31 Oktober 2008

Traumfrau im Schlafanzug oder Es geht nichts über ein unbeschwertes Single-Leben

Lehnen Sie sich für einen Moment zurück, entspannen Sie sich und stellen Sie sich, während sie bequem sitzen oder liegen, ihren ruhigen, tiefen Atem genießen und sich sehr, sehr wohl fühlen, vor, wie ihre Traumfrau aussieht.

Liegt sie neben Ihnen im Bett, ermattet nach wildem und erfüllendem Sex, nackt, wie die Natur sie schuf, in dekorativer Rückenlage, ein Bein angewinkelt, der Träger des BHs, den Sie ihr in rasender Leidenschaft zerfetzt haben, noch immer über ihrer Schulter?
Und liegt sie morgens in Ihrem Arm, ein glückseliges Lächeln auf ihrem Gesicht, während sie sanft ein- und ausatmet? Hat sie vielleicht einen Arm um Ihren Hals und den anderen um ihre genau richtig gerundeten Hüften gelegt?
Kocht sie Kaffee, obwohl sie sich in Ihrer Wohnung eigentlich nicht auskennt?
Können Sie Falten in Ihrem glatten, jugendfrischen, gerade aufgewachten Gesicht erkennen? Nein? Pickel auch nicht?
Und wissen Sie ganz genau, dass sie Sie am Abend im Stretchmini empfangen wird, um dann mit Ihnen eine der angesagten Lokalitäten im Ort zu besuchen, auf dass Sie mit ihr angeben können?

Sehen Sie, genau das unterscheidet die frisch Gepaarten von einem Single: Ich weiß nicht, was Sie sich vorgestellt haben, als Sie diese Zeilen lasen. Meine Realität sieht so aus:

Ich
bin um 22.00 Uhr aus dem letzten Bus, der im Nachbarort hält, herausgestolpert und habe im Halbdunkel der kaum noch beleuchteten Straßen meine lästig klirrenden vier Flaschen Feierabendbier nach Hause getragen. Dort angekommen, flog alles, was ich nicht unter den Oberbegriff "saubequem und nicht einengend") gehört, auf die Couch in meinem Schlafzimmer und wurde gegen meinen Schlafanzug (real, Herrenabteilung, Größe M, im Sonderangebot knappe 10 €), getauscht, was ich mit einem wohligen Seufzer quittierte. Dann bin ich in die Küche gelatscht, habe meine Einkäufe ausgepackt, mir ein paar Scheiben Knäckebrot mit vegetarischem Brotaufstrich gemacht, mit denen ich mich an den PC gesetzt und die Nachrichten gelesen habe. Zum Nachtisch gab es noch einmal zwei Scheiben mit Quark und Honig. Wolbrechtshausen. 10°. Die Frisur hält längst nicht mehr.
Das erste Bier gab es unmittelbar nach dem letzten Knäckebrot.
Äußerst lästig heute abend waren die grauslichen Blähungen, die mich seit meinem Fertigkartoffelbrei, den ich mir gestern genehmigt habe, heimsuchen. Bin seit Stunden auf der Flucht vor mir selber.

Hatte ich erwähnt, dass ich Selbstgespräche führe, sobald ich allein bin? Die Unterhaltung mit mir empfinde ich als sehr anregend; ich lasse mich ausreden, mache mir weder Vorschriften noch Vorwürfe, sondern tadele mich höchstens einmal sanft: "Na komm, Guapa, reiss Dich zusammen!"

Irgendwann im Laufe dieses Abends werden mein billiger Männerpyjama und ich den Weg ins Schlafzimmer antreten. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich schnarchen werde, geht gegen 100%. Außerdem schlafe ich bei Licht und stelle den Wecker auf 5.30 Uhr, um dann bis 7.00 Uhr zu snoozen. (Wer regelmäßig mitliest, weiß das schon.) Morgens latsche ich dann in die Küche, setze Kaffeewasser auf und latsche wieder zurück ins Bett. Den Blick in den Spiegel meide ich, bis ich die Person gewaschen habe, die da in meiner Wohnung ihr Unwesen treibt. Ist aber auch egal, außer mir ist niemand hier, und so kann es durchaus vorkommen, dass mein Schlafanzug den gesamten Vormittag mit mir teilt.

Das ist nicht Ihre Vorstellung von einer Traumfrau? Dafür haben Sie all mein Verständnis! Meine Vorstellung von einem Traummann sieht auch ein anderes Szenario vor als: ... (Füllen Sie die Punkte gern selbst mit Inhalt, geschätzte Herren, denn ich möchte hier niemandem zu nahe treten!) Nur soviel: Kratzen Sie sich am Hintern, wenn niemand hinsieht? Bohren Sie an der Ampel in der Nase? Haben Sie exakt eine repräsentable Unterhose? Wann haben Sie das letzte Mal Ihre Bettwäsche gewechselt? Wissen Sie noch, wo genau unter Ihrem Bett das gebrauchte Kondom liegt? Schlafen Sie tief, ruhig und dekorativ, so, dass eine potentielle Mitschläferin den Adonis in Ihnen erkennen kann, ohne eine Lupe zu benötigen? Halten Sie Selbstgespräche? Haben Sie ab und zu deftig riechende Blähungen, die sich durch ein knallendes Geräusch achtern ankündigen, und quittieren Sie diese mit einem lauten Rülpser?

In diesem Fall lasse ich für heute Strapse, Push-Up, String und Netzstrümpfe in der Schublade und behalte meinen alten Schlafanzug an. Und latsche morgen früh in meine Küche. Allein. Gute Nacht!

30 Oktober 2008

Noch mehr mordende Prinzessinnen

Sie ist ein Glücksgriff. Sie ist Prinzessin. Glaubt er.

"Warum ist eine Frau wie Du allein?"
"Ich will es so."
"Ich stehe auf Dich."
"Verpiss Dich!"
"Lass mich Dich lieben!"
"Suche besser anderswo!"
"Ich will nur Dich!"
"Hau ab!"
"Aber ich sehe Deinen Liebreiz!"
"Prinzessinnen wollen eine Krone, keine Liebe!"
"Ich bleibe bei Dir; Du brauchst mich doch!"
"Nicht Dich und niemand sonst."
"Das glaube ich nicht."
"Du blutest. Du hättest gehen können. Prinzessinnen tun so etwas."

Trinken oder nicht trinken - das ist hier die Frage!

"Oh, das ist schön, Du hast einen Feierabendsekt mitgebracht!"
"Ein Glas pro Tag ist vollkommen in Ordnung."
"Rotwein ist besser als Diclophenac!"
"Hey, das war eine nette Party - ich war ja so voll!"
"Schlaf mit mir!"
"Wer bist Du?"
"Ich habe Kopfschmerzen."
"Willst Du noch einen Kaffee, bevor Du gehst?"
"Magst Du meinen neuen Whisky probieren?"
"Da ist ein Fest im Dorfgemeinschaftshaus, das Bier nur 2 €. Gehen wir hin?"

Die einen saufen therapeutisch. Die anderen haben irgendwie noch eine Flasche übrig. Die Nachbarn trinken nur, wenn eine Feier ansteht. Oder Wochenende. Beim Renovieren. Nach dem Einkaufen.

Die anderen saufen nach der Arbeit. Weil es Spaß macht. Weil irgendjemand schon wieder etwas mitgebracht hat. Weil man mit den Kunden anstoßen muss. Nur ein Gläschen. Weil Wochenende ist. Oder Wochenmitte. Oder kurz nach 21.00 Uhr.

ICH saufe nicht. Man säuft nur, wenn man keinen vernünftigen Grund hat. Ich habe einen Grund. Da ist noch Rotwein in meinem Schrank. Und zuviel Grund in meinem Glas.

27 Oktober 2008

Die Regenjacke

Ein um meine Gesundheit besorgter Liebster hat mir vor längerer Zeit eine Goretexjacke plus dazu passender Fahrradhose geschenkt. Die Hose muss ihre Wirkung aus dem Kleiderschrank heraus tun, weil ich wegen der vielen Fahrradfahrerei inzwischen solche Knallwaden habe, dass ich besagte Hose auch bei größter Kraftanstrengung einfach nicht darüber gezogen bekomme. Die Jacke kann man glücklicherweise nicht nur zum Fahrradfahren tragen, sondern auch zum Laufen. Genau das habe ich heute getan.
Meinen Ausflug in den verregneten Herbstmontag habe ich generalstabsmäßig geplant: Wetterbericht im Internet geguckt, der besagte, dass es am Nachmittag weniger regnen würde, Laufsachen und Goretexjacke zurechtgelegt, mit meinem Spanischkurs unter das Dachfenster gesetzt und gewartet. Dann schien sich das Wetter etwas beruhigen zu wollen. Doch als ich gerade meine Laufhose ("Tights" heisst das eigentlich in richtigem Sportscheck- und FitForFun-Deutsch) angezogen hatte, begann eine wahre Sintflut auf das Dachfenster zu prasseln. Ich überlegte mir, dass solche Wassermengen auch die teuerste Jacke kaum abhalten können würde, lernte noch ein paar Vokabeln und wartete.

Übrigens sind diese neuen, interaktiven, alle Sinne ansprechenden Lehrbücher nicht wirklich auf meiner Wellenlänge. Ich habe mir wesentlich mehr merken können, als ich noch unregelmäßige Verben, Vokabeln, Grammatik und Betonungen schlicht auswendig lernen durfte. Jetzt soll ich mich mit meinem Computer unterhalten und die Nachbarn ansprechen, während ich Flamenco im Wohnzimmer tanze, wegen der Olfaktorik ätherisches Limonenöl verbrenne und tief ein- und ausatme. Die Wörter kann ich mir trotzdem nicht merken.
Aber ich habe ein altes Spanisch-Lehrbuch aus meiner Schulzeit gefunden. Hier muss man lernen, ganz ohne Einschaltung irgendwelcher dritten oder vierten Sinne, und das tue ich, während ich auf eine Regenpause warte. Holá! Soy LaGuapa, y como se llama usted? Oder so.

Gegen 13.30 Uhr hat der Regen dann tatsächlich nachgelassen, und ich verlasse nach einer kleinen mentalen Vorbereitung in Tights und Goretexjacke das Haus, sehr zur Verwunderung meiner Vermieterin, die mir anbietet, mich mit dem Auto mitzunehmen, wenn ich dringend irgendwohin muss. Muss ich aber nicht, sondern nur so rum, und daher verlasse ich nach ein paar freundlichen Sätzen, von denen ich wegen des MP3-Players in meinem Ohr nur meine verstehe, das Haus.

