27 November 2008

Es hat geschrieben,...

... und jetzt sitze ich selig grinsend an meinem Laptop, schaue mir das kleine Wörtchen "WINNER" an und bin einfach nur glücklich.
Ich habe gerade einen Roman geschrieben, von dem ich bis vor einer Woche nicht wusste, dass er überhaupt in meinem Kopf ist!

ICH! HABE! EINEN! ROMAN! GESCHRIEBEN!

Und jetzt halten Sie sich fest: Ich bin damit eine von 5.420 AutorInnen weltweit, die das bis gerade eben geschafft haben! 5.420 Menschen haben im letzten Monat an ihren PCs und Laptops gesessen, haben sich in vielen Foren ausgetauscht, herzgeblutet, gemordet, gedichtet, phantasiert, geschrieben, sind vor ihren eigenen Gedanken geflohen oder waren deprimiert, weil es auf einmal keine Gedanken mehr gab.
5.420 Menschen haben all ihre Phantasie dafür eingesetzt, einen Roman zu schreiben. Einfach so. Ohne Preis. Ohne Wettbewerb. Nur für die Ehre. (Meine Mutter hat übrigens gerade am Telefon gesagt: "Scheiß auf Geld, wenn Du Ehre haben kannst!" Meine Mutter ist 86 Jahre alt und sagt NIEMALS Scheiße!)

Halten Sie sich noch ein bisschen fester: Auf

http://www.nanowrimo.de

steht zu lesen:

Die Geschichte von NaNoWriMo begann 1999 mit 21 Teilnehmern, im letzten Jahr waren es 114.922! 15.334 von ihnen haben die Ziellinie am 30. November 2006 um Mitternacht überschritten. Sie haben in nur 30 Tagen 50.000 Worte geschrieben und sind damit für immer in die alljährliche Liste der NaNoWriMo-Superstars eingegangen. Sie haben als Automechaniker, Schauspielerinnen und Mittelschullehrer begonnen. Sie gehen als Romanautoren.


JA! Ich auch. Ich bin unglaublich stolz darauf, dass ich dabei sein durfte und mich ab jetzt "NaNoWriMo-Winner 2008" nennen darf, und ich bin mehr als nur dankbar für die Erfahrung, die ich während dieses Monats (eigentlich ja nur während der letzten Woche) sammeln durfte. Obwohl ich nur mit einer Mitschreiberin direkt kommuniziert habe, fühlt es sich an, als hätten sich überall in der Welt neue FreundInnen gefunden.

26 November 2008

Es schreibt...

... anders kann ich es nicht bezeichnen. Es war unglaublich schwer, heute früh aus meiner Versenkung aufzutauchen und zur Arbeit zu gehen. Im Zug habe ich Robert und Karla vor mir gesehen, bei meiner Pilates-Stunde habe ich mit ihnen geredet, während ich herumgegangen bin und die Teilnehmerinnnen korrigiert habe, alles, was meine Mutter zu erzählen hatte, war irgendwie inspirierend, und weil ein Termin abgesagt hat, habe ich mir für 25 € ein liniertes, ledernes Notizbuch und einen neuen Kuli gekauft. Beides habe ich ins nächste Café getragen, mir einen großen Rotbuschtee bestellt und angefangen zu schreiben. Bis eben meine Ergüsse in den Laptop getippt. Nicht soviele Wörter wie gestern, aber für die kurze Zeit, die ich hatte, nicht schlecht.
Besonders stolz bin ich darauf, dass ich meine Schrift lesen konnte.

Alles ist gleichgültig. Ich will nur noch schreiben, will meinen zehn Fingern dabei zusehen, wie sie über die Tasten rasen. Will mich nicht unterhalten, finde alles profan, langweilig, oberflächlich, was nicht mit Karla und Robert zu tun hat.
Was mache ich, wenn ich die Wörter beisammen habe, wenn ich "ENDE" unter die Geschichte setze?
Es mag jetzt dramatisch klingen, aber ich glaube, nach der Erfahrung der letzten paar Tage werde ich nicht mehr dieselbe sein, will es auch nicht. Immerhin werde ich spätestens übermorgen einen Roman geschrieben haben. Es ist nicht mein erster, zugegeben, und vielleicht wird sich niemand finden, der ihn lesen will, vielleicht wird sich der eine oder andere Wegbegleiter wiedererkennen und nie mehr ein Wort mit mir sprechen, vielleicht wird sich jemand erkennen, von dem nie die Rede war und nie wieder ein Wort mit mir sprechen, vielleicht will ich nie wieder ein Wort mit irgendjemandem sprechen, sondern nur noch schreiben.

Morgen hätte ich Spanisch. Wenn ich nicht hingehe, fehlen mir schon zwei Einheiten. Wenn ich hingehe, fehlen mir möglicherweise Worte. Es will schreiben. Am liebsten die ganze Nacht durch.

Falls hier jemand mitliest und mehr Geld hat als ich (was nicht allzu schwierig sein dürfte...): Würden Sie netterweise ein paar Flaschen Rotwein kaufen, drei Kilo Bananen und fünf Liter Tomatensaft? Alles andere habe ich im Haus. Sie müssten nur freundlicherweise für ein paar Jahre Miete, Versicherung und Telefon übernehmen. Wäre das wohl möglich?

Es will weiterschreiben. Eventuelle SponsorInnen erreichen mich über die Kommentarfunktion. Kleiderspenden sind nicht erwünscht; ich habe zwei alte, bequeme Herrenschlafanzüge, einen Bademantel und genügend dicke Socken, das muss reichen.

Wirklich - hätten Sie mir zugetraut, in nicht einmal einer Woche 185 Seiten oder 40.000 Wörter zu schreiben? Ich nicht...

25 November 2008

Ein Roman ensteht - und ich bin dabei!

Ich brauche eine kurze Erholungspause von meinen beiden Protagonisten. Seit heute morgen um 8.00 Uhr sitze ich am PC und schreibe. Das Ergebnis meines morgendlichen Wiegens interessiert mich nicht mehr, ich habe mir die Erlaubnis gegeben, ein paar Tage keinen Sport zu machen, das zu essen, was schnell geht und meine anderen Arbeiten zu vernachlässigen.

Morgen muss ich eine Einführung in Autogenes Training halten, und ich habe gerade erst das Inhaltsverzeichnis gelesen. Karla und Robert verlangen all meine Aufmerksamkeit und all meine Energie, und mir blutet das Herz, wenn ich daran denke, dass ich morgen den ganzen Tag unterwegs sein muss. Vielleicht nehme ich mein Laptop mit? Oder wenigstens mein Tagebuch?

