29 November 2007

Dichtung und gefühlte Wahrheit

Gerade stelle ich erstaunt fest, dass ich mich in lyrischer Form gegenwärtig wesentlich besser ausdrücken kann als in Prosa. Schade nur, dass es für den/die LeserIn recht anstrengend oder besser: fordernd ist. Hinter Lyrik kann ich mich verstecken, habe immer die Möglichkeit zu behaupten: "Das habe ich doch überhaupt nicht gemeint!" Lyrik lässt Interpretationsmöglichkeiten. Viele.

Trotzdem bin ich novemberabschließend prosaisch.

Weihnachten lauert in einer dunklen Ecke (Ist geklaut, bei "Harry und Sally" lauerten statt Weihnachten die Vierzig. Das lasse ich unkommentiert...), alles stürzt sich in den Einkauf, es ist recht kühl, und der Wind beißt. Eine Mischung aus Graupel und Regen prasselt aufs Dachfenster, macht mir die Wärme drinnen bewusst.

Eigentlich ist Weihnachten schön. Gut, die Feiertage selbst sind eine Fress-, Trink- und Herumfahrorgie, jedenfalls im Normalfall. Aber die Zeit vorweg, wenn man sich freispricht von hektischem Geschenkekauf und sich stattdessen die Erlaubnis erteilt, die vorweihnachtlichen Dekorationen in allen Formen zu genießen, bei Kerzenlicht und Aromaöl in der Badewanne Eierlikör zu trinken, wenn man sich einbuddelt in der Wärme der eigenen Wohnung, früh ins Bett geht, um noch ein wenig Paulo Coelho zu lesen, wenn man auf einmal in Gedichten und schönen Worten schwelgt, weil draussen nichts zu tun oder zu verpassen ist, diese Zeit ist Gewinn, Ruhe und irgendwie auch sehr viel Liebe. Vielleicht nicht die Liebe zu einem einzelnen Menschen, aber zum Ganzen.

Werde ich gerade sentimental? Ja!!! Ich denke an alle, die nicht mehr bei mir sind und die ich sehr geliebt habe. Ich bin bei denen, die ich liebe. Und ich bin bei mir.

Wenn Sie es irgendwie einrichten können: Hören Sie auf, einzukaufen. Setzen Sie sich an einen schönen, ruhigen, gemütlichen Platz. Legen Sie Ihre Lieblings-CD ein. Vielleicht noch ein paar Kerzen? Die Heizung aufgedreht? Haben Sie ein Dachfenster? Dann könnten Sie das Prasseln des Regens genießen. Wenn nicht, genießen Sie eben etwas Anderes.
Und vielleicht mögen Sie den einen oder anderen Gedanken daran nicht verschwenden, dass Weihnachten eben auch Liebe ist. Liebe kann man nicht kaufen. Liebe kann man nicht einpacken. Um Liebe kann man keine Schleife machen. Liebe ist am Kontostand nicht erkennbar. Liebe kann man nur verschenken, schleifchenfrei.

Ich weiss nicht, was Sie sich wünschen. Ich wünsche mir Liebe. Und die Zeit, sie zu genießen.

Mütter

Es gibt Mütter, die lieben ihr Kind.
Trotzdem behalten sie ihr eigenes Leben.
Dieses Kind ist gewollt.

Es gibt Mütter, die brauchen ihr Kind.
Wünschen, dass es ihr nichtgelebtes Leben lebt.
Dieses Kind ist gefordert.

Es gibt Mütter, die behüten ihr Kind.
Sie achten auf jeden Schritt, den es tut.
Dieses Kind ist behütet.

Es gibt Mütter, die ersehnten ihr Kind.
Sie sind glücklich, dass es da ist.
Dieses Kind wird gebraucht.

Es gibt Mütter, die halten ihr Kind.
Sie rauchen, statt zu reden.
Dieses Kind ist irgendwie passiert.

Es gibt Mütter, die hassen ihr Kind.
Sie haben es nie gewollt.
Dieses Kind ist ungeliebt.

Es gibt Mütter, die lassen ihr Kind verhungern.
Sie schauen weg, während es stirbt.
Dieses Kind war von vornherein verloren.

Wo sind die Väter?

Stille

Stille schreit nach Geräusch.
Stille muss durchbrochen werden.
Stille braucht Stimmen, laut, wenn möglich.
Stille ist nicht zeitgemäß.
Stille berührt, unangenehm.
Stille scheint erdrückend.
Stille halten wenige aus.


Stille ist Abwesenheit von Stimmen.
Stille ist Redepause.
Stille ist ruhig.
Stille ist nachdenklich.
Stille ist Schweigen.
Stille ist nicht banal.
Stille ist erholsam.


Stille macht Angst.
Darum reden wir.
Unausgesetzt.
Viel zu laut.

27 November 2007

Lea-Sophie

Lea-Sophie hatte eine Mutter.
Lea-Sophie hatte einen Vater.
Lea-Sophie hatte Rechte.
Lea-Sophie hatte Hunger.
Lea-Sophie hatte Durst.

Lea-Sophie ist tot.

Mutterbilder

Mutter

ist ein Lied von Rammstein,


ist ein biologischer Vorgang,

ist eine Entscheidung,

ist Verantwortung,

braucht einen Vater,

braucht einen Wunsch,

braucht Verlässlichkeit,

braucht Selbstlosigkeit,

nimmt Freiheit,

nimmt Unabhängigkeit,

nimmt Möglichkeiten

nimmt Eigenleben.


Mutter

wollte ich niemals sein,

werde ich niemals werden,

bin ich nicht.

26 November 2007

Betrunkene Schriftsteller oder schriftstellernde Betrunkene

Da heisst es, dass ein ordentlicher Schriftsteller entweder Whisky oder Rotwein zu trinken und mindestens eine Katze auf der Tastatur zu sitzen hat. Ich trinke Bier und bin katzenlos. Das kann ja nichts werden!

Hemingway hat sich totgesoffen und -geraucht, Bukowsky ist am Alkohol und erhöhtem Drogenkonsum zugrunde gegangen, selbst Elke Heidenreich gibt zu, dass sie immer ein Glas Rotwein neben dem PC stehen hat.

Tja. Ich sitze auf der Couch und trinke Bier. Ökobier immerhin. Ist allerdings nicht so lecker wie das gute Nörten-Hardenberger, dafür aber viel teurer.

Können BiertrinkerInnen SchriftstellerInnen sein? Dürfen sich Menschen, die ihre Zimmerpflanzen wg. Wassermangels kläglich verrecken lassen, kreativen Ergüssen hingeben? Sind abenteuerunlustige und fernsehzeitverschwendende Couchpotatoes mit Wöbber mittschiffs überhaupt in der Lage, an Lyrik auch nur zu denken? Können sie irgendetwas fertig Geschriebenes an den Mann, die Frau oder einen beliebigen Literaturagenten verscherbeln? Oder sollten sie besser schlafen, saufen, Blumen gießen und einen ordentlichen Job verrichten?

Was ist ein ordentlicher Job? Einer, der die Kreativität weckt, oder besser einer, der so richtig wütend macht?

