25 April 2009

Uups, die Kinder sind weg!

"Ob die Kinder bald wieder mit ihrer Mutter zusammenleben können, soll in Ruhe geprüft werden. 'Es gibt allerdings viele schlimmere Fälle von Verwahrlosung', sagte Voß. Immerhin seien die Kinder in einem Lokal in der Stadt und nicht wild an einer Straße ausgesetzt worden. 'Das ist ja auch schon eine Art Fürsorge.' (Kölnische Rundschau, Online-Ausgabe, 25.04.09)
Na, dann ist ja alles gut! Mama hat die Kinder nicht gleich nach der Geburt abgemurkst und unter den Primeln verbuddelt, und Papa hat sie nicht vergewaltigt und für eine einschlägige Kinderpornoseite gefilmt.

Diesen Kinder geht es nahezu großartig! Was möhren die bei Bild.de da überhaupt rum? Sie hatten zu essen, die Leute haben mit ihnen geredet, und später kamen dann ein paar deutsche Beamte und spielten "Wo ist Mama?"

So etwas kann passieren. Menschen bekommen Kinder, ohne so ganz genau zu wissen, was sie damit anfangen sollen.
Und dabei ist es vollkommen gleichgültig, ob sie einer bildungsfernen oder -nahen Schicht entstammen; wupps, ist das Blag da und nervt rum.
Da muss Milch eingefroren werden, mitten in der Nacht wird es wach und brüllt rum, und später will es dann auch noch auf's Gymnasium oder eine Eliteschule. Wenn man Glück hat. Hat man keines, tritt es der Ortsteilgang bei.

Und wenn man dann gar nicht mehr weiter weiß, ist es völlig verständlich, die Brut in der nächstgelegenen Pizzeria abzusetzen. Wobei eine italienische Pizzeria wahrscheinlich mehr Überlebenschancen bietet als ein deutscher Supermarkt.

Eigentlich ist alles so, wie es sein sollte.

Immerhin haben die Gören ein paar Tage nicht ferngesehen. Ist doch besser als Burger bei "Gute Zeiten, schlechte Zeiten"?

Konferenzen

Demnächst steht eine Art Konferenz an. Ich darf nur maximal zwei meiner Anteile mitbringen, einen freundlichen und einen zickigen. Was also mache ich mit den anderen? Kampfschwein und Rampensau tröten schon jetzt: "Ohne uns brauchst Du nirgendwo hinzugehen, das bricht Dir den Hals, Du Weichei!" Ich erkläre ihnen, dass ja noch nichts entschieden ist.
Der Widder findet, dass er auf jeder Wiese zuhause ist und es somit überhaupt keinen Grund gibt, ihn zuhause zu lassen. Sein Aszendent stimmt zu. Ich erkläre ihnen, dass ich ja die Reise noch nicht geplant habe.
Der Energieprotz ist ein wenig angepisst. "Eine Konferenz ohne mich? Da schläfst Du doch sofort ein, wo Du doch keinen Kaffee trinkst!" Ich erkläre ihm, dass ich noch gar nicht sicher bin, ob ich hinfahre.
Das Einzelkind stellt sich direkt neben Kampfschwein und Rampensau. "Was machst Du denn ohne mich, wenn Du auch mal etwas sagen willst? Feuchte Hände kriegen, sonst nix!" Ich erkläre ihm, dass ich mich noch in der Entscheidungsphase befinde.
Sportjunkie und Wegläuferin finden, dass eine Konferenz, wo man nur stillsitzen und zuhören soll, sowieso Mist ist. Und ungesund und unbefriediegend obendrein. Ich erkläre ihnen, dass ich nirgendwo hingehe, wo ich nicht laufen kann.
Der Putzteufel fragt: "Und wie sieht es um Dich herum aus, wenn Du mich nicht mitnimmst?" Ich erkläre ihm, dass ich mich vor der Konferenz noch mit den anderen abstimmen muss und vorher ganz bestimmt noch einmal saubermache.
Zicke und Diva sind sich einig: "Du gehst nirgendwohin, ohne Dich vorher ordentlich aufzubrezeln! Sonst umschwärmt Dich keine Sau!" Die Zicke fügt hinzu: "Und wehe, Du bist nett!" Ich erkläre ihnen, dass ich sowieso viel lieber zuhause bleiben möchte.
Das Sonnenkind ruft: "Aber mich musst Du mitnehmen! Ich bin zu allen nett, und alle finden mich nett. Mit mir hast du eine gute Zeit!" Ich erkläre ihm, dass ich mich freuen würde, wenn es nach dem Aufstehen das gleiche Engagement zeigte.
Zum Schluss meldet sich die Lebenskünstlerin zu Wort: "Mach, was DU willst, und Du wirst Dich gut fühlen!" Ich erkläre ihr, dass sie vollkommen recht hat und sage meine Teilnahme ab.

22 April 2009

Wo bist Du?

Wenn ich meine Augen schließe,
sehe ich mich.
Nur mich.
Dich
sehe ich nicht.

Wo solltest Du auch sein?

Eigentlich sind wir alle schuld

.. an fast allem:
Bäume sterben, weil wir wollen, dass unsere Frisur länger hält und wir unter den Achseln nicht so stinken.

Die Welt stirbt, weil wir mit dem Auto zum Bäcker fahren, statt zu laufen.
Die Luft stirbt, weil wir in Urlaub fliegen.
Wir sterben an einem viel zu hohen Körperfettanteil, weil wir unsere Pfannkuchen mit Eiern anrühren.
Das Sozialsystem stirbt, weil wir keine Kinder bekommen.
Die Weltwirtschaft stirbt auch. Wir sparen zuviel und kaufen zuwenig. Teures jedenfalls. KiK und Aldi gelten nicht.

Für den Fall, dass wir all das überlebt haben: Hat wenigstens Werder Bremen gewonnen?

21 April 2009

Frauenkram oder Warum bin ich immer schuld?

Es gibt den einen oder anderen Vorgang im weiblichen Leben, der ungeheuer lästig ist. Spontan fällt mir Cellulite oder überhaupt die Tatsache, dass unsere Haut mit der Zeit schrumplig wird, Busen und Hintern der Erdanziehung nachgeben und wir uns nicht mit einem dicken Mercedes Cabriolet oder sonst einem gummibereiften Männerspielzeug aus dieser Misere herauswinden können, ein.