Meine Schreibstatistik, die ich gerade bei NaNo gefunden habe, zeigt den für mich typischen Verlauf, wenn es darum geht, was auch immer zu einem bestimmten Termin fertigzustellen:

Am 4.11. habe ich mit 637 Wörtern angefangen, mich rasch auf 846 gesteigert und dann erstmal ein paar Tage erholt, bevor ich am 11.11. in den Tausender-Bereich vorgedrungen bin mit 1561 und am nächsten Tag 1884 Wörtern. Die 5.000 habe ich am 17.11. geknackt, die 10.000er-Schallmauer am 22.11. durchbrochen, und am 23.11. dann den ersten 20.000er erklommen. Gestern, am frühen Abend, durfte ich mich über "Halbzeit" freuen, heute bin ich (Stand 19.08 Uhr) bei 36.059 Wörtern angekommen.

Bin gespannt, was Karla und Robert heute noch mit mir vorhaben. Und wie ich morgen das Problem mit dem Autogenen Training lösen werde. Zur Not lege ich eine CD ein und erzähle die Geschichte meines Romans. Oder lese daraus vor. Vielleicht wähle ich aber auch heimlich Einschlafmusik und schreibe weiter, während meine Teilnehmerinnen pennen...

24 November 2008

25.000!

Wenn Sie bitte einmal nach rechts schauen wollen: Es ist HALBZEIT! Oder anders gesagt: Ich habe die Hälfte der Strecke zu den verlangten, ersehnten und angestrebten 50.000 Wörtern erreicht!

Die Geschichte entwickelt sich weiter. Wird vielleicht sogar länger. Draussen liegt Schnee, drinnen gibt es Café del Mar, Jennifer Warnes, Sam White und Kräutertee literweise. Soll ja auch gut sein gegen Erkältung.

Gut. Ich wollte nur mein halbzeitiges Glücksgefühl teilen. Jetzt geht es mir besser, und ich werde versuchen, mich heute noch an die 30.000 heranzuarbeiten. Denn was die verbleibende Zeit betrifft, bin ich ja eher im finalen Viertel...

Übrigens sind die zur Sekunde gespeicherten 27.313 Wörter auf 124 Seiten verteilt. Wollte ich nur mal gesagt haben...

23 November 2008

Dämliche Gans!

Der Wind hat mich in die Ohren gebissen,
der Schnee meine Waden eingefroren,
der größenwahnsinnige Ganter
mich angezischt,
obwohl ich ihm sehr überzeugend erklärt habe,
dass ich Vegetarierin bin.

Blödes Viehzeug,
hat keine Ahnung von der Sensibilität
einer Schriftstellerin.

Kein Wunder,
dass man sie
mit Rotkohl serviert.

Es fließt.

Im Ohr habe ich Sam White, "Die Tür", ein wunderschönes Lied, und ich glaube, sein erster von vielen später folgenden deutschen Texten. Es gibt nur Lächeln oder Weinen, wenn ich seine Musik höre. Sie berührt.

http://www.myspace.com/samwhiteandfriends

Karla und Robert entwickeln sich, und sie entwickeln sich gut. Es fließt. Es schreibt aus mir heraus. Ich habe mir die Erlaubnis gegeben, es schreiben zu lassen, und alle Stimmen aus meinem Kopf verbannt, die mich zu zensieren versuchen.
"Schreib doch etwas Schönes!", "Schick Anna in den Keller!", "Die Leute haben genug Frust in ihrem Leben, da wollen sie positive Geschichten!", "Ich liebe, was Du schreibst, aber kannst Du nicht mehr Krimis schreiben?", "Es ist alles schön, was Du schreibst, aber die Satiren finde ich am besten.", "Warum gibt es bei Dir keine Happy-Ends?" habe ich in eine große Stofftasche mit der Aufschrift "Wohin damit?" gepackt und sie in den Keller getragen.

Keine Angst, Ihr Lieben, ich habe Euch (noch) nicht endgültig verklappt! Aber im Moment kann ich Euch nicht brauchen. Ich möchte Trauriges schreiben dürfen, ohne mich rechtfertigen zu müssen, möchte meinen Protagonisten bei ihren Depressionen zuschauen, ohne das Bedürfnis, helfend einzugreifen.
Ich höre traurige Musik, trinke gesüßten Chai und habe überall in meiner Wohnung Kerzen angezündet.
Vielleicht habe ich Lust, in 35.000 Wörtern wieder aufzutauchen. Vielleicht fließt es aber auch weiter, und die satirische, witzige und mörderische Guapa legt sich für eine Zeit in den Keller zur Stofftasche.
Alles darf, nichts muss!
Und ich erlaube mir alles, was meinen zehn Fingern Worte entlockt.

22 November 2008

10204!

Gut, dass ich nicht gleich ins Bett gegangen bin! Gerade habe ich die 10.000 überschritten!
Danke an Robert, Karla und diesen unglaublich guten Blanc de Blanc!

Im Plan

Karla und Robert brauchen eine Ruhepause. Sie hatten einen anstrengenden Tag.
Ich auch.
Immerhin ist jetzt Winter. Etwas, das jedes Jahr aufs Neue passieren könnte, in den letzten Jahren natürlich häufig nicht passiert ist wegen des Klimawandels und der Kuhfürze, hat nun auch noch besonders früh eingesetzt. Damals, als noch alles gut war und man noch nicht ausgerechnet hat, wann genau die Eisbären in Ermangelung von Eisschollen kläglich ersaufen, schneite es. Dann sagte Wilhelm Wieben unaufgeregt in der Tagesschau: "Das Wetter." Und der jeweils zuständige Wettermensch zeigte auf Täfelchen und erklärte, wo es schneien würde, wie lange und wie hoch.
Heute gibt es bei den ersten zwei Schneeflocken auch gleich die erste Unwetterwarnung, und weil alle glauben, dass es jetzt ganz fürchterlich wird, irgendeine Art von grauenhafter und unerwarteter Naturkatastrophe - WINTERGEWITTER!!! -, fahren sie, statt es ganz bleiben zu lassen, wie die Bekloppten in die Innenstadt, weil man ja schnell noch einen DVD-Player braucht, bevor die Lebensmittel rationiert werden.

Mein Bus kam pünktlich. Das erste Mal übrigens, seit ich Bus fahre. Der Weg von der Bushaltestelle nach Hause war dann etwas anstrengend. Ich hatte zwar Rückenwind und wurde daher nicht von wirbelnden Schneeflocken belästigt, aber die drei Gestalten, die mir auf MEINER Seite des Bürgersteigs entgegenkamen (Was hatten die überhaupt so spät noch auf der Straße zu suchen? Wenn es nicht schneit, bin ich die Einzige, die hier herumdölmert.), hielten die Köpfe wegen des Gegenwinds gesenkt. Ich musste zweimal "Achtung! Gegenverkehr!" brüllen, um einen Zusammenstoß zu verhindern. Hatte, ehrlich gesagt, auch überhaupt keine Lust, als Erste auszuweichen. Beim Letzten habe ich dann nur noch im letzten Moment "BUH!" gesagt. Was er geantwortet hat, konnte ich nicht verstehen, weil ich meinen MP3-Player auf volle Lautstärke gestellt hatte.