Heute hätte mir eine nette Geschichte einfallen können. Da ist diese nichtgenanntwerdenwollende Kleinstadt irgendwo in Südniedersachsen, die mit den putzigen Eingeborenen. In dieser Stadt gibt es ein Gesundheitsamt. In diesem Gesundheitsamt arbeitet Frau L. Allerdings arbeitet Frau L. verständlicherweise nur, wenn sie nicht krank ist. Frau L. ist seit knapp zwei Wochen krank. Das wäre mir eigentlich absolut und vollkommen gleichgültig, wenn Frau L. nicht die einzige Person im Gesundheitsamt besagter südniedersächsischer Kleinstadt wäre, die einen Stapel Papiere herauszugeben in der Lage sein könnte, für die niemand sonst zuständig ist. Ich brauche diesen Stapel Papiere. Man erklärte mir, ich sollte Mitte Dezember noch einmal nachfragen.

Kennen Sie den Film "Falling Down" mit Michael Douglas? Da wird aus einem ganz normalen berufstätigen Durchschnittsmenschen ein wildgewordener Amokläufer. Kann ich nachvollziehen. Wirklich. Frau L. kann ja nichts dazu, sie hat die Grippe, und im Öffentlichen Dienst sollte man sich die Grippe nehmen, solange es noch Lohnfortzahlung im Krankheitsfall gibt. Die meisten Beschäftigten in der Privatwirtschaft kommen ja inzwischen lieber mit 45° Fieber zur Arbeit, um bloß ihren Job nicht zu verlieren. Außerdem kann Frau L. ja nicht wissen, dass sie mit nichtsnutzigen Kolleginnen in einem Zimmer arbeitet. Möglicherweise bin ich sogar die Einzige, die diese bestimmten Papiere benötigt, und Frau L. ist nur eine Alibifrau, weswegen es völlig gleichgültig ist, ob sie vor Gesundheit nur so strotzt oder schon fast tot ist? Kann man alles nicht wissen.

Noch während ich schreibe, wird mir die Sinnlosigkeit meines Unterfangens bewusst. Frau L. weiß nicht, dass es mich gibt und wird sich demzufolge auch nicht für mein Anliegen interessieren. Ihre Kolleginnen haben mich zunächst als die Zicke identifiziert, die ich nun einmal bin und sofort darauf vergessen. Wäre ich Charles Bukowski, dürfte ich jetzt erst boxen und dann saufen. Später würde sich dann jemand finden, der mir erst Kopfschmerztabletten gibt und dann meine genialen Ergüsse verlegt.

Ich bin weder Charles Bukowski noch Elke Heidenreich noch Henry Miller. Ich sollte es lassen und mich mit der Wiederbelebung von Frau L. beschäftigen. Dann bekomme ich wenigstens ein paar Zettel.

19 November 2007

Ostdeutsche Sozialpädagogin vs. Unterschichtenzugehörigem mit Migrationshintergrund

Es geschah am Montagabend,
als die Venus aus dem Osten,
im Honig badend
auf einen Emigranten traf,
der sie beim Baden störte,
was Venus sehr empörte.

Der Tölpel pflanzte sich sofort
mit nacktem Arsch auf einen Ort,
den sie für sich gedacht.
Der Saunagänger lacht.
Die Gängerin desgleichen.
Und doch:
Der Türke, der soll weichen!

Und tut er's nicht,
bemüht die Dame,
die jetzt nicht mehr genießen kann,
noch einen weiteren Mann.
Der hätt ihr auf die Brust gestarrt.
(Ich glaub' das nicht, die war behaart.)

Und die Moral von der Geschicht'?
Die intellektuelle Schnepfe
ist mit dem hässlichem Gehetze
nicht besser als die Unterschicht.

Leidensgeschichten

Ich schreibe etwas unrund. Normalerweise recht bewandert im Zehnfingersystem und entsprechend schnell, fehlt mir heute mein kleiner Finger. Nein, er ist durchaus noch vorhanden, aber im Moment weitgehend unbrauchbar, dick und blau. Nachdem ich mich vorgestern bereits beim Säckchenwerfen als Grobmotorikerin geoutet hatte, gingen wir gestern zum Spielen mit einem echten Ball über.

Mir wurde bereits bei der Beschreibung der Vorgehensweise etwas flau im Magen, denn schnelles Dribbeln, Sidesteps und ein klitzekleiner Wettkampf sind nicht die Aktivitäten, die für eine verletzungsgeplagte Ex-Hoppse mittleren Alters mit nachlassender Koordination und Sehkraft die Mittel der Wahl sind, um sich fitzuhalten. Ich bevorzuge inzwischen Sport ohne mögliche Feindberührung. Und selbst dann gelingt es mir noch, mich mit wehrhaften Kieselsteinen anzulegen und mich von ihnen zu Fall bringen zu lassen.

Ich wollte jedoch keine Spielverderberin sein. Vor allem aber wollte ich mich nicht als selbst Weichei hinstellen. Es dauerte keine zehn Minuten, da prallte mir der Ball beim lockeren Einwerfen vom Boden gegen den gestreckten kleinen Finger. Es tat höllisch weh, ich schrie laut "Aua!", wurde weitgehend ignoriert (hätte ich auch getan, wir waren ja alle erwachsen!) und spielte weiter. Mit gestrecktem kleinen Finger, denn nun ließ er sich nicht mehr beugen. Glauben Sie mir, es wirkt ungeheuer sportlich, wenn ein Ballspiel mit sicherheitshalber abgespreiztem kleinen Finger durchgeführt wird!

Irgendwann war das Spiel glücklicherweise vorbei, ohne dass ich mir weitere Verletzungen zugezogen hätte. Während des restlichen Tages beobachtete ich meinen Finger beim Dickerwerden.

Sie machen sich ja überhaupt keine Vorstellung, wozu so ein verfluchter kleiner Finger gebraucht wird! Andauernd! Das fängt bei so einfachen Verrichtungen wie Hose zu oder auf an, geht weiter mit dem Festhalten der Kaffeetasse und endet noch lange nicht mit dem abendlichen Zähneputzen.

AUA!

Meine geliebte und besorgte Mutter, der ich heute telefonisch mein Leid klagte und die auf die Erfahrung von 84 Lebensjahren zurückblicken kann, erklärte recht ungerührt: "Vielleicht solltest Du Dich lieber in eine dicke Decke einwickeln und vorerst nicht das Haus verlassen? Es gibt doch Essen auf Rädern!" Nach dem Telefonat fühlte ich mich besser, weil umsorgt und getröstet.

Man hat mir kürzlich vorgeworfen, meine Posts bestünden zu großen Teilen aus Wehleidigkeit und Selbstmitleid. JA! Wenn ich es nicht tue, bedauert mich ja auch keiner, oder? Und damit wenigstens Sie aus der Ferne ein klein wenig mitleiden: Vor drei Wochen hat mich der bereits erwähnte renitente Kieselstein zu einwöchiger Bewegungslosigkeit verdammt, weil ich mir Band gedehnt und die Kapsel geprellt hatte. Kaum war das wieder halbwegs in Ordnung, verrenkte ich mir das Kreuz beim Umdrehen (ebenfalls ohne Feindeinwirkung) und plagte mich für die nächsten Tage mit einem krummen Rücken. Vorgestern war ich kurz schmerzfrei, wenn man von dem tiefen Schnitt in meinem rechten Ringfinger absieht, den ich mir auf der Jagd nach mitternächtlicher Nahrung selbst zugefügt habe. (Nein, ich habe nicht mit dem berühmten südniedersächsischen Gemeinen Großnager gekämpft, sondern ein Brötchen aufgeschnitten!) Und jetzt das!

