31 Juli 2011

Nachrichten aus der Anstalt - Tag 10

Die letzte Wassergymnastik. Ab Montag wird das Therapiebad zwecks Renovierung geschlossen. Die Vorturnerin war offensichtlich ehemalige oder noch praktizierende Kurshoppse; wir durften Beinchen haben nach vorn und nach hinten und zur Seite. Da mir meine Physiotherapeutin zuhause ebenso wie der Chirurg bei Androhung eines neuen Diskusprolapses verboten haben, in die "Überstreckung" zu gehen, habe ich mich auf die Armbewegungen beschränkt und versucht, nicht zu ertrinken.

Frühstück gab es nicht mehr viel, aber ich hatte nach der üblen Sauferei vom Vorabend auch keinen Hunger.
Dann sah ich aus dem Augenwinkel eine große Schüssel mit Obstsalat, nahm sie näher in Augenschein und entdeckte neben dem Fruchtcocktail aus der Dose tatsächlich ein paar Stücke relativ frisch aussehendes Obst. Ich bediente mich großzügig. Gleich mit dem ersten Löffel legte sich die Vorfreude: Es gibt hier zu jedem Mittagessen als Nachtisch Selbstverteidigungskiwis. Die kann man zwar nicht essen, aber einem potentiellen Angreifer an den Kopf werfen. Ein paar Scheiben davon hatten ihren Weg in den Obstsalat gefunden.
Ich spuckte sie wieder aus, fand eine meiner teuer bezahlten Kronen in dem grünen Ding und beschränkte mich auf Kaffee.
(Das ist natürlich alles fürchterlich übertrieben! In Wirklichkeit sind meine Flurgenossin, die um die Gesundheit ihres vierjährigen Sprösslings besorgte Mitpatientin und ich die Einzigen, die die liebevoll zubereiteten Mahlzeiten bemängeln. Alle mit einem BMI über 40 sind begeistert - das schmeckt wie zuhause!)

Den Rest des Tages verbrachte ich mit Schlafen, Lesen, Schlafen, Lesen, verweigerte sowohl Mittag- als auch Abendessen und nahm mir außerdem vor, nie wieder einen Tropfen Alkohol anzurühren.

Nachrichten aus der Anstalt - Tag 9

Dieser Tag war absolute Schwerstarbeit:

  • 6.35 Uhr: Frühstück. Ist die beste Zeit, um noch halbwegs genießbaren Kaffee und Körnerbrötchen zu bekommen.
  • 8.30 Uhr: Walking. Dauert immer ca. 30 min., geht über eine 600-m-Runde, die so oft zu umkreisen ist, wie die beiden Trainer unbeteiligt gucken. Wenn sie dann Frühstück machen wollen, rufen sie "Letzte Runde!", und wenn man Wert auf eine Korrektur der Gehtechnik legt, muss man sehr, sehr hartnäckig sein.
  • 9.30 Uhr: Termin mit Frau R., ihres Zeichens Serviceleitung. Sie versprach, dass das Personal ab sofort auch für später (aber innerhalb der Essenszeiten) kommende Hungrige noch ein paar Käsescheiben auf dem Buffet liegen lassen und nicht laut klappernd die Tische abzuräumen werde, um säumige Esser zur Eile zu mahnen.
  • 10.30 Uhr: Einzelgymnastik bei Frau B. Aua. Aber gut.
  • 11.30 Uhr: Wurde als "Zwischenvisite" per Terminzettel angekündigt und dauerte ca. 3 Minuten, fing aber immerhin pünktlich an.
  • 12.15 Uhr: Mittagessen. Würg.
  • 12.30 - 13.00 Uhr: Verzweifelte und eigeninitiative Regenerationsbemühungen.
  • 13.45 Uhr: Ergometereinweisung. Ohne die darf nämlich auch eine Fitnesstrainerin nicht aufs Fahrrad. Dauer: 12 Minuten, Puls nach 10 Minuten: 78 (Schläge pro Minute, das entspricht in etwa der Belastung, die man beim Schauen des Sonntagstatorts hat.)

Danach hatte ich fertig und begann, meinen eigenen Therapieplan abzuarbeiten: 30 Minuten Aquajogging, 2 Stunden Waldspaziergang mit anschließendem Stretching, Duschen und unter Auslassung des Abendbuffets direkt zur Kneipe im Kurpark. Dort exzessiver Biergenuss in Gesellschaft der üblichen Verdächtigen.

Einschluss um 22.30 Uhr. Hicks.

Ich war faul!

.. und werde schnellstens die überfälligen Berichte nachholen. Nicht, dass es etwas zu erzählen gäbe; meine eigenen Therapiebemühungen sind recht erfolgreich, auch Frau B. (die S/M-Kollegin von Herrn K.) hatte neue Anregungen und ein paar mir bis dato unbekannte Verknotungen (auch "Stretching" genannt) im Angebot.

Außerdem weiß ich jetzt, warum hier so viele Tätowierte herumrennen bzw. -schleichen: Tätowierungen sind ein Eingriff in die Energiebahnen des Körpers und darum immer dann böse, wenn man sich dessen nicht bewusst ist und einen energetischen Ausgleich schafft.
Ich glaube ja an sowas, habe jetzt ein extrem schlechtes Gewissen meinen Energiebahnen gegenüber und werde mich schnellstmöglich nach einem fähigen Druiden, einer Tantraexpertin mit Schwerpunkt "Energieblockaden" oder einem alten Baum umsehen, an dem ich mich in der Hoffnung, er gibt mir etwas von seiner Energie ab, schubbern kann. (Hier ist nur der Baum gemeint; ich habe nicht vor, mich an menschlichen Wesen zu schubbern. Ist so schon schlimm genug.)

Ansonsten plätschert die Zeit so vor sich hin. Mein Therapieplan für die vergangene Woche sah einen bis drei Termine von jeweils ca. 17 Minuten vor, meine eigene Therapie beinhaltet ausgiebiges Stretching, lange Spaziergänge und vorsichtige Yoga- und Qi-Gong-Übungen. Letztere darf ich hier unter Anleitung leider nur nach vorheriger Einweisung machen. Die ist immer Samstags. Ich habe meiner "behandelnden" Ärztin (die seltsamerweise mehr an meinen Cholesterinwerten als an meiner Wirbelsäule interessiert ist) erst am Freitag gesagt, dass ich gern Qi-Gong machen würde. Da war es aber leider schon zu spät, um es in den Therapieplan einzubauen.

