25 Mai 2009

Antizyklisch

Die Staumeldungen des vergangenen Wochenendes haben dazu geführt, dass ich erstens das Radio ausgeschaltet habe, weil die Staus länger waren als die ursprüngliche Sendung. Nachdem ich mir dann zweitens keine Gedanken mehr darum machen musste, was, zum Donner, die halbe Welt am Hattenbacher Dreieck treibt, konnte ich sie drittens schweifen lassen.

Heraus kam die folgende Idee: Warum eigentlich gehen oder fahren wir nicht einmal antizyklisch durchs Leben? Wir hätten möglicherweise viel mehr Zeit, noch mehr Spaß und würden uns weniger ärgern. (Wie der Satz schon sehr passend sagt: WIR ärgern UNS. Niemand sonst.)

Unten finden Sie ein paar Anregungen, von denen ich einige bereits selbst sehr erfolgreich und entspannt ausprobiert habe. Ist also nicht nur pure Theorie.

So gehe ich zum Beispiel gern in die Sauna, die direkt neben der liegt, in der in fünf Minuten der Honigaufguss zelebriert werden wird. Dann sitzen nämlich alle da drinnen, schmieren sich mit Honig ein und bleiben aneinander kleben, während ich eine ganze Schwitzkabine für mich allein habe. Noch netter ist es, mitten im Sommer in die Sauna zu gehen. Dann hat man sogar den Honigaufguss fast für sich allein und den Vorteil, nur am Holz, nicht aber an den Sitznachbarn zu kleben.
Tanzen gehe ich auch eher früh. Dann habe ich nämlich Platz und mich ausgetobt, bevor es voll wird. Und weil ich dann hochzufrieden und zu einer für ältere Menschen geeigneten Zeit ins Bett komme, muss ich weniger Jever Fun trinken, habe demzufolge keinen Blubberbauch und bin am nächsten Morgen wach und energiegeladen.
An Feiertagen bleibe ich zuhause und lese ein Buch. Oder, wenn das Wetter einfach zu schön ist, suche ich mir die Fahrradstrecke aus, auf der ich garantiert nicht auf überforderte Familienväter samt schlechtgelauntem Eheweib und quengelnder Brut treffe. Der Nachteil: Sie geht steil bergauf und durch unwegsames Gebiet. Der Vorteil: Ich muss nicht dauernd "Nicht erschrecken!" brüllen, wenn ich in etwas forscherem Tempo und entsprechender Sittenstrolchatmung an anderen Ausflüglern vorbeiziehe.

Und was Sie betrifft: Wie wäre es denn, wenn Sie den Brückentag zur Kommunikation mit dem oder der Liebsten nützten? Einmal lange im Bett bleiben, um dort Wasauchimmer zu tun, statt sich in den Stau zu stellen, an irgendeinem überfüllten Strand (ersatzweise gern auch Berg) überteuerte Bratwürstchen (ersatzweise gern auch Eis) zu essen, für die Sie stundenlang angestanden haben?
Was halten Sie davon, Ihren nächsten Urlaub erst dann anzutreten, wenn alle anderen schon weg sind? (Dieser Tipp macht natürlich nur Sinn, wenn Sie zu denjenigen gehören, die Staus samt dazugehörigen zwischenmenschlichen Unwägbarkeiten nicht genießen.)
Oder kaufen Sie Samstags vor 9.00 Uhr ein. Dann sind Sie fast allein im Laden und können sogar ein entspanntes Pläuschchen mit dem anderen Kunden oder der Kassiererin halten.

Wenn Ihnen noch mehr Beispiele einfallen, schreiben Sie gern einen Kommentar - eine Menge Menschen, die sich fragen, warum sie sich das Gedrängel, die Schlangensteherei und das schlechte Essen antun, werden Ihnen dankbar sein!

Waaahrmmm!

Heute war es sehr warm. Schon morgens. Warm ist schön. Ich schwitze gern (nicht nur in der Sauna), und ab 25° werde ich immer lebendiger. Deswegen fand ich, dass heute ein guter Tag für ein paar Drehungen beim Step und ein paar Liegestütze beim Six-Pack sei. Außer mir fanden das nur noch sehr wenige. Die meisten hatten sich ins Studio gerettet, weil es dort eine Klimaanlage gibt, und nahmen den Kurs sozusagen als notwendiges Übel mit.
Dabei ist es doch schön, bei einer Körperkerntemperatur von knapp 40° bei schneller Musik um das gewählte Sportgerät herumzuwirbeln!

Trotzdem kam auf meine Frage "Wie gut geht es Euch?" immer nur ein Stöhnen.

Gut, ich muss zugeben, dass eine Trainerin das leichtere Leben hat: Wenn ich nicht mehr kann, stehe ich auf und korrigiere. Oder feuere an. Mache ein paar Witze und dann wieder mit und wundere mich, warum alle so erschöpft sind.
Heute hat mich jemand gefragt, ob ich möglicherweise in meinem früheren Leben Großinquisitor gewesen sei.

Dabei meine ich es doch nur gut!

22 Mai 2009

Entwurzelt

Fühle, woher Du kommst,
sei Dir Deiner Wurzeln bewusst.
Und dann
reisse sie aus.
Mit beiden Händen,
und all
Deiner Kraft.

Geh, wenn Du nicht bleiben kannst.

Musstest Du Dich hinterlassen?
Dein Geruch in meinen Kissen,
Deine Hand auf meinem Bauch,
Deine Lippen auf meinen.

Musstest Du Dich erinnern?
Mein Parfüm in Deinem Bett,
Meine Haare in Deinem Bad,
Mein Gesicht an Deinem?

Muss ich Dich zurücknehmen?
Deine Worte in meinem Kopf,
Deine Zärtlichkeit auf meiner Haut,
meine Verletzung durch Dich?

Spielverderber!

