31 Dezember 2009

Das ewige Meer

... befindet sich im tiefsten Ostfriesland, direkt neben der Ortschaft Eversmeer, Gemeinde Großheide. Kennen Sie nicht? Dann sollten Sie es kennenlernen, denn es ist erstens hübsch dort, zweitens wohnen unglaublich nette Menschen in dieser Gemeinde und drittens kennen Sie dann mehr als die meisten Eingeborenen.

Meine beste Freundin zum Beispiel beantwortete im Sommer meine Frage angesichts des Hinweisschildes "Zum Ewigen Meer" mit: "Weiß ich doch nicht. Irgendein Wasser halt." und outete sich damit als eine echte Residentin. Die zeichnen sich häufig dadurch aus, dass sie die Sehenswürdigkeiten der nächsten Umgebung ignorieren oder gar nicht erst wahrnehmen. (Andere Freunde leben direkt an der Südküste Kretas, 500 Meter Fußweg zum Meer. Ich habe keine Ahnung, wann sie das letzte Mal im Wasser waren. Sie selber wahrscheinlich auch nicht.)

Heute beschloss ich jedenfalls, laufenderweise das Ewige Meer zu suchen, zu finden und zu besichtigen. Glatt war es, recht kalt, etwas Schneegriesel (wie die Wetterberichterstatter das nennen), noch kälterer Wind. Also Rentnerkrallen unter die Laufschuhe, warm angezogen, und los.

Ich durfte feststellen, dass die Ostfriesen eine ähnliche Haltung zu nichtmotorisierten Verkehrsteilnehmern pflegen wie die Northeimer: Sie betrachten sie als schnellstmöglich zu beseitigendes Freiwild auf Füßen. Auch scheint ein laufender Mensch hier eher ungewöhnlich, denn die Blicke, die mich aus gut geheizten Fahrzeugen heraus trafen, gaben mir das Gefühl, ein besonders interessant bepelztes Lebewesen zu sein, dass eigentlich hinter Zoogitterstäbe gehört.

Ich ignorierte Gegenwind, -verkehr, den Gestank nach altem Bratfett, der aus einer Berlinerbude drang und die verständnislosen Blicke und kämpfte mich vorwärts. Mein iPod unterstütze mein Vorhaben mit der Rocky-Filmmusik, und ich musste mich zusammenreißen, um nicht durch zusätzliches Schattenboxen noch mehr Aufmerksamkeit zu erregen.

Da - zwei Wegweiser, einer links mit dem Hinweis: "Ewiges Meer - 0,9 km", direkt gegenüber ein weiterer, offizieller aussehender, auf dem stand: "Ewiges Meer - 1.500 m". Ich begab mich in die angezeigte Richtung, wich einem wildgewordenen Postauto aus, machte einen großen Umweg um einen Bauernhof, auf dem zwei nicht angeleinte Hunde in Übergröße herumturnten und erreichte nach etwa sechs Minuten (Was bei meiner Laufgeschwindigkeit ungefähr einen Kilometer ausmacht.) einen Parkplatz. Interessanterweise befanden sich zur Rechten Halteverbotsschilder für die Zeit von 20.00 bis 6.00. Ich wunderte mich kurz, überlegte dann aber, dass so ein Ostfriese möglicherweise im Dunkeln den gleichen Fahrstil pflegt wie bei Tageslicht und daher am Straßenrand abgestellte Fahrzeuge im Eifer des Gefechts übersehen würde.

Über einen Fußweg (Jetzt entspannte ich mich spürbar, weil die Gefahr, Opfer eines Verkehrsunfalls zu werden, für einen Moment gebannt war.) erreichte ich das Ewige Meer. Schön. Nein, wunderschön. Eine Moorlandschaft mit zugefrorenen Wasserflächen rechts und links eines Bohlenweges, alles leicht überpudert mit frischgefallenem Schnee, und direkt vor mir der See. Ebenfalls gefroren, sehr still, fast, als gäbe es außer mir niemanden mehr auf dieser Welt.

Gut, der Begriff "Meer" ist ein bisschen größenwahnsinnig. Die Ewigkeit ist hier allerdings deutlich zu spüren.

Schöner kann man ein Jahr nicht beenden, finde ich.

Auf dem Weg zurück habe ich Rückenwind, und es läuft sich fast von allein.

29 Dezember 2009

Der übliche Rückblick...

... gerät mir hoffentlich ähnlich wie "Die üblichen Weihnachtsgrüße", die ich mit herzlichen nachweihnachtlichen Wünschen an dieser Stelle noch einmal veröffentlicht habe für diejenigen, die mir durch den Mail-Verteiler gerutscht sind.

Jahresrückblicke orientieren sich ja in der Regel am politischen und/oder dem Weltgeschehen. Dem kann ich nur schwer, wenn überhaupt folgen, weil ich in Whausen fernseh- und radiofrei auf einem Baum wohne. Stattdessen werde ich die Whausener Großereignisse und meine diversen Läufe als Erinnerungsstütze heranziehen.

Wer sich fragt: "Where the hell ist Whausen?", bekommt die orakelnde Antwort: "Fast überall. Meins liegt zwischen Beckers Bester und dem Erdbeerhof."

Januar 2009: Eine dorfbekannte Kurstrainerin - nämlich ich - startet das neue Programm "Fit4Kids" und wird von 10 Drei- bis Fünfjährigen beiderlei Geschlechts überrannt. An anderen Arbeitsstätten herscht eine gewisse Grundnöhligkeit, weil noch nicht bis zum letzten Arbeitgeber vorgedrungen ist, dass Kommunikation und Wertschätzung wichtige Personalführungsinstrumente sind.
Arschkalt ist es außerdem: -27° maß das Nachbarthermometer in der kältesten Nacht. Ich habe kein Auto und friere mir wichtige Körperteile ab auf meiner Odyssee durch den Öffentlichen Personennahverkehr.
Auf Fuerteventura war es zwar wärmer, hat aber gegossen wie aus Kübeln, und seit meinem dortigen Aufenthalt füllte sich die wörtliche Übersetzung des Inselnamens, die "Starker Wind" lautet, mit Bedeutung. Mann, hatte ich schlechte Laune, als ich 18 Kilometer mit Gegenwind und gelegentlichem Platzregen durch die Sanddünen zwischen Costa Calma und Jandia gestapft bin!

Februar 2009: Die Kindergruppe hat sich reduziert und boykottiert meine akribischen Vorbereitungen der Stunde. Einer von uns sitzt immer schmollend in der Ecke, weil die anderen nicht richtig mitspielen. Ich trainiere wie verrückt für meinen ersten Halbmarathon und habe vorsichtigen Kontakt zu einem unregelmäßig-regelmäßig mein Leben durcheinanderbringenden Abschnittsgefährten.
Vor allem aber habe ich wieder ein Auto und sehr schnell vergessen, wieviele Strecken man problemlos zu Fuß zurücklegen kann. Daher schließe ich mich den allgemeinen dörflichen Gepflogenheiten an und fahre zum Sportplatz. Das sind immerhin mehr al 500 m!

März 2009: 10-km-Lauf als Test für den Halbmarathon und angesichts einer gemeinen Berg- und Talstrecke, Mistwetter plus Orientierungslosigkeit eine recht ordentliche Zeit. Habe meinen späteren Halbmarathonpartner abgehängt. Der Abschnittspartner ist depressiv und deswegen nicht gekommen, ich bin euphorisch, eine Kombination, die sich durch mehrere Monate ziehen wird wie ein Hubba Bubba mit Erdbeergeschmack.