Inzwischen frage ich mich ja, ob ich mit der Dame schlafen muss, um mehr Termine zu bekommen. Bestechen könnte ich sie nicht - all mein Geld brauche ich für vollwertige Lebensmittel.

Randbemerkung: Ich hätte während der drei Wochen zwischen OP und Reha niemals geglaubt, dass ich nach 10 Tagen ums pure Überleben und gegen Mononatriumglutamat, einkettige Kohlenhydrate, Mehlschwitzen und Alkoholismus kämpfen müsste! So relativieren sich Erfahrungen; gestern noch stand mir der Sinn nach Besserung meiner gesundheitlichen Situation, heute will ich nur noch ohne nennenswerte Folgeschäden (bestenfalls Übergewicht, schlechtestenfalls Skorbut, Leberzirrhose, hysterische Kreischanfälle oder Antibiotikamissbrauch) wieder abreisen dürfen.

Inzwischen schreibe ich auch für den einen oder die andere MitinsassIn Therapiepläne, biete eine Gymnastikgruppe an und korrigiere die Haltung beim Walken. Und morgen fragen meine Flurgenossin und ich den Koch, ob er unsere kostenlose Ernährungsberatung in Anspruch nehmen will.

28 Juli 2011

Nachrichten aus der Anstalt - Tag 9

Eigentlich bin ich ja in höchstem Maße verdrossen; heute ist ein viel zu guter Tag: Die Sonne scheint, es ist genau richtig warm, meine Anwendungen waren effektiv und zielführend, zum Frühstück habe ich mir ausnahmsweise ein Butterbrötchen mit Marmelade gegönnt, das Mittagessen war richtig lecker, ich habe den "Terrainkurweg Nr. 3", der im Führer mit 4,6 km und einer Wanderzeit von 1,5 Stunden angegeben wird, in 40 Minuten geschafft, außerdem noch in der Sonne gesessen und beim Feldenkrais festgestellt, dass es unter all diesem Schrumpel noch den einen oder anderen Bauchmuskel gibt.

Wie soll man da in eine ordnungsgemäße Motzlaune kommen?

Glücklicherweise habe ich ja erstens meine Flurnachbarin, die mit ihrer einen und einzigen Anwendung pro Tag ein wenig unterfordert und extrem frustriert ist, und am Nebentisch sitzt gerade eine Altherrengruppe, die über einen nichtanwesenden Mitrehabilitanten lästert, beim geschätzt dritten großen Krombacher den Alkoholmissbrauch eines anderen unbekannten Kollegen diskutiert und Krankheitsgeschichten austauscht. "EINE Naht? Kinderkram! Ich habe eine 10-cm-Narbe! Guckst Du!"
"EIN Bypass? Ich hatte drei! Habe den Arzt gefragt, ob er mich verschrotten will. Und beim Herzkatheter durfte ich zugucken!"

Alle rauchen wie die Weltmeister, die Luft ist draußen schlechter als drinnen, und ich könnte mich der allgemeinen Maulerei anschließen. Will ich aber nicht. Außerdem spreche ich weder weißrussisch noch friesisch.

Aber mit etwas Glück ist morgen wieder Mistwetter. Außerdem habe ich Visite. Da gibt es dann bestimmt wieder den einen oder anderen Aufreger.

Heute muss ich wohl den Tag genießen; nützt alles nichts.

27 Juli 2011

Nachrichten aus der Anstalt - Tag 8

Heute musste ich um 7.30 Uhr zur Einzelgymnastik antreten, und der S/M-Physiotherapeut von gestern hat seiner Kollegin das mit meinem spannungsgeladenen Piriformis gesteckt. Also begann auch Frau B., mich punktuell links außen zu piesacken. Außerdem sei da ein Loch, wo üblicherweise ein ordnungsgemäßer Glutaeus Medius zu finden sei.
Also verfrachtete sie mich auf den Bauch und zwang mich zum linksseitigen Beinchenheben. Früher, damals, als alles noch gut war, hob sich dieses Beinchen auch freiwillig um ca. 30 - 40 cm. Heute fand es, 3,7 cm wären mehr als ausreichend, während die unglückliche Besitzerin dieses Beinchens stöhnte, keuchte und ins Therapielaken biss.

Kaffee. Walking. Heute mit Hanteln. Irgendein Mistkerl hat mich dabei überholt. Gut, er war ca. 30 cm größer als ich. Trotzdem! Ich HASSE es überholt zu werden, auch mit einer lädierten Bandscheibe.

Danach hatte ich fertig.

Wenn meine Rentenversicherung wüsste, dass sie ca. 3700 € für diese drei Wochen bezahlt für rückenschonendes Rumlungern...

Mittagessen ging so. Ich bin ja inzwischen abgehärtet.

Abendessen habe ich wieder ausfallen lassen und mir stattdessen auf meinem Zimmer Harzer Roller, Paprika und Weintrauben genehmigt.

Dann war ich in Revoluzzerstimmung: Meine Möhren wabbelten (stellen Sie sich das ähnlich vor wie eine Mischung aus weiblichem Trizeps nach der Brigitte-Diät und fieser Orangenhaut trotz Anti-Schrumpel-Creme), und die ersten Fruchtfliegen umlagerten die Tupperschale. Nach einem kurzen Gewissenkonflikt habe ich mir das halbtote Gemüse geschnappt, auf meiner Etage in den Papiercontainer geschmuggelt und als Tarnung eine gefundene Bild-Zeitung von gestern obendrauf gelegt. So!

Nachrichten aus der Anstalt - Tag 7

Dieser Tag endet mit vielen neuen Erkenntnissen und einem kapitalen Rausch - aus rein therapeutischen Zwecken.

Los ging es mit Wassergymnastik (abgekürzt WSOP; ich habe recht lange gebraucht, bis mir meine verbliebenen Gehirnzellen "Wirbelsäulen-OP" übersetzt hatten). Es gab Paddel für die Hände, 32° warmes Wasser und exakt 25 Minuten schweißtreibendes Gefuchtel mit sämtlichen unversehrten Körperteilen. Ich musste feststellen, dass mir gefühlte 50% meiner Muskelmasse abhanden gekommen sind; anders lässt es sich nicht erklären, warum ich nach diesen 25 Minuten so erschöpft war, dass mir die Kaffeetasse beim zweiten Frühstück wie eine 3-kg-Hantel erschien.

Danach Vormittagsschläfchen im Stufenbett und weiterhin mehr oder weniger stilles Leiden an meiner immer noch nicht auskurierten (wie auch - außer mir kümmert sich ja niemand um mich!) Infektion.