Bei weiterem Nachdenken folgen die familiären Pflichten. Mancher Frau gelingt es zwar, sich zu entziehen, der Preis dafür sind allerdings mitleidige Fragen wie: "Was machst Du denn an Weihnachten? Ist doch blöd so allein, oder? Möchtest Du bei uns essen?" oder "Wir gehen am Wochenende ins Kino. Hast Du Lust, auf unsere Kinder aufzupassen? Du hast ja keine.."
Wer sich nicht entzogen hat, backt ab November wie besessen Plätzchen, stürzt sich in übervolle Warenhäuser und schreibt auf die Geschenkanhänger "Markus lässt auch grüßen."
Dann ist auch schon bald Ostern und die dazugehörige Dekoration von Vorgarten und Eigenheim vonnöten.
Oma will besucht und Schwiegerpapa gepflegt werden, die Kinder leiden unter ADHS oder nehmen Drogen, und der Angetraute beschwert sich über den ersten Schrumpel am Ehegattinnenpopo und den Rettungsring mittschiffs, während er selbst einen Babybauch, der verdächtig nach Fünflingen aussieht, mit Stolz vor sich herträgt.

Das Allerschlimmste jedoch ist, dass wir uns für alles und jedes verantwortlich fühlen. Erst heute erklärte mir ein guter Freund, dem ich ein Buch geliehen hatte, dass es sich häufig auf das vorhergehende Werk bezieht und er teilweise nicht mehr wusste, was im Vorgänger geschehen war. Ich sagte daraufhin prompt und ohne nachzudenken: "Stimmt, da hätte ich Dir den Erstling noch einmal mitbringen müssen.", was er mit einem "Blödsinn, Du kannst doch nichts dafür, dass ich so vergesslich bin!" quittierte.
Wirklich nicht?
Wenn Freundin A sich längere Zeit nicht meldet, frage ich mich, ob ich ihr bei unserem letzten Gespräch auf die Füße getreten bin, und der Ex ruft bei mir regelmäßig ein Gefühl von "Irgendwas habe ich garantiert falsch gemacht." hervor.
Wirklich, ich bin an allem schuld: Klimaveränderung, Depressionen des erwähnten Ex, Kreativitätsblockaden des anderen, den Bandscheibenvorfall von Nummer Drei, Unwohlsein meiner KursteilnehmerInnen, die Blockade im Illio-Sacral-Gelenk der Bundeskanzlerin. Wenn meine Freundin mich nicht anruft, liegt es daran, dass ich sie nicht anrufe. Wenn meine Mutter es im Kreuz hat, dann nur, weil ich ihr nicht beim Bettenmachen geholfen habe.

Aus diesem Grund stoße ich auch sicherheitshalber nicht auf den Weltfrieden an - wenn dann doch ein Krieg ausbricht, liegt es möglicherweise daran, dass ich nicht überzeugend genug war oder zuwenig getrunken habe.

Es zwitschert im Web

Bisher habe ich mich mit Twitter nicht auseinandergesetzt. Ich weiß ja auch nicht, was ein RSS-Feed ist und habe kein iPhone.
Natürlich fiel mir auf, dass ich beim Eintragen meiner Läufe auf jogmap.de jedesmal gefragt werde, ob ich den aktuellen twittern möchte. "Naja", sagte ich mir, "Wenn's der Community nützt..." und habe auf den "Twittern-Button" gedrückt. Ehrlich gesagt: Gedacht habe ich mir nichts dabei.

Vor ein paar Tagen nun stieß ich beim Checken meiner E-Mails auf den folgenden GMX-Artikel: "Gus & Penny bei Twitter". Auf dem dazugehörigen Foto waren zwei puschelige Katzen zu sehen.
Als großer Katzenfan und ehemalige Dosenöffnerin für mehrere dieser pelzigen Schnorrer klickte ich darauf und erfuhr, dass das amerikanische Herrchen von Gus und Penny im Hauptberuf Programmierer ist und im Nebenberuf eine Katzenklappe gebaut hat, um zu verhindern, dass die Nachbarskatzen Gus und Penny das Futter wegfressen. Diese Klappe geht nur dann auf und zu, wenn die beiden mit einem signalaussendenden Halsband in die Nähe der Klappe kommen. Gleichzeitig macht eine direkt daneben installierte Kamera Bilder von den hinein- und hinauslaufenden Katzen.
Mit einem weiteren Klick landete ich bei Twitter. Und erfuhr minutiös, wann die Katzen nach draussen gehen, wieder hineinkommen, kotzen, fressen, schlafen.

Was Katzen betrifft, mag ja so ein Twittern noch recht amüsant sein. Aber interessiert es mich wirklich, ob Ashton Kutcher mehr Leser hat als CNN und seine Angetraute Demi Moore ebenfalls wie besessen twittert?

Wollte ich ebenfalls twittern, müsste ich mich wesentlich kürzer fassen und die meiste freie Zeit am PC verbringen, um Sie von meinem Tagewerk zu unterrichten.

Zum aktuellen Zeitpunkt hätte ich folgendes getwittert:

5.45 Der Wecker klingelt. Ist mir egal.
5.55 Der Wecker klingelt wieder. Ist mir immer noch egal.
6.05 Der Wecker klingelt. Ich bleibe noch liegen.
usw.
usw.
usw. bis:
6.45 Der Wecker klingelt. Ich stehe auf.
6.50 Ich setze Kaffeewasser auf.
6.55 Wollen Sie nicht wissen.
7.02 Ich sitze kaffeetrinkenderweise am PC.
7.20 Ich spiele Gold Rush.
7.45 Ich spiele Mah Jongg.
8.01 Ich logge mich bei "Randbemerkungen" ein.
8.03 Ich mache mir noch einen Kaffee.
8.07 Wollen Sie auch nicht wissen.
usw.
usw.
usw. bis jetzt.

Hm. Ich bleibe lieber beim Bloggen. Da bin ich nach ein paar Minuten fertig, habe Sie ebenfalls umfassend über meinen aktuellen Gemütszustand informiert und muss Ihnen nicht die Farbe meiner Badezimmerkacheln beschreiben.

Ernsthaft: Interessiert Sie, was die Leute so herumzwitschern?
Oder anders: Worüber würden Sie sich mit jemandem unterhalten, der nahezu ausschließlich damit beschäftigt ist, der Welt in Schriftform mitzuteilen, wann er scheißt?