Ich werde mich jetzt ganz vorsichtig aus dem Haus bewegen, vorsichtig nach rechts und links schauen (Hatte ich übrigens erwähnt, dass ich heute mittag auch einen unschuldigen Radfahrer aufs Korn genommen habe? Glücklicherweise war er betrunken, und so ist uns beiden nichts passiert. Den kleinen Kratzer an meinem Auto verbuche ich unter "Muss ich irgendwann mal mit Politur ran."), in mein Auto steigen und meine Mutter besuchen. Mein Plan sieht vor, dass ich ihr schluchzend in die Arme sinke und sie meinen kleinen Finger gesundpustet. Wenn das nicht funktioniert, wird sie mich möglicherweise mit der Altpapierentsorgung beauftragen. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch! Ich liebe meine Mutter, und die mangelhafte Ausstattung mit dem Florence-Nightingale-Gen ist mir wesentlich lieber als heftigstes Bebrüten, wie es andere Mütter noch mit dem mehr als erwachsenen Nachwuchs tun.

Falls Sie in den nächsten Tagen nichts von mir hören, können Sie davon ausgehen, dass ich ein sehr tiefes Loch und den Weg heraus noch nicht gefunden habe. Ich wünsche einen unfallfreien Tag!

16 November 2007

Verzweifelte Koordinationsversuche

Haben Sie schon einmal versucht, die rechte Hand auf dem Rücken zu halten, einen Ball mit der Linken hinter dem Rücken gezielt einem Gegenüber zuzuwerfen und gleichzeitig den anderen Ball, den dieses Gegenüber in Ihre Richtung bewegt, aufzufangen? Nein? Ich hatte heute Premiere. Bei dieser Gelegenheit durfte ich zu meinem großen Entsetzen feststellen, dass ich damit aufhören sollte, mich für eine Koordinationskoryphäe zu halten. Realistisch betrachtet hat mich meine altersbedingte Kurzsichtigkeit zwar nicht daran gehindert, meinen Partner zu erkennen, für den Ball hat es jedoch nicht mehr gereicht. Noch viel weniger war ich in der Lage, den Ball hinter meinem Rücken auf eine gerade Flugbahn zu schicken. Kaum meiner unfähigen Hand entkommen, begab er sich auf einen Rundkurs, der alle anderen Teilnehmer, die sich in der Gefahrenzone befanden (und die war sehr, sehr groß!), in häschenhaftes Hakenschlagen verfallen liess.

Hätte mein Gegenüber eine Wahl gehabt, sie wäre nicht auf mich gefallen. Möglicherweise hätte er aber auch auf Neuwahlen bestehen mögen.
Wir waren allerdings heute nicht politisch, sondern sportlich unterwegs, daher litt er mehr oder weniger still. Eines muss ich sehr positiv bemerken: Er zeigte sich als perfekter Gentleman. Wenn ich mich als zu blöd erwies, seinen Wurf zu fangen, entschuldigte er sich. Wenn er sich nach einem verzweifelten Becker-Hecht nach meinem bumerangartig herumtaumelnden Ball wieder vom Turnhallenboden erhoben hatte, entschuldigte er sich ebenfalls. Wirklich, wäre ich nicht glücklich liiert, ich hätte ihm spontan einen Antrag gemacht!

Warum sich erwachsene Menschen gegenseitig mit Bällen bewerfen? Didaktik und Methodik. Wirklich. Manchmal tut es recht gut, am eigenen Leib zu erfahren, was man (oder frau) unschuldigen Menschen, die mit der Hoffnung auf einen gestählten Körper einen Fitnessclub aufsuchen, antut. Manchmal ist es nötig, sich in die Rolle der armen Frau in der hinteren Reihe zu versetzen, die doch nur ein wenig Spaß haben wollte und jetzt von einer wohlmeinenden Trainerin zu den wildesten Verrenkungen gezwungen wird.

Trotzdem werde ich mich morgen früh, wenn mir wieder jemand ein wie auch immer geartetes Wurfgerät in die Hand drückt, im gestreckten Galopp aus dem Staub machen und solange auf dem Clo einschließen, bis es Mittagessen gibt.

Ihnen und Euch allen wünsche ich ein bewegtes und spaßiges Wochenende!

13 November 2007

Heimliche Telefonate, unabgehört

Telefonat zwischen Rob Routs, Vorstand der Shell AG, Wulf Bernotat, Leitung Eon AG und Michael Glos, CSU, Bundeswirtschaftsminister (nachfolgend Robbie, Wölfchen und Michi genannt):

Drrrr....Drrrr....Telefonvibrationen im Einstein, Berlin.



Ja?


Michi?


Ja.


Hier Robbie. Isst Du gut? Wie geht es der Familie? Ist der Scheck für die Badezimmerrenovierung angekommen?


Ja, danke. Habe mein Portemonnaie verlegt und kann es nicht wiederfinden. Das wäre ja nicht schlimm, wenn nicht schon der Deutschlandfunk darüber redete. Was'n?


Mensch, Michi, das kannst Du Dir ja wohl denken! Wir haben jetzt schon zum vierten Mal die Spritpreise erhöht, beim letzten Mal um satte 10 Cent, und Du sagst keinen Ton! Was soll das denn? Kannst Du denn nicht mal ein bisschen motzen?


Echt, soll ich? Aber Du hast doch gesagt, dass ich mich bedeckt halten soll, weil sie sonst verlangen, dass die Mineralölsteuer abgeschafft wird! Das geht aber nicht, weil ich dann bei der Diätenerhöhung dagegen stimmen muss! Und möglicherweise gewinnen dann die, die dagegen sind. Aber ich brauche das Geld, wirklich!


Michi, alter Kumpel, ich sage doch nicht, dass Du ernsthaft etwas dagegen unternehmen musst - schimpfen sollst Du! Kartellamt und Europäischen Gerichtshof herbeizitieren sollst Du! Das kann doch nicht so schwer sein! Das hatten wir doch längst besprochen!


Aber Robbie, was mache ich denn, wenn die darauf anspringen?


Mach Dir da mal keine Sorgen, die verlieren auch dauernd ihre Portemonnaies und haben marode Badezimmer!



Drrrr....Drrrr....Telefonvibrationen im Einstein, Berlin.


Hallo Michi, ich bin's, Wölfchen. Wie geht es der Familie? Schmeckt das Essen? Was haltet Ihr denn von meiner Einladung zum Silvestermenue nach Sydney? Oder sollen wir doch lieber Dein Badezimmer...?


Nein, Wölfchen, danke der Nachfrage, Badezimmer ist gemacht! Wegen Sydney überlegen wir noch. Weißt Du, gerade jetzt bräuchte mein Sohn so dringend einen Praktikumsplatz, am besten in den Staaten. Kennst Du da vielleicht jemanden?


Das kriegen wir hin.


Moment, ich habe ein Gespräch auf der anderen Leitung - warte doch bitte kurz.

Robbie, ich gebe morgen ein Interview und maule, okay? Soll ich wirklich nach dem Europäischen Gerichtshof schreien?
Kein Problem, Michi, mach das. Wir haben die doch im Griff! Wünsche einen schönen Tag und hohen Wirkungsgrad! Und bitte nur kurz maulen, am besten im Spiegel und im Stern. Aber dann ist Ruhe, okay?

Alles klar, Robbie. Schönen Tag noch.



Hallo Wölfchen, bist Du noch dran?


Klar. Sag mal, kannst Du nicht noch ein bisschen maulen wegen der Strompreise? Und wenn Du dann so nett wärest, diesen albernen Gesetzentwurf vom Tisch...


