10 Mai 2007

Regengedanken

Es hat nicht die ganze Zeit geregnet. Ich bin trotzdem für jeden Tropfen dankbar, auch wenn ich keinen landwirtschaftlichen Betrieb führe und demzufolge auch nicht um meine Erträge fürchten muss.

Der prasselnde Regen mit dazugehörigen eher niedrigen Temperaturen enthebt mich der Entscheidung, ob ich lieber meine freie Zeit draussen oder am Schreibtisch verbringe. Und er verlangt von mir keine gute Laune. Regen zieht die Mundwinkel nach unten, und das ist gut so! Manchmal müssen und dürfen sie dort sein; ich kann ja jederzeit die freie Entscheidung treffen, meine ca. 360 Gesichtsmuskeln anzuspannen und damit ein neues Lächeln in mein Gesicht zu holen. Aber hier, allein an meinem Schreibtisch, den Blick aus dem Dachfenster auf Grau, Regen und verschwommene Konturen gerichtet, darf ich meine Gesichtszüge da lassen, wo sie sind. So eine kleine Donnerstagsdepression fördert die Kreativität, gibt Gedanken über das Leben, das Selbst und den ganzen Rest den nötigen Raum und nimmt ihnen diese zwanghaft positive "Alles-wird-gut-"Richtung. Vieles wird gut. Vieles ist es schon. Vieles ist sogar wunderschön und warm. Einiges ist traurig, anstrengend und schwer.

Immer wieder an Grenzen zu stossen, die überwunden zu sein schienen, ist schwer. Türen zu öffnen zu neuen Räumen, die ganz offensichtlich mit einem alten Bauernschrank verrammelt sind, ist ungeheuer anstrengend, ganz besonders dann, wenn einige aufmüpfige Persönlichkeitsanteile sich aus dem Körper gelöst und auf die andere Seite der Tür begeben haben, um zusammen mit dem Bauernschrank dagegenzuhalten. Mitzuerleben wie ein geliebter Mensch nach und nach seinen Lebensmut, die Gesundheit und die Lebensqualität einbüßt, ist sehr, sehr traurig. Sich gefangen zu fühlen in einem Hamsterrad aus Verpflichtungen, Terminen und Aufgaben ist anstrengend. Die Insel nicht sehen zu dürfen für eine möglicherweise lange Zeit, ist fast unaushaltbar traurig. Nicht die Hand ausstrecken zu können, um ein Gesicht zu streicheln oder eine andere Hand zu halten, weil beide, Gesicht und Hand einfach zu weit weg sind, ist schwer. Festzustellen, dass das eigene Wohlgefühl manchmal von einem Blick abhängig ist, ist sch... Zuviel Nähe zu Menschen, denen eigentlich ein eher professionelles Interesse gelten sollte, ist kontraproduktiv. Aber: Einem Gedankenfluss seinen Lauf zu lassen, ihm dabei zuzusehen, wie er zum Strom wird, immer neue Gedanken an seine Ufer spült und die Landschaft, die ihn umgibt, neu gestaltet, ist befreiend.

Regen ist schön. Regen macht die Welt dunkel und klein und pitschnass. Regen macht schöne Geräusche. Regen riecht gut. Regen läßt mich an einen im Bett verbrachten Tag denken - und den heutigen dann doch mit einem Lächeln und einem sehr warmen Gefühl im Bauch beginnen. Der Kopf darf derweil weiter Depressionen pflegen; schließlich wollen noch viele traurige Geschichten ohne Happy-End von mir geschrieben werden.

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