Bin trotzdem noch fast bis 10.000 Wörter gekommen. Aber dann ist erst Robert und später Karla ins Bett gegangen, und jetzt fällt mir nichts mehr ein.

Vielleicht sollte ich auch ins Bett gehen? Andererseits - der Vivolino (vino tinto de Socuellamos) ist saulecker und noch nicht alle und der Schnee, der auf mein Dachfenster fällt, irgendwie erweckend.

Und wenn ich Elke Heidenreich glaube und noch ein oder zwei Vivolino trinke, werden vielleicht auch Karla und Robert wieder wach und helfen mir, heute nacht noch auf die für mich magischen 10.000 Wörter zu kommen?

Sowieso bin ich der festen Überzeugung, dass alle die Streber, die schon jetzt, 9 Tage vor dem offiziellen Ende, mehr als 30.000 Wörter geschrieben haben, entweder nur unzusammenhängenden Mist verfasst oder schon heimlich vorher angefangen haben. Mein Starttermin ist ehrlich und ernsthaft der letzte Sonntag (vorheriges Rumgestümper zähle ich jetzt nicht), also 16 Tage nach dem offiziellen Beginn und 14 Tage vor dem Ende. Bin im Plan. Echt.

20 November 2008

Wörter zählen.

Blöd. Ich möchte heute eigentlich überhaupt nicht weg. Möchte an meinem Schreibtisch sitzen und dabei zusehen, wie sich die Geschichte zwischen Karla und Robert entwickelt. Das einzige, was ich dazu tun muss, ist, meinen Fingern dabei zuzusehen, wie sie über die Tasten rasen und Situationen bauen.
Ursprünglich hatte ich ja einen Plan, mit leichter Anlehnung an "Die Taube". Karla sollte jemanden kennenlernen, der ihr Leben völlig durcheinanderbringt und daran verzweifeln, weil ihre Tage nicht mehr geregelt waren. Jetzt hat sie jemanden kennengerlernt, den sie eigentlich nicht leiden kann.
Keine Ahnung, wie es weitergeht. Spannend ist der Versuch, mich auch in Robert und seine Denkweise hineinzuversetzen. Da ich Robert nicht fragen kann, was er denkt und fühlt, werde ich auch nicht erfahren, ob es mir wenigstens zeitweise gelingt.

Es fühlt sich unglaublich gut an, einer Geschichte beim Entstehen zuzusehen. Bin zwar immer noch weit hinter dem zurück, was die meisten TeilnehmerInnen des NaNo bisher abgeliefert haben, aber immer noch guten Mutes, dass ich es schaffen werde.

"Wie albern!", werden Sie jetzt vielleicht sagen. "Es geht doch um nichts! Am Ende steht kein Buchvertrag, es gibt kein Geld zu gewinnen, und das in ein paar Wochen in die Welt geworfene Phantasieprodukt muss wahrscheinlich noch diverse Male überarbeitet werden."
"Stimmt nicht! Es geht darum, ob ich in der Lage bin, etwas zuende zu bringen, was ich angefangen habe, auch wenn ich nichts weiter dafür bekomme, als einen Link auf meinem Blog, in dem statt 'Participient NaNoWriMo 2008' 'Winner' steht. Es geht darum, ob ich mehr kann als nur deprimierte Lyrik auszukotzen und witzige Geschichtchen zum Vorlesen zu produzieren mit einem Seitenblick auf hoffentlich amüsierte ZuhörerInnen. Es geht, mal wieder, um mein EGO."

Bevor mein Ego und ich allerdings unsere nichtvorhandenen Eier schaukeln können, müssen wir noch 42.111 Wörter schreiben und dabei zusehen, wie Robert und Karla etwas tun, von dem wir heute noch nicht wissen, was es sein wird. Vor allem aber müssen wir jetzt unser Laptop zuklappen und uns arbeitsfein machen. Irgendwie muss ja der Strom für das Schreibgerät bezahlt werden...

19 November 2008

Robert und Karla finden sich. Liebe wäre schön.

Robert und Karla sind das erste Mal aufeinander getroffen. Und ehrlich gesagt, ist es mir inzwischen sch...egal, ob ich die geplante Wortzahl pro Tag schaffe.
Ich schaue den beiden dabei zu, wie sie umeinander herumschleichen, sich lieben wollen und lieben sollten, aber an ihren eigenen Unzulänglichkeiten scheitern. Tragisch.

Übrigens ist das, was ich gerade geschrieben habe, nichts weiter als ein Fliegenschiss im Universum...

In meinem Universum sind vor kurzer Zeit ein paar Straßenlaternen ausgefallen, irgendein Pianist improvisiert, und das naturtrübe Rother-Bräu war sehr lecker.

Gerade habe ich mich gefragt, wie die Geschichte ausgehen würde, wenn ich ausnahmsweise auch das Happy-End in meinen Entwürfen zuließe.

Happy-End? Bin ich Rosamunde Pilcher???

Betrachtungen über eine Perspektive, die einen Fliegenschiss noch verkleinert

Meine Hauptfiguren erschrecken mich ein wenig. Sie sind sehr eigen, vorsichtig ausgedrückt. Und bei der Vorstellung, dass sie mir ähnlich sind, läuft mir der eine oder andere sehr kühle Schauer über den Rücken.

"Stell Dir vor, Du befindest Dich in einem Ballon, der höher und höher steigt. Du kannst sehen, wie das, was Du zurückgelassen hast, immer kleiner wird, während Du ein Ziel ansteuerst, das Dir erstrebenswert erscheint." So beginnt eine der Traumreisen, die ich anleite. Jetzt sitze ich in dem Ballon, schwebe nach oben und sehe aus dieser Perspektive erst, wie klein alles unter mir ist. Das kann gut sein, wenn es sich um Probleme handelt, und beängstigend, wenn es um den Lebenswert geht.

Wenn wir nämlich alle der berühmte Fliegenschiss im Universum sind, gibt es genau genommen keinen Grund, sich noch für irgendetwas anzustrengen, oder? Ein Fliegenschiss hinterlässt keine sichtbare Spur.
Wir können diesen Umstand natürlich auch mit dem Camus'schen Ansatz betrachten und uns sagen: "Na gut, wenn sowieso alles egal ist, was ich tue, kann ich auch tun, wozu ich gerade Lust verspüre, ohne mich um die Konsequenzen zu scheren!" Klingt besser für mich. Hinterlässt zwar auch keine Spuren, ist mir in diesem Fall aber egal.

Angesichts dieser Betrachtungen frage ich mich natürlich, was es bringen soll, meine Hauptdarsteller, die sich bisher noch nicht begegnet sind, aufeinandertreffen zu lassen. Das wäre nämlich mein Plan für heute abend gewesen.
Andererseits - falls es mir gelingt, die Entwicklung konsequent aus der Ballonperspektive zu beobachten, könnte eine spannende Geschichte daraus werden, die zumindest in meinem ganz persönlichen Universum einen größeren Haufen hinterlässt. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass mein Fluggerät oben bleibt. Lande ich und dränge mich dazwischen, wird es möglicherweise ein Drama.

