30 September 2008

Hier bin ich - liebt mich. Alle! Sofort!

Wirklich, ich muss darauf bestehen. Denn ich bin ein liebenswerter Mensch voller positiver Energien, und ich schreibe mir hier den Wolf, um die Welt an meinem Schicksal teilhaben zu lassen. Widder machen das so.
Gestern habe ich mich bezüglich der Kuh geoutet, heute ist mein innerer Schweinehund dran. Das ist der, der gleich neben der Kuh auf dem Eis steht und sie dauernd in die Beine beißt. Und wenn er gerade nicht damit beschäftigt ist, Kühe zu ärgern, lässt er mich stundenlang snoozen, jagt mich mehrmals am Tag vor den Spiegel, wo ich Gesicht, Körperkonturen, Sitz meiner Haare, aufrechten Stand und Festigkeit meines Hinterns kontrolliere. An schlimmen Tagen stelle ich mich mit dem Rücken zum Spiegel, halte in meiner Rechten einen zweiten, kleinen und untersuche meinen Arsch auf Schrumpel. Da ich nicht in der finanziellen Lage bin, irgendetwas liften zu lassen und außerdem eine panische Angst vor Ärzten habe, muss ich den Zahn der Zeit irgendwie anders in den Griff bekommen. Und da kann ich nur sagen: Wehret den Anfängen!
Mein innerer Schweinehund gibt sich allerdings nicht nur mit Äusserlichkeiten ab: Er flüstert mir trotzige Antworten ins Ohr, ich spreche aus, was er mir gesagt hat, und springe mit beiden Füßen in riesige Fettnäpfe. Aber dafür kann ich nichts, weil ich sie nicht aufgestellt habe und als Einzelkind auch überhaupt nicht in der Lage bin, über meine eigene, zwar recht weit vorstehende, aber dennoch für echte Empathie nicht ausreichende Nasenspitze hinwegzusehen.

Soviel zum Schweinehund. Für die Echtheit ist jetzt noch eine große Portion Egozentrik nötig. Das ist für Einzelkindwidder aber gar nicht schwer, wir müssen einfach nur tun, was wir immer tun, unsere Großzügigkeit, Mitgefühl und Liebe zu allem, was so kreucht und fleucht, irgendwo verbuddeln, und schon klappt es auch mit dem Egoismus. Zugegeben, es war wirklich schwer, die alte Dame an der Kasse beiseite zu schubsen, aber nach dem ersten Mal hat es irgendwann auch Spaß gemacht.

Liebt Ihr mich noch?

Nicht?

Würdet Ihr bitte - und zwar alle! - sofort wieder damit anfangen? Ich brauche das!!!

Wie - mir hört gerade niemand zu? Was soll der Scheiß? Ich bin doch hier! Jetzt! Ich habe etwas Wichtiges zu sagen!

Ich kann nicht anders. Ich bin ein egoistisches und verwöhntes Einzelkind mit Netz und doppeltem Boden und ohne Rücksicht auf Verluste eventuell Entgegengekommener.

Ich gehe doch noch nicht ins Bett. Ich leiste Kuh und Schweinehund Gesellschaft. Dann sind wir zu dritt, und wenn wir kalte Füße bekommen, können wir uns gegenseitig die Schuld geben.

Verdammt - die Kuh ist ja schon vor einer Stunde ersoffen...

Die Kuh auf dem Eis - Nachtrag

Gerade ist mir noch eine dritte Möglichkeit eingefallen, wie ich mit der Kuh auf dem Eis umgehen könnte: Ich könnte mit ihr reden. Könnte ihr, eloquent, wie ich nun einmal bin, erklären, dass sie unweigerlich einbrechen wird, wenn sie nicht wieder auf festen Boden zurückkehrt. Ich könnte ihr fest in die Kuhaugen sehen und ihr sagen, dass auf dem Eis kein Gras wächst und die Melkmaschine im Stall ist. Sie vielleicht kurz ins Euter zwicken, um ihr Bewusstsein für die Notwendigkeit des Melkvorganges zu schärfen.
Wahrscheinlich wird die Kuh mit einem erbosten "Muh" antworten, den Schwanz heben und mir auf den Kopf scheissen, vorausgesetzt natürlich, ich bin blöd genug, mich an ihr hinteres Ende zu stellen.
Aber ich tue weder das eine noch das andere, eben weil ich nicht blöd bin. Nein, ich stehe sicheren und trockenen Fußes am Ufer und rede auf das Vieh ein. Frage mich nebenher, wo der Bauer ist und wie ich schon wieder in so eine alberne Situation gekommen bin.

Ich mag Kühe, wirklich. Und wenn diese ertrinkt, wird sie wenigstens nicht geschlachtet.

Trotzdem. Eigentlich habe ich Besseres zu tun, als auf einen Widerkäuer einzureden, der mir nicht zuhört. Näher ran traue ich mich aber auch nicht - vielleicht beisst sie. Oder tritt. Oder scheisst.

Hm.

Drei Möglichkeiten schon, wie ich auf diese Kuh on Ice reagieren könnte. Ist das jetzt ein Drama oder ein Dilemma? Oder kann ich nur einfach nicht mit Kühen umgehen?

Jetzt fängt es auch noch an zu regnen.

Das Eis schmilzt.