Klar, kein Problem! Wie sieht es denn mit dem Praktikumsplatz aus?


Sag ich doch, das kriegen wir hin!


Schön. Aber könnt Ihr nicht ein bisschen langsamer machen? So langsam glaubt doch kaum noch jemand, dass Ihr nicht unter einer Decke steckt. Und manche denken sogar, Ihr hättet uns im Sack.


Da mach Dir mal keine Sorgen. Wir sponsern gerade ein neues TV-Format mit so ein paar kritischen Fragen zum Tagesgeschehen. Vielleicht macht sogar der Jauch da mit. Und solange das läuft, sind die Schwachköpfe erstmal ruhig gestellt.

Ich muss auflegen, Angie ist auf der anderen Leitung. Schönen Tag noch!

Dir auch, danke. Und denk an meinen Sohn!

12 November 2007

Laufenlassen

Gerade ging mir ein Wort durch den Kopf, nämlich "Pissnelke", keine Ahnung, warum.
Heute habe ich den neuesten Roman von Elizabeth George zuende gelesen, in dem es darum geht, das Schicksal eines 12-jährigen Jungen nachzuzeichnen, der im vorhergehenden Band die schwangere Ehefrau eines Scotland-Yard-Beamten getötet hatte. Das wäre die richtige Sprache für ihn gewesen.

"Pissnelke" wörtlich bedeutet doch nichts anderes als eine inkontinente Pflanze. Aber das stimmt nicht, weil es ausschließlich meine Deutung ist. Dass die Nelke pissen muss, heisst ja noch lange nicht, dass sie auch inkontinent ist. Sie muss nur mal.


Das wiederum bringt mich zu den Problemen, die frau hat, wenn sie mitten in der Innenstadt unverhofft, aber dringend auf Toilette muss. Mann pisst an die Wand. Oder den nächsten Baum. Frau sucht verzweifelt nach einer öffentlichen Toilette oder einer Gaststätte. Allerdings muss diese schon gewisse Voraussetzungen erfüllen. Ich würde zum Beispiel niemals in einer Gaststätte die Toilette aufsuchen, wenn ich mich dafür durch den halben Laden drängeln muss. Dann sieht ja jeder, dass ich nicht konsumiere, sondern nur pisse. Und das wäre mir peinlich.


Großartig sind solche Lokalitäten, bei denen die Waschräume unmittelbar nach dem Eingang gelegen sind, im Idealfall noch eine Treppe tiefer. Aber das weiss frau ja vorher nicht. Also hilft in diesem Fall (wir sind immer noch in der Innenstadt unterwegs und MÜSSEN!) nur das beherzte Zusammenkneifen bzw. Anspannen sämtlicher vorhandener und willkürlich ansteuerbarer Beckenbodenmuskulatur.


Spätestens hier erwacht übrigens der Penisneid, jedenfalls bei mir. Nein, eigentlich bin ich nicht auf den Penis neidisch, sondern auf die Unbekümmertheit seines Trägers, der eben einfach mal an die nächstgelegene Wand pinkelt und sich dafür nicht geniert. Ich könnte das nicht. Als Mädchen habe ich mich in der hohen Kunst des Stehpinkelns geübt, war aber nicht sonderlich erfolgreich.


Vielleicht sind Frauen ja genau deshalb gelenkiger als Männer? Immerhin müssen wir ja schon von Kindesbeinen an kauern, ducken, sonstige akrobatische Einlagen vollführen, wenn wir denn irgendwo müssen, wo kein Clo ist. Männer müssen sich hinstellen, und das erfordert erfahrungsgemäß keine besondere Beweglichkeit.


Dann wären da noch die vielgeschmähten Sitzpisser. Die haben zwar keine Eier, sind Warmduscher, üble Softies und Korksandalenträger (sagen die Stehpisser), aber sie sind in der Lage, spontan und schmerzfrei die Beine in einem Winkel zu beugen, der dem gemeinen Stehpisser ein dumpfes Stöhnen entlocken würde.

Überhaupt ist es ungeheuer faszinierend, was für eine Philosophie aus der Art und Weise, wie ein Mensch pinkelt, gemacht wird.

Pinkeln kann zu vermehrter Endorphinausschüttung führen, nämlich dann, wenn man ganz lange aufgehalten hat (z.B. auf einer Busfahrt an die Costa Brava für nur 99,95 € im vollklimatisierten, ausrangierten Reisebus ohne Reiseleitung, mit nur einem Fahrer und festgelegten Pausenzeiten oder wenn der Liebste eben nicht merkt, dass frau wie wild auf dem Autositz herumrutscht, aber nicht sagt, dass sie muss, weil der Liebste das ja schließlich merken muss) und sich dann endlich die Gelegenheit zur Erleichterung findet. Dann ist es auch vollkommen gleichgültig, ob es sich um ein französisches Stehclo handelt, in dem die Beduftungsanlage (und einiges mehr) ausgefallen ist, einen von Tempotüchern, McDonalds-Bechern und Unsäglichem übersäten Parkplatz oder eine öffentliche Toilette in der Innenstadt, in die man 1 € hineinwerfen muss, nach dem Einwurf exakt 90 Sekunden zur Verrichtung des Geschäftes hat, bevor sich diese hochmoderne Anlage dann wegen der Hygiene selbst unter Desinfektionsmittel setzt und die NutzerInnen mit, wenn man eben nicht schnell genug war. Es ist schön. Einfach und uneingeschränkt schön. Manchmal ist ein leiser Laut des Wohlbehagens zu vernehmen, wenn man genau hinhört, so ein "Aaahhhh...". Ich für meinen Teil habe diesen Laut schon in den unterschiedlichsten Tonlagen und Betonungen von mir gegeben.

Sie fragen sich, warum ich ausgerechnet am Montagabend kurz vor Mitternacht auf den Begriff "Pissnelke" komme? Ich habe nicht den Schatten einer Ahnung. Ist aber irgendwie ein schönes Wort, oder nicht? Lassen Sie es auf sich wirken, lutschen Sie es vorsichtig aus, bevor Sie es zerbeissen. Wenn danach ein "AAhhhh..." herauskommt, haben Sie es richtig gemacht.

Ich weiß ja auch nicht, was Sie heute abend noch vorhaben. Ich gehe jetzt aufs Clo. Und genieße die Tatsache, dass es weder öffentlich ist noch sich auf einer Autobahnraststätte, sondern in einer gutbürgerlichen Wohngegend im ländlichen Bereich befindet, außerdem über einen Zeitschriftenständer und Fachliteratur verfügt. Telefonieren oder Textnachrichten verschicken kann man von dort auch.

Deutsch für unterschiedliche Landkarten oder Ein Wort gibt das andere

Ein Wort von mir
löst
einen Gedanken in Dir aus.

Deine Antwort
auf das Wort,
das den Gedanken
ausgelöst hat,
ist Schweigen.

Meine Deutung
Deines Schweigens,
das auf den Gedanken folgt,
den mein Wort ausgelöst hat,
ist Trotz.

Deine Reaktion
auf meinen Trotz,
der aus der Deutung
Deines Schweigens,
das einen Gedanken ausdrückt,
den mein Wort
ausgelöst hat,
entstand,
ist Wut.

Meine Tränen
löschen das Feuer
Deiner Wut,
die eine Reaktion war
auf meinen Trotz,
der aus der Deutung
Deines Schweigens,
das einen Gedanken ausdrückte,
entstand,
den mein Wort
ausgelöst hat.