Was dann aber auch wieder völlig egal wäre, weil auch meine Hauptpersonen Fliegenschisse im Universum sind.

17 November 2008

NaNoWriMo - Die Dritte

Sollte ich das passende Sujet gefunden haben? Nachdem mich gestern in der Sauna der eine und andere Gedanke umtrieb, habe ich beschlossen, dass mickrige 2900 Wörter noch nicht so gewichtig sind, dass man sie nicht kurzerhand wieder rauswerfen kann und noch einmal neu angefangen.

Im schlimmsten Fall habe ich Ende November mindestens drei Ideen für Geschichten/Romane/Novellen. Im besten Fall habe ich einen fertigen Roman ("Fertig" im Sinne von: "Hat den Anforderungen entsprochen und will jetzt editiert und lektoriert werden.") und zwei Entwürfe. In jedem Fall habe ich unglaublich viel geübt.

Die neue Geschichte ist übrigens beim Gedanken an "Die Taube" von Patrick Süskind geboren. Ich habe den Roman auf einer Busfahrt von Hurghada nach Kairo mit meinem damaligen Mann zusammen gelesen. Er wollte wissen, was ich da lese, ich habe versucht, es ihm auf Englisch zu übersetzen (in Ermangelung eines hinreichenden ägyptischen Wortschatzes), wir haben uns gestritten, weil er mich nicht verstanden hat, und ich habe das Buch im Bus vergessen.
Wir sind übrigens nicht mehr zusammen. Ich habe mich heimlich aus dem Staub gemacht, und keine Ahnung, wie lange er geglaubt hat, dass ich im nächsten Flieger aus Deutschland sitze. Meine Mutter würde mir jetzt sagen, ich hätte kein Rückgrat. Da ich es aber recht deutlich und schmerzhaft spüre und deswegen davon ausgehe, dass es da irgendwo sein muss, behaupte ich: Ich bin ein konfliktscheues Arschloch und habe eine Wirbelsäule. Aber das ist eine andere Geschichte.

Wegen des Streits konnte ich "Die Taube" nicht zuende lesen. Aber ich erinnere mich, dass es um einen Mann mittleren Alters ging, der in Paris lebt und ein absolutes Gewohnheitstier ist. Er geht jeden Tag die gleichen Wege um die gleiche Uhrzeit. Bis eines Tages diese Taube auf der Balkonbrüstung sitzt und sein ganzes Leben durcheinanderbringt. Das geht soweit, dass er sich nicht einmal mehr vor die Tür wagt.

Meine dritte neue und großartige Geschichte heisst: "Die Zeitschaltfrau", und einen ersten Entwurf kann man hier nachlesen:

http://www.nanowrimo.org//de/user/404709

Eine Taube spielt allerdings keine Rolle. Noch nicht.

16 November 2008

Striptease - DAS Stichwort

Manche Dinge schreiben sich ja wie von selbst. Und stellen sich, kurz nachdem sie sich haben schreiben lassen, als eine Art self-fulfilling-prophecy heraus.

An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an David Lynch! Du, ja Du hast mich inspiriert, meine auf dem Boden verteilten Klamotten einzusammeln und mich wieder anzuziehen.

Was ist Striptease? Einerseits denken wir alle sofort an die bekannt eindeutigen Seiten, die meist während der Betrachtung der nackten Damen den einen oder anderen Virus im System hinterlassen. Die Interpretation, von welchem System hier die Rede sein mag, überlasse ich der/dem geneigten LeserIn.
Manchmal meinen wir allerdings auch den oft zitierten "Seelenstriptease". Der hat nichts mit Erotik zu tun, sondern bedeutet, dass sich eine Person geistig nackig macht, Angriffsfläche bietet und jede Verteidigungshaltung aufgibt.
Im besten Fall.
Im schlimmsten Fall heisst diese Person Dieter Bohlen, Boris Becker, Nadja Abd el Farraq oder Veronika Pooth geb. Feldbusch, kassiert eine Mörderkohle für ihren Striptease und sagt eigentlich nichts anderes als: "Ich tue zwar so, als hätte ich mich ausgezogen, aber in Wirklichkeit bist Du, der Du freiwillig viel zuviel Geld für den von mir verbratenene Dreck ausgegeben hast, die nackte Sau."

Mancher Striptease mag mit der Motivation, sich zu zeigen, begonnen haben. Leider gibt es inzwischen zuviele 0190-Nummern. Und leider wird auch ein ehrlich gemeinter Striptease, der vielleicht sogar künstlerisch wertvoll ist, zur Farce, wenn der Zuschauer nur das nackte Fleisch der Stripperin und nicht mehr ihren Tanz zu sehen in der Lage ist. Dann ist Striptease nicht mehr Kunst, sondern Nachhilfe beim Eierschaukeln.

Empathie

Du sagst, Du schaust in mich hinein, doch
Du bist blind für alles ausserhalb Deiner getönten Brille.

Du erklärst, Du horchst in mich hinein, doch
Du bist taub für das, was nicht aus Deinen Lautsprechern tönt.

Du glaubst, Du fühlst in mich hinein, doch
Du bist gefühllos für das, was nicht in Deiner Haut steckt.

14 November 2008

Aneinander vorbeigeredet

Als ich in Deinen Armen lag,
hatte ich eine Idee
von Liebe.

Als ich Dich reden hörte,
hatte ich eine Vorstellung
von Persönlichkeit.

Als ich Dir antwortete,
hatte ich eine Bestätigung
für all meine Ängste.

Zwei Menschen

treffen sich,
reiben sich,
versuchen,
sich zu lieben.

Zwei Menschen
sehen sich,
streiten sich,
versuchen,
sich zu finden.

Zwei Menschen
lieben sich,
finden sich,
versuchen,
sich zu halten.

Zwei Menschen
trennen sich.

12 November 2008

Fortschreitende Subjektivität

Und schon wieder so ein autobiographischer Kram... Nein, nicht hier, aber dort! Meine Gestalten entspringen meinem Kopf, aber sie haben reale Vorbilder. Dürfen sie das? Man hat mir doch mehrfach erklärt, dass ich meine Person einmal aussen vor lassen soll. Kann ich aber nicht. Ich bin nicht objektiv, und das war auch nie meine Absicht!
Das, was ich sehe und beschreibe, ist meine ganz persönliche Sicht der Dinge! Es gibt keine Wahrheit. Keine allgemeingültige jedenfalls.

Heute fragte mich eine Kursteilnehmerin, ob das, was sie bei einer Übung wahrgenommen hätte, richtig gewesen sei. Ich habe ihr gesagt: "Du hast es wahrgenommen. Damit ist es Wahrheit." Wie sollte es auch eine allgemeingültige Wahrheit geben? Alles, was wir sehen und wahrnehmen, ist unsere ganz persönliche Sicht auf die Welt und das Drumherum.