Boah, was ist diese Jacke warm! Schon nach ein paar hundert Metern fange ich an zu schwitzen. Es fühlt sich an wie extrem verfrühte Wechseljahreshitzewallungen. Und natürlich fällt gerade kein Tropfen vom Himmel.
Schön, denke ich mir, dann kann die Jacke ja mal zeigen, was sie kann. Immerhin soll sie ja nicht nur das Wasser, das von aussen auf die Läuferin einprasselt, vom Körper abhalten, sondern auch das, was sich unter dem Goretex befindet, nach aussen transportieren. Aber die Jacke versagt. Ich fühle mich wie in meiner eigenen Sauna, die ich nicht zum Abkühlen verlassen kann, weil sie an mir klebt. Mit Klettverschlüssen.
Aber da vorn sehe ich eine dicke Wolke; wenn ich einen Zahn zulege, erwische ich vielleicht den Regenschauer.

Inzwischen habe ich klitschnasse Füße, denn meine Schuhe sind nicht aus Goretex, sondern aus Mesh (auch sowas Englisches, keine Ahnung, welche Funktion das Zeugs hat...), und das hält nicht warm, sondern kühl. Und auf gar keinen Fall trocken. Außerdem stinken die Gänse und Ziegen, an denen ich vorbeilaufe. Das sage ich ihnen auch.

Schwitz. Unter der Goretexjacke sammelt sich das Wasser. Draussen kommt langsam die Sonne zum Vorschein.

Ehrlich gesagt, bin ich trotzdem glücklich über diesen letzten Beweis einer einstmals großen Liebe in Form dieser wunderbaren Jacke. Sie leuchtet im Dunkeln, und ich hätte sie mir niemals gekauft, weil sie viel zu teuer für notleidende Möchtegernschriftstellerinnen ist. Ich hätte eine von Aldi oder Lidl genommen. Und in der hätte ich mich wahrscheinlich totgeschwitzt!

Freak-Show im Paradies

Mir gegenüber befindet sich ein gestrandeter Wal mit Migrationshintergrund, den starren Blick zwischen meine Beine gerichtet. Ich überlege kurz, ob ich den Platz wechseln soll, beschließe dann aber, mich nicht vertreiben zu lassen (Immerhin war ich zuerst da!). Stattdessen schließe ich die Augen und träume mich an einen menschenleeren Strand.

Doch noch bevor ich geistig in tiefes Blau hinabgleiten kann, werde ich von lautem Schnaufen aufgeschreckt. Ich lokalisiere den Atemlosen halbrechts, etwas oberhalb meines Kopfes. Ob er ärztliche Hilfe braucht oder gar wiederbelebt werden muss? Unwillig öffne ich die Augen, komme natürlich nicht umhin, dem Blick des eingewanderten Wals zu begegnen, runzle die Stirn und schaue ihn sehr böse an. Das stört ihn nicht, denn ich bin erstens eine nackte Frau und gehöre damit zweitens nicht zur Kategorie "Menschliches, ernstzunehmendes Wesen". Also schaue ich zum Schnaufer hinüber und stelle beruhigt fest, dass seine unter das Lärmschutzgesetz fallenden Atemgeräusche nicht von einem drohenden Herzstillstand, sondern chronischer Adipositas herrühren. So darf ich mich beruhigt zurücklehnen und erneut meinen Weg an den Strand antreten.

Allerdings bin ich schon aufgrund der Dauerbeobachtung und -beschallung latent gereizt, und es fällt mir schwer, mich auf Brandung, warmen Sand, Sonne und Meer einzustimmen. Das halblaute Gespräch eines Paares im mittleren Alter, ob man denn Silvester lieber mit den Meiers und deren Kindern verbringen oder sich stattdessen ein verlängertes Wochenende in Holland gönnen soll, lässt meinen Strand endgültig an einem tiefschwarzen Horizont verschwinden.

In meiner Phantasie erhebe ich mich, verlasse kurz den Raum und kehre mit einer Pumpgun, auf die der Terminator neidisch geworden wäre, zurück. Glücklicherweise fragt die Phantasie weder nach Waffenschein noch nach Treffsicherheit, und so mähe ich mit einer kurzen, lässigen Drehung meines immer noch nackten Körpers alles nieder, was eben noch schnaufte, redete, starrte, hyperventilierte. Ich bin zwar nicht mehr entspannt, aber ich habe Spaß. Scheiss auf den Strand!

Sie wollen wissen, wo das Blutbad stattgefunden hat? Zu meinem Bedauern muss ich gestehen: Es war nur in meinem Kopf...
Die Örtlichkeit? Erraten Sie möglicherweise selbst.

21 Oktober 2008

Montagabend. Nörgelbuff. Houseband.

Manchmal sind Abende sehr lang und die darauffolgenden Nächte kurz.
Manchmal rasen Pianistenhände in schwindelerregender Geschwindigkeit über die Tasten, verfolgt von Gitarristenfingern, untermalt von Saxophongebrüll und dem Rhythmus, den das Schlagzeug trommelt.
Manchmal will die Nacht belebt sein von Gedanken, Träumen, passender Musik. Nights on Broadway. Leben.
Ein nächtlicher Imbiss, Kampf mit Zwiebelringen und Tomatenscheiben. Rotwein "Hausmarke".
Halbgeschlossene Augen, versunken in dem, was zu tun ist, hineingefallen in den Blues, trotzdem standfest.
Geld gibt es wenig. Doch das interessiert nicht.

20 Oktober 2008

Zutiefst beleidigt!

Hamburg - Im Videospiel "Little Big Planet" kann der Spieler sich die Spielwelt so basteln, wie er sie gerne hätte (...) Kleine Männchen aus Jute hüpfen und rennen durch eine leicht psychedelisch anmutende Welt, zusammengezimmert und -geklebt aus Pappe, Holz, Glas, Kork, Gummi. (...) Das Sony-Management hätte momentan vermutlich selbst gern ein paar ähnliche Eingriffsmöglichkeiten für die wirkliche Welt - denn das als Jahres-Blockbuster fest eingeplante "Little Big Planet" kommt vorerst nicht auf den Markt. Wegen eines Religionsproblems.
In einem Level des Spiels kommt das Stück "Tapha Niang" des westafrikanischen Musikers Toumani Diabaté vor. Und dieses Stück, ein verschachteltes, orchestrales Werk (hier zu hören auf Diabatés MySpace-Seite), enthält neben Text in einem senegalesischen Dialekt auch zwei Zeilen auf Arabisch - und die entstammen dem Koran. Bislang hat das offenbar niemanden gestört. Nachdem "Little Big Planet" (LBP) in den USA aber vergangene Woche auf den Markt kam, bemerkte jemand das gesungene Koranzitat. In einem Forum wies ein eigenen Angaben zufolge muslimischer Spieler darauf hin.

"Zutiefst beleidigend"

"Wir Muslime empfinden die Vermischung von Musik mit Worten aus dem Heiligen Koran als zutiefst beleidigend", schrieb er ins Forum, "wir hoffen, dass sie das Stück sofort durch einen Online-Patch aus dem Spiel entfernen werden und sicherstellen, dass künftige Lieferungen des Spiels es nicht mehr enthalten."

Genau das tut Sony jetzt - und noch mehr. In Europa kommt das Spiel nicht wie geplant ab Donnerstag in den Handel, das Startdatum wird verschoben. Bislang ist noch unklar, wie lange. In den USA werden noch nicht verkaufte Exemplare offenbar zurückgerufen.


Hervorhebungen und Auslassungen von mir. Der Originaltext kann hier nachgelesen werden:

http://www.spiegel.de/netzwelt/spielzeug/0,1518,585234,00.html


Verehrte LeserInnen, ich bin auch zutiefst beleidigt! Wegen zwei Zeilen, die einen versprengten Gläubigen irgendwo im tiefsten Amerika stören, nein, Entschuldigung, zutiefst beleidigen, wird ein komplettes Spiel vom Markt genommen, um unter nicht unerheblichem Kostenaufwand islamkompatibel gemacht zu werden!


Ich werde sofort, nachdem ich mir hier Luft verschafft habe, Briefe an den Beate-Uhse-Verlag und weitere einschlägige Anbieter von Pornographie schreiben. Mich beleidigt nämlich der Anblick von nackten Brüsten mit Körbchengröße D + x, und das muss ich mir nicht bieten lassen! Meine Begründung? Ich bin gläubige Anhängerin eines sehr alten Körperkults und genieße damit Minderheitenschutz. Der Anblick dieser Brüste verursacht mir Magenprobleme und Durchfall, ganz von der seelischen Grausamkeit abgesehen, mit der mein ästhetisches Empfinden von diesen Bildern tagtäglich mit Füßen getreten wird.

Sie sagen, dass ich mir das ja nicht anschauen muss? Da haben Sie recht! Und ich
erlaube mir die Frage, ob man ein Spiel spielen muss, dass die eigene Religion beleidigt? Oder könnte man es einfach wegwerfen, nachdem man herausgefunden hat, dass es böse ist, und die Klappe halten? Das könnte man, braucht man aber nicht, weil sogar ein Weltmarktführer in vorauseilendem Gehorsam (oder Angst vor brennenden Sony-Konsolen?) sofort auch auf die albernsten Einwürfe reagiert, wenn sie denn von der richtigen Seite kommen.

Ich werde auch eine Beschwerde an Sony richten. In dem Spiel kommen nämlich nur "Männchen" vor, wenn man dem Spiegel-Artikel Glauben schenken darf. Das ist zutiefst diskriminierend für jeden Mann und entspricht ausserdem nicht der Quotenregelung. Meine Herren Programmierer, wenn Sie denn schon ein neues Lied im Level 27b einprogrammieren oder die beiden Koranzeilen herausnehmen, könnten Sie doch in einem Aufwasch aus den Männchen richtige Männer machen und ihnen gleichberechtigte Partnerinnen an die Seite stellen. Dass Sie aber nicht auf die Idee kommen, die Spielfiguren kirchlich heiraten zu lassen - irgendwo auf dieser Welt gibt es bestimmt eine Sekte, die sich dadurch beleidigt fühlt!