Kokainhaltige Cola aus dem Verkehr gezogen

Wiesbaden (dpa) - In Hessen und Nordrhein-Westfalen darf vorerst keine Cola von Red Bull verkauft werden. In dem Getränk wurden Spuren von Kokain festgestellt. Es bestehe zwar keine Gesundheitsgefahr, aber in Lebensmitteln seien solche Substanzen nicht zugelassen, teilte das hessische Verbraucherministerium mit und bestätigte damit einen Bericht der „Frankfurter Neuen Presse. Das nordrhein-westfälischen Verbraucherschutzministerium geht davon aus, dass die Cola nun bundesweit zurückgezogen wird. (Focus Online, 22.05.09)

Großartig! Da denkst Du, dieses nach Gummibärchen schmeckende Bonbonwasser macht Dich schneller, schöner, schicker, verleiht Flügel, Flossen oder Flair, und was ist: Kokain ist drin!
Der normale Konsument wird sich denken: "Großartig, und so günstig!". Aber die Gesundheitsaufsicht schiebt natürlich sofort einen Riegel davor.
Wie sollte sie auch anders?

Jugendliche wollen sich ins Koma saufen - verboten.
Marihuana macht so schön dösig - verboten.
Kokain macht leistungsfähig - verboten.
LSD macht bunte Blumen ins Gehirn - verboten.

Wir fassen zusammen: Alles, was uns die gegenwärtige Wirtschaftskrise, den Anblick von Frau Merkel, Harz IV und überhöhte Managergehälter ein wenig verschönern könnte, ist verboten.

Hat denn noch niemand den Zusammenhang zwischen bewusstseinserweiternden oder -zerstörenden Drogen und politischem Desinteresse entdeckt?

Liebe Gesundheitsaufsicht, liebe Frau Merkel, liebe Frau Schmidt, liebe andere EntscheidungsträgerInnen, Eliten und Aufsichtsratsvorsitzende: Gebt uns ordentliches Dope, und wir halten die Klappe! Kein Mensch rennt mehr auf die Straße und schwenkt ein Schild, auf dem "Dagegen!" steht, niemand denkt über irgendetwas nach oder rechnet aus, wie groß die Kluft zwischen Arm und Reich inzwischen ist.

Stellen Sie sich vor, Sie wären im Paradies. Ihre Untertanen sind völlig bedröhnt, und jeder öffentliche Auftritt Ihrerseits würde von tosendem Beifall begleitet, wenn Sie statt Pessimismus und Einschränkungen ein wenig Marihuana, Ecstasy oder Kokain auf den Straßen verteilen liessen.

Noch besser: Erhöhen Sie die Promillegrenze beim Autofahren. Dann wird sich das Problem eventuell renitenter werden wollender BürgerInnen recht schnell von allein erledigen.

Am allerbesten: Für diesen Rat verlange ich keinen Cent. Spendieren Sie mir einfach einen Jack Daniels.

20 Mai 2009

Burkini - Die neue Freiheit beim Schwimmen

Heute habe ich eine Idee bekommen, warum die deutschen Gerichte so langsam richten. Ganz davon abgesehen, dass sie sich mit Maschendrahtzäunen, den Arbeitszeiten krähender Hähne und eventuell auf das Nachbargrundstück herabfallender Äpfel auseinandersetzen müssen, kommt im Bemühen, unterschiedliche Kulturen unter einen Hut zu bringen, auch die eine oder andere religiöse Stilblüte zum Vorschein.
So musste sich kürzlich ein Gericht damit befassen, ob ein 7-jähriges muslimisches Mädchen vom Schwimmunterricht befreit werden darf, weil es aufgrund der straffreligiösen Ausrichtung der Eltern, denen es wichtig ist, ihr Kind vor sexuellen Versuchungen zu bewahren (Was im zarten Alter von 7 Jahren ungeheuer wichtig ist: Da fangen die Gören nämlich schon an, Papas Pornosammlung zu durchwühlen und Mamis Vibrator zweckzuentfremden!), nur einen Burkini (Das ist ein zweiteiliger Schwimmanzug inclusive Kopfbedeckung, der selbstverständlich nicht eng sitzt.), tragen darf. In diesem könnte es aber ertrinken, weil der Stoff sich mit Wasser vollsaugt beim Schwimmen. Außerdem könnte es gehänselt werden, weil alle anderen Kinder weniger stoffintensive -kinis tragen.

Das Gericht tagte lange und beschloss, dass das Schwimmen trotzdem zumutbar und es die Aufgabe der Lehrkraft sei, für einen reibungslosen Ablauf des Unterrichts zu sorgen und zu verhindern, dass dieses arme Mädchen ausgegrenzt wird.

Das nenne ich eine sinnvolle Beschäftigung des zuständigen Gerichts! Möglicherweise ist vorher die Klassenlehrerin bei Papa zu Kreuze gekrochen und hat um die Schwimmerlaubnis für die Tochter gebettelt.

Sie finden, dass ich politisch nicht korrekt schreibe?

Dann drehen wir doch die Situation einmal um: Eine junge Frau, alleinerziehend, sucht und findet einen Arbeitsplatz in einem muslimischen Land. Die Frau ist katholisch, ihre Tochter ebenfalls, und sie ist der festen Überzeugung, dass es möglich sein sollte, ihren Glauben auch in der Fremde ausüben zu dürfen. Da sie außerdem bekennende Feministin ist, besteht sie darauf, dass ihre Tochter erstens ohne Verhüllung auf die Straße gehen und sich zweitens im Sportunterricht mit den ortsansässigen Jungen messen dürfen sollte. Immerhin sollte sie trotz des Ortswechsels und bei allem Integrationswillen auch ihrer Religion und ihren Überzeugungen gemäß leben dürfen. Da, wo sie herkam, war das ein Grundrecht.
Die Lehrer verweigern das und bestehen auf Kopftuch und Zurückhaltung. Frauen sind nämlich sexuell manipulierbar. Meistens merken sie das nicht einmal, weil sie den Männern an Rationalität und Charakterfestigkeit weit unterlegen sind.

Die junge, alleinerziehende Mutter zieht vor Gericht, um die Ausübung ihres Glaubens und ihrer Kultur durchzusetzen.
Wenn es gut läuft, verliert sie Arbeit und Aufenthaltsgenehmigung und wird wieder ALG-II-Empfängerin.
Wenn sie sich das falsche Land ausgesucht hat, wird sie wegen Verstoßes gegen Wasauchimmer gesteinigt. Oder ins Gefängnis gesteckt, wenn es gut läuft. Die Frauenbeauftragte, die das verhindern könnte, gibt es hier leider nicht.