Für den Fall, dass es Sie interessiert: Ich gehe jetzt putzen. Und danach werde ich mich mit echtem Zwitschern auseinandersetzen. Dem der vielen Vögel draußen. (Für besessene Twitterer: Das sind die gefiederten Biester, die vor Ihrem Fenster herumfliegen und schon um 5.00 in der Frühe herumbrüllen.)

19 April 2009

Das Loch und seine Bewohner

Auf meinem Weg gibt es ein tiefes Loch.
Anfangs wusste ich nicht, dass es da war, und latschte darüber hinweg.
Später bin ich einmal versehentlich hineingestolpert.
Nachdem ich wusste, wo es sich befand, habe ich immer wieder versucht, auszuweichen.
Irgendwann habe ich mir eine Decke und ein paar Schnittchen eingepackt, mich hineinfallen lassen und für einige Zeit häuslich eingerichtet.

Als ich es an der Zeit fand, mich wieder ans Tageslicht zu begeben, habe ich erst gründlich aufgeräumt und bin dann aus dem Loch herausgestiegen.
Zunächst dachte ich, ich sollte ein Hinweisschild aufstellen für bewusstseinslose Momente.
Aber ich fand schnell heraus, dass ich entweder eine andere Straße entlanglaufen oder über das Loch hinwegspringen kann.
Ich war sehr stolz und lobte mich jedesmal, wenn ich es unfallfrei passiert hatte.

Eines Tages kam jemand aus meinem Loch herausgesprungen, begrüßte mich freundlich und lud mich ein, ihn hinunter zu begleiten.
Ich fand ihn sympathisch und ging ein paar Schritte mit. Vielleicht hatte er es ja anders eingerichtet?
Auf halbem Wege jedoch stellte ich fest, dass es immer noch das gleiche Loch war. Meines nämlich. Obwohl ER jetzt darin wohnte.

"Sei mir nicht böse," bat ich ihn. "Aber mit diesem Loch bin ich durch. Ich wohne lieber über der Erde. Wenn Du möchtest, kann Dir gern ab und zu ein paar Blumen hinunterwerfen oder Dir die Hand geben, wenn Du nach oben möchtest."
"Aber nein, so geht das nicht!" widersprach er heftig. "Du musst zu mir kommen!"
"Tut mir leid." antwortete ich. "Als ich im Loch gesessen habe, warst Du nicht da. Jetzt ist es mir zu eng da unten."

Sicherheitshalber gehe ich seitdem aber einen anderen Weg - möglicherweise will er mich so dringend in seinem Loch haben, dass er mir ein Bein stellt.

Der Frühjahrsvolkslauf II

Als regelmäßige Leserin werden Sie sich vielleicht fragen, ob ich mitgelaufen bin, Spaß hatte und wie das Wetter war?

Also: Ich habe mir den Wecker auf 6.30 Uhr gestellt. Um kurz nach zehn fand ich es in meinem Bett immer noch ungemein gemütlich und draussen eher unerfreulich. Zu meinen schweren Füßen hatte sich eine noch größere Unlust gesellt, so dass sich die Frage: "Laufen oder nicht laufen?" nicht mehr stellte.

Aber in der Sauna war es sehr nett, und ich habe die Ruhe genutzt, um mich mit Löchern, Laufen, Leben und Lesen zu beschäftigen.

Später wurde es dann auch sonnig.

18 April 2009

Du hast

mich auf den Kopf geküsst.

Muss sich das irgendwie anfühlen?
Sollte ich mich fühlen?
Sollte ich Dich fühlen?
Sollte ich fühlen?
Fühlen?
Ich?

Frühjahrsvolkslauf

Morgen ist Frühjahrsvolkslauf. Möglicherweise das erste Mal seit vielen Jahren bei schönem Wetter.
Meine diesjährige Vorgabe lautete: Ich laufe nur, wenn schönes Wetter ist.
Meine diesjährige Wunschzeit: Unter 50 Minuten und unter die ersten fünf meiner Altersgruppe (die leider extrem stark besetzt ist).
Mein diesjähriges Körpergefühl sagt: Meine Füße haben zugenommen. Die Beine auch. Und der Rest ist sowieso übergewichtig.
Mein diesjähriger Gedankenwirrwarr denkt: "Och nö! Kein Stress, kein Leistungsdruck! Mach es Dir nett!"
Meine diesjährige Motivation: Gegen Null.

Aber soviele nette Menschen, die ich kenne, laufen entweder oder stehen am Rand und fiebern mit. Da ist die Frau, die noch letztes Jahr keinen Gedanken an Laufen verschwendet hat, sondern "einfach nur fitter" sein wollte, und die vor kurzem nicht nur 17 Kilometer auf dem Laufband zurück- sondern sich auch eine neue Frisur und 70% mehr Selbstbewusstsein zugelegt hat. Ich würde gern ein Stück mit ihr gemeinsam laufen.
Oder dieser nette Mensch aus dem Fitnessclub mit dem Dialekt, den ich bei meinem letzten Altstadtlauf zwar nicht gesehen habe, aber irgendwo auf der Strecke wusste. Die Frau, die eigentlich erst dann laufen will, wenn sie dabei nicht "blöde" aussieht, sondern stylisch.
Noch viel mehr fällt mir ein, wenn ich lange genug darüber nachdenke: Es ist unglaublich nett, sich kurz vor dem Start durch die Menschenmengen zu wühlen und haufenweise bekannte Gesichter zu entdecken, die gleichen Gesichter, die später an der Strecke stehen, klatschen und brüllen. Oder die mich überholen, die ich überhole, mit denen ich ein paar Meter nebeneinander renne.

Sonnig soll es werden und nicht zu warm. Die Strecke ist schön, flach; früher, als ich noch in der Stadt gewohnt habe, war es eine meiner Lieblingsstrecken. Die Saunalandschaft befindet sich direkt nebenan, und ich könnte es mir im Anschluss so richtig gut gehen lassen, als Belohnung für die Rennerei und weil Sonntag ist.

Meine Füße fühlen sich irgendwie besser an als noch vor ein paar Minuten.

Meine Vorgabe hat sich geändert: Ich laufe, weil soviele nette Menschen auch laufen.

Jetzt habe ich doch Lust.

17 April 2009

Noch ein Traum...