19 Oktober 2008

Die Freundin

Du bist da,
beste Freundin,
Du bist bei mir,
wenn ich mir kein Trost mehr bin,
wenn mir meine Felle
davonschwimmen.

Du bist da,
beste Freundin,
Du sagst mir,
wenn ich neben mir stehe,
wenn mich meine Tränen
ertränken.

Du bist da,
beste Freundin,
Du hältst mich,
wenn ich nichts mehr weiß,
wenn mich meine Traurigkeit
überfällt.

Beste Freundin,
Bleib bei mir!

Der Turm

Schwarze Dunkelheit, unterbrochen von Flammen, Zerstörung, stürzende Gestalten auf ihrem Weg ins Nichts, das Auge der Nacht erblickt Chaos.

Einst sagte Alexis Sorbas: "Hast Du je einmal etwas so wunderschön zusammenbrechen sehen?"

Zusammenbruch kann Schönheit sein. Zusammenbruch kann Neubeginn sein. Zusammenbruch kann ebenso Ende sein, Zerstörung von allem, was Schutz bedeutet hat. Dann stürzen die Gedanken ins Ungewisse, verbrennen im Fegefeuer der eigenen Ängste, zerschellen auf selbstgebautem Mauerwerk. Dann kann die Taube einen Olivenzweig retten; die Welt wird es nicht mehr erfahren, denn sie ist wird längst untergegangen sein, wenn die Taube Land erreicht hat.

Der Turm ist eine Tarotkarte. Die Interpretation von Aleister Crowley und Lady Frieda Harris ist besonders eindringlich. Sie sagt, dass der Turm ein Sinnbild ist für all die verzweifelten und nutzlosen Versuche, die Unberechenbarkeit des Schicksals unter Kontrolle zu bekommen. Sie sagt, dass Strukturen nichts absichern, verteidigen oder retten können.
Wenn die Zeit des Zusammenbruchs gekommen ist, bleibt nur die Hoffnung, ihn wunderschön zu inszenieren oder eine Idee davon zu haben, wie die Welt danach aussehen könnte. Aussehen sollte.

Der Turm ist eine eindrucksvolle Karte, schwarz wie die Nacht bei Neumond, glühend rot wie ein Sonnenuntergang und gelb wie die Sonne selbst, wenn sie denn einmal scheint.

Und sehr häufig müssen sehr viele Zeichen und Warnungen ignoriert werden, bevor der Turm in sich zusammenfällt, von einem wütenden Feuer zerstört. Was mag darunter begraben bleiben?

18 Oktober 2008

Die Prinzessin der Schwerter

Vor langer Zeit lebte weit oben in den Bergen, so hoch, dass sie fast den Himmel berühren konnte, eine Prinzessin. Sie entstammte einem alten Amazonengeschlecht. Schon ihre Mutter und ihre Großmutter waren Amazonen gewesen, stolz, kämpferisch, stark und einsam. Auch die Prinzessin lebte allein, und da sie noch immer keine Kinder hatte, fürchtete sie, dass mit ihrem Tod auch die Blutlinie ihrer Familie enden würde.

Ihre Mutter hatte sie schon früh im Umgang mit einem scharfen Schwert unterwiesen, hatte ihr gezeigt, wie man einen Gegner mit einem einzigen, wohlgezielten Schlag besiegen, ja töten konnte, wenn man sein Herz traf. Auch hatte die Prinzessin gelernt, dass es wichtig war, stets aufrecht zu stehen und niemandem, weder Freund noch Feind, eine Schwäche zu zeigen.

"Helfen kannst nur Du Dir, niemand sonst. Rechne niemals damit, dass Dir jemand in einer Notlage beisteht, dann wirst Du auch niemals enttäuscht oder verletzt werden. Übe Dich im Kampf und wenn Du fühlst, dass Du nicht siegen kannst, zieh Dich zurück." Das hatte die Mutter immer zur Prinzessin gesagt, wenn diese um ihre Hilfe gebeten hatte.

Und so bewohnte sie das große Haus, in dem einst drei Generationen gelebt hatten, allein. Abends, wenn es dunkel wurde und die Schatten immer länger, zündete sie in jedem Raum eine Kerze an aus Angst vor der Dunkelheit. Und in vielen Nächten wälzte sie sich ruhelos hin und her, wachgehalten von dem Wunsch nach einem warmen Körper an ihrer Seite.

Zwar gab es einige Bewerber um die Gunst der Prinzessin, doch keiner fand den Weg zu ihrem Herzen, und so zog sie sich immer weiter auf ihren Berg zurück. Hier gab es frische Luft, einen weiten Himmel und riesige, alte Bäume, deren Stämme ihrem Rücken Halt boten, wenn sie zu erschöpft war, um aufrecht zu stehen. Denn die Prinzessin setzte den aussichtslosen Krieg fort, den ihre Großmutter angefangen hatte: Während sie sich mit einer Hand am alten und morschen Altar ihrer Familie festhielt, schlug sie mit ihrer Schwerthand voll ohnmächtiger Wut nach den Wolken, kämpfte gegen einen unsichtbaren Gegner.

Eines Tages traf sie auf einem ihrer Streifzüge durch die Wälder auf einen Ritter. Sofort zog sie ihr Schwert, bereit, sich gegen seinen Angriff zu verteidigen.

"Bitte, steckt das Schwert wieder ein!" bat er sie. "Seit vielen Jahren muss ich jeden Tag kämpfen. Ich bin müde, und ich möchte mich nicht mit Euch streiten."

"Müde seid Ihr? Dann kommt mit in mein Haus, ich werde versuchen, Euch ein wenig zu stärken." sagte die Prinzessin und reichte ihm die Hand. Vor Freude über sein Erscheinen hatte sie vergessen, dass sie kaum in der Lage war, sich selbst zu ernähren.
Der Ritter folgte ihr, doch als er sah, was sie zu bieten hatte, schüttelte er den Kopf. "Das wird nicht reichen, meine Liebe," sagte er, "ich bin wirklich am Ende meiner Kräfte."

"Dann nehmt von meiner Stärke!" antwortete sie. Sie war sicher, dass ihre Kampfeskraft für zwei reichen würde. In ihrem Kopf aber hörte sie die Stimme ihrer Mutter: "Mein liebes Kind, sei auf der Hut! Lege Schwert und Rüstung nicht ab, solange Du diesen Ritter in unserem Haus beherbergst! Du kannst nicht wissen, was er wirklich im Schilde führt. Sei wachsam und zeige keine Schwäche."

Der Ritter jedoch wünschte sich genau das: Er hatte ihr im Wald tief in die Augen gesehen und war sicher, dass unter der Rüstung eine liebenswerte Gefährtin steckte. Und da er nicht wusste, was die Stimme der Mutter gesagt hatte, bat er die Prinzessin: "Schaut, ich
vertraue Euch! Ich habe mich all meines Kriegsgerätes entledigt und bin ohne Schutz. Warum legt Ihr Rüstung und Schwert nicht ebenfalls ab? Auch Ihr könnt mir vertrauen!"

Die Prinzessin erschrak. Er verlangte von ihr, wovor ihre Mutter sie so eindringlich gewarnt hatte! Wie sollte sie ihm vertrauen? "Ich kann meine Rüstung nicht ablegen." antwortete sie ihm. "Wir kennen uns doch kaum."

"Aber trotzdem wart Ihr bereit, mich in Euer Haus einzuladen." sagte der Ritter.

"Und ich wünsche mir, dass Ihr bleibt. Aber verlangt nicht von mir, mich Euch ohne Schutz zu nähern."

Der Ritter gab nach in der Hoffnung, dass die Prinzessin eines Tages genug Vertrauen zu ihm haben würde, um auch diesen Schritt zu tun.
Und so lebten sie für eine Zeitlang miteinander, hatten gute Zeiten und weniger gute. Manchmal legte die Prinzessin ihr Schwert beiseite, behielt aber die Rüstung stets an. Zu groß war ihre Angst. Wer würde sie sein ohne ihre Waffen?
Sie wusste jedoch, dass er sich nicht auf immer mit einer Prinzessin des Schwertes zufriedengeben würde, und weil sie
fühlte, dass dieser Moment näher rückte, zog sie sich immer häufiger in den Wald zurück, mied seine Gegenwart.

Eines Tages war er ihr gefolgt und sah ihr zu, wie sie sich an den Stamm einer großen, alten Buche lehnte, die Augen geschlossen, mit einem so friedlichen Ausdruck in ihrem Gesicht, wie er ihn während all der Wochen niemals wahrgenommen hatte. Ihn erfasste ein unbändiger Zorn. Gleich vom ersten Tag an hatte er alle Waffen abgelegt, um ihr zu zeigen, dass er ihr vertraute. Sie jedoch nahm seine großzügige Geste als selbstverständlich an, ohne ihm auch nur einen Schritt entgegenzukommen. Nein, das musste ein Ende haben! Jetzt.
Der Ritter verließ sein Versteck und ging schnellen Schrittes auf die Prinzessin zu. Sie erschrak, sprang mit einem Satz hinter den Baum, ihre Hand griff zum Schwert, zog es jedoch nicht aus der Scheide. Sein Zorn wurde noch größer. Ja, glaubte sie denn, er wolle sie angreifen?


"Zeig Dich endlich!" schrie er, die Augen vor rasender Wut verdunkelt!


"Ich kann nicht." flüsterte sie und blickte zu Boden.


"Wie soll ich Dich lieben, wenn ich nicht weiß, wer Du bist?" Er machte einen Schritt auf sie zu.


"Ich verlange nicht, dass Du mich liebst." Sie wich weiter zurück.


"Aber ich will Dich lieben können!"


"Dann liebe das, was ich Dir zu zeigen in der Lage bin." Sie streckte die Arme nach ihm aus, wagte einen vorsichtigen Schritt in seine Richtung.


"Das reicht nicht." antwortete er resigniert und senkte den Blick.


Ihre Arme fielen herab. "Das habe ich gewusst." sagte sie und ging.

17 Oktober 2008

Beschäftigung suchen. Ablenkung finden.


Nicht tun,

was ich zu tun
mir wünsche.

Nicht denken,

was ich zu denken
mir rate.

Nicht träumen,

was ich zu träumen
nicht wage.

Mond. Beltane. Zauberei.

