27 April 2011

Schreibfaul und weichgespült oder: Habe ich wirklich etwas zu sagen?

Meine herzallerliebste, beste und einzige Freundin fragte mich gestern, ob die Welt es wirklich interessant findet, ob, wo und wie schnell ich laufe.

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit lautet die Antwort: "Nein!", denn es gibt keine nennenswerten Bewegungen meinerseits in Richtung auf irgendwelche für den Rest der Welt uninteressanten Antischrumpellotionen, ich bin keine exzessive Unterwäsche- oder Sektflötenbestellerin, meine Sportklamotten von vor drei Jahren tun es noch, Bücher suche ich bei amazon und kaufe sie beim Fachhändler meines Vertrauens. Facebook finde ich doof. (Mitglied bin ich trotzdem und finde es ungeheuer spannend, wenn mir nahezu unbekannte Personen die von einer weiteren nahezu unbekannten Person gestellte Frage: "Wieviele Burger kann sie essen, bevor sie kotzt?" beantworten.)

Ich will hier meine Befindlichkeiten loswerden. Ich will über Silvana Koch-Merin (oder so) lästern, weil erstens kein Mensch so heißt und sie zweitens der weibliche Guttenberg zu sein scheint, ich will meinen Fingern beim Protokollieren der letzten Gedanken zusehen. Und spannender als Gedaddel bei Game Duell ist es allemal. Für mich jedenfalls.

Und manchmal will ich mich über Vollmond, aufdringliche Kater, neu entdeckte Gefühle, das Leben und den ganzen Rest auslassen. Das brauche ich. Sie nicht!

Ganz davon abgesehen, dass ja niemand zum Lesen gezwungen wurde. Nicht von mir jedenfalls.

19 April 2011

Das Schwein, der Kerl, ein Weichei und ich - Teamwork in Perfektion.

Es ist mal wieder mit mir durchgegangen.
Trotz schmerzhafter Erfahrungen in jüngster Vergangenheit (ich hatte schamhaft verschwiegen, dass ich mir während meines Kurzurlaubs eine Zerrung im Oberschenkel von einem kurzen Zwischensprint am Strand ohne Aufwärmen und fiesen Muskelkater in Armen und Schultern von ein paar Minuten Schaukeln auf dem verwaisten Kinderspielplatz geholt habe.) lugte am Samstag mein inneres Kampfschwein um die Ecke und erklärte: "Komm, Frauchen, bei der Beinpresse kannst Du schon noch ein bisschen draufpacken!" Das habe ich gemacht und dem jungen Herrn, der nach mir das Gerät nutzen wollte, einen verdutzten Blick entlockt, als er Gewicht abbauen musste. (Ich gebe ja zu, dass dies die Momente in meinem Leben sind, in denen Kampfschwein und innerer Kerl sich zu purem Unverstand zusammentun!)
Danach habe ich noch ein paar Laufbandsprints eingelegt. Die Zerrung ist davon nicht besser geworden, und am Sonntag fand ich selbst kurmäßiges Spazierengehen anstrengend.

Gestern nachmittag stand dann "6 - 8 km lockerer Dauerlauf plus 4 Bergsprints" auf meinem Trainingsplan. Meine Beine schrien schon beim Lesen um Hilfe. Ich habe das ignoriert und bin trotzdem losgelaufen.
Nach knapp 500 m beschloss ich, dass Bergsprints nicht sein müssen. Nach einem Kilometer flüsterte mein inneres Weichei, dass eine kleine Runde doch auch in Ordnung sei. Nach zwei Kilometern hat der Rest des Teams zugestimmt (Kampfschwein und innerer Kerl müssen Mittagsschlaf gehalten haben. Oder sie waren noch bewusstlos.) Nach fünf Kilometern habe ich mich mit letzter Kraft die Auffahrt hochgeschleppt, die Klamotten gewechselt und bin zum Sport gefahren.

Heute freue ich mich auf meine Pilates-Stunde und ausgiebiges rückenschonendes Herumliegen im Anschluss.

Und frage mich (wie immer, wenn mir alles wehtut), ob ich völlig bekloppt bin. Mein Kampfschwein schreit "Nein!". Es wird recht haben.

17 April 2011

Entschleunigt

Ich war im Tag. Mittendrin. Habe mit einem puscheligen Kater geflirtet, versucht, ihn zu überschnurren, erfolglos.
Habe an Weißdornsträuchern geschnüffelt und erfahren, dass Schlehen zwar ähnlich aussehen, aber nicht so riechen. Und dass sie am besten nach dem ersten Frost schmecken.
Ich habe ein Butterbrot zum sehr späten Frühstück gegessen.
Ich durfte einer alten Dame dabei zusehen, wie sie Hühner hütet, sehr genau beobachtet von einem anderen Kater. (Der den Eindruck auf mich machte, als hielte er Hühner für einen adäquaten Nachmittagssnack ...)

