31 Juli 2008

Deine Augen

Deine Augen
sind eine Geschichte,
erzählen von dem Jungen,
der Du einst warst.

Deine Augen
sind ein Film,
zeigen den Menschen,
der Du heute bist.

Deine Augen
sind ein Gemälde,
bilden ab,
was hätte sein können.

Deine Augen
sind ein Gedicht,
reimen sich zusammen,
was ich nicht sehe.

Deine Augen
sind tiefblau,
lebendig,
wunderschön.

"Raus aus der Stadt!",

dachte ich heute nachmittag, als ich die Flucht ergriff. Die Stadt ist heiß, die Menschen wollen einkaufen, schlendern, sitzen, plaudern. Die Luft steht. Ich habe es trotzdem eilig.

Strampele vor mich hin, überhole hier und da einen meditierenden Zeitgenossen, kann mir nicht erklären, warum der so langsam ist, Fahrtwind gibt es schließlich nur bei schneller Fahrt, und Fahrtwind bringt Kühlung. Ich übersehe geflissentlich die eine oder andere rote Ampel, will fort, mag die Autos nicht mehr riechen, die Stadt nicht mehr in meinen Poren fühlen.

Die letzte Kreuzung, dann befinde ich mich auf freiem Feld. Die Getreidefelder sind
abgeerntet, die ersten Zuckerrüben grünen vor sich hin, der Mais steht schon sehr hoch.
Es ist schön, der Natur beim Werden, Wachsen und Verändern zuzusehen. Ich atme. Es ist noch immer heiß, aber die Luft wird besser. Sagt mein Gefühl. Mein Atem, der langsam ruhiger wird, obwohl ich mich noch immer in derselben Geschwindigkeit fortbewege wie auf den Straßen der Stadt. Es ist kaum jemand unterwegs.

Ich bin im Begriff,
den Fluss zu überqueren, der an dieser Stelle einige Wirbel hat, das Wasser gischtet weiß. Niemand am Ufer. Ich halte inne, stelle meinen Fuß auf das Geländer der alten Brücke und schaue dem Fluss beim Fließen zu. Sieht gut aus. Eilig, trotzdem beruhigend.

Weiter. Auf diesem Teil der Strecke kommt mir der ältere und extrem übergewichtige Herr auf seiner Vespa entgegen, er trägt nur eine Shorts, sein Kopf ist knallrot, und ich bin etwas in Sorge wegen seines Gesundheitszustandes. Wenn er in meine Richtung fährt, überhole ich ihn jedesmal. Und jedesmal denke ich "Das Fahrrad wäre gesünder..."

Die Autobahnbrücke. Hunderte von LKW, PKW und Gespannen wollen in irgendeine Richtung. Fort wahrscheinlich. Oder woanders hin. Von X nach Y eben.
Ein letzter Anstieg, bevor ich das Dorf in ein paar Kilometern Entfernung sehen kann.
Die Luft wird noch besser, scheint mir. Ich singe das Lied in meinem MP3-Player mit: "Music" von John Miles. Glücklich sind alle, die mich nicht hören können! Egal. Das Leben will gesungen und gefeiert werden, und wenn ich jetzt singen muss, ist es eben so. Trotzdem denke ich kurz daran, dass meine Mutter einmal gesagt hat, ich solle nur dann singen, wenn dringend größere Menschenmengen evakuiert werden müssen. Vor mir läuft ein Hase weg. Seltsamerweise schlägt er keine Haken oder biegt ab auf das nächste Feld, nein er rennt direkt vor mir her, als wollte er mich zu einer Wette herausfordern. Möglicherweise ist er auch paralysiert von meinem Gesang. Er gewinnt das Rennen.

Jetzt bin ich zuhause. Grün überall, Blumen, Sommerdekoration in den Vorgärten. Gladiolen, Sonnenblumen, Erbsen und Bohnen haben Saison. Ich grüße alle, die mir entgegenkommen. Man kennt sich im Dorf. Und wenn man sich nicht kennt, grüßt man sich trotzdem.

Ich atme.

Auch hier ist es heiß, gleichzeitig ist es aber still. Es gibt nichts zu kaufen in Whausen, kein Straßencafé, keinen Outlet-Store. Ich bin zuhause.

30 Juli 2008

"Nur wenn jemand an Dich denkt,

lebst Du!"

...heißt es in "Princesas", einem Film über zwei Prostituierte in Madrid.

Sie scheinen anspruchslos, die beiden: Die eine spart für eine Brustvergrößerung und wünscht sich einen Mann, der sie von der Arbeit abholt, die andere möchte zurück in die Dominikanische Republik, wo sie herkommt und wo ihr Sohn und ihre Familie leben.

Bringt das Leben Genügsamkeit mit sich? Ist das überhaupt Genügsamkeit? Reichen Kleinigkeiten, wenn man ein Leben "am Rand" führt? Vielleicht fehlt die Vorstellungskraft für das sogenannte "große Glück", vielleicht gibt es das aber auch nicht.

Andererseits - ist es nicht ein großes Glück, nach Hause zu kommen und zu wissen, dass jemand wartet?
Durch den Tag zu laufen und zu fühlen, dass jemand an Dich denkt?
Zu teilen, nicht nur Geld und Dinge, sondern auch Gedanken, Gefühle, Probleme und Tränen?
Einen geliebten Menschen in die Arme zu schließen?
Zu lächeln beim Gedanken an seinen Anblick?
Sonne zu sehen hinter den Wolken?

Nein, das ist nicht anspruchslos - das IST Glück.

29 Juli 2008

Styx

Das Boot steht bereit. Der Fährmann wartet. Er schaut auf die Augen des toten Helden; die Münzen werden für die Überfahrt reichen. Langsam rudert er los. Der Held blickt zurück, schaut ein letztes Mal auf die Welt der Lebenden, denkt einen letzten Gedanken, erahnt eine letzte Umarmung, einen letzten Kuss. "Was habe ich getan", fragt er sich, "dass ich so früh hinunter muss in das Reich der Toten?"

"Das kann ich Dir sagen", hört er eine Stimme, und er weiß, dass es die Stimme des Hades ist, "Du warst rücksichtslos, eitel und überheblich, Du hast Dein Herz verleugnet und alle, die Dich liebten, ins Unglück gestürzt."
"Aber nein, ich habe immer nur getan, was mir meine Natur eingegeben hat! Ich bin ein Held, ich kann nicht anders!"
"Und jetzt bist Du ein toter Held. Willkommen in meinem Reich."

Der Held jammerte und klagte, erklärte und beschönigte. Doch der Fährmann war stumm, und Hades konnte in die Herzen derer sehen, die in sein Reich einfuhren, deswegen wusste er, dass alles nur Gerede war, dass der Held noch keine Einsicht gefunden, keine Vorstellung hatte von den Folgen seiner Taten.

"Du hast getötet. Du hast Frauen zu Witwen gemacht, Kinder zu Waisen. Du hast nicht gekämpft für ein heeres Ziel, sondern nur um des Kämpfens willen. Du hast immer nur an Dich gedacht, niemals an ein großes Ganzes. Glaubst Du wirklich, dass Dich jemand dort oben vermisst? Im Gegenteil, sie sind froh, dass Du endlich vom Antlitz der Erde getilgt worden bist!"

Der Fährmann legte an, und der Held verließ das Boot. Gesenkten Hauptes betrat er die Unterwelt, das Reich des Hades. Dessen Worte hatten ihn tief in seinem Inneren getroffen, doch nun war es zu spät. Er war getötet worden, und er würde den Rest der Weltenzeiten hier verbringen, ein Schatten unter vielen.
Er traf auf andere Schatten, auf Männer, die im Kampf gegen ihn gefallen waren, Frauen, denen er den Geliebten und
Kinder, denen er den Vater genommen hatte. Er traf Menschen, die er getötet hatte, ohne es in seinem Blutrausch zu merken, und sie alle schrien: "Geh weg! Komm uns nicht zu nahe! Du bringst Unglück, denn Du bist das Unglück!"

Der Held, der längst keiner mehr war, wankte, schleppte sich mit letzter Kraft unter einen Baum. Dort lehnte er sich an den Stamm, schloss die Augen und wünschte sich nichts mehr als ewige Besinnungslosigkeit.

"Oh nein, Du wirst Dich Deinen Taten stellen! Und erst, wenn Du am eigenen Leibe gespürt hast, was Du anderen angetan hast, darfst Du ruhen! Ich will, dass Du in Deine Welt zurückkehrst und Ordnung schaffst." befahl Hades.

Und so betrat der Held erneut die schwankenden Bohlen des Bootes, gab sich in die Obhut des Fährmanns und kehrte zurück an die Oberfläche, zurück ins Leben. Hades hatte recht gehabt: Dieser Schritt war größer und beängstigender als das Verweilen im Schattenland.

In seiner Welt angekommen, ging er von Haus zu Haus, klopfte an Türen, fand einige verschlossen, andere wurden ihm geöffnet, aber nach seinen ersten Worten wieder zugeschlagen. Die meisten seiner Opfer konnte er nicht mehr erreichen; sie waren schon lange vor ihm in der Unterwelt angelangt. Er suchte
Vergebung bei den Zurückgebliebenen.

Manchmal sind Helden nicht das, was sie vorgeben. Manchmal sind Helden grausam, gedankenlos, sie töten ohne Rücksicht auf das Leben. Manchmal sind Helden überhaupt keine Helden. Sie haben Angst, schlagen blind um sich und nehmen Menschen das Leben, bevor sie selbst verletzt werden könnten. Helden sind niemals Helden. Achilles hat Hektors Leiche geschändet und ist an seiner Arroganz gestorben. Herakles verbrannte auf seinem eigenen Scheiterhaufen. Ikaros kam der Sonne zu nahe und stürzte ab.

Wir werden niemals erfahren, ob "unserem" Helden die Vergebung zuteil wurde, die er suchte, ob er im Reich der Lebenden bleiben durfte oder zurückkehren musste ins Land der Toten.

Aber wir können versuchen, unser Leben so zu leben, dass wir niemanden verletzen. Wir können versuchen, keine Helden zu sein, sondern Menschen aus Fleisch und Blut, traurig, ängstlich, unsicher. Wir können versuchen, die Menschen, die wir lieben, zu halten, statt sie zu stoßen. Wir können über unsere Schatten springen für jemanden, den wir lieben. Wir können Verantwortung übernehmen, endlich, nach viel zu langer Zeit. Wir können unsere Ängste eingestehen, nach Hilfe rufen, den Helden in uns als das erkennen, was er ist: Eine Geschichte.

Wir müssen keine Helden sein.

Metaphern

Das ist eine sehr schöne Kreativitäts- und Wünschübung: Finde jeweils eine Pflanze, ein Tier, eine Farbe und einen Ort, die Deine derzeitige Situation und Dein Ziel, Deinen Wunsch, Deine Zukunft repräsentieren. Dann verbinde beides zu einer Geschichte. (Ganz nebenbei ist das natürlich auch eine großartige Möglichkeit, nichts zum Thema "Danach" zu schreiben...)

Gegenwart: Kiefer, Katze, rot, Wald.
Zukunft: Sonnenblume, Adler, blau, Strand.

Beim Laufen bin ich von meinem üblichen Weg abgekommen und habe einen Abzweig genommen, der tiefer in der Wald hineinführte, statt mich zum Ausgangspunkt zurückzubringen. Der Weg wird immer schmaler, bis er nicht mehr ist als ein zugewachsener Trampelpfad. Ist hier wirklich schon einmal jemand entlanggegangen? Ich kann weder Fußabdrücke erkennen noch Reifenspuren, und mir wird ein wenig mulmig bei dem Gedanken, ich könnte mich verirrt haben.
Längst laufe ich nicht mehr, sondern setze vorsichtig einen Fuß vor den anderen aus Angst, umzuknicken und mich nicht mehr aus eigener Kraft fortbewegen zu können.
Die Bäume scheinen näher zu kommen, Nadelbäume, die dunkel und bedrohlich aussehen.

