28 Dezember 2007

Rückblicke

Das hat inzwischen gute Tradition: Irgendwann zwischen Weihnachten und Silvester zurücklehnen, vielleicht in Tagebüchern blättern, alte Zeitungen tun es manchmal auch, und wer weder das eine noch das andere tun mag, blättert im Kopf. Kennen Sie dieses Gefühl beim Lesen oder Anschauen von Jahresrückblicken? Dieses "Achja, das ist ja auch passiert dieses Jahr!", "Das hatte ich vergessen!" oder "War das tatsächlich in diesem Jahr?" Und dann folgt unvermeidlich die Erklärung, bei der eine sehr alte und leider ebenso wahre Weisheit behilflich sein soll: "Irgendwie scheint die Zeit mit jedem Jahr schneller zu vergehen!" 2006 war mein Jahr des Aufräumens, Ausruhens und Atemholens. Was war 2007? Ein Jahr der neuen Wege, der Abschiede, der Brüche, ein Jahr, in dem ich mich vielen meiner Ängste gestellt habe und ihnen noch immer gegenüberstehe. Und so, wie 2006 viel Leichtigkeit hatte, jedenfalls im Nachhinein, spüre ich heute sehr viel Schwermut. Das kann allerdings auch mit Grippe, Wetter und eben Jahresende zu tun haben.
Viel herumgekommen
viel gereist bin ich 2006, habe sehr viel Neues, Schönes, Beeindruckendes gesehen. 2007 bin ich auch sehr viel herumgekommen, bin gereist in meinem Inneren, manches habe ich mitnehmen können, manches und manchen habe ich zurückgelassen. 2007 ist das zweite Jahr ohne Kreta, und die Kraft, die Energie und die Inspiration der Insel fehlen mir mehr, als ich sagen kann. Vieles verklärt sich im Rückblick; je länger die Ereignisse zurückliegen, desto bunter färbe ich sie, desto wichtiger erscheinen sie mir. Die jüngere Vergangenheit gibt sich übermächtig, thront riesengroß über mir, droht mich zu erschlagen.
2007 war ein Jahr der Kreativität, teilweise erzwungen, weil ich ohne dieses Ventil möglicherweise an mir selbst verrückt geworden wäre. Alles, was 2006 spaßig, ironisch, augenzwinkernd war, scheint 2007 an Dramatik gewonnen zu haben. Satire wurde zu Lyrik, "Frauen denken. Männer nicht. Denken Frauen." wurde zu "Anna". Wertungsfrei. Veränderungen eben, manchmal erwünscht, geplant und herbeigesehnt, manchmal erzwungen, weil keine Alternative für mich sichtbar war.

Und hier ist er nun - mein privater und persönlicher Jahresrückblick 2007:

  • Januar - Die Schlagzeilen des Monats: "Deutschland übernimmt EU- und G8-Vorsitz!" und "Sturmtief Kyrill wütet in Europa!" In meinem Tagebuch steht am 15.01.: "Ich habe das Gefühl, gleichzeitig anzukommen und weiterzugehen." Ein ruhiger, schöner Monat, fühle mich wohl mit mir und bin voller Tatendrang. Vom Sturm habe ich noch nichts gespürt.
  • Februar - Der Weltklimabericht warnt vor der Erderwärmung, Britney Spears schneidet sich eine Glatze, Jan Ulrich tritt zurück und Deutschland wird Handball-Weltmeister. Ich treffe auf mein inneres Kind. Es meldet sich mit Wünschen, Träumen, noch mehr Ängsten. Es bleibt und hofft auf Beachtung.
  • März - Knut ist da. Ein Schüler säuft sich tot, die Rente mit 67 wird beschlossen. Meine erste "öffentliche" Lesung und aufgrund der positiven Resonanz der Entschluss, endlich ein Manuskript einzusenden. Die üblichen guten Vorsätze hinsichtlich einer gesünderen Lebensweise, sinnlos wie eben alle guten Vorsätze. Erfolgreiches Umschiffen der "Wenn ich ein Buch veröffentlichen will, sollte ich auch eine Leseprobe an den einen oder anderen Verlag schicken!"-Klippe. Habe viele Erklärungen, warum es gerade jetzt nicht geht. Und ich komme noch einmal in den Genuss, ein für mich/wegen mir geschriebenes und komponiertes Lied zu hören.
  • April - Nicolas Sarkozy wird französischer Präsident und Prinz William macht vorübergehend mit Kate Middleton Schluss. Ich habe Geburtstag, den ich - wie üblich - geflissentlich zu ignorieren versuche. Die Geschichte des Mädchens, das sich in einen Stern verliebt und an dieser Liebe verglüht, entsteht, direkt danach die von der Prinzessin, die gerettet werden will, sich aber nicht traut, nach dem Ritter zu rufen. Die Hexe in mir verzaubert den Ritter in Luft. Es ist unglaublich heiss, mehr als nur ein Vorgeschmack auf den Sommer. Glücklicherweise weiss niemand, dass der Großteil des Sommers damit auch vorbei ist.
  • Mai - Der VfB Stuttgart wird Deutscher Meister, und Daimler trennt sich von Chrysler. Madeleine McCann verschwindet. Ich trenne mich für dieses Jahr von Kreta, muss schweren Herzens meinen Urlaub absagen, den ich eigentlich sehr dringend gebraucht hätte. Mache stattdessen Kurzurlaub in Deutschland bei freier Kost und Logis und Familienanschluss. Darf beim Modellklienten C sein und werde für meine Rolle gelobt. (Für Nicht-NLPlerInnen: C beobachtet und ist sozusagen ein "stummes Notizbuch auf Füßen".) Meine innere Göttin sagt mir: "Erhebe Dich aus Deinen Ängsten, breite Deine Schwingen aus und flieg nach oben! Du hast alles in Dir. Was Du brauchst, ist Konstanz und den Mut, Dein Werk zu vollenden." Mein Knie tut weh.
  • Juni - Störfälle in den AKW Brunsbüttel und Krümmel, Klaus-Jürgen Wussow ist gestorben, G8-Gipfel in Heiligendamm. Ich gerate häufig in die Nähe meiner (Lebens-)Themen, mein Energiepegel befindet sich im freien Fall, und mein innerer Ritter verweigert die Gefolgschaft. Compulsion Blow Out.
  • Juli - Tour de France geht im Doping-Sumpf unter, Sommer der Wetterextreme in Europa, erste Warnstreiks der Lokführer. Mein Onkel Walter hätte am 1. Juli Geburtstag gehabt. Mein Tagebucheintrag vom 2. Juli: "Erkenntnisse auf meiner Seite: Ehrlichkeit ist wichtig, Authentizität, das tun, was ich sage, das leben, was ich will!" Ich erhalte mein NLP-Master-Zertifikat. Meine Knie verabschieden sich und verabreden gleichzeitig mit dem Ilio-Sacral-Gelenk einen weiteren Ausstand. Damit bin ich gezwungen, eine andere Richtung zu suchen und schnellstmöglich einzuschlagen. Glücklicherweise hatte aber mein Kopf bereits vorbereitet, wozu mein Körper mich jetzt in Notwehr zwingt. Ich führe Wetteraufzeichnungen - an jedem zweiten Tag schreibe ich "Es kübelt."
  • August - Waldbrände in Griechenland, die ersten Rauchverbote, US-Immobilienkrise. Ich beende eine knapp sechswöchige Abstinenz mit einem heftigen Paukenschlag, Selbstkasteiung inklusive. Erkenne kurze Zeit später, dass ich trotzdem über eine gehörige Menge an Willenskraft verfüge. Außerdem scheint Anfang August endlich einmal die Sonne, und es wird warm. Ich lese über Kraftorte auf Kreta, kenne einige. Für mich ist die ganze Insel ein Kraftort. Der Kraftort. Am 7. August ist der Tag der Erkenntnis gekommen: Ich sage alle meine Kurse ab, werfe mich ins Ungewisse und knüpfe erste zaghafte Kontakte mit der Sozialagentur. Erfolglos; die seltene Spezies des mitfühlenden Beamten hatte sich in meinem Fall leider hinter Aktenbergen verschanzt. Habe immer noch die irrwitzige Idee, gesund leben zu wollen...
  • September - Angela Merkel empfängt den Dalai Lama, Tausende von Mönchen demonstrieren gegen Birmas Militärjunta, die deutschen Frauen werden Fussballweltmeisterinnen. Tagebucheintrag vom 8. September: "Die Tür ist zu. Endgültig und für immer. Sabine, die Hupfdohle, ist in Rente. Die neue Sabine hat sich noch nicht erfunden." Heute darf ich es verraten: Wesentlich weiter bin ich auch heute, 28. Dezember, noch nicht. Ich suche nach Sicherheit. Finde immer nur mich. Und ich laufe wieder, zaghaft, kurz, aber schmerzfrei. Am 28. September hatte ich meine zweite "öffentliche" Lesung, zusammen mit anderen Autoren. Ist gut angekommen, ich hoffe auf mehr. Meine beste Freundin hat geheiratet.
  • Oktober - Evelyn Hamann ist gestorben. Schade, sie war eine großartige Schauspielerin. In meinem Kopf wirbeln die Ideen durcheinander, werden aber auf die große Warteliste gesetzt. Ich stelle verwundert fest, dass ich den Herbst mag.
  • November - Müntefering tritt zurück, die Dresdner Waldschlösschenbrücke darf gebaut werden. Kleine Hufeisennase, zieh Dich warm an! Für mich ein sehr bewegter Monat, schwankend zwischen tiefen Depressionen, wildester Kreativität, Trotz, Mut, Zweifeln, Taumeln im luftleeren Raum. Mein Energiepegel sinkt stetig. Mein Kampf gegen vermeintliches Übergewicht gewinnt neue Dimensionen. Ich entdecke das Kerstlingeröder Feld wieder und damit einen Kraftort, für den ich nicht ins Flugzeug steigen muss.
  • Dezember - Der Lotto-Jackpot wird geknackt, irgendwie gibt es überall tote Kinder, und die CDU beschließt ein neues Programm. Außerdem stirbt ein Mensch, den ich in sehr kurzer Zeit sehr liebgewonnen habe und von dem ich mich nicht verabschieden konnte. Ich kränkele vor mich hin, körperlich wie geistig. Finde mich auf einem Spaziergang wieder und bin entschlossen, meine Hand nicht mehr loszulassen. Es darf schön werden, das Jahr 2008!