Natürlich ist das Fiktion. Alleinerziehende Frauen suchen keine Jobs in Ländern, die einen Burkini vorschreiben.

19 Mai 2009

Da ist diese Frau...

Sie ist so groß, dass ich (obwohl weder klein noch zart noch zierlich) zu ihr aufschaue und jedesmal denke: "Boah!"
Sie ist ein Energiebündel, und ein 16-Stunden-Tag scheint ihr Urlaubsgefühle zu bescheren.
Wenn sie krank ist, macht sie den Bürokram vom Bett aus.
Sie würde sich eher an Krücken an ihren Arbeitsplatz schleppen, statt eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ausstellen zu lassen.
Sie ist ironisch, engagiert, kreativ, geradeheraus, kurzangebunden, mitfühlend, undramatisch, kompetent.
Sie liebt ihr Auto.
Sie liebt Kinder.
Die dazügehörigen Eltern liebt sie nicht so sehr.
Sie ist verbeamtet. Lässt sich trotzdem nicht krankschreiben, weil sie ihre Arbeit für wichtiger hält. Und arbeitet mehr, viel mehr, als ihr Dienstvertrag es vorschreibt. Auch in den Ferien.
Sie hasst Inkompetenz, Weicheierei und hysterischen Kleinkram.
Sie ist nicht nur groß, sie ist großartig.

Seit ich sie kenne, habe ich ein Bild von ihr: Allein in ihrem Wohnzimmer, Rotwein trinkend und Camus lesend. Den nächsten Arbeitstag vorbereitend. Glücklich und ohne störendes Anhängsel. (Neben dieser Frau kann mann nur Anhängsel sein, dachte ich.)

Heute hat sie mir erzählt, dass der Liebste auf sie wartet und sie sich auf den "Tatort" am Sonntag freut.

Ups.

Sie ruft nicht an,

... und dafür könnte es folgende Erklärungen geben (Wenn Ihnen mehr einfallen, schicken Sie mir bitte eine Mail!):

Er hat nicht angerufen, und sie will nicht die Erste sein.
Er hat angerufen, aber sie will nicht mit ihm reden.
Sie hat keine Zeit.
Sie hat keine Lust.
Er redet jedesmal ununterbrochen und hört ihr nicht zu.
Er ist ein dämlich blöder Egoist, und sie weiß Besseres mit ihrer Freizeit anzufangen, als mit ihm zu telefonieren.
Sie liebt ihn, aber das wird sie ihm niemals offenbaren.
Sie liebt ihn nicht, will ihn aber nicht verletzen.
Sie hat die Telefonrechnung nicht bezahlt.
Sie hat vergessen, den Akku aufzuladen.
Sie macht einfach mal dasselbe wie er.
Sie hat Angst, dass er etwas Unangenehmes sagt.
Ihre Katze/ihr Kaninchen/ihr Wellensittich hat das Kabel angeknabbert.
Er ist ihr zu klein.
Er ist ihr zu groß.
Er ist ihr zu dominant.
Er ist ihr zu nachgiebig.
Er ist ihr zu weich.
Er ist ihr zu hart.
Sie meldet sich nicht, weil sie zuviel Eierlikör getrunken hat.
Sie will sowieso sterben, was soll sie da noch telefonieren?
Sie ist ausgezogen.
Sie liegt tot im Gebüsch.
Sie liegt tot in ihrem Auto, das vor einem Baum steht.
Sie ist bei der Therapie.
Sie hat ein Kind, von dem sie ihm nichts erzählt hat.

Sie war zu lange erreichbar.

17 Mai 2009

Er ruft nicht an,

... und dafür gibt es folgende Erklärungen (Wenn Sie mehr davon haben, schicken Sie mir bitte eine Mail!):

Er liebt Sie nicht.
Er liebt Sie, hat aber gerade Wichtigeres zu tun.
Sein Telefon ist kaputt.
Sein Mobiltelefon ist auch kaputt.
Er hat die Telefonrechnung nicht bezahlt.
Er hat die Mobiltelefonrechnung nicht bezahlt.
Er ist doch da, hat aber keine Lust zu Telefonieren.
Wenn Sie ihn anrufen, geht er vielleicht doch ans Telefon.
Er hat viel Arbeit.
Sein/e Katze/Maus/Hamster/Meerschweinchen/Kaninchen/Kampfhund... haben das Kabel gefressen.
Schwiegermama findet Sie unpassend für den Nachwuchs.
Er telefoniert nicht gern, liebt Sie aber trotzdem.
Er ist betrunken.
Er nimmt Drogen.
Er steht gerade auf einem Stuhl und hat einen Strick um den Hals.
Er sitzt vor seinem Laptop und hat einen Revolverlauf im Mund.
Er kann nicht atmen wegen des Kohlendioxyds, das aus dem Auspuff seines Autos strömt.
Er liegt auf einer Prostituierten.
Er liegt unter einem extrem übergewichtigen One-Night-Stand.
Sie sind ihm zu dünn.
Sie sind ihm zu dick.
Sie sind ihm zu eloquent.
Sie sind ihm zu blöd.
Sie sind ihm zu unabhängig.

Sie sind nicht mehr erreichbar?

Ein perfekter Tag

Hätte ich einen perfekten Tag nur in meinem Kopf, sähe er so aus:

Früh wachwerden.
Hin- und herdrehen und sehr erfreut sein, weil ich nicht aufstehen muss.
Kaffee ans Bett tragen.
Lesen.
Irgendwann laufen.
Dann noch ein bisschen Sport.
Frühstück.
Je nach Wetterlage Sauna oder Balkon.
Ein Bier.
Schreiben.
Abends tief Luft holen und dem Tag dafür danken, dass er so war, wie er war.