April 2009: Whausen schmückt sich mit Baumeiern und sieht - trotz zeitweisem Schietwetter - frühlingshaft bunt aus. Ich vollende die erste Hälfte meines Lebens (wenn alles gut läuft) und meinen ersten Halbmarathon. (Was war ich froh, dass ich nach zwei Runden rechts abbiegen und Erdinger Alkoholfrei trinken durfte und nicht noch zwei weitere Runden weiterlaufen musste!) Es war der zweitschönste Lauf meines bisherigen Lebens. An dieser Stelle noch einmal ein herzliches Dankeschön an meinen Laufpartner! Sauna mit Blick aufs Meer war auch sehr schön.
Danach war mir für längere Zeit langweilig.

Mai 2009: Es ist abwechselnd nass und heiss, ich denke so um mich rum, laufe viel zu wenig und verstecke mein Auto im Nachbardorf, damit ich endlich - wie geplant - mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre. Blöderweise habe ich nicht schnell genug vergessen, wo es steht, das Auto...

Juni 2009: Altstadtlauf Göttingen. Ich habe mir extra neue Rennschuhe besorgt. In Whausen bereitet man sich auf das große Musikfest vor. Der Musikverein hat Jubiläum, und überall hängen Fähnchen und stehen Birken in Eimern. Sieht hübsch aus.
Trotz einiger Kilo Übergewicht (Die entstanden sind, weil ich mein Auto eben nicht gut genug versteckt habe.) bin ich mit meiner Zeit halbwegs zufrieden. Außerdem stehen haufenweise nette Menschen an der Strecke und jubeln. Das macht glücklich. Der Abschnittspartner steht auch da, obwohl er eigentlich überhaupt keine Zeit gehabt hätte. Die Nachfeier fällt aus. War trotzdem nett.
Danach ist mir wieder für einige Zeit langweilig.

Juli 2009: Ich fange langsam an, mich auf den Urlaub zu freuen. An vielen Arbeitsstätten in Deutschland versagen Klimaanlagen und Geschäftsführer. Wir haben Wirtschaftskrise. In Whausen ist Sportfest, und ich übe mit der Damengymnastikabteilung wie besessen für eine Vorführung, darf am ersten Tag Bier zapfen und am zweiten Grillkram verkaufen, was selbst für eine Vegetarierin "Light" eine echte mentale Herausforderung ist. Nach Feierabend gehe ich schnell wieder zum Bierstand und messe auf dem Heimweg die Breite der Hauptstraße aus.
Abschnittspartner hat den Auftritt leider vergessen oder zuviel zu tun oder sowas. Aber alle Nachbarn sind da, und wir haben viel Spaß.

August 2009: Ich trainiere für den Halbmarathon in Zeven. Und fliege nach Kreta. Um dort viel bergauf zu laufen, am Strand zu liegen, literweise Raki und Mythos in mich hineinzubefördern, viel blödes Zeug zu reden und noch mehr nette Menschen kennenzulernen, mit denen ich dann wieder viel blödes Zeug rede. Der Abschnittspartner ist nicht mehr da. Allerdings fehlt er nicht, und auf Kreta gibt es Wichtigeres.

September 2009: Ich begehe den einen oder anderen literarischen Auftragsmord mittels Wischmop und Schubsen in Fahrstuhlschächte und stelle fest, dass es doch noch doofe Blondinen gibt. Außerdem verliebe ich mich. Das ist schön und fühlt sich unglaublich gut an.
In Whausen ist Feuerwehrfest, ich messe im Anschluss an meinen Besuch beim Bierwagen eine andere Straße aus, liege viel auf meinem Balkon und sammle Kastanien. Außerdem muss ich beim Laufen immer quietschen, weil ich so glücklich bin.

Oktober 2009: Kein Halbmarathon. Bin zu verliebt und würde jede Minute bereuen, in der ich im Kreis renne, statt mit IHM zu ... Ich schreibe wie verrückt Liebesgedichte. In Whausen passiert nichts Besonderes.

November 2009: Bin nicht mehr verliebt, sondern traurig. Was aber nicht schlimm ist, weil ich jetzt traurige Liebesgedichte schreibe. und mich, wenn ich gerade nicht traurig bin, sehr darüber freue, verliebt gewesen zu sein. Der NaNoWriMo kann mich dieses Jahr nicht fesseln; die eine oder andere Idee ist jedoch schriftlich festgehalten worden. Ich lasse mich fotografieren und stelle fest, dass ich mich recht gut gehalten habe während der letzten 10 Jahre. Whausen rüstet sich für die Vorweihnachtszeit. Ich auch.
Ich lerne viel über Kommunikation und Paranoia (u.a. im Rahmen meiner Prüfungsvorbereitungen) und gegen Ende des Monats pinkelt mir eine hässliche kleine Promenadenmischung ans Bein. Ich trete nicht zurück, sondern schaue mitleidig auf das struppige Biest hinab.

Dezember 2009: Weihnachtsfeier der Damengymnastikabteilung. Glühwein hätte etwas mehr da sein können, der war unglaublich lecker. Ich bekomme ein hochinteressantes Angebot und nehme es gern an. Und weiß spätestens jetzt, dass alles zu etwas gut ist. Oder anders: "Wenn Dir das Schicksal eine Tür zuschlägt, macht es woanders ein Fenster auf." Ich halte zwei Lesungen, die sehr viel Spaß machen. Habe ruhige Weihnachtstage und schaue mir dabei zu, wie ich aufgrund meines exzessiven Kekskonsums langsam die Form verliere. Und melde mich (nicht nur deswegen) zu meinem ersten Marathon an.

Zusammenfassung: Irgendwie kommt alles, was ich in die Welt schicke, wieder zu mir zurück. Das ist einerseits beruhigend, weil ich weiß, dass ich meine Zukunft gestalte, andererseits finde ich es beängstigend, weil mich auch das, was ich unbewusst versende, wiederfinden wird.
Ich habe seit Samstag mein Armband wieder um. Und noch keinen einzigen wechselfreien Tag geschafft! Wobei ich mich nicht beschwere oder klage; das war noch nie meine Sache. Aber ich lästere so unglaublich gern! Und das ist böse. Das tut man nicht. Man sollte den Menschen immer ins Gesicht sagen, was man von ihnen denkt.
Hm.
Ich verschiebe das auf nächstes Jahr und verspreche Ihnen und Euch, dass ich mit sehr viel Kraft versuchen werde, mich zu bemühen!

Weihnachtsgeschichten II

„Peter Shandy, Du bist unmöglich!“ sprudelte die Frau seines besten Freundes. „Wie soll ich denn die Lichterwoche organisieren, wenn nicht alle mitmachen? Wir haben eine Tradition zu wahren.“

Die Tradition reichte, wie Professor Shandy herauszufinden sich die Mühe gemacht hatte, nicht weiter als bis in das Jahr 1931 zurück, als die Frau des damaligen Präsidenten eine Schachtel Lampions gefunden hatte, die von irgendeinem Studentenball übriggeblieben war. In einer Mischung aus künstlerischer Neigung und yankeehafter Geschäftstüchtigkeit beschloss sie, am Weihnachtsabend auf dem Hügel von Balaclava eine Große Festbeleuchtung in Szene zu setzen.