18 Dezember 2007

Lebenskämpfe

Manchmal,
wenn das Leben
mir mit Anlauf
in die Fresse
schlägt,
will ich
schreien,
weinen,
fortlaufen.

Manchmal,
wenn das Leben
mir einen Tritt
in den Arsch
verpasst,
will ich
jammern,
leiden,
wegrennen.

Manchmal
drehe ich mich um,
bleibe stehen,
stelle mich,
schlage zurück.
Werde wieder
geschlagen.

Manchmal
gewinne ich.
Dann bleibt das Leben
liegen.
Für eine Zeit.

16 Dezember 2007

Wintersonne

Ein ganz normaler Sonntagmorgen Mitte Dezember, die Sonne scheint, es hat gefroren, Reif liegt auf den Dächern. Möglicherweise frühstücken einige Paare oder Familien gerade zusammen, vielleicht sind die Kinder schon wach, obwohl die Eltern noch schlafen wollen. Vielleicht hat ein frisch- oder immer noch verliebtes Paar gerade Sex, vielleicht sitzen sie aber auch mit einer Tasse Kaffee im Bett und reden.
Vielleicht gibt es irgendwo einen Menschen, dessen Welt gerade in sich zusammengefallen ist, und der versucht, zwischen den rauchenden Trümmern ein paar Reste zu finden, um sich ein neues Leben zusammenzuklauben.
Vielleicht ist da eine Frau, die um ihren verstorbenen Mann trauert,
eine andere, die im Stich gelassen wurde, ein Sohn, dessen Vater gestorben ist, ein Kind, das verhungert oder eines, das gerade gestillt wird.
Möglicherweise werden gerade Katzen liebevoll gestreichelt, oder jemand geht mit seinem Hund spazieren.
Vielleicht sitzt in irgendeiner Wohnung ein Mensch, dessen Glauben an Liebe, Rücksichtnahme und Gehaltenwerden gerade getötet wurde und der sich nicht vorstellen kann, jemals wieder Glück erleben zu können. Und möglicherweise ist da ein Anderer, der sich der Verantwortung, die man übernimmt, wenn man jemandem sagt, dass man ihn liebt, nicht bewusst ist, und der sich nicht vorstellen kann, dass Wortlosigkeit ein Messer ist, dass man dem wehrlosen Gegenüber mitten ins Herz sticht.
All das und noch mehr kann an einem ganz normalen Sonntagmorgen geschehen. Kein Schicksal ist einzigartig, und das könnte tröstend für diejenigen sein, die diesen sonnigen Tag nicht wahrnehmen, weil ihre Augen voller Tränen sind, die Schönheit nicht genießen können, weil sie zu sehr damit beschäftigt sind, ihr Leben zu behalten und nicht zurück in die schwarzen Abgründe, sondern nach vorn ins Ungewisse zu schauen.
All denjenigen, die gerade glücklich sind, gilt meine Sehnsucht. Denjenigen, die trauern oder zutiefst unglücklich sind, gilt mein Mitgefühl. Meine Hoffnung ist weit fort, bei irgendeinem sonnigen Sonntagmorgen in ferner Zukunft, wenn ich mit einem Menschen, der mich liebt, erwache, wenn ich Worten Glauben schenken und mein Herz vertrauensvoll öffnen kann. Für heute bleibt mir, meine Tränen von klarer, kalter Winterluft trocknen zu lassen.

LiebesWorte

Du sagst, Du trauerst.
Das spüre ich,
denn Du machst mich traurig.

Du sagst, Du leidest.
Das spüre ich,
denn Du lässt mich leiden.

Du sagst, Du seiest zerrissen.
Das spüre ich,
denn Du zerreisst mich.