Ohne Altersbeschränkungen lieben, wen ich will.
Ohne Kalkulation tun, was ich brauche.
Ohne Rentenversorgung sein, wer ich bin.
Ohne Höflichkeitsregeln sagen, was ich denke.
Ohne Angst vertreten, woran ich glaube.
Ohne Getriebensein zeigen, was mich treibt.
Ohne Denken leben, was ich fühle.
Oder noch besser:
Ohne schlechtes Gewissen
nichts tun.

Erinnerungen

Ich schaue in Deine Augen,
wir reden.
Ich streiche über Deinen Bauch,
wir erinnern.
Ich lege mich in Deine Arme,
ich fühle.

Dorfleben

Als ich gerade nach Hause fuhr, dampfte der Asphalt, einige letzte Narzissen leuchteten vor der großen Hecke am Ortseingang, die Dorfkneipe war bereits dunkel. Ist alles nicht bemerkenswert: Regen auf warmem Straßenbelag dampft eben, gelbe Blumen scheinen im Dunklen zu leuchten, und Dorfkneipen schließen lange, bevor die Stadtdiskotheken öffnen.
Das weiß ich alles, und trotzdem habe ich beim Nachhausekommen jedesmal das Gefühl, dass etwas Besonderes auf mich wartet.
Ich biege von der Landstraße ab, direkt nach dem Ortsschild warnt ein weiteres vor "Neuer Verkehrsführung", was bedeutet, dass ab hier "Rechts vor Links" gilt und man 30 km/h fahren sollte.
Das Schild interessiert mich nicht. Ich fahre ohnehin nicht schneller als 40 km/h. Erstens ist mir das Überleben der diversen Dorfkatzen, -hunde, -hühner und -marder wichtig, zweitens kann ich nur dann Einzelheiten wahrnehmen, wenn ich langsam bin, und drittens finde ich, dass eine Zugezogene mit gutem Beispiel vorangehen sollte.
Die Hauptstraße windet sich kurvenreich bergan; für Autofahrer unwesentlich, für alle diejenigen, die sich mit Körperkraft voranbewegen, äußerst anstrengend.
Rechts, auf der großen Wiese, befindet sich ein hoher Pfahl mit einem Storchennest. Letztes Jahr hätte auch fast ein Storchenpaar darin genistet. Die Neugier der Dorfbewohner hat sie dann vertrieben. Gestern flog wieder ein Storch über das Dorf hinweg - vielleicht ist er ja etwas nachsichtiger mit uns am Storchengeburtenvorgang Anteil nehmen wollenden Einwohnern?
Kurz vor dem Abbiegen läuft mir ein innig verschlungenes Paar über den Weg. Ich meine, die Austauschschülerin zu erkennen, kann mich aber irren. "In der Stadt kannst Du Kultur genießen. Auf dem Dorf bist Du die Kultur.", sagte einst irgendeine Schauspielerin, die ihr Domizil im ländlichen Bereich gesucht hatte.
Vor dem Haus angekommen freue ich mich darüber, dass trotz Regen das Altpapier abgeholt worden ist. Bei den Nachbarn ist die Teichbeleuchtung noch eingeschaltet, und ich frage mich, ob das ästhetische oder nachbarskatzenabschreckende Gründe hat, denn meines Wissens ist der Goldfischschwund auf den Spieltrieb eben dieser Nachbarskatze zurückzuführen. Man grillt trotzdem gemeinsam, Fischgemeuchel hin oder her.
Ich grille nicht, werde aber beim nächsten Sportfest Bier zapfen. (Nicht ohne Eigennutz...)
Dorfleben ist großartig.

15 April 2009

Schmetterlinge im Bauch

Haben Sie schon einmal die Frau gesehen, die "neu.de" für seine Plakatwerbung abgelichtet und bearbeitet hat? Die ist richtig niedlich. Sie hält dieses Schmetterlingsfoto vor ihren Bauch und schaut mit süßem Lächeln nach rechts oben.
In wen mag sie sich verliebt haben? Den schicken Rechtsanwalt, der in der gleichen Stadt lebt und den sie ohne ihren Beitritt niemals kennengelernt hätte?
Was sucht sie?
Die große Liebe?
Dem Foto nach zu urteilen, ist sie zumindest nicht weit davon entfernt.

Wussten Sie übrigens, dass manche dieser Partnersuchmaschinen eine Frau über 45 per E-Mail darum bitten, jetzt doch bitte den Jahresbeitrag zu zahlen, weil die Chancen, in diesem Alter noch irgendjemanden abzubekommen so verschwindend gering sind, dass ein kostenloses Angebot der gealterten Dame nicht lohnt?
Da ist dann nichts mehr mit Schmetterlingen, im Gegenteil, frau kann froh sein, wenn sie noch irgendeinen übergewichtigen Dauerstudenten im 97. Semester auf der Suche nach einer Sponsorin ergattert.

Übrigens habe ich noch nie eine Internetpartnervermittlungsagenturswerbung mit einem Mann gesehen. Gucken Männer nicht so süß nach rechts oben? Haben sie keine Schmetterlinge im Bauch?
Müssen Männer über 45 auch zahlen? Oder reicht eine Kopie des aktuellen Kontoauszuges, um weiterhin kostenlos nach der Schmetterlingsdame unter 30 suchen zu dürfen?

Wie hat Rainer Calmund seine Frau gefunden?

"Ich habe einen Traum...",

rief Martin Luther King.

"Den habe ich auch!" schreie ich.

Meiner hat allerdings nichts mit der Aufhebung der Rassentrennung zu tun, sondern mit dem Ende der Ungleichbehandlung der Geschlechter.

Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn Frauen nicht drei Monate länger arbeiten müssten als ihre Kollegen, um das gleiche Geld für die gleiche Arbeit zu verdienen.

Ich sehe vor meinem inneren Auge, wie sich die Frauen in Afghanistan frei auf den Straßen bewegen, studieren, andere Frauen unterrichten, sich verlieben und heiraten können, ohne auf die Erlaubnis ihres Ehemannes angewiesen zu sein.

Ich wünsche mir, dass eine Frau, deren Mann die Hand gegen sie erhebt, einen Kinnhaken auf den Punkt landet.

Wie wäre es, wenn ein Vater Elternzeit nehmen könnte, ohne von seinen Kollegen als Weichei verspottet zu werden?