Die Große Festbeleuchtung, die eine Nacht lang die Trübsal der Großen Wirtschaftskrise verdrängen konnte, war so ein durchschlagender Erfolg gewesen, dass das College sie seither jedes Jahr wiederholt hatte – mit immer neuen Ausschmückungen. Inzwischen wurde der Hügel während der ganzen Feiertage zu einem Chaos aus funkelnden Lichtern, roten Schlitten und Studenten in absurden Kostümen, die völlig überflüssige Aufforderungen grölten, nun zu singen und froh zu sein.

(…)

Als er an diesem Morgen, einem 21. Dezember, dastand, und automatisch die Blätter an dem Strauß gigantischer, aus Weichspüler-Plastikflaschen herausgeschnittenen Christsterne zählte, der ihm gerade aufgezwungen worden war, fühlte er, wie es in ihm einen Knacks gab.

(…)

Am Morgen des 22. Dezember hielt ein großer Lastwagen mit zwei Männern vor dem Backsteinhaus. Der Professor ging an die Tür. „Haben Sie alles mitgebracht, meine Herren?“

„Den ganzen Kram. Mann, hier oben nehmt Ihr Euch Weihnachten aber mächtig zu Herzen!“

„Wir haben eine Tradition zu wahren“, sagte Shandy. „Sie können wohl mit den Fichten anfangen.“

Die Arbeiter schufteten den ganzen Morgen. Auf den Gesichtern von Nachbarn und Studenten erschien ein Ausdruck von freudigem Erstaunen. Im Verlauf des Tages, während die Männer weitermachten, blieb das Erstaunen, aber die Freude verblasste.

Es war dunkel, als die Arbeiter fertig waren. Peter Shandy begleitete sie zum Lastwagen. Er trug seinen Mantel, Hut, Galoschen und ein Köfferchen.

„Alles in bester Ordnung, meine Herren? Die Lichter gehen alle sechs Sekunden aus und an? Die Verstärker sind auf volle Lautstärke gedreht? Sicherungskästen aus Stahl mit robusten Schlössern? Wunderbar! Schalten wir den Strom ein und hauen ab. Ich werde mich Ihnen bis Boston anschließen, wenn ich darf. Ich habe dort eine dringende Verabredung.“

(…)

Genau achtundvierzig Stunden später, am Heiligen Abend, trat Professor Shandy vor die Tür, um Luft zu schnappen. Um ihn her wogte der weite Atlantik Über ihm leuchteten nur die Positionslichter des Frachters und ein Himmel voller Sterne. Das Captain’s Dinner war höchst vergnüglich gewesen.

Daheim auf dem Hügel von Balaclava würden Scheinwerfer die acht lebensgroßen Rentiere bestrahlen, die auf das Dach des Backsteinhauses montiert waren. In den Fenstern würden sechzehn Nikolausgesichter über sechzehn Gebinde aus künstlichen Kerzen hinwegschielen, deren jedes drei rote und drei violette Glühbirnen enthielt, und jedes Fenster war von einer Girlande aus weiteren sechsunddreißig Birnen – abwechselnd grün, orange und blau – umrahmt.

Er schaute auf die Uhr und stellte einige schnelle Kopfrechnungen an. Genau in diesem Moment hatten die 742 Glühbirnen auf den Fichten draußen zum 28.800sten Mal aufgeleuchtet – insgesamt 2.136.9000 Mal. Die Verstärker mussten jetzt je 2536 Wiederholungen von „I’m dreaming of a White Chrismas“, „Mami hat den Nikolaus geküsst“ und „Was ich mir zur Weihnacht wünsche, sind bloß meine Schneidezähne“ gedröhnt haben. Jetzt mussten sie gerade beim siebzehnten Takt der 2537sten Wiedergabe von „Egal, wer Du bist, schaff mir die Rentiere vom Dach, Dicker!“ sein.

Professor Shandy lächelte im Dunkeln und begann, Sterne zu zählen. (Charlotte McLeod; „Schlaf in himmlischer Ruh’“)

Weihnachtsgeschichten I

Es war einmal, (Geschichten müssen so anfangen!) im Dezember des Jahres 2009, kurz nach der Wintersonnenwende, ein Tag, der sich anschickte, wie alle anderen zu werden. Allerdings hatte er ein wenig Angst davor, dass die Menschen sinnlos herumrennen, um Parkplätze streiten, das letzte Geld ausgeben, von Wohnung zu Wohnung hetzen, hilflose Bäumchen anstecken, Unmengen von Altpapier produzieren, viel zuviel essen und sich am Ende fürchterlich in die Haare bekommen würden, weil ihnen ihre Geschenke nicht gefielen. In der letzten Zeit war das jedes Jahr so gewesen, und an das erste Mal konnte er sich kaum noch erinnern.

Da war irgendetwas gewesen mit einem Kind, einem Stern und ein paar Ausländern, die in einem Stall herumlungerten.

Am liebsten hätte der Tag alles schnell wieder dunkel gemacht und sich selbst beendet.

Doch dann kam es ganz anders: Alle lächelten sich freundlich an, man gewährte sich gegenseitig Vortritt und –fahrt, plauderte mit der Kassiererin des Supermarktes, der Blumenverkäuferin, dem Nachbarn, half dem älteren Herrn über die Straße und freute sich auf den Abend. Der Fernseher wurde mit Lametta behängt, die Wohnung mit Kerzen erleuchtet. Man umarmte und unterhielt sich oder genoss für einen Moment gemeinsam die Stille.

Gegen Abend konnte der Tag mehr Spaziergänger auf den Straßen sehen als jemals zuvor, manche besuchten die nächstliegende Kirche, andere genossen die Ruhe, die der am Morgen frisch gefallene Schnee mit sich brachte und freute sich an hell erleuchteten Fenstern und Lichterketten in Rentierform.

Als Geschenk gab es funkelnde Diamanten am Wegesrand, klare, kühle Luft und über allem einen wunderschönen Sternenhimmel.

Der Tag war glücklich; so hatte er sich den Heiligabend immer gewünscht.

21 Dezember 2009

Flirtliner V: Der Junggebliebene

Offensichtlich hat irgendwo Mitte zwanzig so ein diffuses Gefühl seinen Ursprung. Man ist nicht mehr jung genug für die Teenie-Disco und glaubt spätestens jetzt, überall und immer betonen zu müssen, "jung geblieben" zu sein.

Ich persönlich finde das eher er- oder abschreckend. Wenn mir ein Endzwanziger schreibt, er sei jung geblieben, habe ich vor meinem inneren Auge einen ernsten Postbeamten in Wollsocken und mit Schnauzbart, einem noch nicht abgezahlten Einfamilienhaus, Bauch und Brille.

Vor allem aber fühle ich mich auf einmal steinalt. Denn ich habe die Dreissig vor geraumer Weile überschritten, besitze noch immer kein Einfamilienhaus, am Verschwinden meines Bauches arbeite ich zwar, bin aber nicht immer guter Hoffnung, eine Brille brauche ich auch, setze sie aber nur beim Autofahren auf, wenn mich niemand sieht.
Andererseits: Wenn jemand, den ich adoptieren könnte, wenn ich denn wild auf mir die Haare vom Kopf fressende Langzeitstudenten wäre, sich als "jung geblieben" bezeichnet, was sagt das über sein Durchhaltevermögen aus? Ist er der All-Time-Winner beim Wettbewerb um den schnellsten Orgasmus? Muss ich ihn wiederbeleben, nachdem wir länger als 3 Minuten Sex hatten, weil seine junggebliebene Kondition nicht reicht? Ist er möglicherweise eine todbringende Mischung aus Antiquitätenhändler und Rückzieher? Einer, der mir sagt, er sei zu müde für mich?