Du sagst, Du liebst mich.
Das spüre ich nicht,
denn Du tötest mich.

14 Dezember 2007

Zerrissene Liebe

Ja, ich verstehe!
Bin trotzdem unsicher.
Ja, ich rede!
Bin trotzdem sprachlos.
Ja, ich bleibe!
Bin trotzdem auf der Flucht.
Ja, ich liebe!
Bin trotzdem einsam.
Ja, ich sehe!
Fühlen kann ich Dich nicht.

Laufende Zwiegespräche

Das Feld. Diesmal nicht gehend, sondern laufend. Unvorstellbar, dass auf diesem Grund einmal Panzer gekreuzt sind, Kriegsgerät getestet wurde! Andererseits - manchmal führe ich hier auch Waffentests durch. Meine Waffen sind Worte. Ich führe Zwiegespräche, während ich vor mich hin trabe, laufe oder gehe. Ich sage einem fiktiven Gegenüber, was ich von ihm will, etwas, das mir im nichttestuativen Zustand eher selten gelingt.
Laufend kann ich meinen Gefühlen Ausdruck geben, kann reden, nein, falsch, nur mein Kopf redet, meine Beine rennen, und mein Mund bleibt stumm. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, überzeugend, weil ehrlich zu sein. Im wahren Leben verstumme ich viel zu oft.
Ja, Stille ist gut, aber das trifft nur auf freiwillige Stille zu! Reden wäre manchmal besser. Ein neues Andererseits - Reden sind Worte, sind aneinandergereihte Buchstaben, haben keine Bedeutung, wenn keine Taten folgen. Ist Reden also schlecht? Nicht immer, aber immer dann, wenn es beim Reden bleibt, wenn nichts zu sehen, nichts zu fühlen, sondern nur zu hören ist, denn dann führt Reden zu Vertrauensverlust.
Laufend kann ich mir Versprechungen machen, kann mich beschwören, eine wie auch immer unbefriedigend geartete Situation schnellstmöglich zu bereinigen. Andererseits - manchmal reicht es, zu laufen. Danach ist nichts mehr zu klären. Mein Gesicht ist voller Wind und Luft, meine Knie tun mörderisch weh, mir ist gleichzeitig warm und kalt. Gut trotzdem. Ich habe mich gefühlt. Muss ich noch Versprechungen einhalten, wenn ich mich fühle? Oder ist dieses Fühlen das Ziel meines Versprechens? Manchmal können Worte nichts ändern, weil sie nicht so ankommen, wie sie losgeschickt werden.
Wirklich, manchmal scheint es so, als sagte man etwas, und in den paar Sekunden, die diese Wortmeldung bis zum Empfänger braucht, manipuliert irgendein fieser, kleiner, missgünstiger Zwerg so daran herum, dass die Botschaft im Gesagten absolut unverständlich wird. Manchmal bin ich selbst dieser fiese, kleine Zwerg. Manchmal mache ich es dem Zwerg leicht. Manchmal sollte ich einfach die Klappe halten.
Bin mir nicht sicher. Wenn ich könnte, wenn es nicht nach fünfzig Minuten Berg- und Tal-Lauf so sehr schmerzte, ich würde laufen wie Forrest Gump. Einfach los und dann nirgendwohin. Ich habe diese Straße vor meinem inneren Auge, die er entlanggelaufen ist, mitten in Arizona, zwischen Felsen, dann am Meer, aber immer laufend. Was muss das für ein unglaubliches Gefühl sein, einfach loszulaufen! Kein Blick zurück, sich nicht halten lassen, von nichts und niemandem, die absolute Freiheit. Am Straßenrand Menschen, die eine ähnliche Sehnsucht haben und beim Vorankommen helfen. Und auf die Fragen der Reporter antworten: "Ich wollte laufen. Sonst nichts." Laufen und niemals stehenbleiben. Laufen als Selbstzweck. Laufen mit einem Gefühl der Stärke. Laufen. Leben. Atmen. Keuchen. Fühlen. Über mir der Himmel, unter mir die Straße. Laufen eben. Nichts sonst.
Ich war dann nach einer knappen Stunde wieder bei meinem Auto. Kühl war es, und ich bin schnell nach Hause gefahren, ins Warme.

13 Dezember 2007

Zehnerball – Wer stehenbleibt, ist tot!

Die Mannschaften stellen sich gegenüber auf, rechts die dunkel gekleideten, links die in den bunten Shirts. Erste Blickduelle, Stirnen werden gerunzelt, Brauen zusammengezogen, Fäuste geballt, freundschaftliche Gefühle im Keim erstickt. Der Kämpfer hat keine Freunde. Er kennt nur noch sich und sein Ziel. Kollegialität? Gemeinsames Lernen? Aus und vorbei, hier geht es nur noch darum, möglichst viele Punkte zu sammeln!

Der Schiedsrichter, gleichzeitig Leiter der Gruppe, bittet die Mannschaften näher zueinander. „Jungs und Mädels, ich will ein faires Spiel. Es wird nicht gelaufen, kein Körperkontakt, niemand, der einen Ball hat, wird angegriffen. Jede Mannschaft, die sich den Ball zehnmal zugeworfen hat, erhält einen Punkt. Wenn ich pfeife, wird das Spiel sofort unterbrochen. Alles klar?“ Allgemeines Nicken.

Der Schiedsrichter wirft den Ball in die Menge, und die Breitergebauten der beiden Mannschaften stürzen sich ins Getümmel. Ellbogen und Knie werden großzügig eingesetzt, die ersten Mitspieler kommen zu Fall.

Pfiff. Keine Reaktion. Noch ein Pfiff, diesmal lauter und schriller. Man blickt auf, der Schiri macht die klassische Unterbrechungsgeste. „Ich habe doch gesagt, es wird nicht gerannt, und niemand wird angegriffen! Beim nächsten Mal gibt es gelbe Karten!“

Erneuter Ballwurf. Diesmal kommt der Größte der beiden Gruppen zum Zuge, pflückt sich den Ball aus der Luft, indem er sich auf der etwas kleiner gewachsenen Physiotherapeutin aufstützt. Diese knickt weg, wird aber vom Bodybuilder der eigenen Mannschaft aufgefangen und wieder auf die Füße gestellt. „Hierher, hier bin ich! Her mit dem Ball!“ brüllt es aus der hinteren Hallenecke. Dort hat sich eine Spielerin freigekämpft; ihr Gegner, der einen Ellbogencheck in die Rippen abbekommen hat, ringt nach Luft und hält sich an der Wand fest, was ihn aber nicht daran hindert, mit dem freien Arm nach einem weiteren Mitspieler zu schlagen, der sich auf den Weg gemacht hat, den Ball aufzufangen.

Der Schiri versucht verzweifelt und erfolglos, sich Gehör zu verschaffen. In einer Ecke sind zwei weitere Bodybuilder ineinander verkeilt und lassen sich von der Tatsache, dass der Ball längst bei einer anderen Spielerin angekommen ist, nicht daran hindern, einen engagierten Ringkampf auszutragen.