Wir wärmen uns
an der
übriggebliebenen
Glut.

Wir geben
weniger Worte
und mehr
SEIN.


06 November 2007

Schwedisch für Anfänger

Das ist ein Film, auch wenn es der Titel eines Volkshochschulkurses sein könnte. Die Handlung ist auf den ersten Blick unspektakulär: Eine Politesse und eine Gynäkologin, beide knapp über vierzig, treffen anlässlich eines Strafzettels aufeinander. Sie beschimpfen sich.

Die Politesse führt ein recht langweiliges Leben mit ihrer fast erwachsenen Tochter, nachdem sie irgendwann vorher von ihrem Mann verlassen wurde. Die Gynäkologin wohnt der Hochzeit ihres Sohnes bei und lässt sich von ihrem Mann scheiden.


Zum zweiten Mal stoßen sie in der Praxis der Gynäkologin aufeinander, wo die Politesse sich zum ersten Mal seit 10 Jahren untersuchen lässt und extrem verklemmt ist.


Das dritte Treffen findet in einer Diskothek namens "Heartbreak Hotel" statt, die die Gynäkologin regelmäßig besucht und die Politesse zum ersten Mal.


Sie befreunden sich. Sie gehen gemeinsam weg. Sie tanzen, sie lachen, sie saufen und versuchen, Männer aufzureissen. Nicht sehr erfolgreich.


Großartige Dialoge. Als ebenfalls knapp über Vierzigjährige kann ich sehr vieles sehr gut nachvollziehen. Darf ich überhaupt noch in eine Disko gehen, wenn ich damit den Altersdurchschnitt um 10 Jahre nach oben treibe? Wann wird mich der oder die Erste fragen, ob ich zum Tanzen oder zum Sterben gekommen bin?


Nein, ich finde knapp über vierzig überhaupt nicht alt! Aber die meisten deutschen Arbeitgeber finden das, und in der Politik reden knapp über 60-jährige darüber, wie man die älteren und chancenlosen Langzeitarbeitslosen über 35 wieder in Arbeit bekommt.

Ich tanze gern, ich lebe gern, und ich fühle mich auch nicht ansatzweise knapp über vierzigjährig. Ganz im Gegenteil: Wenn ich manche knapp über 20-jährigen sehe und höre, bin ich sehr gern knapp über vierzig. Wirklich.


Zurück zum Film: Ich glaube nicht an Zufälle. Und daher war es auch kein Zufall, dass ich ausgerechnet heute genau diesen Film zusammen mit einer mir sehr wertvollen Frau geschaut habe, die ich seit mittlerweile mindestens vier Jahren (oder sogar noch länger) kenne. Und es ist kein Zufall, dass es in diesem Film um Neuanfang geht, um Trotz, um Lebenwollen, obwohl von aussen die Bremse gezogen wird. Es ist ganz sicher kein Zufall, dass die Männer in diesem Film recht traurige Gestalten sind, unzuverlässig, wild in der Gegend herumvögelnd und mit gespaltener Zunge sprechend, wie die Sioux sagen. Oder die Mohikaner.

Am Ende des Films lässt sich die Politesse scheinbar wieder auf ihren angeblich gestorbenen Mann ein, der für sie gestorben ist, seit er sie betrogen hat. Eigentlich will sie ihn wieder heiraten, um ihr altes Leben zurück zu bekommen.

Tut sie aber nicht. Sie steigt stattdessen in den 307CC der Gynäkologin, offen, weil schwedischer Sommer, und entscheidet sich für Urlaub und Tanzen. Gute Entscheidung, denke ich.

Tanzen ist immer gut. Urlaub sowieso.

Das will ich nicht unterschlagen: Mitten im Film schenkt die Gynäkologin der Politesse einen Vibrator, und diese erlebt kurz darauf ihren ersten Orgasmus.

Rückschau




Veränderung ist gut und nötig. Manchmal findet sie nur im Inneren statt, manchmal ist sie nach aussen sichtbar. Manches geschieht freiwillig, weil der Zeitpunkt gekommen ist, manches braucht Druck und Zwang. Manchmal verändert sich nur ein Element des Ganzen, und trotzdem kann das Ganze dann nicht mehr bleiben, wie es einmal war. Manche Veränderungen zeichnen sich über Jahre ab, in kleinen Schritten, kaum wahrnehmbar für die Aussenwelt. Manche Veränderungen sind groß, unübersehbar, plötzlich und unerwartet.

Hart wird mit der Zeit immer weicher und zarter.
Spontaneität wird zu Nachdenklichkeit.
Mut wird zu Vorsicht.
Zynisch wird mitfühlend.
Vertrauen wird zu Angst.

Liebe schwindet, kehrt manchmal zurück oder verwandelt sich in etwas Ruhigeres.
Ein Traum wird Realität.
Ein anderer Traum wird zum Alptraum.
Harte Konturen bekommen Rundungen.
Hoffnung wird zu Enttäuschung.
Aus Trotz wird Stärke.
Tränen erstarren zu Eis.
Haben wird zu Sein.

Klarer Himmel wird von Wolken bedeckt.
Erinnerung wird zur Kraftquelle.
Abenteuerlust wird zum Pauschalurlaub.
Ein Stein wird zum Symbol.
Eine ausgestreckte Hand wird zur Faust.
Angst wird zum Mut der Verzweiflung.
Zärtlichkeit wird eine Waffe.
Liebe wird Wahrheit.
Geduld wird Überdruss.
Tränen werden zum Lächeln.



Manchmal wird aus Verzweiflung Stärke.
Manchmal wird aus Zwang Lust.
Manchmal wird aus Trauer Kreativität.Manchmal wird aus Verlassensein Liebe zu sich selbst.



Manchmal ist die Veränderung unerwünscht, angsteinflössend, beunruhigend.
Verharren scheint einfacher, Bleiben leichter.
Manchmal rettet nur Veränderung.
Manches Glück wird ohne den Willen und die Kraft zur Veränderung niemals gefunden.




Lesen

Du liest in mir

wie in einem Buch.

Sagst Du.

Das setzt voraus,
dass ich aufgeschlagen bin.

Zerschlagen bin ich häufig.

Niedergeschlagen manchmal.

Abgeschlagen
fühle ich mich selten.

Aber wenn Du mich aufschlagen kannst,

und wenn es sich schön liest,


lies weiter,


und erzähl mir vom Ende.

05 November 2007

Diätenerhöhung

Diäten sollen um 9,4 Prozent steigen (FAZ.Net vom 05.11.07)




5. November 2007

Trotz massiver Proteste der Opposition

(Die übrigens nicht wegen der Erhöhung, sondern wegen des Zeitpunktes protestiert hat - das Geld wird trotzdem gern mitgenommen!)

wollen Union und SPD noch in diesem Jahr die Abgeordnetendiäten erhöhen. Die Parlamentarischen Geschäftsführer von CDU/CSU und SPD, Norbert Röttgen und Olaf Scholz,

(Ist es nicht erstaunlich, wie schnell sich die Koalitionsparteien einig werden, wenn es um die persönliche Bereicherung geht? Die gleiche Summe für die Erhöhung des ALG I hätte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit für unfruchtbare Diskussionen gesorgt.)

legten am Montag in Berlin einen entsprechenden Gesetzentwurf vor. Demnach sollen die Diäten bis 2009 in zwei Schritten auf knapp 7700 Euro pro Monat steigen. Das entspricht einem Zuwachs von insgesamt 9,4 Prozent.