Ich weiß nicht, was Sie tun, meine Damen - ich schreibe den Junggebliebenen eine freundliche Mail, an deren Ende ich den besten Rollator-Dealer im näheren Umkreis empfehle.

20 Dezember 2009

"Lass und ein wenig schnattern!",

sagte einst Antonio Banderas in "Assassins". Glücklicherweise wusste sein Gegenspieler, wie man die Klappe hält und vielsagend lächelt.

Ich ertappe mich täglich bei diesem Lächeln.

Denn Du

kannst Deine

Klappe

einfach

nicht

halten!

Banderas starb gegen Ende.

Winter

Der Schnee treibt,
die Kälte klirrt,
der Himmel friert.

Ich schaue ihnen zu,
während ich meine Hand
nach der Mondsichel
ausstrecke.

Flirtliner IV: Der Rückzieher

Den hatte ich ja bereits angekündigt. Obwohl mir in den letzten Augenblicken mehr der "Junggebliebene" von Anfang 30 ins Auge gefallen ist.

Trotzdem. Der Junggebliebene wird später (morgen, an Weihnachten, wann auch immer) verwurstet.

Der Rückzieher: Zuerst schreibt er wie verrückt. Mit Glück kommen sogar längere Nachrichten. (Mit "länger" meine ich alles, was über "Ich sag nix!" hinausgeht.) Frau, positiv überrascht, schreibt in epischer Form zurück. Frauen können nicht kurz, jedenfalls nicht die, die ich kenne.

Recht bald verabredet man sich zu einem Telefonat.

Das ist nett. Die Stimme passt zum Text. Nichts spricht gegen ein Treffen, das auch bald vereinbart wird.

Frau steht - erneut nelkenbewehrt, aber viel vorsichtiger als noch beim Antiquitätenhändler - am verabredeten Treffpunkt. Registriert den einen oder anderen Blick eines frei herumlaufenden männlichen Exemplars, wird aber nicht angesprochen.

Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten: Er hat kurz vor dem Treffen Angst vor der eigenen Tollkühnheit bekommen und ist zuhause bei Mamma geblieben. Sein Foto war bearbeitet, und er hat den selbstgestrickten Pullover gegen das It-Teil ausgetauscht. Photoshop kann das.
Oder er ist dort gewesen, hat Sie gesehen, für eine Antiquitätenhändlerin gehalten und den "Duck-und-Renn-Modus" eingeschaltet.
Er ist an der Bushaltestelle hängengeblieben, weil er sich in die Fahrerin verliebt hat.

Welche der drei (Ja, ich kann zählen! Möglichkeit 2 ist mir spontan eingefallen.) Alternativen der Rückzieher gewählt hat, ist gleichgültig. Sie haben sich sinnlos betrunken, während Sie auf ihn warteten, deswegen all die Götter um sich herum nicht mehr wahrgenommen, der Kerl taugt nichts, weil er beim kleinsten gefühlten Hindernis stiften geht, und die Nelke ist inzwischen auch tot.

Flirtliner III - Der Anhängliche

Natürlich schaue ich mich trotzdem auch weiterhin im www um; es muss ja nicht gleich eine fremde Zahnbürste in mein Bad einziehen.

Seit dem letzten Post sind mir zwei neue Exemplare begegnet: Der Rückzieher (wird später vorgestellt) und der Anhängliche.

Der Anhängliche ist wahrscheinlich schon sehr lange auf der Suche nach einer zweiten Zahnbürste. Er scheint ununterbrochen online zu sein, stürzt sich auf jede Ihrer Nachrichten wie ein Turmfalke angesichts der Spitzmaus und antwortet in Sekundenschnelle. Da Ihr Tagesablauf auch andere Tätigkeiten vorsieht, schauen Sie möglicherweise nur einmal am späteren Abend in Ihren Posteingang, vielleicht noch seltener. Wenn Sie aber nicht umgehend zurückschreiben, ist er beleidigt. Seine erste Nachricht lautet: "Wo bist Du? Ich höre gar nichts mehr von Dir!" und wurde knapp eine Stunde nach seiner letzten verfasst. Dann wird er ungeduldig und schreibt nach weiteren dreißig Minuten: "Sprichst Du nicht mehr mit mir?", und jeder einzelne Buchstabe ist ein Vorwurf.
Mittlerweile haben Sie die Lust verloren, überhaupt noch zu antworten, denn wenn ein ehemaliger potentieller Lover klingt wie Mutti, disqualifiziert ihn das für wilden und ungezügelten Sex - immerhin könnte er sich ja auch im Bett im Minutentakt darüber beschweren, dass Sie gerade nicht mit ihm reden. Vorausgesetzt, er praktiziert überhaupt vorehelichen Sex.
Jetzt heißt es: "Durchhalten!" Und auf gar keinen Fall mehr antworten. Glücklicherweise sind Sie nicht die Einzige, die seinem Nachrichtenbeschuss ausgesetzt ist, und die Wahrscheinlichkeit, dass er Sie nach ein paar Tagen durch ein schreibwilligeres Opfer ersetzt hat, ist groß.

Eine oder zwei Zahnbürsten?

Gerade blinkte mich beim Abfragen meiner Mails eine Werbung von Parship an. Erstes Bild: Wassserglas mit Zahnbürste drin. Drunter steht: "Single"? Zweites Bild: Wasserglas mit zwei Zahnbürsten drin. Drunter steht: "Finden Sie Ihren Partner!"

Wenn diese Bilder Sehnsucht nach dem Menschen wecken sollen, der seine Zahnbürste in meinem Zahnputzbecher parkt, hat das nicht funktioniert, denn mit Zahnbürste Nummer Zwei geisterten sofort völlig andere Szenen in meinem Kopf: Mein liebevoll gepflegtes, tropfen- und streifenfreies Waschbecken verunziert mit Zahnpastaresten, klebrigem Rasierschaum und Resten von Barthaaren. Mein Toilettendeckel hochgeklappt, die Spuren des nächtlichen Zielpinkelns noch auf dem Rand. Meine Küche: Chaos. ER hat gekocht. ICH soll die Reste beseitigen. Auf meinem Parkett finden sich noch die Abdrücke seiner Winterstiefel, die er vergessen hat, vor der Tür auszuziehen. Nächtliche Holzfällerarbeiten in meinem Bett, die mich dazu zwingen, auf meiner Gästecouch im Wohnzimmer zu übernachten. Weihnachtliches Herumgehetze von einem familiär bedingten Fressgelage zum nächsten statt gemütlichem Frühstück nach ebenso gemütlichem und meditativem Morgenlauf. Lautstarkes Gemöhre, weil ich mal wieder unseren "Kennenlern-" oder seinen Geburtstag vergessen habe. (Ja, die Herren holen, was Empfindlichkeiten betrifft, erschreckend auf!)
Gut, es gibt natürlich auch einen Haufen Annehmlichkeiten, die meine Sehnsucht nach der Zahnbürste samt Inhaber wecken könnten.

...