Endlich tritt Ruhe ein. Der mit dem Ellbogencheck steht wieder, auch die beiden anderen Kontrahenten haben sich, wenn auch unwillig, voneinander gelöst. „Gut, mit einfachen Regeln scheint es nicht zu funktionieren. Ihr Sechs: GELBE KARTE! Und ab jetzt wird auch nicht mehr gerufen. Also: Kein Rennen, kein Hauen oder Treten, keine Geräusche. Ich will nichts hören ausser Eurem Atem!“

Allgemeines Gemaule, das jedoch angesichts des Schiris strengem Blick recht schnell verstummt.

Es steht übrigens noch immer 0:0. Der Ball wird geworfen, und ein weiterer Spieler, der auch sehr lang geraten ist, springt hoch und fängt ihn. Ohne ein Wort, aber mit wildem Blick wirft er ihn zu einer Mannschaftskameradin. Die hat gerade woanders hingeschaut und sinkt ohnmächtig zu Boden. Das wiederum bringt ihren direkten Bewacher zu Fall, der versucht hat, den Wurf abzufangen. Der Älteste der Gruppe zieht beide zur Seite, in Sicherheit, und leistet Erste Hilfe. Leider wurde die kleine Gruppe im Eifer des Gefechts von einem weiteren engagierten Spieler übersehen, der strauchelt, es aber im letzten Moment schafft, mit einem gazellenartigen Sprung über die drei hinwegzusetzen.

Der Schiedsrichter hat inzwischen entnervt die Halle verlassen. Eine Spielerin springt ein. „Ihr sollts Euch doch nicht feschthäbbe!“ ruft sie im schönsten Schwäbisch, aber niemand hört auf sie.

In diesem Moment wirft sich eine junge Dame, die sich bisher im Hintergrund gehalten hatte, todesmutig in die aufgewühlte Menge, ergattert den Ball mit einem elfengleichen Hechtsprung, wirft ihn im Fallen einer Kollegin zu, diese versucht, ihn zu fangen, scheitert aber an ihren Füßen und dem Menschenknäuel darunter.

Überlebende? Waren nie geplant!

Zehnerball – Die Geschichte zur Geschichte, und herzlichen Dank an die KollegInnen für die Inspiration!

Während einer Fortbildung, die jetzt ins dritte Wochenende geht uns sich (leider) ihrem Ende nähert, habe ich einen Haufen sehr netter KollegInnen kennengelernt, eine Menge Spaß mit ihnen gehabt und eben höchst engagierte Ballspiele gespielt. Wer meine Jammerei vom 19. November verdrängt hat, ist herzlich eingeladen, noch einmal nachzulesen. Sozusagen als "Gruppenbild zum Vorlesen" ist die folgende Geschichte entstanden. Selbstverständlich habe ich mir die Namen alle ausgedacht, und eine Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist weder beabsichtigt noch wahrscheinlich!


Icons

"An Euren Taten will ich Euch erkennen!", heisst es.
Es heisst nicht: "Verfasst eine Mail!"
Es heisst nicht: "Redet über Eure Taten!"
Es heisst nicht: "Schreibt SMS!"
Es heisst nicht: "Malt Icons!"

12 Dezember 2007

Gedanken über Leere

Gedankenleere.
Leere Gedanken.
Gedanken der Leere.

Können Gedanken leer sein?
Ins Bodenlose stürzen?
Ins Leere fallen?
Inhaltslos sein?

Kann Leere Gedanken haben?
Kein schwarzes Loch sein?
Die Gedanken füllen?
Enthalten sein?

Tränenfluss

Sie sind weg,
verdunstet möglicherweise,
zusammen mit den
Regentropfen
in den Gully geflossen.
Haben sich vermischt
mit dem Wasser
aus der Dusche.
Sind getrocknet
im Schlaf.
Haben sich im
Taschentuch versteckt
und sind in der
Waschmaschine
getötet worden.


Diese Tränen
werde ich nie wieder
weinen.
Nachschub
ist unterwegs
.

Buchstabensalat

Die Aneinanderreihung von Buchstaben wird zu
Worten.
Aus all diesen Worten bilden wir
Sätze.
Viel Sätze führen oft zu einer
Rede.
Manchmal sprechen wir eine
Sprache.

Wenn wir nicht taub sind,
hören wir,
was der Andere sagt.
Manchmal verstehen wir es sogar.
Und doch
bleibt es
Gerede,
Worte,
eine Aneinanderreihung von Buchstaben.
Nichts von Bedeutung.

Sprechblasen.

11 Dezember 2007

Tod den Schwätzern! Alle Macht den Ärschen!

Immer wieder treffen wir auf rede- und geltungsbedürftige Menschen, Schwätzer eben. Solchen, die eine Diskussion beginnen mit "Eigentlich bin ich an dem Thema nicht sehr interessiert..." und ihre Wortmeldung nur unter Einwirkung von verbaler oder schlimmstenfalls körperlicher Gewalt beenden, weil sie reden und reden und reden.
Worte eben. Sie lieben Worte. Ich auch. Ich bin also nicht besser, weil ich auch nichts anderes tue als reden. Tun bedeutete, wirklich etwas zu ändern. Tun hieße, nicht immer nur zu reden, sondern den Arsch zu bewegen. Wenn der Arsch aber festgeklebt ist an dem, was ist, läßt er sich nicht so leicht lösen.

Und damit ist mir der kleine Spagat vom Schwäter zum Arsch auf eine nahezu geniale Weise gelungen: Bleiben wir doch noch ein wenig beim Arsch. Er bietet so unendlich viele Redewendungen, und es könnte doch recht interessant sein, einigen von ihnen auf den Grund zu gehen.


Ich bin im Arsch.
Bedeutet so viel wie: Ich bin vollkommen fertig, es geht mir nicht gut, ich kann nicht mehr. Da stellt sich natürlich die Frage, in wessen Arsch ich in diesem Zustand bin. In meinem eigenen? Wie mache ich das, ohne Schlangenmensch zu sein? In einem anderen? Was habe ich in einem fremden Arsch zu suchen, es sei denn, ich kröche hinein (s.u.)? Im Arsch des Allmächtigen? Wenn da alle wären, die das sagen, hätte er mit kapitalen Verdauungsstörungen zu rechnen. (Ein Hinweis an die Radikalislamisten unter meinen Lesern: Mit dem Allmächtigen meine ich natürlich den christlichen Gott, und ich käme niemals auf die Idee, den Namen des Ihrigen missbräuchlich zu benutzen. NIEMALS! Und mein Teddy heisst Teddy.)

Beweg Deinen Arsch! Das ist einfach: Irgendjemand, den oder die ich einmal als faule Sau bezeichnen möchte, soll in irgendeiner Form aktiv werden. Das kann bedeuten, dass ein zu dicker Mensch abspecken, ein politisch Uninteressierter zur Wahl gehen, ein Dauermeckerer den ihm unangenehmen Zustand ändern, ein ALG-II-Empfänger den Ein-Euro-Job antreten soll. Und natürlich soll nicht nur der Arsch bewegt werden, sondern das daranhängende Individuum gleich mit.