Ich will nicht nicht autobiographisch sein! Denn jede Geschichte, die meine eigene Wahrnehmung aussen vor lässt, ist meilenweit entfernt von mir. Ich mag aber nur über Dinge oder Menschen schreiben, die mir nahe sind. Ich möchte meinen Blick auf die Welt beschreiben dürfen, und das kann nicht objektiv sein.

Robert und Anna (Das sind die Hauptpersonen meiner Novelle, so sie denn bis zum 28.11. fertig wird.) sind Menschen, die mir nahestehen. Ich will nicht so tun, als existierten sie nur in meiner Phantasie, ich will sie vermischen, das Aussen mit dem Innen verbinden. Keine Ahnung, ob das auch funktioniert...

Vollmondjunkie

Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Irgendetwas in mir braucht den Vollmond.
Das klingt vielleicht ein wenig nach Michael Jackson in "Thriller": "I am not like the other girls." Oder so.
Und trotzdem: Ich brauche keine Diät anzufangen bei zunehmendem Mond. Ich nehme auch zu, egal, ob ich esse oder nicht. In den paar Tagen vor dem Vollmond scheint etwas in mir darauf zu warten, dass "es losgeht".
Nein, keine Sorge, mir wachsen weder Fangzähne noch Krallen noch Fell, und ich ziehe auch nicht mitternächtens blutdurstig um die Häuser. Aber ich spüre es, ihn. Meine Kreativität steigt mit dem sich füllenden Mond, ich brauche nicht mehr soviel Schlaf, bin leistungsfähiger.
Meine Hoffnungen vergrößern sich ebenfalls.
Der volle Mond bedeutet mir viel, er bewegt mich, treibt mich um, hält mich wach, findet mich spätabends in der Auffahrt, den Kopf in den Nacken gelegt, den Blick suchend auf die von ihm angestrahlten Wolkenfetzen gerichtet. Was ich dort suche? Was man eben so sucht: Helligkeit, Klarheit, Schönheit, Erkenntnis, Fürsorge, den Grund im Unbewussten, Etwas.
Vor vielen, vielen Jahren habe ich Monde gezählt, weil ich fort wollte. Manchmal zähle ich Tage, weil ich fort muss. Manchmal bleibe ich stehen und schaue, weil ich nicht gehen möchte.

Vielleicht waren ja die Werwolffilme früherer Jahre deshalb so furchteinflößend, weil der Mond erschreckend verlockend war? Vielleicht war es ja gar nicht die Furcht vor der Bestie dort draussen, sondern vor dem Monster hier drinnen?

Wenn ich nicht solche Angst vor einem möglichen, knochenbruchbedingten Verdienstausfall hätte, würde ich mir jetzt meine Laufschuhe anziehen und unter dem fast vollen Mond rennen.

Heute abend beschränke ich mich darauf, mich auf den Balkon zu stellen, in den Himmel zu schauen und das in meiner Kehle aufsteigende Heulen zu unterdrücken. Ein leises Knurren muss reichen...

11 November 2008

1561 Wörter!

"Wahnsinn!" möchte ich da ausrufen, mir auf die Schulter klopfen und in Ehrfurcht vor meiner schriftstellerischen Leistungsfähigkeit erstarren. Immerhin habe ich schon 3,1% der verlangten 50.000 Wörter geschrieben.
Aber was soll ich tun? Seit dem 01.11., also dem offiziellen Beginn des NaNoWriMo, geistern in meinem Kopf Gedanken herum, treffen sich zu einem kleinen Plausch, trennen sich wieder und verschwinden im Nirvana meiner Phantasie.
Zunächst war Anna allein, 332 Wörter bekam sie von mir, dann fand ich, Anna sei nicht so wichtig, und habe mich auf Robert konzentriert. Robert brachte es immerhin auf 882 Wörter.
Heute habe ich die beiden sich treffen lassen, et voilà!, 1561 Wörter!
Allerdings muss ich jetzt meinen Kreativitätsausbruch wieder in andere Bahnen lenken - in einer halben Stunde fährt mich mein Bus zum Spanischkurs. Aber ich werde die Fahrt nutzen, um über Robert und Anna nachzudenken. Noch ist ja alles offen: Es kann eine wunderschöne Liebesgeschichte werden, ein Drama oder ein blutiges Gemetzel. Das hängt von meiner Stimmung in den näcshten 19 Tagen ab.

Eines ist sicher: Ich werde die eine oder andere Nachtschicht einlegen müssen...

10 November 2008

Mondphasen

Vollmond,
klare, weisse Nächte,
viel geträumt,
sehnsüchtige Blicke,
taumeln im Unbewussten,
Zuversicht.

Neumond
tiefe, undurchdringliche Dunkelheit,
wenig geschlafen,
hoffnungslose Laute,
haltlos in der Gegenwart,
Rückschau.

Sehnsucht

"Kind muss weinen,
Kind muss schrei'n,
Schrei'n macht müde,
Kind schläft ein."


Das Schluchzen von Purple Schulz klang in meinen Ohren immer viel echter als die Tränen von Sinead O'Connor mir erschienen.
1985 habe ich jedesmal mitgeweint, habe das, wovon er gesungen hat, tief in mir gespürt.
Einer der Kommentare auf YouTube lautet: "Vielleicht hat der Kerl mir damals den Weg zur Melancholie gezeigt."
1985 war ich in einem Alter, in dem man weg will, ohne zu wissen, wohin es gehen soll, in dem man nach Leben schreit, ohne eine Vorstellung zu haben, einem Alter, in dem noch alles offen dazuliegen scheint und nur aufgehoben werden will.

http://de.youtube.com/watch?v=rBEdQW9n81k

"Ich will raus!" - das habe ich jedesmal inbrünstig mitgeschrien. Auch ich habe geweint, geschluchzt, geträumt.

Es würde mich interessieren, wie es Purple Schulz heute geht. Ich hoffe, er macht keine Schlager.

09 November 2008

Gedanken beim Pornogucken – nicht zu verwechseln mit pornographischen Gedanken!

Das Werk heisst „Constance“, und die betrügerische Verleihfirma hat Lars von Trier als Regisseur angegeben. „Ui!“, dachte ich bei mir, „Ein Porno von Lars von Trier ist garantiert künstlerisch wertvoll und hat genau das richtige Maß aus Ästhetik und Deutlichkeit!“ Ich dachte dabei an „Dogville“ mit Nicole Kidman.