Mein heutiger Tag (fast ungeplant):
Bin früh wachgeworden.
Habe mich noch ein paarmal von rechts nach links gedreht und gefreut, weil ich noch nicht aufstehen musste.
Irgendwann Kaffee ans Bett getragen und gelesen.
Sport gemacht.
Gefrühstückt.
Nochmal Sport gemacht.
Mittagessen bei Mutti. Sehr geschwitzt, weil ich langärmelig trage, damit sie mich nicht wegen meines neuen Tattoos ausschimpft. (Ja, ich weiß, ich bin volljährig! Mutti ist trotzdem beängstigend, wenn sie wütend ist. Finde ich.)
Gelaufen. Der Himmel schien immer blauer zu werden und der Raps immer gelber.
Sauna. Obwohl es warm war. Aber weil es warm war, war es auch leer. Entspannend. Keine Sau lag in der ansonsten heftig umkämpften Hängematte.
Irgendwann nach Hause gefahren.
Jetzt schreibe ich und trinke ein Bier.
Und danke dem Tag dafür, dass er so war, wie er war. Weil er unglaublich schön war.

Wie war Ihr Tag?

15 Mai 2009

Der Regen prasselt auf mein Dachfenster,

und ich stelle mir vor, wie es sich anfühlen würde, im Regen zu laufen. Nasses Shirt, tropfende Haare, Schuhe, in denen das Wasser steht. Wäre der Regen warm, wäre es Sommer, eine Gewitternacht vielleicht mit Wetterleuchten am Horizont und senkrecht im Boden verschwindenden Blitzen, und hätte ich keine Angst vor Gewitter, könnte dieser Lauf Inspiration, Offenbarung und Abenteuer sein.
Aber es ist Mai, der letzte Tag der Eisheiligen, die "Kalte Sophie", stockdunkel und kaltfeucht.
Also laufe ich nicht in freier Wildbahn, sondern auf dem Laufband, den Blick ein paar Meter nach vorn gerichtet, dahin, wo ich einen Sonnenuntergang sehen kann. Den nur ich sehe.

Trotzdem. Wäre Sommer, 29°, Gewitter, warmer Regen, Wetterleuchten am Horizont und senkrecht im Boden verschwindende Blitze, würde ich mir einen Badeanzug und Laufschuhe anziehen, mich nassregnen lassen und den Anblick der Naturgewalten genießen.
Aber es ist Mitte Mai, der Regen recht kühl und sehr feucht. Ich bleibe zuhause und genieße es, wie er auf mein Dachfenster prasselt.

Die Landkarte ist nicht das Gebiet

Da wäre - selbstverständlich - zunächst meine eigene Landkarte: Im Spiegel betrachtet halbwegs in Ordnung, ein bisschen Wöbber an der Armrückseite, mittschiffs sind die Sünden der letzten Woche sichtbar, Haare gut, wenig Pickel, im Kopf ein paar gute Ideen, tendenziell etwas unzufrieden wegen latenter Disziplinlosigkeit.
ER 1: Die paar Kilo mehr stehen ihr großartig, hoffentlich nimmt sie nicht wieder ab, ich finde sie so viel weiblicher! Wuschig ist sie, und ich kann nur schwer ihre Zickzackbewegungen nachvollziehen. Egal, ich bemühe mich einfach, sie so zu lassen, wie sie ist. Aber was will sie bloß?
ER 2: Großartige Frau! Kreativ, inspirierend, lechzhechelgier. Will ich haben. Aber was wäre, wenn ich sie hätte? Dann könnte sie mich ja auch haben wollen... Das wäre anstrengend. Will ich das?
ER 3: Warum macht sie bloß nicht mehr aus sich? Sie könnte noch viel besser aussehen mit hochhackigen Schuhen und Strapsen. Und wenn sie dann noch ein wenig mehr auf die Kacke hauen und nicht immer so schnell aufgeben würde...
ER 4: Irgendwie redet sie ja immer nur von sich. Eigentlich finde ich sie gut. Aber sie beachtet mich zuwenig. Sie schaut nicht nach mir. Sie richtet sich nicht nach mir. Wie kann ich ihr das bloß beibringen? Egoistisch ist sie. Bloß, weil sie kein Fleisch isst, kocht sie mir auch keins. Blöde Kuh.
Die beste Freundin: Was macht sie sich es bloß immer so schwer? Sie ist doch genau richtig, so wie sie ist. Naja, sie könnte etwas lockerer werden. Und wenn sie dann nicht immer ER 1 am Hacken hätte... Und wie stellt sie es an, dass sie bei all der Fresserei nicht viel dicker ist?
Ex-Freundin: Die ist mir viel zu wirr. Gerade habe ich mich auf Verhalten A eingestellt, da verhält sie sich B. Das geht gar nicht. Ich brauche Konstanz. Ich habe Psychologie studiert. Da kann man ja wohl etwas Kooperation erwarten, oder?
Mama: Manchmal glaube ich ja, die haben sie in der Klinik vertauscht. Diese seltsamen Verhaltensweisen, die sie hat, kann sie nicht von mir haben! Andererseits... so wie sie immer mit dem Kopf durch die Wand muss... Und diese Nase... Ist wahrscheinlich doch selbstproduziert....
"Schwiegermama": Sie ist ja wirklich nett. Aber so seltsam dabei. Und mein Junge braucht doch etwas Bodenständiges! Wir sollten uns besser noch ein wenig umsehen.
Nachbarin: Ich würde ihr ja so gern viel mehr von mir erzählen. Aber die rennt immer weg. Und hat so komische Stöpsel im Ohr...
Nachbar: Eines ist sicher: Sie nervt nicht, hört keine laute Musik, wenn ich zuhause bin, beschwert sich nicht über meinen herumbrüllenden Zwerghahn und grüßt immer freundlich. Alles gut. Darf hier wohnen bleiben.

13 Mai 2009

Wenn ich immer ich bin, wer bist dann Du?

Es heisst ja, dass immer dann, wenn ich eine schlechte Eigenschaft in einem anderen Menschen erkenne, ich eigentlich meine eigenen Fehler sehe.

Wenn ich Dich anschaue und feststelle, dass Du nichts weiter bist als eine Laus in meinem Pelz, muss ich mich kratzen, nicht Du Dich. Du bist ja die Laus. Läuse juckt nichts.

Wenn ich Dir später sage, wer Du bist,
sage ich Dir im Grunde gar nichts, sondern rede nur über mich. Denn immer, wenn ich Dich erkannt zu haben glaube, schaue ich nur in einen Spiegel.