(Das ist durchaus bescheiden. Die Lokführer verlangen immerhin 31%! Andererseits - die Entwicklung der Nettolöhne ist in den letzten 20 Jahren rückläufig bzw. stagniert.)

Zum 1. Januar 2008 soll die Abgeordnetenentschädigung um 330 Euro steigen, zum 1. Januar 2009 um weitere 329 Euro.

(Und damit liegt die Steigerung der Abgeordnetendiäten um 15 € niedriger als der ALG-II-Höchstsatz. Mehr dazu in meinem Post vom 5. Oktober.)

Damit würden die Abgeordneten unter dem Strich 659 Euro mehr erhalten. Zurzeit bekommen die Parlamentarier 7009 Euro brutto.

(Übrigens soll diese Diätenerhöhung auch die Unabhängigkeit der Abgeordneten zu wahren helfen. Ich frage mich, ob das die gleichen Abgeordneten sind, die sich weigern, ihre Nebeneinkünfte und Aufsichtsratsposten, die nach Beendigung der Abgeordnetenkarriere wegen diverser Gefälligkeiten fällig werden, offen zu legen.)

Rente erst mit 67

(NEIN! Das ist ja genauso wie mit den ganz normalen ArbeitnehmerInnen! Naja - nicht ganz: Möglicherweise sind die Abgeordnetennebenjobs unwesentlich höher dotiert als das tägliche Zeitungsaustragen eines unterversicherten 67-jährigen.)

Bei der Altersvorsorge sind nur kleine Änderungen geplant

Zusammen mit der Diätenerhöhung sollen die Altersbezüge leicht sinken und die Rente mit 67 auch für Abgeordnete eingeführt werden. Die Erhöhung laufe darauf hinaus, dass die Diäten an die Bezüge einfacher Richter bei obersten Bundesgerichten oder die von Bürgermeistern mittlerer Städte angepasst würden, hieß es.

(Allerdings gibt es meines Wissens nur sehr wenige einfache Richter oder Bürgermeister, die nach ihrer Abwahl im Vorstand von eon oder EnBw landen.)

Diese Besoldungsstufen seien schon 1977 bei der Verabschiedung des Abgeordnetengesetzes als Bezugsgröße vorgeschlagen worden. Mittlerweile sei man aber deutlich dahinter zurückgeblieben. Seit 2003 wurden die Diäten nicht mehr erhöht.

(Was ungerecht, unfair und nicht hinnehmbar ist. Für eine anständige Arbeit sollte auch anständig gezahlt werden. Übrigens ist der Stundensatz einer Durchschnittshoppse seit ca. 10 Jahren der Gleiche, es sei denn, sie ist in der Lage, zu verhandeln. Gleiches gilt für Putzfrauen-, Gebäudereiniger-, Fahrradkurier-, Taxifahrer- und andere Löhne.)

Laut den Plänen von Union und SPD sollen die Diäten der Parlamentarier künftig automatisch steigen, wenn vergleichbare Berufsgruppen wie Bürgermeister und Bundesrichter einen Zuschlag auf ihre Einkommen erhalten. Bislang stimmte der Bundestag jeweils selbst über höhere Diäten ab.

Die Opposition zürnt

Bei der Altersversorgung sind lediglich kleinere Änderungen geplant. Derzeit bekommt ein Parlamentarier nach acht Jahren oder zwei Legislaturperioden 24 Prozent der Diäten als Altersversorgung. Künftig sollen es nur 20 Prozent sein. Für jedes weitere Jahr im Bundestag soll die Pension dann nicht mehr um drei, sondern um 2,5 Prozent wachsen.

Bei der Opposition stießen die Pläne auf Kritik. Der Parteivorsitzende Reinhard Bütikofer nannte es „wirklich bemerkenswert“, dass Schwarz-Rot ausgerechnet bei diesem Thema so viel Handlungskraft beweise „und bei allen anderen Sachen vertagt und verzagt“. Die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth sagte, wer keine Mindestlohn-Regelung wolle, könne „auch keine Erhöhung der Diäten durchsetzen wollen“. Der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle sprach von einer „Koalition des Stillstandes“. Sie habe das Regieren eingestellt, werde sich aber über eine Diätenerhöhung rasch einig.

(Ob die Damen und Herren möglicherweise aus Solidarität auf die Erhöhung verzichten werden? Ich habe da Herrn Lafontaine vor meinem inneren Auge, der in der gepanzerten Luxuslimousine und mit Bodyguards vorfährt, um einen Vortrag über die Ungerechtigkeit des Kapitals zu halten. Nicht vor meinem inneren Auge habe ich eine radfahrende Claudia Roth. Und der kleine Guido meldet sich ja immer nur dann, wenn er ein wenig maulen kann. Die Zusatzkohle nimmt er sicher gern mit. Zynisch? Ich? Nö! Aber ein klitzekleines Bisschen neidisch auf die Möglichkeit, sich selbst aus einem großen Topf mehr oder weniger beliebig bedienen zu dürfen. Denn seien wir ehrlich: Wenn wir all die Nebeneinkünfte, Bestechungsgelder und Vortragshonorare hinzurechnen, könnte eine Zahl herauskommen, für die der gemeine Asylbewerber drei bis vier Jahre bei Vollpension im Wohnheim wohnen darf. Ups. Werde ich da politisch unkorrekt?)

Text: AP
Bildmaterial: dpa, reuters
Bearbeitung und Kommentare: Sabine Scholze

Nebeltage

Die Welt
vor meinem Fenster
versteckt sich
im Nebel.

Die Gedanken

in meinem Kopf
spielen Fangen
im Dunst.

Die Tränen

auf meinem Gesicht
laufen um die Wette
im Regen.

04 November 2007

Did you ever see...

Nach einem kurzen geistigen Ausflug finde ich mich allein mit einer Vergangenheit in meinem stillen Kämmerchen, und ich kann nicht umhin, mich zu fragen, was gewesen wäre, wenn..

Wo wäre ich heute, wenn...


Hätte es irgendwo einen Punkt der Um- oder Einkehr gegeben, der Wesentliches hätte ändern können?

Hat mir die Kraft gefehlt, der Mut, die Energie?
Heute sitze ich an meinem Schreibtisch, horche in mich hinein und versuche die Markierungen auf dem Weg, den ich bis jetzt gegangen bin, zu finden. Dunkel ist es. Keine Sterne, kein Mond, nur Nebel.

Was wäre, wenn...

...ich nicht so sehr im Augenblick gelebt, sondern geplant hätte?
...ich geredet hätte, wenn es nötig gewesen wäre?
...ich gekämpft hätte, wenn Kampfesmut gefordert war?
...ich die Gegenwart geschätzt hätte, statt nach einer fernen Zukunft zu tasten?
...ich Entscheidungen rückgängig gemacht, die Flucht ergriffen hätte, als der Impuls fortzulaufen übermächtig wurde?


Was wäre, wenn...

...ich jetzt da wäre, wo zu sein ich mir noch immer nicht vorstellen kann?
...ich glauben könnte, dass ich etwas kann und nicht nur so tue?
...ich mich wertvoll fühlte?
...ich einen Weg ginge, den ich schon immer hätte gehen wollen ohne Rücksicht auf das, was ich zurücklasse?
...ich Mut hätte?


Ich könnte noch immer das tun, von dem ich glaube, das es das ist, was ich tun will.

Ich könnte noch immer dahin gehen, wo ich den Ursprung meiner Energie vermute.

