Beispiel: Gestern habe ich geschrieben, dass der Averna sprudelt. Das war gelogen. Averna sprudelt nicht. Er fließt. Und es war ja auch überhaupt kein Averna, der da nicht sprudelte. Wörtlich habe ich geschrieben: "Es sprudelt vor Geschichten. Der Averna sprudelt auch." Für mich war klar, dass ich keinen Averna trinke, sondern eine Imitation, die ebensowenig sprudelt wie das Original, dass ich irgendwann im Laufe des Abends müde werden würde und mir die Avernakopie bei dem einen oder anderen Gedanken ein ganz kleines Bisschen geholfen hat.
Eine Person, die schlechte Erfahrung mit Alkohol gemacht hat, würde überhaupt nicht auf die Idee kommen, dass dieser eine nette Geschichte hervorgebracht haben könnte. Eine weitere Person, die möglicherweise irgendwann einmal mit einem Alkoholiker liiert war, würde sich schaudernd abwenden und mir vielleicht eine Nachricht des Inhaltes "Dies ist die Nummer der Anonymen Alkoholiker, ruf da mal an!" zukommen lassen. Auf jeden Fall würde sie mich fortan für eine Kranke halten.
Noch jemand anderes, der dem Alkohol in inniger Sympathie zugetan wäre (das ist Konjunktiv, will heissen, ich denke an niemand Bestimmtes!), hätte alles Verständnis der Welt, denn auch er würde es genießen, das eine oder andere Gläschen zu sich zu nehmen. Nur zur Entspannung, versteht sich.
Die Heilsarmee würde mich einkassieren. Die Polizei auch, denn die würde glauben, dass ich auch betrunken fahre.

Und? Habe ich irgendwann einmal erwähnt, dass ich mich betrunken hätte? Nein!

Fazit: Rede wenig, gestikuliere viel und vergewissere Dich IMMER, ob das, was Du sagen wolltest, auch das ist, was verstanden wurde. Unterlege Deine Worte mit der dazu passenden Mimik. Lächle (das ist immer gut und sehr beruhigend für die ZuschauerInnen). Sei nicht Du selbst, sondern stelle Dich auf Dein Gegenüber ein, frage Dich, was es verstehen soll. Schließlich würdest Du ja, wärest Du ein Auftragskiller, auch nicht einfach wild in der Gegend herumballern, sondern die Person, die Du umlegen sollst, auch suchen. Hier gäbe es keine Kollateralschäden, wenn alles gut läuft.
Und Du kannst dafür sorgen, dass es auch keine verbalen gibt: Erkläre einfach jedes Wort, achte auf Mimik und Gestik Deines Gegenübers, versuche herauszufinden, ob er/sie Dich auch wirklich so verstanden hat, wie Du verstanden werden willst. Sei auf gar keinen Fall Du selbst! Das funktioniert nicht, nein, Du musst Dich auf Deine GesprächspartnerInnen einstellen.

Das ist Dir zu blöd? Dann sei auf verbale Kollateralschäden, Unverständnis und Fettnäpfe in großer Zahl gefasst. Wirf Dich kopfüber hinein, lächelnd, sage "Uuups!" und genieße die kleinen Blutgerinnsel, die Du mit Deinen Worten verursacht hast - vielleicht führen sie ja zu neuer Wahrnehmung?
Und wenn nicht? So what!

04 Juni 2007

Dinge eben

Es gibt Dinge, die zu geschehen scheinen, ohne dass man einen Einfluss darauf hat. Wer ist "man"? Ich bin "man". Früher war es der- bzw. diejenige, die tat, worauf die Umwelt ein Anrecht zu haben glaubte: Ordentlich, höflich, verbindlich sein, auf Feiern gehen, die Lebenszeit gestohlen haben, weil es erwartet wurde, auf gar keinen Fall spontan, und bitte keine Witze!

"Man" heute abend ist irgendwie anders, keine Party, kein Spaß, aber Alkohol in ausreichender Menge. Deswegen ein ganz klitzekleines bisschen angetüttert, nichtsdestotrotz unglaublich kreativ. Es sprudelt vor Geschichten. Der Averna sprudelt auch. Natürlich ist das gelogen. Erstens sprudelt Averna nicht, und zweitens ist er zu teuer für schlichte Fitnesstrainerinnen. Mein Averna heisst anders. Aber das Eis ist das gleiche. Im Melitta-Beutel, Wasser rein und ab ins Gefrierfach.