Dann "Einzelgymnastik" bei einem zwar unschuldig aussehenden, aber garantiert der S/M-Szene anhängenden Physiotherapeuten. Ich erklärte ihm, dass ich so ein Ziehen in der Wade hätte, er griff beherzt an die von mir gezeigte Stelle und drückte. Ich schrie. Er drückte fester. Ich erklärte mit zusammengebissenen Zähnen: "Ich bin ja kein Weichei, aber das tut wirklich weh!" "Das sagen alle." antwortete er gleichmütig und drückte weiter. "Außerdem ist Ihr Piriformis echt unter Spannung!" - und weiter ging die muntere Quälerei.
Nach fünf Minuten hätte ich alles gestanden, auch den Anschlag auf die Northeimer U-Bahn.

Nach diesen 20 Minuten trieb es mich zurück aufs Stufenbett. Beine hoch, leiden, schlafen. Seltsamerweise fühlten sich Wade und Piriformis deutlich besser als ich.

Das Mittagessen lasse ich unerwähnt. Man ist hier offensichtlich der Ansicht, dass "Vegetarisch" gleichbedeutend mit "Fettiges Junkfood ohne Fleisch" ist.

Nachmittags Feldenkrais. Das konnte ich nicht recht genießen, weil mich das bereits erwähnte Leiden piesackte. Während ich eigentlich meine Schultern ein wenig hin- und herdrehen sollte, biss ich einmal mehr die Zähne zusammen und verfluchte Pflegepersonal, Frau Doktor und das nichtsnutzige Labor, das meine Probe verdusselt hatte.

Entsprechend geladen suchte ich mein Zimmer auf, schrieb eine geharnischte Mail an die Klinikleitung (sowohl an die Verwaltung als auch an den medizinischen Teil), marschierte zum Schwesternzimmer und wartete einige Minuten lang darauf, dass sich zwei der scheuen Rehe von ihrer Illustrierten lösen und um meine Probleme kümmern würden.
Die Probe sei immer noch nicht analysiert, beschied man mir, und wenn ich Frau Doktor sprechen wolle, sollte ich irgendwann spätnachmittags wiederkommen.
"Gut. Dann gehe ich jetzt zu einem Allgemeinmediziner im Ort und stelle Ihnen Praxisgebühr und Schmerzensgeld in Rechnung!"
Und - wupps - telefonierte man mit dem Labor, die Werte wurden flink telefonisch durchgesagt, der Patient, der gerade Frau Doktors ärztliche Künste in Anspruch nahm, herausgeworfen und zum Abdecker geschickt, ich erhielt ein Antibiotikum und die Information, dass meine Blutwerte "wirklich nicht besonders gut" wären. Aha. Ohne vorlaut erscheinen zu wollen: Das wusste ich vorher.

Das Abendessen habe ich ausfallen lassen, nachdem Frau Doktor mir eröffnete, dass ich erst am nächsten Morgen mit dem Antibiotikum anfangen dürfte, um die neue Probe, die ich frühmorgens abzugeben hätte, nicht zu verfälschen, und meine eigene Therapie eingeleitet.
Nach dem vierten Bier ging es mir schon wesentlich besser, nach dem sechsten musste ich nicht mehr aufs Örtchen, und als ich gegen 22.25 Uhr sturzbetrunken in mein Zimmer gewankt bin, fühlte ich mich großartig.

Gerade habe ich festgestellt, dass ich später wohl doch noch Hunger bekommen haben muss; die Pistazien sind alle, das Studentenfutter angebrochen, und im Papierkorb liegt eine M&M's-Verpackung - keine Ahnung, wie die in mein Zimmer gekommen sind!

Hicks.

25 Juli 2011

Nachrichten aus der Anstalt - Tag 6

Heute werden meine Nachrichten anders; eine gewisse "Gewöhnungsmilde" ist eingetreten. Walking gab es heute morgen, und als ich nach der 25-Minuten-Einheit ein bisschen warm geworden war, zog es mich in den Wald auf der anderen Seite des Örtchens. Zuerst bin ich mit iPod marschiert, aber dann plätscherte der Regen derart melodisch auf das Blätterdach, dass ich es als Frevel empfunden hätte, mich weiter mit a-Ha und Anne Clark zuzudröhnen.
Also Stöpsel raus und zugehört. Und auf einmal bekam dieser verquaste Regentag einen ungeheuren Charme; stundenlang hätte ich weitergehen und dem Regen beim Tröpfeln Gesellschaft leisten können!
Aber ich hatte ja Psychologische Beratung um 11.00 Uhr. Auch dort warteten neue Erkenntnisse auf mich! Irgendwie tat mir der Psychologe leid; ich kam mit klarem Arbeitsauftrag, noch klarerem Selbstbild und eigentlich gelöstem Problem (natürlich werde ich den Teufel tun und so einen Aushilfstherapeuten an meinen Psychosen teilhaben lassen!). Aber während ich ihm die Fragen beantwortete, die er nicht gestellt hatte, kamen mir ein paar neue, interessante Ideen, die mir vielleicht ohne diesen Termin nicht gekommen wären.

Feldenkrais war großartig: Ich habe Bewegungen gemacht, von denen ich nicht gedacht hätte, dass sie möglich sind.

Dieser Tag ist bisher wirklich sehr, sehr nett; inzwischen hat sich sogar die Sonne gezeigt, und es ist für Anfang November nahezu kuschelig warm.

Oder anders: Alles ist gut. Deswegen gehe ich heute auch nicht zum Abendessen. Meine Laune möchte so bleiben, wie sie ist.

Ich weiß ja nicht, was Sie gerade tun.

Ich BIN. Nichts sonst. Aber das ist neu und aufregend für mich, jedenfalls jetzt, da ich nicht auf Kreta weile und Meer gucke, sondern in Bad ... und Wald höre.

Geben Sie mir noch zwei Wochen, und ich bewerte das Essen im Speisesaal wie der AI-Geschädigte aus der Türkei!

24 Juli 2011

Nachrichten aus der Anstalt - Tag 5

Ruhig. Kühl. Nass. Das Wetter lud zum Liegen ein, und ich bin dieser Einladung gern nachgekommen, nachdem das Bier, das ich gestern erlaubterweise auf mein Zimmer getragen habe, meinen Körper wieder verlassen hat.