Wenn ein Moslem an Allah glauben, fünfmal am Tag beten und seine Frau trotzdem als gleichberechtigte Partnerin behandeln dürfte?

Wenn ein Mann in den Armen seiner Liebsten schluchzen könnte, ohne sich dabei seltsam zu fühlen?

Wie würde es sich anfühlen, wenn wir alle unsere Anteile leben dürften: Die Frauen ihre männlichen, die Männer ihre weiblichen?

Es gäbe noch mehr boxende Frauen in Führungspositionen, viele Männer, die sich entspannen und dem klassischen Daseinskampf entziehen dürften, Mädchen, die mit Autorennbahnen und Jungen, die mit Puppen spielen könnten.

Wir würden abwechselnd oben liegen. Viel häufiger nebeneinander gehen.

Und vielleicht würden wir eines Tages einander (ver-)trauen...

13 April 2009

Männer in der Fitnesshalle

Heute saß auf der Nachbarbank ein Bodybuilder. Keiner der Leistungsklasse, versteht sich, sondern so ein Fitnesshallenbodybuilder. Er atmete still vor sich hin, bewegte seine Gewichte unter Zuhilfenahme eines sehr großen Hohlkreuzes in einem sehr kleinen Radius (für die gesamte Bewegungsamplitude waren sie wahrscheinlich zu schwer) und fiel nicht sonderlich auf. Zunächst.

Nach ein paar Durchgängen, in denen er sich nicht sonderlich auffällig verhielt, näherte sich ein ähnlich gebauter Trainingskollege und begrüßte ihn mit den Worten: "Na, da schwächelt aber einer!"
Sofort fing Bodybuilder eins an, herzzerreissend zu stöhnen, nahm mit schmerzverzerrtem Gesicht die Hanteln auf und verkleinerte den Bewegungsradius noch mehr. Dafür wurde er schneller. Hätte man nur das Gesicht und den massigen Oberkörper fotografiert und die Tatsache, dass dieser von streichholzdünnen Beinchen getragen wird, ignoriert, er wäre das perfekte Modell für das Magazin "No Pain, no Gain!" gewesen.

Ich konnte für einen Moment mein Training nicht fortsetzen, weil ich von einem zwerchfellerschütternden Lachkrampf heimgesucht wurde. Da ich erstens niemandem meine Wertschätzung vorenthalten möchte und zweitens Angst hatte, dass er mich mit seinen Hanteln bewirft, wenn er merkt, dass ich über ihn lachen muss, senkte ich meinen Kopf und versuchte mich zu beruhigen. Als ich nach ein paar Minuten wieder atmen konnte, dankte ich Genetik, Zufall oder wer immer dafür zuständig war, dass ich als Frau zur Welt gekommen bin und meinen Beitrag an die gewichtbewegende Welt auf das Versprühen von übelriechendem Deo aus pinkfarbenen Döschen beschränken darf und nicht so schrecklich leiden muss, bloß weil mein Kumpel guckt.

Frauen in der Fitnesshalle

Es gibt eine Fitnesshalle für alle. Dort treffen sich diejenigen, die bereit und willens sind, an ihrer Optik zu arbeiten. Wobei die Vorstellung einer perfekten Optik bei den einzelnen Trainierenden durchaus Unterschiede aufweisen kann.

Auch die Art des Trainings variiert von Mensch zu Mensch - einerseits von weiblichem zu männlichem, andererseits auch innerhalb der genannten Kategorien.
Manch weiblicher Mensch betritt die Halle, zieht sich um, begibt sich zum gewählten Ausdauergerät, trainiert, schwitzt still vor sich hin, bewegt im Anschluss noch ein paar Gewichte, duscht und geht. Möglicherweise hat man gar nicht bemerkt, dass sie da war. Andere wiederum muss man wahrnehmen, allein schon aufgrund der Tatsache, dass sie in der Regel mindestens zu zweit auftreten, laut kichern, sich überhaupt denkbar albern benehmen und immer die neueste Kreation des Rossmannschen Duftangebots in ihren pinken Täschchen mit sich führen. Diese Exemplare parfümieren sich sicherheitshalber vor und nach dem Training. Und da es diese Duftorgien im rosa Döschen im Sonderangebot gegeben hat, wird die Dusche oft ausgelassen und sich stattdessen noch einmal besprüht. Die jungen Damen lassen die Blicke schweifen, stecken die frisch frisierten Köpfchen zusammen, halten selten länger als 5 Minuten auf einem Gerät durch und sind samt Duftwolke verschwunden, wenn Erstgenannte noch gar nicht warm geworden ist.

Diejenigen weiblichen Menschen, die zwecks Partnersuche die Mitgliedschaft abgeschlossen haben, stellen das Training sofort ein, wenn sie gefunden worden sind. Danach beschränkt sich die Aktivität dann auf das Abwischen der Geräte, die der neue Liebste gerade benutzt hat. Eine Fitnesshalle kann also durchaus die Höhere-Töchter-Schule früherer Zeiten ersetzen.

Den männlichen Menschen - und hier speziell dem Möchtegern-Bodybuilder - habe ich ein eigenes Kapitel gewidmet, da das Verhalten dieses Modells durchaus übertragbar auf andere Lebenssituationen ist und die lose Folge der unterschiedlichen Männertypen fortsetzt.

11 April 2009

Wunsch und Wirklichkeit

... liegen manchmal ein paar Radlängen auseinander. Und manchmal ist es nicht möglich, sie einander anzunähern.

Der gemeinsame Beginn: Ich fahre mit dem Fahrrad auf einer einigermaßen schmalen, aber sehr langen, geraden und übersichtlichen Straße. Mir entgegen kommen zwei Autos. Vorn einer dieser Spielzeuggeländewagen, dahinter ein bodenständiger Passat Kombi älteren Baujahres. Ich konnte das so gut erkennen, weil mir beide sehr nahe kamen. Herr Passat beschloss nämlich, Herrn Geländewagen zu überholen. Das tat er auch und ließ dabei die Tatsache, dass ich schon recht nahe war und die Straßenbreite für zwei Autos und ein Fahrrad nicht reichen würde, unberücksichtigt.
Ich war zunächst etwas ungläubig. "Das kann der doch nicht ernst meinen!" dachte es in mir.
Er meinte es ernst, und mir blieb nichts anderes als die Flucht in den Straßengraben.