Ja, es mag naiv sein, bei einem Porno an das Prädikat „Künstlerisch wertvoll“ zu denken. Aber es gibt auch erotische Filme mit Handlung! „9 ½ Wochen“ zum Beispiel oder „Wilde Orchidee“. Mehr kenne ich auch nicht, zugegeben. Und meine Pornoerfahrung beschränkt sich auf zwei Werke, nämlich erstens „Klara und die 40 Gastarbeiter“, den ich im zarten Alter von 16 Jahren zusammen mit meinem damaligen Liebsten geschaut habe und der genau die Handlung hatte, die der Titel bereits ahnen ließ. Wir haben recht bald wieder auf die Sportschau umgeschaltet damals. Den zweiten habe ich dann später mit meiner besten Freundin geschaut. Er hieß „Exzesse in der Frauenklinik“, und wir fanden es unglaublich witzig, zu welchen Gerätschaften Menschen greifen, wenn es um die Befriedigung ihrer Gelüste geht. Eine sich festsaugende Colaflasche war noch das langweiligste Requisit.

„Constance“ hatte zwei weibliche und drei männliche Akteure und spielte anscheinend in Schweden. Die DVD lief noch keine zehn Minuten, da wandelte mich die Lust an, mir die Fingernägel zu feilen. Ich dachte, dass ich das Nageletui ja immer noch weglegen könnte, wenn sich irgendetwas Aufregendes auf meinem Bildschirm tat.

Mit meinen Nägeln war ich zwanzig Minuten später fertig. Die Filmmusik war nicht schlecht, irgendetwas nach „House“ Klingendes in einer Endlosschleife. Passend zur Handlung. Vögeln vorn, vögeln hinten, kurz mal festbinden, dann gleich wieder abmachen, vögeln vorn, vögeln hinten.

Glücklicherweise hatte ich vor ein paar Tagen einen Bildband über Alaska geschenkt bekommen, den ich mir nebenbei angesehen habe. Fragte mich, von wem wohl die Musik war. Die Busen einer Protagonistin waren künstlich hergestellt, was ich daran erkennen konnte, dass sie (die Busen) in Rückenlage senkrecht nach oben standen. Das macht keine natürliche Brust, die hat den Anstand, sich zumindest ein wenig zur Seite zu legen. Vorausgesetzt natürlich, es handelt sich um etwas Größeres als 70 A. Die steht auch von allein.

„Was nehmen die Jungs, damit sie so lange können?“ fragte ich mich. Und „Warum tun die so, als hätte dieses Ding eine Handlung? Die alberne Vögelei hätte doch auch gereicht!“

Ich dachte ein wenig über Alaska nach und versuchte, die Einleitung erst auf Englisch, dann auf Spanisch zu übersetzen. Derweil entdeckte Constance das Vergnügen, zwei Herren gleichzeitig zu beschäftigen, ihre Stimme aus dem Off beteuerte allerdings die ganze Zeit, dass sie sich so furchtbar schämte. „Ach, Mädel“, sagte ich meinem Laptop, „lass es, mach weiter, aber halt die Klappe!“

Vor langer Zeit gab es eine Kampagne, die aus USA direkt in die Redaktion der EMMA schwappte und von Alice Schwarzer dankbar aufgegriffen wurde. Sie hieß PorNo. Wenn es nach mir geht, können wir sie gern wieder aufleben lassen.

Irgendwann ging das bis zu diesem Zeitpunkt noch halbwegs geordnete Treiben (von dem übrigens nicht viel zu erkennen war, weil man es vorzugsweise bei Kerzenlicht trieb) in ein wildes Rudelbumsen in Kostümen über.

Ein guter Zeitpunkt, den Film zu stoppen und zurück in den Umschlag des DVD-Verleihs zu stopfen, den er nie hätte verlassen dürfen. Wahrscheinlich wartete irgendeine andere Kreatur, die der gleichen Geschichte aufgesessen ist, schon sehnsüchtig auf „Constance“.

Für den Fall, dass Sie mitlesen: Der Regisseur war nicht Lars von Trier.

07 November 2008

Gott ist kein Taxifahrer

... und trotzdem habe ich ihn heute wiedergefunden - durch Bangen, Betteln, Beten!

Aufgrund einer intensiveren Kundenbetreuung (nicht, was SIE denken!), hatte ich heute keine Chance, den letzten Bus nach Hause zu nehmen und bestellte mir ein sogenanntes "Anrufsammeltaxi". Das bringt eine bis vor die Haustür, und verlangt nur einen "Komfortzuschlag" in Höhe von 1,75 € (in meinem Fall).

Allerdings lag zwischen Feierabend und Anrufsammeltaxiabfahrtzeit eine gute Stunde. Die gedachte ich zu nutzen, indem ich in einer recht netten Gaststätte am Göttinger Hauptbahnhof ein oder zwei Feierabendbiere zu mir nehme und dabei die Götz-George-Biographie lese.
Leider hatte die betreffende Lokalität irgendwann innerhalb des letzten Jahres Konkurs angemeldet oder der Besitzer beschlossen, sein Leben nicht mehr gastronomisch verbringen zu wollen, und an dieselbe Stelle war ein italienisches Restaurant getreten.
Ich wollte aber nichts essen (bin ohnehin auf direktem Weg zum Moppel), sondern trinken. Also wanderte ich wieder quer durch das Bahnhofsgebäude zur anderen Seite, um in der nächstgelegenen Innenstadtstraße nach Bier zu suchen.
Das erste Café in der Straße: Voll. Nicht die Chance eines Sitzplatzes. Und schon beim Blick durch die Fensterscheiben wurde deutlich, dass sich der Thekenmann in einem Stadium extremer Überforderung bewegte (Was, nebenbei gesagt, bei einem Thekenmann nicht sehr schwer ist, insbesondere, wenn er Korksandalen trägt...).
Café Nr. 2 war ebenfalls recht schnell als überfüllt einzustufen.
Ich beschloss, alte Zeiten aufleben zu lassen und eine Gaststätte zu besuchen, die mich seit meinem Abitur nicht mehr gesehen hatte.
Seltsamerweise durfte man dort rauchen. Überall! Und die Thekenfrau war ähnlich überfordert wie der Thekenmann in Kneipe Nr. 1. Ich schaffte ein Bier in dreissig Minuten, und das lag nicht an meiner Trinkgeschwindigkeit!
Da ein zweites Pils also nicht in Frage kam (inzwischen war es zu spät, um auf die 7 Minuten, die eine engagierte Frau zum Zapfen benötigt, zu warten), marschierte ich wieder Richtung Busbahnhof, kaufte mir unterwegs an einem Kiosk einen Sechserträger und baute mich an der Anrufsammeltaxihaltestelle auf.
Prophylaktisch schickte ich ein paar Stoßgebete Richtung Universum: "Bitte nicht X! Der ist so grottenlangsam! Bitte nicht X!"
Ich hätte wissen müssen, dass es besser ist, etwas Bestimmtes zu bestellen, als schwammig zu sagen: "Ich will aber nicht..."
Um 22.30 Uhr hielten drei Taxen gleichzeitig am Zentralen Omnibusbahnhof der südniedersächsischen Metropole. In Nr. 1 saß X und erklärte in der ihm eigenen Schlafmützigkeit, er führe in die Gemeinde Gleichen - diametral entgegengesetzt von meinem Wohnort.
Die größte anzunehmende Unannehmlichkeit war damit an mir vorübergegangen. Dachte ich.
Das nächste Taxi roch nach diesem recht günstigen Rasierwasser, das es bei Aldi Nord für 5,98 € pro Liter zu kaufen gibt. Das war meines. (Nicht das Duftwasser, sondern das darin gebadete Taxi.) Der dazugehörige Fahrer blickte missbilligend erst auf meinen Sechserträger und dann auf mich. Erstens war ich nicht verschleiert, zweitens im Dunkeln unterwegs und drittens ohne Kerl in Sichtweite, der mir hätte sagen müssen, wo es längs geht.
Nein, im Gegenteil, ich musste dem duftbewässerten Herrn erklären, dass der Ort, den er in seiner Liste suchte, nicht der Ort sei, zu dem ich gefahren werden wollte.
Irgendwann fuhr er dann los. Schnaufend.