Freitagabend. Schon wieder. Der Unterschied zum letzten Freitagabend liegt ganz eindeutig im abnehmenden Mond. Letzte Woche war er gerade dabei, sich zu einem hinreissenden Vollmond zu entwickeln, heute hat er bereits ein paar Kilo abgenommen.

Mond. Schon wieder. Das mag daran liegen, dass er häufiger auftaucht als die Sonne. Die Tage werden kürzer, und damit verlängern sich zwangsläufig die Nächte.

Gerade eben, zur Sekunde sozusagen, habe ich eine bahnbrechende Erkenntnis gewonnen: Es gibt zweimal im Jahr eine Sonnenwende und zweimal eine Tag- und Nachtgleiche! Es gibt also einen kürzesten Tag, eine kürzeste Nacht und zwei genau gleichlangdauernde Tage und Nächte. Ich finde das im höchsten Maße mystisch: Allein die Worte lassen doch an uralte Rituale, Beltanefeuer, Hexen, Magiere und ursprünglichen Glauben denken. Glauben an die Mutter Erde, die für uns alle sorgt, gleichgültig, ob Tier oder Mensch. Glauben an eine Gerechtigkeit, die nichts mit Gerichtsbarkeit zu tun hat. Respekt vor allem, was Natur ist.

Hätte ich den richtigen Spruch gelernt, wüsste ich genau, was ich zaubern würde. Die Fee kann ich ja nicht mehr bemühen, die schmollt, seit ich ihr gesagt habe, dass ich nicht mehr 20 Jahre alt sein will und ich sie in die Wüste schicken würde, wenn sie mir diesen Wunsch unterzujubeln versucht.
Übrigens erfordert ein ordentlicher Zauber sehr viel Vorbereitung, eine exakte Wortwahl und Beschreibung des Gewünschten. Stellen Sie sich vor, sie wollten reich und berühmt werden, ohne vorher überlegt zu haben, auf welche Art und Weise dies geschehen soll. Sie sagen den Zauberspruch: "Ich will reich und berühmt werden!" und vergessen die genaue Zeitangabe und Beschreibung. Dann kann es passieren, dass sie zwanzig Jahre warten und warten und warten, und die einzige Gelegenheit für Reichtum und Berühmtheit ist das Angebot, die Hauptrolle in einem Fetischporno spielen zu dürfen. Ist in Ordnung, wenn Sie auf Gummi stehen. Aber wie blöd würden Sie aus der Wäsche gucken, wenn Ihr Ziel "Schauspieler, stinkreich und nach der Scheidung von Brad Pitt verheiratet mit Angelina Jolie" gewesen wäre?
Zaubern Sie also nur, wenn Sie genau wissen, was Sie wollen. Ein alter Spruch sagt: "Überlege Dir, was Du Dir wünschst - es könnte in Erfüllung gehen!" Manche Wünsche wollen nämlich nicht erfüllt werden. Wieder andere können es nicht, ohne Schaden zuzufügen. Das wollen wir ja schließlich auch nicht, oder? Noch andere verlieren ihre Schönheit im Moment der Erfüllung.

Mein Wunsch für heute abend ist genau formuliert und zeitlich begrenzt, würde niemandem schaden, und auf einen Zettel geschrieben habe ich ihn auch schon.

Aber da ist eine sehr laute Stimme in meinem Kopf, die sagt: "Hüte Dich vor Deinen Wünschen! Sie könnten in Erfüllung gehen!" Vielleicht ist das ein Anteil, den ich noch nicht kenne, und ich sollte seine Warnung ernst nehmen.

Ihnen/Euch allen wünsche ich ein verwunschenes Wochenende!

16 Oktober 2008

Tarot: 6 Stäbe

"Sieg" verheissen die Karten.

Ich bin geblendet
vom flitternden Konfetti der Parade,
betäubt
von einem tiefen Glücksgefühl,
kann mich nicht mehr hören
im Lärm der jubelnden Menge.

Ja, ich werde siegen!
In irgendeiner Zukunft,
gegen unsichtbare Gegner,
trotz aller Widerstände.

Ja, ich werde siegen!
Eines Tages...

Ich und meine Meinung

Gerade habe ich einen wirklich bösen Text begonnen zu schreiben. Habe dann gemerkt, was ich da tue, und alles wieder gelöscht. Ich will nämlich nicht böse, sondern nett sein. Sozialverträglich. Wenn ich aber zicke und meine Meinung allzu deutlich in die Welt posaune, hat mich niemand lieb, und ich sitze einsam und allein mit meiner Meinung auf der Couch. Und eine Meinung kann man zwar haben, aber sie redet nicht mit einem. Man kann nur mit anderen über seine Meinung reden, aber genau das führt dann eben dazu, dass man mit ihr allein bleibt.
Will ich den Rest meines Lebens mit meiner Meinung verbringen? Kann ich mir vorstellen, dass sie in guten und in schlechten Zeiten, in Reichtum und in Armut, in Krankheit und Gesundheit auf meiner Couch sitzt? Neben mir? Dass sie jeden Abend mit mir ins Bett geht und jeden Morgen mit mir Kaffee trinkt? Habe ich meine Meinung so lieb, dass ich auf alles andere verzichten würde, um ihr Platz und Gehör zu verschaffen?

Was ist, wenn ich mich in jemanden verliebe, der mich zwar großartig findet, aber meine Meinung nicht mag? Dann hinterlässt der gerade eben noch aussichtsreiche Kandidat für ein gemeinsames Leben nur noch eine Staubwolke. Dabei finde ich, dass mir meine Meinung gestohlen bleiben kann, wenn sie nur Stress und Unruhe verursacht! Ich brauche keine Meinung, ich brauche Ruhe! Aber wo Meinung ist, fühlt Ruhe sich nicht wohl, und wo Ruhe ist, zickt Meinung rum und will mehr Aufmerksamkeit.

Was tun? Meinung behalten, dem Liebsten hinterherwinken und mit Meinung traurige DVDs anschauen? Oder Meinung in die Wüste schicken, um irgendwie kompatibel zu sein? Noch besser: Meinung regelmäßig gegen eine andere tauschen; das macht das Leben leichter und lockt vielleicht auch Ruhe wieder herbei.

Ach, ich weiss es nicht! Eigentlich habe ich meine Meinung ja lieb. Wenn sie nur nicht immer vertreten werden wollte...

Anteilevorstellung: Gestatten, Diva!


Schweinehund und Bär


kennen Sie jetzt schon. Das Einzelkind, ein enger Freund der Diva, habe ich zumindest in groben Zügen am 30.09. vorgestellt:

Hier bin ich - liebt mich. Alle! Sofort!


Jetzt ist die Diva dran. Diva und Zicke sind sich recht ähnlich, wahrscheinlich kamen sie als eineiige Zwillinge und fast gleichzeitig zur Welt. Allerdings kann ich ihr Geburtsdatum nicht genau bestimmen. Die Diva könnte ein paar Minuten älter sein. Sie tauchte das erste Mal auf, als ich etwa fünf Jahre alt war und mich als Prinzessin verkleidet hatte. Alle meine Spielkameraden und -innen wurden ab dem Moment, da ich mir die selbstgebastelte Krone auf die damals noch glatten dunklen Haare gesetzt hatte, zu Dienstboten, Kammerzofen und Schatzmeistern gemacht. Und da ich Chefin im Freundeskreis war, hatten sie dem nichts entgegenzusetzen.


Die Diva und ich fanden Gefallen aneinander. Waren einmal keine Spielkameraden da, durfte meine Mutter Zofe spielen. War niemand da, schmeichelte ich mir eben selbst. Das ging auch recht gut.

Heute taucht die Diva immer dann auf, wenn es darum geht, auf irgendwelchen Bühnen zu stehen bzw. mich darauf vorzubereiten. Sie erwartet neben der passenden Garderobe und ausgiebiger Schönheitspflege einen gewissen Komfort, Applaus, sehr viel Beachtung und möglichst mehrere Spiegel in Übergröße. Dafür habe ich zu sorgen, desgleichen für Auftrittsmöglichkeiten und Egomassage. Und immer dann, wenn sie der Ansicht ist, nicht ausreichend von mir beachtet zu werden, verbündet sie sich mit dem Schweinehund.

Das geht dann so:

Ich: "So, meine Lieben! Kurz nach 8.00 Uhr, aufgestanden und ab an den Schreibtisch! Alle!"

Diva: "Das glaube ich ja jetzt nicht! Nein, das glaube ich jetzt wirklich nicht!" (Die Mistkuh klaut auch gern Bonmots - dieses ist von Hape Kerkeling in seiner Schwulenrolle.) "Du willst doch wohl nicht unter Leute, bevor Du Dich gewaschen hast!"

Ich: "Hier sind keine Leute. Ich bin ganz allein mit Euch."

Diva: "Und? Sind wir etwa keine Leute? Wir sind die Einzigen, die immer bei Dir sind, in guten und in schlechten Zeiten, in Reichtum und in Armut, gewaschen oder ungewaschen!"

Schweinehund: "Also waschen finde ich jetzt nicht so wichtig. Wollen wir nicht noch ein paar Minuten im Bett bleiben und lesen?"

Diva: "Schon klar, dass Du Dich nicht waschen willst!"

Schweinehund: "Vielleicht eine halbe Stunde lesen und dann waschen?"

Ich: "Darf ich auch mal etwas sagen?"

Diva & Schweinehund im Chor: "Nö!"

Ich: "Aber ich bin die Chefin!"

Bär: "Wer schreit da so rum? Ich will schlafen!"

Diva, Schweinehund & ich: "Schnauze!"

Diva: "Du kannst bestimmt viel besser arbeiten, wenn Du Dich ein bisschen hübscher anziehst. Und schminkst. Und wie wäre es mit einer Kurpackung, unsere Haare sehen ein wenig stumpf und glanzlos aus."

Ich: "Ich will aber arbeiten! Jetzt!"

Schweinehund: "Ich habe aber Hunger!"

Diva: "Aber nach dem Essen putzen wir Zähne, duschen und betreiben etwas Schönheitspflege!"

Bär: "Och nö, ich will aber schlafen!"

Ich: Stehe auf.

Schweinehund: Beisst mir ins Bein, um mich davon abzuhalten.

Diva: Fängt hysterisch an zu kreischen: "Auaauaaua! Das gibt doch Narben! Wir können nie wieder einen Minirock anziehen! Loslassen! Sofort!!!"

Schweinehund: Beisst Diva.

Diva: Schreit noch lauter.