Das war kurz vor dem Mittagessen, also begab ich mich auf die Jagd nach Essbarem. Die Schlange vor den beiden Ausgaben ging fast bis zur Tür (wahrscheinlich unschuldige Angehörige, die von den Insassen unter Vorspiegelung falscher Tatsachen dazu gebracht worden sind, 6,50 € in eine warme Mahlzeit zu investieren), und ich entschloss mich spontan für Salat. Neben Gurken (Tomaten sind seit ein paar Tagen aus.), Weißkohl und grünem Salat fand ich noch eine sehr leckere Zusammenstellung der Gerichte der letzten Tage; Nudeln, Mais, Kidneybohnen und Ähnliches in mayonaisiger Fertigsauce. Gestört haben mich persönlich Perlzwiebeln und Oliven, aber ich hatte Verständnis dafür, dass auch die irgendwann mal weg mussten.
(Zwischenbemerkung: Ich scheine mit meiner Meinung bezüglich der Qualität des Nahrungsangebotes weitgehend allein dazustehen. Gestern habe ich das Rehazentrum gegoogelt, und da gab es bei den Bewertungen tatsächlich einen Menschen, der das Essen mit dem in einem 4-Sterne-Hotel verglichen hat! Wahrscheinlich war er All Inclusive in der Türkei und hat die gepanschten Cocktails knapp überlebt.)

Danach war mir nach Ruhe. So ein Sonntag im Rehazentrum kann unglaublich anstrengend sein.

Später am Nachmittag sind meine Flurnachbarin und ich zu einer Initiativwanderung gestartet. Auf dem Weg zum Aussichtsturm begegnete uns der eine oder andere Stöckchenzieher mit grimmiger Miene. Ich erwähnte ja bereits, dass die Wahrscheinlichkeit, einen glücklich oder auch nur zufrieden lächelnden Stöckchenzieher auszumachen, ähnlich hoch ist wie die, Pflegepersonal im dazugehörigen Dienstzimmer anzutreffen. Meine Begleiterin, die sich ebenfalls im Nordic-Walking versucht hat, erklärte mir, dass man sich zu sehr darauf konzentrieren müsse, Arme und Beine zu koordinieren und deswegen nicht noch freundlich lächeln könne.

Unsere Initiativwanderung ("initiativ", weil wir aufgebrochen sind, ohne eine derartige Anweisung in unseren Therapieplänen gefunden zu haben) endete nach knappen zwei Stunden, und nach 10 Minuten ebenso initiativem Stretching begaben wir uns zwecks Nachmittagsschläfchen auf unsere Zimmer.

Der Rest des Tages endete unspektakulär: Beim Abendessen Kampf um die letzten 2 Scheiben Käse, Vertilgen der Salatreste vom Mittagessen und der selbstmitgebrachten biologisch angebauten Rohkost, dann Spielen und Bier im hauseigenen Café, Telefonat nach Hause, Bettruhe.

Allen Nicht-Rehabilitanten auf freier Wildbahn und mit vollwertigem Nahrungsangebot wünsche ich einen guten Start in die Woche!

23 Juli 2011

Nachrichten aus der Anstalt - Tag 4

Wunder geschehen, allerdings nicht bei meiner Flurnachbarin. Nachdem wir beide ein freies Wochenende verbringen dürfen (die vergangenen drei Tage waren mit viel Warten auf verspätetes Personal und die Anwendung recht stressig), haben wir heute das Leckerli in unseren Briefkästchen gefunden: Den Therapieplan für die ganze nächste Woche! Während ich Rudelwalken, die Fähigkeiten eines hauseigenen Diplompsychologen bezüglich der Beruhigung mordlustiger und krawallgebürsteter Rehabilitanten testen, gegen 12.30 Uhr das nährstoffarme und und an Fetten und einfachen Kohlenhydraten reiche Mittagessen genießen und fast unmittelbar danach rückenschonend beim Feldenkrais herumliegen darf, hat die Arme nur einen Termin pro Tag. Plus Mittagessen. Das steht nämlich ebenfalls als Termin auf dem Therapieplan, entweder, damit dieser voller aussieht oder weil man das in der Abrechnung als "abhärtende Maßnahmen" bucht.

Unsere persönlichen Therapiebemühungen starteten wir nach dem Abendessen, sind erst im Kurpark spazieren gegangen und haben dann das Gelände zwecks psychologischen Aufbautrainings verlassen. Zwar verbietet die Hausordnung der Rehaperle im Weserbergländischen bei Androhung eines Rauswurfs (der mir nach drei Tagen nicht beziehungsweise möglicherweise von mir unbemerkt gebliebener Rehabilitationsmaßnahmen nicht halb so dramatisch erscheint wie beim ersten Lesen, als ich noch dachte, hier würde mir geholfen) Alkoholgenuss auf dem Zimmer, erlaubt aber Bier, Wein und ähnliche "leicht alkoholische" Getränke im rehazentrumseigenen Café und im Anschluss daran sternhagelvolles Aufsuchen des Zimmers bei gleichzeitigem Absingen schmutziger Lieder. Es besteht offensichtlich ein Unterschied darin, wie der Alkohol transportiert wird. Trägt man ihn in Flaschen, ist es böse. Hat man ihn schon in sich drin, bleibt die Hausordnung gewahrt.

Also bin ich jetzt sternhagelvoll. Ohne Flasche. Ohne Singen. Außerdem beschwerdefrei, abgesehen von einer fiesen Infektion, für die sich weder meine hier behandelnde Ärztin noch das scheue Pflegepersonal zuständig fühlen und mit der ich irgendwie selbst fertig werden muss.
(Die durch die Rehamaßnahme verursachten Zusatzkosten steigen ins Bodenlose...)

Aber ich will nicht schimpfen; das Mittagessen war vollwertig, gesund und frisch. Wir haben auswärts gespeist.

Außerdem bin ich seit ein paar Tagen nahezu schmerzfrei, habe im Kurmittelhaus nach einer höchst gewagten Shakira-Version getanzt (und mich gefreut, dass meine Hüfte sich freiwillig und ohne die Anleitung des Feldenkrais-Anleiters bewegen wollte) und das Bier in mir geraden Schrittes und treppensteigend auf mein Zimmer getragen.

Morgen gehen wir zum Brunch. Irgendwo anders.

"Erst Fango, dann Tango!" hieß es früher.

"Erst Reha, dann Krankengeld!" ist der aktuelle Slogan.