Nach einiger Zeit sehe ich vor mir eine Lichtung und beschließe, Rast zu machen und mir in Ruhe zu überlegen, wie ich aus diesem verdammten Wald wieder herauskomme. Ich lehne mich mit dem Rücken an den Stamm einer Kiefer, spüre die Rinde an meiner Haut und beruhige mich ein wenig.
Auf einmal höre ich ein leises "Miau". Ich stehe auf, schaue mich um und sehe über mir eine rotgetigerte Katze, die sich ängstlich an einen Ast klammert. Ich weiß nicht, wie sie in den Baum geraten ist, aber ganz offensichtlich ist sie zu hoch hinaufgestiegen und kommt jetzt nicht mehr herunter. Beruhigend rede ich auf das Tier ein, während ich langsam auf den Baum klettere. Als ich bei der Katze angekommen bin, strecke ich vorsichtig die Hand aus und streichele sie. Sie scheint zu spüren, dass ich ihr helfen will, denn sie weicht nicht aus. Ich nehme sie im Nackenfell, den Katzengriff kenne ich noch, hebe sie von ihrem Ast herunter und klemme sie mir unter den Arm. Nach ein paar Minuten sind wir beide glücklich vom Baum heruntergestiegen. Ich setze die Katze auf den Boden, streichele ihr noch einmal über den Kopf und erwarte, dass sie weiter ihres Weges zieht. Katzen sind nicht für Dankbarkeit oder ein verbindliches Wesen bekannt.

Doch diese Katze hat andere Pläne. Sie streicht mir um die Beine, schnurrt. Da sich meine Situation seit der Rettungsaktion nicht verändert hat, setze ich mich wieder hin, streichele die Katze und lehne meinen Kopf an den Stamm der Kiefer.

Ich schlafe ein. Ich träume. In meinem Traum sitze ich weit oben auf einem Felsen, unter mir liegt ein langer, einsamer Strand, das Meer leuchtet in tausend Blau- und Grüntönen, keine Wolke am Himmel. Seltsamerweise habe ich in meinem Traum keine Höhenangst, kann furchtlos hinunterschauen.
Neben mir auf dem Felsvorsprung steht eine Sonnenblume, deren Samen der Wind an diesen Ort getragen haben muss und die trotz der Trockenheit gewachsen ist und jetzt in voller Blüte steht.
Ich schaue weiter hinunter auf den Strand, sehe die Wellen, erkenne sogar Fische im Wasser. Meine Sinne sind geschärft, ich habe Adleraugen. Adleraugen? Auf einmal verspüre ich den Drang, mich von dem Felsen hinunterzustürzen und zum Meer hinunterzufliegen. Fliegen? Ich bin ein Adler! Ich breite meine Schwingen aus und lasse mich fallen. Ich kann fliegen! Ich schwebe langsam herab, spüre den Wind in meinen Flügeln, und obwohl ich doch ein Adler bin, ein Tier, fühle ich ein ganz menschliches Glück. Schwerelosigkeit. Freiheit. Ich kann fliegen, wohin ich will, keine Grenzen werden mich aufhalten.

Ich wache auf, den Rücken noch immer an den Kiefernstamm gelehnt. Die Katze ist fort, und es dämmert bereits. Aber ich kenne jetzt meinen Weg.

28 Juli 2008

On Writing

Links über mir hat sich ein Stern auf den Weg gemacht. Keine Ahnung, wo der hin will. Ich brüte immer noch über "Danach". Eine Geschichte habe ich schon geschrieben. Es ist zwar niemand gestorben, aber auch niemand so richtig glücklich. Die Protagonistin hat schon wieder viel zuviel Ähnlichkeit mit mir. Fiktion. Das wär's. Irgendjemanden erfinden, der bzw. die überhaupt nichts mit mir zu tun hat. Eine Geschichte schreiben, bei der ich als Erzählerin sozusagen über dem Erzählten stehe. Nichts damit zu tun habe. Immer schreiben zu können, egal, ob ich gerade inspiriert bin, glücklich, traurig oder euphorisch. Stephen King hatte in meinem Alter schon diverse Bestseller. Sollte mich das beängstigen?

Glücklicherweise bin ich mir sicher, dass ich immer noch eine passable Putzfrau, Taxifahrerin oder Stripperin abgeben würde, wenn denn alle Stricke reissen und niemand außer den mir Nahestehenden das lesen will, was ich absondere.

Immerhin - solange es noch Menschen, die im zarten Alter von dreißig Jahren der Ansicht sind, sie müssten sich jetzt etablieren, gibt, bleibe ich jünger und die Straße meines Lebens in alle Richtungen offen. Denn das ist ein Tod, den ich niemals sterben werde. So gesehen ist also alles gut. Bin nicht etabliert und habe das auch nicht zum Ziel. Etablieren reimt sich nämlich auf Prostituieren. Wenn man sich etablieren will, malt man möglicherweise Zahlen auf Eisen und hofft auf Anerkennung. Oder, um Heinz Rudolph Kunze zu zitieren, man "hält sein Geschlechtsteil in den Wind und betet um Entsaftung".

Bin froh, wählen zu können. Dankbar dafür, aussuchen zu dürfen am reich gedeckten Tisch der Möglichkeiten. Erleichtert, weil ich niemals das Gefühl hatte, Ankommen ließe sich in Dingen ausdrücken. Mein Haus. Mein Auto. Mein Boot. Mein Mann.

NEIN.

Zuhause. Unterwegs. Wellenrauschen. Liebe. Credo.

Habe immer noch keine lustige Geschichte geschrieben.

Möglicherweise ist das einfach nicht dran?

Der Stern ist Richtung Giebel gewandert. Wo sind die anderen?

Schreibblockaden

Und da sind sie wieder, meine X Probleme! Mir fallen gerade sehr viele sehr schlüssige, sehr eloquente und sehr selbstbesch...ende Gründe ein, warum es mit dem Schreiben eines Prosatextes für den nächsten Literaturwettbewerb nicht klappt.

  1. Das Stichwort lautet schlicht "Danach". Nach was? Nach wem? Können die nicht ein bisschen deutlicher werden bei dem Literaturverein und auch ein paar mehr Stichwörter vorgeben?
  2. Es ist heiß. Brüllend heiß. So heiß, dass ich sogar in den Kniekehlen schwitze. Meine Fingerspitzen bleiben an der Tastatur kleben, und mein Gehirn ist in ein paar Minuten gar. Leider gibt es in der Nähe meines geliebten Heimatdörfchens keinen See, nur einen inzwischen wahrscheinlich ausgetrockneten Bach. Wie soll man schreiben, wenn es so heiß ist?
  3. Trotz der Hitze spüre ich einen heftigen Bewegungsdrang. Wenn ich schreibe, kann ich mich aber nicht bewegen. Wenn ich mich nicht bewegen kann, fällt mir nichts ein. Wenn mir nichts einfällt, kann ich auch nichts schreiben.
  4. Da ist eine Gewitterfliege auf meiner Tastatur; ihr Kumpel schleicht derweil über den Bildschirm.
  5. Ich brauche Urlaub.
  6. Ich muss dringend einkaufen fahren. Schriftstellerinnen brauchen Bananen, Avocados, Apfelsaft, Zahnbürste, Averna und Rosé. Ohne geht gar nichts.
  7. Wenn ich aber jetzt einkaufen fahre, bekomme ich einen Sonnenstich.

Danach... Wenn ich mein Gehirn nicht ein bisschen mehr strapaziere als für faule Ausreden, kann ich eine Geschichte über die Zeit NACH dem Abgabetermin schreiben. Das hätte auch was, aber dafür gibt es kein Geld. Und nachdem mir jetzt klar geworden ist, dass ich ganz dringend sehr viel Geld verdienen will, muss und werde ich jede Chance nutzen, ein paar dieser Nullen und Einsen in meinen virtuellen Besitz zu bringen. (Denn Bargeld gibt es bekanntermaßen eher selten, also sind unsere Reichtümer, Schulden, Aktiendepots oder Sparguthaben nichts anderes als Nullen und Einsen im www, also quasi nicht vorhanden. Die Bank will aber trotzdem, dass man sich um die Vermehrung kümmert. Ist irgendwie albern.)

Ich kann so schön abschweifen!

27 Juli 2008

"Heuwägelchen"

... soll ich nächste Woche dreimal sagen, bevor ich etwas sage, sagt mein Horoskop. Übersetzt bedeutet das wohl, dass ich möglicherweise dazu tendieren könnte, unüberlegt loszupoltern, vor einem Scherbenhaufen zu stehen und keine Kehrschaufel dabei zu haben. Also lerne ich doch schon einmal "Heuwägelchen" auswendig.

Ich habe auch eine leicht verschwommene Vorstellung, in welchen Situationen ich mich zusammenreissen und meinem vorlauten Mundwerk keinen Ausgang gestatten sollte.

Haben Sie sich übrigens schon einmal zusammengerissen? Wie führt man das praktisch durch? Eigentlich geht das Wort doch davon aus, dass es sich hier nicht nur um eine Person handelt, sondern um mehrere, was meine und die These der meisten NLPler von den unterschiedlichen Persönlichkeitsanteilen, die nicht immer einer Meinung sind, untermauert. Ich muss also nächste Woche gut aufpassen, welches meiner Mädels (Möglicherweise habe ich auch den einen oder anderen Kerl in mir?) gerade agiert. Trotzkopf, Zicke, Kampfschwein und Mama sollten tief in meinem Unterbewusstsein verschlossen bleiben. Vielleicht wäre es sinnvoll, mein Alter Ego, Sie wissen schon, das zurückhaltende, ängstliche, vorsichtige Persönchen, das ich eigentlich nicht besonders gut leiden kann und das wie Mutti klingt, ausnahmsweise vorzuschicken? Sie wäre jedenfalls diplomatisch genug und würde nicht einfach einen Streit vom Zaun brechen.
Oder mache ich es ganz anders und erlaube Kampfschwein, einmal so richtig um sich zu hauen? Wer weiss, was dann passiert - vielleicht schafft sie es ja, uns andere aus genau der Situation zu befreien, in der wir uns ohnehin nicht wohl fühlen.
"Nene", fährt meine innere Erbsenzählerin dazwischen. "Du solltest sehr vorsichtig sein und immer im Hinterkopf haben, dass Du Dir wichtige und geldgebende Kontakte nicht verderben darfst." "Okay, bleibt Kampfschwein also nächste Woche zu Hause." "Nie gönnst Du mir ein bisschen Spaß." murrt Kampfschwein leise vor sich hin.

Ich muss aufhören. Habe das dringende Gefühl, eine große Besprechung,
Entschuldigung, ein Meeting - immer diese dummen deutschen Wörter -, mit allen meinen Anteilen ansetzen zu müssen. Falls Sie länger nichts von mir hören, sind wir entweder in einen unbefristeten Streik getreten, weil wir uns nicht einigen konnten und keinen Schlichter gefunden haben oder wir haben uns sicherheitshalber gleich alle bis Mittwoch einschließlich versteckt. Ab Donnerstag soll es nämlich wieder besser werden.

Fundbüro

Mein Herz liegt
zu Deinen Füßen.
Habe es an Dich verloren,
doch es fehlt mir nicht.

