28 Juli 2018

Die Geschichte meines ersten Hitzehalbmarathons - ich bin eine Überlebende!

An dieser Stelle wieder der Hinweis, dass die am Laufen nicht Interessierten jetzt etwas anderes unternehmen können. Lesen Sie doch in einem meiner alten Blogs, da stehen auch ein paar lustige Sachen drin! Oder gucken Sie sich in meinem Kreta-Blog ein paar Bilder an. 
Sie können natürlich auch eine lauwarme Dusche nehmen; bei den aktuellen Temperaturen kann man damit überhaupt nichts falsch machen.

Auf dem Thermometer hinter mir steht 33°.
Es fängt alles mit der Hinfahrt an, immer Bad Pyrmont, den dunklen Wolken und dem Gewitter entgegen. Dabei muss ich einmal mehr feststellen, wie großartig es mir doch geht: Ich bin gesund, es ist schon seit fast drei Monaten ununterbrochen Sommer mit griechisch-ägyptischen Verhältnissen, nur ohne Meer, es gibt genug zu essen und zu trinken, und ich wohne schön. Außerdem sitze ich hier in meinem Charles und cruise gemütlich durch die Gegend, ich lebe und atme, meine Gliedmaßen funktionieren und heute ist heute.

Gleich werde ich bei zurzeit immer noch 33° meinen ersten Halbmarathon des Jahres laufen.
Nennen Sie mich bekloppt, beschnaddert oder wieauchimmer - ich freue mich darauf! Außerdem ist das ideales Laufwetter!

Es gewittert. Es blitzt, donnert, stürmt und schüttet, und die Temperatur sinkt auf 18,5°. Ideales Laufwetter! 

Ich nähere mich Bad Pyrmont. Hier regnet es nicht mehr, hat aber angenehme 20° bei ziemlich hoher Luftfeuchtigkeit. Ideales Laufwetter!

Ich parke Charles, hole mir meine Startnummer, trage den geschenkten Sportbeutel ohne PVC wieder zurück zum Auto und begebe mich in den Start-Ziel-Bereich. Noch 10 Minuten. Ich bin aufgeregt. So aufgeregt, dass ich beim ersten Gang zur Toilette meine Startnummer liegenlasse. Ich hole sie wieder und suche die nächste - nicht Startnummer, sondern Toilette. Ist immer so vor Wettkämpfen, aber heute habe ich auch schon ca. vier Liter Wasser intus.

Dann laufe ich ein bisschen hin und her, lockern, Lauf-ABC, was man halt so macht, und sortiere mich mittig im Starterfeld ein. Aus den Lautsprechern singt irgendein deutscher Sänger. Macht nichts.
Dann ist es soweit, und es wird von "10" runtergezählt. Warum höre ich nur mich? Brüllt man in Bad Pyrmont den Countdown nicht mit? Da können die Läufer/innen von den Bilstein-Marathonis aber noch einiges lernen...
Startschuss. Los geht's, durch die gut besetzte Fußgängerzone (schattig), an einem sehr schicken Hotel vorbei, bergauf und durch den so genannten "oberen Kurpark". Glaube ich zumindest. Ist mir aber auch egal. Ich bin völlig begeistert, dass ich hier sein darf, und es kullern direkt ein paar Tränchen. Auch egal. Ich heule gern, wenn ich gerührt bin.
Gefühlt geht es jetzt drei Kilometer nur bergauf, das Feld zieht sich auseinander, und ich hänge mich an eine Dame meines Alters, die mir den Eindruck vermittelt, dass sie weiß, was sie da tut.
Huch, da am Rand sitzt eine ältere Dame im Rollstuhl und hält ihre Hand zum Abklatschen hin. Niemand scheint sie zu beachten, und deswegen mache ich eine Schleife, um ihr den Gefallen zu tun. Immerhin sitzt sie da bei schon wieder steigenden Temperaturen und feuert uns an; da hat sie sich auch einen Klatscher verdient. Den ersten Platz wird mich der kleine Umweg nicht kosten... Wir lächeln uns an, und weiter geht's. Lächeln werde ich heute noch sehr oft.

Ich laufe und freue mich und laufe und freue mich und habe alsbald meine beiden "Horst Meier"* ausgemacht: Zwei junge Damen in bunten, engen Klamotten, die nebeneinander herlaufen und mir nicht sympathisch sind. Sie überholen mich bergauf, ich sie bergab, und am Getränkestand stehen sie mir im Weg herum. Gössel (altes plattdeutsches Schimpfwort für große weiße Vögel)!

Die Getränkestände lasse ich nicht nur wegen der Gössel erst einmal aus; ich bin bestens ausgestattet und kann nicht aus Bechern trinken, ohne mir die Hälfte des Getränks über den Balg zu kippen. Dann lieber der Nuckel an meinen eigenen Trinkfläschchen.