So habe ich eines Tages herausgefunden, dass Du ein fieser Egoist bist. Bin ich jetzt der Egoist, oder bist Du es?
Später sah ich Dir ins Gesicht und erkannte Verdruss - hatte ich schlechte Laune, oder war es Deine?

Genau betrachtet halte ich Dich für ein echtes Arschloch. Dich? Wirklich? Oder doch mich?

Bin ich? Oder habe ich? Nein,
Du hast!

Und falls ich beschließe, mich von all dem zu befreien: Bist Du tot, wenn ich Dir die Kehle durchschneide, oder ist es mein eigenes Blut, dass da in fremdem Rhythmus meinen Spiegel erröten lässt?

10 Mai 2009

"Glücksbringer"

heißt das neue (?) Buch bzw. die CD von Dr. von Hirschhausen. Ich habe heute eine Menge Glücksbringer gesammelt, und weil ich heute beim Hören der CD gelernt habe, dass sich das Kurzzeitgedächtnis maximal 7 Zahlen merken kann, gehe ich davon aus, dass es sich mit Erinnerungen möglicherweise ähnlich verhält. Ich kenne mindestens einen Menschen, der jeden Glücksmoment seines Lebens in dem Moment vergisst, wenn er (der Glücksmoment) passiert. Falls er nimmt ihn überhaupt wahrnimmt.
Deswegen (Wegen der 7 Dinge, die ich mir maximal merken können soll - gemerkt, so schnell entsteht eine Fehlinformation!) fange ich von hinten an. Chronologisch gesehen.

  1. Ein langes Telefonat mit meiner besten Freundin. Viel gelacht und dabei in der Badewanne geplätschert. Ich. Sie hat keine. Aber ich wünsche ihr eine. Hat sie verdient.
  2. Fast 90 Minuten gelaufen am frühen Abend. Leuchtender Raps, ein freundlicher Golden Retriever mit einem Herrchen, das genauso aussah, iPod auf Zufallsabspielen gestellt, und genau die richtige Musik kam. Unterwegs dachte ich mir: "Fett? Ich? Nö! Ich sehe großartig aus! Mein Schatten ist echt schlank - und erst mein Zopf!" Endorphine ohne Ende. Jetzt noch.
  3. Ein Besuch bei meiner Mutter, die mir den ersten Muttertagsblumenstrauß meines Lebens geschenkt hat. Dabei habe ich gar keine Kinder. Ihre Begründung: "Das heißt 'Muttertag' und ist sowieso völliger Blödsinn. Und wo steht, dass eine Mutter an diesem Tag nichts verschenken darf?" Sachertorte gab es auch. Und Kaffee. (Ich muss unbedingt an "Leben lieben" weiterschreiben. Meine Mutter ist eine großartige Frau. Großartige Frauen sollten irgendeine Art von Denkmal haben. Sockelfrei.)
  4. Eine einstündige Autofahrt, auf der ich "Glücksbringer" gehört und mich erstens köstlich amüsiert und zweitens eine Menge neuer Ideen und Impulse bekommen habe. Bin die meiste Zeit nur 70 km/h gefahren und habe fast ununterbrochen gekichert.
  5. Ein Waldspaziergang mit zwei netten Menschen. Viel Matsch, aber auch viel Grün und Zwitscher.
  6. Großartiger ... (Geht Sie gar nichts an! Haben Sie ihren eigenen!)
  7. Jetzt bin ich schon bei gestern Abend: Habe nicht einmal beim Billard gewonnen, aber eine Menge Spaß gehabt, davor sehr gut gegessen, und davor viel Sport gemacht. Schmerzfrei. Auch die Abwesenheit von Schmerzen kann ein echter Glücksbringer sein.
Genau 7. Herr Dr. von Hirschhausen hat recht. Und ich bin glücklich.

08 Mai 2009

Hornviecher und andere Sternzeichen

Ein Widder bewegt sich: Going, going, going, springt über die Wiese, über den Zaun, wild herum, hoch und wieder runter, zurück auf die Wiese, hoch, runter, going, going, going.

Ein Stier bewegt sich: Hmmpfff. Drei Zentimeter. Muss reichen.

Ein Steinbock bewegt sich: Gehst Du wohl aus dem Weg! Hast hier nichts zu suchen! Mein Berg! Wech da! Sofort!

Eine Jungfrau bewegt sich: Jemine, neu, kenne ich nicht. Ich muss kotzen!

Ein Zwilling bewegt sich: Will ich da wirklich hin? Ist es da nicht gefährlich? Sollte ich nicht lieber hier bleiben?

Ein Löwe bewegt sich: Fauch! Mein Revier! Verpiss Dich!

Ein Wassermann bewegt sich: Also, wenn ich jetzt nicht störe, würde ich sehr gern ein wenig dort hinüber laufen. Aber wenn es gar nicht passt, bleibe ich auch hier. Entschuldigung.

Ein Fisch bewegt sich: Nicht.

Ein Skorpion bewegt sich: Nachdem er gestochen hat.

Eine Waage bewegt sich: Also, wenn ich dann ganz ausgeglichen bin, werde ich möglicherweise diesen Weg einschlagen. Aber ich warte erst einmal ab.

Ein Krebs bewegt sich: Seitwärts. Aber schnell. Und wehe, unterwegs spricht ihn jemand an!

Ein Schütze bewegt sich: Aber erst, wenn er perfekt gestylt ist.

Damals

Rote Rosen gab es,
geschenkt.
Der Rosenverkäufer wollte Feierabend machen.

Ich,
die Arme voller Blumen,
auf dem Beifahrersitz Deines Autos.

Du,
aufgeregt.
Konntest den Weg nicht finden.

Wir,
lachend, voller Leichtigkeit,
ein Lebenszehntel Liebe.

07 Mai 2009

Nordic Walker

... können sehr sympathische und humorvolle Menschen sein. Erst letzte Woche wurde ich von einer mir bekannten Gruppe mit La Ola begrüßt, als ich ihnen entgegenrannte.