Jetzt kommt Gott ins Spiel.

Da der Fahrer sich nicht entscheiden konnte, welche Spur er bevorzugte und deshalb sicherheitshalber zwei Fahrstreifen gleichzeitig befuhr, bog er auch immer im letzten Moment in die richtige Richtung ab.
Derweil trainierte ich meine Bauchmuskulatur: Bremsen - fahren - bremsen - fahren - vorbeugen - zurückfallen - vorbeugen - zurückfallen.

Eine Ampel schien ihm wichtig zu sein, denn immerhin steuerte er mit ca. 100 Stundenkilometern auf die von Gelb auf Rot umspringende Anlage zu. Ich schloss kurz die Augen und dankte GOTT, dass ich erstens keine Erben und zweitens nichts zu vererben hatte. Glücklicherweise machte er unmittelbar nach dem Überqueren der Kreuzung eine Vollbremsung. Mein erster Gedanke war, dass er jetzt doch ein schlechtes Gewissen bekommen hatte. Mein zweiter galt sehnsüchtig dem Streifenwagen am Straßenrand, der das Manöver leider nicht registriert hatte.

Ortausgang. Drei Fahrspuren, eine davon ein Linksabbieger. Die dort angebrachte Ampel zeigte Rot. "Mein" Fahrer vollbremste. Für die beiden Geradeausspuren gab es übrigens an dieser Stelle noch nie eine Ampel.
Irgendwann bemerkte es dann auch der Fahrer und gab Vollgas. Wir brausten mit ca. 140 km/h über eine Landstraße, die maximal 120 km/h erlaubte.

Da! Eine Linkskurve! Hat er sie gesehen? Naja, gerade mal im letzten Moment. So ein Adrenalinstoß fühlt sich interessant an, zumal, wenn keinerlei Einflussmöglichkeiten der Adrenalin Ausschüttenden möglich sind. Augen zu, oder lieber Augen auf? Schreien? Schimpfen?

Hatte ich erwähnt, dass der Kamikaze zunächst einen sehr ruhigen, friedlichen Klassiksender hörte, dann, unmittelbar, nachdem ich ihm ein Kompliment für seine Musikauswahl gemacht hatte, auf wildesten Freejazz wechselte, der dann auch noch durch atmosphärische Störungen derart verzerrt wurde, dass selbst ein Fan dieser Art von Geräusch (was ich nicht bin), an die Grenzen seiner Leidensfähigkeit getrieben werden könnte.

Ich fragte mich, warum ich mit meinem Wunsch nicht genauer gewesen war und wies dem Fahrer den Weg. Die Abfahrt von der Schnellstraße fand er sehr spät und auf zwei Rädern. Ich fand zum Glauben zurück.

Außerdem schnaufte er die ganze Zeit.

Begleitet von noch immer atmosphärisch gestörtem Freejazz, dem schweren Atmen des Fahrers und den Geräuschen meines panikartigen Hyperventilierens erreichten wir Whausen. Die ersten steilen Kurven nahm er mit 70 km/h. Er reduzierte die Geschwindigkeit etwas, nachdem ich ihm erklärt hatte, dass im Ort "Rechts vor Links" gilt. Trotzdem hätte er dem an die Gemeindehaushecke pinkelnden Ureinwohner fast den Hintern abgefahren.

Kurz darauf erreichten wir meine Wohnstatt.

Ich lebte, und mein Sechserträger war unverletzt.

Das war mir ein kurzes Gebet wert.

04 November 2008

Kein WIR

Es ging schnell:
Einige wenige Worte
besiegelten
ein Ende,
wo
niemals
ein Anfang
gewesen war.

Ich.
Du.
Wir?

NEIN.

ICH.
DU.

Eine neue Geschichte

Gerade habe ich all die "vielen" Wörter, die ich bereits geschrieben habe, irgendwo in den Tiefen meines Laptops gespeichert und eine neue Geschichte angefangen. Ich bin einem mir sehr wertvollen Menschen nämlich noch eine Geschichte schuldig, und was könnte ein besserer Grund sein als der NaNoWriMo? Hier habe ich keine Zeit, mich oder die Geschichte zu zensieren, denn ich habe meinem bisherigen Provider zum 28.11. gekündigt, und wahrscheinlich wird es ein paar Tage dauern, bis der neue Anbieter mich online bekommen hat.
Das bedeutet für meine Novelle, dass sie bis zum 28.11. fertig sein muss. Angesichts der Tatsache, dass ich ausserdem noch wild Spanisch lerne, 20 Stunden pro Woche arbeite, Abgabetermine für Literaturwettbewerbe einzuhalten versuche, unbedingt Sport treiben muss und dabei bin, einen Entspannungskurs zu konzipieren, sollte das genügend Zeitdruck sein.
Immerhin habe ich in einer halben Stunde schon mehr als doppelt soviele Wörter geschrieben wie in den letzten drei Tagen.
Vielleicht ist es auch für mich gut, einmal nicht nur mich zu sehen oder in meiner Phantasie zu kramen, sondern mich in einen anderen Menschen hineinzudenken. Es zumindest zu versuchen. Vielleicht schaffe ich es ja, meine Ausweichmanöver endlich einzustellen.

Natürlich geht es um nichts als "die Ehre": Bin ich in der Lage, innerhalb eines bestimmten Zeitraums (30 Tage, ab morgen nur noch 25, Providerwechsel berücksichtigt sogar nur noch 23) in das Leben eines Anderen einzutauchen, mich hineinzuversetzen, ihm gerecht zu werden? 50.000 Wörter oder 175 Seiten zu schreiben mit der Idee, diese zu überarbeiten und einen "richtigen" Roman daraus zu machen?
Ist ganz schön viel, finde ich. Geld gibt es nicht. Aber viel Geld gibt es ohnehin immer nur dann, wenn man auf Kosten anderer agiert. Ackermann. Deutsche Bank. Die Liga der maßanzugbekleideten Gentlemen.