Manchmal ist das Zehnfingerschreibmaschinensystem etwas lästig, MAN braucht nur einmal zu verrutschen, und der ganze Satz, die gesamte Aussage sind entstellt. Es geht mir nicht schlecht. Habe nur tausend Ideen im Kopf, die nicht realisierbar scheinen. Und an manchen Tagen scheinen die Träume eben nicht zu motivieren, sondern zu desillusionieren. Aber ich kann mich auf mein Gefühl verlassen. Gut so. Bin ich destruktiv? Nein, das war die Kakerlake! Andererseits - wenn eine Kakerlake sich erhofft, nicht nur Mensch zu werden, sondern auch die Liebe eines Blauäugigen gewinnen zu können, was könnte ich, die Kakerlakenhasserin, dann erreichen, wenn ich es nur endlich versuchte?

Ich wäre gern entspannt. Voller Vorfreude und Optimismus. Möglicherweise ist es aber besser, nur bis zum nächsten Fußtritt zu denken?

Destruktiv? Nein!

Und bei allem Verständnis finde ich Kakerlaken noch immer eklig.

Einsichten in das Leben und Sterben einer gomerischen Kakerlake

Diese Geschichte stammt nicht von mir, jedenfalls nicht ursächlich. Ich könnte keine Kakerlake beobachten, weil ich bei ihrem Anblick sofort auf den nächsten Tisch steigen und dort solange schreien würde, bis jemand das possierliche Tierchen aus meinem Sichtfeld entfernt hat - und zwar sehr, sehr weit. Aber es geht hier nicht um meine Abneigung gegen Lebewesen mit sechs Beinen, sondern um unterschiedliche Wahrnehmung.

Dies ist die Geschichte, wie sie mir erzählt wurde bzw. wie ich sie verstanden habe: Gomera, abends, eine Kneipe mit Außenbestuhlung. Von irgendwo her kam eine Kakerlake und bahnte sich ihren Weg durch die Gaststätte. Sie schaffte es, einigen Füßen auszuweichen und sich immer weiter ins Innere zu bewegen, bis sie dann an einem FlipFlop anhielt, der am Fuß einer Frau steckte, die ihrerseits auf einem Barhocker saß. Die Kakerlake setzte sich auf das Ende des Schuhs, die Frau entdeckte sie, tat, was ich auch tun würde (kreischen und zappeln), und ihr Begleiter erlegte die Kakerlake, indem er ihr mit einem gezielten Aufstampfen seines Fußes den Garaus machte.

(Georg, bitte entschuldige, wenn ich jetzt schon etwas verzerrt haben sollte - das ist keine böse Absicht, sondern eine Mischung aus künstlerischer Freiheit, frühzeitiger Vergesslichkeit und den Auswirkungen des für mich extrem traumatischen Sujets "Großes Insekt auf freiem Fuss".)



