19 Oktober 2017

Nordic-Walking und seine Folgen für die Gesichtsmuskulatur

Gestern kamen mir beim Laufen zwei Damen entgegen, beide mit Nordic-Walking-Stöckern bewaffnet. Ich hatte mir ja eigentlich vorgenommen, nicht mehr zu grüßen, beschloss aber, dass ich heute ausnehmend gute Laune und Manieren haben wolle, lächelte, wünschte freundlich einen "Guten Tag!" und erntete von beiden Damen teils ungläubige, teils unfreundliche Blicke. Eine machte eine Bewegung mit dem Kopf, die man mit sehr viel gutem Willen als Nicken hätte interpretieren können. Dann war ich auch schon an ihnen vorbei, und sie klapperten, für mich glücklicherweise nicht hörbar, weiter.
Diese Begegnung hat mich für die nächsten vier Kilometer beschäftigt. Man trifft sie ja noch 

immer, diese meist in Gruppen auftretenden Stöckchenzieher, Nordic Walking, Spaziergänger, Gehen auch wenn der Trend etwas abgeflaut ist. Nordic Walking gehört zwar inzwischen zum sportlichen Angebot jeder ordentlichen Reha-Einrichtung, wird von Menschen aller Altersgruppen vollführt und befindet sich regelmäßig im Sonderangebot der Discounter, aber der Gipfel scheint überschritten.

Haben diese Stöckchenzieher deswegen mehrheitlich diesen mürrischen Gesichtsausdruck? Sind sie erbost darüber, dass sie inzwischen zum Straßenbild dazugehören und keine Beachtung mehr finden? Liegt es daran, dass diese Form der Bewegung doch ein gehöriges Maß an Koordination erfordert und den durchschnittlich unsportlichen Menschen überfordert? Müssen die sich so darauf konzentrieren, nicht über ihre Stöcker zu fallen und gucken deshalb so streng? Sind sie neidisch auf die vorbeihuschenden Läufer, die so ganz ohne Hilfsmittel und viel schneller unterwegs sind? Oder ist alles ganz anders, und unter den Stöckchenziehern befindet sich einfach eine Mehrheit grundsätzlich unhöflicher Menschen. Es ist ja bekannt, dass bestimmte Sportarten auch bestimmte Charaktere anziehen; vielleicht treffen beim Nordic Walking die Griesgrame aufeinander.

Die beiden unhöflichen und mürrischen Damen waren wahrscheinlich längst zuhause, als ich meine Betrachtungen ohne Ergebnis abschloss. Glücklicherweise wurde ich kurz darauf von einem dieser rücksichtslosen und viel zu schnellen Rennradfahrer Triathlon, Triathlet, Radfahrer, Rennrad mit viel zu wenig Abstand überholt, habe mich fürchterlich erschreckt und konnte mich gedanklich einem neuen Thema zuwenden.

18 Oktober 2017

Über den Radfahrer, der mir einen Vogel zeigte und die Unwägbarkeiten eines Einbahnstraßensystems

Mein Heimatstädtchen hat eine liebenswerte Verkehrsführung: Irgendwann wurde eine Hauptzufahrtsstraße zur Fußgängerzone erklärt, und darum wölltert sich der Verkehr seitdem immer um die Innenstadt herum. Ein ausgeklügeltes System von Einbahnstraßen trägt zur Verwirrung ortsunkundiger Fahrer bei und führt bei den Ureinwohnern dazu, dass die mit dem Auto zurückgelegten Strecken ein Vielfaches der Fußwege betragen. Einbahnstrasse, Entscheidungen Aber wer will schon zu Fuß gehen, wenn man sich doch in konzentrischen Kreisen und mittels Verbrennungs- oder Dieselmotor seinem Ziel in der Fußgängerzone nähern kann? Übrigens habe ich erst kürzlich einen Herrn mittleren Alters beobachtet, der seinen SUV vor dem Rathaus abstellte, das Navigationsgerät herausriss und schluchzend darauf herumtrampelte. Was wohl aus ihm geworden sein mag? Aber das ist eine ganz andere Geschichte, die nur der betreffende Herr selbst erzählen könnte.

Auf meinen morgendlichen Fahrten bewege ich mich ebenfalls immer um die Fußgängerzone herum und lege dabei die gleiche Strecke mehrfach zurück. Gestern früh traf ich dabei auf einen etwas verwirrt wirkenden männlichen Menschen auf einem Fahrrad, der wilde, für mich nicht interpretierbare Handzeichen gab, sich aber nicht in die Richtung bewegte, in die er zeigte. Ich machte sicherheitshalber einen großen Bogen um ihn herum. Das quittierte er damit, dass er abrupt am Straßenrand der - befahrbaren - Hauptstraße stehenblieb und mir einen Vogel zeigte.
Ich ließ ihn links liegen und fragte mich, was ich falsch gemacht haben könnte. War ich rücksichtslos ihm gegenüber gewesen? Zu nah an ihm vorbeigefahren?
Eine Viertelstunde später kam ich an der gleichen Stelle erneut vorbei. Der Radfahrer stand immer noch an seinem Platz und hätte den Verkehr behindert, wenn es außer mir schon welchen gegeben hätte.
Ich beruhigte mich und befand, dass eventuelle Gründe für den gezeigten Vogel nicht in meinem Verhalten, sondern in der Person des Radfahrers liegen mussten. Vielleicht war der arme Mensch ortsfremd und hatte sich im Schilderwald Verkehrsschild, Palme, Verkehrszeichen meines Heimatstädtchens hoffnungslos verirrt. Vielleicht wollte er mit der Geste zeigen, was er von der Verkehrsführung rund um die Innenstadt hielt, und ich war zu dieser Uhrzeit die einzige Person, die ihm zusah. Aber vielleicht war auch alles ganz anders, es handelte sich um den Stadtdeppen, der so etwas immer mal wieder tut, und man sollte seinem Tun keine allzu große Bedeutung beimessen.
Ich jedenfalls fuhr weiter, immer im Kreis um die Innenstadt herum. Wem hätte ich auch einen Vogel zeigen sollen? Außer dem Radfahrer war ja noch niemand unterwegs.