Wir sind immer noch bei der Wirklichkeit: Herr Passat schoss an mir vorbei, und ich schaffte es immerhin noch, ihm den Finger zu zeigen und ein herzhaftes "A...!" hinterherzurufen. Was er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht gehört hat.
Herr Geländewagen fuhr sehr langsam an mir vorbei. Ich dachte kurz, er wolle sich erkundigen, ob alles in Ordnung sei, aber er schenkte mir statt der gebotenen Aufmerksamkeit nur ein debiles Lächeln und verschwand aus meinem Blickfeld.
Ich schüttelte noch einmal verständnislos den behelmten Kopf, puhlte mich und mein Fahrrad aus dem Graben, fuhr ebenfalls weiter und gab mich meinen Träumen hin.

Mein Wunsch sah so aus: Im Straßengraben angekommen, drückte ich auf eine nur mir bekannte Taste meines iPod Shuffle, und eine ganz bestimmte Frequenz dröhnte aus den Ohrstöpseln, die auf meine Kraft und Schnelligkeit eine ähnliche Wirkung hat wie der Zaubertrank auf Asterix. Ich katapultierte mich aus dem Graben, rannte hinter dem Passat her und landete mit ein paar elfengleichen Sprüngen auf der Motorhaube, die Füße voran. Herr Passat blieb entsetzt stehen, und ich zerrte ihn am Kragen aus seinem Auto, brüllte ihn mit Donnerstimme an, was, zum Teufel er sich bei dieser schwachsinnigen Aktion wohl gedacht habe und schleuderte ihn gegen den nächsten Baum. Dort blieb er bewusstlos liegen. Ich rannte zurück, schnappte mir Herrn Geländewagen, der wie gelähmt in seiner Kasperkiste sitzen geblieben war, nahm ihn bei den Schultern und schüttelte ihn ordentlich durch. "Ich soll verunfallten Radfahrern helfen, statt sie blöde anzugrinsen! Wiederholen Sie das! JETZT!" "Ich soll blöden Fahrradfahrern helfen..." stammelte er. Ich gab ihm eine schallende Ohrfeige. "Nochmal!" "Ich soll allen Radfahrern helfen..." Damit ließ ich es gut sein, versetzte ihm noch einen freundschaftlichen Kopfstoß, damit er sich das Gesagte auch merken konnte und wandte mich wieder Herrn Passat zu, der gerade dabei war, die Flucht zu ergreifen.
"Wo wollen wir denn hin?" fragte ich ihn mit zuckersüßem Stimmchen. "Ähmähmähm..." Ich zog ihn sehr nah zu mir heran und hob mein Knie. Er sackte zusammen. "Darf man überholen, wenn kein Platz dafür auf der Straße ist?" fragte ich ihn. Er schüttelte wild mit dem Kopf. "Soll man auch immer auf andere Verkehrsteilnehmer achten?" Jetzt nickte er. Sprechen konnte er anscheinend noch nicht.
"Ich glaube Ihnen kein Wort!" erklärte ich ihm. "Ich will auch immer vorsichtig fahren!" schluchzte er. "Das ist nicht ganz richtig. Sie werden fortan überhaupt nicht fahren, sondern zu Fuß gehen." antwortete ich ihm und deutete lächelnd auf mein Knie. "Ja, ja, ja! Autos sind doof! Ich bin doof! Ich will nie wieder Auto fahren!" schrie er.
"Brav." lächelte ich ihn freundlich an, bevor ich ihm mit dem Mittelfinger kräftig gegen die Nase schnippte und mich seinem fahrbaren Untersatz zuwandte.
Als ich mit seinem Passat fertig war, betrug der Wert noch knapp ein Viertel der Abwrackprämie.

Und falls Sie, mein lieben Herren Passat- und Geländewagenfahrer, das lesen, denken Sie daran: Der nächste Radfahrer könnte im Besitz dieses Wunder-iPod sein! Oder noch viel wütender als ich...

09 April 2009

Die erste Radtour des Jahres

Von der Funktionsweise eines Fahrrads habe ich etwas soviel Ahnung wie von Analytischer Geometrie. Was daran liegt, dass ich mich, als bei der Verteilung der Talente das räumliche Vorstellungsvermögen dran war, irgendwo versteckt haben muss. Als ich kürzlich am Online-IQ-Test der Süddeutschen teilnahm, bei der viel zuviele Aufgaben das Zusammenbauen alberner Würfel oder Verlegen von Streichhölzern in sinnvolle geometrische Folgen zum Inhalt hatten, statt wichtige Dinge wie Allgemeinbildung, Literatur und Kunstverständnis abzufragen, ergab die Auswertung, dass mein IQ irgendwo in der Nähe von George W. Bush anzusiedeln sei.
Ich hatte drei Tage lang Depressionen.

Aber das ist nicht das Thema. Fahrradfahren ist das Thema. Ich habe also keine Vorstellung, warum und wie ein Fahrrad funktioniert, aber ich weiß, wie ich sehr schnell mit diesem Fortbewegungsmittel von A nach B komme.
Und weil ich meine Defizite zu organisieren weiß, wandert mein Fahrrad jedes Jahr für ein paar Stunden zur Inspektion, wo Menschen, die sich damit auskennen, dafür sorgen, dass ich dies pannenfrei tun kann.

Heute habe ich also mein zweitliebstes Fortbewegungsmittel abgeholt, um es wieder nach Hause zu bringen. Da mein Zeitplan die kürzeste Strecke vorsah, bestand meine Sportbekleidung aus Jeans, Top und ausrangierten Aerobicschuhen, wollte ich uns doch nur die paar Kilometer ins schönste Dorf Südniedersachsens bewegen. Auf flacher Strecke und bei vorsichtig optimistischem Frühlingswetter.

Aber das Fahren machte Spaß. Immerhin war es das erste Mal in diesem Jahr, meinen Beinen ging es wieder etwas besser, und ich hatte meine Stöpsel im Ohr.