Tschüß, Kuh!

Das "Aber" und sein Liebe zum "Eigentlich"

Heute mittag habe ich ja bereits festgestellt, dass "Eigentlich wollte ich..." bedeutet: "Ich habe nicht..."
Jetzt ist das "Aber" dran. Das ist nämlich genauso ein Lügenbold wie "Eigentlich". Das Perfide am "Aber" ist jedoch, dass es zunächst ganz nett und freundlich daherkommt und so tut, als würde es jedes Wort des Gegenübers glauben und gutheissen.

Stellen Sie sich vor, jemand sagt zu Ihnen: "Ich finde es großartig, wie Du das gerade gemacht hast!" Ist doch ein schöner Satz, oder? Ein Satz, der uns bestätigt, schmeichelt, liebkost, den Bauch pinselt, kurz, ein Satz, der aus der Wertschätzung des Sprechers uns gegenüber entstanden ist.

Doch von hinten links hat sich das "Aber" angeschlichen; vielleicht hat nicht einmal der Sprecher gemerkt, dass es auf einmal da ist. Und so wird aus dem schönen, bestätigenden, wertschätzenden Satz dann dieser: "Ich finde es großartig, wie Du das gerade gemacht hast, aber könntest Du Dir vorstellen, es auch anders zu machen?"

Ich übersetze Satz 1: "Ey, voll fett das, hastes echt voll cool draufgehabt heute!"
Und hier ist Satz 2: "Ey, voll fett das, hastes echt voll cool draufgehabt heute, aber irgenwie wars trotzdem voll der Scheissndreck, sorry."

Was hören bzw. lesen wir aus diesen thematisch verwandten und nur phonetisch veränderten Aussagen: "Eigentlich (Uups, wo kommst Du denn auf einmal her? "Eigentlich" hatten wir doch schon!) finde ich das, was Du gemacht hast, Scheiße und bin sicher, dass ich es besser könnte."

Gern genommen wird auch: "Ich gönne Dir XYZ, ...ABER... Du bist immer so arrogant, wenn Du einen Erfolg hattest!" Da haben wir dann zum den ersten Halbsatz negierenden "Aber" noch eine echt übel beschissene Verallgemeinerung, im NLP auch "Metasprache - Generalisierung" genannt. Immer alle.
"Wer genau und wann genau?" sollten wir dann sofort fragen. Aber der Sprecher wird unsere Frage sehr wahrscheinlich als Provokation auffassen.

Da habe ich mich doch gerade auch von so einem klitzekleinen "Aber" verscheissern lassen. Ich wollte es in diesem Satz überhaupt nicht haben, und trotzdem hat es sich hineingemogelt. Und was sagt Ihnen das? Genau, ich frage zumindest nicht "Wer genau und wann genau?", sondern halte die Klappe. ABER EIGENTLICH hätte ich fragen wollen. In echt.

Ich fasse zusammen: "Aber" ist ein Miststück, denn meistens schleicht es sich heimlich ein. So eine Art BND-Killer für positive Aussagen, die Königsmörderin eines Halbsatzes. Wer nach einem halben Satz "Aber" sagt, sollte sich überlegen, warum er ihn überhaupt gebildet hat. Denn er (oder sie) möchte doch sagen, was ihm (oder ihr) nicht gefällt.

Sehr beliebt: "Ich liebe Dich, aber Du engst mich ein." könnte man übersetzen mit: "Geh mir von der Pelle, oder ich bin weg!" Ist natürlich meine ganz persönliche Interpretation.

Aber vielleicht gehen Sie auch einmal in sich? Was wollen Sie eigentlich sagen, wenn Sie dem "Aber" mitten in Ihrem Satz nicht schnellstmöglich den Laufpass geben? Ist Ihnen die positive Aussage am Anfang oder die Negation nach dem "Aber" wichtig? "Ich finde Dich gut, aber..." bedeutet doch nichts anderes als "Ich finde Dich nicht gut." (bestenfalls) oder "Ich finde Dich sowas von voll Scheisse!" (schlimmstenfalls).

Was halten Sie davon, wenn wir "Aber" und "Eigentlich" in die Wüste schicken und uns mitteilen, was wir wirklich denken?

Ich soll anfangen? Warum denn immer ich? Klar, eigentlich spiele ich schon gern die Vorreiterin, aber muss das ausgerechnet heute sein???

To snooze or not to snooze und "Eigentlich"

Heute morgen wollte ich eigentlich um 5.45 Uhr aufstehen.

Ein kleiner Exkurs zum Wörtchen "eigentlich". Ich finde ja, dass es eine ähnliche Funktion wie "aber" hat. Aber erstmal zu "eigentlich". "Eigentlich" bedeutet doch, dass ich etwas sage oder tue, aber es dann doch nicht sage oder tue, weil... "Eigentlich" heisst in meinem Fall also übersetzt: "Ich bin nicht um 5.45 Uhr aufgestanden."

Und genauso war es auch. Mein Wecker gab Töne von sich, und ich entschloss mich zum Snoozen. Für Sofortaufsteher und Nichtsnoozer: Snooze ist die Funktion, die den Wecker nach einer vom Snoozenden festzulegenden Zeit wieder klingeln lässt. Und wieder. Und wieder. Und wieder. Ich bin eine überzeugte Snoozerin und habe damit schon so manche Liebesbeziehung aufs Spiel gesetzt. Denn merke: Neben dem Snoozer liegt immer ein Sofortaufsteher. Oder eine -in.