Ich könnte noch immer die sein, die ich sein will und mich annehmen.

Ich könnte noch immer glauben, dass Veränderung möglich ist.

Es gäbe noch genug zu verändern.

Perlen vor die Säue

Möchten Sie mich zu einem feierlichen Anlass begleiten? Haben Sie Lust auf ein wenig Entertainment, freie Getränkeauswahl und gutes Essen? Sie sind herzlich eingeladen!

Wir befinden uns in einem Landgasthaus vor den Toren einer südniedersächsischen Metropole, wo anlässlich eines Jubiläums eine Feier im erlesenen Kreis stattfindet. Einbestellt waren die örtlichen Honoratioren, sämtliche Mitarbeiter, Geschäftsfreunde und Kreditgeber, jeweils mit Damen. Man sitzt recht gediegen im großen Saal, Getränke werden gereicht und später das Buffet eröffnet.

Selbstverständlich gibt es Programm:

19.30 Uhr: Empfang der Gäste samt Damen und allgemeines Herumstehen bei einem Glas Sekt


19.45 Uhr: Aufbau der Musikanlage durch die gebuchten Künstler


20.00 Uhr: Herzlicher Empfang durch den Jubilar und Bekanntgabe des Ablaufs


20.15 Uhr: Suppe


20.30 Uhr: Grußwort des Jubilars, in dem er sich bei den Mitarbeitern für Loyalität und Arbeitskraft und bei der Dame für Ehe und Unterstützung bedankt


20.45 Uhr: Eröffnung des Salatbuffets


21.10 Uhr: Grußwort des Sachbearbeiters der Volksbank in Y, in dem er sich für das Vertrauen des Jubilars und das gute Essen bedankt


21.30 Uhr: Hauptgang


21.45 Uhr: Grußwort des Vorsitzenden der örtlichen CDU, in dem ausführlich der Zusammenhang zwischen einer Firmengründung, der Schaffung von Arbeitsplätzen und Stärkung der regionalen Wirtschaftsunternehmen erläutert wird, außerdem Danksagung an den Jubilar für die Schaffung von Arbeitsplätzen und die Stärkung der regionalen Wirtschaft


21.50 Uhr: Die wartenden Künstler trinken ihren zehnten Espresso.


21.55 Uhr: Grußwort des Vorsitzenden der örtlichen SPD, in dem ausführlich der Zusammenhang zwischen Schaffung von Arbeitsplätzen, Stärkung der regionalen Wirtschaft und Gerhard Schröder erörtert wird, außerdem Danksagung an den Jubilar für die Schaffung von Arbeitsplätzen und die Stärkung der regionalen Wirtschaft. Auch der Dame wird für Solidarität, Charme und Durchhaltevermögen gedankt.


22.10 Uhr: Danksagung des Jubilars.


22.15 Uhr: Grußwort des Bürgermeisters, recht humorig, er spricht zu den bereits genannten Themen.


Der große Saal
verharrt in andächtiger Ruhe. Die einzig hörbaren Geräusche sind leises Schmatzen, Gurgeln, Schlucken und Atmen, man beschränkt sich auf die Äußerung olfaktorischer, aber nicht minder eindringlicher Kommentare.

22.25 Uhr: Danksagung des Jubilars und Ankündigung der Künstler.


22.30 Uhr: Beginn der Show. Zwei talentierte junge Musiker spielen sich die Seele aus dem Leib. Das Schmatzen wird lauter, die ersten Herrschaften begeben sich, teilweise in Begleitung ihrer Damen, in den Rauchersalon, um dort die Zusammensetzung des Desserts zu erörtern.


22.34 Uhr: Kaum wahrnehmbarer Beifall. Man war zu ausgiebig mit dem Liebkosen der eigenen Schulter beschäftigt und nicht in der Lage, dem Vortrag zu folgen. Außerdem hätte Aufmerksamkeit für eine andere Person als sich selbst oder die Nahrungsaufnahme unter Umständen eine Überforderung der vorhandenen Kapazitäten bedeutet.


23.05 Uhr: Der Jubilar hält bereits das Mikrofon in der Hand und trippelt, während die letzten Klänge des letzten Musikstücks leise im lauten Stimmenwirrwarr verhallen. Das Dessert wird angekündigt.


23.07 Uhr: Unter den Klängen einer Filmmusik werden von Wunderkerzen umkränzte Eisbomben in den großen Saal getragen. Beifall brandet auf, die Aufmerksamkeit ist voll und ganz auf die Leckerei gerichtet.


23.20 Uhr: Der bestellte Alleinunterhalter kündigt "den Tanz" an und beginnt mit einem Diskofox. Niemand reagiert.


23.20 Uhr: Die Künstler bauen ihre Anlage wieder ab.


23.30 Uhr: Der bestellte Alleinunterhalter dreht die Lautstärke auf. Die Massen scharen sich um die Bar, denn dort werden weitere kostenfreie Getränke gereicht.


23.45 Begleichen der Rechnung und Abgang der Künstler.

03 November 2007

Jugendliebe II

Er braucht Platz.
Ich fühle mich störend.

Er muss arbeiten.

Ich fühle mich ablenkend.

Er will Gedankenschweifen.

Ich fühle mich zurückhaltend.

Er macht Fortschritte.
Ich fühle mich bremsend.

Er achtet auf sich.
Ich fühle mich ungeachtet.

Erwachsensein schmerzt.

Manchmal.

02 November 2007

Jugendliebe I

Er wirkt einschüchternd.
Ich bin bei mir.

Er spielt Golf.
Ich laufe, wenn ich kann.

Er hat Abenteuer erlebt.
Ich schreibe Geschichten.

Er ist beeindruckend.
Ich habe ihn früher geliebt.

01 November 2007

Die Marke "Maddie"

Da ist vor fast genau sechs Monaten ein kleines Mädchen entführt worden, zum Zeitpunkt ihres Verschwindens ca. drei oder vier Jahre alt. Die Eltern sind schockiert, dann gehen sie an die Presse, gründen, den Hilfsfond "Find Maddie", von dem zunächst diverse Anwälte, Medien- und PR-Berater, später dann zwei Monatsraten für das gemeinsame und noch im Besitz der Bank befindliche Anwesen gezahlt werden. Der Papst wird besucht, die Bundeskanzlerin, Zeitungen und Fernsehen werden bemüht. Ziel: Das Verschwinden des Kindes darf nicht in Vergessenheit geraten.
"Die Eltern des verschwundenen Mädchens haben die „Marke Madeleine“ im Mai und Juni begründet, das war der Nebeneffekt ihrer Öffentlichkeitskampagne auf der Suche nach ihrer Tochter, und die Zeitungen, die Polizeibehörden, reiche Geldgeber, allerlei Berühmtheiten wie preisgekrönte Autoren oder Scheidungsopfer alternder Popsänger halten die Marke jetzt lebendig, benutzen oder missbrauchen sie auch. Vom Schicksal Madeleines gibt es unterdessen nichts zu berichten." FAZnet vom 01.11.07

Tja. Wäre ich jetzt zynisch, würde ich die Tatsache, dass die sogenannte "Herdprämie", die Frauen dafür belohnt, dass sie nach der Geburt ihren natürlichen Pflichten nachkommen (Eva Herrmann und Kardinal Mixa lassen herzlichst grüßen) mit der Aussage eines mir nicht näher bekannten Politikers, das sei nichts weiter als eine "Investitionsbeihilfe für Flachbildschirme" und dem recht subjektiven Gefühl, dass Kinder ihren Eltern häufig irgendwie passieren, ohne dass sich diese auch nur den Schatten eines Gedankens darüber machen, dass sie da ein Leben und damit Verantwortung in die Welt gesetzt haben, in Verbindung bringen und mich nicht weiter wundern.