Jemandem in den Arsch kriechen. Steht gemeinhin für Katzbuckelei (Schon wieder so ein Bild, Sprache ist doch recht vielfältig.), Strebertum im unangenehmen Sinne des Wortes. Irgendjemand will etwas, und er versucht denjenigen, der darüber zu entscheiden hat, durch Schmeicheleien, schöne Worte und Artigkeiten davon zu überzeugen. Ist wieder ein Beweis dafür, dass man auf Worte nicht allzuviel geben sollte, egal, wie schön sie sich anhören mögen. Denn es ist ja klar, dasss der Entscheidende dem Wollenden, wäre er eben nicht der Entscheidende, vollkommen gleichgültig wäre. Blöd ist nur, dass der Entscheidende das Arschkriechen manchmal nicht merkt und tatsächlich glaubt, er sei etwas Besonderes für den Wollenden.

Jemanden in den Arsch treten. Das kann man wörtlich nehmen, dann tut der Arsch des Getretenen für eine Weile weh. Meistens ist es aber eher bildlich gemeint, und dann tut es dem Getretenen woanders weh, im Herzen zum Beispiel oder in der Seele. Es kann bedeuten, dass jemand vertraut hat und dieses Vertrauen enttäuscht wurde, dass jemand etwas geschenkt hat, dass nicht erwünscht war, in jedem Fall ist es eine Form der Zurückweisung. Finde ich. Aber ich erwähnte ja bereits, dass es keine Tatsachen gibt, sondern nur unterschiedliche Bilder von der Welt. Und nicht einmal das ist sicher. Einigen wir uns also auf den Minimalkonsens: Derjenige, der tritt, hat es dem, der getreten wird, ganz ordentlich gegeben.

Jemandem mit dem Arsch nicht angucken. Jetzt wird es sprachlich interessant. Um jemanden anzusehen, darf ich ihm ja meinen Hintern nicht zudrehen, sonst sehe ich nichts. Und wörtlich genommen, beinhaltet dieser Ausspruch ja genau das: Ich schaue jemanden mit dem Arsch NICHT an. Also bedeutet das doch im Umkehrschluss, dass ich ihn mit den Augen ansehe. So ist es aber meistens nicht gemeint, denn wer das sagt, will meistens damit ausdrücken, dass er mit jemandem überhaupt nichts mehr zu tun haben und ihn deswegen auch nicht mehr sehen will. Heisst das aber, dass er den Betreffenden vorher nur mit dem Arsch angeguckt hat? Ist der Arsch in diesem Falle ein Zeichen der Wertschätzung? Angesichts der Tatsache, dass er gemeinhin Nahrungsendprodukte ausscheidet, halte ich das für relativ unwahrscheinlich.
Bleiben wir also bei: "Mit Dir will ich nichts mehr zu tun haben!" und nehmen an, dass es die Light-Version vom In-Den-Arsch-Treten ist.

Die Landkarte ist nicht die Welt, und die Sau ist noch keine Wurst

Drauflosschreiben.

Gedankengeschreibsel.

Beschreibung
dessen, was ist.

Wohl wissend, dass es kein IST gibt,
nur ein "Ich sehe".

Also Beschreibung dessen, was ich sehe?

Kann nicht sein, denn nur ich sehe, was ich sehe,
wie also sollte ich es beschreiben?

Wahrnehmung vielleicht?

Ist nur meine eigene.

Interessiert keine Sau.

10 Dezember 2007

Kraftorte, Energieräuber und Liebe

Es gibt Orte, die Kraft schenken. Manchmal scheint es mir, als sei der Weg dorthin bereits eine Pilgerreise, selbst, wenn diese nur ein paar Kilometer lang ist. Ich gehe bergauf, rieche das Laub um mich herum, spüre die feuchte Erde unter meinen Füßen. Im Winter ist der Weg recht breit, denn die Bäume sind kahl und zum Teil vom Sturm umgeworfen worden. Im Sommer hingegen wird er mit jedem warmen Tag ein wenig schmaler, die Büsche und Bäume ein wenig breiter.
Rechts ein altes Munitionsdepot, links ein Weg, der indirekt in die gleiche Richtung führt wie die Hauptstrecke.
Hier treffe ich die alte Dame mit ihrem Schnauzermischling. Hier gehe ich entlang, wenn ich tote, pelzige Freunde besuchen will. Auf diesem Weg trage ich die Steine, die ich auf ihr Grab lege.
Ich schaue zwischen den Baumwipfeln, kahl oder voller Blätter, nach oben und sehe den Himmel. Manchmal ist er bedeckt, manchmal strahlend blau. Manchmal gehe ich am Morgen, manchmal in der Dämmerung.
Da ich jetzt nicht mehr in der Nähe meines Kraftortes lebe, muss ich ein paar Kilometer fahren, jedenfalls im Winter, wenn es zu dunkel oder zu nass ist, um das Fahrrad zu nehmen.
Meine Mutter wohnt nahe, und so kann ich sie besuchen und mir Energie aus mütterlicher Zuwendung und natürlicher Kraftquelle holen.

Eine Zeitlang war dieser Ort fast in Vergessenheit geraten; ich hatte andere Quellen gefunden, zum Teil aber auch geleugnet, dass ich Kraft brauche von ausserhalb. Jetzt habe ich ihn mir zurückerobert, wobei ich "erobern" nicht im militärischen Sinn meine. Nein, ich habe friedlich erobert, indem ich die alten Wege gegangen bin, indem ich mich mit dem Raben auf dem Wipfel des kahlen Baumes und den weissen Kühen auf der Weide unterhalten, indem ich unterschiedlichen Boden unter meinen Füßen gespürt, geatmet, gedacht, manchmal gelächelt und sehr oft geweint habe.
Jedesmal bin ich mit neuer Energie zurückgekommen. Der Weg nach unten ist der gleiche wie der nach oben, aber ich bin eine Andere geworden unterwegs.


Energieräuber gibt es auch. Das sind Menschen, die vereinnahmen, die alle positiven Energien, alle Kraft und alle Liebe für sich beanspruchen, ohne sich dessen bewusst zu sein. Das sind Menschen, die Nähe nicht ertragen und nicht spüren können, dass ich gerade all meine Liebe gegeben habe. Das sind Menschen, die das Schöne nicht sehen können oder wollen, Menschen, die ihre Krankheit brauchen, weil sie nichts anderes haben. Menschen, die die Einsamkeit suchen, weil ihnen Liebe Angst macht. Manche Menschen weisen Geschenke zurück aus Angst, auch etwas schenken zu müssen, oder weil sie es nicht aushalten, dass ihnen gegeben wird. Manche Menschen drehen sich um, wenn ihnen Liebe geschenkt wird. All das raubt mir Energie. All das verletzt mich. All das schneidet mich ab von der großen, der ganzen Liebe. Muss es nicht, denn...