Ich snoozte mich also
im Zehnminutentakt von 5.45 Uhr bis 7.30 Uhr, freute mich jedesmal, dass ich ja nicht aufstehen muss und träumte vor mich hin. In einem dieser Träume jagte ich hinter irgendjemandem her. Ich fuhr, er lief. Ich war in meinem Traum recht aufgeregt, hatte aber keine Ahnung, warum. Bewaffnet war ich nicht, also ging es wohl ausnahmsweise einmal nicht um Mord- und Totschlag. Bevor ich aber herausfinden konnte, was ich von dem Kerl vor mir wollte, klingelte mein Wecker, ich schaltete auf "Später" und drehte mich auf die andere Seite.

Zunächst genoss ich nur, auf dieser Seite liegen zu können. Das war vor ein paar Tagen noch nicht möglich, weil ich aufgrund meiner Sportfaulheit und einer falschen Bewegung Rückenschmerzen hatte. Ich bewegte vorsichtig mein oberes Bein. Schmerzfrei! Großartig! Jetzt könnte ich eigentlich aufstehen, wenn der Wecker das nächste Mal klingelt. Andererseits... Sicherheitshalber probierte ich die andere Seite auch noch einmal aus.

Nach dem nächsten Klingeln begab ich mich in die Rückenlage, um meinen Tag zu planen. Ich hatte einiges vor. Wenn da nur nicht das Horoskop für diese Woche wäre, dass mich schonmal vorwarnt:


(...) So furchtbar viel zu Stande bekommen wir diese Woche nicht. Ab Dienstag beginnt allerdings eine Energie, die Ihnen vorgaukelt, daß Sie große Taten vollbringen könnten. Mit Feuereifer stürzen Sie sich auf Projekte, vor denen Sie sonst zurückschreckten. Und knallen voll gegen die Wand! (...)
Barbara Walter: "Perspektiven" in der Gruppe "Innenwelt - Außenwelt" bei
www.Xing.com

Also vielleicht doch lieber liegenbleiben? EIGENTLICH wollte ich aber doch laufen! Und schreiben. Und lernen. Und mir etwas Vernünftiges kochen. Einen neuen Kurs vorbereiten. ABER wenn ich doch sowieso gegen die Wand knalle?

Nochmal weitersnoozen.

Später habe ich dann beschlossen, den Tag ganz langsam anzugehen, mir eine Kanne Kaffee ans Bett geholt, mich mit dem neuesten Roman von Minette Walters vergnügt und mir sicherheitshalber zur Ergänzung des Horoskops noch eine Tarotkarte gezogen. Die sagte mir, dass ich meinen Arsch bewegen soll, und zwar SOFORT. Also bin ich um 9.15 Uhr dann doch losgelaufen und war kurz vor dem ersten ernsthaften Regen wieder zuhause. Zum Frühstück gab es leckere Polenta, und geschrieben habe ich auch schon etwas.

Um die Wände in meiner Wohnung mache ich sicherheitshalber trotzdem einen Bogen.

EIGENTLICH sollte ich die Snoozerei sein lassen, ABER ich brauche die Zeit.

28 September 2008

Die Kuh auf dem Eis

Bevor ich loslege, muss ich mich "outen". (Wie, zum Donner, nennt man das auf Deutsch???)

Nochmal: Bevor ich loslege, stelle ich mich bloß: Die Idee zur Kuh auf dem Eis und einige der Feinheiten stammen nicht von mir, sondern dem von mir sehr geschätzten Sam White, seines Zeichens Komponist, Pianist, Sänger, Coach... Wer mehr Inspirationen braucht oder einen wirklich mit allem Herzblut agierenden Künstler kennenlernen, buchen, veröffentlichen möchte: www.samwhite.info (Hörproben gibt es da auch...)
Ich sage auf diesem Weg "Dankeschön!"

Also. Die Kuh auf dem Eis.

Da steht eine Kuh auf dem Eis. Ich habe keine Ahnung, wie sie dorthin gekommen ist, bin aber der Ansicht, sie sollte schnellstens da wieder weg. Kühe sind schwer, und vielleicht bricht sie ein?
Ich sehe jetzt zwei Möglichkeiten. Einerseits macht es Sinn, die Kuh so schnell es geht vom Eis herunterzuholen. Erstens gehören Kühe nicht aufs Eis, sondern auf die Wiese, zweitens bin ich möglicherweise dafür verantwortlich, dass das arme Vieh dort gelandet ist, und drittens habe ich das dringende Bedürfnis, der Kuh zu helfen. Also betrete ich, ohne groß nachzudenken, die Eisfläche, bewege mich vorsichtig auf die Kuh zu, damit sie sich nicht erschreckt, strecke ihr ein Stück Wiese in Form einiger Grashalme entgegen, und mit viel Glück bewegt die Kuh dann ihren Euter vom Eis herunter.