Bär: Knurrt bedrohlich.

Ich: Nutze die Gelegenheit, schleiche mich aus dem Schlafzimmer und schließe die Tür ab. Mit etwas Glück habe ich für eine Stunde Ruhe.

15 Oktober 2008

Piano Music to Quiet Your World

... heisst ein Radiosender bei iTunes. Das ist eine passende Musik, wenn der Tag sich seinem Ende nähert und nie so richtig angefangen hat. So ein Plätschertag eben, wenn man von Minute zu Minute, von Stunde zu Stunde schaut und die Zeit entweder überhaupt nicht vergehen will oder so schnell rast, dass man sich fragt, wann sie überholt hat.
Wenn ein Tag gar nicht beruhigt werden muss, weil er zu keinem Zeitpunkt aufgeregt war.
Für Tage, die sind.
Bedeckt, neblig, etwas regnerisch, irgendwann, wenn niemand mehr damit rechnet, kämpft sich die Sonne durch das Grau, aber bevor die Beschienenen noch mit dem Freuen begonnen haben, wird es schon wieder dunkel, und neuer Regen setzt ein.
Tage, die sich im Kreis drehen und die Tagelöhner dabei an der Nase herumführen.
Die viel zu kurz sind, um die Welt zu beschreiben, gleichzeitig aber lang genug, um sich wie eine Weltenreise anzufühlen.
Tage wie jeder andere.
Arbeitstage.
Ruhige Tage, zu denen ruhige Pianomusik passt.
Melancholische Tage, die auf gar keinen Fall Techno hören wollen.
Traurige Tage, die Tränen auf die Bürgersteige weinen, brauchen

Piano Music to Quiet The Night.

14 Oktober 2008

Nächtliche erste Kapitel

Bin heute nacht um 4.00 Uhr aufgewacht mit einem Satz im Kopf, der sich regelrecht festgefressen hat. Der Beginn? Ich fand ihn so wichtig, dass ich aus dem Bett gestiegen, im Dunkeln zum Schreibtisch gestolpert bin, dann den Lichtschalter gesucht (und gefunden) und den Satz aufgeschrieben habe.
Danach war ich so wach, dass ich eigentlich hätte aufbleiben können. Aber es war 4.00 Uhr, und ich hatte höchstens drei Stunden geschlafen. Also Licht aus und ab ins Bett.
Dort wälzte ich mich für eine Weile hin und her, bis sich aus irgendeiner Ecke meines Gehirns die Sätze zwei, drei und vier hinaus in die noch nicht vorhandene Morgendämmerung wagten. Und wieder solche schönen Sätze, die genau zum ersten passten! Ich legte also den gleichen Weg noch einmal zurück, schrieb auch die Sätze zwei, drei und vier direkt unter Satz eins und marschierte zum zweiten Mal zurück ins Schlafzimmer.
Natürlich war ich immer noch hellwach und nahm mir vor, aufzustehen, wenn sich jetzt noch weitere Sätze, womöglich gar ganze Kapitel, in meinem Kopf breit zu machen versuchten. Grübelnd schlief ich ein.

Der Wecker klingelte um 6.30 Uhr. Guten Gewissens, immerhin hatte ich ja schon vorgearbeitet, snoozte ich mich weiter bis 7.00 Uhr. Dann das allmorgendliche Ritual: Wasser aufsetzen, Kaffee in die Kanne, Übriggebliebenes in die Geschirrspülmaschine räumen, ins Bad gehen und im Sprint wieder zurück in die Küche, weil das Kaffeewasser überkocht. Wirklich, da betätige ich mich seit fast zwei Jahren als ayurvedische Meisterköchin, aber an Wasser scheitere ich in schönster Regelmäßigkeit!
Kaffee und Tasse wieder ins Schlafzimmer getragen, Tagebuch schreiben und Tarot-Karte für den Tag ziehen. Neuerdings fallen mir häufig zwei heraus. So auch heute: Die Kaiserin und der Hohepriester. Die wollen beide, dass ich meine männlichen und weiblichen Anteile in friedlicher Koexistenz vereine, mich und andere liebe und die Dinge geschehen lasse. Kurz gefasst.
Dann die morgendliche Yoga-Einheit, haufenweise Tee gekocht und ab an den Schreibtisch, Tetris spielen und Spams löschen. Die haben noch nicht herausgefunden, dass ich mit Viagra keinen Längeren bekomme und auch nicht länger kann. Und Frauen will ich auch nicht beglücken, jedenfalls nicht so.

Nach den üblichen Ausweichmanövern habe ich mich heute relativ schnell berappelt und mit einem neuen Literaturwettbewerbsbeitrag angefangen. Da das Thema freigestellt war, habe ich kurzerhand Texte aus meinen letzten Lesungen zusammen gebastelt, mit - meiner Ansicht nach - hochintelligenten Zwischensätzen verbunden und daraus "Nicht kompatibel!" gemacht. Worum es geht? Natürlich um Männer, deren Kühlschränke, Badezimmer und sonstigen putzigen Gewohnheiten. Ausnahmsweise habe ich einmal so getan, als hätten Frauen keine Eigenarten. Sch... auf Gerechtigkeit und politische Korrektheit!
Gegen 14.30 Uhr
habe ich mein Werk dann in sechsfacher Ausfertigung zur Post befördert in der Hoffnung, dass es rechtzeitig in Österreich ankommt. (Ja, ich beteilige mich international! Muss ja schonmal für später üben...)

Dann sehr spätes Mittagessen, noch mehr schreiben, und am frühen Abend ein kurzer Lauf in das Studio, in dem ich heute Pilateskurs gegeben habe. War als Erholung gedacht. Ging aber bergauf. Knie und Hüfte gut, Rücken naja.

Als ich mich dann vor einer halben Stunde wieder an den Schreibtisch gesetzt habe, fielen mir ein paar beschriebene Blätter ins Auge. Was, zum Donner, habe ich da geschrieben? Wann habe ich das geschrieben? Und was soll dieser Kauderwelsch bedeuten??? Sollte ich das erste Kapitel meines neuen Romans auf Kisuaheli geträumt haben?

13 Oktober 2008

Langer Lauf

Kilometer 1: Wieso gibt diese blöde Pulsuhr schon seit Tagen so eine niedrige Frequenz vor? Mir geht es doch großartig! Bis auf den Gürtel mit den Trinkflaschen drin - bin ich nicht gewohnt und fühlt sich irgendwie komisch an. Aber das Wetter ist schön, und ich freue mich aufs Laufen.
Kilometer 2: Ich bin zu schnell. Das ist vielleicht eine gute Geschwindigkeit für 8 km, aber nicht für 15. LANGSAMER! JETZT!
Kilometer 3: Laufen dauert ja irgendwie länger als Radfahren... Ist mir früher nie so aufgefallen. Welche Geschichte schicke ich bloß für "Loving Aliens" ein? Soll ich vielleicht "Der Stern und das Mädchen" ein bisschen umschreiben, nicht so schwülstig, sondern mit mehr Erotik und Dramatik? Gott, ist mir warm! Jetzt schon.
Kilometer 4: Zwischenzeiten merken! Und die erste Trinkflasche leeren, dann wird der Gürtel gleich leichter. Was ist das für ein A..., der da so dicht an mir vorbeifährt? Sieht der nicht, dass ich nichts höre?
Kilometer 5: Und was mache ich mit dem NaNoWriMo? Was will ich schreiben? Über das böse Haus in der Göttinger Innenstadt und seine Geschichte? Aber ich habe nicht mehr viel Zeit für Recherche. Oder doch die Katzen, die vorher Frauen waren? Meine linke Hüfte und das rechte Knie zwicken. Aber ich kann ja immer noch eine Runde draus machen, wenn ich das Gefühl habe, meine Knochen wehren sich doch zu sehr.
Kilometer 6: Boah, was ist das warm! Irgendwie muss ich das Shirt loswerden. Bauchfrei im Oktober - hat ja auch was... Oder schreibe ich einfach nur drauflos und lasse den Roman werden? Oder eine Fortsetzung von Anna? Geht ja nicht, die ist ja tot! Blöd. Das war eine schöne Lesung gestern. Hat Spaß gemacht.
Kilometer 7: Die Leine rauscht vor sich hin, und ich komme langsam in einen schönen Trott. "Steady State" hat das mein Ex immer genannt, als er noch laufen konnte und ich nicht fit genug war, um ihn zu finden. Den Steady State; der Ex war ohnehin unauffindbar. Das ist inzwischen möglicherweise ein wenig anders: Er ist zwar noch immer weg, aber laufen kann er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht mehr, und fit ist er garantiert auch nicht. Das hat er jetzt davon. Egal. Vielleicht über meine unterschiedlichen Anteile, irgendwas Lustiges? Gestern kamen auch die satirischen Texte am besten an - das Gedicht war irgendwie nix.
Kilometer 8: Warum eigentlich muss ich immer Gas geben, wenn mir jemand entgegenkommt oder ich überholen könnte? Was für ein Anteil ist das? Die Frau, die gestern von ihren "Helferlein" erzählt hat, nannte ihren inneren Kerl "Attilla". Schöner Name. Irgendwo in mir muss auch einer sitzen. Über meine Anteile zu schreiben, ohne sie so zu nennen, ist eigentlich gar keine schlechte Idee.
Kilometer 9: So. Jetzt aber weg von der Straße, am besten hintenrum, an der Leine lang. (Für Ortsfremde: Das hat nichts mit der Wäscheleine zu tun, sondern ist ein Fluss, der in Leinefelde entspringt, durch Göttingen und Hannover fließt und später in die Aller mündet, die dann in die Weser...) Kaum zu glauben, dass Oktober ist. Ich schwitze mich tot. Aber wenigstens ist nur noch ein Trinkfläschchen übrig, und der Gürtel wird leichter.
Kilometer 10: Muss mal. Hoffentlich kommt jetzt keiner. Blödes Geklöter mit dem Gürtel.
Kilometer 11: Was sind das denn für Gestalten? Da kommen mir mitten auf dem Feldweg zwei baseballkappentragende, garantiert semikriminelle Jugendliche mit Migrationshintergrund entgegen und weichen nicht aus! Ich auch nicht! Vielleicht sollte ich doch irgendetwas über eine axtschwingende Massenmörderin schreiben?
Kilometer 12: Hier tobt ja das pralle Leben! Und das mitten auf dem Weg! Jetzt muss ich mich sehr zusammenreissen, damit ich nicht ins Rennen komme, bloß weil Publikum da ist. Cool gucken muss reichen. Ist mit Piratenkopftuch und teurer Adidas-Sportbrille auch ganz leicht. Vielleicht sollte ich über "Lifestyle und Alkoholismus" schreiben? Noch drei Kilometer bis zum Bahnhof, sagt das Schild. Da will ich aber gar nicht hin. Die bunten Blätter sehen großartig aus, und die Filmmusik von Rocky ist genau das, was ich für die letzten Meter brauche. Ich sollte wirklich einfach drauflosschreiben und den Roman sich entwickeln lassen. Das kann ich am besten. Eben. Ich sollte mal was machen, was ich vorher noch nicht gemacht habe. Schließlich wimmelt es in meinen Tarotkarten und Perspektiven nur so von Neuanfang! Und Neuanfang heisst "ANDERS"!
Kilometer 13: Iwan war großartig. Er hat als Zweiter gelesen gestern, eine sehr witzige Geschichte über Unfälle beim Gänselieselküssen, Gott, Gauß, Bismarck und Lichtenberg. Das Ganze mit russischem Akzent. Ich hatte beim Zuhören und -schauen das Gefühl, sein gesamter Auftritt sei Satire. Nach der "Sprechstunde" habe ich ihm gesagt, dass ich seine Geschichte sehr nett fand, und er antwortete: "Nett ist die kleine Schwester von Scheisse!" Fettnapf, ich grüße Dich!
Kilometer 14: An der Straße entlangrennen macht keinen Spaß. Wie wäre es mit einem Roman über einen langsam wahnsinnig werdenden Vertreter, irgendetwas in der Richtung von "Falling Down" mit Michael Douglas. Blöd. Gibt es schon. Aber vielleicht etwas Ähnliches? Blöde Kuh, hältst Du wohl an! Ich bin zwar kein Fahrrad, aber ich bin auch schnell! Schneller als Du jedenfalls!
Kilometer 15, am Ziel: Igitt, was ist das voll in der Stadt! Und stinken tut's! Schnell das Fahrrad geholt und wieder weg! War aber eine gute Zeit, und Knie, Hüfte, Rücken benehmen sich. Schön. Die Sonne scheint immer noch.