...heute morgen habe ich das As der Kelche gezogen. (Für NichtkartenlegerInnen: Tarot, sehr hilfreich in allen Lebenslagen, schön, um über einer Karte zu meditieren, und immer passen sie. Ich bevorzuge das Deck von Aleister Crowley, der die Idee entwickelt und Lady Frieda Harris, die es auf wunderschöne Weise gemalt hat. Jede Karte ist ein Kunstwerk.)
Diese Karte sagt sehr viel über Liebe. Allumfassende Liebe. Sie sagt, dass eine Blume duftet, egal, ob jemand an ihrer Blüte riecht und den Duft genießt. Sie sagt, dass Liebe etwas Schönes ist, egal, ob sie einen verschlossenen oder einen offenen Menschen trifft.
Liebe fühle ich, wenn die Töchter meiner Vermieter mir am Nikolaustag selbstgebackene Kekse im Schuh verstecken, so leise, dass ich nichts höre, obwohl ich fast daneben sitze.
Liebe sehe ich, wenn eine sehr liebe Freundin ihren Arbeitsplatz mit Kerzen, Girlanden, weihnachtlich eben, dekoriert.
Liebe ist für mich, wenn meine Mutter, obwohl sie ihre Ruhe will und gern ausschlafen würde, in die Stadt fährt, um mir einen Entsafter zu kaufen und mich diverse Male fragt, ob Entsafter und Zitruspresse identisch sind, weil sie mir auf ihre pragmatische, aber liebevolle Weise Gutes tun will.
Liebe ist der Blick eines Tieres, das mir vertraut, obwohl es mich nicht kennt, sondern nur meine Wertschätzung aller Tiere riechen kann.
Liebe ist Vertrauen.
Liebe ist eine Form von Einssein, egal ob mit einem geliebten Menschen, dem Kosmos oder sich selbst.
Paulo Cuelho ist Liebe für mich, denn ich spüre, dass er sie sucht.
Einerseits wünsche ich mir manchmal diese allumfassende Liebe, aber ich weiss nicht, was ich brauche, um sie zu erleben.
Andererseits - setz Dich an den Red Beach, und Du weisst, was Liebe ist!
Ich habe auch Liebe gesehen in der Hedwigs-Kathedrale in Berlin, als ich für die Katzen und meinen Onkel Walter Kerzen angezündet habe.
Ich habe Liebe gesehen beim Bummel mit Tantchen.
Ich fühle Liebe, wenn mir "meine" Frauen sagen, dass sie mich vermissen.

Das ist sehr, sehr viel.

Trotzdem bin ich unendlich traurig, denn ich spüre nichts, ich wünsche nur.

Trauerarbeit

Der Tod eines anderen Menschen hat mich erinnert an diejenigen, die ich sehr geliebt habe und die bereits gegangen sind. Es ist gut, wenn man sich verabschieden kann, denke ich. Konnte ich damals nicht, denn er ist sehr schnell und eigentlich für mich unvorbereitet gegangen. Allerdings glaube ich, dass er Bescheid wusste.
Abschiede sind schwer, immer, und die Lücke, die gerissen wurde, schließt sich nicht mehr, genausowenig wie Wunden, die andere dem Herzen oder der Seele geschlagen haben, jemals wieder heilen.


Tagebuchnotizen, 7. Januar 1996

Er ist einfach weggegangen, ohne sich von mir zu verabschieden. Jetzt ist mir klar, was "aus dem Leben gerissen" bedeutet. Sein Kaffee war noch heiss, und ein Brötchen hatte er sich auch schon gemacht. Ich wollte mir Wertmarken zum Wäschewaschen von ihm holen heute.
Warum so früh? Warum überhaupt? Er war eine Seele, eine gute, in meinem Leben und in vielen anderen. Ich denke, dass er auch in seinem Leben zufrieden war.
Das Letzte, was ich von ihm gehört habe, war ein kurzes "Wäsche abnehmen!" auf meinem Anrufbeantworter. Das ist nicht viel für einen Menschen, der mir die Windeln gewechselt und mir zehnmal das gleiche Märchen vorgelesen hat, wenn ich es wollte.
Trotz seiner Krankheit war er ein zufriedener Mensch. Ich weiss nicht, ob ich die gleiche Disziplin aufgebracht hätte wie er. Er hat nicht gejammert, kein Wort des Selbstmitleids; er hat einfach weitergelebt.
Er hat "Dumme Gans!" zu mir gesagt, als ich mit dem Fahrrad gestürzt war, vor lauter Angst, dass ich mich verletzt haben könnte, war er so barsch, er hat mir erklärt, dass Mengenlehre Blödsinn ist, er war eifersüchtig auf meinen ersten Freund, und er war meine erste Anlaufstelle, wenn ich Ärger mit meiner Mutter hatte.
Ich glaube, er mochte es sogar, von mir in den Arm genommen zu werden.
Wer sagt mir jetzt, welches Werkzeug das richtige ist, wer hilft mir dabei, ein Regal zusammenzubauen, und wer erinnert mich daran, dass ich die Wäsche abnehmen muss?
Ich habe ihn sehr geliebt, und ich hoffe von ganzem Herzen, dass er das gewusst hat!

Ich kann ihm nicht mehr sagen, dass ich ihm auf meine Weise ein kleines Denkmal errichtet habe, und er weiss auch nicht, dass ich sehr oft eine Kerze für ihn angezünde.
Wird jemand seine Trauer mit anderen teilen, wenn ich gehe?

09 Dezember 2007

Stille

Stille ist lt. Wikipedia:

Die Stille (v. althochdt.: stilli ohne Bewegung, ohne Geräusch) bezeichnet in der deutschen Sprache die empfundene Lautlosigkeit, Abwesenheit jeglichen Geräusches, aber auch Bewegungslosigkeit. Gegenbegriffe sind Geräusch, Lärm u.ä. Stille ist bedeutungsverwandt, aber zu unterscheiden vom Schweigen.
und also definitionsgemäß nichts anderes als die Abwesenheit von Geräuschen, gleichgültig, ob es sich dabei um Worte, Sprache, Musik, Krach, Motorenlärm, Schreien, Weinen, Schluchzen, Streiten, Gelächter handelt. Wenn es still ist, ist nichts zu hören.

So gesehen, erfordert Stille keinerlei Interpretation. Es hat ja niemand etwas gesagt.

Aber es gibt Gedanken, und die funktionieren bei Stille wesentlich besser als im Lauten. Wenn es still ist, kann ich meinen Gedanken unbelästigt durch Nebengeräusche nachhängen, und wenn ich die Ohren spitze, kann ich sie sogar schleichen hören.
Denn manche Gedanken schleichen, meine zum Beispiel kommen von irgendwo rechts hinten oben, und noch ehe ihr Opfer (also ich) auch nur "Piep" sagen kann, haben sie es an der Kehle. Verbeissen sich.

Gedanken lieben Stille.

Wenn jemand etwas sagt, kann ich zuhören.

Wenn jemand schreit, kann ich mir die Ohren zuhalten.

Wenn jemand weint, kann ich ihn trösten.

Stille ist alles. Nichts auch. Stille wirft mich in einen leeren Raum und lässt mich in tiefe Dunkelheiten taumeln.