Die andere Möglichkeit: Ich frage mich, wie die Kuh aufs Eis gekommen sein könnte. Was die direkten und indirekten Konsequenzen ihres auf dem Eis Seins sind, und was ich dazu beigetragen haben mag. Ob ich etwas gesagt oder getan habe, was die Kuh aufs Eis getrieben hat. Ob das arme Tier möglicherweise festgefroren ist. Wie es seinen Hufen geht. Was, um Gottes Willen, habe ich nur getan, um diese arme Kuh aufs Eis zu kriegen? Warum habe ich der Kuh gesagt, sie soll aufs Eis gehen? Oder habe ich es ihr gar nicht gesagt, und sie ist ganz von allein dort gelandet? Warum habe ich ihr nicht schon längst geholfen?

Habe ich ja: Ich habe ihr gesagt, sie soll runter vom Eis, die blöde Kuh! Und wenn sie jetzt ersäuft, kann ich überhaupt nichts dazu!

Spätsommer - Frühherbst?

Laut Wetterbericht sollte heute der letzte schöne Tag für längere Zeit sein. Ich habe diesen Tag zunächst mit Ausschlafen gefeiert, dann vom Bett aus dem Nebel beim Lichten zugeschaut und mich dann, als die Sonne sich endgültig durchgekämpft hatte, in den Tag hinausgewagt. Bin gelaufen, das erste Mal seit fast zwei Wochen, ein zwanzigminütiges Intermezzo auf dem Laufband nicht eingerechnet.
Joschka Fischer (Den ich zwar immer noch bewundere, weil er der Beweis dafür ist, was man mit Willenskraft und Zielstrebigkeit erreichen kann, inzwischen aber überhaupt nicht mehr mag, weil zu sehr Alphatier, was ihm egal sein wird.) hat in seinem Buch "Mein langer Lauf zu mir selbst" geschrieben, dass er immer erst dann, wenn er ihn laufend erkundet hatte, an einem Ort angekommen ist. Das kann ich gut nachvollziehen. Ich tue das im Urlaub, auf Fortbildungen, überall dort, wo man eben ankommen muss. Manchmal tue ich es auch jahreszeitenbedingt am Heimatort.

Heute mittag habe ich den Sommer verabschiedet, denn ich gehe davon aus, dass ich nicht so bald in Shorts und Top rennen werde, sondern langsam die Sommersachen nach unten und die Wintersachen samt Schweiß nach aussen leitender Unterwäsche nach oben räumen muss.


Und weil der Tag so schön war, habe ich - wieder zuhause angekommen - dann noch ein bisschen FKK auf meinem Balkon genossen, bin knappe fünf Kilometer zum Bahnhof gegangen (GEGANGEN, nicht gelaufen, wirklich!), habe in Göttingen mein dort einsam herumstehendes Fahrrad abgeholt und bin nach Hause gefahren, mitten im abendlichen Spätsommer- oder Frühherbstlicht.

Die Bäume sehen großartig aus, bunt werden sie, und es wird nicht mehr lange dauern, bis sie ihre Blätter abwerfen und sich auf den Winterschlaf vorbereiten. Aber bis sie soweit sind, werde ich diese höchst lebendigen und überhaupt nicht schläfrigen Farben genießen, alles einsammeln, was sie freiwillig an bunten Blättern, Eicheln, Bucheckern und Kastanien hergeben und meine Wohnung damit dekorieren.

Kaum vorstellbar, dass der Wetterbericht für morgen 13° und Regen ankündigt. Der Himmel war rot heute abend, ein ganz klein wenig bedeckt auch, aber... muss das Wetter denn wirklich schon ernst machen mit dem Herbst? Ich verabschiede den Sommer gern auch noch ein paarmal!

26 September 2008

Die Bahn macht's

Vor kurzem legte Bahnchef Mehdorn seinen Plan, für Fahrkarten, die nicht via Internet oder am Automaten erstanden wurden, sondern an einem der sogenannten Serviceschalter, 2,50 € Aufschlag zu verlangen, zu den Akten. Ich persönlich finde das löblich, ist doch die Beratungsleistung der ServicemitarbeiterInnen einerseits und höchstwahrscheinlich mehr als nur 2,50 € pro Fahrkarte wert, andererseits der Preis für eine Karte ohnehin schon so hoch, dass Autofahren oft noch günstiger ist.

Vor zwei Tagen beschloss ich, diesen liebenswerten und kundenfreundlichen Service zu nutzen und mich nach einer Fahrradmonatskarte zu erkundigen. Mein Weg führte mich zunächst zum Service-Point des Göttinger Bahnhofs. Ich traf auf eine junge Dame, die bereits ein Beratungsgespräch führte und einen noch jüngeren Herrn, der an dem Namens- und Berufsbezeichnungsschildchen, das er am Revers trug, als Praktikant zu erkennen war.
Dieser sprach mich freundlich an: "Kann ich Ihnen weiterhelfen?"
"Das hoffe ich." antwortete ich und trug mein Anliegen vor.
Sein Blick umwölkte sich, und er zog die Stirn kraus. "Nein, das weiß ich nicht. Aber ich bin ja auch nur Praktikant." sagte er und blickte hilfesuchend zu seiner Kollegin, die ihr Gespräch inzwischen beendet hatte.
Diese runzelte ebenfalls die Stirn, blieb aber bei ihrem freundlichen Lächeln: "Nein, da kann ich Ihnen nicht weiterhelfen. Gehen Sie doch bitte nach nebenan." Nebenan verbarg sich hinter automatischen Glastüren das DB-Reisezentrum.