Sex.

...

Bin gerade erschreckend unkreativ...

Was also spricht für eine zweite Zahnbürste in meinem Zahnputzbecher?

Wenn es nach mir geht, sollte Parship seine Werbestrategie noch einmal überdenken.

Oder bewege ich mich längst außerhalb der Zielgruppe??

18 Dezember 2009

Geburtstag

Die alte Dame wird 80 Jahre alt,
nächsten Samstag.
Schon Wochen vor ihrem Geburtstag bittet sie die Nachbarschaft, die Parkplätze der näheren Umgebung freizuhalten.
Ihr ältester Sohn kam für ein paar Stunden.
Am Freitagabend.
Die Parkplätze blieben frei.

Lernerfolge

Vor längerer Zeit erhielt ich eine Mail von einem mir sehr wertvollen Menschen. Er schrieb über Lieben, Mühen, Vertrauen. Darüber, dass man sein Gegenüber immer mit guten Worten verlassen sollte, weil nicht sicher sei, ob man sich noch einmal sieht, sich noch einmal berühren darf.
Er schrieb, dass es immer weiterginge, auch wenn sicher zu sein scheint, dass es nicht weitergehen kann.
Er sagte mir, dass es nicht reiche, wenn andere verzeihen. Man müsse sich selbst verzeihen.
Und manchmal reiche alles nicht. Manchmal brächen Herzen. Trotzdem bleibe die Welt in Bewegung.

Kleine Herzen sind nicht wesentlich für den Fortgang der Welt.


Wesentlich sind Menschen, die die Welt mit seinen Augen sehen. Wesentlich ist der Rat, sich mit Liebe von allen zu verabschieden, jeden Tag. Denn sie könnten am nächsten nicht mehr da sein.

Wesentlich ist es, sich jeden Morgen darüber zu freuen, dass die letzte Nacht nicht das Ende war, sondern dass ein neuer Anfang wartet. Neu. Aufregend. Gestaltetwerdenwollend.

Jeder Morgen sagt: Du hast die Nacht überlebt! Genieße diesen Tag - er ist geschenkt!

Lieber Aliko, ich danke Dir für all Deine guten Gedanken!

15 Dezember 2009

Veränderungen

Als ich ihn kennenlernte, schien er ein wenig verschüchtert zu sein. Er war ein kleiner Mann, sprach leise, in einem verbindlichen Tonfall und hielt sich im Hintergrund. Er war gekommen, um zu töten, doch das war zunächst niemandem bewusst.
Er bedankte sich häufig, manchmal für Selbstverständlichkeiten. Wir alle dachten, er sei freundlich.
Nach einiger Zeit jedoch veränderte sich sein Habitus. Er war noch immer klein und leise und höflich, vermittelte immer noch das Gefühl der Unsicherheit. Doch das stellte sich als Trugschluss heraus. Er benutzte seltener freundliche Worte. Solche des Dankes schienen ihm körperliche Schmerzen zu bereiten, und wir sahen ihn zusammenzucken, wenn sie sich nicht vermeiden ließen.

Gleichzeitig verwandelte er sich. Niemand merkte das zunächst, denn diese Verwandlung ging in sehr kleinen Schritten vonstatten. Ab und zu blitzte einer seiner Zähne vor, wenn er - was inzwischen selten genug vorkam - lächelte. Auch seine Augen schienen die Farbe zu wechseln. Doch wir schoben das auf veränderten Lichteinfall.
Das ist es jedenfalls, was ich heute denke; wir haben nie offen über unsere Wahrnehmungen miteinander gesprochen.
Vielleicht konnte auch nur der sehr aufmerksame Beobachter all diese Veränderungen bemerken, weil wir viel zu sehr mit uns selbst beschäftigt waren und ihn nicht weiter beachteten. Er hatte nie "dazugehört", denn wir waren ein kleiner, feiner Kreis von Menschen, die einander achteten und wertschätzten. Er war da und schien unsere Kreise nur selten zu stören. Sein Tonfall war noch immer leise, freundlich und angenehm.

Eines Tages verschwand Klaus. Er hatte ein Gespräch mit ihm gehabt, aber niemand hatte gesehen, dass er den Raum auch wieder verlassen hatte. Er sagte, Klaus sei nach Hause gegangen, weil er sich nicht wohlgefühlt hätte. Doch Klaus kehrte nicht zurück. Wir forschten nach, doch in seiner Wohnung war er nie angekommen. Er schien sich in Luft aufgelöst zu haben.

Kurz darauf bemerkte ich, dass er muskulöser geworden war. Außerdem schienen sich seine Zähne weiter verändert zu haben; sie sahen irgendwie "länger" aus. Als ich ihn jedoch etwas intensiver anschaute, drehte er sich weg, und ich konnte nicht mehr sagen, ob meine Wahrnehmung richtig gewesen war. Aber etwas war anders, das fühlte ich.

Der Ton der Briefe, die er schrieb, statt mit uns zu reden, wurde schärfer. Er schien sich im Kampf mit allem um ihn herum zu befinden, und ich hatte den Eindruck, dass er ununterbrochen in Angriffshaltung war. Niemand mochte mehr mit ihm reden, und die meisten von uns verließen seinen Raum mit einem unerklärlichen Gefühl der Erleichterung.
Natürlich sprachen wir inzwischen über unsere Wahrnehmungen, doch ihn direkt zu fragen wagte niemand. Stattdessen wichen wir ihm aus, wann immer wir konnten.

Dann erschien Marion nicht zu ihrer üblichen Zeit. Sie war für ein paar Stunden mit ihm allein im Gebäude gewesen, aber auch jetzt behauptete er, sie sei schon lange vor ihm nach Hause gegangen. Unsere Nachforschungen ergaben das gleiche Ergebnis wie bei Klaus' Verschwinden: Niemand hatte sie gesehen, weder ihre anderen Freunde noch die Nachbarn hatten eine Vorstellung, wo sie sein könnte.

Während wir nach Marion suchten, veränderte er sich weiter, und jetzt konnte er es nicht mehr verbergen; wir bemerkten alle, was geschah. Er wurde zusehends dunkler, die Haare auf seinen Händen und Armen, aber auch seine Haut. Seine Augen wechselten die Farbe nicht mehr nur bei Lichteinfall, und seine Zähne zeigten sich spitz und scharf, wenn er versehentlich lächelte.
Wir versuchten noch immer, so zu tun, als sei alles normal, aber wir spürten, dass er unsere Blicke bemerkte. Ein paar von uns gingen, denn ihre Angst war größer als die Freude an unserem verbliebenen kleinen Kreis. Ein paar Wochen nach Marions Verschwinden waren wir nur noch zu viert. Drei von denen, die gegangen waren, hinterließen keine Spur.

Ich war geblieben, doch ich konnte meine Angst nur schwer verbergen. Immer, wenn ich mich im gleichen Raum aufhielt wie er, ging mein Atem schneller, mein Herz begann zu rasen, und ich fühlte mich wie ein Kaninchen angesichts der übermächtigen Python.