Die Geschichte aus Sicht der Kakerlake


Scheißtag, irgendwie. Habe heute überhaupt keine Ruhe gefunden, weil irgendwelche Touristenkinder andauernd die Kellertür auf- und wieder zugemacht haben und mich das Licht jedesmal geweckt und erschreckt hat. Was für ein Tag: Schlafen, Tür auf, Licht rein, Kind kreischt, ich weggerannt, Tür wieder zu, Licht aus, ich wieder raus, weitergeschlafen. So ging es die ganze Zeit. Warum ich immer wieder aus meinem Versteck herausgekommen bin, obwohl die Tür so häufig geöffnet wurde? Kakerlaken machen das so. Wie sollte ich schließlich bei Lichteinfall unter den nächsten Schrank huschen, wenn ich mich nicht vorher irgendwo aufgehalten hätte, wo man mich sehen kann? Warum man mich sehen soll? Weil das eben so ist.
Jedenfalls bin ich nach Einbruch der Dämmerung langsam aus meinem Keller herausmarschiert und habe mich auf die Suche nach Essbarem gemacht. Ich schlenderte durch die Straßen, beroch dieses und wühlte in jenem, genoß die Dunkelheit und wich übergroßen Touristenfüßen aus. Manche trampelten sogar mit Absicht nach mir, wenn ich nicht schnell genug war. Blödes Pack! An meiner Stammkneipe machte ich Halt. Ich wußte, dass es in der Küche immer genügend Abfälle gab, außerdem traf ich mich dort gern mit meinen Kumpels. Es macht Spaß, wenn man mit mehreren unterwegs ist und bei Betätigung des Lichtschalters nicht nur eine von uns, sondern gleich mehrere Dutzend davonhuschen. Das gibt dann ein Gekreische, dass es nur so eine Freude ist.
Aber ich schweife ab. Ich bewegte mich langsam die Treppen hoch, an den Stühlen vorbei, wich dabei weiteren Füßen aus. An einem Tisch machte ich eine kurze Rast. Da saß ein unglaublich gutaussehender, von der Sonne gebräunter Mensch mit dem Körper eines dieser griechischen Götter, schaute mich
aus strahlend blauen Augen an und fragte "Ja, was machst Du denn hier? Weißt Du, was Du da tust und dass es gefährlich für eine Kakerlake ist, sich in der Nähe so vieler Füße aufzuhalten?" Eine schöne Stimme hatte er auch. Ich putzte mir kurz die Fühler, bis mir einfiel, dass ich erstens eine Kakerlake und zweitens keine schwule Kakerlake bin (was ich in diesem Moment überaus bedauerte), warf ihm noch einen letzten Blick zu und ging meines Weges.
Heute kann ich nicht mehr sagen, ob mich der Schlafentzug des vergangenen Tages oder dieser Blauäugige so unaufmerksam werden liessen. Ehe ich noch wußte, wie mir geschah, saß ich in einem Schuh. Das wäre nicht so schlimm gewesen, wenn in diesem Schuh nicht ein Fuß gesteckt und an dem Fuß so eine hysterische Blondine
gehangen hätte, die, sobald sie meiner ansichtig wurde, in ein wildes und ohrenbetäubendes Geheul ausbrach. Das war das Ende meines irdischen Lebens. Der zur Blondine gehörende Mistkerl erhob sich, ich nahm noch wahr, wie er ihr den Schuh vom Fuß riss, mit mir drin auf den Boden warf und auf mich und den Schuh eintrampelte. Dann wurde es dunkel und sehr, sehr still.
Jetzt sitze ich in einem Keller im Kakerlakenhimmel, der Pförtner hat mir die Geschichte, wie ich hierhergekommen bin, zuende erzählt und mir versprochen, dass ich in meinem nächsten Leben bei guter Führung hier oben Kakerlake auf Jamaica werden darf. Die sind dort nämlich viel größer als die gomerischen, und deswegen laufen die Leute eher vor ihnen weg, statt sie totzutreten. Mal sehen, ob mir das gefällt; vorerst bleibe ich hier im Himmel und träume noch ein wenig von "meinem" schönen Touristen.
Ob ich vielleicht mit ein wenig Verhandlungsgeschick erreichen könnte, nicht als Kakerlake, sondern als Fitnesstrainerin wiedergeboren zu werden? Dann könnte ich herausfinden, wo er wohnt und...



Die Geschichte aus der Sicht des Blauäugigen


Was für ein großartiger Tag! Ich bin jetzt seit einer Woche auf der Insel, habe viel in der Sonne gesessen, mich entspannt und es mir gutgehen lassen. Zwischenzeitlich habe ich mich sogar so wohl gefühlt, dass ich kurz die Idee hatte, mit dem Rauchen aufzuhören. Morgen oder so. Das Wetter ist nicht schlecht, ich habe endlich Zeit für mich, kann ausschlafen, keine Termine, keiner will etwas von mir.

Der Sonnenuntergang heute abend war wunderschön; ich hatte auf dem Balkon meines Appartments einen Logenplatz und habe ein Glas Vino Tinto genossen, während ich geschaut habe. Jetzt sitze ich in meiner Lieblingskneipe, einen Osborne Veterano und einen Café con Leche vor mir und beobachte das Geschehen um mich herum. Direkt vor mir läuft eine Kakerlake die Treppen hinauf. Ich frage mich, ob sie wohl weiß, dass sie sich hier auf gefährlichem Terrain befindet; Dutzende von Füßen bewegen sich, und sie wird sehr viel Glück brauchen, um heil anzukommen, wo sie hin will.

Vor meinem Tisch bleibt sie kurz stehen. Ich bin gut drauf heute und frage sie, was sie denn in der Kneipe will und ob sie weiß, dass es gefährlich werden kann. Das Pärchen am Nachbartisch schaut etwas skeptisch. Ich lächle beide kurz an und hoffe, dass sie lieber mich für ein wenig putzig halten, statt die Kakerlake zu entdecken. Habe keine Lust auf Geschrei.