Ich schritt hinein und stellte mich hinter einer Dame an, die wohl ebenfalls Fahrkarten kaufen oder informiert werden wollte. Das in Schalterräumen unvermeidliche "Diskretion! Bitte hier warten!"-Schild befand sich unmittelbar vor uns. Es gab sieben Schalter, an fünf von ihnen saßen ins Kundengespräch vertiefte MitarbeiterInnen, an den beiden anderen informierte ein weiteres Schild, dass dieser Schalter nicht besetzt sei und man sich einen anderen suchen möge. Nach fünf Minuten ging es weiter, und die Dame vor mir bewegte sich auf den freigewordenen Mitarbeiter zu. Ich rückte auf.

Trotz meines Bemühens um Diskretion kam ich nicht umhin, das Gespräch links von mir mit zu verfolgen. Hier diskutierte ein Herr im Anzug mit der DB-Angestellten sehr viele Reisemöglichkeiten. Ich trippelte von einem Fuß auf den anderen und fragte mich, was nur so lange dauern konnte. Ich bin kein geduldiger Mensch, das gebe ich zu.
Endlich hatte sich der Anzugmensch entschieden und fragte nach dem Preis. Die Angestellte gab Auskunft und fragte "Und was kann ich sonst noch für Sie tun?"
"Gar nichts!" dachte ich. "Nimm dem Kerl die Mörderkohle ab, die seine Fahrkarte kosten wird und kümmere Dich um MICH!"
Der Zahlungsvorgang nahm jedoch weitere Zeit in Anspruch, und so geriet ich an einen anderen Schalter, der mit zwei Herren besetzt war. "Bloß nicht noch ein Praktikant!" dachte ich, zumal der vorn Sitzende einen recht hilflosen Eindruck auf mich machte.
"Ich wüßte gern, ob die Fahrradmonatskarte für Niedersachsen ab dem Tag des Kaufs einen Monat lang gilt oder an die kalendarischen Monate gebunden ist." stellte ich meine Frage, jetzt übrigens schon zum dritten Mal.
Mein Gesprächspartner drehte sich mit hilflosem Gesichtsausdruck nach hinten. Leider hatte sein Kollege nicht zugehört, und so erklärte ich mein Anliegen noch einmal.

"Die Fahrradmonatskarte gilt ab dem Tag des Kaufes." erhielt ich Auskunft.
"Fein. Dann hätte ich gern eine."
Man befragte gemeinsam und erfolglos den PC, und ich war versucht, mich über den Schalter zu lehnen und selbst nachzuschauen, damit es etwas schneller ginge.
Nach weiteren (mir endlos erscheinenden) Warteminuten hob "mein" Schalterangestellter den Kopf, schüttelte ihn bedauernd hin und her und sagte: "Tut mir leid, die Fahrradmonatskarte gilt doch immer nur für einen Kalendermonat. Das heisst, wenn Sie jetzt eine kaufen, gilt sie erst ab dem 1. Oktober."
"Dankeschön. Dann hat sich das erledigt." erklärte ich, rang mir ein hoffentlich noch als Lächeln identifizierbares Zähnefletschen ab und verließ das Reisezentrum unverrichteter Dinge.

Und die Moral von der Geschicht'? Ungeduldige Menschen sollten ihre Fahrkarten lieber am Automaten kaufen und schweren Herzens auf die Beratungsleistung der sehr freundlichen und bemühten ServicemitarbeiterInnen verzichten.

25 September 2008

Prinzessinnenirrtümer

Die Prinzessin
feilt ihre Fingernägel.
Schärft die Krallen.

Man besingt ihre Schönheit,
doch sie
glaubt kein Wort.

Eine Hexe ist sie,
den Raben auf der linken Schulter,
die schwarze Katze an ihrer Seite,
verzaubert sie
jeden,
der ihr zu nahe kommt.

Nessun Dorma

... gibt es als Werbespot der Telekom. Da singt Paul die Arie aus "Turandot" von Pucchini mit einer sehr schönen Stimme. Aber es ist leider nichts weiter als ein Werbespot. Wahrscheinlich wird es diesen "Song" demnächst als Klingelton bei Jamba geben. Der Text stimmt auch nicht - man hat wegen der Werbezeitenkompatibilität die einzelnen Liedzeilen etwas zusammengeschnitten.
Ist aber egal. Merkt keiner. Oder kaum einer.

Wo sind wir angekommen, wenn Opern Klingeltöne werden? Wenn es bei Youtube heisst: Paul sings Nessun Dorma high quality video/sound?

High Quality? Pucchini war High Quality! Paul ist WERBUNG!

Luciano Pavarotti hat "Nessun Dorma" kurz vor seinem Tod bei einem Konzert in Turin gesungen. GESUNGEN. Keine Werbeunterbrechung. Kein Klingelton.

ES KOTZT MICH AN!

Manchmal,

wenn die Nacht in ihren samtigen Momenten angekommen ist,
der Weg in den Morgen nicht mehr allzu lang zu sein scheint,
wenn das Bett für ein paar Stunden allein bleiben muss,
der Wein ein besonderes Aroma entfaltet,

ist der Moment wesentlich,
die Dämmerung weit entfernt,
das Glas halbvoll,
die Stunden verschwommen.