22 Juli 2011

Nachrichten aus der Anstalt - Tag 3



Freitag, 17.17 Uhr, warten auf den Therapieplan für morgen. Bin aufgefordert, mehrmals täglich in meinem Briefkasten nachzusehen und folge diesem Hinweis getreulich im Zwei-Stunden-Takt. Falls die dahinter stehende Absicht es ist, damit die Motivation der PatientInnen zu erhöhen, muss ich sie in meinem Fall als Fehlschlag bezeichnen. Wollte man jedoch sicherstellen, dass sich alle in regelmäßigen Abständen in ihren Zimmern einfinden, funktioniert es, möglicherweise aber nicht mehr nach einer gewissen Eingewöhnungsphase.



Geben Sie einer Ratte per Glöckchenklingeln den Impuls, eine Tür zu öffnen, ohne dahinter eine Belohnung bereit zu halten, so wird diese nach relativ kurzer Zeit nicht mehr auf das Glöckchen reagieren. Ratten sind intelligente Tiere. Verstecken Sie jedoch an mehreren aufeinander folgenden Tagen zu einer bestimmten Uhrzeit das erwartete Leckerli hinter dieser Tür, wird das Tierchen nur noch zu dieser Uhrzeit das Türchen öffnen und zu allen anderen Zeiten das Glöckchen ignorieren.



Was eine Ratte kann, kann ich schon lange! Ich habe an zwei aufeinander folgenden Tagen mein Leckerli (den Therapieplan für den Folgetag) erst nach 17.00 Uhr hinter meinem Briefkastentürchen gefunden. Also werde ich den Teufel tun und zu mich irgendeiner anderen Uhrzeit dorthin bemühen - es klingelt ja nichtmal ein Glöckchen!

20 Juli 2011

Nachrichten aus der Anstalt - Tag 1

Meine Koffer, mein Auto und ich sind angekommen. Ursprünglich war mein Plan, die Bahn zu nehmen, aber die Befürchtung, ich könnte niemanden finden, der bereit wäre, einer vollkommen gesund aussehenden Rückenkranken die schwere Tasche aus dem Zug hinaus und in den nächsten hinein zu heben, hat mich daran gehindert.
Erfahrungen früherer Jahre haben mir gezeigt, dass ich die Sorte Frau bin, die einen Schrankkoffer ohne männliche Hilfe von A nach B schleppt, während die zarte Blondine gleich neben mir von Männerschwärmen umlagert wird, die sich darum reißen, ihre Handtasche zu tragen.
Am Check-In erklärte ich, dass ich Hilfe beim Tragen bräuchte. "Da sagen Sie bitte noch einmal bei der Aufnahme im Haus "Birkenstock" Bescheid, dann wird man das für Sie organisieren!" beschied mich die freundliche Dame an der Rezeption und erklärte mir den Weg dorthin.
Im Haus Birkenstock angekommen, erhielt ich nach 15-minütigem Warten eine Codekarte für mein Zimmer und einen Zettel mit der Uhrzeit, zu der ich mich wieder beim Check-In melden sollte. Man hing etwas nach in der Bearbeitung der Neuankömmlinge.
Ich bat nochmals um Hilfe beim Gepäcktransport. "Da sagen Sie später im Schwesternzimmer Bescheid, die werden das für Sie organisieren." war die freundliche Auskunft.
Also suchte und fand ich mein Zimmer, schloss auf, stellte meine Handtasche aufs Bett und fest, dass mir bis zum Check-In noch eine gute halbe Stunde blieb. Vielleicht gelänge es mir ja, wenigstens meine Reisetasche...?
Ich zerrte Rucksack mit Büchern und Trainingstasche aus dem Auto und schleppte beides zum Fahrstuhl. In meinem Zimmer angekommen, packte ich aus und stellte fest, dass ich immer noch 15 Minuten Zeit hatte. (Warten würde übrigens für die nächsten Tage zu meiner Hauptbeschäftigung werden; glücklicherweise wusste ich das zu diesem Zeitpunkt noch nicht.)
Die freundliche Dame an der Aufnahme war noch immer mit einem Herrn, den wir inzwischen "Krücki" nennen und der über eine beachtlich verlängerte Reaktionszeit angesichts neuer Informationen verfügt, beschäftigt. Krücki hatte von den geplanten 20 Minuten für die Aufnahme bereits die doppelte Zeit beansprucht. Die Dame vor mir versprach: "Ich beeile mich!" Ich wartete und durfte mit 15-minütiger Verspätung die heilige Halle betreten.
Nachdem man mich und meinen Blutdruck gemessen, mein aktuelles Übergewicht dokumentiert und mir einen weiteren Zettel in die Hand gedrückt hatte, durfte ich gehen und wendete mich direkt ans Schwesternzimmer.
Die Damen hatten sich verbarrikadiert, als arbeiteten sie in der Leistungssachbearbeitung des Sozialamtes und nicht in einem Rehazentrum. Ich wartete ergeben weiter, räusperte mich ab und zu und hoffte darauf, vor dem nächsten Bandscheibenvorfall bemerkt zu werden.
Ein paar Minuten später durfte ich mein Anliegen vortragen, man telefonierte und erklärte, mein Koffer würde in ca. einer Stunde transportiert werden. "Dann muss ich aber schon am Speisesaal sein." wandte ich vorsichtig ein. "Früher geht es nicht." erklärte die Diensthabende. (Hätte ich zu diesem Zeitpunkt schon gewusst, dass mich keine Mittagsmahlzeit, sondern ein Anschlag auf mein körperliches und geistiges Wohlbefinden erwarten würden, hätte ich nicht insistiert.)
Ich wartete auf meinem Zimmer weiter. Gern hätte ich mich einen Moment in Stufenbettlagerung entspannt, aber das war nicht möglich, weil ich noch keinen Therapiewürfel hatte. Den musste ich bei der Ärztin, die später die Aufnahmeuntersuchung durchführen würde, beantragen, um ihn dann abends vom Pflegepersonal (das, nebenbei bemerkt, schwerer auszumachen war als ein Reh mit schlechten Erfahrungen) ausgehändigt zu bekommen.
70 Minuten später befand sich mein Koffer immer noch in meinem Auto und mein Magen im Hungeraufruhr. Also marschierte ich zum Parkplatz, öffnete die hintere Tür, zerrte meinen Koffer vom Rücksitz, ließ ihn fallen, schloss die Tür wieder und zog das gefühlte 25 kg schwere Gepäckstück hinter mir her, in den Fahrstuhl und aufs Zimmer.
Als ich danach zum Mittagessen ging, kam ein Mann mit Gepäckwagen zur Tür herein. "Wenn Sie nur auf mich warten, können Sie wieder gehen. Ich habe mir allein geholfen." erklärte ich ihm. "Tut mir leid, ging nicht früher." "Ich lebe ja noch und stehe aufrecht, also ist alles gut." sagte ich, obwohl ich nicht das Gefühl hatte, ihn beruhigen zu müssen.