Ich schreibe jetzt weiter. Und ich genieße es, meinem Protagonisten so nahe zu kommen, wie ich es mir vorstellen kann. Es ist nämlich viel leichter, jemandem schreibend als "in echt" näher zu kommen...

03 November 2008

Mein Schweinehund ist schuld!

Kerzenlicht taucht mein Wohnzimmer in ein sanftes Licht. Ätherisches Öl, Duftmarke "Widder" duftet vor sich hin und soll mich inspirieren. Aus dem Badezimmer riecht es nach dem Schaumbad, das ich mir gerade eingelassen habe, aus den Boxen singt Elton John "Live in Australia", die Heizung ist auf "3". Beste Voraussetzungen zum Schreiben, Kommunizieren, Inspiriertwerden, sich ausdrücken, eben all das tun, was ich mir vorgenommen habe.

Mein Schweinehund, das kleine Arschloch, ist heute extrem aktiv. Er hat gemacht, dass ich viel zuviel gegessen habe und mir immer noch schlecht ist, dass ich nicht gelaufen bin und mir keine einzige Zeile aus der Feder gesprungen ist. Dies sind meine ersten heute. Zumindest auf Deutsch. Spanische Zeilen habe ich nämlich einige geschrieben, und ich habe den kapitalen Fehler gemacht, meine Spanisch-Hausaufgaben zu erledigen, bevor ich mich an meinen Roman gesetzt habe. Zwei Stunden Spanisch machen Wirrwarr im Kopf. Jedenfalls in meinem. Ich konnte schlicht keinen deutschen Gedanken mehr fassen; alles habe ich erst einmal übersetzt. So kann man nicht arbeiten!
Und dann war ich auch noch unterzuckert, keine Ahnung, warum. An mangelndem Zuckerkonsum kann es nicht gelegen haben; zeitgleich mit dem Herbstbeginn schreit mein Schweinehund nach Schweinkram. Passt ja auch. Das Fatale ist, dass er es auch von mir bekommt. Und um das wieder abzuarbeiten, hätte ich laufen müssen. Man kann aber unterzuckert nicht laufen, weil man dann entweder unterwegs ohnmächtig wird oder kotzen muss. Also habe ich etwas gegessen: Eine sehr große Portion Nudeln mit vegetarischer Bolognese und frischgeriebenem Parmesan. Und weil ich meine Arbeit ja ohnehin schon unterbrochen bzw. überhaupt noch nicht begonnen hatte, konnte ich meine Nudeln ja auch essen, während ich mir ein zweites Mal "Casino Royale" anschaue. Mein Ehemalsliebster ist nämlich der festen Überzeugung, dass diese Interpretation von James Bond besonders gut sei, was ich beim ersten Schauen nicht nachvollziehen konnte. Die Werbung war etwas dezenter als bei den vorhergehenden, ansonsten war es so hektisch wie immer, und Q hat mir auch gefehlt.
Trotzdem habe ich "Casino Royale" noch einmal angeschaut und fand ihn heute tatsächlich gar nicht so schlecht. Das kann allerdings auch daran gelegen haben, dass ich mir als Nachtisch noch eine halbe Packung Leibnizvollkornbutterkekse und diese unglaublich leckeren Käsestängli von Aldi gegönnt habe, von denen nach meiner gestrigen After-Sauna-Fressattacke noch ein paar übrig geblieben waren.
Ich habe die ernsthafte Befürchtung, dass mich nur die Tatsache, dass ich nicht kotze, von einer Bulimikerin unterscheidet und nur meine Konstitution bisher größere Fettleibigkeit verhindert hat. Aber ich bin sicher, die Adipositas zweiten Grades lauert in einer dunklen Ecke auf mich!

Was ich damit sagen will?

  1. Ich habe keine Lust, in die Badewanne zu steigen und weiss, dass es böse ist, soviel Wasser für nichts und wieder nichts zu verschwenden. Aber wenigstens hat das Schaumbad den Ölfilm von letzter Woche weggeätzt.
  2. Mein Schweinehund ist in den letzten Tagen gewachsen.
  3. Mir fällt nichts ein.
  4. Ich kann nichts dafür.

01 November 2008

Van Damme zieht sich nicht aus!

Ich bin enttäuscht! Heute abend habe ich für 9,99 € in dem Laden, der Geiz geil findet, eine DVD mit Jean-Claude van Damme erstanden, "Until Death". Klar, wir werden alle nicht jünger, aber Herr van Damme hat sich, zumindest im Gesicht, recht gut gehalten. Ich habe mich kurz gefragt, ob das ein Chirurg war. Einerseits sind da schon ein paar Falten zu sehen, andererseits müsste der Gute inzwischen fünfzig Jahre alt sein, und noch andererseits hat er so komische Beulen auf der Stirn - vielleicht allergische Reaktionen auf Botox?

Da lobe ich mir doch Steven Seagal; der altert ordnungsgemäß vor sich hin, pflegt seinen Bauch und haut trotzdem noch recht ordentlich zu. Naja, und dann gibt es natürlich noch die Möglichkeit, zu schießen, statt zu hauen. Da muss man sich nicht so anstrengen und kann den Maskenbildner die Hauptarbeit tun lassen.

Aber ich bin ja nun einmal Fan. Und als solcher habe ich geschlagene 90 Minuten darauf gewartet, dass sich der Kerl (Mr. van Damme) endlich auszieht. Das hat er in all seinen anderen Filmen schließlich auch getan! Ich erinnere mich mit einem wohligen Schaudern an "Bloodsport", wo er zwischen zwei Stuhllehnen einen Spagat gemacht und gleichzeitig Sixpack und Armmuskulatur präsentiert hat. Die Kratzer auf dem Bildschirm, die meine Fingernägel damals hinterlassen haben, sind nie wieder weggegangen.

Gut, später gab es dann den einen oder anderen Film mit einer Form von "Anspruch", irgendetwas Sozialkritisches eben, wenn er ganz allein gegen eine Meute von dekadenten Millionären ankämpfen musste, aber ausgezogen hat er sich immer!

Heute nicht!

Ich habe 9,99 € für einen bekleideten, humpelnden (zwischendurch lag er mal im Koma und hat einen Hinkefuß zurückbehalten) und wild um sich schießenden Jean-Claude van Damme bezahlt! Ich bin enttäuscht! Zutiefst unbefriedigt! Es ging mir doch schließlich nicht um die Handlung, sondern um eine anmutige Pose!

Leider habe ich sonst nur noch einen operierten Sylvester Stallone, Pans Labyrinth und Ice Age I im Haus. Darum meine dringende Bitte an Leser, die meinem Beuteschema (groß, athletisch, dunkle Haare, grüne Augen, Sixpack und schicker Bizeps) entsprechen: Schicken Sie mir doch bitte ein Foto, auf dem Sie Spagat zwischen zwei Stühlen machen! Sie dürfen auch gern blöd gucken; die Köpfe schneide ich nötigenfalls einfach ab. Bitte! Retten Sie meinen Samstagabend!