13 März 2008

Aus aktuellem Anlass noch mehr Polemik

Ich hänge einem alten schamanischen Glauben an, der in Deutschland (noch) nicht sehr verbreitet ist. Die Ausübung meiner Religion erfordert, dass ich siebenmal am Tag zu festgesetzten Uhrzeiten im Kreis laufe und "Regen! Regen! Regen!" rufe. Wollte ich besonders korrekt sein, müsste ich mich dabei ausziehen, aber ich bin bereit, die Sitten und Gebräuche meines Landes zu beachten und bekleidet zu bleiben. Ausserdem wäre es im Winter auch viel zu kalt.
Artikel 4 des Grundgesetzes garantiert mir, dass ich einen Glauben haben und ihn auch ausüben darf. Ich werde gleich morgen damit beginnen, und wehe, irgendjemand versucht mir das unter fadenscheinigen Begründungen wie "Störung der öffentlichen Ordnung" zu verbieten! Dann wird mich mein Weg ohne Umschweife zum nächsten Verwaltungsgericht führen. Ich bin rechtsschutzversichert. Ich darf das.

Vielleicht möchte ich später, wenn meine Glaubensgemeinde größer geworden ist, Häuser bauen, damit wir unsere Religion ausüben können, wie es der Ritus verlangt. Wir würden Tipis aufstellen, wind- und wettergeschützt natürlich. Und wehe, es kommt jemand und beschwert sich, dass unsere Tipis nicht ins Stadtbild passen! Dann gehe ich sofort dahin, wo ich schon gewesen bin, als man versuchte, mich daran zu hindern, siebenmal im Kreis zu laufen und "Regen! Regen! Regen!" zu rufen. Dieses Recht ist garantiert. Also darf ich das.

Irgendwann werden wir unsere Glaubensbrüder und -schwestern aus unserem Ursprungsland nachholen. Die leben nämlich menschenunwürdig in Reservaten, werden von den dortigen Behörden drangsaliert und haben keine Chance auf ein besseres Leben. Dann wird unsere Religion noch mehr Verbreitung finden, und wir werden darauf bestehen, dass sie auch im Schulunterricht gelehrt wird. Und wehe, es kommt jemand und versucht das zu verhindern! Unsere Glaubensgemeinschaft wird die einzelnen Schulbehörden mit Sammelklagen überziehen! Wir haben Rechte! Wir dürfen das!

Selbstverständlich sind wir bereit, den Eingeborenen auch die Ausübung ihrer Religion zu erlauben - allerdings nur solange, wie wir uns nicht belästigt, beleidigt oder benachteiligt fühlen. Wann das der Fall ist, entscheiden selbstverständlich wir. Und wenn wir der Ansicht sind, dass man uns sehr beleidigt hat, werden wir auf die Straße gehen, Fahnen schwingen und Symbole der feindlichen Religion verbrennen. Das ist unser Recht! Wir nehmen es uns!

Vielleicht beteiligen wir uns auch an anderen Klagen, zum Beispiel gegen das Kirchenläuten am Sonntag (wegen Lärmbelästigung), Kreuze in bayrischen Klassenzimmern (wegen Indoktrinierungsgefahr) und freien Fleischverkauf (wir sind Vegetarier). Und vielleicht verklagen wir den Deutschen Wetterdienst. Wir sollten die einzigen sein, die "Regen! Regen! Regen!" sagen dürfen.



1 Kommentar:

  1. Mich würde interessieren, was du in einigen Jahren schreiben wirst, nachdem Du sämtliche Prozesse verloren hast. Leider.

    Unsere Welt taugt nicht für die Dinge, die Du herbeisehnst, und es gibt keine Möglichkeit sich zu entziehen. Prozesse taugen nicht, sie machen nur Anwälte reicher, dokumentieren ducrch Fehlurteile das Scheitern von Träumen.

    Du wirst diese Welt nicht bekommen, aber Du kannst sie für Dich im Kleinen schaffen. Es ist nicht notwendig, gleich den gesamten Kontinent zu verändern um glücklich zu sein. Ich wünsche es Dir.

    Hör nicht auf nach den Sternen zu greifen.

    Solange Menschen auf dieser Erde leben, wird es nicht besser werden.

    Es ist auch nicht wichtig im Kreis zu laufen. Eine exklusive Form des Glücks besteht darin, mit sich selbst im Reinen zu sein. Wenn Du das erreichen kannst, brauchst Du keine Rechtsschutzversicherung.

    Traumzauberer.

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