Ja, da verschwindet ein Kind. Na und, in Zeiten der Kinderpornographie im Internet verschwinden sie doch dauernd, soll man sich da wirklich noch aufregen? Sie werden von ihren Eltern gequält, vernachlässigt,
wachsen im besten Fall mit Kinderschnitte, Fruchtzwergen und Toffifee vor dem Fernseher auf (dann muss es allerdings schon echt gut gelaufen sein!) oder gehören zu diesen armen Waisen, die von irgendwelchen Promis adoptiert werden (dann werden sie zwar nicht geliebt, haben aber eine Mörderkohle, was ja auch nicht schlecht ist).


Aber ich bin nicht zynisch. Ich glaube an die Menschheit und die Menschlichkeit.


"Weitere Maddie-Meldungen des Tages lassen allerdings die Sorge gering erscheinen, der Geschichte über die Folgen des Verschwindens einer Vierjährigen könnte bald der Stoff ausgehen: Für Samstag haben die Eltern öffentliche Abendgebete für ihre Tochter angekündigt." FAZnet vom 01.11.07



Ich habe keine Kinder, und ich kenne die Eltern dieses verschwundenen Mädchens nicht. Aber ich frage mich, in was für einer Welt wir leben, wenn das Verschwinden eines Kindes nichts weiter bedeutet als eine Schlagzeile. Wer sind wir, dass wir nicht mit dem Kind fühlen, das möglicherweise Opfer entweder häuslicher Gewalt, Pädophilie oder Langeweile geworden ist, sondern wie die Geier über eine Geschichte herfallen, die wir auch nicht ansatzweise nachvollziehen können?

Heute nachmittag hatte ich einen sehr charmanten jungen Mann im Arm, Fietje, sechs Tage alt. Ich wünsche ihm das Allerbeste, vor allem aber, dass er nicht so bald mit Flachbildschirmen, Eigennutz und Gleichgültigkeit konfrontiert wird, sondern die Liebe seiner Eltern noch recht lange geniessen darf.


Kerzenlicht

Manchmal, wenn ein Tod unvermeidbar zu sein scheint, ein Leben gelebt, wenn es Zeit ist, sich zu verabschieden, sagt man, ein Mensch verlösche wie eine Kerze. Die Flamme brennt langsam herunter, wird schwächer, dunkler, bis sie dann mit einem letzten, leisen Zischen ausgeht.
Die heruntergebrannte Kerze wird durch eine neue ersetzt, der Mensch ist fort.

Was aber geschieht mit all diesem Licht, das für eine Lebenszeit die Gegenwart der anderen erhellt hat? Bleibt es für immer im Dunkel?


Wie schön wäre die Vorstellung, solch ein Mensch, der geleuchtet und bei seinem Weggehen einen Schatten hinterlassen hat, würde an einem anderen Ort neues Licht finden. Das könnte ein Platz der Nacht sein ohne Hoffnung auf den Tag, bis der erste Gestorbene seinen Weg dorthin gefunden und das erste Licht entzündet hat. Und dieser kleine, schwach leuchtende Punkt hat anderen die Richtung gezeigt, sie folgen, erzeugen ihre eigene Flamme, bis der Ort in hellem Kerzenlicht erstrahlt, einem warmen, goldenen, lebendigen Leuchten, das auch von den Lebenden gesehen wird.


Vielleicht folgen wir dieser Hoffnung, wenn wir, egal, ob katholisch oder nicht, in eine Kirche gehen, um dort für jemanden, der unser Leben bereichert hat, eine Kerze anzuzünden. Vielleicht ist es tröstlich, schon beim Verlöschen des Lichtes an einen Neuanfang zu denken, nicht nur für die, die zurückbleiben, Zwiegespräche zu halten mit einer ruhig brennenden Kerze in der Hoffnung, dass jemand, den wir geliebt haben, an einem anderen Ort weiter leuchten darf.


"Am Anfang war die Finsternis..." heisst es im Alten Testament. "Am Ende ist das Licht." hoffe und wünsche ich.

Heldenmut und Hidalgo

Ich bin ja bekanntermaßen eine Filmheulerin. Wer noch nie hilflos im Kino neben mir gesessen und mir seinen Jackenärmel angeboten hat, während ich mehr oder weniger still in mich hineingeschluchzt habe, möge sich jetzt melden oder für immer schweigen. Ich habe sogar bei der Beerdigung von Franz Josef Strauß geheult und bei Prinzessin Dianas Hochzeit mit dem Segelohreninhaber. Ist mir heute peinlich, konnte ich aber damals nicht ändern. Egal.

Heute, lahmgelegt mit schmerzendem Knöchel, habe ich mir "Hidalgo" angesehen. Viggo Mortensen kommt ohnehin gleich nach Götz George, George Clooney, Clark Gable und Dennis Quaid, aber sein Pferd hat alles geschlagen. Kampfeswillen, Todesmut, Durchhaltevermögen, Trotz, Stolz, "Hidalgo" (so hieß es) hatte alles in sich.


Natürlich wird so ein Tier vermenschlicht, sonst würden Menschen wie ich nicht haufenweise Taschentücher und Jackenärmel vollheulen, aber trotzdem: Heldenmut ist eine sehr seltene Ware in unseren Zeiten, und wenn dieser Heldenmut dann von Mensch und Tier auf so wunderbare, eben heldenhafte Art in Szene gesetzt wird, frage ich mich, wie wir mit all diesem täglichen Kleinkram eigentlich leben können.
Nein, ich werde ehrlicherweise ein wenig spezieller: Ich frage mich, wie und warum ICH mit diesem alltäglichen Kleinkram lebe, statt zu tun.

Warum suche ich nicht nach dem Abenteuer, der großen, einzigartigen, lebensbedrohlichen Herausforderung?

Warum komme ich nicht auf die Idee, ohne Sauerstoff und im Alleingang den Mt. Everest zu besteigen?

Warum laufe ich keinen Wüstenmarathon mit, nicht den Transeuropalauf, nicht einmal den auf den Brocken und wieder runter?

Weil ich mir, sobald ich mich einigermaßen wohlfühle mit mir, irgendetwas verstauche, umknicke, verdrehe oder aufschlage?
Weil ich ganz offensichtlich in einem Alter bin, in dem man eher nicht gelebten Träumen hinterhertrauert als sie zu suchen?
Weil ich nicht weiss, ob meine Krankenversicherung das Risiko übernimmt?
Weil ich feige bin?
Bequem?
Faul?
Weil die Fahrt zur Arbeit schon extrem abenteuerlich ist?

Wenn ich einen Wunsch frei hätte, der nicht schon für einen arbeitsplatznahen Parkplatz verballert worden ist, hätte ich gern Mut. Den Mut, doch noch zu tun, wovon ich irgendwann einmal geträumt habe. Den Mut, einzuschreiten, wenn ich etwas als ungerecht empfinde, statt mich hinter Zynismus zu verstecken. Den Mut, die Richtung zu wechseln, statt dem Richtungspfeil zu folgen.

Sollte sich mein Heldentum tatsächlich darauf beschränken, eine Spinne vor dem Ertrinken zu retten und ohne GPS Auto zu fahren?