Kilometer 1 - 15, Rückfahrt: Das Leben fühlt sich einfach großartig an! Ich habe Hunger.

12 Oktober 2008

Sprechstunde im Nörgelbuff

Heute ist es soweit! Ich habe gerade die Texte herausgesucht, die ich lesen möchte, nicht den Schatten einer Ahnung, was auf mich zukommt, wie die Resonanz ist, wie lange ich Zeit habe, meine Ergüsse vorzutragen und bin ein bisschen aufgeregt.

Wenn auch nur zehn Prozent von all denen kommen, die ich in den letzten Wochen persönlich, per SMS oder E-Mail heimgesucht habe, verdienen die Jungs vom Buff zumindest an den Getränken gutes Geld.

Es sind übrigens ein paar Texte dabei, die ich noch nicht gebloggt habe. Und auch nicht bloggen werde, wenn Sie nicht kommen! So!

Und für den Fall, dass Sie es vergessen haben: Heute abend, 21.00 Uhr, Nörgelbuff Göttingen, Groner Straße 23.

ICH

Und ich...und ich... und ich... und ich... meine Gefühle... und ich... und ich... und ich... und ich... und ich... mein Leben... und ich... und ich... mein Körper... und ich... und ich... und ich... meine Gedanken... und ich... und ich... und ich... und ich... meine Träume... und ich... Deine Worte... und ich... und ich... und ich... meine Wünsche... und ich... und ich... mein Schmerz... und ich... und ich... mein Lachen... und ich... Deine Erwartungen... und ich... und ich... meine Tränen... und ich... und ich... und ich... und ich... meine Suche... und du...

10 Oktober 2008

Das Wochenende und der letzte Bus

Freitagabend, Wochenende. Man verabschiedet sich mit den Worten "Schönes Wochenende!", geht in die eine oder andere Kneipe oder auf eine nette Party. Andere kümmern sich nicht darum und nehmen die gleichen Wege wie immer in der Hoffnung, nichts vom Wochenende zu spüren.
Im letzten Bus sitzen sehr junge Menschen auf dem Weg nach Hause, die wahrscheinlich ihren Wohnort weitab von allem, was beleuchtet ist, hassen, mehr aber noch ihre Erzeuger, die sie dorthin geschleppt haben.

Man kennt sich im Bus, nickt sich zu, diejenigen, die schon länger nebeneinander fahren, erzählen sich auch die eine oder andere Geschichte. Da ist die Bäckereifachverkäuferin aus dem Einkaufszentrum, die morgen bis 22.00 arbeiten muss. Sie klagt der Verkäuferin aus einer kleinen Boutique, die Samstags pünktlich um 13.00 schließt, ihr Leid.

Es gibt kaum zufriedene Gesichter in diesem letzten Bus, Erschöpfung und Überdruss zeigen sich häufiger.

Links ist der voller werdende Mond zu sehen, der Himmel ist klar, und nach dem Aussteigen, auf freiem Feld, werden die Sterne leuchten, die jetzt, in der Stadt, von Neonlicht überstrahlt und nicht sichtbar sind.

Die meisten Fahrgäste haben Stöpsel im Ohr - ich auch. Ich höre Café del Mar, schließe die Augen und denke mich an den Strand. Auf die Insel. Habe das Bild des Ortes auf meiner Netzhaut.

Es ist Wochenendbeginn. Nichts Spektakuläres. Die einen werden morgen einkaufen, die anderen putzen, wieder andere ihren Garten winterfein machen. Kinder werden Kastanien sammeln oder Bucheckern, der eine oder die andere wird sich vielleicht auch nur in die Sonne legen, ohne etwas zu tun. Wieder andere werden bis zum frühen Nachmittag schlafen, weil sie sich betrunken haben und mit dem ersten Bus nach Hause gefahren sind. Viele müssen arbeiten wie an jedem anderen Tag.

Es wird Dramen geben, Paare werden sich streiten, dem einen oder anderen Elternteil könnte die "Hand ausrutschen", auf dem Wochenmarkt wird sich jemand vordrängeln und damit einem anderen den Tag verderben.

Aber es wird auch Menschen geben, die in ihrem Bett sitzen, auf einen nichtvorhandenen Berg schauen und ihren Gedanken Auslauf erlauben. Die im Bett Kaffee trinken, auf die Geräusche der Umgebung hören und sich auf den Tag freuen, ganz gleichgültig, ob es ein Arbeits- oder ein Wochenendtag ist.

Und auf all diese Dramen, den Streit, das Glück, die Nachdenklichkeit, die geschlossenen, weil träumenden Augen, das Lächeln und die Tränen wird eine wärmende Herbstsonne scheinen, sobald sich der Nebel des frühen Wochenendmorgens aufgelöst hat.

08 Oktober 2008

Mondorte

Der Mond hat mich heute auf meinem Heimweg begleitet. Erst war er links von mir; ich konnte ihn vom Busfenster aus gut erkennen, jetzt kann ich ihn sehen, wenn ich auf meinem Balkon stehe.
Und trotz Oktober kann man gut auf dem Balkon sein. Es ist mild, ein paar Sterne scharen sich um den Mond, und zum Wochenende soll es noch wärmer werden.

Diese Wärme fühlt sich seltsam an. Genau, wie der Mond seltsam aussieht im mitteleuropäischen Herbst.

Ein Mond kann stattfinden in Ägypten, wenn ich auf einem riesigen Balkon stehe, hoch über den Häusern von Hurghada, einerseits die Wärme genieße, andererseits fort will aus Zwängen, Dominanz und Streit.
Dieser Mond hilft beim Tagezählen - wann bin ich wieder zuhause?

Ein Mond darf stattfinden auf einer Insel, wenn ich auf einem großen Balkon stehe, tanzend nach einer Musik, die irgendwo in mir spielt oder die der MP3-Player gespeichert hat.
Dieser Mond gibt mir ein Gefühl von Heimat - in mir selbst zuhause sein.

Ein Mond muss stattfinden auf Kreta, wenn ich am Meer stehe, den Blick auf die Lichter der Messara gerichtet, während ich versuche, die einzelnen Ortschaften zu identifizieren.
Dieser Mond ist meine Heimat - denn ich will nirgendwo anders sein.

Mond

Unbewusstes.
Unterbewusstes.
Verdrängtes.

Vollmond.
Werwölfe.
Mondsüchtig.
Schlaflos.

Neumond.
Schwarze Nacht.
Dunkelheit.
Sternenlos.
Bewölkt.

Dreiviertelmond.
Heute.
Hoffnung.
Starren.
Scheinen.
Sein?

07 Oktober 2008

Gedanken verschenkt

Manchmal,
wenn meine Gedanken
umeinander kreisen,
verschwende ich den einen
oder anderen
an das,
was war.

Manchmal bin ich eben großzügig.

Gedanken behalten

Doch,
wenn meine Gedanken
miteinander tanzen,
möchte ich jeden einzelnen
von ihnen
bei mir
behalten.

Manchmal bin ich eben geizig.

Gedanken geteilt

Heute,
als meine Gedanken
sich verliefen,
habe ich jeden einzelnen
an Dich,
an uns,
verloren.

Manchmal gehen Gedanken von allein.

Fertig!

So. Am späten Vormittag, nach Sonnengruß, 5 Tibetern und einem unglaublich leckeren Grießbrei mit einer überfälligen Ananas drin hat sich der Schweinehund vollgefressen und von des Morgens schwerer Arbeit erschöpft zur Ruhe gelegt. Ich habe diesen Umstand genutzt und geschrieben. (Das ist nämlich der Trick beim inneren Team: Man muss die Jungs und Mädels nur irgendwie zum Schlafen bringen, dann halten sie für eine Zeit die Klappe!)

Jedenfalls ist "Abseitig" fertig, wenn man bei einer Kurzgeschichte von maximal 1.000 Wörtern von "fertig" sprechen kann. Meine beste Freundin (Zwerg! So!) verweigert sich einer Kritik und sagt, ich soll "das" wegschicken. Ihr Angetrauter war von meinem Geschreibsel offenbar so inspiriert, dass er kurzerhand beschlossen hat, selbst einen Wettbewerbsbeitrag zu verfassen und mich auszustechen. Wahrscheinlich läuft alles darauf hinaus, dass wir uns den 27. Platz teilen, allerdings mit dem Unterschied, dass er sich eine fast preisgekrönte Geschichte aus dem Ärmel geschüttelt hat und ich nur nach langen Diskussionen mit meinem inneren Team und seinem Vorstand, dem Schweinehund, etwas zustande gebracht habe.