Ich bin verführt
von diesem Dunkel.

Will die Nacht
durchwachen,
Morgen
interessiert
mich
nicht.

WunderSam

Wunder.
Geschehen immer.
Vergessen?

Liebe.
Findet manchmal.
Verstehen.

Küsse.
Werden oft.
Verschenkt.

Gedanken.
Gehen häufig.
Verloren.

Ich.
Zeige selten.
Vertrauen.

24 September 2008

Protrusion

Manchmal,
wenn Du Dich zu häufig beugst,
kannst Du Dich nur schwer
aufrichten.

Manchmal,
wenn Du Dich zu häufig duckst,
kannst Du Dich nur mit Mühe
wehren.

Manchmal,
wenn Du Dich zu häufig versteckst,
findest Du nur schwer den Weg
hinaus.

Manchmal,
wenn Du den aufrechten Gang verlernt hast,
musst Du Dich
auf den Rücken legen,
Deinen Bauch zeigen.

23 September 2008

Tag- und Nachtgleiche

Der Tag und die Nacht teilen sich den Tag.

Hell und Dunkel kämpfen unentschieden.


Die Wärme der Sonne ersetzen Heizung und Kamin.

Gekühlter Weisswein weicht Rioja in Zimmertemperatur.

Der Garten wird winterfest gemacht.

Im Balkonkasten wachsen Erika und Silberkraut.

T€DI hat auf Herbstdeko umgestellt. Für 1 €.

Der 1-€-Shop auch.

Es dämmert um 19.30 Uhr.

Amaryllis und Weihnachtsstern wandern ins Dunkle, um termingerecht zu blühen.

Wir schließen die Augen und träumen uns an einen Strand.

Wir öffnen den Badezimmerschrank und verlängern die Bräune.

Herbst eben.

Tag- und Nachtgleiche...

...war gestern. Oder mit anderen Worten: Herbstanfang. In den "Perspektiven" der von mir sehr geschätzten Astrologin Barbara Walter stand bei Xing! dazu Folgendes zu lesen:

So gegen 17:45 tritt die Sonne ins Zeichen der Waage. Das beschert uns die herbstliche Tag- und Nachtgleiche. Nun wird die Nacht das Licht jeden Tag ein bißchen mehr aufvespern. Da dieser Montag ziemlich anstrengend ist, vor allem im Gefühlsbereich, werden Sie dieser Meldung wohl keine gesteigerte Bedeutung beimessen. Doch vielleicht wäre es gerade wegen dieser Wallungen sinnvoll, zwischendurch mal inne zu halten und sich den Wechsel der Jahreszeiten bewußt zu machen.


Ist zwar einen Tag später, aber Wetter und Temperaturen dieses Dienstags laden förmlich zu einer Einstimmung auf den Herbst ein.

Kennen Sie dieses Gefühl, eine Zeit sehr bewusst wahrzunehmen, sie aber trotzdem zwischen den Fingern zerrinnen zu sehen, ohne etwas daran ändern zu können? So verhält es sich mit dem Sommer, finde ich: Wir genießen die Wärme, die Sonne, die langen Tage, wir feiern uns durch kurze Nächte, führen stundenlange Gespräche auf Balkon oder Terrasse, der Weissweinverbrauch steigt; manchmal fühlen wir uns wie Touristen in unseren eigenen Leben.
Und dann, auf einmal, eben noch hat der Raps geblüht, und wir haben über diese fiesen kleinen Fliegen geschimpft, werden die Tage kürzer, die Temperaturen sinken, und der Regen erinnert sich an seinen Job. Es herbstet.

Herbst ist eine wunderschöne Jahreszeit. So wie Frühling, Sommer und Winter. Herbst ist bunt, manchmal warm, manchmal verregnet (was uns die Möglichkeit eröffnet, uns mit einem guten Buch auf die Couch zu legen), manchmal stürmisch. Herbst ist. Aber warum ist er jetzt schon? Eben war doch noch Sommer? Ich bin doch erst gestern mit dem Fahrrad durch die Felder gefahren und habe mich über das hochstehende Getreide gefreut! Wo kommen all die Äpfel auf einmal her? Haben nicht vor kurzem die Apfelbäume geblüht?

Und jetzt? Wird das Tageslicht von der Dunkelheit gefressen, jeden Tag ein wenig mehr. Nichts mehr mit Laufen um 21.00, es sei denn, ich binde mir so eine alberne Grubenlampe um den Kopf. Der zum Sommer passende Blues geht über in leicht unterkühlten Freejazz. Ist auch schön. Bin trotzdem noch nicht soweit. Könnte bitte irgendjemand den Kalender um zwei Monate zurückstellen? Ich brauche noch etwas, um mich auf den Herbst vorzubereiten.

Nicht? Gut, ich verstehe, wenn wir den Sommer verlängern, kommt Weihnachten zu spät. Und andererseits: Je schneller der Herbst voranschreitet und die Nacht die Tage frisst, desto eher wird es Winter, desto schneller ist die Nacht überfressen und spuckt die Tage wieder aus. Also Augen auf und durch - und das Winterhalbjahr rast genauso an uns vorbei wie der Sommer. Wir müssen uns nur Mühe geben, es zu genießen!