Wenn Du es aufhebst,
gehört es Dir.
Allerdings gibt es
keinen Finderlohn
.

Das Märchen von Prinzessinnen, die ankommen wollen, Prinzen, die kochen können, von Kröten und Fröschen und Alice Schwarzer

Es war einmal eine Prinzessin. Sie lebte in einem ruhigen, kleinen Reich, ihr Schloss stand in einer ruhigen, kleinen Stadt, und ihre Gemächer befanden sich in einem ruhigen, kleinen Anbau des Palastes.
Eines Morgens erwachte die Prinzessin, zog sich ihre Schuhe an, verließ das Schloss durch die Hintertür und lief los. Sie hätte nicht sagen können, warum und in welche Richtung sie lief, nicht einmal, ob sie zu etwas hin- oder vor etwas weglief. Sie wusste nur, dass sie laufen musste.
Selbstverständlich wurde sie im Schloss vermisst, als man sie wecken wollte und nur ein leeres Bett vorfand. Aber niemand wäre auf die Idee gekommen, nach einer Prinzessin in Laufschuhen zu suchen, also blieb sie unbehelligt und ungefunden.

Und sie lief. Und lief. Sie lief durch kleine, ruhige Dörfer, kleine, ruhige Straßen, überquerte kleine, ruhige Flüsse, bis sie an der Grenze des kleinen, ruhigen Reiches angekommen war. Doch auch hier hielt sie nicht an, sondern lief weiter.

In diesem neuen Reich, das sie durchlief, hatte es sich herumgesprochen, dass eine Prinzessin unterwegs war nach Woauchimmer, und begeisterte Menschen säumten die Straßen, winkten ihr zu, gaben ihr zu essen und zu trinken. Die Prinzessin dankte, hielt aber niemals an, sondern lief weiter. Noch immer hatte sie keine Idee, wohin der Weg sie führen würde; sie wünschte sich nur, eines Tages irgendwo anzukommen.

Als sie schon ein paar Wochen unterwegs war, traf die Prinzessin auf eine Kröte, hässlich und fett, die einen wunderhübschen grünen Laubfrosch auf dem Rücken über die Straße trug. Sie bremste ihren Lauf und fragte: "Frau Kröte, warum tragen Sie den Frosch, der kann doch selbst über die Straße hüpfen?" Die Kröte antwortete: "Ja, Hoheit, da haben Sie recht!" Sie kannte die Prinzessin, denn inzwischen wusste die halbe Welt, dass eine Prinzessin in Laufschuhen unterwegs war. "Aber ich möchte ihn so gern zu meinem Gemahl machen, und wenn ich ihn nicht trage, hüpft er mir davon."
"Liebe Kröte, das verstehe ich nicht.", fragte die Prinzessin "Wenn er nur bleibt, weil Sie ihn tragen, kann er Sie doch unmöglich wirklich lieben!"
"Nein, ich weiß." sagte die Kröte. "Aber meine Liebe zu ihm ist mir dieses Opfer wert. Irgendwann wird er von meinem Rücken herunterspringen und seinen eigenen Weg hüpfen. Dann werde ich wieder einsam sein. Aber auch, wenn ich wegen meiner Hässlichkeit niemals einen schöneren Frosch finden werde als ihn, werde ich geliebt haben."
"Ich verstehe Sie noch immer nicht, Frau Kröte, aber ich wünsche Ihnen alles Glück der Welt.", und die Prinzessin lief weiter.

Doch die Begegnung hatte sie nachdenklich gemacht. Wohin lief sie? Was war ihr Ziel? Suchte sie? Und wenn sie suchte, was oder wen suchte sie?
Sie konnte sich diese Frage nicht beantworten und beschloss, sich aufs Laufen zu konzentrieren.

Nach langer, langer Zeit, ihre Haare reichten inzwischen fast bis zu den Füßen, soviele Monde war sie schon unterwegs, hielt sie ein junger Mann auf. "Eure Hoheit, Ihr müsst etwas essen! Ihr könnt nicht immer nur laufen. Hier, ich habe Euch etwas vorbereitet; setzt Euch, esst und trinkt, und wenn es Euch schmeckt, werde ich Euch bei Eurem Lauf begleiten und für Euch kochen."
Die Prinzessin merkte bei seinen Worten, dass sie in der Tat großen Hunger verspürte. Sie aß und trank, bedankte sich bei dem jungen Herrn und wollte weiterlaufen.
"Eure Hoheit, darf ich Euch denn begleiten?" fragte er.
"Nun denn, wenn Ihr nichts Besseres vorhabt, kommt mit! Eine gute, nährende Mahlzeit werde ich nicht ausschlagen." antwortete die Prinzessin.

Und so hatte sie fortan einen Begleiter. Er fuhr in seiner Kutsche, blieb immer in Sichtweite, und die Prinzessin gewöhnte sich langsam daran, dass er bei ihr war, sie bekochte und ihren Schlaf bewachte.

Das ging einige Wochen gut, bis der junge Mann eines Tages fragte: "Wisst Ihr eigentlich, wer ich bin, liebe Prinzessin?" "Ihr seid mein Koch." antwortete sie.
Da drehte er sich wortlos um, stieg in seine Kutsche und verschwand am Horizont. Die Prinzessin stand starr, wollte nicht glauben, was geschehen war, dass er sie verlassen hatte. Wie konnte er es wagen, er war doch nur ein Koch!
Sie wandte sich in die entgegengesetzte Richtung und wollte weiterlaufen, als ihr eine sehr alte, runzelige Frau in den Weg trat. "Wenn Du jetzt fortläufst, wirst Du alles verlieren, was Dir jemals wichtig sein könnte." sagte sie und hielt sie am Arm fest.
"Wer seid Ihr, Mütterchen?" fragte die Prinzessin.
"Mein Name ist Alice Schwarzer, und ich habe mein ganzes Leben damit zugebracht, gegen Männer, gleichgültig, ob es gute oder schlechte waren, zu kämpfen. Ich war leider nicht immer erfolgreich, und in meiner Verbitterung und Geldgier habe ich eines Tages nur noch das getan, was mir Reichtum und, wie ich heute weiß, zweifelhaften Ruhm einbrachte. Heute sind die schlechten Männer immer noch da
, und die guten werden oft nicht mehr wahrgenommen, weil ich ihren Ruf beschädigt habe. Ich selbst bin inzwischen einsam und verbittert, und mein einziges Ziel ist es, andere Menschenkinder davon abzuhalten, ihr Glück mit Füßen zu treten. Wenn Ihr ihn gehen lasst, werdet Ihr für den Rest Eures Lebens einsam sein. Und auch das Laufen wird Euch ohne ihn nicht das geben, was Ihr braucht."

Die Prinzessin stutzte, und bevor sie noch darüber nachdenken konnte, wandte sie sich in die Richtung, in die der Koch verschwunden war und rannte, als gälte es, ein Leben zu retten.
Als sie schon völlig außer Atem und fast ohne Hoffnung war, ihn noch einholen zu können, sah sie die Kutsche.
"Wartet auf mich, bitte!" rief sie, so laut sie noch konnte. Vielleicht hörte er sie, glaubte aber nicht an ihre Worte. Jedenfalls hielt er nicht an.
Die Prinzessin lief noch schneller.
"Bitte, lasst mich erklären!"
"Ich höre." Er bremste seine Kutsche.
"Ich liebe Euch. Ich weiß nicht, wer Ihr seid, was Ihr fühlt, aber ich fühle, dass ich Euch liebe. Bitte, geht nicht, verzeiht mir."
"Wie sollte ich Euch glauben? Ihr seid eine Prinzessin, Ihr lauft, seid gesund, und ich bin nur ein fußlahmer Koch."
"Das ist mir gleichgültig. Ihr seid der Mann, den das Schicksal für mich bestimmt hat und den ich liebe."
"Wie soll ich wissen, dass Ihr mich wirklich liebt?" fragte der junge Mann.
"Lasst mich bei Euch bleiben." antwortete die Prinzessin.
"Und es ist Euch gleichgültig, dass ich nur ein mittelloser Koch bin?"
"Ich liebe Euch. Bettler, Dieb, Bauer, ganz egal, was Ihr seid!"

Er schloss sie in seine Arme und ließ sich von ihr auf den Kutschbock helfen. "Wohin fahren wir?" fragte sie ihn, selig und müde den Kopf an seine Schulter gelehnt.
"In mein Schloss." antwortete er. "Es ist sehr klein, und ich habe keine Untertanen. Alles, was ich Euch bieten kann, sind meine Kochkünste und meine Liebe."
"Dann lasst mich Eure Königin sein, und erlaubt mir, Euch all das zu geben, was ich auf meinem Lauf gelernt habe."

Und wenn sie nicht gestorben sind...

26 Juli 2008

Menschen ändern sich

Eigentlich hätte ich ein Märchen schreiben wollen. Aber jetzt muss zuerst ein Zustandsbericht, der sich schon seit Längerem in meinem Kopf ausbreitet, verfasst werden. Das Märchen ist noch immer in meinem Kopf, es handelt von Prinzessinnen, die ankommen wollen und Prinzen, die kochen können, von Kröten und Fröschen und von Alice Schwarzer. Aber das gibt es eben erst später, weil der Zustandsbericht in meinen Augen eine höhere Wertigkeit hat.

Märchen und Zustandsbericht haben allerdings etwas gemeinsam: Sie beginnen mit "Es war einmal...". Der Zustandsbericht endet mit "Es hat nichts mit Dir zu tun...".

Und los gehts!

Es war einmal, vor langer, langer Zeit, da schickte sich eine Gruppe junger Menschen an, die Welt zu verbessern. Zunächst nahmen sie sich wegen der besseren Übersicht nur einen kleinen Teil vor, der hier nicht wichtig, weil austauschbar ist. Sie arbeiteten zusammen, halfen sich gegenseitig, standen füreinander ein. Und die Menschen, mit denen sie zu tun hatten, spürten, dass sich etwas geändert hatte. Sie fühlten sich wohler als zuvor, sie waren etwas zufriedener, schimpften weniger und fanden nur wenig Gründe zur Beschwerde.

Selbstverständlich gab es in der Gruppe der jungen Menschen einen "primus inter pares". Bei jedem Treffen bedankte er sich für den Zusammenhalt und den Einsatz, stellte neue, schöne Ziele in Aussicht und neue Gruppenmitglieder, die den anderen bei der Arbeit helfen sollten.

Zunächst jedoch fand sich noch keine Unterstützung. Der "primus inter pares" wurde zum Chef und machte Vorgaben. Er hatte nämlich gelernt, dass zu einem erfolgreichen Unternehmen auch große Ziele gehörten. Und damit alle wussten, dass er es ernst meinte, verteilte er fortan Zahlen, diesmal ohne vorherige Besprechung. Die Zahlen standen für bedruckte Papierscheinchen, die jedes der Gruppenmitglieder am Ende eines Monats eingenommen haben sollte über Verkauf und Beratung.
Aber die jungen Menschen waren zu sehr mit der Betreuung der Kunden beschäftigt und fanden keine Zeit, die geforderten Papierscheinchen zu verdienen.
Der Chef jedoch fand günstige neue Gruppenmitglieder. Jetzt waren alle entlastet und sollten nicht mehr nur für den Erhalt, sondern Fortschritt und Gewinn des Unternehmens sorgen. Einige rebellierten und sagten: "Aber ich möchte doch Menschen helfen, von Verkaufen war niemals die Rede!", andere fügten sich in ihr Schicksal und befassten sich mit den geforderten Zahlen.