Es ist Frühling. Alles um mich herum explodiert in Düften und Farben und Fühlen.

Der Moment, in dem sich die Sonne gegen eine Wolke durchsetzt, Wärme auf der Haut, Waldboden unter den Füßen, eine Hand in meiner, alles berührt, und ich bin. Bei mir, mit Dir, mittendrin im Leben.

Und dieses Leben ist ein Geschenk, das ich jeden Tag neu auspacken darf!

03 April 2011

Göttinger Frühjahrsvolkslauf

Mein erster, obwohl ich schon gefühlte 100x angemeldet war; irgendwie war immer Schietwetter, und ich mag nicht bei Schietwetter laufen.
Ich war mit meinem Laufpartner etwas mehr als eine Stunde vor dem Start verabredet; die letzten 4 Jahre hatte ich mich online angemeldet und war aus og. Gründen nicht angetreten, dieses Jahr hatte ich die Anmeldefrist schlicht verpennt.
Im Hausflur wurde ich von einem höchst agilen Zweijährigen begrüßt. Kurz schoss der Gedanke "Der wird mich in 10 Jahren mit einem müden Lächeln überholen!" durch meinen Kopf. Glücklicherweise war der Kleine weniger mit Konkurrenzkampf und mehr mit seiner Plastikschaufel beschäftigt.

Mein Laufpartner war nervös. Ich nicht. Ich wollte laufen. Er nicht, nicht vor dem Startschuss. Trotzdem brauchten wir beide relativ lange, um die Startnummer ordnungsgemäß zu befestigen.

Die Zeit bis zum Start erspare ich Ihnen - es sei denn, Sie wären am Zustand der öffentlichen Toiletten am Stadion bzw. der Schlangen davor in den Katakomben interessiert.

Den Startschuss habe ich nicht gehört; der war für mein akustisches Empfinden viel zu leise. Aber das war auch völlig gleichgültig, die 10-km-LäuferInnen schoben sich zentimeterweise Richtung Startlinie. Was mich schon etwas nervös machte - ich will ja schon loslaufen, sobald es geknallt hat...

Kilometer 1: Der war für's Ego. Ich habe erstmal alles überholt, was zu überholen ging.
Kilometer 2: Immer noch ein bisschen Ego, aber auch schon eine leichte Besorgnis - in diesem Tempo laufe ich keine 10 km!
Kilometer 3: So richtig gut fühle ich mich immer noch nicht. Aber vor mir ist die Hardegser Feuerwehr. Ich hänge mich dran und spekuliere auf den Windschatten. Alles wird gut. Hoffe ich.
Kilometer 4: Der Polizist da rechts neben der Strecke sieht recht knackig aus. Aber er hält Ausschau nach W35. Ich bin W45 und damit völlig jenseits von Gut und Böse, fürchte ich. Ich strecke trotzdem im Vorbeilaufen meinen Bizeps raus. Erfolglos. Der war wahrscheinlich mehr an den Glutaen interessiert...
Kilometer 5: Eine leichte Lustlosigkeit beschleicht mich. Das Doofe an dieser Strecke ist, dass einem die Schnelleren entgegen kommen. Und das bedeutet, dass man genau weiß, dass man ungefähr 5 km langsamer ist als die Schnellen.
Andererseits wäre ich viel schneller, wenn ich nicht aus Rücksicht auf die Gefühle meines Laufpartners (der mich irgendwo bei 4 km überholt hat und sich den Sch... darum schert, wie ich aussehe) meine grünen Kompressionsstrümpfe angezogen hätte. Jetzt renne ich in 08/15-Laufsocken - das kann ja nichts werden!
Kilometer 6: Fein. Mein Garmin Forerunner misst weniger Kilometer; vielleicht hat mein Laufpartner doch Recht damit, dass die Strecke kürzer ist als 10 km.
Ist mir inzwischen aber auch egal. Jetzt fängt es langsam an, Spaß zu machen. Das Wetter ist großartig, und vor mir läuft ein Adonis mit perfektem Glutaeus Maximus. Alles wird gut!
Kilometer 7: Adonis ist mir zu langsam. Ich ziehe vorbei und hefte mich an die Fersen eines Altersgenossen mit ordnungsgemäßen schwarzen Kompressionsstrümpfen.
Meinen Laufpartner habe ich nicht mehr gesehen, seit er am Wendepunkt kurz abgeklatscht hat. ELENDER VERRÄTER!!! Er hätte gar nicht gemerkt, dass ich meine Kompressionsstrümpfe angezogen habe!
Kilometer 8: Mein iPod sagt, dass ich mal kurz rennen muss und beweist mir das mit "Eye of the Tiger". Ich renne. Kurz. Schnaufe länger, als ich gerannt bin. Aber ich bin nicht die Einzige.
Kilometer 9: Jetzt hätte ich ja schon gern fertig. Aber ich muss noch einen. Und ich muss mir irgendwie die Zeit vernünftig einteilen, damit es noch für einen Endspurt reicht.
In meinem Ohr brüllt Eminem. Falscher Takt. Den hätte ich bei Kilometer 6 gebraucht!
Kilometer 10: Aber jetzt. "Rocky. Gonna Fly Now." Ich renne los wie der Teufel, lasse den Altergenossen samt Kompressionsstrümpfen hinter mir. Noch ca. 500 m. bis zum Ziel. Ich überhole zwei Hardegser Feuerwehrmänner. Zu früh. Sie überholen zurück. Doof.
Egal. Mein Spurt ins Stadion war absolut sehenswert, finde ich. Und es hat mich außer den Hardegser Feuerwehrmännern keiner mehr überholt.
Ziel: Boah. Fertig. Mein Garmin Forerunner sagt 00:51:21. Die spätere Auswertung faselt irgendwas von 00:52:Wasauchimmer. Was gelogen ist!