18 September 2008

Schreiben mit Nägeln

Meine Finger mit den zu langen Fingernägeln schleichen über die Tastatur und treffen viel zu oft statt einer gleich zwei Tasten. So werden Wörter schnell entstellt, und manchmal merke ich wegen des Blindschreibens nicht, was ich da für einen unglaublichen Blödsinn verzapfe.

Ist das nicht eine schöne Metapher? Aus lauter Eitelkeit (lange Fingernägel) bin ich nicht in der Lage, meinen Job (das Schreiben) ordentlich zu erledigen, sondern verstümmele unbeabsichtigt das, was ich doch eigentlich herstellen will (Wörter), nehme meinem Tun damit möglicherweise Sinn (Verständlichkeit) und Spitzen (Wortwitz). Böse. Nein, nicht böse, fahrlässig. Bitte nicht auf "Vorsatz" plädieren! Ich schaue nicht hin, was ich da tue (blind schreiben) und versäume demzufolge auch viel zu häufig die Nachkontrolle meiner Ergüsse. Und das führt dann zu nicht mehr nachvollziehbaren Gedankengängen (Blödsinn).

Manchmal habe ich morgens vergessen, was ich abends geschrieben habe, eben, weil ich so schnell schreibe, um auch ja keinen Gedanken unbeschrieben sein zu lassen. Dann strömt es nur so aus mir heraus, und alles Denken schaltet auf Standby. Auch das Denken an DANACH.

Und auch das könnte eine Metapher sein. Das, was ich schreibe, ist so planlos, dass ich es mir nicht merken kann. Es sprudelt aus mir heraus, und ich kümmere mich erst viel zu spät - wenn überhaupt - darum, was ich damit anrichten könnte oder sogar bereits angerichtet habe. Nicht "Früher an später denken" wie die Deutsche Vermögensberatung postuliert, sondern "Gar nicht an jetzt denken", wie ich praktiziere.

Wirrwarr? Klar. Ich war ganz woanders. Kann mich allerdings nicht erinnern, wo. Will es vielleicht auch nicht sagen und behaupte deswegen, mich nicht erinnern zu können.

So etwas passiert, wenn ich drauflosschreibe. Vor fünf Minuten wusste ich jedenfalls noch nichts von den Gedanken in meinem Kopf. Sind sie gewachsen? Oder waren sie da und haben sich nur versteckt?

"Die Gedanken sind frei" - singt die süße Kinderstimme in der GMX-Werbung. Meine nicht; die haben sich gerade selbst weggesperrt.

Zählen

Immer, wenn ich mein Gehirn ausschalten möchte, zähle ich. Und weil ich eine Hoppse bin, zähle ich in einem ordnungsgemäßen Musikbogen: Undeinsundzweiunddreiundvierundfünfundsechsundsiebenundacht. Ist gelogen, ist gar kein Musikbogen, sondern nur eine Phrase. Oder so. Aber bis 32 zählen ist mir zu anstrengend. Schließlich ist 32 nicht mehr als viermal 8. Egal, wie man zählt, Zählen ist eine unglaublich gute Möglichkeit, nicht zu denken. Wenn ich zähle, ist mein Gehirn beschäftigt. Mit Zählen. Ich könnte auch meine Atemzüge zählen. Ist ein beliebter Einstieg in die Meditation. Man ist zwar echt stolz, wenn man wenig geatmet hat (weil, je ruhiger man atmet, desto weniger Atemzüge braucht man pro Minute, und für einen Wettbewerbsmenschen kann das existentiell wichtig sein), aber es ist eigentlich scheißegal. Man hat dem Gehirn etwas zu tun gegeben und es damit auf elegante Art und Weise ausgetrickst.
In meinen besten Zeiten habe ich Weintrauben ins Müsli gezählt. Das habe ich von meiner Mutter. Die hat auch immer gezählt. Überhaupt ist meine Mutter eine absolut großartige Person. Aber das ist ein anderes Thema. Und in meinem anderen Blog nachzulesen. Meine Mutter ist die alte Dame. Oder zumindest deren reales Vorbild. Auch eine andere Geschichte.
Ich sollte nicht soviel persönliches Kram schreiben. Interessiert keine Sau. Schreibe ich also weiter über Zählen. Und einsundzweiunddreiundvier...
Zählen und George Michael auf YouTube.com hören, all das kurz nach Vollmond und Mitternacht, am letzten Tag eines Urlaubs. Verdammt, ich bin schon wieder viel zu persönlich!
Egal. Mein Dachfenster kennen Sie ja inzwischen. Ist kohlrabenschwarz da draussen. Und a...kalt. Kann ich auch "Careless Whisper" hören; das spielt im Schnee.
Danach gibt es "Virgil in a wilderness of mirrors". Ist von Fish. Könnten diejenigen kennen, die in den 80ern nach Marillion getanzt haben.
Ich sollte zählen. Jetzt. Undeinsundzweiunddrei... Tanzen wäre auch fein. Ohne Publikum. Undeinsundzweiunddrei...

Tagebuch schreiben im Internet. Seelenstriptease. Gedanken, die die Welt nicht braucht. Aber die Vorstellung, dass da draussen irgendwo ein Mensch ist, vielleicht in Amerika, vielleicht auf Kreta, vielleicht in Groß Ellershausen oder Willershausen, der ähnliche Gedanken hat...