Aber sie können auch anders. Mit herabgezogenen Mundwinkeln, in Vierergruppen nebeneinander grimmig und konzentriert ihrer Gesundheitspflege nachgehend. Wenn Ihnen, während Sie beim Laufen sind, solch ein Trupp entgegenkommt: Bloß nicht grüßen! Auf gar keinen Fall lächeln! Wenn Sie Glück haben, wird man Sie ignorieren, was bedeutet, dass Sie sich irgendwie Ihren Weg durch die Stockmarschierer bahnen müssen. Sie könnten aber auch als Feind, dessen Lächeln nicht Freundlichkeit, sondern Verachtung bedeutet, identifiziert werden, und die Viererkette, die Sie durchlaufen müssen, wird noch breiter.

Läufer und Nordic-Walker sind nämlich natürliche Feinde. Während ein laufender Mensch einfach losläuft, nötigenfalls sogar barfuß und damit der natürlichsten und ältesten Bewegungsform der Menschheit nachgeht, muss der Nordic-Walker erst einen mehrwöchigen Kurs besuchen und sich für eine Mörderkohle Nordic-Walking-Dress und die dazugehörigen Stöcke kaufen. Das dauert.
Die Wahrscheinlichkeit, dass der Laufanfänger seinen ersten Marathon finisht, während der Nordic-Walker immer noch verzweifelt versucht, Arme und Beine zu koordinieren, ist relativ hoch.

Ich weiß, wovon ich rede. Ich habe es versucht, und zwar unter Anleitung einer Nordic-Walking-Instructorin. Jedesmal, wenn uns jemand entgegenkam, verspürte ich das Bedürfnis, die Stöcker von mir zu werfen, weil es mir unsäglich peinlich war, dass ich mich nicht wie ein normaler Mensch bewegte.
Aber man kann die Mistdinger nicht einfach wegschmeißen, weil sie an einem festgeklettet sind! Der Grund dafür ist, dass man beim Armschwung nach hinten die Hände öffnen soll, weil sie sich beim Vorschwung an den Griffen festgekrallt haben.

Ich kürze ab: Meine Nordic-Walking-Erfahrung beschränkte sich auf eine knappe Stunde, in der ich verzweifelt versuchte, Arme und Beine zu koordinieren, während ich verbissen "Rechtes Bein, linker Arm, linkes Bein, rechter Arm!" vor mich hinmurmelte. Jeden Entgegenkommenden, der ohne Stöcker, also als freier Mensch unterwegs war, hasste ich zutiefst und ließ ihn das auch durch böse Blicke spüren. "Ein blödes Grinsen, und ich haue Dir diese verdammten Stöcke um die Ohren!" dachte ich dabei.
Dann hatte meine Instructorin ein Einsehen. "Komm, wir hören auf, das wird nix!" erklärte sie mir. Freudig kam ich ihrer Bitte nach, nahm die Fremdkörper in die Hände und bewegte mich wieder wie ein normaler Mensch.

Ich kann mir übrigens selten dieses leicht mitleidige Lächeln verkneifen, wenn ich auf Nordic Walker treffe. Andererseits: Das Volk geht jetzt an die frische Luft. Das ist gut und lobenswert. Und wenn das Volk zu diesem Zweck zwei Stöcke spazierentragen muss, soll es das eben tun. Ist auch gut gegen die Wirtschaftskrise.

Für mich jedoch gilt: Wenn Gott gewollt hätte, dass ich auf allen Vieren gehe, hätte er mich zum Hund gemacht. Oder zur Katze. Hat er nicht. Also laufe ich auf meinen Füßen. Ausschließlich.

06 Mai 2009

Vorwort - Text - Nachwort

Ich habe heute ein paar "alte" Texte gefunden. Und weil nichts zufällig passiert, passen sie.

Ich verkneife mir - für einen Moment - Erklärungen.

Nur dies: Die Reihenfolge. Von oben nach unten gelesen. Steht ja alles unter dem gleichen Datum.

Weltenlängen

Manchmal scheinen die
Welten
unendlich voneinander entfernt.
Keine Berührungspunkte.
Nur Grenzen.

Manchmal scheinen die
Grenzen
durchlässig und nachgiebig.
Keine Wachen.
Nur Tore.

Manchmal scheinen die
Tore
mit Schlössern verhangen.
Keine Öffnung.
Nur Stahl.

Manchmal scheint der
Stahl
hart und kalt.
Keine Wärme.
Nur ...
Hoffnung?

Der Bunker

Gefangen in der Dunkelheit

Sie war bei einem Waldspaziergang in dieses Loch gefallen. Der Spazierweg hatte eine ganze Zeit bergauf geführt, wunderschöne Ausblicke taten sich auf, wenn sie durch die Bäume blickte. Das Wetter war relativ schlecht, April, mal kalt, mal warm, mal Sonne, mal Regen, mal Hagel, sie war schlechtgelaunt, denn sie war 40. Aber es war ein sehr schöner Wald. Bis auf das letzte Stück. Da war ein Maschendrahtzaun, ja, aber der interessierte sie nicht, ihr Höhlenforscherdrang ging mit ihr durch. Sie stieg durch ein Loch im Zaun, blickte durch einen schmalen Spalt, stellte sich vor, wie vor langer, langer Zeit Höhlenbären, Löwen und Neandertaler sich in dieser Höhle getroffen hatten.

Dann der Fall.

Es war keine Höhle, sondern nur ein alter Bunker aus dem 1. oder 2. Weltkrieg. Mitten im Wald, keine Touristenattraktion, keine Mythen, nur graue Dunkelheit. Irgendwann, vor mittlerweile 60 Jahren, hatten sich hier Menschen versteckt, die nichts mit Hitler zu tun hatten außer einem Kreuz auf ihrem Wahlzettel und der Hoffnung, daß es vielleicht besser werden würde. Eine zeitlose Wahl möglicherweise.

Ihr schoss der Gedanke durch den Kopf, dass in Alaska die Menschen Wölfe schossen, weil die die Unverschämtheit besaßen, das von der Schöpfungskrone beanspruchte Elchfleisch zu essen. Ein paar Kilometer südlich, in Kanada, wurde die Robbenmordquote erhöht, da diese possierlichen Tierchen angeblich den Kabeljaubestand dezimierten. Überfischung?