Unterwegs begrüßte ich begeistert all die Hindernisse auf zwei Beinen, die ich während des langen Winters schmerzlich vermisst hatte: Menschen, die bei ihrem meditativen Spaziergang die gesamte Breite des Weges einnehmen und auf Rufen, Schreien oder Klingeln mit wilden Sprüngen reagieren. Auch in diesem Jahr springen sie überall hin, nur nicht aus dem Weg.
Ein freundliches "Hallo!" auch den Hundehaltern, die Fiffi zwar an der Leine, aber trotzdem nicht unter Kontrolle haben, den Mamis, die ein paar nachwuchsfreie Stunden zum Spazierentragen ihrer Wanderstöcke nutzen, dem einen oder anderen Inline-Skater oder den Nahrungsbeschaffern unserer Industriegesellschaft auf ihren Treckern, die nicht überholt werden wollen und deshalb auch nicht ausweichen.

Ich dachte "Herzlich willkommen, Ihr Schnarchtatzen!" und fuhr herum, vorbei und weiter. Fand ein paar Kilometer vor Zuhause, dass ich noch nicht nach Hause wollte, und bewegte mich und mein Fahrrad dorthin, wo die Eingeborenen tiefergelegte Clios fahren und kulturelle Veranstaltungen verabscheuen. (Aus Gründen des Selbstschutzes lasse ich den Namen dieser südniedersächsischen Mittelstadt mit guter Verkehrsanbindung unerwähnt. Allerdings bin ich sicher, dass es auch in Ihrer Umgebung einen Ort gibt, dessen Nummernschild drei Buchstaben hat und dessen Bewohner sich nicht durch den IQ eines George Doubleyou auszeichnen.)

Aus der geplanten 45-minütigen Heimfahrt wurden etwas mehr als zwei Stunden. Mein frisch gewartetes Fahrrad und ich haben uns neu kennengelernt. Meine Beine und ich haben uns zerstritten. Sie (die Beine) fanden, dass es völliger Blödsinn sei, so kurz nach dieser Rennerei vom Wochenende schon wieder so lange arbeiten zu müssen.

Und hätte ich einen Liebsten, dann hätte der mich heute auch nicht lieb: Mehr als einen sehr schnellen Kuss im Stehen könnte ich ihm nicht geben; alles Horizontale müsste jetzt ein paar Tage warten...

06 April 2009

Halbmarathon

Wir waren nicht verabredet. Wir haben uns auch nicht abgesprochen. Wir haben uns überhaupt nicht unterhalten.

Wir sind nebeneinander hergelaufen. Ungeplant. Zumindest von meiner Seite aus. Er hat mir später auch nicht gesagt, dass er an meiner Seite laufen wollte.

Mit dem Startschuss wühlten wir uns durch Beingewühl. Bei Kilometer eins wühlten wir immer noch gemeinsam, mal er vorn, mal ich, mal wir beide nebeneinander.

Bei Kilometer drei hatten wir schon etwas mehr Platz. Ich hatte mich - wie immer - ausgestöpselt, und es gab kaum Blickkontakt zwischen uns. Aber irgendwie ... blieben wir beieinander.

So ging es bis Kilometer 10,5. Erste Runde. In der geplanten Zeit.

Bei Kilometer 12 fotographierte jemand die Läufer. Er sagte: "Ich habe mich gerade bemüht, ein nettes Lächeln aufzusetzen für's Foto." Ich antwortete: "Für mehr als ein Kampfgrinsen hat es nicht mehr gereicht." Das war unser erstes Gespräch während immerhin etwas mehr als einer Stunde.

Bei Kilometer 16 schaute ich auf die Uhr und sagte zu ihm: "Perfektes Timing!" Er zeigte mir ein Lächeln und den hochgereckten Daumen.

Kilometer 18, 19 und 20 machten uns beiden nicht mehr so richtig viel Spaß. Aber wir blieben beieinander. Mein Knie zwickte, und er sagte mir später, dass er Seitenstiche gehabt hatte. Ich weiß nicht, wer wen zog oder wer wem folgte. Wir liefen einfach weiter nebeneinander.

Ich keuchte, und wenn die Musik etwas leiser wurde, konnte ich hören, dass er genauso keuchte. Das beruhigte mich.

Bei Kilometer 21 ließ er mir gentlemanlike den Vortritt, so dass ich eine Sekunde vor ihm im Ziel war.

Wir gaben uns fünf. Danach unterhielten wir uns zum ersten Mal. Nach 21 Kilometern und knapp zwei Stunden.
Und obwohl wir kein Bier miteinander getrunken haben während dieser Zeit, auch nicht essen waren, im Kino oder beim Tanzen, war es eines der schönsten Dates meines Lebens.

Ich glaube nicht, dass mir mein erster Halbmarathon ohne ihn soviel Spaß gemacht hätte.

Erst heute wird mir bewusst: Ich bin da mit jemandem zusammen gelaufen. Ich habe mich mit ihm verstanden. Wir sind im gleichen Tempo gelaufen, im gleichen Schritt - etwas, was mir mit den Menschen, die ich liebte, selten gelang.

03 April 2009

"Finden Sie in Ihrer Stadt den Partner,

... der wirklich zu Ihnen passt!"

heißt es in einer Anzeige einer dieser Internetpartnervermittlungsagenturen. Abgebildet sind zwei gutaussehende Menschen, selbstverständlich männlichen und weiblichen Geschlechts. Für gleichgeschlechtliche PartnerInnen reicht die Toleranz bei der Elite, den Neuen und den Paaren möglicherweise noch nicht. Im Werbespot ist sie PR-Beraterin, er Architekt. Sie haben gemeinsame Interessen, die sich über einen Fragebogen der entsprechenden Agentur abgleichen lassen. Denn nur, wenn Interessenlage, Bindungswilligkeit, Beruf und Charakter übereinstimmen, gibt es "Matchpoints". Und wenn man sich dann trifft, weil die Matchpoints übereinstimmen, man eine Message gepostet und der potentielle Partner geantwortet hat (vorausgesetzt, er ist zahlendes Mitglied der Internetpartnervermittlungsagentur, sonst kann er nur "Ich auch!" posten), wird ein Date vereinbart.

Schon beim Betreten der Dating-Location irrt der Blick über das anwesende Publikum: Der da, mit den grünen Augen und der Brad-Pitt-Figur? Oder der in der Ecke, intellektuell gewandet und schauend?

Nein, es ist der Fluchtinstinktauslösende dort hinten links! Was tun? Die Flucht ergreifen? Ihn fragen, was er im Monat verdient? Oder Brad Pitt ansprechen und so tun, als sei man mit ihm verabredet? Aber es wäre ja unfair, den armen Kerl solange allein sitzen zu lassen. Und er kennt ja auch das eigene Foto. (Aber wann, zum Donner, ist seines aufgenommen worden? Kurz nach der Konfirmation?)