Mein Gefühl: Ich war schnell. Irre schnell. Ich habe Rücken. Ich habe 4 kg Übergewicht. Viel zu wenig trainiert. Ich bin in einem Alter, von dem die beiden wichtigen Menschen in meinem Leben behaupten, man solle sich etwas zurückhalten bzw. "altersgemäß" verhalten.

Meine 88-jährige Mutter allerdings sagte: "Renn!" Das habe ich gemacht.

Manchmal sollte man tun, was Mutti sagt. Mit Glück gibt es zur Belohnung Kaffee und Kekse.

"Aufschwung kommt ganz oben an"

titelt die heutige Online-Ausgabe der Welt am Sonntag.

Und schreibt weiter:
(...) Warum wer wie viel verdient, ist allerdings auch auf den zweiten Blick schwer erkennbar. Verschwiegenheit und komplizierte gesetzliche Vorgaben sorgen dafür, dass selbst Experten oft nur unter Mühen nachvollziehen können, wie viel die Dax-Chefs erhalten. Was die Chefs mit nach Hause nehmen, bemisst sich an komplizierten Finanzkennzahlen. Beispielsweise sind zunehmend auch die langfristigen Aussichten der Unternehmen entscheidend dafür, was die Männer an der Spitze verdienen. (...)
Na, da haben es die ALG-II-EmpfängerInnen doch deutlich leichter! Da wird jeder Cent Zusatzverdienst angerechnet, und wenn es einmal eine Erhöhung gibt (für die übrigens deutlich länger unter den politischen Entscheidungsträgern gestritten wurde als für den Banken-Rettungs-Fond), beläuft die sich auf übersichtliche 5 € pro Nase und Monat.

Aber ernsthaft: Nach all diesem Gerede über die Erhöhung des ALG-II-Regelsatzes, einer 1%igen Rentenerhöhung, nahezu unverschämten Forderungen der Lokführergewerkschaft und Herrn Ackermanns Absturz im Bestverdienendenranking auf Platz 6 war ich schon ernsthaft in Sorge, dass die Damen und Herren Vorstände möglicherweise gerade ihre Zähne in die Tischkante schlagen müssen, während ich mir von meiner letzten Gehaltserhöhung eine geräucherte Bio-Forelle zum zweiten Frühstück genehmige.
Jetzt ist alles wieder gut! Glücklicherweise ist das Wahlvolk ja mit dem ängstlichen Beobachten von Fukushima, dem Horten von Jodtabletten und der Eröffnung der Grillsaison zu beschäftigt, um sich mit Gehältern in schwindelerregender Höhe auseinander zu setzen.
Verstehen Sie mich nicht falsch; ich bin nicht neidisch - nur ein wenig irritiert ob der Tatsache, dass ab einer gewissen Gehaltshöhe kapitale Fehler nicht mit einem Rauswurf, sondern staatlicher Unterstützung plus anschließender Rückkehr zur Tagesordnung honoriert werden.

Und ich kenne ein paar Menschen, die sich das Buch "Kochen mit Hartz IV" gekauft haben, um die 4,20 €, die staatlicherseits pro Tag für Lebensmittel zugewiesen wurden, sinnvoll einzusetzen und sich fragen, wann der Aufschwung am anderen Ende der Skala ankommt.