Die Tiere hatten keinen Bunker. Sie hatten nichts. Keine Lobby, keine Hilfe. Und sie hatte jetzt auch nichts. Nur einen Bunker. Schneckenhausförmig, ins Innere der Erde führend. Ängstlich. Jedes Tier, das sie fand, hätte jedes Recht, sie zu töten. Sie liebte Tiere, hatte aber trotzdem eine panische Angst vor allem, was kein Fell und mehr als sechs Beine hatte. Und sie war betrunken. Hatte diesen Waldspaziergang unternommen auf der Flucht vor ihrem Geburtstag. Und hatte mit ein paar Flaschen Sekt versucht, ihre Flucht zu beschleunigen.

Sie ging langsam den Gang hinunter. Er führte ins Erdreich. In die Unendlichkeit, wie ihr schien. Sie schwankte zwischen Furcht und Hochgefühl. Wahrscheinlich wusste niemand von diesem Bunker. Sie war allein. Endlich. Aber wer oder was war hier mit ihr?
Sie hörte Geräusche von vielen kleinen Füßen. Spinnen? Nein, in dieser grauen, klammen Dunkelheit liefen die Hauptbewohner dieses Bunkers: Kakerlaken. Und diese Kakerlaken würden sich nicht in irgendwelche Spalte flüchten, nur weil sie kam. Es war dunkel, und sie waren hier zuhause.

Sie fand einen Spalt in der Mauer. Sie krümmte sich zusammen. Sie umfaßte ihre Knie und machte sich sehr, sehr klein. Sie starb. Ihre unsterbliche Seele starb. Niemand, der ihre Hand hielt. Allein.

Und? Ist doch schrecklich, oder?

Heute morgen war alles doof. Grau und Regen und kalt. Einziger Lichtblick: Die freundlicherweise von meinen Vermietern wieder eingeschaltete Heizung.
Am frühen Nachmittag wurde das Wetter dann immer besser, je weiter mein Peugeot und ich nach Norden vordrangen. In Hannover fand ich meine Winterstrickjacke schon recht hysterisch.
Seltsamerweise lichtete sich gleichzeitig mit dem Wetter das Tief in meinem Kopf und wich zwar noch keinem Hoch, erlaubte aber Wolkenlücken.
Noch etwas später, die Jacke lag mittlerweile im Kofferraum, beschloss ich, dass auch meine depressiven Anteile ein Recht auf Beachtung hätten. Ab diesem Moment ging es aufwärts.
Die Rückfahrt legte ich singend zurück. Sehr laut singend.

Und so, wie mich heute früh die alten, traurigen Texte gefunden hatten, fanden mich auf einmal positive Eindrücke: Zwei Menschen, die sich in ihrer Euphorie gegenseitig unterbrachen und dabei einen ungeheuren Energiepegel aufbauten, ein Mensch, der mit relativ wenigen Worten eine Menge meiner Anteile miteinander in Kontakt brachte, und eine nette und sehr geduldige Tankstellenkassiererin, die erkannte, dass die alte Dame einsam war, sich Zeit für sie nahm und sich keinen Deut um die dahinter ungeduldig trippelnde Schlange scherte.

Außerdem ist bald Vollmond.

Alles wird gut. Ist nur eine Frage der Submodalitäten.

Das war ein Tag, und für mich gibt es drei Interpretationsmöglichkeiten:

  1. Ich bin völlig bekloppt.
  2. Es wird wirklich immer alles gut. Man muss ihm nur die Chance geben.
  3. Und alles, was nicht gut wird, soll so sein und darf das auch.

05 Mai 2009

Ehrlichkeit

Weißt Du, dass jedesmal, wenn ich Dich sehe, Dich höre, meine Hände auf Deine Schultern oder um Dein Gesicht lege, ich nur ein einziges Bedürfnis verspüre?

Dich solange zu prügeln, bis Du verstehst.

Dein Blut auf meinem Gesicht zu spüren.

Mit Deinen Augen Murmeln zu spielen.

Dein Herz herauszureißen.

Meine Fingernägel in Deine Haut zu bohren.

Dein Gesicht zu zerkratzen.

Du wirst nicht verstehen.

Totschlag.
Ohne Affekt.

Hab' keine Angst! Ich spiele nur mit world wide Wörtern.

Zu alt? Oder alt genug?

Heute habe ich einige Zeit im Wartezimmer verbracht. Dort ist mir eine ältere "Brigitte"-Ausgabe in die Hände gefallen, in der Interviews mit Frauen über 90 zu lesen waren. Fotos gab es auch. Lebendige Augen hatten sie alle, ebenso Interesse am Leben und dem ganzen Rest. Ich fand sie sehr attraktiv.
Bei DSDS würden sie wahrscheinlich nicht mehr genommen. Ich glaube, die Teilnehmerinnen dort dürfen auf gar keinen Fall älter als ein Viertel der Jahre von Dieter Bohlen sein.

In welchem Verhältnis steht die Lebenserfahrung dieser "alten Damen" zu meiner Angst vor frühzeitigem Schrumpel meines neuen Tattoos?
Wie ist mein Kampf gegen den an meinen Muskeln und Gelenken nagenden Zeitzahn zu sehen vor dem Hintergrund aufgespritzter Lippen, zu Grimassen verzerrter Gesichter und auf unnatürliche Weise entstandenen Körbchengrößen?

Viele hatten nach "The Hours" die Hoffnung, dass Nicole Kidman Mut zum Altern beweisen könnte. Heute schenkt sie den Fotografen ein eingefrorenes Botox-Grinsen.

Wo ist das richtige Verhältnis?

Ist jemand über 50 zu alt für eine neue Arbeit? Oder jemand knapp darunter ein Sozialschmarotzer, weil er sich weigert, als unterbezahlter Zeitarbeiter Knochenarbeit zu leisten, wenn er doch ganz andere Dinge tun könnte, wenn die ARGE ihn liesse?
Wo ist die Grenze zwischen Angst vor dem Verfall und dem natürlichen Selbsterhaltungstrieb? Wo ist der Stolz auf die im Leben errungene Weisheit? Und wo die Freude über die lachend verdienten Fältchen?
Warum bewundere ich eine 90-Jährige und wünsche mir gleichzeitig einen früheren Tod?

