19 März 2008

Verlorene Träume

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Glückskind geboren wird, ist eins zu sieben. Glückskinder werden nämlich nur Sonntags geboren. Ich kannte eines dieser Sonntagskinder, ein Mädchen namens Gloria. Das ist lateinisch und bedeutet "Ruhm". Ihre Mutter hatte sie so genannt, weil sie sicher war, dass ein Sonntagskind auch berühmt werden würde, später. Gloria wurde geliebt und verwöhnt, aber nicht übermäßig, sie genoss eine gute Erziehung und hatte Respekt vor älteren Menschen. Und sie hatte einen Traum: Irgendwann, wenn sie erwachsen sein würde, wollte sie Geschichtenerzählerin sein, wollte auf einer wunderschönen Insel leben mit vielen Tieren und einem Mann, der sie liebte und den sie liebte. Gloria wollte andere Menschen glücklich machen mit ihren Geschichten, wollte Tiere beruhigen, Kindern die Angst vor dem Schwarzen Mann nehmen. Für sich selbst wünschte sie Freiheit, Glück und Liebe.
Sie wuchs heran und übte sich schon als kleines Mädchen im Geschichtenerzählen. Und je mehr Gloria erlebte, desto mehr Geschichten fielen ihr ein. Sie erzählte sie ihrer Großmutter, ihrem Onkel, ihren Freundinnen, ihren Puppen.
Dann ging sie zur Schule und lernte, wie man einen Aufsatz aufbaut, Rechtschreibung, Grammatik, Mathematik und Geschichte.
Später studierte sie und lernte noch mehr über Versmaße, Buchhaltung und Bilanzen. Die Geschichten verloren sich für längere Zeit im Zahlennebel, und nur, wenn sie sehr traurig war, weil sie Liebeskummer hatte oder die Welt nicht verstehen konnte, fielen ihr neue ein.
Im Laufe der Jahre lernte Gloria Menschen kennen und verlor sie aus den Augen, Tiere fanden sie und starben in ihren Armen oder gingen fort, und mit jedem Abschied wurde sie erwachsener, stärker, überlegter.
So lebte sie für lange Zeit vor sich hin, bis sie eines Tages in den Spiegel blickte und die ersten Fältchen und grauen Haare fand. Tiere hatte sie aus ihrem Leben verbannt, weil sie zuviele betrauern musste, der Mann an ihrer Seite erzählte niemals von seinen Träumen, und Glorias Leben lebte sich vor sich hin.
Auf einmal wollte sie ihren Traum wieder, wollte auf die Insel, wollte Geschichten erzählen, Tiere haben, Sonne, wollte fort von allem, was sie zu dem steinernen Wesen gemacht hatte, das sie aus dem Spiegel ansah. Aber sie konnte sich nicht mehr an ihre Träume erinnern; irgendwann im Lauf all der verlebten Jahre hatten sie sich in Luft aufgelöst, waren einfach verschwunden.

Erst jetzt, viel zu spät, stellte Gloria fest, dass ein Mensch ohne Träume längst tot ist, nichts anderes tut, als den Sinn seines Lebens mit Rest zu füllen. Ohne Geschichten fand sie ihr Leben nicht mehr lebenswert.
Und so legte sie sich eines Abends zum Schlafen nieder und sprach ein letztes Gebet: "Bitte, lasst mich morgen auf meiner Insel aufwachen. Lasst mich meine Geschichten, meine Träume wiederfinden. Ich bin bereit, jeden Preis dafür zu zahlen!"

Ein paar Tage später fand man sie. Sie hatte ein Lächeln im Gesicht und einen kleinen Zettel in ihrer Hand, auf den in knallroter Schrift "Glückskind" geschrieben war.


3 Kommentare:

  1. Gloria ist eine bemerkenswerte Person, und ich hoffe sehr, daß man sie nicht mit einem Zettel in der Hand findet. Ich denke, die Insel, die sich wünscht, hat sie zu einem großem Teil gefunden. Hat sie sie auch erkannt ? Weiß sie denn genau, was sie hat, was sie nicht hat, wovon sie sich trenenn sollte ? Es gibt in Glorias bemerkenswerten Leben viele bewundernswerte dinge. Ihre Kraft und Ausdauer, ihre Stärke und sensibilität. Es gibt auch weniger schöne dinge, die es so schwierig zu machen für gloria glücklich zu sein. Die Attitüde, mit der sich umgibt, entspricht nicht der, die man haben sollte, wenn man das sucht, was Gloria sucht.
    Die Insel, auf der sie lebt, ist nicht vollkommen, aber ie ist auch nicht schlecht. Gloria muß sich entscheiden, wen sie mit auf dr Insel haben will, oder ob sie da lieber allein leben möchte. Es geht nicht, daß jemand nur halb auf der Insel ist. Entweder er ist drauf, oder eben nicht. Gloria hat vielleicht die falschen Gäste auf die Insel eingeladen, die sich schlecht benommen haben nach ihrer Ankunft, und immer noch da sind.

    Ich wünsche Gloria, daß sie aufräumt auf ihrer Insel, und das sie erkennt, das sie eine wunderbare Insel hat.

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  2. Gloria hat keine Insel! Oder anders: Die Insel, die sie sucht, ist ganz real, und manchmal, wenn es ihr sehr gut geht, hat sie die auch im Herzen und vor ihrem inneren Auge.

    Was das Wissen um oder Sortieren von Haben, Nichthaben und Wünschen betrifft, fehlt ihr im Moment die Energie.

    Und was die Gäste auf der Insel betrifft: Manchmal muss man Dinge eben aushalten, bis es entweder nicht mehr geht oder gut wird.
    Ich bin schon zu oft abgehauen.
    Für meine Geschichte präferiere ich jedenfalls zur Zeit das Ende mit dem Zettel.

    Schön, von Dir zu hören!

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  3. Du wirkst ein bißchen konfus. Hast du nun eine Insel oder nicht ? Ich denke ja, und zwar eine ziemlich schöne.

    Du hast auch genug Energie. Mehr als ich, mehr als die meisten. aber Du verjampelst sie, und hast dadurch eben keine Energie mehr für die wichtigen Dinge - für Dich.

    Ich weiß nicht, wie oft Du abgehauen bist. Ich hatte nie diesen Eindruck. Ist aber auch egal. Jede Geschichte beginnt bei null. Es gibt keinen Grund, etwas mit Krampf fortzuführen, weil man vorher etwas vorschnell beendet hat. Die Versäumnisse der Vergangenheit, sei es in Beziehungen oder beruflich, wirst Du nicht mehr ändern, indem du Dich jetzt selbst zefleischst. Du schreibst selbst, daß man Dinge solange aushalten muß, bis es nicht mehr geht. Geht es noch ? Es geht nicht darum, einen Weltrekord im Aushalten irreparabler Zustände aufzustellen, sondern eine Zukunft zu haben. Leben eben.

    Wenn Du aber das Zettelende bevorzugst, weil du Deine Kraft verjampelt hast, dann tue es. Es wird dann ein Glückskind weniger geben, daß abgehauen ist. Ich hätte gern dann den Zettel. Einfach um ihn um ein paar Fußnoten zu ergänzen.

    Traumzauberer.

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