Das Mittagessen lasse ich aus. Nur soviel: Wenn die Qualität auf diesem Niveau verharrt, ist die Wahrscheinlichkeit, am Ende der drei Wochen ein paar Kilo verloren zu haben, 99,5%.

15 Juli 2011

Whausen reloaded

Ja, die Geschichten aus Whausen sind schön! Hier gibt es bedröhnte Hummeln, kollektives Dauerrasenmähen am Donnerstagnachmittag, Aufregung in der Nachbarschaft, weil endlich der Sperrmüll abgeholt wurde; es gibt Nachbarinnen, die gemütlichst auf der Treppe vor ihrem Haus sitzen und den stattlichen Nachbarskater, der den Garten meiner Vermieter markiert.

Ich lerne seit zwei Wochen Einzelheiten kennen, schaue den Johannisbeeren in der Bäckergasse beim Reifen zu, klaue Kirschen vom Baum auf der Ecke (der niemandem gehört, wie ich hoffe), suche im Dorfbach, der zur Schneeschmelze ein fast reissender Strom und in heissen Sommern ein trauriges Rinnsal wird, nach Fischen und begrüße die neuen Kälber am Bauernhof vorn rechts.

Wäre ich eine Hexe, ich würde diesen Ort zum Kraft- und Versammlungsort erklären und zu jeder Sonnenwende zaubern lassen.
Zur Zeit bin ich meilenweit von möglichen Hexenkünsten oder nur einer "vollwertigen" Mitbewohnerin entfernt; ich kann weder etwas für die Damengymnastikabteilung der SG Whausen oder die Sportwoche tun noch verfüge ich über Zauberkräfte.

Trotzdem. Das Dorf verzaubert mich:
Ich gehe im "Versehrtenschonschritt" durch die Gassen, erklimme ohne vorherige Akklimatisierung den 178 m hohen Höheberg, setze mich auf jede Bank, die am Weg steht, um mich vom GEHEN zu erholen. (Sie erinnern sich? Ich habe noch vor kurzem bekennende NichtsportlerInnen mit der schriftlichen Erwähnung meiner DauerLAUFgedanken belästigt.)

Mit jedem Tag, den ich hier bin, kehren meine Kräfte zu mir zurück.


Natürlich gibt es auch traurige, mut- und kraftlose Tage. An den besseren freue ich mich, wenn die blöden Gänse in der Ortsmitte zischen, wenn ich vorbeigehe, die Schafe nicht geschlachtet, sondern nur auf eine andere Weide gebracht wurden, und das kleine mit dem verletzten Hinterlauf wieder Anschluss gefunden hat. Ich grüße das Paar, das seine Chow-Chows spazieren führt, erkläre dem Pudel, an dessen Grundstück ich täglich mehrmals vorbeikomme, dass ich nichts klaue und freue mich, wenn ich nach 40-minütigem Spaziergang völlig erschöpft ZUHAUSE ankomme.

Denn genau das ist Whausen, gleichgültig, ob die Tage gut, besser oder schlechter sind: Zuhause. Und nach jedem neuen Mord, nach jedem Ausflug in die große, weite Welt und jeder Ent-Täuschung kehre ich erleichtert zurück, höre neben den Rasenmähern auch die Hühner, die jedes frisch gelegte Ei lauthals feiern, den Krähwettbewerb der Hähne, die Schreie des Bussards, das abendliche Vogelzwitschern und die Ruhe danach.

Play it again, Sam! - Teil I

"Mami!" rief das kleine Mädchen im 5-Sterne-Restaurant des Traumschiffs aufgeregt. "Warum spielt denn der Mann am Klavier nicht?"
Tatsächlich - dieser saß an seinem Flügel, den Blick ins Leere oder Richtung Buffet gerichtet, ohne seinem Arbeitsgerät auch nur einen Ton zu entlocken.
Aber dafür hatten sie bezahlt! Mami hatte nicht umsonst geschuftet wie eine Verrückte; sie hatte sich Buffet, Traumschiff und Pianist verdient.
Sie stand auf, erklärte ihrer Tochter: "Ich werde mal nachsehen, was der Mann macht. Und dann wünsche ich uns ein Lied." Die Tochter nickte begeistert. "Oja, er soll das Sandmännchenlied spielen!"

Mami marschierte zum Flügel. Der Pianist starrte immer noch auf einen ihr unbekannten Punkt. Als sie an seine Seite trat, um ihn an die Verpflichtungen eines Traumschiffpianisten zu erinnern und den Musikwunsch ihrer Tochter anzubringen, sah sie, warum er nicht spielte: Seine Hände lagen auf den Tasten. Nur seine Hände. Sehnen und Knochen lagen offen vor dem Auge der entsetzten Betrachterin; rotes Blut sprenkelte die weißen Tasten. Der Rest von ihm war stocksteif, und in seinem Rücken steckte auf Herzhöhe ein Messer. Die Leichenstarre hatte bereits eingesetzt, und wer immer den Musiker vom Leben zum Tode befördert hatte, verfügte über einen gewissen Sinn für dramatische Arrangements und offensichtlich ebenso unbändigen Hass auf Klavierspieler im Allgemeinen oder diesen im Besonderen.

Mami öffnete den Mund und schrie. Lange und laut. Die Tochter beobachtete sie interessiert. "Wann spielt er das Sandmannlied?" fragte sie. "Und warum schreist Du so, Mami?"

Kapitän, Crew und Schiffsarzt eilten herbei, letzterer beruhigte Mami, die anderen begutachteten die Pianistenleiche. "Tscha, der Vogel ist douht!" erklärte der Kapitän in tiefstem Friesisch. Auf Hochdeutsch rief er ins interessierte PUblikum: "Ist ein Kriminalkommissar an Bord?"

Niemand meldete sich.

"Wat nu?" fragte der Kapitän in die Runde.

"Naja, wir laufen den nächsten Hafen an und rufen dort die Polizei.", schlug der 1. Maat vor. "Und natürlich müssen alle Passagiere an Bord bleiben. Der Mörder könnte unter ihnen sein!"

