28 Januar 2008

Das Beste kommt zum Schluss

Zwei Menschen (gespielt von Jack Nicholson und Morgan Freeman) erfahren, dass sie sterben werden. Natürlich, sterben werden wir alle, diese beiden aber wissen ungefähr, wieviel Zeit ihnen noch bleibt. Nicht viel. Sie haben Krebs.
Und so beschliessen sie, die "Löffelliste" abzuarbeiten, nämlich alles zu tun, was sie tun zu müssen glauben, bevor sie den Löffel abgeben.
Sie springen Fallschirm. Sie fahren in die Serengeti. Sie steigen auf eine Pyramide. Sie fahren in den Himalaya. Sie versöhnen sich mit ihren Familien, lernen bislang unbekannte Enkeltöchter kennen, sie philosophieren.
Es ist ein sehr schöner, sehr berührender Film, dem es gelingt, nicht im Kitsch oder in der Rührseligkeit zu versinken.
Es ist ein Film, der mich nachdenklich gemacht hat: Was stünde auf meiner "Löffelliste"? Philosophisches oder Handfestes? Dinge, für die ich eine Menge Geld bräuchte oder der Zusammenhalt einer Familie?
Ganz davon abgesehen, dass ich erstens einfach sterben möchte, ohne vorher zu wissen, wann es soweit ist, stünden ganz sicher weder Fallschirmspringen noch Bungee darauf oder sonst irgendetwas, bei dem es von oben nach unten ginge. Soweit ich weiss, muss ich mich mit niemandem versöhnen, und unbekannte Enkeltöchter gibt es auch nicht.
Was würde ich tun, was brauchen, um mein Leben vollständig zu machen?
Aus heutiger Sicht wären es diese Dinge:
  • Einen Verlag für Anna finden. (Für neu Hinzugekommene: Das ist der Roman, der in der berühmtberüchtigten Schublade liegt und geboren werden möchte oder besser ausgedrückt: Anna ist bereits geboren, sie möchte endlich in die Welt hinausziehen dürfen!)
  • Einen Marathon laufen, am liebsten auf Lanzarote.
  • Eisbären sehen.
  • Robbenjäger erschiessen. Eigenhändig.
  • Walfänger versenken. Mit Kanonen.
  • 24 Stunden mit einem Tierquäler allein in einem kleinen Raum verbringen.
  • Eine Tierversuchsanstalt in Flammen aufgehen lassen und vorher alle Tiere retten.
  • In den Spiegel schauen und alles an mir lieben.
  • Einen unglücklichen Menschen zum Lächeln bringen.
  • Den Zustand tiefster Meditation erleben.
  • Den Jacobsweg gehen, wenn das große Promipilgern zuende ist.
Und das wäre es eigentlich schon...
Was hindert mich, mit einigen dieser Punkte sofort anzufangen? Möglicherweise werde ich nicht vorher erfahren, wann ich sterbe, und das macht das Leben im Jetzt unglaublich wichtig.
In dem Film wurde noch über die Fragen, die die Götter den alten Ägyptern an der Schwelle zum Totenreich stellten, debattiert.
Frage eins: Hast Du in Deinem Leben wahre Freude empfunden?
Meine Antwort: Ja, und ich kann genau sagen, wann und wo. Immer dann, wenn ich tat, was ich gern tue, immer dann, wenn ich auf meinen Bauch gehört habe, immer dann, wenn es mir gelang, Zwängen auszuweichen. Außerdem habe ich Freude empfunden beim Anblick meiner (und heute seiner) Katzen, wenn ich unglaublich liebenswerte, kritische, begeisterungsfähige und wache Kinder in meinen Kursen habe, beim Frühlingserwachen, beim Blick in einen sternenübersäten Himmel, beim Anflug auf Kreta und wenn ich in mir zuhause war.
Frage zwei: Hast Du in Deinem Leben anderen Menschen Freude bereitet?
Meine Antwort: Das hoffe ich. Und wenn ich ganz ehrlich bin, glaube ich fest daran, dass ich es noch immer tue. Nicht ununterbrochen, aber immer wieder.
Sterben möchte ich noch nicht. Aber wenn ich irgendwann in nächster Zeit vor den berühmten Bus laufe, gäbe es wenig zu bereuen und vieles zu bedanken.

1 Kommentar:

  1. Du scheibst sehr oft über Tod und sterben. Zufall?

    Ich hoffe, daß Du noch lange lebst, und nicht so schnell eine Löffelliste brauchst. Ich wünsche mir auch, daß Du an berühmten Bussen vorbeilaufen kannst, und noch viel von dem abgibst, was Du zu geben hast.

    Ich wünsche mir auch, daß Du nicht immer auf Deinen Bauch hörst. Aber auch nicht immer auf Dein Hirn. Höre doch einfach weniger, sondern lebe einfach. Mit Spaß. Mit Vernunft. Mit Bauch.

    Einen Menschen hast Du mindestens zeitweise sehr glücklich, und zeitweise sehr traurig, gemacht.

    Ich bin ganz sicher, daß Du irgendwann Dein Glück finden wirst, auch wenn Dir so viel im Wege zu stehen scheint. Ein bißchen auch Du selbst. Ein bißchen viel auch andere.

    Viele, lieb gemeinte Grüße aus Saudi Arabien.

    Traumzauberer, Hamdulillah

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