Die Kakerlake setzt ihren Weg fort. Es ist wirklich halsbrecherisch, wie sie da zwischen den Füßen hin- und herläuft, am einen Tischbein hoch, am nächsten wieder hinunter. Fast glaube ich, sie wird ihre Aktion überleben, bis sie, aus welchen Gründen auch immer, zielstrebig den Barhocker ansteuert, auf dem diese Blondine mit Begleiter sitzt. "Mädel, sieh zu, dass Du wegkommst!" denke ich (und meine die Kakerlake). Aber die hat mich nicht denken gehört, krabbelt am Fuß des Barhockers hoch und setzt sich auf das hintere Ende der Sandale, die an den Zehen der Blonden baumelt. Diese schaut nach unten, wird bleich, holt tief Luft und fängt an zu kreischen. Ihr Begleiter, geistesgegenwärtig, wie wir Männer nun einmal sind, wenn eine (unsere!) Frau in Not ist, springt auf, schnappt die Sandale, wirft sie auf den Boden und trampelt mit beiden Füßen darauf herum. Was das Ende des Kakerlakenlebens bedeutet, da bin ich sicher.

Ich würde das für meine Liebste auch tun. Vor langer Zeit, ich war mit meiner damaligen Freundin auf Jamaica, gab es Kakerlaken von beeindruckender Größe, und man musste wirklich mit beiden Füßen auf ihnen herumspringen, um sie zu töten. Meine Liebste verbrachte die meiste Zeit unseres gemeinsamen Urlaubs kreischend auf dem Tisch.

Eigentlich schade. Um die Kakerlake, meine ich. Da ist sie so mutig, kämpft sich durch Menschen- und Fußmengen, legt sich mit einer Riesenblondine und deren Schuh an und muss dann so elend sterben. Die Welt gehört eben nicht immer den Mutigen...




Die Geschichte aus der Sicht der Blondine


Der Tag heute war nicht so toll. Bisschen spazierengehen, Eis essen, am Strand liegen, Horst hat gelesen und sich nicht richtig um mich gekümmert. Naja, die paar Tage halte ich auch noch aus, und ich muss den ganzen Scheiss wenigstens nicht bezahlen.

So richtig begeistert bin ich ja von dieser Insel nicht - kein vernünftiger Club, nur diese Pinten, die irgendwie alle etwas improvisiert wirken, die Leute sind auch nicht ganz mein Fall. Ich frage mich, warum ich mir jeden Abend soviel Mühe mit meinem Styling gebe - außer Horst sieht es wahrscheinlich niemand. Die sitzen ja alle nur mit blödem Grinsen in ihren Stühlen und gucken jeden Abend zu, wie die Sonne untergeht. Nächstes Mal will ich wieder nach Ibiza!

Langweilig ist mir, und meine Füße tun weh. Die neuen Sandalen drücken doch ganz schön, und wozu ich sie anhabe, weiß ich auch nicht. Horst hat jedenfalls noch nicht bemerkt, dass ich neue Schuhe trage.

Ich lasse meinen Blick ein wenig schweifen; vielleicht gibt es ja doch noch den einen oder anderen Kanditaten für einen One-Night-Stand? Der Typ an dem Tisch draussen sieht ganz nett aus, ist bestimmt in irgendeinem Fitnessclub aktiv. Wie alt mag der wohl sein? Schöne Augen hat er. Ich glaube, wenn Horst auf der Toilette ist, versuche ich mal einen Blickkontakt. Er scheint allein da zu sein, zumindest heute abend.

Dann schaue ich noch einmal an mir herunter, will meine Schuhe zurechtrücken und sehe "EINE KAKERLAAAAAAAKÄÄÄÄÄÄÄÄ!!!!!"

02 Juni 2007

Sternenstaub

Vor langer, langer Zeit flog ein kleines Grüppchen fremdartiger Wesen durch die unendlichen Weiten des Universums. Sie waren auf der Suche nach einer neuen Heimat. Der Planet, auf dem sie ursprünglich gelebt hatten, war zerstört worden durch den zu leichtsinnigen Umgang mit Technik und Wissenschaft. Es hatte zwar immer einige Mahner gegeben, aber die Forscher dieses Planeten waren zu sehr mit Forschen beschäftigt, als dass sie die Zeit gefunden hätten, sich mit den Warnungen auseinander zu setzen. Die Gruppe der Überlebenden war sehr klein, denn niemand auf dem Planeten hatte glauben wollen, dass es wirklich so ernst war. Im Laufe weniger Jahre war es wärmer und wärmer geworden, Stürme tobten immer heftiger, und das, was in früheren, besseren Zeiten ein willkommener Regenguss gewesen war, hatte sich zum Wolkenbruch entwickelt. Trotzdem hatten die anderen Bewohner fest Augen und Ohren verschlossen und ihr Leben weitergeführt.