Eines Tages überraschte ich ihn in seinem Zimmer. Er saß hinter seinem Schreibtisch, die Zähne gebleckt, Schaum vor dem Mund, und sah mich mit einem wilden Blick an. In der Hand hielt er etwas Weißes, und ich war sicher, einen menschlichen Oberschenkelknochen vor mir zu haben.
Alles in mir schrie nach Flucht, doch ich konnte nicht zulassen, dass noch mehr von uns verschwanden. Denn das, was ich hier vor mir sah, ließ keine Interpretation mehr zu: Hier war ein Verbrechen geschehen, und vor mir saß der Mörder. Ich wusste nicht, was die Verwandlung in ihm ausgelöst hatte, aber das war mir jetzt, angesichts dieser gefährlichen und unzurechnungsfähigen Bestie ,gleichgültig.
Ich griff nach dem nächstbesten Gegenstand und fühlte das kalte Metall eines Brieföffners in meiner Hand. Mit einem Schrei stürzte ich mich auf ihn und stach die Spitze genau in eines seiner wild funkelnden Augen. Er wollte sich erheben, doch die Wut und die Verzweiflung gaben mir Kraft. Ich stach solange auf ihn ein, bis er sich nicht mehr rührte und Schreibtisch und Fußboden blutbefleckt waren.
Langsam wich ich zurück, Schritt für Schritt. Lebte er noch? Was, wenn seine Verwandlung auch zu einer Form der Unverletzbarkeit geführt hatte?

Ich verließ sein Zimmer. Glücklicherweise waren die anderen schon gegangen. Also verschloss ich die Tür, suchte ein Feuerzeug und ging zurück. Direkt vor seinem Zimmer befand sich ein Stapel Papier. Ich zündete ihn an, und innerhalb kürzester Zeit leckten die Flammen an der Tür. Ich wartete noch etwas für den Fall, dass er meine Attacke wider Erwartenüberlebt hatte.

Als ich sicher war, dass man den Brand nicht mehr würde löschen können, verließ ich das Gebäude.

Ich sah nicht zurück.

Fort.

Heute habe ich Dich gelöscht.
Noch vor Jahren
hätte man mich dafür
eingesperrt.

Jetzt bist Du verschwunden.
Kein Blut.
Keine Spuren.

Verschollen im www.

11 Dezember 2009

Unterschiedliche Wahrnehmung

Deine Lippen
liegen auf meiner Haut.
Liebe sei es,
was Du für mich fühlst,
sagst Du.

Ich
fühle
nichts.

09 Dezember 2009

Flirtliner II

Ein weiteres häufig vorkommendes Exemplar ist der Antiquitätenverkäufer. Allerdings ist die einzige Antiquität, die er im Angebot hat, das Foto von 1999, auf dem er sich sonnengebräunt, mit dunklen Haaren und Sixpack präsentiert. Frauen sind visuell. Also sehen sie dieses Bild, schließen verträumt die Augen und stellen sich vor, wie sie mit Adonis am Strand liegen und seine mindestens ebenso knackige Kehrseite betrachten. Werfen sicherheitshalber einen Blick in den Spiegel, tragen etwas Rouge auf und pudern die Augenringe weg, bevor sie sich ein Herz nehmen und diesem fleischgewordenen Gott des www schreiben.

Adonis schreibt zurück. Frau kann ihr Glück kaum fassen und verabredet sich mit ihm, bevor er es sich anders überlegt.

Adonis sagt zu. Wahnsinn! Es werden Termine beim Friseur und bei der Kosmetikerin gemacht, neue Dessous gekauft und die High Heels gewienert. Bis zum Treffen beschränkt sich die Nahrungsaufnahme auf Reiskekse und Gemüsesaft.

Adonis hat sich etwas verspätet, und so hat frau Zeit, sich ein paar Begrüßungssätze einfallen zu lassen. Als sie den Blick hebt, steht ein durchschnittlich aussehender Herr mittleren Alters mit Brille und Bauch an ihrem Tisch.

Adonis hat den Zahn der Zeit unterschlagen oder leidet an pathologischen Wahrnehmungsstörungen. Was tun? Unbeteiligt? Schnell die gelbe Nelke wieder ausspucken, ducken und rennen und auf die Toleranz des Kneipiers hoffen, weil wir die Zeche geprellt haben? Ihm freundlich, aber bestimmt erklären, dass wir mit seinem kleinen Bruder verabredet sind? Seinem ältesten Sohn? Tatsache ist: Das ist nicht der Kerl, für den wir uns so aufgebrezelt haben! Der hier ist ein Betrug auf Füßen und kein Adonis!

Seltsamerweise hat er nicht darüber nachgedacht, wie groß der Schock seiner potentiellen Flirtpartnerin ist, wenn er ihr in Natura gegenübersteht. Glaubt er möglicherweise, dass sie bei einem überfallartigen Kuss seinerseits die Augen schließt und den gewesenen Adonis visualisiert??

Mit meinem Beruf (den ich selbstverständlich bei der ausgiebigen Beschreibung meiner Person nicht vergessen habe zu erwähnen) habe ich es da etwas leichter: Unterstützt von einem süßen Lächeln zücke ich meine Visitenkarte, überreiche sie dem Flirtwilligen und erkläre freundlich: "Achso, Du wolltest eine Ernährungsberatung buchen! Herzlichen Dank für Dein Vertrauen!"

Allen anderen bleibt nur die Frage nach seinem letzten Kontoauszug. (Achten Sie unbedingt auf das korrekte Datum!)

Flirtliner I: Falschrumbesteller und andere Suchende

Sie sollten sich einmal den Spaß machen und bei einer der klassischen Flirtlines registrieren. Es ist fast wie Taxifahren (als FahrerIn): Man lernt Menschen kennen, von denen man erstens nicht geglaubt hätte, dass es sie gibt und die man zweitens nie kennenlernen wollte.

Inspiriert und angeregt von einem männlichen Exemplar der Gattung "Eloquent und intelligent - hätte ich ausserhalb einer geschützten 2er-WG nicht vermutet", möchte ich hier einen kleinen Fußpfad durch den Dschungel der Profile bahnen, die Suchenden katalogisieren und meine Ergebnisse in loser Folge vorstellen.

Am häufigsten tritt der "Ich sage gar nix!"-Typ auf. Er hat nicht nur kein Foto veröffentlicht, sondern schweigt sich auch über seine Interessen beharrlich aus. Unter den einzelnen Rubriken, in denen man gemeinhin seine Hobbies, sportlichen Aktivitäten, bevorzugte Literatur, Musik und Ähnliches einträg, steht bei ihm "Verrate ich später". Wenn er eine Nachricht schreibt, beschränkt er sich auf das Nötigste. "Hallo, wie geht's?" ähnelt da schon einer verbalen Inflation; in der Regel muss ein Icon reichen.
Mein Ratschlag: Wegklicken.

Dann wäre da noch der Falschrumbesteller. Dieser Herr lässt sich auf das Ausgiebigste darüber aus, was er alles nicht will. Mit "Hallo, wie geht's?" darf sie ihre Nachricht nicht beginnen, Fragen soll sie auch nicht stellen, auf gar keinen Fall Kinder haben, auf Brünette steht er nicht, und Frauen mit etwas mehr Figur findet er hässlich. Sie soll keinen Blödsinn schreiben, ihm keine Gedichte schicken und darf sich nicht für Liebesfilme interessieren.
Über der Aufzählung dessen, was er nicht sucht, vergisst der Falschrumbesteller häufig zu erwähnen, was genau er sucht. Und da frau nach dem Lesen der Endlosliste verunsichert und zutiefst deprimiert ist, weil sie nicht mehr wagt, sich zu melden, ist sie gut beraten, seine Nicht-Bestellung an ebay weiterzuleiten - dort wird er vielleicht bei den nur einmal getragenen Pullovern fündig. (Warum Pullover? Weil er nicht ausdrücklich "Keinen Pullover" bestellt hat!)