Ein erfolgreiches Unternehmen hat natürlich auch einen gewissen Standard zu erfüllen, nicht nur in verkäuferischer, sondern auch in sprachlicher Hinsicht. Und so wurden innerhalb kürzester Zeit aus Besprechungen "Meetings", Interessenten zu "Walk Ins", Verkauf zu "Sales", der Enspannungskurs zu "Relaxation & More", man verteilte Diaries und headhuntete.

Und es funktionierte: Aus früher mitfühlenden Gruppenmitgliedern wurden perfekte Verkäufer, die eine Bitte um Rat sofort mit der aktuellen Preisliste beantworteten, aus KollegInnen wurden KonkurrentInnen, die sich nicht scheuten, für ihre Provision auch einmal den anderen Termine wegzuschnappen, es bildeten sich Untergruppen, man belauerte sich.

Ein paar versuchten immer noch, den ursprünglichen Vorsatz, nämlich Menschen zu einem guten Gefühl zu verhelfen, in die Tat umzusetzen. Doch da sie nur ein Lächeln, aber keine Zahlen vorweisen konnten, wurden sie nach und nach aus der Gruppe entfernt. Das ging solange, bis nur noch die Verkäufer blieben.

Das Unternehmen hatte großen Erfolg. Diejenigen, die nichts geben konnten als guten Rat und Lächeln, wurden entweder von anderen Verkäufern assimiliert oder sind heute ALG-II-EmpfängerInnen. Einige Wenige lächeln allerdings noch immer.

Denjenigen, die entlassen wurden, sagte der Chef übrigens: "Du bist ein großartiges Teammitglied, und ich bin Dir sehr dankbar für den Job, den Du gemacht hast! Die Entlassung ist rein wirtschaftlich bedingt und hat nichts mit Dir zu tun!"

Zuhause

... ist der Ort, an dem ich nach einem Arbeitstag ankomme.
... ist die Couch, auf die ich mich fallen lasse.
... ist die Küche, in der ich meine Mahlzeiten bereite.
... ist Rückzugsort, Inspiration, Kraftquelle.

... ist der Mensch, der mein Herz geöffnet hat.
... ist eine Umarmung.
... ist gemeinsam einzuschlafen und aufzuwachen.
... ist ein Platz für meine Gedanken.

Mein Zuhause ... bist Du.

22 Juli 2008

Muddy Waters

Immer, wenn das Wetter nicht besonders freundlich erscheint, lasse ich mein Fahrrad zuhause und nehme öffentliche Verkehrsmittel. So auch heute. Zwar war es dann, als ich endlich meine Höhle verlassen hatte, viel wärmer, als es von drinnen aussah, aber da war es schon zu spät. Nicht fürs Fahrrad, aber ich hatte mich seelisch und vor allem körperlich auf Bus und Bahn eingestellt. Menschen knapp über 22 sind manchmal etwas unflexibel...

Nach Arbeitsende fand ich mich am Bahnhof ein, nahm den Zug bis Nörten-Hardenberg und hatte mir von dort aus ein sogenanntes Anrufsammeltaxi geordert. Das kostet fast nichts und bringt einen bis vor die Haustür. Der Wagen kam etwa fünf Minuten zu früh, chauffiert von einem dunkelhäutigen Menschen mit 30er-Jahre-Schiebermütze und breitem Lächeln. Aus dem geöffneten Fenster dröhnte Blues, und ich bekam das Gefühl, dass es doch noch Sommer werden könnte.

Ich stieg ein, und unmittelbar nach dem "Guten Abend" hörte ich mich sagen: "Geile Musik!" Er wühlte in seiner Mittelablage und förderte eine CD zutage. Muddy Waters. Die Sonne schien, meine Füße stampften im Fußraum des Mercedes, Milla (ich hoffe, ich habe mir seinen Namen richtig gemerkt und vor allem richtig geschrieben) erklärte mir, das sei der Gott des Blues. Ich fühlte noch immer den Sommer.

Wir unterhielten uns über dies und das, die Unterschiede zwischen Taxifahren "zu meiner Zeit" und heute, und ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, jetzt viel lieber in New Orleans sein zu wollen und von Milla zu einer Riesenparty bei Familie und Freunden eingeladen zu werden. Blöde Klischees, aber genau das war in diesen wenigen Minuten das Programm meines Gedankenkinos.

Vor meiner Wohnung
angekommen, sprang er aus dem Wagen, wühlte erst im Kofferraum und dann auf der Rückbank, förderte eine CD zutage und sagte: "Die schenke ich Dir, das ist die Musik, die wir gerade gehört haben."

Und jetzt? Sitze ich zuhause, höre den Gott des Blues und freue mich darüber, dass es trotz der Wolken über mir ein wenig heller geworden ist.

Umtausch ausgeschlossen

Ausgesprochene Worte werden nicht enger gemacht,
verloren gegangene Sätze nicht durch neue ersetzt,
traurige Geschichten nicht mit Gelächter aufgewertet,
Beleidigungen nicht nachträglich umgefärbt.

Die Geschäftsidee "Pimp your Words" hat die Hausbank nicht überzeugen können.

Scarlett & Rhett

Sie trocknete sich die Augen und sagte in ihrer Herzensangst: "Rhett, wenn Du mich einmal so sehr geliebt hast, so muß doch irgend etwas davon noch übrig sein."
"Zweierlei, sehe ich, ist mir aus allem geblieben. Gerade das, was Dir am meisten verhaßt ist ... Mitleid, und eine seltsame Regung von Güte."
Mitleid! Güte? "Oh mein Gott", dachte sie verzweifelt, "alles andere, nur nicht Mitleid und Güte." Jedesmal, wenn sie diese beiden Gefühle für jemand empfunden hatte, so waren sie von Verachtung begleitet gewesen. Verachtete er sie auch? Alles wäre ihr lieber als das, selbst seine zynische Kühle aus der Kriegszeit, die trunkene Tollheit, die ihn, mit ihr auf dem Arm, die Treppe hinaufjagte, damals in der Nacht, als seine rohen Hände ihr weh taten, oder auch die bissigen Worte, die, wie sie jetzt erkannte, nur der verschämte Ausdruck einer wirklichen Liebe gewesen waren. Alles, nur nicht die unpersönliche Güte, die ihm jetzt deutlich auf dem Gesicht geschrieben stand!
"Du willst also damit sagen, daß ich alles zertrümmert habe ... und daß Du mich nicht mehr liebst."
"So ist es."
"Aber", sagte sie hartnäckig wie ein Kind, das immer noch meint, wenn es seinen Wunsch ausspreche, sei er schon erfüllt, "ich liebe dich doch!"
"Dann ist das dein Unglück." (Margaret Mitchell: Vom Winde verweht, 1953)

Rhett ist gegangen, und Scarlett blieb am Ende nichts, als sich selbst zu beschwören:

"Morgen, auf Tara, will ich über das nachdenken. Dann werde ich es ertragen. Morgen wird mir schon einfallen, wie ich ihn mir wieder erobere. Schließlich, morgen ist auch noch ein Tag."

Sie hätte besser die lange Zeit genutzt, die sie mit Rhett gemeinsam verbringen durfte. Aber sie war in Ashley Wilkes verliebt und in sich selbst. Alle Anstrengungen Rhetts, ihr seine Liebe zu zeigen, waren vergeblich, denn sie prallten an dem Panzer ab, den Scarlett sich über die Jahre zugelegt hatte. Sicher, er hatte seine Liebe immer ironisch präsentiert, so getan, als könnte ihn ihr Verhalten nicht verletzen.

Und Scarlett verhielt sich selbst, als sie - zu spät - erkannte, dass er der Mann war, den sie liebte, so, wie sie es immer getan hatte: Fordernd, voller Überzeugung, dass sie nur diese drei Worte sagen müsste, um ihn zu halten.

Sie haben "Vom Winde verweht" immer für rassistischen Südstaatenkitsch gehalten? Nun, Margaret Mitchell hatte möglicherweise nicht vor, die Rassentrennung zu bekämpfen. Aber sie hat einen der bewegendsten Liebesromane des letzten Jahrhunderts geschrieben. Und einen der tragischsten noch dazu.
Finde ich.

Da eröffnet sich einer jungen Frau die Möglichkeit, sich mit einem Mann zusammenzutun, an dem sie sich reiben kann, der ihre Kraft und Energie sieht und ihr standhält, der vielleicht schon so früh erkannt hat, was in ihr steckt. Sie jedoch wendet sich ab, weil sie ihn grob und ungehobelt findet, er kein "Gentleman" für sie ist. Immer wieder treffen die beiden aufeinander, und jedesmal reicht er ihr seine Hand, bietet ihr Hilfe an. Sie lässt sich von ihm helfen, aber ihr Herz erreicht er nicht.

Und so geht es weiter und weiter und weiter, und während all der Zeit, die sie zusammen verbringen, gibt es nur einen kurzen Moment, in dem auch sie sich öffnet. Er weckt sie aus einem Alptraum, und sie teilt ihm ihren tiefsten Gedanken mit, den Gedanken, der sie im Traum heimsucht und der ihr ganzes Leben bestimmt: "Ich suche und suche, aber ich kann es nicht finden!"

Ich glaube nicht, dass Scarlett am Ende herausfinden konnte, was sie so verzweifelt gesucht hat.

Schnaps und Krach

Alkohol

Kneipenmusik verführt zum Trinken

Wer am Wochenende auf Tour geht, sollte auf die Lautstärke der Musik im angepeilten Lokal achten: Je stärker der Sound aus den Lautsprechern dröhnt, desto alkoholreicher wird vermutlich der Abend.

Nicolas Gueguen von der französischen Universität Bretagne-Süd in Vannes hatte bereits in früheren Studien herausgefunden, dass schnelle Rhythmen auch zu schnellem Trinken animierten. Generell verführt Musik in Bars und Kneipen Gäste dazu, länger zu bleiben als in völlig stillen Bars. Jetzt sei es erstmals gelungen, einen direkten Zusammenhang zwischen lauter Musik und Alkoholkonsum nachzuweisen, sagt der Verhaltensforscher. (Focus online vom 19.07.08)


Na, da bin ich aber froh, dass ich gar nichts dafür kann, wenn ich mich betrinke! Es ist nur die Lautstärke bzw. die mangelhafte Kommunikation.
Ein Problem sehe ich allerdings: Welche Entschuldigung gibt es, wenn ich zuhause saufe, ganz allein, ohne DJ und laute Musik? Bin ich dann doch selbst schuld? Kann ich irgendwen verklagen, weil ich am nächsten Morgen bestenfalls einen dicken Kopf und schlimmstenfalls eine Alkoholvergiftung habe?
Hilft diese Einsicht den Eltern der Kinder, die sich bei irgendwelchen Flatrateparties zu Tode gesoffen haben? Oder saufen die selbst und merken ohnehin nichts mehr?
Saufen wir, weil wir nicht reden?
Oder reden wir nicht, weil wir lieber saufen?
Haben die AA schon zu den Einsichten des Monsieur Gueguen Stellung bezogen? Man könnte sich "gute 24h bei leiser Musik" wünschen.

Ich höre übrigens gerade Marillion, "Clutching at straws" in größtmöglicher Lautstärke mit wummernden Bässen. Habe trotzdem nur Lust auf Rotbuschtee.

Prost!

Noch mehr Wörter

Manchmal sollten Worte
in ihrem eigenen Sumpf ertrinken,
am Hals gepackt und gehängt,
in die Kehle gebissen werden.

Manchmal sollten Worte
mit einem Pfeil durchbohrt,
von einem Flammenwerfer verfeuert,
geteert und gefedert werden.

Manchmal sollten Worte
streicheln, kosen, zärtlich
Liebe beschreiben,
Wahrheit sein.