Ich werde es jetzt so halten wie früher mit Klausuren und ganz früher mit Klassenarbeiten: Den ganzen Kram eintüten, ohne noch einmal zu lesen, und dann nichts wie weg damit! Hat früher auch funktioniert; zumindest in den sogenannten "Laberfächern", also allem, was nicht ausschließlich mit strenger Logik anzugehen war, konnte ich häufig genug den Eindruck erwecken, ich hätte vor der Niederschrift nachgedacht. Die Menge macht's, denke ich. Wenn ich nur genügend Verlage, Autorenverbände und sonstige AutorInnenwettbewerbausrichterInnen (schickes Wort, oder?) mit meinen Ergüssen bewerfe, wird irgendwann einer aufgeben und mir einen Buchvertrag anbieten. Und in zehn Jahren fragt niemand danach, ob das aus Überzeugung oder purer Verzweiflung geschehen ist.

Ich bin auf jeden Fall sehr froh, jetzt für einen oder zwei Tage unbehelligt Tetris spielen zu können, bevor ich mich dann mit den liebenden Außerirdischen auseinandersetze.

Vielleicht hänge ich auch einfach meinen Gedanken nach und dichte ein wenig...

Möglicherweise möchte auch Anna nach langer Zeit zu Wort kommen? Sollte sie sich dazu entschließen, habe ich für dieses besondere Mitglied meines inneren Teams eine Extra-Seite reserviert: Wenn Sie sie noch nicht kennen, finden Sie sie über den nebenstehenden Link "Poems & Performance - Anna und ich". Aber Vorsicht: Anna ist nicht immer nett! Und selten gut drauf. Manchmal mordet sie sogar, hat sich dabei allerdings auf die Herren der Schöpfung beschränkt.

Und dann ist da ja noch Bandit... Der hat heute übrigens ein sehr nettes Angebot bekommen. Bin gespannt, was daraus wird.

Wir werden sehen. Erst einmal bin ich froh, meinen Fingern freien Lauf lassen zu können.

Anteilevorstellung: Dialog mit dem Inneren Schweinehund

Dieses Gespräch wurde heute morgen zwischen 7.30 Uhr und 10.00 aufgezeichnet.

Ich (im Folgenden kurz "I"): "Einen wunderschönen guten Morgen ans Team! Der Plan für heute: Kaffeekochen, Tagebuch schreiben, Yoga und Laufen, Arbeit an der "Abseitig"-Geschichte und, wenn noch Zeit ist, das erste Kapitel des Spanisch-Leerbuches und den Beginn des Beitrags für "Loving Aliens"!"

Team: Schweigt.


Bis auf den Schweinehund (nachfolgend kurz "S"): "Auch einen guten Morgen. Bin aber noch nicht ganz wach und kann mich nicht gut konzentrieren. Außerdem habe ich es heute im Rücken. Also lieber aufstehen und mit dem Kaffee an den PC setzen."

I (zu blöd, um den Trick zu erkennen): "Okay, dann verschieben wir Tagebuch auf später und fangen gleich mit "Abseitig" an!"


Ich, mein inneres Team und der Schweinehund kochen gemeinsam Kaffee, überlegen, ob wir die Spülmaschine ausräumen sollten oder ob sie möglicherweise noch gar nicht gewaschen hat. Derweil fährt das Notebook hoch. (Dafür braucht es relativ lange, ein Mitglied meines inneren Teams ist Festplattenmessie...)


S: "Was hältst Du davon, erst ein wenig Tetris zu spielen, zum Einstimmen?"


I: "Gut, aber nur einmal!"


Schweinehund, inneres Team und ich spielen je eine Runde Tetris, Freecell, Solitaire und Spider Solitaire, schauen uns danach die neuen Angebote bei weg.de für Fuerteventura an, löschen ca. zwanzig Spams, die uns alle Viagra verkaufen wollen und versprechen, dass wir danach selbst stundenlang kommen und außerdem jede Frau in der Umgebung beglücken werden. Was wir nicht wollen. Naja, der Schweinehund vielleicht doch...


I: "Jetzt ist aber gut mit Spielen! Ich will endlich den Sonnengruß machen, sonst gibt das doch heute nichts mehr!"


S: "Dem stehe ich doch nicht im Weg! Aber der Wäscheständer - wollen wir den nicht erst einmal leerräumen?"


Wir legen die trockene Wäsche zusammen, hängen neue auf, die seit gestern abend in der Waschmaschine auf uns alle wartet, und kümmern uns im Anschluss um die Seidendessous, die mit der Hand gewaschen werden wollen.

Danach sind wir erschöpft, kochen uns einen Tee und spielen eine Runde Tetris. Zwischendurch treiben wir telefonisch ausstehende Kursgebühren ein und telefonieren lange mit einer ratlosen Mutter, deren Tochter so furchtbar vergesslich ist. Die Mutter hat übrigens die Überweisung der Kursgebühren ebenfalls vergessen, weil ihre Tochter sie nicht daran erinnert hat.

I: "Jetzt gibt es aber wirklich keine Ausrede mehr - wir fangen sofort und auf der Stelle an, ist das klar?"

S: "ICH habe doch niemanden an irgendetwas gehindert!"

I:
"Hast Du doch!"

S: "Nö!"

I:
"Wohl!"

S: "Dreimal NÖ!"

S: "Übrigens habe ich doll Hunger - wollen wir nicht erstmal frühstücken?"

Und wenn sie nicht gestorben sind... Fortsetzung folgt.

06 Oktober 2008

NaNoWriMo und andere Ausfallerscheinungen

Und da sind sie wieder, meine Kreativitätsausfallerscheinungen... Heute wäre "Abseitig" das Thema; eine Idee habe ich auch schon, mein innerer Anteil hält die Klappe (Vielleicht ist die Dame ja meinem letzten Gemetzel zum Opfer gefallen???), das Wetter lockt nicht zum Spaziergang, und ich habe Zeit.

Wer regelmäßig mitliest, weiß, dass ich schon Wäsche gewaschen, geputzt und aufgeräumt habe. Gelaufen bin ich heute früh (da kam mir immerhin eine Idee für den Anfang), gut gegessen habe ich auch, meine zweite Kanne Tee wartet auf den kleinen Durst. Und eigentlich könnte ich jetzt wieder einmal eine sehr lange Abhandlung darüber schreiben, warum mir nichts einfällt.

Dabei muss ich nur 1000 Worte - das ist echt nicht viel! Was soll das erst geben, wenn ich am 1. November um Mitternacht mit NaNoWriMo loslege? Und ich bin entschlossen, das zu tun, denn Besseres kann mir eigentlich gar nicht passieren. Übrigens heißt diese Online-Veranstaltung übersetzt "National Novel Writing Month", und es geht darum, mit dem Startschuss (eben dem 01.11., Mitternacht) innerhalb von 30 Tagen einen Roman zu schreiben, mindestens 175 Seiten bzw. 50.0o0 Worte.

Ist irgendwie so eine Art Schreibmarathon, finde ich, und fordert meinen sportlichen Ehrgeiz heraus. Da hat man nämlich keine Zeit für eine Struktur, da muss man einfach drauflosschreiben. Das kann ich doch! Und außerdem sind im letzten Jahr ca. 114.922 hoffnungsvolle AutorInnen gestartet, aber nur 15.334 haben am 30. November die Ziellinie überschrieben. Und das will und werde ich auch!

Aber was mache ich jetzt mit "Abseitig"? Doch nochmal schnell 1000 Wörter, möglichst zusammenhängende, in den PC gequält? Oder lieber erstmal mit dem Fahrrad in den nächsten Ort, Bananen kaufen? Die machen nämlich glücklich, wie jeder weiß, und glückliche Autorinnen können sich garantiert besser im Abseits bewegen als unglückliche. Und wer weiß, vielleicht fällt mir ja auf der Fahrt irgendein schönes Blutbad ein?

Bin dann mal kurz weg...

Oktober...

ist Nebel, der sich frühmorgens auf die Häuser senkt,

sind Spinnweben, die im Sonnenschein leuchten,


ist eine Farborgie,


schickt die ersten Herbststürme,


macht frösteln,


verabschiedet den Sommer endgültig,


könnte Wehmut erzeugen, wenn man ihn ließe,


doch das


kann der November besser.



Oktober...

erwartet von mir, dass ich meine Pflanzen ins Warme trage und die gelbleuchtenden Liegestühle in die Kammer verbanne,

zwingt mich dazu, meine Sommersachen in die hintere Abteilung meines Kleiderschranks zu räumen und mich mit dem Zustand von Wollpullovern, dicken Jacken, Schals und Handschuhen auseinander zu setzen,

möchte nicht mehr den Sommerblues, sondern leise Klaviermusik hören,

schickt mich früh ins Bett.



Im Oktober...

riecht es nach Erde und feuchtem Laub,

taumeln Blätter auf ihrem Weg zum Gehsteig um die Wette,

strahlt eine klare Sonne durch die Wolken hindurch,

schmecken Rotbusch-, Pfefferminz- Gewürztee, Kekse und Schokolade unglaublich lecker,

lesen sich neue Bücher besonders gut.


Der Oktober

ist ein wunderschöner Monat - so besonders wie die anderen!

04 Oktober 2008

Schlange stehen

Die Stadt freut sich: SALE! %! SALE! %! SALE! KARSTADT! % SALE! SALE! %!
Die Stadt steht Schlange.
Die Stadt bildet Staus vor den Parkhäusern.
Die Stadt wartet bei McDonalds, Subway und World Coffee auf Fettgebackenes, Frittiertes und Coffee to Go.
Die Stadt überschwemmt den Wochenmarkt auf der Suche nach politisch korrektem und ordentlich gebogenen Gemüse.
Die Stadt wankt auf der Suche nach Schnäppchen durch die Fußgängerzone.
Die Stadt kauft ein.
Die Stadt hat Geld.
Schön für die Stadt.
Die Stadt trinkt Latte mit Caramelflavour.
Die Stadt blockiert die Umkleidekabinen bei New Yorker, H & M, Mister & Lady und Orsay.
Die Stadt rauft um Sonderangebote bei T€Di, dem 1-€-Shop und NanuNana.