Guten Morgen, Sebastian, und herzlichen Dank für die Idee, die ich mir kurzerhand geklaut habe!

07 Dezember 2009

Laufen und die Suche nach Lächeln

Die Sonne scheint, es ist ein wunderschöner Wintertag. Ohne Schnee und ohne Winter. Genau das richtige Wetter zum Laufen. Vier Runden um den Kiessee auf der Suche nach glücklichem Leben.
Ich schaue in umherschweifende Augen. Die Sonne leuchtet golden über dem See, Enten kapriolen kopfüber, Blesshühner machen wilde Kopfsprünge.
Mir begegnen angestrengte Gesichter.
Trotzdem lächle ich versuchsweise, als mir eine Joggerin mit Strickmütze und weiter Hose entgegenkommt. Sie schaut mich sehr böse an, als hätte ich ihr entweder ein unsittliches Angebot gemacht oder mich mitten auf dem Weg entblösst. Dabei muss sie doch meinen vor Glück wippenden Pferdeschwanz gesehen haben - ich bin weder Kerl noch Sittenstrolch, sondern einfach glücklich!

Nun gut. Jetzt kommt mir ein älteres Ehepaar entgegen, nebeneinander, er mit Gehwägelchen, sie mit Stock. Miteinander zu reden scheinen sie nicht. Ich lächle. (Ältere Menschen sind eher empfänglich für Freundlichkeit, ist meine Idee.) IAuf der Flucht vor meiner Freundlichkeit sind sie wahrscheinlich nur deswegen nicht ins nächste Gebüsch gesprungen, weil sie das nicht mehr unfallfrei können.

Ich sehe viele Menschen auf meinen Runden, und alle sind in unterschiedlichen Jahreszeiten unterwegs.

Egal, wo sie gerade sind. Ich gebe nicht auf! Ich lächle einfach weiter vor mich hin!

Ich könnte singen. In Brasilien wäre das völlig normal, aber hier sperren sie mich wahrscheinlich weg! Gefühlsäusserungen, in Deutschland, am hellen Tag, mitten im Naherholungsgebiet? Das geht nicht!
Also singe ich lieber nicht und summe stattdessen. Und flüstere leise die eine oder andere Zeile von "Because the night belongs to lovers" vor mich hin.
Am allerliebsten möchte ich juchzen, quietschen, laut sein, so aus vollem Herzen, aber das lasse ich auch lieber bleiben.
Zuhause, auf dem Wirtschaftsweg, könnte ich das tun. Die einheimischen Landwirte sind daran gewähnt, dass die Zugezogenen seltsame Verhaltensweisen an den Tag legen. Aber hier, mitten in einer mittelkleinen Großstadt? Ne, lieber nicht!

Da! Noch ein älteres Ehepaar! Sei schauen mich an! Sie sehen mir in die Augen! Sie lächeln!

Bisher war der Tag schön.

Jetzt leuchtet er.

Zwiegespräche

Du hast das Bild,
ich die Worte.

Du spielst die Musik,
ich folge mit meiner Tastatur.

Du sendest Deine Gedanken,
ich fühle sie.

Kannst Du mich sehen?

"Wish you were here"

Gestern bewegte mich
der Wunsch,
Dich bei mir zu haben.

Heute weiß ich,
dass ich regungslos war
in meinem Warten.

Morgen werde ich mich bewegen.
Fort von Dir.

"Alles beginnt mit der Sehnsucht."

sagst Du mir.
Du hast recht.
Und wenn ich nicht mit meinem Sehnen auf die Suche gehe,
rinnt das Leben durch meine Finger,
müsste ich am Ende gestehen,
dass ich nicht alles gegeben habe,
um zu finden.

Also suche ich weiter. Mein Sehnen wird mich führen.

06 Dezember 2009

Das Haus auf der Lichtung

Das Haus steht mitten im Wald auf einer kleinen Lichtung, weit jenseits der Hauptstraße; zur nächsten Bushaltestelle wäre ein Fußmarsch von dreißig Minuten zu absolvieren, und das letzte Stück des Weges kann nur als besserer Rübenacker bezeichnet werden. Seltsamerweise gibt es vom Weg aus nur die Rückseite des Hauses zu sehen; ein freundlicher Vorgarten oder eine Haustür mit einer der Jahreszeit angepassten Dekoration entziehen sich dem Blick.

Ein Spaziergänger, der sich in diese Einöde verirrt, wird gegebenenfalls kurz innehalten, sich einmal umschauen und seinen Weg fortsetzen. Vielleicht wird ihm ein besonders erdiger Geruch auffallen, sein Blick könnte auf den außergewöhnlich wild wuchernden Pflanzen verweilen, oder er machte sich möglicherweise Gedanken darüber, warum es so unnatürlich still ist in diesem Teil des Waldes.

Hat der Spaziergänger nicht allzuviel Phantasie, sondern ist der vielbeschäftigte Abteilungsleiter einer Versicherungsgesellschaft, wird er sich fragen, in welcher Richtung sein Auto steht und wie er am schnellsten den Parkplatz erreichen kann. Er wird seine Schritte beschleunigen, ohne es zu merken, und den kalten Schweiß auf seiner Haut wird er genauso ignorieren wie die jährliche Krebsvorsorge.

Handelt es sich jedoch um einen aufmerksamen Menschen mit einer gewissen Empfindsamkeit für Schwingungen, Stimmungen oder Gefühle, könnte er das Bedürfnis verspüren, sich länger umzuschauen an diesem Ort, der ihn gleichzeitig anzieht und abstößt.

Um allerdings zu bleiben, vielleicht sogar auf das Haus zuzugehen, müsste der Spaziergänger seine innere Stimme ignorieren, die ihm seit geraumer Weile zuflüstert, er solle schnellstmöglich das Weite suchen, den Weg wieder zurückrennen, ohne sich noch einmal umzuschauen. Hört er auf diese Warnung, wird er atemlos an der besagten Bushaltestelle ankommen, kaum in der Lage, den Fahrplan zu entziffern, erschöpft von der ungewohnten Anstrengung, zitternd und fröstelnd.

Wenn er bleibt, die Schultern hochgezogen, tief durch den Mund ein- und ausatmend, weil ihm ein seltsamer, unangenehmer Geruch aufgefallen ist, wird er langsam, sehr langsam auf das Haus zugehen, dabei möglichst großen Abstand von den Bäumen und Büschen haltend, weil sie ihm bedrohlich erscheinen. Dann wäre es denkbar, dass er all seinen Mut zusammennimmt und in eines der Fenster schaut, die Hände rechts und links an die Augen gelegt, um mehr erkennen zu können.

Und dies wäre seine letzte Chance, Haus und Lichtung gesund zu verlassen. Wahrscheinlich hätte er für einige Monate Alpräume, die er mit einem Therapeuten besprechen könnte, vielleicht würde er den Entschluss fassen, sein Leben von Grund auf zu ändern.

Außerdem hätte er noch die Möglichkeit, den Vorfall nach einiger Zeit zu vergessen, so, wie man Dinge aus dem Gedächtnis tilgt, die das eigene Weltbild erschüttern könnten. Er würde seinen üblichen Tagesablauf wieder aufnehmen, dankbar für die Routine, die seinem Leben Sicherheit verleiht.