Stille macht mich taub, weil ich nur meine eigenen Gedanken hören kann.

Stille macht mich einerseits glücklich, weil die abwesenden Geräusche nicht stören.
Andererseits macht sie mir Angst, weil ich nicht weiß, welche Worte abwesend sind.

Selbstgewählte Stille ist Ruhe.

Erzwungene Stille sind alle Geräusche, die Dantes Hölle für seine Protagonisten bereithält.

Ich wäre gern still, denn ich weiß, dass ich viel zu laut bin. Immer noch.

Spaziergangszukunftsgedanken

Heute ist mir zum zweiten Mal eine ältere (?) Dame mit einem schwarzen Schnauzermischling beim Spaziergang entgegengekommen. Beim ersten Aneinandervorbeilaufen schien sie etwas unsicher, ob sie grüßen wollte oder nicht. Ich entschied mich dafür und erhielt ein freundliches Lächeln und ein "Guten Tag!" zur Antwort.
Aus Gründen, die mir zunächst nicht erklärlich waren, haben mich diese Begegnungen sehr berührt.
Ein Sonntagnachmittag, der Himmel noch hell, trotzdem hatte ich schon eine Ahnung der Dämmerung, die um diese Zeit schon am späten Nachmittag einsetzt. Sie ging allein, ich ging allein, beide relativ strammen Schrittes. Sie mit Hund, ich ohne. Sie bergab, ich bergauf. Sie am Ende ihres Weges, ich am Anfang. Bei der ersten Begegnung war es umgekehrt.
Ich wüßte gern, wohin sie zurückgekehrt ist nach ihrem Spaziergang. Hat sie ihrem Hund die Pfoten abgeputzt, bevor er in die Wohnung durfte? Hat sie ihm liebevoll den Kopf gestreichelt als Dank für die Begleitung? Ist sie zu jemandem zurückgekehrt, oder lebt sie allein?
Sie schien etwa 60 Jahre alt zu sein, vielleicht schon pensioniert, vielleicht aber auch Hausfrau. Ihre Augen waren freundlich und sehr wach.
Ich setzte meinen Spaziergang fort, nur in Begleitung meiner Gedanken. Auch sie waren wach und haben mich bis nach Hause begleitet.

Wo werde ich sein, wenn ich in ihrem Alter bin? Werde ich in eine vorweihnachtlich geschmückte Wohnung zurückkehren wie heute, mir Kerzen anzünden, Musik hören oder einen Film anschauen? Werde ich hier leben, in Deutschland, oder hat es mich dann an einen anderen Ort verschlagen, meinen Traumort möglicherweise? Werde ich glücklich sein oder "nur" zufrieden mit dem, was ich habe, mit meiner Gesundheit, werde ich mein "Auskommen" haben? Vielleicht begleitet mich ja auch ein Hund auf meinen Spaziergängen, irgendwann später? Werde ich in mir ruhen oder noch immer suchen? Werde ich auch später noch die Luft geniessen, die spärlichen Sonnenstrahlen, den Wind auf meiner Haut, werde ich auch später noch so schnell unterwegs sein, oder werde ich eher schlendern?

Ich wüßte gern, wie es anderen Menschen geht: Ist für sie die Zukunft ein offenes Buch, eine Sicherheit, an die sie glauben? Denken sie an die Zukunft, und wenn, denken sie daran mit Angst, Freude oder Gleichgültigkeit? Sehen sie Bilder von sich in ihren späteren Leben? Träumen sie? Haben sie den Mut zu träumen? Denn Träume erfordern sehr viel Mut - gleichgültig, ob sie Realität werden oder nicht. Möglicherweise tötet die Realität den Traum. Oder er bleibt für immer unerreichbar. Vielleicht reicht die Kraft nicht aus, um sich einen Traum zu erfüllen? Vielleicht ist die Angst zu groß, dafür das aufzugeben, was schon da ist?

Während mir all diese Gedanken durch den Kopf schossen, ging ich und zählte gleichzeitig meinen Atem. Einatmen, 1, 2, 3, ausatmen, 4, 5, 6. Dass ich das tat, merkte ich allerdings erst, als ich meine Runde schon zu mehr als zwei Dritteln hinter mir hatte. Ich fand es interessant: Ein Teil meines Gehirns zählte und hatte alle anderen Aktivitäten vollständig eingestellt, ein anderer spazierte in Zukunft und Träumen umher. Wenn ich ehrlich bin, ist mir der zählende Teil lieber.
Ich würde sehr gern irgendwann einmal eine sehr lange Wanderung machen, gleichgültig, ob ich einen alten Pilgerweg laufe oder einfach nur geradeaus. Die Vorstellung, ein paar Sachen zu packen und zu gehen, ist verlockend. Es muss nicht St. Pied de Port sein, zumal dort die Gefahr besteht, auf das Kamerateam vom "Großen Promipilgern" zu treffen. Ich könnte in Whausen starten und sehen, wo ich ankomme. Ob ich irgendwo ankomme.

Ankommen wäre schön. Ich will ja nicht stehenbleiben, wenn ich da bin, nur ein klein wenig verschnaufen, für einen kurzen Moment ein Gefühl von Sicherheit spüren. Für ein paar Sekunden nur mich spüren.

Spüren. Fühlen. Damit bin ich wieder bei der Dame mit dem Hund. Was fühlt sie während ihres Spaziergangs, und wie geht es ihr, wenn sie dann nach Hause kommt? Ich wünschte sehr, dass sie glücklich ist, dass ihr Hund antwortet, wenn sie mit ihm redet, und dass er ihr noch sehr lange erhalten bleibt.

Ich bleibe einstweilen hier und zähle von eins bis sechs. Wenn ich langsamer gehe, könnte es sogar bis acht reichen.

Dezember

... ist ein Monat, wertungsfrei.
... ist Vorweihnachtszeit, Advent.
... ist Parkplatzsuchverkehr.
... ist Einkaufsstress.
... ist Weihnachtsfeier.
... ist Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt.
... ist Geschenkesuchen.
... ist Kekseessen.

... könnte Ruhe sein.
... könnte Besinnung sein.
... könnte Erinnerung sein.
... könnte Liebe sein.
... könnte Kerzenlicht sein.
... könnte ein Waldspaziergang sein.
... könnte Gemeinsamkeit sein.
... könnte Erlösung sein.

Bleibt leider
... 13. Gehalt.
... und damit inhaltslos.

VerlustAngst

Nähe

macht Angst.


Vertrauen


erzeugt Flucht.


Liebe


ist Verlust.

Immer.