Es geht schon wieder bergauf. Ich gehe auch. Immerhin habe ich gerade mal ein Viertel der Strecke geschafft.

Und so geht es ruff un runner, immer um die beiden Horst Meiers herum - und einen jungen, nicht so ganz schlanken männlichen Menschen mit riesigen weißen Kopfhörern, mit dem ich das Überholspiel auch spiele. Seltsam, ich dachte immer, ich wäre eher die Bergaufläuferin. Ist wohl den schon wieder gestiegenen Temperaturen geschildert.

Die Strecke führt die ganze Zeit durch den Wald, immer mal wieder kann ich einen Blick auf Bad Pyrmont erhaschen, und auf einmal sehe ich ein kleines Schild am Wegesrand, das mir verkündet: "10 km bis zum Ziel!" Mein Garmin behauptet zu diesem Zeitpunkt, ich hätte noch fast 11 km zu rennen, und ich freue mich vorsichtig. 

Die netten Streckenbetreuer haben übrigens an zwei Stellen tragbare Sprinkleranlagen aufgestellt, und ich laufe beide Male mit großer Wonne hindurch. Wären nicht noch Menschen hinter mir, würde ich jetzt einfach eine Weile darunter stehenbleiben. Aber den anderen das Wasser versperren gehört sich nicht. Bin ja kein Horst Meier.

Meine Beine sind schon ganz schön schwer, und mein Bustier scheuert. Jetzt überholt mich eine sehr schlanke Blondine in Pink. Die finde ich auch unsympathisch, einfach weil sie schlank und hübsch und jung ist und überhaupt noch nicht angestrengt aussieht. Pah!

Jetzt kommen die Schilder im Kilometertakt, und vor jeder Steigung denke ich, dass das jetzt aber die letzte sein muss. Eigentlich habe ich auch gar keine Lust mehr, aber der Motivationsfuzzi in meinem iPod singt gerade: "Excuses are not invited to this party! Excuses dont live here anymore!" Okay, laufe ich also weiter. Ich hätte ohnehin keine Ahung, wo ich jetzt bin und wie ich zu meinem Auto komme.

Noch drei Kilometer, es geht bergab, und meine linke Wade krampft. Mistkörper, blöder! Jetzt kann er sich doch wirklich mal zusammenreißen! Die Horst Meiers entschwinden. Mist! Mist! Mist! Ich wollte die doch mit einem elfengleichen Schlussspurt kurz vor dem Ziel abhängen! Mist!

Dann geht es wieder, ich versuche angestrengt, nicht allzu schnell zu laufen, vor allem aber locker zu bleiben. Drei Kilometer sind drei Kilometer und damit noch nicht da. Läuferinnenweisheiten...

Da! Nur noch 1000 Meter! Ich kann schon die breite Promenade sehen! Und wieder ein Krampf. Jetzt muss ich tatsächlich gehen. Wie sieht das denn aus? Nochmal Mist!!! 
Eine Rechtskurve, und es geht durch ein Zuschauerspalier ins Ziel, vielleicht noch dreihundert Meter. Scheiß auf Krampf. Ich renne jetzt. Außerdem steht da ein Fotograf neben dem Zieleinlauf, da will ich nicht so fertig aussehen. Wird aber wohl nicht klappen, denn inzwischen hat es sich wieder auf 30° erwärmt, ich habe kiloweise Waldboden überall, weil die vor mir Laufenden den aufgewirbelt haben; sehr wahrscheinlich mache ich keinen allzu frischgestylten Eindruck... Ich renne und grinse im Kreis und höre, wie der Moderator meinen Namen ruft. Geschafft! Von einer netten Dame bekomme ich eine Medaille
umgehängt und von einer anderen eine Blume in die Hand gedrückt. 
Die Zeit ist mir piepegal. Ich lebe, hatte meistenteils Spaß und gehe jetzt die beiden Horst Meiers töten.
Der untergroße junge Mann beugt sich über einen Kinderwagen und grinst ebenfalls im Kreis. Dem gönne ich's. Den Horst Meiers nicht!

Dann finde ich noch ein freundlich aussehendes Paar, das ich um ein Foto bitte. Nachdem ich dem männlichen Teil versichert habe, dass ich niemals versucht hätte, ihn zu überholen, erteilt er die Erlaubnis.

Und so sehen HHH (Hitzehalbmarathonheldinnen) aus:






















*Horst Meier ist eine Erfindung des Laufpapstes Peter Greif. Das ist der Mensch, den man aus welchen Gründen auch immer zutiefst unsympathisch findet und den es zu schlagen gilt. Also nicht mit der Hand, sondern im Rennen. Es gibt immer einen Horst Meier.

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