Doch der Spaziergänger flieht nicht, weil er nicht erkennen kann, was sich auf der anderen Seite der schmutzigen Fensterscheiben verbirgt. Stattdessen haucht er das Glas an und fährt mit dem Ärmel seiner Jacke darüber. Da auch dieser Säuberungsversuch erfolglos bleibt, geht er vorsichtig um das Haus herum auf der Suche nach einem sauberen Fenster oder dem Eingang.

An der Rückseite findet er eine Tür, doch diese ist mit Brettern vernagelt. Einzig ein sehr schmales Kellerfenster könnte ihm einen Zutritt verschaffen.

Er verharrt, unsicher, wie er weiter verfahren soll. Wenn er durch das Kellerfenster ins Haus eindringt, ist er nicht besser als ein x-beliebiger Einbrecher, und wenn er Pech hat, kommt genau in dem Moment, in dem er wehrlos in einem möglicherweise zu schmalen Fenster steckt, ein weiterer Wanderer des Weges und ruft die Polizei. Und das wäre noch die freundlichere Alternative – was, wenn er wirklich festsäße, seine schwächer werdenden Hilferufe ungehört im Wald verhallten und niemand käme, um ihn aus seiner Zwangslage zu befreien?

Dieser Spaziergänger jedoch ist nicht nur ein empfindsamer, sondern auch ein mutiger und neugieriger Mensch, und so sorgt er mit einem gezielten Tritt gegen das bereits brüchige Glas des Kellerfensters für Einlass. Nach einem letzten Blick in die Runde lässt er sich vorsichtig, die Füße voran, in die Dunkelheit des fremden Kellers hinab.

Etwas huscht auf kleinen Pfoten durch die Dunkelheit; wahrscheinlich hat er die eine oder andere Ratte bei ihrer Mittagsruhe gestört.

Noch fehlt dem Spaziergänger der Mut, sich von der sicheren Wand im Rücken fortzubewegen, auch scheint ihm der schwache Lichtschein, der den Platz, auf dem er steht, erhellt, wie eine Insel in einem Meer bedrohlicher Dunkelheit. Was mag sich hinter dem Licht verbergen? Was wird er in diesem Keller finden, und was ihn erwarten, wenn er die Treppe zum Erdgeschoss hinaufsteigt?

Für einen kleinen Moment bleibt er an die Wand gelehnt stehen, betrachtet seine Hände, atmet noch einmal tief durch und marschiert festen Schrittes in die Richtung, in der er die Kellertreppe vermutet. Mit jedem Meter, den er sich vom Fenster entfernt, wird es dunkler, bald muss er seinen Schritt wieder verlangsamen und sich vorsichtig an der Wand entlangtasten. Seine Hand fährt über Spinnweben, er fühlt den einen oder anderen Käfer über seine Finger laufen. Mehr als einmal fragt er sich, ob es nicht besser sei, wieder umzukehren, doch etwas in ihm geht immer weiter.

Endlich ertastet sein rechter Fuß die Treppe. Er nimmt seinen letzten Atemzug und steigt langsam, Stufe, für Stufe, nach oben.

03 Dezember 2009

Schweinegrippe und die Folgen

Schweinegrippe in Deutschland: Mensch infiziert Schwein mit H1n1-Virus

In Rheinland-Pfalz wurde erstmals ein Hausschwein offenbar durch einen Menschen mit Schweinegrippe infiziert

Schweinegrippe in Deutschland Mensch infiziert Schwein

03.12.2009 - 18:39 UHR

Alle reden von der Schweinegrippe, doch betroffen waren in Deutschland bislang nur Menschen! Jetzt ist erstmals ein Hausschwein an der Seuche erkrankt – vermutlich angesteckt durch einen Menschen!


...steht heute in Bild.de zu lesen. Da fragt sich der phantasiebegabte Mensch natürlich, wie das Schwein angesteckt werden konnte. Meine ersten Gedanken wendeten sich sofort einem oft verschwiegenen Thema zu, das schon Woody Allen sehr kreativ in "Was sie schon immer über Sex wissen wollten" umgesetzt hat. Hier ging es um die tiefe Liebe zwischen einem Menschen und einem Schaf. An das Ende der Geschichte kann ich mich nicht erinnern - vielleicht ist das Tier ja der Schafsgrippe erlegen?

Spätestens jetzt sollten auch die letzten Impfunwilligen einsehen, dass diese Impfung unerlässlich ist, wenn schon nicht aus Vorsorge-, so doch aus Tierschutzmotiven. Oder wollen Sie etwa das arme Schwein infizieren, mit dem Sie Tisch und Bett teilen?

02 Dezember 2009

Aus gegebenem Anlass und kommentarlos: Es ist, was es ist...

Was es ist

Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Erich Fried

01 Dezember 2009

Meteorologischer Winterbeginn

Doch bevor ich mich über einen möglicherweise erwarteten Kälteeinbruch auslasse: Ein herzliches Willkommen an alle neuen und interessierten Leser! Ich freue mich, dass Sie den Weg zu meinem Blog gefunden haben und werde mir die größtmögliche Mühe geben, auch die niedrigsten Motive zu bedienen. Mein Complaint-Free-World-Armband liegt immer noch im Badezimmer, und so kann ich aus Herzenslust lästern, morden, maulen, motzen.

Zum Beispiel lästert es sich vortrefflich über Menschen, die kaum größer und wesentlich schlechter gekleidet sind als der angeschlagene Zwerg im Vorgarten meiner Nachbarn. Vielleicht ist die nichtvorhandene Größe der Grund, warum sie in stubenunreiner Terriermanier ihren ZeitgenossInnen ans Beinkleid pinkeln: Höher können sie nicht! Und je intensiver die Auseinandersetzung mit ihnen, desto größer ist die Gefahr, selbst zum beinpinkelnden Terrier zu werden. Das wollen wir nicht. Friede sei mit ihnen und allen herrenlosen Vierbeinern!

Dann sind immer mehr Seinscheiner zu beobachten. Das sind diejenigen, die so tun als ob. Manchmal wissen sie nicht einmal, was ob ist. Ihnen rufe ich ein freundliches "Mögest Du Deinen Weg auch ohne Taschenlampe finden!" zu.

In der Vorweihnachtszeit trifft man besonders häufig die Frustkäufer. Man erkennt sie daran, dass sie riesige Einkaufstaschen und lange Gesichter mit sich herumtragen und eine gewisse Grundgenervtheit. Denen muss man nichts wünschen, die haben ja ihre Einkaufstaschen.

Heute hat mich jemand mitten in der Innenstadt überholt, als ich für einen entgegenkommenden Rettungswagen rechts angehalten habe. BMW. Schwarz. Tiefergelegt. Vertretertyp mittleren Alters am Steuer. Wird in ein paar Jahren ein alter Sack im SLK sein. Friede sei mit ihm!

Außerdem gab es noch ganze Rudel marodierender Hausfrauen im Kombi und meditierender Frührentner auf Valium. Mögen sie in Frieden irgendwo anders fahren!

Es ist Advent, und der meteorologische Winterbeginn soll uns nicht daran hindern, warmen Herzens auf unsere Mitmenschen zu schauen. Friede mit uns allen!

Morgen mache ich dieses blöde Armband wieder um. Ich kann das!