Da niemand Wahrheit
beanspruchen darf,
bleiben Worte
Worte.

21 Juli 2008

Nachgesehen

Ich sehe in Deine Augen:
Traurigkeit.
Manchmal schauen wir
viel zu spät.
Wirklich.
Hin.

Das Märchen von der Prinzessin, die nicht an sich glauben konnte

Diese Geschichte habe ich im Juni 2007 begonnen. Heute abend scheint der richtige Zeitpunkt zu sein, um sie zuende zu schreiben.

Es war einmal eine kleine Prinzessin. Sie lebte zusammen mit ihrer Mutter, der Königin, deren
Bruder und ihrer Großmutter in einem gemütlichen Schloss am Rande des kleinen Reiches. Tagsüber, wenn die Königin ihren Regierungsgeschäften nachging, kümmerten sich die Großmutter und der Onkel um die Prinzessin. Weil die beiden sehr nachsichtig mit ihr waren, wuchs sie frei und unbeschwert auf und konnte tun und lassen, was ihr gefiel. Wenn die Großmutter ihr etwas verboten hatte, holte sie sich beim Onkel die Erlaubnis. Dieser hatte ihr noch nie etwas verwehrt, denn er liebte sie innig, hatte er doch weder eine Frau noch eigene Kinder.

Manchmal fehlte der Prinzessin die Mutter ein wenig, doch sie konnte verstehen, dass eine Königin nicht nur ein paar Stunden, sondern den ganzen Tag regieren musste.

So
wuchs die kleine Prinzessin heran, war aber leider nicht so geraten, wie die Königin gehofft hatte. Sie war nicht mutig, sie kämpfte ungern, konnte trotz des Unterrichts mit Schwertern, Pfeil und Bogen oder der Streitaxt überhaupt nicht umgehen. Die Königin hatte sich eine Tochter gewünscht, die stark und unabhängig, kampflustig und mutig war, doch die Prinzessin war ängstlich, wurde von den Kindern der Hofdamen verprügelt und mochte nicht im Dunkeln schlafen.

Die Königin versuchte, ihrer missratenen Tochter auf den richtigen Weg zu helfen. Wenn die Kleine kam, um Schutz zu suchen vor den anderen Kindern, schickte sie sie wieder hinaus mit den Worten: "Wehr Dich! Und wenn Du das nicht willst, kann ich Dir auch nicht helfen!" Also verließ die Prinzessin den sicheren Palast, versteckte sich im nächsten Busch und wartete, dass es dunkel wurde und sie in ihre Gemächer zurückkehren konnte. Nachts lag sie im Dunklen, ängstlich, doch bemüht, nicht zu weinen, denn sie wollte ihre Mutter nicht enttäuschen.

Die Prinzessin wuchs heran, und weil sie wusste, dass sie den Erwartungen der Königinmutter niemals entsprechen würde, log sie. Sie erfand Geschichten, in denen sie stark war, sich wehrte, sich durchsetzte gegen die anderen Kinder. Von den Stunden, in denen sie sich einschloss in ihrem Zimmer und weinte, Angst hatte, wieder zurück zum Unterricht zu gehen, wusste die Königin nichts.

Als sie vierzehn Jahre alt war, hatte sie es zur Meisterschaft im Erfinden gebracht. Kämpfen konnte sie noch immer nicht, nicht einmal ihre Wünsche zu äußern getraute sie sich, doch in den Geschichten, die sie erzählte, war sie stark, mutig und unnahbar. Königlich eben.
Ihre Kameradinnen beneideten sie um ihr Selbstbewusstsein, ihre ersten Verehrer schmückten sich mit ihr.

Doch die Prinzessin wusste tief in ihrem Herzen, dass sie niemals die sein würde, die alle in ihr sahen; sie konnte nur die Rolle spielen, von der sie glaubte, dass man sie von ihr erwartete. Sie spielte ihre Rolle gut. Immerhin sollte sie eines Tages das Königreich erben und den Platz ihrer Mutter, der Königin, auf dem Thron einnehmen, war sich dieser großen Verantwortung auch bewusst. Doch tief in ihrem Innersten fühlte sie, dass alles nur Täuschung war, und sie wartete jeden Tag ängstlich darauf, dass man sie als das entlarvte, was sie war: Nichts. Auch den Prinzen, mit denen sie ihre Zeit verbrachte auf der Suche nach einem geeigneten Gemahl, erlaubte sie keinen Blick in ihr Inneres. Sie forderte nicht, sie wünschte nicht. Wenn die Prinzen ihre Wünsche nicht erraten konnten, schickte sie sie fort. Auch ihre Mutter regierte allein. Sie könnte also auch Königin sein ohne einen Gemahl.

Doch auch in Märchen geschieht nichts so, wie Königin, Schatzkanzler oder Hofmarschall planen, nein, manchmal spielt das Leben diesen Plänen einen Streich.
Die Prinzessin hatte eine lange Zeit des Lernens, Verstellens und des Sotunalsob hinter sich, als sie auf einen Prinzen traf, der anders war als alle, die sich jemals um ihre Gunst beworben hatten. Dieser Prinz sah in ihr Herz, und er erkannte, dass sie nichts weniger war als königlich. Er sah ihre Fehler, ihre Ängste, er durchschaute ihr Spiel. Und obwohl er all das erkannte, war er bereit, sein Herz für sie zu öffnen. Doch weil ihre Angst größer war als ihr Mut, weil sie sicher war, auch er würde sie als das NICHTS erkennen, das sie nun einmal war, bevor er sie hätte verletzen können, durchbohrte sie sein Herz mit einem vergifteten Pfeil. Es war das erste Mal, dass sie ein Ziel traf.

Wörter

Warum benutzen wir
Wörter als Waffen,
statt sanft mit ihnen zu streicheln?

Warum führen wir Krieg
mit unseren Wörtern,
statt sie auf Friedenssuche zu schicken?

Warum verletzen wir einander
mit Wörtern,
statt sie als Heilmittel zu nutzen?

Wörter sind immer nur das,
was wir aus ihnen machen.

Ich wünschte mir,
unsere Ohren wären offen
für die Schönheit eines Wortes.

Ent-Täuschung


Enttäuschung.
Spontan: Trauer, Wut, Unverständnis, Nichthabenwollen.
Nachdenkend: Wer hat wen ent-täuscht? Ist es wirklich schlimm, nicht mehr getäuscht zu sein? Hat die Täuschung jetzt ein Ende?

In Buchstaben: Ein Narrenspiel treibt trübe am Ende; unter Selbstbezichtigung, Charisma, Habsucht und Neid - Glück?

... existiert nur im Auge des Betrachters. Mein Auge schläft. Ich bin müde.

20 Juli 2008

George Winston - Autumn

Eigentlich ist Sommer. Das Wetter macht Herbst. Mein Herz macht Herbst. Meine Hände machen fließen. Aus mir heraus, in die Tastatur hinein. Vorher in unbeschriebene Seiten. Die jetzt beschrieben sind mit meiner ganz persönlichen Sicht der Dinge. Meins eben. Meine Gedanken. Meine Träume. Mein Willen. Meine Ideen. Meine Traurigkeit. Meine Tränen. Mein Lachen. Meine Freiheit. Mein Leben. Meine Erfahrungen.

Ist es möglich, all das (mit-) zu teilen?

Gedanken sind niemals Wahrheit, sondern Spaziergänge auf der eigenen Landkarte der Welt, Reflexionen bestenfalls. Aber reflektiert schon nicht mehr rein, sondern interpretiert.
Träume sind Unterbewusstsein, Verarbeitung des Vergangenen. Des eigenen Vergangenen. Persönlicher und geheimnisvoller geht es nicht, denke ich. Auf meiner Landkarte.
Willen. A sagt: "Ich will!", B versteht "... über mich hinwegrasen und verbrannte Erde hinterlassen." C sagt: "Ich will!", D versteht "... gegen alle Widerstände und auf anderer Menschen Kosten Deinen Willen durchsetzen." Manchmal weiß ich selbst nicht mehr, was ich meine und ob ich verstehe.
Ich habe Ideen, gute Ideen von Zeit zu Zeit. Möchte sie teilen, unterlasse es aber immer häufiger aus Angst, übervorteilt zu werden. Es sind schon viel zuviele Ideen gestohlen worden.
In mir ist eine tiefe Traurigkeit. Ich trauere um vergebene Chancen, um gestohlene Stunden, gestorbene Zwei- und Vierbeiner, um eine Puppe, die vor zwanzig Jahren beim Umzug verloren gegangen ist. Das Leben macht traurig, früher oder später. Mich jedenfalls, obwohl ich nichts lieber tue als Lachen.
Tränen sind Ausdruck von beidem. Tränen lachen. In Tränen ausbrechen. Tränen weinen. Tränen sind Salzwasser und besser als gar kein Meer.
Lachen ist in meiner Welt Ausdruck von Lebensfreude. Ich habe gestern gelacht beim Laufen, als ich pitschnass war und jeder Schritt in meinen Turnschuhen einen neuen, kleinen See fand, ich habe gelacht, als die Nachbarskatze erfolglos den Goldfischteich belauerte, habe heute meine Kursteilnehmerinnen zum Lachen gebracht. Lachen ist schön. Nötig. Tut gut. Echtes Lachen scheint selten zu werden.
Freiheit findet statt auf einer griechischen Insel im Libyschen Meer, zwischen zwei Felsen, beim Laufen, wenn ich bei mir bin, wenn sich das Feuer, das ich in mir trage, ausbreiten darf, ohne zu verbrennen. Freiheit bedeutet auch Verantwortung, darf nicht so weit gehen, dass andere eingekerkert werden für die eigene Freiheit. Freiheit will erkämpft sein, unter Tränen, mit Traurigkeit und Willenskraft, sie ist ein Traum, eine Idee, ein Gedanke. Freiheit ist alles: Zwei Regenbögen, die einen grauen Himmel durchbrechen, eine Katze auf Wanderschaft, ein ganz besonderes Licht auf dem Meer, eine Geschichte, die geschrieben werden darf. "Freiheit oder Tod" ist ein Roman von Nikos Katzantakis, einem kretischen Schriftsteller. Seine Protagonisten suchten selten einen Kompromiss.
Leben. Was soll ich zum Leben sagen? Ich lebe. Viel zu wenig. Ich spüre mehr in mir als ich zu leben den Mut habe. Ich habe eine Vorstellung vom Leben, und vielleicht werde ich eines Tages in der Lage sein, sie zum Leben zu erwecken. Eines weiß ich: Mit einem schlichten Kuss wird niemand lebendig gemacht, auch wenn Schneewittchen und Dornröschen das Gegenteil behaupten. Ich glaube nicht daran, obwohl ein Kuss wunderschön, zärtlich, liebevoll und vielsagend sein kann. Aber niemand garantiert, dass nach dem Kuss nicht der Schlag ins Gesicht folgt. Doch auch das ist Leben.
Erfahrungen durfte ich einige machen, aber das ist in einem vierundvierzigjährigen Leben auch normal, glaube ich. Es waren gute Erfahrungen, freundschaftliche, loyale, liebevolle, aber auch schlechte, Missgunst, Bosheit, Neid. Einige Erfahrungen wollte ich niemals machen, aber sie haben mich trotzdem gefunden und möglicherweise dazu geführt, dass andere Menschen mit mir Erfahrungen gemacht haben, die sie nicht machen wollten. Erfahrungen prägen das Leben, und sie sollten zwischen zwei Menschen nicht als Wettbewerb stattfinden: "Ich habe aber mehr Erfahrungen gemacht als Du!" "Vielleicht, aber meine waren garantiert schlechter!" Erfahrungen sind. Nicht mehr und nicht weniger.