03 Mai 2009

Besoffene Schriftsteller Teil III

Blöd. Bin immer noch nicht betrunken. Müde auch nicht. Sollte ich das jetzt twittern? Will die Welt wissen, dass Frau S. aus W. eigentlich ins Bett wollen sollte, aber das Experiment noch nicht beendet hat? Bin ich interessanter als die vor die Haustür sch... Katzen in Amerika? Unwahrscheinlich.

Sie merken das übrigens nicht, weil ich bzw. mein PC eine Rechtschreibfunktion haben (meine ist allerdings besser, weil flexibler): Ich vertippe mich andauernd. Gerade habe ich nicht "vertippt", sondern "vertrippt" geschrieben.

Will heißen: Wenn ich nicht im Nachhinein verbessere, kommt zwar noch kein geistiger, aber ein buchstäblicher Blödsinn heraus. Glücklicherweise wissen Sie ja nicht, dass ich im Nachhinein verbessere.

Apropos Wissen: Wissen Sie übrigens, wieviele Kalorien sechs Bier haben? Wären sie alkoholfrei, hätten sie pro 100 ml 24 Kalorien. Alkohol ist teurer. Allerdings nicht in der Anschaffung.

Ich werde jetzt noch das letzte Bier dieses 6Packs trinken. Dann ist es weg. Und mein Experiment beendet.

Fazit: Ich schreibe zwar wie eine Bekloppte, aber das sind Gedanken, die die Welt nicht braucht. Macht einerseits zwar Spaß, lässt andererseits die Frage offen, woher meine Schreibblockade kommt. Der fehlende Alkohol ist es jedenfalls nicht.

Hicks.

02 Mai 2009

Geschenke. Unverpackt.

Du machst mir
Dich
zum Geschenk.

Doch

Du hast die
Verpackung
vergessen.

Es macht mir
ohne
Schleife

keinen Spaß.

Besoffene Schriftsteller Teil II

So. Ich habe schwer gearbeitet. Bin jetzt bei Bier Nummer vier, konnte mir allerdings das Essen nicht ganz verkneifen. Das bedeutet einerseits, dass mir mein Übergewicht auch morgen erhalten bleiben wird und andererseits, dass ich auch nach vier Bier noch schreiben kann.
Inwieweit dieses Schreiben von Sinn gekrönt ist, entscheiden Sie jetzt und ich beim ersten nüchternen Lesen.

Andererseits - und äußerst erschreckend - fühle ich mich nicht betrunken. Kreativ auch nicht. Ich sitze auf der Couch und höre Blues. Was ja auch wieder passt: Besoffenseinsollende MöchtegernschriftstellerInnen sollten Blues hören. Was auch sonst? Boney M.???
Meine Boxen erzählen von einer Frau, die einen Geschmack wie ein besonderer Wein hat und wie ein wertvolles Bild aussieht. Das bin ich nicht. Ich schmecke nach Hasseröder und sehe aus wie immer. Rubens hätte mich möglicherweise gemocht.

Bin ich jetzt kreativer? Fällt mir mehr ein als sonst?

Ein klares: NÖ!

Muss ich eben noch ein Bier trinken. Nummer vier ist auch gerade aus.

Falls der gute Freund mit dem guten Tipp gerade mitliest: Du bist schuld an meiner Wampe!

Müssen Schriftsteller saufen?

Ernest Hemingway würde das bejahen. Charles Bukowsky wahrscheinlich auch. Ebenso Elke Heidenreich, die einst bemerkte, dass sie keinen "ordentlichen" Schriftsteller kenne, der nicht mindestens eine Katze auf der Tastatur und ein Glas Rotwein daneben hat.
Ein guter Freund erklärte mir kürzlich, dass meine Schreibblockade möglicherweise mit meinem mangelhaften Alkoholkonsum zu tun haben könnte. "Ein Schriftsteller muss saufen, also hör mit dem alkoholfreien Kram auf!" riet er.

Der heutige Tag ist eine Art Testlauf. Ich trinke gerade mein zweites Bier (alkoholhaltig), und weil das so ist und ich ausserdem seit einigen Wochen ein paar Kilo Übergewicht auf meinen Laufrunden herumschleppe, werde ich nichts essen, sondern bei der Zufuhr flüssiger Kalorien bleiben. Hoffe ich jedenfalls und ignoriere das leise Grummeln meines seit dem Frühstück unbefüllten Magens. Denn wie alle Narzissten und -innen dieser Welt wissen, kann der Körper nur entweder Alkohol oder Nahrung verstoffwechseln - die Kombination führt zwangsläufig zu noch mehr Übergewicht.

Ich betrinke mich also nicht aus Frust, unerwiderter Liebe, dichterischer Depression oder wider besseres Wissen, nein, ich befinde mich mitten in einem wissenschaftlichen Experiment.

Wenn mir besoffen eine Menge mehr einfällt als nüchtern (Dabei ist es völlig unerheblich, ob ich mich später daran erinnern kann, ich habe es ja aufgeschrieben. Genau hier.), muss ich meine Verhaltensweise eben wieder ändern.

Immerhin habe ich Alkohol, Zucker und Koffein ja nicht aus meiner Küche verbannt, um besser schreiben, sondern um schneller laufen zu können. Und wenn ich jetzt trinke statt zu essen, kann ich vielleicht besser schreiben und schneller laufen.

Falls ich mich für eines von beidem entscheiden müsste, hätte ich allerdings ein Problem: Da ich am besten denken kann, wenn ich laufe, unglaublich inspiriert bin, wenn ich an einem Wettkampf teilnehme und extrem unlustig bei - aus welchen Gründen auch immer - erzwungener Bewegungslosigkeit, kann ich nicht sagen, was ich denken würde, wenn ich nicht mehr liefe. Oder anders: Würde ich überhaupt noch denken können ohne Bewegung? Wann denke ich mehr? Besoffen oder schwitzend? Gibt es irgendetwas dazwischen?

Ich werde heute abend noch eine Menge schreiben, um das herauszufinden.

Falls ich das nicht tue, bin ich möglicherweise eingeschlafen.