Wo auch immer (m)einE LeserIN sein mag, ich wünsche Dir/Ihnen eine wunderschöne, sternenklare, inspirierte Nacht, eine Nacht, in der Zahlen nur eine Nebenrolle spielen, eine Nacht, die wärmt, egal, ob durch die Aussentemperatur oder den Ofen, egal, ob durch Gedanken oder ein schönes Buch.

Ich kann meine Gedanken nur durch Zählen ausschalten. Oft will ich, dass sie bei mir bleiben, egal, welchen Inhalts sie mich erreichen.

Bin schon wieder persönlich. Will nicht anders sein, nicht, wenn ich irgendetwas in Dir/Ihnen erreicht habe.

Schöne Träume!

17 September 2008

Böser Beckstein!

Promille-Beckstein in Berlin

Zum Gluck hat er heute beim Oktoberfest vorm Roten Rathaus einen Chauffeur dabei

Bayerns Ministerpräsident Günther Beckstein
Bayerns Ministerpräsident Günther Beckstein ddp
Berlin - Da hat er sich wirklich gewaltig verhoben! Bayerns Ministerpräsident Günther Beckstein und seine Bemerkung, dass man mit zwei Maß Bier im Kopf noch locker ans Steuer könne. Klar, dass da die Wogen sofort hochgingen, Verkehrsexperten, Kinderschützer und Drogenbeauftragte sprangen im Dreieck.

Beckstein gab einsichtigkummervolle Erklärungen ab – und saß gleich darauf wieder im Flieger zum nächsten bierseligen Event: Die gestrige Eröffnung des Oktoberfestes vorm Roten Rathaus. Nirgendwo in Berlin wird mehr und lustvoller gesoffen als hier. Denn in diesem Zelt, das samt Kapelle, Dirndl-Bedienungen und Ochsenbraterei direkt aus München an die Spree verpflanzt wird, gibt’s in der Eröffnungsnacht für die geladenen Gäste traditionell alles umsonst.

Das sind die Polit-Honoratioren und Wirtschaftsbosse, die dazu eingeladen werden, von ihren anderen Empfängen zwar sowieso gewohnt, aber bei den Bayern herrscht zusätzlich Bierlaune, die die regelmäßig Prominenz erst ins Schunkeln und später ins Schwanken bringt. Eine Mischung aus Polit-Ballermann und preußischem Darkroom für Lederhosen-Träger, die mal so richtig die Kuh fliegen lassen wollen. Da ist es gut zu wissen, dass auch Berlins Taxifahrer sich immer auf diese Nacht freuen, denn selbst fährt wirklich fast keiner mehr. Und Beckstein ist zum Gluck für die Berliner in der Hauptstadt sowieso nur mit Chauffeur unterwegs.

Dieser Artikel findet sich im Berliner Kurier von heute, auf der Seite "berlinonline.de". Ja, und wo ist denn, bitteschön, das Problem? Saufen wir nicht alle ab und zu? (Die AA nehme ich jetzt mal aus, obwohl ich mir vorstellen könnte, dass auch unkontrollierter Kaffee- und Mineralwasserkonsum auf Dauer ungesund ist.)

Ich persönlich finde ja gar nicht problematisch, dass die Jungs und Mädels PolitikerInnen saufen - anders als mit heftigem Drogenkonsum ließen sich die Ergebnisse, die diverse Arbeitsgruppen des Bundestages erzielen, auch nicht erklären. Ich bin viel mehr über den Umstand gestolpert, dass sie das kostenlos tun dürfen. Macht sich da niemand Sorgen um die Unabhängigkeit der prassenden VolksvertreterInnen? Immerhin vertreten sie ja auch die "Menschen auf der Straße", die sich im wahrsten Sinne des Wortes dort befinden. Oder Arbeitssuchende, die dies wirklich mit Engagement tun und denen Fortbildungsmaßnahmen verweigert werden, die aber einen Zettel unterschreiben müssen, dass sie nötigenfalls auch zu Umzug oder Trennung bereit sind, um der ARGE nicht mehr auf der Tasche zu liegen.

Da ist es doch beruhigend, dass die Damen und Herren, die sich von dirndltragenden, eigens aus dem Bajuwarischen eingeflogenen strammen Maiden bedienen lassen, dies nicht auf Kosten des Wahlvolks tun, sondern sich von Sponsoren, Lobbyisten und anderen Wohlwollenden bezahlen lassen.

Mir ist jedenfalls ein besoffen in der Ecke liegender Politiker lieber als ein regierender - Ersterer kann wenigstens nichts falsch machen. Und Autofahren muss er auch nicht mehr, er hat ja einen Chauffeur. Oder einen Taxifahrer.

Also nehmen wir doch den Ausspruch von Herrn Beckstein nicht ganz so ernst. Was spricht gegen ein gepflegtes Maßwetttrinken, Flatratesaufen oder exzessive Weinproben? Denn es gibt nur eines, was besser für das Land ist als ein betrunkener Politiker: Unzurechnungsfähiges Wahlvolk. Die glauben nämlich jeden Scheiß, solange die Preise für Alkoholika nicht erhöht werden.

Prost!