Es ist immer noch Herbst in meinem Herzen. Was nichts Schlimmes ist, denn der Herbst ist ein bunter, freundlicher, reifer Monat. Trotzdem hätte ich gern noch einmal Frühling. Neuanfang. So tun, als ob das Jahr noch keine Erfahrungen gesammelt hätte. Leichtigkeit. Doch ich sehe schon dem Winter ins Gesicht. Es ist kalt. Wenn ich es warm haben möchte, muss ich

mir in Gedanken, in meinen Träumen, mit all meiner Willenskraft und einer guten Idee im Kopf ein Feuer anzünden, es hüten und bewachen, mit meinen Ideen füttern, meine Traurigkeit und die Tränen zurückhalten, damit es nicht verlischt. Statt zu weinen sollte ich lachen, leben, so wild, wie ich kann, all meine Erfahrungen in das Bewahren meines inneren Feuers stecken. Vielleicht finde ich dann in der Asche etwas, das mir Freiheit schenkt.

19 Juli 2008

Liebe?

Liebe Tötet.
Immer.
Liebe Mordet.
Jedesmal.

Meine Liebe
bahnt sich ihren Weg,
schlägt blutige Wunden.
Wohl dem, der mir
mit einem Schild in der Hand
gegenübertritt.

Sollte ich

mich endlich mit meiner Zukunft befassen?

Was wäre, wenn ich das täte? Was genau ist "die Zukunft"? Ist sie morgen, mein Pilateskurs, meine Planlosigkeit für die Zeit danach?
Ist sie mein Halbmarathontrainingsplan?
Ist sie meine Träume, in denen ich und mein Notebook auf Kreta verweilen, in diesem wunderschönen, unvergleichlichen Licht?
Ist sie die Katze, die ich rette und die bei mir bleibt?
Ist sie der Gelbe Sack, den ich am nächsten Donnerstag rausstellen muss oder die Biotonne zwei Tage früher?
Liegt meine Zukunft in den Händen eines Menschen, den ich liebe?
Oder sollte ich sie da schnell wieder wegnehmen, weil niemand die eigene Zukunft beeinflussen darf?
Liegt meine Zukunft in den Händen von Angela Merkel, die jetzt möglicherweise mit irgendeinem Atomkraftwerksinhaber kuschelt?

Was wäre, wenn ich keine Zukunft hätte?
Was wäre, wenn der Regenbogen das Letzte gewesen wäre?
Wenn die Zukunft einfach nicht stattfinden würde, weil niemand darüber nachdenkt?
Oder wenn sie sich in einem Häuschen auf Lolland versteckt, irgendwo am Strand?
Wenn sie mit Nelson Mandela stürbe?

Was wäre, wenn es die Zukunft nicht gäbe?
Würde ich mich streiten?
Würde ich lügen?
Würde ich faule Kompromisse eingehen?
Würde ich mich mit Menschen umgeben, die mir nicht gut tun?

Was wäre, wenn ich nur noch einen Tag hätte?
Was wäre mein letzter Wunsch?
Wäre ich gern nüchtern an diesem Tag?
Oder lieber sternhagelvoll?

Würde ich noch einmal diesen unglaublich lebendigen Himmel sehen wollen?
Oder zöge ich Ruhe, Unaufgeregtheit vor?

Was täten Sie, wenn Sie heute wüssten, dass Sie morgen gestorben sein werden?

Ich mache mich jetzt an die Korrektur meiner Trauerrede. Man weiß ja nie...

Was braucht Liebe?

Ich liege in Deinen Armen,
RUHE.
Du küsst meine Stirn.
GEBORGENHEIT.
Du wendest Dich ab.
ANGST.
Du redest mit mir.
VERSTÄNDNIS.
Wir sind unterschiedlicher Meinung.
WAFFENSTILLSTAND.
Wir sitzen uns gegenüber.
KAMPF.

Lieben wir uns?
DU DICH?
ICH MICH?

Feuer, Wasser, Sturm und Blitz...

... ist ursprünglich eine Spielform aus dem Schul- und Rehabereich. Bei "Feuer" wird zur Tür gerannt, bei "Wasser" muss man sich auf irgendeine Erhöhung stellen, der Ruf "Sturm" führt dazu, dass sich die Gruppe ganz eng zusammenstellt, und "Blitz" bedeutet "Sofort flach auf den Boden werfen!".

Gespielt habe ich heute nicht, aber diese vier Naturgewalten haben trotzdem meinen Tag bestimmt, einige von aussen, andere von innen. Das

Feuer

hatte ich im A..., und wenn ich ganz ehrlich bin, gab es auch den einen oder anderen, dem ich ebenfalls gern ein Feuer angezündet hätte, direkt unter dem glutaeus maximus. Da ich zur Zeit in eher defensiver Stimmung bin, habe ich meine Idee nicht in die Tat umgesetzt. Ganz davon abgesehen, dass sich "die anderen" ihr Feuer gefälligst selbst machen können.

Wasser

gab es auch, und zwar in größeren Mengen von oben. Nachdem ich eine Weile in der Sonne gelegen hatte (Ja, die hat auch kurz geschienen, spielte aber keine Hauptrolle im Theater des heutigen Tages.), überkam mich der Bewegungsdrang. Am frühen Abend, als die Wolken nicht heller, sondern dunkler wurden, fand ich es an der Zeit, mein Lauftraining zu absolvieren und verließ das Haus in der Hoffnung, trockenen Fußes wieder zurückkehren zu können. Kurz nach dem fünfminütigen Aufwärmen begann es zu regnen, erst wenige große, dann sehr viele noch viel größere Tropfen. Nach etwa zwei Kilometern goss es wie aus Kübeln, außerdem betrat jetzt der

Sturm

die Bühne. Selbstverständlich hatte ich Gegensturm, und das bedeutete, dass kleine, sich wie Kieselsteine anfühlende Regentropfen in mein Gesicht und meine gesamte Vorderfront peitschten. Ich muss aber gestehen, dass ich mich dabei großartig gefühlt habe. Ich konnte gar nicht anders als im Kreis grinsen, den Kühen am Wegesrand einen schönen, nassen Tag zu wünschen und zu rennen. Natürlich mahnte meine innere Stimme: "Kehr um! Du bist immer noch erkältet, eine Bakterienschleuder auf Füßen, hustest und hast brüllende Kopfschmerzen. Das kann doch nicht gut sein! Und in der nassen Hose holst Du Dir noch eine Harnwegsinfektion!" "Schnauze!" schrie ich zurück und rannte weiter.
Jetzt fehlt nur noch ein Akteur, nämlich der

Blitz.

Den habe ich allerdings nicht gesehen, sondern immer nur gehört, wenn es donnerte. Und ja, ich gebe zu, auch wenn ich meine innere Stimme eingeschüchtert hatte, war mir nicht so richtig wohl. Donner bedeutet ja, dass es irgendwann vorher geblitzt haben muss. Auf meiner Strecke gibt es nicht so richtig viele Bäume, und der Mais ist nur mit sehr viel gutem Willen größer als ich.
Da ich aber kein Weichei bin, habe ich mich nicht auf den Boden geworfen (Hätte ja auch nichts genützt, ich habe ja keinen Blitz gesehen!), sondern meinen MP3-Player lauter gestellt und auf meine Schutzengel vertraut.
Die Tatsache, dass ich jetzt an meinem Schreibtisch sitze und zwar immer noch erkältet, aber nicht verkohlt bin, zeigt, dass die Jungs und Mädels ihren Job erledigt haben.

Elemente sind etwas Großartiges.

Auf dem Rückweg kämpfte sich wieder die Sonne durch das Elementechaos. Ich lief in zwei übereinander stehende Regenbögen hinein. Und obwohl der Himmel immer noch in Aufruhr war, schien die Luft zwischen diesen beiden Regenbögen überiridisch ruhig, klar, strahlend, leuchtend.

Ist irgendetwas wichtig, Streit, Neid, Angst, Geld, Busfahrpläne oder Verkaufsprovisionen, wenn es so etwas zu schauen gibt?

Nö! Nicht für mich.

16 Juli 2008

Alter Ego

Ich habe mein Leid ja schon im vorletzten Post geklagt, denn auch bei meiner fiktiven Talgeschichte hat mir meine innere Stimme, ich nenne sie kurz "Alter Ego", dauernd im Weg herumgestanden. Wenn es darauf ankam, hat sie natürlich die Klappe gehalten. Was nicht anders zu erwarten war.

Mein Alter Ego ist nämlich eine blöde Ziege. Sie kann kein Blut sehen, ist zögerlich, ängstlich, ein Gewohnheitstier. Am liebsten weiss sie schon am Montag, wer sie zum Wochenende besuchen wird. Unflexibel ist sie und starrsinnig außerdem.

Ich bin da ganz anders. Die meisten meiner Geschichten enden in einem Blutbad, und das finde ich gut. Ein bisschen Metzeln hat noch nie jemandem geschadet, zumal es im normalen Leben ja unter Strafe gestellt ist. Ernsthaft, dürfte ich all diese Zeitdiebe, Blödmannsgehilfenanwärter und Beamten auf Lebenszeit so behandeln, wie ich wollte, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen, wären meine schriftstellerischen Ergüsse sicher nicht so blutrünstig.

Aber das ist auch nicht der Punkt. Alter Ego bekommt nur die Zähne auseinander, um mir etwas zu vermiesen, mir ein schlechtes Gewissen oder Angst zu machen. Wenn sie nicht immer dann zum Vorschein käme und meinen Schwund bremste, wenn ich gerade so richtig schön spontan bin, hätte ich garantiert mehr Spaß am Leben.

Wenn ich zum Beispiel Lust verspüre, trotz einer kapitalen Erkältung ein paar schnelle Intervalle zu laufen, wird sie garantiert mit erhobenem Zeigefinger etwas von "Herzinsuffizienz" faseln und mich dazu bringen, meine Pulsuhr auf "light" statt "hard" einzustellen und jeden Atemzug genauestens zu analysieren.

Oder wenn ich in der Stadt gerade so schön am Rasen bin, weil die Sonne scheint, ich Rammstein im Ohr habe und 40 km/h mit dem Fahrrad bei leichtem Gefälle nun wirklich nicht zu schnell sind, klammert sie sich von hinten an mir fest und kräht: "Nicht so schnell! Und da rechts ist ein Polizeiwagen. Und man darf doch nicht mit MP3-Player radfahren!" Das bringt mich dann dazu, meine Schussfahrt an einer roten Ampel zu bremsen, den Kopf zwischen die Ohren zu stecken, damit die Jungs in Blau die Stöpsel nicht sehen und unschuldig zu gucken.

Wenn ich der Ansicht bin, dass der Wein gerade besonders lecker ist, wedelt sie mit dem Ergebnis meines letzten großen Blutbildes vor meiner Nase herum und erklärt mir, noch wären meine Leberwerte gut. Noch. Ich trinke den Wein dann zwar trotzdem, schließlich lasse ich mir nicht von wildfremden Alter Egos irgendetwas vorschreiben, aber ich habe ein schlechtes Gewissen dabei.

Diese Liste ließe sich endlos fortsetzen, aber ich denke, das Prinzip wird klar.
Und das macht doch keinen Spaß! Endlich ist man über vierzig und glaubt, Mamas gute Ratschläge hinter sich gelassen zu haben, da kommt diese Kuh daher und nervt. Hat sich wahrscheinlich vorher mit Mama besprochen. Jedenfalls klingt ihre Stimme verdächtig wie Mamas.