Die Stadt sitzt trotz widrigster Außentemperaturen in Straßencafés.
Die Stadt hat Übergewicht.
Die Stadt sieht Samstags irgendwie Scheiße aus.

02 Oktober 2008

Kämpferherz

"Es kommt nicht darauf an, was Du an Schlägen austeilst, sondern darauf, wieviel Du einstecken kannst!"

Sie werden nicht raten, wer das gesagt hat! Die Auflösung gibt es unten.

Was wäre, wenn wir all die Widrigkeiten ignorierten und unbeirrt unseren Weg gingen?
Was wäre, wenn wir unserem Traum folgten?
Was wäre, wenn wir Utopien für möglich hielten?
Was wäre, wenn wir den Regen nicht beachteten, sondern nur die Sonnentage zählten?
Was wäre, wenn wir davon ausgingen, dass die Welt uns nur Gutes will?
Was wäre, wenn wir den Menschen in unserem Leben all unsere Liebe gäben?
Was wäre, wenn wir täten, was unser Herz gern tun möchte?
Was wäre, wenn wir uns nicht um Unmöglichkeiten, sondern nur noch um Mögliches kümmerten?

Ohne Angst vor Verlusten tun, was wir tun wollen?
Ohne einen Gedanken an ein mögliches Danach nur die Chancen sähen?

Keine Kompromisse.
Keine ewig gleichen Wege.

Inspiration.
Abenteuer.
Regenbögen an fremden Himmeln.

Was wäre, wenn wir die Freiheit suchten und alle Schläge einsteckten, die bis zum Finden nötig sind?

Was wäre, wenn Filme Wirklichkeit werden könnten?

Sie raten noch immer nicht, von welchem Film ich schreibe? Ich habe gelogen - es gibt hier unten keine Auflösung.

Eine alte Liebe

Erinnerst Du?

Durchliebte Nächte

ohne Rituale, Gewohnheiten

bis auf die Socken.

Erinnerst Du?

Durchtanzte Nächte

ich tanzend,

Du schauend,

später ein gemeinsamer Tanz

zwischen den Kissen.

Durchliebte Nächte.

Erinnerst Du?

Durchlebtes Leben

Du und ich

gemeinsam

älter

ruhiger

zeitlos.

Erinnerst Du,

dass wir das

nie sein wollten?

Khaled

Das erste Bild

Das Gesicht hinter einem Schleier verborgen

aus Farbe.

ein Sternenvorhang

zart und vorsichtig

nicht hervorschauen

er könnte zerstört werden.


Es ist,

als wollte es langsam verblassen

doch nicht die Farbe weicht der Zeit,

sondern die Erinnerung.

Ängstlich,

suchend,

da ist nur noch das Bild.

Hinter Glas.

Behütet durch Deine Liebe.


Das zweite Bild

Viergeteilt.

Pastellfarben.

Nackt.

Die Sonnenblume behütet

den Schoß.

So harte Grenzen

trennen zwischen den

Luftballons der Leichtigkeit

und der Realität.

Du weißt, dass jede

Wirklichkeit

zum Ballon werden kann.

Sie könnte fliegen,

wohin auch immer

der Weg führt.

Es ist die

Freiheit der Phantasie.

Nimm die Grenzen fort!

Khaled, Maler

Das Bett hat sich versteckt... Irgendwo in den Tiefen meiner Wohnung wartet es auf mich, aber irgendwie kann ich den Weg nicht finden. Habe ihn allerdings auch noch nicht ernsthaft gesucht, sondern mich stattdessen durch Erinnerungen gegraben.

Da gab es einen Maler, der kurze Zeit im gleichen Haus wohnte wie ich - Khaled. Er war sehr experimentell mit seinen Materialien, aber woran ich mich am besten erinnere, ist das Flügelgeschleppe zur Eröffnung seiner Kunstschule. Gott, war das Mistding schwer! Ernsthaft, wenn man so einen Tragegurt um den Körper und diverse Treppenstufen vor sich hat, gewinnen 260 kg eine ganz neue Dimension.

Khaled hat mir immer von meinen "traurigen Augen" gesprochen, obwohl ich meine Augen sehr fröhlich fand. Er hat mit Ölfarben gemalt, und eines Tages hat ihn Ajau, unser schwarzer Kater, besucht und sich ein wenig auf der frischbestückten Farbpalette geräkelt. Ajau war wochenlang bunt, Khaled musste sich neue Farben kaufen.

Er hat mich gelehrt, an einem Projekt für eine Zeit zu arbeiten, um eventuellen Kritikern zu zeigen, dass man nicht nur eine Sache kann. Manchmal versuche ich das. Allerdings gibt es noch keine Kritiker, weil ich noch nichts in Papierform veröffentlicht habe. Nicht viel.

Wie ich jetzt, mitten in der Nacht, auf Khaled komme? Keine Ahnung. Er hat mich zu den oben stehenden "Werken" inspiriert. Und er hat einmal life gemalt zu improvisierter Klaviermusik, was ich sehr beeindruckend fand.

01 Oktober 2008

Sonntagvormittag, Waldlauf

Laufen.

Muskelkraft spüren,

den Waldboden unter meinen Füßen,

Sonnenlicht auf den freien Flecken

meiner Haut.

Dann

fällt Regen.

Feucht und kalt.

Wurzeln kreuzen meinen Weg,

und

vor mir rennt

mein Schatten.


Doch

ich will mich heute nicht

überholen.

... und deren Entstehung

Warum nenne ich mein Geschreibsel "Sternenbeflügelte Lyrikausbrüche"? Weil mich die heute abend vorsichtig zum Vorschein gekommenen Sterne beflügelt haben, einmal in alten Dateien zu wühlen. Alle Gedichte sind im Sommer 2004 entstanden; und insbesondere an das über Kreta habe ich die schönsten Erinnerungen: Red Beach bei Matala, am Wassersaum sitzend, die Füße in den Sand gebohrt, es ist brüllend heiss, und jede Welle, die den Sand erreicht, bringt für einen kurzen Moment etwas Abkühlung. Ich will es nicht kühler haben, auf gar keinen Fall, ich genieße die Hitze, die Sonne auf meiner Haut. Trotzdem fühlt sich auch das Wasser gut an auf meiner Haut. Es ist später Nachmittag, der Strand leert sich langsam, und ich habe noch eine Stunde bis zum letzten Bus. Ich habe nie viel gedacht in diesen Situationen, ich war, nicht mehr und nicht weniger. Und wenn ich jetzt, heute, an Kreta denke, sehe ich genau dieses Licht vor mir.

Und Sterne. Die Sterne, in die ich meinen Zeigefinger gebohrt habe, nachts in Agia Galini, Hafenmole, auf dem Rücken liegend, hinter mir die Lichter des kleinen Ortes, über mir der Himmel, vor mir die Messarabucht und die Lichter der Dörfer, die an ihrem anderen Ende liegen. Wer mehr über "mein" Kreta wissen möchte: http://kretischetraeume.blogspot.com
(Ein wenig Eigenwerbung werden Sie einer zur Egozentrik neigenden angehenden Bestsellerautorin hoffentlich erlauben? - Ist eine rhetorische Frage - Sie könnten ja nichts dagegen tun!)

Dann die Katzen... Es begann mit einem Persermischlung namens Antoinette, die mich fand, als ich eigentlich auf der Suche nach einem Hund war. Sie sah ein bisschen so aus, als wäre sie in früher Kindheit frontal vor eine Wand gelaufen, und wenn sie rollig war, ging sie jedes männliche Wesen an, das meine Wohnung betrat. Ihr folgten Anton (der sich kurze Zeit später als Mädchen entpuppte), T.C., den ich vor dem Ertränktwerden retten musste und Teufel, die nach mir gerufen hatte, bevor ich wusste, dass ich mehr als eine Katze bedienen wollte. Teufel verbrachte ihre ersten Tage in meiner Wohnung knurrend und fauchend unter einer Kommode, und auch später war sie eher eigen. Sehr eigen. Aber auch sehr liebevoll, wenn sie wollte. Wie Floh mich gefunden hat, weiss ich nicht mehr. Floh trieb sich herum und wurde von einem dahergelaufenen Kater geschwängert. Ich behielt Higgins, den roten Fremdkörper zwischen 5 Graugetigerten. An einer Tankstelle setzte sich Fräulein Smilla in mein Auto, ließ sich von mir päppeln, schiss in meine Wohnung und ging ein paar Wochen später wieder.
Von einem Bauernhof gerettet habe ich Harry und Sally, die allerdings auch nach einiger Zeit umzogen. Ajau zog dafür bei mir und meinem Liebsten ein. Lätzchen desgleichen.
Heute sind nur noch Keks und Muffin da, zwei leicht gestörte und zur Schreckhaftigkeit neigende Schwestern. Das Sorgerecht hat der inzwischen Ex-Liebste übernommen. In gegenseitigem Einvernehmen und ohne Gerichtsverhandlung.

Wollten Sie das alles wissen? Drei Zeilen Gedicht und fünf Seiten Erklärung. Immerhin lasse ich Sie an der Entstehung zwar nicht mitwirken, aber teilhaben!

Die Deutung des ersten Teils möchte ich nicht vorwegnehmen. Ist auch schon etwas älter, könnte aber immer noch Gültigkeit haben. Vielleicht kennen Sie das auch: Draussen die Freiheit, drinnen ...

Oder (Bitte oben weiterlesen, beim "Waldlauf"):

Sternenbeflügelte Lyrikausbrüche - Teil 3


Kreta


Gleißend

liegt die Sonne im Meer.

Ihre Strahlen

streicheln das Wasser.

Ihr Spiel

unbeobachtet,

tief unten.

Sichtbar nur

ihr Lächeln.

Sternenbeflügelte Lyrikausbrüche - Teil 2


Für Teufel, Floh, Higgins, Ajau und all die anderen Pelzgesichter, die meinen Weg begleitet haben:

Katzenliebe.

Warmherzig und gierig.

Es ist Dir egal, was ich geben kann.

Du nimmst alles.

Sternenbeflügelte Lyrikausbrüche - Teil 1


Trunken vor Wonne

laufe ich in den Tag.

Doch zuhause

willst Du mich

lieben.