Die kleine Gruppe bestand aus fünf Wesen, die mutig genug waren, ihre Heimat zu verlassen, um ihr Leben zu retten und irgendwo im Universum einen neuen Planeten zu finden, auf dem sie leben könnten. Eines Tages schafften sie alles, was sie in ihr neues Leben mitnehmen wollten, in ein gemietetes Raumschiff, verabschiedeten sich von Freunden und Familien und starteten. Ein kleiner Zweifel blieb: Stand es wirklich so schlimm um ihren Planeten? Möglicherweise war ihre Flucht ganz und gar sinnlos, weil die Mahner doch unrecht gehabt hatten? Andererseits - wenn sie blieben, würden sie möglicherweise mit allen anderen untergehen und niemand im großen, weiten Universum würde jemals erfahren, dass es den Planeten gegeben hatte. Denn auch das war ein Grund für die Reise ins Ungewisse: Die Wesen wollten die Bewohner anderer Planeten mit ihrem Schicksal davor warnen, so nachlässig mit ihrem Lebensraum umzugehen wie sie es getan hatten.

Und so flogen sie kreuz und quer durch den Weltraum, entdeckten fremde Galaxien, neue Planeten, ohne jedoch anderes Leben zu finden. Lichtjahre irrten sie umher, und irgendwann kamen sie zu der Überzeugung, dass ausser ihnen niemand lebte. Müde, traurig und hoffnungslos liessen sie sich treiben, ihre Vorräte gingen zur Neige, und sie beteten zu ihren Göttern um freundliche Aufnahme.

Doch die Götter schienen anderes mit ihnen vorzuhaben. Eines Tages entdeckte eines der Wesen einen neuen Planeten, der von oben ganz blau aussah. Sie flogen näher heran, und durch ein Fernrohr konnten sie erkennen, dass der Planet zu großen Teilen aus Wasser bestand. Und es gab Leben dort! Glücklich und erleichtert machten sie sich an die Vorbereitungen für eine Landung. Wie würden die Bewohner dieses Planeten aussehen? Würden sie sich mit ihnen verständigen können? Vielleicht sogar Freunde finden? In der Hoffnung, dass man sie verstehen würde, sendeten sie Funksprüche in ihrer Sprache, in denen sie ihre Freude ausdrückten und versicherten, dass sie in friedlicher Absicht kämen.

Leider war der einzige Ort, an dem ihr Funk empfangen werden konnte, eine Stadt namens Houston. Dort saßen ein paar Menschen, deren Aufgabe es war, die Bewohner der Erde (denn dies war der Planet, den die Wesen entdeckt hatten) vor fremden Eindringlingen zu schützen. Und leider verfügte ihr Dechiffriersystem nicht über die Möglichkeit, die Sprache der Wesen zu entschlüsseln. Da aber die Menschen ihre Aufgabe sehr ernst nahmen, beschlossen sie, das fremde Raumschiff sicherheitshalber abzuschießen, bevor es sich noch als Bedrohung erweisen könnte. Und so geschah es, dass die Wesen, während sie noch voller Vorfreude ihren Göttern für die Rettung dankten, in Sekundenschnelle zu Sternenstaub verglühten.

Gerade die Bewohner der Erde hätten aber die Warnungen der fremden Wesen nötig gehabt, denn auch sie waren gerade dabei, ihren Planeten zu zerstören. Darum dauerte es nicht mehr lange, bis die Erde sich in einem letzten, vergeblichen Aufbäumen gegen die zerstörerische Menschheit schneller und schneller drehte, wärmer und wärmer wurde, bis sie ebenso verglühte wie die Wesen in ihrem Raumschiff. Doch während diese als Sternenstaub durch die Weiten des Universums flirrten, im Schein des Mondes silbrig und in der Nähe der Sonne golden glänzten, blieb von der Erde und ihren Bewohnern nichts als Asche, die sich auf dem Weltraumschrott, den die Menschen hinterlassen hatten, absetzte, ohne von irgendjemandem bemerkt zu werden.