Vielleicht ist es Mama?

Andererseits - wir alle wissen: Es ist nur in Deinem Kopf!

Zwei Hände

Traumwandlerisch,

als hätte es niemals eine Zeit

gegeben,

findet meine Hand

die Deine.


Wird dort bleiben,

als wären keine Zeiten

mehr

zu

erwarten.

15 Juli 2008

Einen Text über ein fiktives Tal

... will ich schreiben, einerseits als Kreativitätsübung (eben mal nicht ins Blaue hinein, sondern nach einem vorgegebenen Thema), andererseits, weil diese Ausschreibung mit 1.000 € bis 3.000 € dotiert ist. Zeit hätte ich noch fünf Tage, aber heute ist der Tag, an dem ich weitgehend sprachlos bin und bleiben werde, also ist heute ein guter Tag zum Schreiben.

Mir fällt aber nichts ein.

Naja, das ist nicht ganz richtig, mir fällt schon etwas ein, aber das hat mehr was von dem Biologiestudenten, der sich auf Würmer vorbereitet hat, in der Prüfung aber Elefanten bekommt. Prüfer: "Nun, lieber Kommilitone, dann erzählen Sie mir doch etwas über Elefanten."
Student: "Elefanten sind große, graue Tiere mit vier Beinen und einem Rüssel. Der Rüssel eines Elefanten hat große Ähnlichkeit mit einem Wurm. Würmer kann man einteilen in... Außerdem ist zu Würmern noch zu sagen..."

Tja. Also fällt mir eigentlich nichts ein. Ich habe jetzt schon eine verzweifelte Frau ins Tal geschickt auf der Suche nach einem geeigneten Ort für den längst geplanten Suizid. Sofort tritt meine innere Stimme (die, die sich keine Sprachlosigkeit verordnet hat) auf den Plan: "Aber meine Liebe, schreib doch mal etwas Nettes! Warum sollen sich immer alle umbringen, gegenseitig niedermetzeln oder sonstwie zu Tode kommen?" "Weiß nicht. Fällt mir eben ein. Hast Du eine bessere Idee?" frage ich mich stumm.
Dann wäre da noch ein Stern, der sich unsterblich in eine Erdenbewohnerin verliebt, die sich gerade in diesem Tal aufhält. Der Stern guckt zu lange hinunter auf die Erde, ihm wird schlecht, er stürzt ab, mitten in dieses idyllische Tal und verursacht eine Naturkatastrophe größtmöglichen... "NEIN!!! NEIN!!! KEINE TOTEN!!!" schreit meine innere Stimme. "Ist ja schon gut." murre ich.

Vielleicht sollte ich etwas über kleine Kätzchen schreiben, die sich auf die Wanderschaft begeben? Aber das hat schon Tad Williams in seinem wunderschönen Buch "Traumjäger und Goldpfote" getan. Dann gibt es noch "Das Mondtal" von Jack London, auch sehr schön. Aber das gibt es eben schon.

Vielleicht sollte ich erstmal einen Happen essen? Meine Wohnung putzen? Die ganzen 95 qm um meinen Schreibtisch herum, inklusive Fenster, Balkon und Treppenhaus? Immerhin habe ich ja noch fünf Tage Zeit und noch mindestens zwei davon mit selbstverschriebener Stummheit, unterstützt von wildester Kreativität. Hoffe ich jedenfalls.

Blöderweise habe ich gestern schon geputzt.
Ich könnte meine Bücher neu ordnen.
Oder überhaupt ordnen.
Meine Umsiedelung nach Kreta planen.
Sponsoren suchen.

Aber ich will doch einen Text über ein fiktives Tal schreiben!

Ich esse jetzt erstmal was.
Und räume anschließend meine Geschirrspülmaschine aus.
Wäsche hätte ich auch zu waschen.

Und irgendwie bin ich auch ein wenig müde.

Romantik mal anders

Liebesgaben

Rosen, das Symbol der Liebe,

hieltest Du für mich im Arm.

Vor den Rosen gab es Hiebe,

nach den Hieben gab’s Alarm.


Du brachtest mich ins Krankenhaus,

„Ein Sturz von einer Leiter.“

Ich war so voller Angst und Graus

und machte trotzdem weiter.


Du quältest mich an jedem Tag

mit Worten, Stößen, Püffen.

Ich duckte mich vor Deinem Schlag

und hab’ mich nie begriffen.


Es klopfte niemand an der Türe,

wenn Du mich geprügelt hast.

Selbst wenn es irgendwer erführe,

wär’ dieses Wissen ihm nur Last.


Doch jetzt hab’ ich mich selbst befreit,

Nie mehr wirst Du mich kosen.

Auch Frauen sind gewaltbereit.

Dein Sarg ist hübsch geschmückt – mit roten Rosen.

14 Juli 2008

Was wäre, wenn

... es nicht mehr dunkel werden würde?
Wir befänden uns mitten in der Polarnacht,
und eine Eiszeit folgte auf dem Fuß.

... sich der Himmel mitten in der Nacht rot färbte?
Die Nordvietnamesen hätten ihre Atombombe erfolgreich getestet,
und Sandsäcke vor dem Fenster böten keinen Schutz.

... zwei Menschen sich in den Armen lägen?
Einer von ihnen hätte Krebs im Endstadium
oder beide wären betrunken.

... ein Mensch ruhig, glücklich und traumlos schliefe?
Er wäre tot, vollgepumpt mit Drogen oder jenseits von allem?

Oder anders:

... es nicht mehr dunkel werden würde?
Wir befänden uns mitten in der Polarnacht,
und schauten mit staunenden Kinderaugen ins Licht.

... sich der Himmel mitten in der Nacht rot färbte?
Im Nachbardorf gäbe es ein Freudenfeuer,
und wir dürften dabeisein
.

... zwei Menschen sich in den Armen lägen?
Es könnte Liebe sein, Verständnis, der Wunsch
nach einem gemeinsamen Leben
.

... ein Mensch ruhig, glücklich und traumlos schliefe?
Und wenn dieser Mensch seine Träume in den Tag mitnehmen könnte?
Und wenn dieser Mensch anderen Menschen seine Träume zeigen könnte?

Gedankenflüge

Der Blick aus meinem Dachfenster zeigt mir ein paar letzte rote Streifen am sich verdunkelnden Himmel. Wenn ich jetzt auf den Balkon ginge, würde ich den zunehmenden Mond sehen, denn noch ist es nicht bewölkt. Überhaupt ist das Wetter hochinteressant seit einigen Tagen: Morgens ein wunderschöner Sonnenaufgang, der Hoffnung auf einen ebenso schönen Tag macht, dann dichte Wolken, Wind, fast Sturm, leicht frustriertes Hellgrau am Himmel. Und erst abends, wenn ich mir kaum noch vorstellen kann, dass Sommer ist, reisst die Wolkendecke auf, die Sonne zeigt sich, der Wind verschwindet auf irgendeinem Hinterhof. Ich kann den Blick Richtung Himmel lenken, kann die Kondensstreifen der über dem Dorf in großer Zahl verkehrenden Flugzeuge zählen, meinen Gedanken endlich freien Lauf lassen.
Dieses helle Grau fängt die Gedanken nämlich ein, macht sie träge, destruktiv manchmal, ermüdet sie. Heute haben sich meine Gedanken angefühlt wie ein Clownsfisch im Schleppnetz. Doch jetzt, die Balkontür geschlossen, denn es ist kühl für Mitte Juli, schaue ich in den Himmel, verfolge mit meinen Augen die Wolkenfetzen und mit meinen Fingern die Gedanken, die über die Tastatur huschen, um sie rechtzeitig einzufangen.

Es ist wichtig, dass meine Gedanken bei mir bleiben, denn wenn sie meinen Kopf verlassen, werden sie manchmal zu Waffen. Es gelingt mir selten, sie zu halten, sie haben etwas von unartigen Kindern an sich, die sich gegenseitig wegen Nichtigkeiten anbrüllen. Manchmal sind sie trotzig, lassen sich nichts sagen und schlagen um sich, wenn sie das Gefühl haben, dass man sie angreifen könnte. Dann benutzen sie ihre Waffen manchmal schon vor dem möglichen Angriff. Sicherheitshalber.

Trotzdem liebe ich meine Gedanken, jeden, egal, wie groß oder klein er sein mag, so, wie eine Mutter ihre Kinder liebt. Denn es sind MEINE Gedanken, jeder einzelne ist enstanden aus einer Geschichte, traurig oder glücklich, jeder einzelne hat eine Geschichte, jeder einzelne musste kämpfen. Ja, ich bin stolz auf meine Gedanken, auch wenn sie manchmal unfair von rechts überholen. Ich stehe zu ihnen, auch wenn sie für den einen oder die andere unverständlich sein mögen und Kritik herausfordern.

Jetzt, in diesem Moment, wollen meine Gedanken fliegen. Sie wollen sich emporschwingen in den immer dunkler werdenden Himmel, sie wollen die Bodenhaftung abgeben, wollen schweben wie bunte Luftballons. Sie wollen nicht mehr schwermütig sein, nicht mehr gefangen in Umzugskartons längst vergangener Wohnungswechsel. Meine Gedanken brauchen ihre Freiheit. Ich sollte sie ihnen geben.

Be-Wusst-Sein

Bewusstsein.
Wissen vom Sein?
Bewusstes Sein?
Ich bin mir bewusst, dass...
Ich bin mir Deiner bewusst...
Ich bin mir der Tatsache bewusst...


B E W U S S T S E I N

Bald endet Wissen und stirbt selig, trotzt seiner Endlichkeit im Nirwana.

12 Juli 2008

Trilogie siehe unten

Geschichten sind schön. Geschichten machen Mut. Geschichten erklären. Geschichten füllen Bücher.

Es gibt viele Geschichten zu erzählen.
Manche wollen jedoch einfach nicht erzählt werden. Sie brauchen das Verborgene.

Lyrik?

Ja.

Manchmal.

Glauben? An was?

Ich könnte glauben,
vertrauen,
ruhig bleiben.

Ich könnte warten,
fühlen,
ahnen.

Ich könnte lieben,
mich,
heute.

Geht nicht.
Mag mich nicht.

Reden? Später.

Ich könnte erklären,
bitten,
betteln.

Ich könnte weinen,
schluchzen,
heulen.

Ich könnte reden,
schreien,
Aufmerksamkeit heischen.

Will ich nicht.
Will schlafen.

Kampf? Heute nicht.

Ich könnte kämpfen,
aufbegehren,
mich wehren.

Ich könnte reden,
argumentieren,
handeln.

Ich könnte weglaufen,
bei mir bleiben,
gehen.

Ich bin müde.

Scheherazade II

Vor Scheherazade oder besser ihrem inneren Auge liegen drei Dinge, und es ist ihre Aufgabe, diese zu einer Geschichte zusammenzufügen. Die Geschichte ist wichtig, denn sie ist der Schlüssel zur Veränderung. Scheherazade darf nicht so schnell sein, wie sie es sonst immer ist, nein, dieses Mal muss sie denken, bevor sie redet oder tut. Denn wenn sie nicht denkt, sich nicht in den Sultan, ihren Zuhörer, hineinfühlt, verletzt sie ihn und damit sich selbst.

Früher ging es für Scheherazade nur darum, zu überleben, indem sie Geschichten erzählte, eine nach der anderen, in 1001 Nacht. Sie hat diese Aufgabe gut gelöst, denn sie lebt. Wären ihre Geschichten nicht gut gewesen, hätte man sie geköpft.