Die goldene Festung

Vor langer, langer Zeit hatte ein Ritter jede Nacht den gleichen seltsamen Traum. Er sah eine goldene Burg, glänzend im Sonnenlicht, die Tore geschlossen. Doch in seinem Traum wusste er, dass sich hinter den Festungsmauern etwas verbarg, nach dem er schon seit Ewigkeiten gesucht hatte.
Tief in seinem Innersten mochte der Ritter nicht glauben, dass dies einer der Träume sein könnte, die in Erfüllung gehen. Trotzdem fühlte er sich magisch angezogen von dieser goldenen Burg, und so machte er sich eines Tages, nur begleitet von einer kleinen Schar seiner besten Kämpfer, auf den Weg, um sie zu suchen und zu erobern.
Sie ritten Tag um Tag, ohne auch nur einer Menschenseele zu begegnen. Wenn sie rasteten, veranstalteten sie Schwertkämpfe, um sich die Zeit zu vertreiben und zu üben. So wuchsen sie im Lauf der Zeit immer mehr zusammen, bis sie sich nahezu wortlos verstanden und einer des anderen Bruder wurde.
Obwohl niemand von der goldenen Burg wusste, blieben sie voller Mut und Zuversicht und entfernten sich auf ihrer Reise ins Ungewisse immer mehr von ihren heimatlichen Gefilden.

Und eines Tages, inzwischen waren sie mehrere Jahre auf der Suche gewesen, entdeckte einer der Kämpfer am Horizont einen goldenen Schein. Der Ritter feuerte seine Waffenbrüder an, noch eine letzte Anstrengung zu wagen, um die Belohnung in Form von Gold, Macht und unendlichem Reichtum entgegenzunehmen.
An der Festung angekommen, fanden die Kämpfer die Zugbrücke hochgezogen, und auf den Zinnen entdeckten sie Bogenschützen.
Der Ritter rief ihnen zu: "Wir kommen in Frieden, und wir wollen nicht mit Euch streiten. Aber ich habe von dieser Burg geträumt, und deswegen werde ich sie erobern, ganz gleichgültig, wie lange und wie heftig Ihr Gegenwehr leistet! Ergebt Euch, lasst uns herein, und niemandem soll ein Leid zugefügt werden!"
Doch die Bewohner der Burg liessen sich durch diese Rede nicht beeindrucken. Ein Hagel von Pfeilen prasselte auf die Getreuen ein, und innerhalb kürzester Zeit verlor der Ritter fast die Hälfte seiner Kämpfer.
Die Überlebenden zogen sich in die Wälder zurück, entschlossen, nicht aufzugeben.

Eine endlos scheinende Belagerung nahm ihren Anfang. Niemand kam aus der Burg heraus oder hinein, ohne von den Kämpfern unter Beschuss genommen zu werden, aber ebensowenig gewannen diese auch nur eine Handbreit Boden.
Sobald sich einer der Kämpfer aus dem Wald herauswagte, wurde er von Pfeilen empfangen.
Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als zu warten und sich von dem zu ernähren, was der Wald ihnen bot.

So gingen viele Jahre ins Land, einige der Kämpfer starben beim Versuch, die Burg zu erstürmen, andere gaben auf und kehrten nach Hause zu Frau und Kindern zurück, und niemandem, weder den Angreifern noch den Verteidigern, war ein Erfolg beschieden.

Als nur noch ein kleines Häuflein an Getreuen übrig war, wagte der Ritter in seiner Verzweiflung einen letzten Vorstoß. Als sie am Burggraben angekommen waren, rechneten sie mit einem erneuten Bombardement, doch nichts geschah.
Sie warfen ihre mit Haken beschwerten Seile zu den Zinnen hinauf und hangelten sich langsam an den Aussenmauern nach oben. Niemand versuchte, sie aufzuhalten.
Oben angekommen, schlichen sie die Treppen eines der Wehrtürme hinab, noch immer darauf vorbereitet, angegriffen zu werden.

Im Hof der Burg angekommen, liessen sie die Zugbrücke hinunter, doch da alle Getreuen zusammen mit dem Ritter über die Aussenmauern in die Burg geklettert und die anderen entweder tot oder geflohen waren, kam niemand zur Verstärkung.
Aber es wäre auch keine Verstärkung nötig gewesen, denn niemand griff an. Die Burg war erobert.

Der Ritter streifte durch die Mauern, suchte den verborgenen Schatz, die Insignien der Macht, doch er fand nichts.

Und als am Abend die Sonne unterging und die Burg in goldenes Licht tauchte, begriff er, dass es nichts zu finden gab. Er war einem Traum gefolgt. Die Realität war .... nichts als ein leeres Gemäuer.




03 Dezember 2007

Rocky IV

Dieser Film endet mit dem Satz (Sinngemäß, obwohl ich ihn eigentlich ja mitsprechen können sollte, so oft, wie ich ihn gesehen habe...)): "Wenn ich mich ändern kann, dann könnt Ihr Euch auch ändern, und dann kann sich auch die ganze Welt ändern!"
Vor vielen Jahren, als ich Rocky IV das erste Mal gesehen habe, fand ich das extrem kitschig, naiv und irgendwie schlicht, ganz davon abgesehen, dass ich der festen Überzeugung war, für die Veränderung der Welt zum Guten ganz allein zuständig zu sein.
Irgendwann später wurde ich zynisch, habe die Welt nur noch kommentiert und war sicher, dass es nichts zu ändern gäbe.
Ich glaube noch immer nicht, dass ich die Welt ändern kann. Ich glaube nicht einmal daran, dass ich in diesem Land etwas ändern kann. Aber ich kann MICH ändern. Das ist das Einzige, was in meinem Einflussbereich liegt. Ich kann meine Reaktionen auf andere ändern. Ich kann meine Haltung zu den Dingen ändern. Ich kann meine Umgangsformen ändern. Ich weiss nicht, ob ich das auch tun werde, denn es ist eine Form von Freiheit, Dinge sein zu lassen. Sich selbst sein zu lassen.

Abgesehen von diesem Ausspruch ist die Rocky-Reihe irgendwie ein sehr, sehr langer Film über das Leben. Finde ich. Jemand glaubt an sich, kämpft für seinen Traum und unterliegt. Bekommt eine zweite Chance. Gewinnt. Wird satt und bequem. Muss nicht mehr kämpfen und tut es auch nicht. Wird fürchterlich verprügelt, verliert die Achtung vor sich selbst. Findet sich neu und kämpft weiter. Gewinnt, seine Selbstachtung und die der anderen. Darf wieder in sich ruhen.
Dann gibt es neue Herausforderungen, Abschiede, nahestehende Menschen sterben, Beziehungen verändern sich, wachsen. Neuer Kampf, in fremdem Terrain. "Keine Schmerzen!", heisst es. Er gewinnt. Trotz Schmerzen.

Ich brauche und ich liebe diesen Film. Wenn ich müde und entmutigt bin, traurig, erfolglos, wenn ich versuche anzukommen
, ohne zu wissen, wo, wenn ich ausgelaugt bin, erschöpft vom Kampf um etwas, das ich nicht finden kann, zeigt mir Rocky IV auf eine sehr einfache Weise, dass es funktionieren könnte. Dass ich etwas bewegen könnte, und sei es nur meine eigene Person. Dass es Berge gibt, die selbst ich mit meiner Höhenangst besteigen kann.

Vielleicht gibt es auch ausserhalb dieses Films Träume, die gelebt werden wollen. Die ICH in die Realität umsetzen kann.

Silvester Stallone ist schon ziemlich großartig.