Fortsetzung folgt... ;-)

14 Juli 2011

Der Tod des Prinzen

Es war einmal, lange ist es her, ein Prinz, der von allen, die ihn kannten, "Der redende und singende Prinz" genannt wurde, weil er so wunderschön reden und singen konnte. Alle betörte er mit seiner Stimme und seinen Worten, jede Frau und jeder Mann, die er auf seinem Weg zum Glück traf, glaubten ihm, was er versprach.

So reiste er glücklich und zufrieden durch viele Reiche, unzählige Prinzessinnen folgten ihm und wurden verlassen; und immer schien er recht genau zu wissen, welcher König ihm wohlgesonnen war.

Das ging so weiter, bis er eines Tages auf seinen Reisen in das Reich einer Königinwitwe und deren Tochter gelangte. Auch diese beiden verfielen seiner Sangeskunst, hörten ihm gern zu, und recht bald gab ihm die Königin die Hand ihrer Tochter. Erstens wollte sie diese schon seit längerem loswerden, zweitens mochte sie den singenden und redenden Prinz einfach zu gern.

Nun hätten der Prinz und die Prinzessin glücklich werden können bis an ihr Lebensende. Dann wären die letzten Worte dieser Geschichte "... und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute." gewesen.
Allein, Prinz und Prinzessin waren nicht füreinander bestimmt, und so trennten sich ihre Wege eines Tages; nicht ohne das Versprechen des Prinzen, immer für die Prinzessin und die Königinmutter zu sorgen.

Als der Prinz jedoch eines Tages aufgefordert wurde, sein Versprechen einzulösen, ließ er sich verleugnen, dreimal häufiger als jeder Mensch mit Ehre sich hätte verleugnen lassen.

Die Königinmutter und ihre Tochter taten, was getan werden musste: Sie sorgten für sich selbst.
Aber sie waren auch rachsüchtig, und so ließen sie den Prinzen suchen. Ihre Häscher wurden recht bald fündig, denn dieser hatte sein Versprechen längst vergessen und ließ sich im Nachbarkönigreich feiern, bevor er ergriffen und zurückgebracht wurde.

Dort ließen ihn die Frauen in den tiefsten Kerker werfen, und damit er niemals wieder andere mit seinem Gesang oder seinem Gerede betören könnte, rissen sie ihm eigenhändig die Zunge heraus, hackten seine Hände ab und überließen ihn seinem Schicksal.

Und da er kläglich schreiend verblutet ist, lebt er heute nicht mehr.

11 Juli 2011

Dreiecksgeschichten

Es ist faszinierend, was dieses kleine Dreieck der Welt, das ich von meinem Liegeplatz auf dem Balkon sehen kann, an Eindrücken bietet.

Vögel beim Anflug auf den Giebel, die auf der Ausschau nach den Hühnern immer tiefer kreisende Gabelweihe, eine Menge Kondensstreifen, heute Nachmittag ein Wechsel aus Sonne und unterschiedlichsten Wolkenformationen.

Wenn ich dann noch die Geräuschkulisse hinzunehme (die irre laute und dauerrasenmähende Großfamilie vom Nachbargrundstück, das streitende alte Ehepaar von der anderen Seite, das ich noch nie gesehen, sondern immer nur gehört habe, Vogelgezwitscher, laut, das Brummen der vom Glockenblumennektar völlig bedröhnten Hummeln und das leicht agressive Summen der Wespen, die ebenfalls im Giebel wohnen), kann ich mir gut vorstellen, die nächsten einhundert Jahre auf meiner Saunaliege und in rückenschonender Position zu verbringen.
Vorraussetzung wäre, dass irgendjemand für einen ausreichenden Vorrat an Büchern und Bier sorgt und der Sommer einhundert Jahre lang nicht endet.

Dann bräuchte sich auch kein Prinz zwecks Dornenhecke Niederreißen und Wachküssen nach Whausen zu bemühen.

Ganz davon abgesehen, dass ich nach einhundert Jahren Bier, Lesen, Schlafen und Sonne wahrscheinlich auch keinen prinzenwürdigen Anblick böte.

By the way: Mein Bier ist alle, und auf dem Balkon wird es kalt.

Gute Nacht allerseits!

10 Juli 2011

Leben mal anders

Ich taumele irgendwie durch meine Tage, ohne Ziel, vor allem aber ohne Plan. Was ich tue, ist meine Realität, meine Gedanken bilden für heute (und nur für heute) das Dach über meinem Kopf.
Und da ich jetzt weiß, dass eben dieses Dach jederzeit einstürzen und den Teil meiner Persönlichkeit, den ich gerade renoviert und frisch gestrichen habe, in kleinste Stücke zerschlagen kann, bin ich mit Prognosen, die über die nächsten 10 Minuten hinausgehen, sehr vorsichtig.

Wie soll ich wissen, was mich morgen erwartet? In ein paar Stunden? Gleich demnächst? JETZT ist die einzige Sicherheit, und JETZT ist ein sehr, sehr kurzer Moment.

Prognosen? Erwartungen? Pläne?

Der Vergleich zu gestern ist für morgen Prognose genug, und erst Morgen wird sich die Erwartung bestätigen, dass es "Morgen" gab. Und in diesem Moment ist "Morgen" meine Gegenwart, nicht eine Sekunde vorher.

Der Plan: Den Moment nicht verpassen, denn er ist genau JETZT Geschichte.

Bedeckt, ergiebige Regenfälle am Abend

Das Wetter konnte sich heute nicht so recht entscheiden, wie es werden will. Vormittags blauer Himmel und Sonne, später bedeckt, am Nachmittag schwül, jetzt "ergiebige Regenfälle". Beim Spaziergang habe ich geschwitzt, als wäre ich laufend unterwegs.

Das deutsche Team ist ausgeschieden. War gestern schon klar und wird heute von allem, was sich für kompetent hält, kommentiert.

Der Nachbar des übernächsten Hauses hat gerade Boot und Auto klar gemacht für den Sommerurlaub. Ob die inzwischen fast erwachsenen Töchter noch für eine Saison mitkommen?

Wenn ich etwas schneller gegangen wäre, hätte ich noch den Vorsitzenden der örtlichen freiwilligen Feuerwehr eingeholt und ihm mitteilen können, dass meine Karriere als Feuerwehrfrau ein jähes Ende gefunden hat, bevor sie richtig begonnen hat. Natürlich hätte ich ihm auch angeboten, beim Feuerwehrfest auf den Bierwagen aufzupassen.