Heute jedoch geht es ihr nicht mehr nur um sich selbst und ihr eigenes Überleben, denn sie hat sich in den Sultan verliebt und ihre Angst mehr, getötet zu werden, ist vor dieser Liebe in den Hintergrund getreten. Auch ist sie zu oft gestorben in diesen 1001 Nächten.
Heute will sie eine Geschichte erzählen, die Mut macht, die Freude schenkt und ein Lächeln ins Gesicht zaubert, und sie weiss, dass sie vor einer sehr großen Aufgabe steht. Versagt sie, wird der Sultan sich in Luft auflösen und sie allein in einem leeren Palast zurücklassen. Lügt sie, wird sie das Vertrauen, das er in ihre Fähigkeiten setzt, für alle Zeiten enttäuschen.

Die Inhalte, über die Scheherazade erzählen wird, hat sie selbst gefunden, allerdings wäre sie nie auf den Gedanken gekommen, sie nebeneinander zu legen.

Es sind ein silberner Anhänger in Form eines Halbmondes, eine Flasche Wein und ein leeres Buch. Sie alle haben ihre eigene Geschichte, doch einzig wichtig ist das, was sie gemeinsam haben.

Es ist heller Nachmittag, doch in Scheherazades Welt herrscht tiefste Nacht. Zeit für Geschichten.

Und alle Geschichten beginnen mit "Es war einmal..."

Es war einmal eine Frau in mittleren Jahren, wie man sagt, wenn Frauen die Vierzig überschritten haben. Sie selbst hätte sich niemals so bezeichnet, auch wenn sie sich zuweilen sehr, sehr alt fühlte. Diese Frau reiste eines Tages auf eine Insel, um sich und ihre Gefühle neu zu ordnen. Sie hatte ein Jahr der Traurigkeit, der Kämpfe, der Niederlagen und der Enttäuschungen hinter sich, und sie war bereit, eine Entscheidung zu treffen, die ihr Leben in neue Bahnen lenken sollte.
Sie betrat die Insel, fühlte die feuchte, heisse Luft auf ihrer Haut, schmeckte Wärme, sah dieses ganz besondere Licht, von dem sie sicher war, dass es nur auf dieser einen Insel für das menschliche Auge sichtbar wurde. Sie wusste, dass sie sich auf einer Zauberinsel befand, und sie wollte sich einmal mehr verzaubern lassen. Unerlässlich für einen guten Zauber ist ein guter Wein, das wissen alle, die jemals gezaubert haben. Also trank sie, und sie trank mehr, als ihr gut tat. Die Insel verzieh ihr. Die Menschen, auf die sie traf, hatten nichts zu verzeihen. Sie tranken ebenfalls.
Manchmal hatte sie ein schlechtes Gewissen deswegen, doch in den meisten Fällen war sie schneller als ihr Gewissen ihr hätte hineinreden können.

Seit langer Zeit trug die Frau die Hälfte eines Medaillons, einen Haifischzahn, eine Plastikperle und eine Muschel an einem Lederband um ihren Hals. Auch diese Dinge hatten eine Geschichte, die ich, Scheherazade, rasch erzählen will. Der Haifischzahn stammte von einem Grauhai, den der ägyptische Ehemann der Frau einmal harpuniert und ihr zum Geschenk gemacht hatte, ebenso wie die Plastikperle, seinen Glücksbringer (sein Glück verließ ihn, nachdem er diese Dinge weggegeben hatte), die andere Hälfte des Medaillons trug der Mann, dem sie sein Kinderlächeln genommen hatte, und die Muschel stammte von seiner Afrikareise.
All diese Dinge hatten nur noch symbolischen Wert, denn von den Menschen, die mit ihnen in Verbindung standen, war die Frau schon weit entfernt.

Eines Abends fand sie, dass es an der Zeit für ein neues Symbol sei, und so suchte sie den Goldschmied des kleinen Hafendorfes auf und bat ihn, ihr einen Halbmond aus Silber zu fertigen. Sie entwarf ein schlichtes Bild, und er brauchte keine Stunde, um daraus einen Anhänger zu machen. Die Übergabe wurde mit großen Mengen Raki gefeiert, und anschließend ging es in die einzige Diskothek des Örtchens.

Die Frau war sehr glücklich mit ihrem neuen Anhänger, hatte sie doch schon immer eine große Nähe zum Mond in all seinen Phasen verspürt.

Im Laufe der Zeit, die sie auf der Insel verbrachte, traf sie ihre Entscheidung für ein anderes Leben, eines, das ihr erlaubte, sie selbst zu sein. Denn nirgendwo auf der Welt fühlte sie sich so sehr eins mit sich wie dort, und sie war entschlossen, dieses Gefühl mit in ihren Alltag zu nehmen.

Es gab neue Kämpfe nach der Rückkehr, Trennungen, weitere Ent-Täuschungen, aber es gab auch eine neue, leichte, wohltuende Liebe. Allerdings konnte sie nicht an diese Liebe glauben, nicht daran, dass jemand sie so lieben könnte, wie sie war. Denn wie konnte sie jemand erkennen, wenn sie sich selbst nicht kannte? Wie konnte sie jemand lieben, wenn sie sich selbst nicht liebte? Wie sollte jemand an sie glauben, wenn sie selbst es nicht konnte? Trotzdem tat ihr diese neue, leichte Liebe gut und hätte einige der Wunden, die sie sich selbst geschlagen hatte, heilen können. Aber sie ließ es nicht zu.

Nein, die Frau zog es vor, sich einem neuen Kampf zu stellen, einem Kampf, der von vornherein ohne Sieger sein würde. Sie wusste das. Doch wie Don Quichotte tapfer gegen die Windmühlen ankämpfte, stellte sie sich einem Gespenst aus der Vergangenheit, wohl wissend, dass sie keine Chance haben würde.

Nach viel zu langer Zeit verließ sie das Schlachtfeld, blutend, verletzt, gedemütigt. Kurze Zeit später verließ das Schlachtfeld sie.

Auf der Suche nach dem Nachhauseweg fand die Frau ein Buch am Straßenrand. Es war rot und schwarz, vor allem aber waren seine Seiten leer. Sie nahm das Buch, setzte sich auf einen Stein und fing an zu schreiben. Sie schrieb ihre Lebensgeschichte, die Geschichte ihrer Mutter, sie schrieb über eine Liebe, die sie so nie kennengelernt hatte, über ihre Angst, diese Liebe möglicherweise mit ihrer Ruhelosigkeit im Keim zu ersticken, sie schrieb über ihre Träume und ihre Wünsche.

Sie konnte nicht mehr aufhören zu schreiben, und sie wollte es auch nicht. Sie wollte nichts weiter tun als auf diesem Stein zu sitzen, bis das Buch voll war mit einer neuen Geschichte.

Scheherazade wünschte sich, dass der Sultan näher bei ihr sitzen würde, während sie diese neue Geschichte erzählte. Sie wusste, dass sie ihm Unrecht getan hatte, als sie nur an ihr eigenes Leben dachte und nur die Geschichten erzählt hatte, von denen sie glaubte, dass sie damit den eigenen Tod hinauszögern könnte. Aber sie wusste nicht, ob der Sultan ihr noch einmal Vertrauen schenken würde.

Alle wissen, dass Geschichten nur Worte sind. Scheherazade hatte gefühlt, wie Worte verletzen können, wenn ihnen keine Taten folgen. Wenn sie für diese Tat mit dem Leben bezahlen sollte, würde sie es mit Freuden tun, und keine Geschichte, wahr oder erfunden, würde jemals wieder über ihre Lippen kommen.

Im Tiefsten ihres Herzens hoffte sie jedoch, dass der Sultan ihr seine Hand reichen und sie bis an ihr Lebensende glücklich und voller Liebe sein und gemeinsam gute und heldenhafte Taten vollbringen würden.

Sprachlos

Meine Stimme lässt mich im Stich. Heute morgen war ausser einem müden Krächzen nichts zu wollen. Auch hier zeigt das Leben einmal mehr Symbolik:

Keine Stimme zu haben bedeutet, dass ich die Klappe halten, mir das zeitweise auftretende Bedürfnis, Ratschläge zu erteilen, verkneifen muss, um mich auf HÖREN zu beschränken, wenn mir jemand etwas zu sagen hat.

Keine Stimme zu haben bedeutet, nicht antworten zu können, eine Aussage im Raum stehen zu lassen, ohne sie zu kommentieren. Nachdenken über das, was gesagt wurde.

Keine Stimme zu haben bedeutet, dass ich keinen Streit vom Zaun brechen kann, wenn ich der Ansicht bin, mich dringend gegen irgendetwas wehren zu müssen, was möglicherweise überhaupt keinen Angriff darstellt.

Keine Stimme zu haben bedeutet, ruhig sein zu müssen. Ruhig sein ist nicht nur "nicht reden". Ruhig sein zwingt zur Geduld, zum Abwarten, ruhig sein verlangt nach Vertrauen, denn ich kann nicht drängen und gleichzeitig ruhig sein. Vertrauen in mich. Vertrauen in mein Gegenüber, das möglicherweise auch Ruhe braucht.

Ich werde also heute dem Wind zuhören, der sich damit beschäftigt, die letzten Regenwolken der vergangenen Nacht über den Himmel zu treiben.
Ich werde der Musik lauschen, die mir zum Geschenk gemacht wurde.
Ich werde mich still in ein gutes Buch vertiefen.

Vielleicht werde ich ein wenig mit meinem Schicksal hadern, weil ich doch soviel zu erzählen habe. Und meine Gedanken dann aufschreiben.

10 Juli 2008

Wahrnehmungspositionswechsel

Guten Tag,

darf ich mich vorstellen?

Ich bin die alte Dame, die im Bus ins Straucheln geriet, weil Sie sie nicht gesehen haben. Sie waren gerade mit Ihrer Einkaufsliste beschäftigt und konnten mich nicht wahrnehmen.

Ich bin die Radfahrerin, der Sie gerade die Vorfahrt genommen haben, weil Sie in Gedanken schon bei Ihren Tagesgeschäften waren. Sie konnten mich nicht wahrnehmen.

Ich bin der Verkehrsteilnehmer, der links abgebogen wäre, wenn Sie Ihren Blinker benutzt hätten. Sie waren mit Ihrem nächsten Termin beschäftigt und konnten mich nicht wahrnehmen.

Ich bin Ihre Kollegin, der Sie gerade eine Verkaufsprovision vor der Nase weggeschnappt haben. Sie waren mit Ihrem eigenen Soll beschäftigt und konnten mich nicht wahrnehmen.

Ich bin die Verkäuferin, die gern Feierabend machen würde. Sie sind jedoch mit Ihren Wochenendeinkäufen beschäftigt und können mich nicht wahrnehmen.

Ich bin die Katze, die Sie gerade angefahren haben und die unter einem Auto verenden wird. Sie waren in Eile und haben mich nicht wahrgenommen.

Ich bin Ihr Mitarbeiter, der sein Bestes gibt, um Sie bei Ihren Bemühungen zu unterstützen. Sie sind gerade mit Ihrer Umsatzstatistik beschäftigt und nehmen mich nicht wahr.

Ich bin das phillipinische Kind, das verhungert, weil kein Getreide, sondern Rohstoff angebaut wird. Sie sind damit beschäftigt, Energie zu sparen. Sie nehmen mich nicht wahr.

Ich bin der Delphin, der in einem Schleppnetz elend verreckt. Sie wollen Ihren Thunfisch. Sie nehmen mich nicht wahr.

Ich bin die Welt, die mit jedem Tag ein wenig einsamer, trauriger, leerer wird, weil ihre Bewohner mit sich selbst beschäftigt sind.

Zeit für einen Wahrnehmungswechsel?