Hat sich was mit zwei Herzen in der Stadt.

Trotzdem könnte es funktionieren. Auch im Jahre 30 nach Alice Schwarzer (Das ist die dicke Dame, die immer in Wortrate- und Talkshows auftritt und die, bevor sie Geld für größere Klamotten brauchte, politisch höchst aktiv war.) wird die betreffende Inserentin wahrscheinlich denken: "Naja, wenn er wirklich Architekt ist und einigermaßen Kohle hat, halte ich das aus."

Er wird sich vielleicht sagen: "Hm, dafür, dass sie von mir ausgehalten werden will, sieht sie nicht gut genug aus."

Und das Ende vom Lied? Beide versuchen es wieder. Und wieder. Und wieder.

Und wissen scheinbar nicht, dass sie eine unglaublich schöne Zeit haben könnten, wenn sie einfach abends ausgingen.

Es war. Waren wir?

Glücklich war ich mit Dir.
Gelitten habe ich unter Dir.
Gestorben wäre ich für Dich.
Gegeben habe ich Dir.
Genommen, was ich kriegen konnte.
Gelebt habe ich mit Dir.
Geliebter warst Du mir.

Gegangen bist Du.

Jetzt bin ich.

Gelaufenes Lampenfieber

So langsam nimmt meine Aufregung zu. In drei Tagen ist es soweit: Mein erster Halbmarathon. Zum Halbzeitgeburtstag (vorausgesetzt, ich laufe nicht vor den nächsten Bus).
Heute, beim wahrscheinlich letzten Lauftraining, haben sich Beine, Füße und Achillessehnen auf das Allerheftigste beschwert. Ich habe ihnen erklärt, dass heute der Schongang dran sei und sie sich schonmal an dieses Tempo gewöhnen sollten. Denn wenn Kampfschwein, Kerl, Diva und ich erstmal auf der Strecke sind, müssen sie sich warm anziehen. Wir werden keine Rücksicht auf ziepende Achillessehnen, verkürzte Wadenmuskulatur oder Knieschmerzen nehmen. Wir werden rennen. Wie der Teufel, wenn es sein muss.

Glücklicherweise rennen wir nicht gegen die Uhr, sondern mit Publikum. Das freut die Diva, und sie hat mich heute gezwungen, diese sehr vorteilhaften Frühlingslaufklamotten noch einmal zu waschen.
Vor längerer Zeit hatte ich einmal eine Affäre. Die behauptete immer, ich wäre ein "Poser". Wenn ich gut drauf war, habe ich voller Stolz geantwortet: "JA!Bin ich!" Wenn ich gerade wieder eine "Ich darf nicht sein, wer ich bin, weil ich dann anderen auf die Füße treten könnte"-Phase hatte, war es mir peinlich.

Jetzt ist jetzt. JA!!! Ich bin ein Poser! Ich bin eine Diva! Ich bin schnell! Ich bin ein Kampfschwein! Ich liebe Publikum! Ich will gut aussehen, während ich mir die Seele aus dem Leib renne!

Wer bist Du???

02 April 2009

Der Pianist

Zart streichen Deine Hände
über schwarzweiße Tasten.
Deine Augen sind
geschlossen,
denn
Deine Finger kennen den Weg.

Die Musik ist in Dir.

Hat sich mit Deinem Lächeln verabredet.

01 April 2009

Sternenkribbeln

Wenn ich meinen Kopf in den Nacken lege,
einen Finger in den Himmel bohre,
kann ich Universum spüren,
das Kribbeln der Sterne auf meiner Haut.

Spaziergänge auf fremden Landkarten

Vor langer, langer Zeit hatte ich einmal einen Disput mit meinem damaligen Liebsten. Ich erklärte ihm: "Ich muss jetzt laufen gehen." und meinte damit: "Ich habe das dringende Bedürfnis, jetzt zu laufen."
Er antwortete: "Entspann Dich doch! Du musst nicht laufen!" und meinte damit: "Du musst nicht laufen, bloß, weil es im Trainingsplan stehst, aber Du eigentlich gar keine Lust hast."

Damals konnten wir uns nicht verständigen. Ich erklärte ihm, dass ich laufen muss, und er verstand, dass ich laufen muss.

Heute muss ich immer noch laufen. Weil ich es brauche. Weil ich dann am besten denken kann, auch wenn ich spätestens unter der Dusche die Hälfte des Gedachten wieder vergesse. Weil ich es großartig finde, wenn mir am Ende alles wehtut. Dann spüre ich mich. Nicht wegen des Schmerzes, sondern weil ich meine Grenzen gesucht und oft auch gefunden habe. Grenzen sind dazu da, verschoben zu werden. Auf meiner Landkarte.

Dann gab ich eine Bestellung beim Universum auf. Groß sollte er sein, gutaussehend, muskulös. Vor allem aber sollte er mir nicht auf die Nerven gehen und mich in Ruhe lassen. Das Universum schickte mir einen Mann, der mich in Ruhe ließ. Er war ausgiebig mit sich selbst beschäftigt. Er sah gut aus und war muskulös. Ich fühlte mich trotzdem nicht aufgehoben.
Es klappte großartig mit uns. Wir gingen uns nicht auf die Nerven. Manchmal gingen wir sogar zusammen.

Ein Anderer erklärte mir: "Ich verstehe Dich. Ich akzeptiere Dich. Ich bin für Dich da." und meinte damit: "Ich verstehe Dich, wenn Du meine Sprache sprichst. Ich akzeptiere Dich, wenn Du so bist wie ich. Ich bin für Dich da, wenn Du vorher sehr lange und ausgiebig für mich dagewesen bist."
Ich verstand: "Ich liebe Dich. Ich glaube an Dich. Ich stehe hinter Dir."

Damals verstanden wir uns. Falsch. Ich erklärte ihm nichts. Verstand aber später, dass ich nicht verstanden werden muss, um Verständnis zu finden.

Heute laufe ich. Genieße die Sonne auf meiner Haut. Verstehe, was ich tue. Und habe mich auf dieser Landkarte noch nie verlaufen.

Die Moral von der Geschicht'? Spaziergänge auf fremden Landkarten machen viel Freude und erweitern den Horizont - solange die eigene nicht zum fremden Territorium wird.