Spaziergang war gut, das Gewicht schwankt um 61,5 kg. Ein guter Freund hatte gestern die absolut abwegige Idee, dass die 5 kg Gewichtsverlust nichts als Muskelmasse wären. Erstens ist das jetzt nicht mehr mein Freund, ein guter schon gar nicht, zweitens habe ich seit dieser Bemerkung das Gefühl, dass meine Oberschenkel und der Bauch mehr wöbbern als noch am Freitag.
Aber wo sollte mein Körper auch seine Spannung hernehmen? Er ist ja mit VERspannung und Reparaturarbeiten beschäftigt!

09 Juli 2011

Fußball??? Sommermärchen?

Auch wenn die Wolken nicht leuchten: Japan hat zur Sekunde ein Tor geschossen. Wahrscheinlich ist Deutschland raus.
Ist mir egal, wenn ich ehrlich bin.

Es ist immer noch Sommer. Warm. Über den Haushühnern kreist seit ein paar Tagen eine Gabelweihe; die Hühnerzahl bleibt gleich.

Doch die einzig wichtige Frage des heutigen Tages lautet: "Wieso nicht Birgit Prinz?" Keine Ahnung.

Wenn ich mich auf meinen Balkon stelle, sehe ich den Halbmond.

Noch 10 Minuten, um den Ausgleich zu schaffen.

Ich schaue nach oben, aus meinem Dachfenster hinaus, sehe einen spannenden Himmel und die Lichter derjenigen, die noch wach sind. Und habe so ein Gefühl, dass es Wesentlicheres geben könnte als ein gewonnenes Fußballspiel: Kleine Fische im Dorfbach, Wolken am Himmel, Erde unter den Füßen, Bäume zum Festhalten, Schlafen am Nachmittag.

Japan wird gewinnen, denke ich.

Und die Welt wird sich weiterdrehen. Störungsfrei.

Leuchtende Wolken

Während ich auf NDR info das Spiel "Deutschland : Japan" höre (Deutschland scheint nicht so gut auszusehen; vielleicht haben sie sich dann doch zuviel mit Schminken und Haare machen und zuwenig mit Spieltechnik beschäftigt...), sehe ich eine leuchtende Wolke aus meinem Dachfenster.

Ob das schon eine der angekündigten Wolken ist, die am späten Abend oder frühen Morgen leuchten sollen? Egal, es sieht nett aus.

Überhaupt finde ich den Himmel unglaublich spannend mit all diesen wilden Wolkenformationen anstelle von quietschblau. Warm ist es auch, aber eben nicht zu warm, genau richtig für körperlich lädierte Menschen mittleren Alters. Die Stöckchenzieher überholen können und Raucher beim Bergauflaufen zum Schnaufen bringen.

Die Wolke leuchtet immer noch.

Ist schon später Abend?

Das Moderatorenteam von NDRinfo klingt hektisch.

Das Leben lebt so vor sich hin.

Ich auch.

Und alles ist einerseits ganz anders und andererseits so, als wäre es nie anders gewesen.

Reste meiner Schultermuskulatur spiegeln sich im Dachfenster. Den Nachtfalter nehme ich billigend in Kauf, weil ich nicht riskieren möchte, mich zu schnell zu bewegen.

Oder positiv ausgedrückt: Meine Nachtfalterphobie wird ebenso unwesentlich wie meine Angst vor Spritzen. Es gibt Wesentlicheres. Jetzt jedenfalls.

Was interessant ist: Ich bin sogar dankbar dafür!

Mein Versprechen gilt den SatireliebhaberInnen: Ich werde recht bald wieder witzig. Versprochen!

08 Juli 2011

Krankenbesuche

Also... Ich habe ja noch gelernt, dass man kranke Menschen besucht, sei es im Krankenhaus oder bei sich zuhause.

Jetzt habe ich allerdings schon mehrere Angebote bekommen, doch mal "auf einen Kaffee", zur Besichtigung der frisch zu renovierenden Wohnung oder zwecks Erholung in Küstennähe vorbeizukommen.

Eine kurze Info an die Einladenden: Herzlichen Dank! Ich behalte meinen Hintern zuhause und in Stufenlagerung.

Und würde mich bei Gelegenheit über die Info (gern von Unbeteiligten) freuen, ob "Krankenbesuch" heute bedeutet, dass der oder die Kranke die aufsuchen muss/soll, die eigentlich den/die Kranke besuchen sollten.
Oder anders: Nicht "Der/die Kranke wird besucht", sondern "Der/die Kranke besucht". Und Scheiß auf körperliche Einschränkungen! Empathie ist eine Holschuld! Die bekommt man nicht einfach so umsonst, die muss man sich verdienen; im Zweifel, indem man trotz Beinbruch, 41° Fieber, Bronchitis oder frischoperiert den Krankenbesuch antrittt - beim potentiellen Empathiegebenden!

Kurzinfo für "RegelmäßigleserInnen"

Drei gute Tage am Stück, Sommer, eine bewilligte Reha und die Tatsache, dass ich es heute mit meinem Wirbelsäulenschongang geschafft habe, ein stöckchenziehendes Pärchen zu überholen, zeigen, dass die Tendenz in die richtige Richtung geht.

Trotzdem muss manchmal ganz fürchterlich gelitten, geheult, mit dem Schicksal, dem Leben und dem ganzen Rest gehadert und selbstbemitleidet werden. Das war in meinem Fall am Dienstag dran. Ich habe meine Pokale, Medaillen, Urkunden und Boxhandschuhe weggeworfen, größere Mengen an Alkohol auf meine ohnehin schon opiatbedingt leicht gestresste Leber gekippt und geheult, als gälte es, Salzwasservorräte für ein mögliches Austrocknen der Nordsee anzulegen. Und wenn jemand die Unverschämtheit besessen hätte, mir zu sagen, dass alles gut wird, hätte ich ohne auch nur den Hauch eines schlechten Gewissens noch einen Mord als Sahnehäubchen auf den gefühlten Sch..haufen meines aktuellen Lebens drapiert.

Diesem schlechten folgte ein Tag mit Cranio-Sacral-Therapie, dem Besuch des Liebsten und Backgammon in der Dämmerung; ein weiterer mit Waffeln und selbstgemachtem Johannisbeerquark bei einer ebenfalls lädierten Freundin (Kreuzbandriss, Fußball), ein schmerzfreier Spaziergang von 40 Minuten am Abend und ein höchst erquickliches Telefonat mit einer weiteren Freundin.

Der Himmel ist unglaublich spannend zur Zeit: Es gibt Wolkenformationen, Wind, Sonne, einen klaren Halbmond und mit etwas Glück heute Nacht leuchtende Wolken.

Mein Leben fühlt sich gerade ähnlich an.